Ich möchte ja jetzt nicht wie ein Schlaumeier wirken. Aber der heutige Handelsblatt-Bericht überrascht mich nicht wirklich und sicherlich auch nicht die Leser des ichsagmal-Blogs:
„Die einst blühende Branche der Callcenter dümpelt vor sich hin. Die Nummer zwei im Markt, Walter Services, steht vor der Pleite. Schuld sind jene Firmen, die nicht mal mehr via Call-Center erreichbar sein wollen.“
Die Hotline-Branche galt früher als Hoffnungsträger vieler Wirtschaftsförderer und die Call Center-Unternehmen nutzten diese Gelegenheiten reichlich – vor allem in den neuen Bundesländern florierte ein regelrechter Wanderzirkus bei der Inanspruchnahme von Staatskohle. Mehr als Telefonleitungen hatten aber die meisten Anbieter nicht zu bieten. Und nun versuchen die Auftraggeber nach Handelsblatt-Angaben sogar, die Fragen ihrer Kunden schriftlich zu beantworten.
„Heute hat dieser Trend nach unten ein prominentes Opfer gefordert: Der Callcenter-Betreiber Walter Services, nach eigenen Angaben die Nummer zwei in Zentraleuropa, steht vor der Pleite und hat daher ein Schutzschirmverfahren beantragt. Das Unternehmen bleibt so drei Monate vor seinen Gläubigern geschützt, und das bisherige Management kann in dieser Zeit eine Sanierung versuchen. Andernfalls droht die endgültige Insolvenz“, so das Handelsblatt.
Walter Services beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland noch 6000 Mitarbeiter und im Ausland noch 2.400 weitere Mitarbeiter. Einige Jahre zuvor sollen es sogar rund 10.000 Mitarbeiter gewesen sein – also ein Call Center-Riesentanker.
Walter Services hatte in der Vergangenheit kräftig expandiert und Call Center-Standorte der Deutschen Telekom, von Karstadt-Quelle und vom Kabelnetzbetreiber Unitymedia gekauft. Im Nachhinein habe sich das teilweise als Fehlgriff erwiesen, so das Handelsblatt.
„Angesichts massiver Volumenrückgänge im Kernsegment Telekommunikation, die sich seit Juni deutlich beschleunigt haben, muss die Gruppe restrukturiert werden. Aufgrund von Überkapazitäten im Markt sowie des hohen Margendrucks war es nicht möglich, verlorene Auftragsvolumina zeitnah zu ersetzen“, teilt Walter Services in einer Presseverlautbarung mit.
Das lassen wir jetzt mal so im Raum stehen. Ob nun der Trend zur Verschriftung im Kundenservice die Hauptursache für die Misere der Hotline-Industrie ist, darf aber stark bezweifelt werden.
Eher ein ganzes Bündel von Entwicklungen, die sich gegen die klassischen Telefondienste wenden.
Und dieser Trend ist nicht erst seit wenigen Monaten in vollem Gange, sondern seit rund sieben Jahren. Als Indikator kann der Rückgang des Anrufvolumens der so genannten Mehrwertdienste herangezogen werden. Und hier trifft es vor allem die Auskunftsdienste. Hier gibt es die extremste Substitution durch entsprechende Angebote im Netz und über Apps.
„Es gibt nur noch Wenige, die bei der Auskunft anrufen. Über das stationäre oder mobile Web bekomme ich einen schnelleren Zugriff auf Informationen. Umständliche Anrufe erübrigen sich“, so die Analyse des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) in Bad Honnef.
Es gebe gravierende Veränderungen im Nutzerverhalten, die sich nachteilig für telefonische Dienste auswirken. Beim Smartphone sei das gut zu beobachten. Vor allen Dingen Applikationen mit Lokalisierungsdiensten zählten zu den Wachstumstreiben bei mobilen Anwendungen. Die volle Wucht der mobilen Dienste sei noch gar nicht spürbar, weil man noch weit von einer Sättigung des Marktes mit Smartphones und Tablet-PCs entfernt sei.
Der Trend zur Verschriftung im Kundenservice, der sich in sozialen Netzwerken abspielt, verschärft das Ganze noch. Dazu kommen How to-Videos, Kunden-helfen-Kunden-Foren und dergleichen mehr, obwohl es hier auf der Anbieterseite noch gar keine Professionalisierung gibt, wie mir Andreas Graap von Webvideo.com im ichsagmal-Interview bestätigte.
Ein Mittelständler der Industrie bestätigte das nachdrücklich: Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden. Im technischen Service sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die für das Social Web geschult wurden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.
