„Obwohl Sofortheit und Echtzeit in den sozialen Medien so allgegenwärtig scheinen, lässt sich eine Abkehr von Instantmedien beobachten: Die klassische synchrone Sofortkommunikation Telefonat etwa wird unwichtiger. Stattdessen sind chatartige Kommunikationsformen nach vorn gerückt. Das zentrale Merkmal des Chats ist, dass man sowohl synchron kommunizieren kann wie auch asynchron. Wann man auf eine Nachricht reagiert, ist frei verschiebbar, von unmittelbar sofort bis zum Tag der BERöffnung.“
Die oft kritisierte Beschleunigung, die Informationsflut, die damit einhergehende Ungeduld, die digitale Hektik, die gesamte Netzkultur der Sofortness, sei als Angebot und nicht als Verpflichtung zu betrachten.
„Das aus Sicht der Merkelartigen etwas verstörende Alles,Immer, Sofort bedeutet nicht Reizüberflutung in Echtzeit rund um die Uhr. Sondern nur die jederzeitige Möglichkeit dazu. In der Zwischenzeit kann man rumliegen und das blitzschnelle Twitter Twitter sein lassen. Echtzeit entpuppt sich als leicht irreführender Begriff, zum besseren Verständnis müsste es Wunschzeit heißen.“
Bei der synchronen Sofortkommunkation habe ich diese Wahlfreiheit nicht. Deshalb nerven ja auch Telefonate. Die Erwartungshaltung des Anrufers ist die sofortige Reaktion des Angerufenen. Versucht jemand mich auf dem Festnetz anzurufen und ich gehe nicht ran, weil ich gerade schreibe oder recherchiere oder mich aufs Ohr gelegt habe, ertönt danach sofort ein Anruf auf meinem Mobilfunkgerät. Ignoriere ich auch diesen Anruf, bleibt als nervende Mahnung dann noch eine hektische Ansage auf dem Anrufbeantworter übrig. Manchmal sogar doppelt. Das Telefon ist ein hektisches Unterbrecher-Medium – im Gegensatz zum Social Web.
Das gilt übrigens auch für die Unternehmenskommunikation.
„Im Social Web wird in einer breiteren Forumsform diskutiert. Es gibt kaum noch ein Interesse an einer Punkt-zu-Punkt-Kommunikation. Die asynchrone Kommunikation dominiert“, sagt Genesys-Manager Heinrich Welter.
Tradierte Hersteller und auch Hotline-Anbieter würden die Signale noch nicht richtig deuten. Das dürfte sich irgendwann rächen.
„Dabei sorgt die asynchrone Kommunikation für eine Entlastung der Service-Center. Agenten könnten parallel unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, was über das Telefon nicht möglich ist. Auch die Qualität der Beratung steigert sich enorm. Auskünfte über Twitter sind fundierter, weil niemand eine Reaktion in Echtzeit erwartet. Durch den kleinen Zeitvorteil kann man viel besser auf die Ressourcen im Wissensmanagement zurückgreifen und personalisierte Auskünfte erteilen“, so die Erfahrung von Welter.
Ein asynchroner Nutzen entsteht auch beim Einsatz von Live-Übertragungen ins Internet über Dienste wie Hangout On Air:
„Im Unterschied zu einer profanen Videokonferenz liegen die Live-Hangouts als Youtube-Aufzeichnungen vor. Sie bieten unendliche Möglichkeiten der Zweitverwertung via Slideshare, Youtube, Blogs, Xing, Twitter und Co“, sagt Bloggercamp-Mitorganisator Hannes Schleeh.
Wie kann man ein Buch verflüssigen, wenn es in konventionellen Maßstäben erscheint? In einer gedruckten Form braucht man gar nicht darüber nachdenken. Und als eBook?