“Wenn man in einer telefonischen Beratung dem Kunden weiterhelfen kann, dann freut sich nur dieser eine Anrufer. Wenn es sich um einen Service-Fall handelt, der bei vielen anderen Kunden auch auftritt, dann bekommt es keiner mit”, so die Erfahrungen des Mittelständlers.
Den gleichen Effekt mit noch größerer Wirkung erzeugt man mit Dialogangeboten, die live über Dienste wie Hangout on Air übertragen werden. Die Videos sind schneller verfügbar und können direkt als Aufzeichnung via Youtube abgerufen werden. Kein aufwändiges Schneiden, keine Ladezeiten – die perfekte Verschmelzung von synchroner und asynchroner Kommunikation. Aber auch hier werden sich erst in den nächsten Jahren die Netzwerkeffekte so richtig bemerkbar machen – für klassische Hotline-Unternehmen wird es also noch düsterer.
Wenn wir über die Neuland-Exkursionen der Kanzlerin sowie über die mangelhafte Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft diskutieren, kommt immer wieder die Frage nach der Rolle des Staates auf die Tagesordnung – so auch beim Wiwo-Lunchtalk.
Soll man alles dem Wettbewerb überlassen oder muss die öffentliche Hand selbst ins Steuer greifen? Klar ist wohl die Unfähigkeit des Staates, in Konkurrenz mit Google und Co. treten zu können. Das schafft nur die NSA…Aber von Spitzenpolitikern und Beamten kann man zumindest mehr Weitsicht erwarten beim Umbau der technologischen Infrastrukturen. Etwa wie der von mir hochgelobte preußische Beamte Heinrich von Stephan. Der Generalpostmeister unter der Ägide von Bismarck erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung und war der Wegbereiter für einen neuen Gründergeist in Berlin.
Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt. Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude.
„Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag.
Am 26. Oktober erklärt Stephan:
„Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“.
Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.
„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden.
Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen.
Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe.
„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan könnten wir heute in Deutschland sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, sagt Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.
Interessant ist beispielsweise die Geschichte von DeTeWe. Sie begann 1882, als der mecklenburgische Schlosser Carl Christian Robert Stock nach Berlin zog und eine Anstellung bei einem Zulieferer der noch jungen Telefonindustrie fand. Stock war fasziniert von der Technik und witterte gleichzeitig schnell seine Chance, an dem Boom der Branche teilzuhaben. Er machte sich selbstständig, wickelte mit der Nähmaschine seiner Frau Spulen für die Telefonhersteller. Trotz der bescheidenen Produktionsmittel war er schneller und arbeitete präziser als seine Konkurrenten, so dass die Nachfrage nach seinen Produkten wuchs. Robert Stock stellte einen ersten Mitarbeiter ein und gründete am 11. Mai 1887 das Unternehmen „R. Stock, Telegraphenapparate“ – der Grundstein der heutigen DeTeWe Communications. In kurzer Zeit erweiterte sich das Produktportfolio des jungen Unternehmens, Fernsprechgeräte und ganze Fernsprechämter kamen hinzu.
Auf der Gewerbeausstellung in Treptow 1896 stellte Stocks Firma ein „Telephon-Verbindungs-Amt“ (Fernmeldeamt) vor. Bis 1905 baute Stock europaweit 129 Fernsprechämter. Zahlreiche weitere Patente folgten, häufig wurden einzelne technische Bestandteile verbessert, bestehende Lösungen fortentwickelt. Bis zum zweiten Weltkrieg entwickelte DeTeWe Rohrpostanlagen, Schreibmaschinen, Rundfunkgeräte und Rechenmaschinen. In Zeiten des Wirtschaftswunders stieg der Bedarf an öffentlichen und privaten Telefonanlagen. Die DeTeWe konzentrierte die gesamte Produktion auf den Fernsprechsektor.
Seit 2005 gehört das Unternehmen zum kanadischen ITK-Hersteller Aastra Technologies Limited. Auch nach der Übernahme bleibt die DeTeWe Berlin-Kreuzberg treu: 1887 wurde sie in diesem Bezirk gegründet und befindet sich seit 1895 am Standort in der Zeughofstraße. Im !9. Jahrhundert entwickelte sich Berlin in kürzester Zeit zum Silicon Valley der Telekommunikation. Geburtshelfer war der geniale Postmeister Heinrich von Stephan – eine technologische Spürnase ersten Ranges.
Über die Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“ (Gunter Dueck) für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft würde ich in nächster Zeit gerne einige Hangout-Interviews führen. Auch über die Technikrevolutionen im 19. Jahrhundert und die Ableitungen für heute. Wenn Interesse besteht, einfach bei mir melden.
Es verwundert mich nicht, dass sich der Lobbyverein Bitkom mit ihrem Vize-Präsidenten René Obermann vehement gegen den Verordnungsentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) „zur so genannten“ Netzneutralität positioniert:
„Der Entwurf des BMWi ist ein regulatorischer Schnellschuss und wird der komplexen Thematik nicht gerecht. Er konterkariert die Breitbandstrategie der Bundesregierung, in dem er genau jenen Unternehmen massiv schadet, die in den Breitbandausbau investieren“, so BITKOM-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.
Aufgrund der sehr allgemeinen und weitreichenden Regelungen im Entwurf könnte es Netzbetreibern auf der einen sowie Dienste- und Inhalteanbietern auf der anderen Seite künftig generell verboten sein, Produkte und Dienste nach Preis und Qualität zu differenzieren. Gesicherte Qualitätsklassen seien jedoch notwendig, um die Güte bestehender Internet-Dienste zu garantieren und innovative Services und Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Die Presseverlautbarung kann man hier ausführlich nachlesen.
Warum lassen die Bitkom-Herren eigentlich nicht Telekom-Noch-Chef Obermann zu Wort kommen, dann wäre die Interessenlage doch eindeutig. Von diesem Laden ist eine klare Haltung zur Netzneutralität nicht zu erwarten. Man sitzt halt am liebsten auf dem Schoß der Kanzlerin, feiert sich selbst auf den IT-Gipfeln der Bundesregierung und betreibt eine einseitige Industriepolitik, wie es sich für einen Mitgliedsverband des BDI gehört.
Wenn es doch endlich mal eine Breitbandstrategie der Bundesregierung geben würde. Da gibt es keine klaren Worte von der Bitkom-Riege.
Herren in Schwarz
Der Netzausbau sollte zur wichtigsten Infrastruktur-Aufgabe des Staates zählen und nicht den Interessen eines Shareholder Value-Konzerns überlassen werden (wie das funktioniert, zeigt das Beispiel Südkorea).
Insofern sind vom Bitkom-Altherren-Verein aus den vorgestrigen Zeiten der Deutschland AG keine Impulse für die vernetzte Ökonomie zu erwarten.
Mit diesem Spruch reagierte jedenfalls ein Mitarbeiter von Base auf die Beschwerde meiner Frau, die auf der Facebook-Seite des Netzbetreibers veröffentlicht wurde. Großzügiger Weise wie man noch auf die Möglichkeit hin, der „proaktiven Kontaktaufnahme“ online widersprechen zu können.
Aha. Liebwertester Base-Gichtling. Nicht nötig. Deine proaktive Rechtfertigungslyrik kannst Du Dir sonst wo hinstecken. Ein Vertrag kam gar nicht zustande. Wir haben Eure Verkaufstricks durchschaut und Du kannst das morgen in meiner The European-Kolumne nachlesen.
„Ich weiß, es sind nur die schwarzen Schafe. Aber irgendwie blökt es an jeder Ecke so.“
Die Leierkasten-Truppe im telefonischen Kundendienst spielt schon seit Jahren die gleiche Musik:
„Schön, dass ich sie erreiche“; „Einmaliges Angebot“; „Kann keine Angebote versenden“; „Kann nicht durchstellen“; „Gilt nur heute und für Sie!“; „Wir müssen jetzt dieses einmalige Angebot am Telefon machen, da unser Server abgestürzt ist.“
Habt Ihr weitere Ausreden erlebt, die von telefonischen Heizdecken-Verkäufern abgelassen werden? Würde mich brennend interessieren.
Wo die tollen Services der Telcos hinführen, ist diesem Video zu entnehmen 🙂
Nervige Kaltanrufe von Mitarbeitern der Netzbetreiber werden stets harmlos eingeleitet.
Hallo Frau/Herr xy, Sie sind jetzt schon seit Jahren ein treuer Kunde unserer Firma. Da haben wir etwas ganz Besonderes für Sie. Wir bieten Ihnen die fantastische Möglichkeit für ein Upgrade Ihres Mobilfunk-Vertrages, damit auch Ihre Familienangehörige in den Genuss unserer unschlagbaren Flatrate-Preise kommen können.