Bei unserem Crowdfunding-Projekt über die „Streaming Revolution – Ein flüssiges (da dachte ich wieder zu sehr an Gerstensaft) fließendes Buch über und mit Hangout on Air“ war uns von vornherein klar, dass wir die ausgetretenen Pfade von Buchpublikationen verlassen müssen. Finanzierung selber über Netzwerkeffekte auf die Beine stellen. Ohne Restriktionen eines Verlages operieren. Keine knebelnde Autorenverträge akzeptieren. Nicht mit irgendwelchen schwerfälligen Vertriebsstrukturen arbeiten. Keine 08/15-Empfehlungen von Lektoren einholen. Zur Republica Anfang Mai in Berlin die erste Version veröffentlichen und dann weiter an dem Projekt arbeiten. Es gibt zwar einen Anfang, aber kein richtiges Ende bei unserem Schaffensprozess.
In der Steuerung des „Buches“ neue Wege gehen. Videos einbauen, andere Navigationsmöglichkeiten einräumen, Suchfunktionen ermöglichen, das Teilen nicht nur auf kleine Markierungen reduzieren und, und, und. Nicht abhängig sein von eBook-Readern, die technisch begrenzte Fähigkeiten aufweisen. Das alles diskutierten Hannes Schleeh und ich mit Michael Dreusicke, Gründer und Geschäftsführer von PAUX Technologies, um unsere nächste Bloggercamp-Schreibwerkstatt am Mittwoch, um 18,30 Uhr vorzubereiten. Ich freu mich schon auf das Gespräch mit Michael.
In unserem Projekt brauchen wir uns nicht an Konventionen halten. Wir können alles neu denken. Fucking neu! Eine Art Un-Buch oder Nicht-Buch, wo es doch auch schon Unkonferenzen und ähnliches gibt. Wenn wir Live-Videos als Rechercheinstrument einsetzen, sollten auch bewegte Bilder in unserem Streaming-Opus im Vordergrund stehen. Wir könnten sogar erklärende Texte über unsere Schreibwerkstätten ins Un-Buch hineinlesen – egal, wo wir gehen und stehen. Auf der Zugspitze oder in der Kneipe.
„Video ermöglicht eine persönlichere Kommunikation, als es das geschriebene Wort jemals bieten kann. Und anders als beim geschriebenen Wort, benötigt Video keine Vorbildung, keinen Duden und keine Schönschrift. Video ist keine Abbild, sondern ein echter Einblick in unser Leben. Video ist gelebte Kulturtechnik“, so Markus Hündgen (@videopunk) in einem Beitrag für die aktuelle Wired-Ausgabe.
Und Hangout on Air ist die technische Revolution für Jedermann-TV – wo doch das klassische Fernsehen die letzte Bastion der massenmedialen Gatekeeper ist – häufig eine Ansammlung von eitlen Selbstdarstellern.
Was bewirkt die Graswurzel-Talkultur? Wird auch das Fernsehen Opfer der zerstörerischen Kraft des Digitalen? Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des “Second Screen” gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter “Wetten, dass” mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In dieser Wundertüte steckt vielleicht mehr drin. Das sollten wir in der Schreibwerkstatt mit dem Berliner Professor Ralf T. Kreutzer, Co-Autor des Buches „Digitaler Darwinismus“ vertiefen.
Man hört und sieht sich vielleicht am Mittwoch bei der Bloggercamp-Schreibwerkstatt.
Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit: Die Popularität dieser Dienste führt auch zu einer stärkeren Nachfrage nach technischen Lösungen, die speziell auf Unternehmen zugeschnitten sind. Davon ist Produktmanager Johannes Nowak vom ITK-Spezialisten Aastra überzeugt:
„Vor allem die Erfahrungen aus der privaten Nutzung übertragen sich auf die Wirtschaftswelt.“
Und das gilt auch für Streaming-Dienste wie Hangout on Air. Das war zumindest der Tenor von Gesprächen, die Hannes Schleeh und ich auf der Cebit geführt haben.
„Sascha Stoltenow hat das am Webciety-Stand sehr schön auf eine griffige Formel gebracht: ‚Was macht Ihr Messestand eigentlich Nachts?’ Oder anders formuliert. Welche Formate biete ich, um auch mit Abwesenden zu kommunizieren. Egal, ob es sich um Messen, Konferenzen oder Kundenveranstaltungen dreht. Hier bewährt sich Echtzeitkommunikation über Streaming-Dienste, die Aufzeichnungen ermöglichen, um auch nach einer Live-Übertragung im Netz präsent zu sein“, sagt mein Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh.
Es reicht eben nicht aus, ein Feuerwerk am Messestand abzufackeln und eine Menge Geld auszugeben, ohne die Möglichkeiten der Interaktion auszuschöpfen. Oder in den Worten von Mercedes Bunz. Man muss das Verfallsdatum Informationen verlängern und sollte dabei auf die Aufmerksamkeitslogik des Netzes achten. Virale Kommunikation über Hangout on Air bietet die Chance, Inhalte immer wieder zu reproduzieren, zu wiederholen und kommentierbar zu machen.
Erich Auerbach hat dazu ein feines Buch geschrieben unter dem Titel „Mimesis“. Es geht um das Nachahmen und Reproduzieren der Realität. Allerdings muss jeder Sender auch Empfänger von Botschaften sein und dafür sorgen, in den Dialog mit der Netzöffentlichkeit zu kommen. So können Unterstützer und Leser unseres Streaming-Buches auch Teil des Schaffensprozesses werden und aktiv in den Schreibwerkstätten mitmischen, die wir jede Woche live übertragen.
Das werden wir in Kürze mit Sascha Stoltenow in einer der nächsten Bloggercamp-Werkstätten für unser Buchprojekt „Die Streaming Revolution“ vertiefen.
Wer im Netz anfängt, Liveübertragungen via Hangout On Air oder vergleichbare Plattformen laufen zu lassen, steht mit einem Bein im Knast oder könnte zumindest ein deftiges Ordnungswidrigkeiten-Verfahren mit Geldstrafen von bis zu 500.000 Euro kassieren.
Der Rundfunkstaatsvertrag ist ein Relikt aus den Zeiten von „Dalli Dalli“ und „Einer wird gewinnen“:
„Rundfunk im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages ist ein linearer Informationsdienst, der für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmt ist und die Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen zum Inhalt hat. Private Veranstalter bedürfen zur Veranstaltung von Rundfunk einer Zulassung, §20 Abs. 1 Satz 1 RStV. Bundesweite Fernsehangebote bedürfen der medienrechtlichen Prüfung durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) sowie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Für die Prüfung eines bundesweiten Zulassungsantrages rechnen Sie bitte mit einem zeitlichen Aufwand von zwei bis drei Monaten (!) bis zur abschließenden gebührenpflichtigen Genehmigungserteilung.“
Verstöße gegen dieses prächtige Regelwerk der Echtzeitkommunikation können mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro geahndet werden.
Foto von Hannes Schleeh
Ein echtes Innovationshindernis. Gleiches gilt generell für Politik und Wirtschaft, die die digitale Transformation blockieren:
Die Netzbetreiber erhoffen sich hohe Umsätze aus der digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft. Sprachtelefonie ist ein Auslaufmodell und beim Datengeschäft schneiden die Content-Anbieter den größten Teil des Kuchens ab. Sie sind Gefangene ihrer Flatrate-Preispolitik und wollen endlich am Bit-Geschäft partizipieren. Doch diese Hoffnungen könnten sich als Blütenträume erweisen – zumindest in Deutschland. Die Wirtschaft ist seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Sie suhlt sich in ihren Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Auf Facebook oder Google marschiert man wegen des guten Tons und intern wird auf den Einsatz von Social Web-Werkzeugen wenig wert gelegt. Es könnte ja die hierarchische Statik der eigenen Organisation ins Wanken geraten:
Digitale Schockstarre
„Die meisten warten ab. Das hemmt das Neue beträchtlich und verzögert den Übergang so sehr, dass man in gewisser Weise annehmen kann, es werde gar keinen geben“, moniert der Publizist Professor Gunter Dueck. Es dominiert die unverkennbare Unlust. Die Verlage haben keine Lust auf eBooks und kapitulieren in Schockstarre vor Amazon, das Fernsehen hat keine Lust, sich mit den nebenbei im Kleinen betriebenen Internetkanälen herumzuschlagen. Banken ergötzen sich an jeder Filiale, die noch offen ist. Die schrumpfenden Tageszeitungen wollen nicht so richtig wahrnehmen, warum sie nur noch halb so dick sind, weil Anzeigen der Sparten Immobilien, Kontakte, Stellenangebote oder gebrauchte Autos auf Portale im Netz und in Smartphone-Apps abwandern. „Die Unlust ist so sehr spürbar, dass man auch von Abwarten sprechen kann, dessen schlechtes Begleitgewissen durch halbherzige Versuche gemildert wird“, so Dueck.
Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projekte erfolgreich auf den Weg – Bund Online dürfte noch als vage Erinnerung abrufbar sein. Stichwort: Die digitale Kompetenz der Bundesregierung – Placebo-Lutschpastillen.
Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab, warnt Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company.
Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft. Fast alle Branchen seien sogar unterdigitalisiert.
„Wir fallen sogar zurück. Es gibt in Deutschland eine gewisse Technologiefeindlichkeit, auch in Unternehmen. In Nordeuropa gibt es beispielsweise eine viel höhere Affinität zu neuen Technologien“, sagt Friedrich mit Blick auf die nächste Woche startende Mobile World in Barcelona.
Staatliche Impotenz
Als Bremsklotz erweise sich auch das regulatorische Umfeld. In Nordeuropa gebe es eine Gesetzgebung, die die Unternehmen verpflichtet, hohe Bandbreiten für schnelles Internet überall anzubieten und zwar für jedes Gebäude. Auch die Nachfragestimulation des Staates liege bei uns im Argen.
„Es gibt weltweit sehr viele eGovernment-Projekte, die die Nachfrage für digitale Dienste anregt. Nicht so in Deutschland“, bemängelt Friedrich.
Da bekommen die liebewertesten Gichtlinge des Staates schon Pickel beim Gedanken, Like-Buttons auf ihrer Webpräsenz zuzulassen.
“Nicht mal ein Drittel der Deutschen bekommen Internet, das schneller als 10 Megabit ist. Das Wachstum der Internet-Zugänge liegt unter einem Prozent”, so Banse.
Er bezieht sich auf den Monitoring Report “Digitale Wirtschaft 2012″ des Wirtschaftsministeriums, der sich eher wie eine Krankenakte liest. Eine Bemerkung, die Banse im c’t-Online-Talk von Deutschlandradio Wissen machte.
Deutschland sei auf diesem Feld international nicht konkurrenzfähig. Ähnlich sieht es auch bei der nächsten Generation des schnellen Internets aus: Glasfaser. Merkel spricht ja so gerne von der Gigabit-Gesellschaft.
“Das ist nur mit Glasfaser möglich. Nur 0,6 Prozent der Internetzugänge bestehen aus Glasfaser. In Japan sind es über 62 Prozent”, erläutert Banse.
Die Politik verhalte sich pragmatisch und wartet auf den Druck von außen, sagte bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk in der Bloggercamp-Sendung über die „Krankenakte digitale Wirtschaft“:
„Und der ist viel zu gering.“
Handwerk und Mittelstand wissen schlicht nicht, was sie mit digitaler Technologie anfangen sollten. Über Firmen-Wikis oder die Ausstattung der Außendienstmitarbeiter mit Tablet-Computern werde gar nicht nachgedacht.
„Und die Konzerne schnüren sich in einer übervorsichtigen IT-Hauspolitik ein und sperren moderne Social Web-Werkzeuge aus.“
Die Honigtopf-Innovationen
Etwas aktiver sind Staat und Wirtschaft beim Fördergeldwellen-Surfen. Da gibt es einen Überbietungswettkampf an digitalen Innovationen – für die Kulisse.