Zeigt man sich interessiert, folgt dann noch der Hinweis, dass man jetzt das Gespräch aufzeichnen wolle, um die Qualität der telefonischen Services zu verbessern.
Was dann vom Agenten runtergenudelt wird, klingt nicht wie ein Angebot, sondern wie die etwas verklausulierte Zustimmung zu einem Angebot. Stimmt man der Aufzeichnung nicht zu und verlangt ein schriftliches Angebot via E-Mail oder Post, faselt der Hotline-Fritze dann irgendetwas über die technische Unmöglichkeit, von seinem Arbeitsplatz entsprechende Angebote zu verschicken – was absoluter Schwachsinn ist. Die Call Center haben natürlich diese Möglichkeit, durch den Quotendruck beim Abschluss von Neuverträgen oder Upgrades setzen die Mitarbeiter aber die Brechstange an, um schon am Telefon den Kunden zur Zustimmung zu drängen.
Ein entsprechendes Telefonat führte heute Vormittag meine Frau mit Base. Sie stimmte einer Aufzeichnung des Gesprächs natürlich nicht zu – erste Empfehlung. Verlangte ein schriftliches Angebot – zweite Empfehlung. Und legte dann den Hörer auf – dritte Empfehlung. Das Ergebnis veröffentlichte meine Frau dann auf der Facebook-Seite von Base:
Die Methoden der unerwünschten Anrufe des Base-Callcenters gleichen denen von Drückerkolonnen. Noch ein solcher Anruf und ich kündige alle Verträge bei Base und melde dieses Vorgehen der Bundesnetzagentur.
Es gibt demnach durchaus probate Mittel, sich gegen diese Hotline-Drückkolonnen zu wehren – vierte Empfehlung:
„Die Bundesnetzagentur, die seit 1. September 2009 als Kontroll- und Sanktionsinstanz im Spiel ist, hat perfekte technische Möglichkeiten, auch bei unterdrückter Rufnummer den Anrufer zu identifizieren, wenn der Anrufzeitpunkt einigermaßen eingegrenzt werden kann. Außerdem: Wenn ein Geschäft am Telefon zustande kommt, weiß Tante Erna spätestens nach Zusendung der Vertragsunterlagen und der Rechnung, wer dahinter steckt – und dann erfährt es auch die Bundesnetzagentur“, so der Ratschlag von Rechtsanwalt Michael Siegert, Spezialist für Datenschutz und Direktmarketing, im Interview mit NeueNachricht.
Ständig werden Lieschen Müller und Tante Erna rangezogen, um die Drosselpolitik der Telekom zu begründen. Als gegnerisches Lager hat der Magenta-Konzern die Vielnutzer und Netzaktivisten ausgemacht, die weiterhin auf Kosten der Allgemeinheit billig im Internet herumsurfen wollen. So sieht das jedenfalls Pippi Langstrumpf die Führungsetage des Bonner Unternehmens.
Den Netzaktivisten warf ein Telekom-Sprecher jetzt Klientelpolitik vor. Es sei verständlich, dass die Jungen sich zu Wort melden und ihre Interessen durchsetzen wollen. “Aber es geht um mehr als um die Einzelinteressen der Netzaktivisten.“
„Die Jungen“, „die Netzaktivisten“, „die Vielnutzer“. Die Taktik des Telefonie-Ladens ist klar. Zwietracht säen. Den armen Normal-Nutzer von den parasitären Nerds abgrenzen, die nur als Trittbrettfahrer im Netz unterwegs sein wollen.
Die vielen Proteststimmen quer durch die Gesellschaft und durch alle Altersgruppen, die in Petitionen, auf Demonstrationen, in Blogs, Tweets und Facebook-Postings zum Ausdruck kommen, werden vom Telekom-Management als nervige Randerscheinung abgestempelt.
Aber so doof sind Lieschen Müller und Tante Erna nicht. Bleibt die Telekom bei ihrem rüden Drosselkurs bei gleichzeitiger Bevorteilung eigener und externer Dienste (und da gelangt ja immer mehr ans Tageslicht), dann kommt es zu einer massenhaften Abwanderung der Kunden – auch wenn die Konkurrenz bei Serviceleistungen nicht besser ist. Aber welche Telco-Unternehmen sind schon im Kundenservice gut. Die sind eher alle gleich schlecht. Man wählt das geringere Übel.