„Die Forschungsinstitutionen des Staates und der Wirtschaft pervertieren diese Maßnahmen, indem sie dadurch Geld verdienen, dass sie die Fördertöpfe unter sich aufteilen! Sie müssen gar keine Innovationen hervorbringen! Sie bewerben sich mit ihren Ideen einfach um die Fördergelder für die Umsetzung genialer Ideen und forschen mit diesen Geldern irgendwie weiter. Wenn dann die Finanzkontrolleure nach den aus Innovationen verdienten Geldern fragen, weisen sie die Einnahmen aus den Fördertöpfen vor. Ja, tatsächlich, sie haben es geschafft, aus ihren Ideen Geld zu machen“, schreibt Dueck in seinem neuen Buch „Das Neue und seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“.
Studien, Publikationen, Impact-Points, Leuchtturmprojekte, Politiker-Pressetermine und einen ordentlichen Bonus für den spezialisierten Fördertopf-Innovationsmanager. Sobald die Förderung aufhört und die Mittel versiegen, marschieren die Winnie Puuhs des digitalen Wandels zum nächsten Honigtopf. Die gestoppten Projekte werden durch neue ersetzt, die wiederum neu gefördert und jährlich auf IT-Gipfeln der staunenden Öffentlichkeit als Theaterstück präsentiert werden.
Sollten Leser an der innovativen Fördergeld-Kreislaufwirtschaft zweifeln, empfiehlt Gunter Dueck eine Suchanfrage mit den Stichworten „Theseus“, „Galileo“ und „Ariane“. Oder schlicht: „Fördermittel verpulvern“.
Dirk von Gehlen will mit seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ aufzeigen, wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert:
„Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich. Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software – zumindest sollten wir sie, um die veränderten Bedingungen im Digitalen verstehen und nutzen zu können, wie Software denken. Wir sollten den Begriff der Version dem des singulären Original-Werkstücks entgegenstellen. Denn im Digitalen gilt, darauf weist Felix Stalder in seinem lesenswerten Text ‚Who’s afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft“ hin: Jede Werkbearbeitung schafft ein neues Werk, ohne das bestehende auszulöschen'“, schreibt Gehlen im Vorwort seines neuen Opus.
Es gehe nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde.
„Ein Film, ein Song, ein Text und alle digitalisierten Werkstücke werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat“, so die Überzeugung des Buchautors, der mich als Unterstützer seines Werkes jede Woche über den Fortgang seines Projektes informiert.
Im Digitalen gibt es keine Abgeschlossenheit und keine Unveränderlichkeit. Wir stehen in einer andauernden Konversation. Texte, Videos und Audios werden im Netz dokumentiert, sie werden verbreitet und weitergenutzt, sie regen zum Dialog an und wir können sie überarbeiten, fortschreiben und diskutieren.
Finanziert wird das Gehlen-Buch über die Crowdfunding-Plattform Startnext. Und genau an dieser Stelle sind wir auf einer neuen Stufe der Kultur der Beteiligung, die das Internet möglich macht. Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht, meint Gehlen. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei.
Das ist weitaus schwieriger, als im Verborgenen irgendetwas auszubrüten und es dann mit großem Marketing-Geschrei unter die Leute zu bringen.
Man erlebt dabei immer mehr Menschen, die ohne Zwang, ohne Abo-Modelle, ohne Zahlungsschranken und ohne Schutzgesetze bereit sind, freiwillig für Start-ups, Kunst, Kultur oder Journalismus zu bezahlen. Sie widerlegen damit die Dauerschwätzer des Establishments, die nach staatlichen Hilfen schreien, um nicht durch die vermeintliche Kostenlos-Mentalität der Netzbewohner in den Abgrund gestürzt zu werden.
Die liebwertesten Lobby-Gichtlinge verrichten dafür das Tagwerk der Mächtigen in den Hinterzimmern der Berliner Republik – wie bei der brachialen Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes. Sozusagen die gesetzliche Variante von Viagra, um altersschwachen Medien-Konglomeraten wieder Potenz zu verschaffen. An der Crowd reden sie dabei vorbei.