Alles, was das Brot-und-Butter-Geschäft des Ex-Monopolisten Telekom bedroht, ist in den vergangenen Jahren massiv torpediert worden. Die Telekom nutzte ihre Vorherrschaft bei DSL, um WLAN als echten Wettbewerb auszuschalten und schuf über ein ausgedehntes Netz von WLAN-Hotspots für T-Mobile die besten Voraussetzungen für ein 4G-Mobilfunknetz. Ergebnis: Die Telekom kann auf eine WLAN-Verbreitung zurückgreifen, die keiner der Wettbewerber im Mobilfunk hat. Selbst kleine Initiativen zur Etablierung von Hotspots an Zigaretten-Automaten sind in der Vergangenheit massiv vom Magenta-Konzern bekämpft worden.
Oder wie war das mit der Skype-App auf dem iPhone? Er wurde von T-Mobile blockiert. Und die Begründung kommt einem doch irgendwie bekannt vor: Würden iPhone-Anwender ihre Datenverbindung für Skype-Gespräche nutzen, würde die Leistung des Netzes leiden. Datenübertragungen würden verlangsamt, das Netz könnte überlastet werden. Davor müsse man sich schützen.
Zudem müsse man eine gleichbleibende Qualität der Sprachverbindungen garantieren. Probleme mit Skype könnten von den Kunden als Telekom-Probleme fehlinterpretiert werden. In Wahrheit ging und geht es um die Bewahrung des Kerngeschäftes mit Sprachtelefonie. Die Telekom ist getrieben von Abschottungs-Strategien. Sie war schon immer Drosselkom und sie setzt in diesen Auseinandersetzungen stets die gleichen Rhetorik-Schablonen ein.
„Die Regeln, nach denen Sprachverkehr zwischen den Telefongesellschaften vermittelt wird, sind eigentlich klar und eindeutig: Über Vermittlungsknoten werden Anrufe zwischen den Netzen ausgetauscht, dem Kunden soll es egal sein können, bei welchem Anbieter er seinen Anschluss hat. Anrufen kann er jede Nummer, und umgekehrt auch angerufen werden – zumindest in der Theorie.“
Die Telekom habe die Erreichbarkeit ihrer eigenen 0180-Nummern aus dem Netz von sipgate eingestellt.
„Sipgate-Kunden können daher etwa die verbreiteten Service-Rufnummern, die viele Unternehmen und Behörden betreiben, nicht mehr erreichen, soweit diese im marktbeherrschenden Telekom-Netz geschaltet sind. Auch die für ähnliche Zwecke genutzten 0700-Nummern von Telekom-Kunden sind derzeit nicht aus den Netzen von kleineren Konkurrenten erreichbar“, so Kurz.
Harte Eingriffe sind von der zuständigen Bundesnetzagentur nicht zu erwarten – auch nicht beim Angriff der Telekom auf die Netzneutralität, schließlich besitzt der Bund noch einen sattes Telekom-Aktienpaket. Wie soll da eine Bundesbehörde wirklich neutral vorgehen? Jetzt sind die Kunden gefragt, die ihre gestiegene Macht ausspielen sollten. Mit den Füße abstimmen und kündigen – das lädiert den Börsenkurs und zwingt den Bonner Konzern vielleicht doch in die Knie.
Von der Politik wird nichts kommen – auch nicht von der Regierungsopposition. Beim Leistungsschutzrecht und der Bestandsdatenauskunft ist das ja schon unter Beweis gestellt worden.
Der Anteil der von Mitarbeitern genutzten Technologien, der von der IT-Abteilung nicht mehr beeinflusst werden kann, ist in den vergangenen drei Jahren von zehn auf 40 Prozent gestiegen. Das ergibt eine weltweite CIO-Umfrage von Harvey Nash.
„Was in sozialen Netzwerken unter dem Stichwort ‚Kontrollverlust’ diskutiert wird, breitet sich auch in Unternehmen aus. Die geschäftliche und private Nutzung von Geräten verschwimmt, Tablets, Smartphones und der Einsatz von Apps werden auch im Arbeitsalltag immer populärer, entsprechend sinkt die Relevanz von abgeschirmten IT-Systemen“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Deutschland.
Fast jeder zweite CIO geht davon aus, dass der Anteil von privaten Geräten, die Mitarbeiter am Arbeitsplatz einsetzen, steigen wird. Entsprechend muss sich das Rollenverständnis der IT-Führungskräfte wandeln.
„Die direkte Steuerung der Technologie steht nicht mehr im Vordergrund. Eher geht es um die Förderung der Zusammenarbeit und den Anstoß von Innovationen“, sagt Nadolski.