Um die Kultur der Beteiligung noch direkter, noch sichtbarer, noch echtzeitiger zu machen, starten mein Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh und ich das Startnext-Projekt „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout on Air“.
Es erscheint als eBook und bricht die Beschränkungen eine gedruckten Buches weiter auf. Über die Crowdfunding-Plattform bekommen unsere Unterstützer und Sponsoren nicht nur Möglichkeiten zur Beteiligung, sie werden Teil des Buches über die wöchentliche Bloggercamp-Werststatt, die wir live ins Netz übertragen.
Wir suchen nicht nur die Interaktion, wir wollen mit dem fließenden Buch neue Projekte der Graswurzel-Kommunikation via Hangout on Air anstoßen, die wiederum Bestandteil des eBooks werden. Die erste Version soll zur republica Anfang Mai fertig sein und in Berlin vorgestellt werden. Warum Streaming-Revolution? Weil wir davon überzeugt sind, dass die Kommunikation auf Augenhöhe mit der Netzöffentlichkeit die Kultur der Beteiligung weiter stärkt. Der Google-Dienst Hangout on Air bietet ja nicht nur Vorteil in der einfachen Bedienung, in der sofortigen Verfügbarkeit, Aufzeichnung und Archivierung über Youtube. Die Technologie steigert die Netzwerkeffekte von synchroner und asynchroner Kommunkation über zusätzliche Verbreitungs- und Diskussionskanäle.
Während Fernsehsender unter dem Buzzword „Social-TV“ um die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Rechner buhlen, „nehmen die Online-Formate die Interaktionen im besten Fall gleich mit. Es braucht kein Neunziger-Jahre-Call-In-Verfahren wie bei Raab, um die Stimmung der Zuschauer einzufangen, kein verkrampftes Suchen von Kommentaren und Tweets, die anschließend eingeblendet oder vorgelesen werden, ohne wirklich darauf einzugehen. Online-Talkshows sind in dieser Hinsicht flexibler als ihre TV-Pendants, die Diskussionskultur ist direkter, ungezwungener, eine spontane Zuschaltung von Gästen ebenso möglich wie die Änderung des Programms, wenn es zu einem Thema doch einmal mehr zu sagen gibt“, schreibt Zeit Online.
Update:
Hier unsere Bloggercamp-Sondersendung zur Social Media Week in Hamburg. Die erste Session unserer Schreibwerkstatt für die Entstehung des Buches „Die Streaming-Revolution“.
Und hier ein Hangout on Air von Andreas Prokop, der live über unseren Live-Hangout berichtete 🙂
Die Netzbetreiber erhoffen sich hohe Umsätze aus der digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft. Doch diese Hoffnungen könnten sich als Blütenträume erweisen. Die Wirtschaft ist seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Sie suhlt sich in ihren Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik (als jährlicher Höhepunkt sichtbar auf dem Altherren-IT-Gipfel) und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projkte erfolgreich auf den Weg (Bund Online als Stichwort: Die digitale Kompetenz der Bundesregierung – Placebo-Lutschpastillen). Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab, wie Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company konstatiert. Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft.
Morgen geht es in meiner The European-Kolumne natürlich auch um das Thema „Lustlos im Netz“. Anregungen, Kommentare, Meinungen, Studien kann ich heute noch so bis 16 Uhr verarbeiten. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe zu unseren beiden Sendungen #bloggercamp
Über den schleppenden Breitbandausbau, über die Lustlosigkeit der TK-Konzerne bei Investitionen in eine moderne Infrastruktur und über die Lippenbekenntnisse der Politik auf dem IT-Altherren-Gipfel, denen keine Taten folgen.
„Wir geben uns keine Mühe, um an der Spitze dabei zu sein. Die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hat in Deutschland keinen hohen Stellenwert. Bei der Politik erstaunt mich das nicht. Aber die Industrie müsste doch stärker auf den Putz hauen“, kritisierte Schwenk.
Es gebe keinen Masterplan für die vernetzte Ökonomie, weil das von der Wirtschaft nicht nachdrücklich gefordert wird. Die Spitzenverbände würden sich lieber auf ihren Lorbeeren ausruhen, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten als Industrienation erarbeitet haben. Das könnte sich in den nächsten Jahren rächen.
„Die Politik verhält sich pragmatisch und wartet auf den Druck von außen. Und der ist viel zu gering“, so Schwenk. Handwerk und Mittelstand wissen schlicht nicht, was sie mit digitaler Technologie anfangen sollten. Über Firmen-Wikis oder die Ausstattung der Außendienstmitarbeiter mit Tablet-Computern werde gar nicht nachgedacht. „Und die Konzerne schnüren sich in einer übervorsichtigen IT-Hauspolitik ein und sperren moderne Social Web-Werkzeuge aus“, sagte Schwenk in der Bloggercamp-Runde.
An der Abwanderung der High Potentials nach Kalifornien, Shanghai oder Tel Aviv sei aber mittlerweile erkennbar, dass wir in Deutschland als Hightech-Standort zurückfallen, bemerkte Hangout On Air-Operator Hannes Schleeh.
Um 12 Uhr starten wir unsere Schreibwerkstatt für das Buch „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout On Air“.
In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin The European geht ich noch ausführlicher auf die digitale Lustlosigkeit mit einem kleinen Exkurs zum neuen Buch von Gunter Dueck ein: „Das Neue uns seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“.
Bis Dienstag so gegen 14 Uhr könnte ich noch Statements verarbeiten und auch noch Interviews führen. Am liebsten über Hangout On Air.
Dann schnell noch melden, wer etwas zum digitalen Status und zu den Zukunftsaussichten der vernetzten Ökonomie in Deutschland sagen möchte.
Jetzt fahre ich erst mal zum Düsseldorfer Pressegespräch von Booz & Co., bei dem es traditionell eine Vorschau zur Mobile World in Barcelona. Breitband spielt da natürlich auch eine Rolle.
Dank des Faltreflektors und einer speziellen Software von Hannes Schleeh konnten wir uns gestern in die Hangout On Air-Session des amerikanischen Präsidenten ins Weiße Haus einschalten. Das Live-Gespräch von Barack Obama mit Bürgerinnen und Bürger zeigt eindrucksvoll, was mit der Graswurzel-Kommunikation des Google-Dienstes so alles praktiziert werden kann. Wir werden dieses Beispiel natürlich in unser fließendes Buch „Die Streaming-Revolution“ aufnehmen – nächste Woche ist ja in der Social Media Week der offizielle Start des Buchprojektes.
Nach unseren Erkenntnisse hat sich Google für die Übertragung aus dem Weißen Haus technologisch so richtig ins Zeug gelegt. Alle Teilnehmer waren mit dem gleichen Funkmikrofon ausgestattet, jeder beteiligte Haushalt wurde wohl von einem Google-Techniker betreut und alle Gäste des Präsidenten-Talks wurden perfekt ins Licht gerückt. Im Präsidentenzimmer ist darüber hinaus mit mindestens zwei Kameras gearbeitet worden. Im normalen Hangout On Air-Modus kann man nur eine einzige Kamera aktivieren. Da muss dann schon eine Anwendung wie BoinxTV zum Zuge kommen, die von Hannes bevorzugt wird.
Wir werden mal bei Google nachfragen, was denn beim Obama-Hangout an TV-Technologie aufgefahren wurde.
Unabhängig von der Sonderbehandlung, die der Präsident erfuhr, ist es für jede Organisation, für jedes Unternehmen, für jeden Verlag und für jeden politischen Entscheider möglich, mit der Netzöffentlichkeit live, auf Augenhöhe, unverfälscht sowie ohne Sprachregelungen, ohne Netz und doppelten Boden ins Gespräch zu kommen.
adidas hat das mit Poldi, Schweini und Co. vor dem Arsenal-Bayern-Spiel leider ohne Fußballfans und in sehr schlechter Übertragungsqualität gemacht. Es war trotzdem recht witzig.
Hangouts Office Hours von Google ist ein Format, in dem regelmäßig Verbesserungsmöglichkeiten für Google+ mit den Nutzern erörtert werden.