Der Schub zu externen und offenen Systemen geht vor allem von den jungen Mitarbeitern aus. Die nötige Offenheit müssten auch die Anbieter von Kommunikationstechnologie mitbringen.
„Es wird immer mehr Mitarbeiter in Unternehmen geben, die mobil arbeiten und höchst unterschiedliche Endgeräte einsetzen. Für unsere Lösungen ist es daher unabdingbar, hier eine Integrationsleistung zu bringen. Ein CIO tut sich in Zukunft keinen Gefallen, wenn er versucht, sich auf ganz wenige Standard-Endgeräte zu konzentrieren. Das wird er nicht durchhalten können gegen die Anwender. Es rücken viele junge Mitarbeiter nach, die technologisch das nachfragen, was sie auch privat schon lange nutzen. Ein CIO sollte diese Dienste in seine IT-Infrastruktur einbauen, sonst entstehen Probleme bei der Rekrutierung von neuem Personal“, erklärt Aastra-Deutschlandchef Jürgen Signer.
Die Veränderung des IT-Managements macht sich an einem weiteren Ergebnis der CIO-Umfrage fest, an der sich mehr als 2.000 IT-Führungskräfte und Technologie-Manager in zwanzig Ländern beteiligt haben. 33 Prozent der digitalen Projekte kommen mittlerweile aus den Vertriebs- und Marketing-Abteilungen – ohne Beteiligung der IT-Abteilung. Und 42 Prozent der digitalen Projekte laufen in Kooperation zwischen IT, Marketing und Vertrieb.
„Um sich als Partner für neue Projekte zu profilieren, reicht es für IT-Führungskräfte nicht mehr aus, nur Fachkenntnisse der Informatik vorzutragen. Ein tiefes Verständnis für die Geschäftsfelder des eigenen Unternehmens ist unverzichtbar, um in der betrieblichen Organisation ein begehrter Ansprechpartner zu bleiben. Oder zu werden“, resümiert Nadolski.
“Einen Drucker anschließen? Den Büro-Kalender mit dem Handy synchronisieren? Oder gar Shareware installieren? Ohne Segen der IT-Abteilung ist da in Großunternehmen nichts zu machen. Zumindest offiziell nicht. Denn die sogenannte Schatten-IT ist schon längst Realität. Selbst programmierte Excel-Anwendungen, eigenmächtig beim Discounter gekaufte Hardware, Kommunikation mit Außendienstkollegen via Facebook-Chat oder Dateiversand über Skype: Im Schatten der offiziellen Computer-Infrastruktur blühen in Firmen kreative IT-Lösungen. Belastbare Zahlen gibt es zwar nicht – aber wer einmal ein Großunternehmen von innen gesehen hat, weiß, wie solche Schatten-IT entsteht. ‘Die Fachabteilung hat bestimmte Wünsche, die die IT-Abteilung des Unternehmens nicht oder nicht schnell genug erfüllen kann. Also wird die Fachabteilung selbst aktiv’, sagt der Informatiker Christopher Rentrop, der sich wissenschaftlich mit dem Phänomen beschäftigt. ‘Und die IT-Abteilung schweigt, weil sie keine Zeit zur Bearbeitung hätte und gegenüber den Kollegen nicht als ‘Stasi’ erscheinen möchte’.”
Das wäre doch mal ein schönes Thema für eine Bloggercamp-Sendung in den nächsten Wochen. Wer sich für eine solche Diskussion begeistern kann, ist herzlich eingeladen, an der Hangout-Talkrunde mitzumachen. Morgen diskutieren wir über Social Sharing, nächste Woche über Müll und Monopole. Übernächste Woche könnten wir die Schatten-IT auf die Agenda nehmen.
Der Protest gegen die Drosselpolitik der Telekom nimmt an Schärfe zu. Kein Vorwahlgeplänkel, keine Eintagsfliege – die netzpolitische Bewegung nimmt den Angriff auf die Netzneutralität nicht hin, wie Markus Beckedahl auf der Anti-Drosselkom-Demo zur Hauptversammlung der Telekom in Köln deutlich machte.
Da wird es wohl nicht ausreichen, wenn Bundesnetzagentur und Kartellamt die Pläne des Magentakonzerns prüfen. Auch der Verweis der CDU-Netzpolitiker in der gestrigen Bloggercamp-Sendung auf bestehende Regelungen im Telekommunikationsgesetz können die Netzgemeinde nicht beruhigen.
Verlangt wird eine gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität.
So, erst einmal trockene Klamotten anziehen. Es hat heute zur Demo ungedrosselt aus Kübeln geschifft.