Man benötigt allerdings den Mut zum Kontrollverlust. Durch die Liveübertragung, die wenig später als Aufzeichnung dauerhaft auf Youtube vorliegt, kann keine Schönfärberei betrieben werden. Angst vor Trollerei braucht man aber nicht haben. Die Dialoge laufen fast immer höflich und niveauvoll ab – auch wenn man sich in der Sache streitet. Entsprechend niveauvoll lief der Dialog auch mit der ZDF-Sportredaktion ab. Anders sieht es mit den Leserkommentaren aus. Ein richtiger Dialog findet nicht statt – das Ganze ist reaktiv.
Zeit Online hat das mal ausgewertet und Typologien von Leserkommentaren aufgestellt:
Etwa der “Pöbler”, der “Besserwisser” und der “Möchtegern”. Oder der “Ideologe”, der sich vielleicht noch an einem zweiten Gegen-Ideologen abarbeitet, und dem „Egomanen“, der sich über die Zahl der Kommentare definiert. So etwas findet bei Hangout On Air-Gesprächen nicht statt.
Es ist eine Idee, wie man das lineare Buch weiter aufbrechen kann – neben den bekannten Methoden, die bei E-Books als Zusatzmaterial zum Einsatz kommen wie Videos, Audiomaterial und Bilder, werden wir bei unserem Schaffensprozess den Hangout on Air in den Vordergrund stellen. Wir erhoffen uns, dass dadurch der Unterstützerkreis noch aktiver in das Entstehen des Multimedia-Buches eingebunden werden kann und vielleicht entstehen aus einem Hangout On Air-Projekt völlig neue Hangout On Air-Projekte, die wiederum Teil des verflüssigten Buches werden.
Als Autoren experimentieren wir in unserem Projekt Bloggercamp bereits mit Echtzeitkommunikation und Transmedia-Storytelling. Und es geht darum, dafür immer gut vernetzt zu sein und selber laufend neue Netze zu knüpfen: Es geht weiterhin darum, so smart zu sein wie das Telefon, das man in der Tasche traegt. Immer erreichbar, anschlussfähig, multitasking-fähig, beliebig zu erweitern und zu transformieren.
Geplant ist eine Realisierung über Crowdfunding. Crowdfunding hat aus unserer Sicht das Potenzial, die Spielregeln der Ökonomie radikal zu verändern – und nicht nur die digitale Variante.
„Das Fundraising-Prinzip als neues Paradigma revolutioniert die Motivationen und Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Der Anbieter wirbt nicht mehr für den Kauf eines Produktes, sondern für die freiwillige Unterstützung bei der Realisierung (Pre-Order-Modell) und bei der Aufrechterhaltung des Angebots“, schreibt Ansgar Warner in seinem Buch „Krautfunding – Deutschland entdeckt die Dankeschön-Ökonomie“.
Das ist weitaus schwieriger, als im Verborgenen irgendetwas auszubrueten und es dann mit großem Marketing-Geschrei unter die Leute zu bringen.
„Um in der Dankeschoen-Oekonomie zu bestehen, muss man die Menschen fuer eine Sache begeistern“, so Warner.
Wir sind begeistert und überzeugt, dass Hangouts on Air den Menschen ganz neue Formen der Information und Zusammenarbeit bieten können. Deshalb setzen wir uns auch für legale und rechtssichere Nutzungsmöglichkeiten in Deutschland ein (über eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages! gs)
In der Planung sind auch mobile Lesungen, die den Entstehungsprozess an ungewöhnlichen Orten via Hangout on Air begleiten.
Auf Startnext bereiten wir gerade die Website vor, um das Buch finanziell zu unterstützen. Bis zur Schreibwerkstatt in der nächsten Woche werden wir fertig!
Man hört und sieht sich. Meinungen über das Konzept und über das Buchcover hoch willkommen. Wer an der Hangout-Runde am Mittwoch teilnehmen möchte, sollte sich rechtzeitig bei uns melden.