Zur neuen Livestreaming-App Meerkat, die eng gekoppelt ist mit Twitter, gab es höchst unterschiedliche Reaktionen: Alter Hut, schlecht gemacht, neuer Stern am Social Web-Himmel, warum keine Archivierung, bislang nur sinnlose Spontan-Livestreams, bescheuerte Hochkant-Videos oder smarte Interaktions-Plattform für Bewegtbilder – so ungefähr kann man die Kommentare in den vergangenen Tage zusammen fassen.
Sehr guter und ausführlicher Beitrag von @fiene: "Meerkat – diese App ist das nächste große Ding im Internet": http://t.co/kWQg6X804y
Beim heute startenden Digital-Festival South by Southwest im texanischen Austin planen die Meerkat-Macher den großen Wurf:
„Wir bauen eine spezielle Seite, die aus drei Komponenten besteht: Es wird ein Line-up geben, wo jeder sehen kann, wer zur Konferenz geht und Meerkat nutzt. Dann werden wir die Top 10 der geplanten Meerkat-Sessions auflisten. Und dann kann man sich noch anzeigen lassen, welche Meerkat-Livestreams die meisten Interaktionen haben. Also die meisten Zuschauer, die meisten Kommentare“, erläutert Ben Rubin im kress.de-Interview.
Meerkat ist ein sehr flüchtiges Medium für die Twitter-Echtzeitkommunikation. Roman Rackwitz brachte mich bei seinem Livestreaming-Test mit dem Erdmännchen-Dienst auf die Idee, die synchrone Ausrichtung mit einem asynchronen Dienst zu koppeln. Ich werde also heute um 11 Uhr das Autorengespräch mit Jürgen Stäudtner über sein neues Buch „Innovationsstau“ mit Hangout on Air UND Meerkat live streamen.
Beim Live-Hangout habe ich ja den virtuellen Rekorder namens Youtube im Rücken, was den eigentlichen Vorteil der Anwendung ausmacht, bei Meerkat habe ich die enge Anbindung an mein Twitter-Netzwerk.
Mein Credo bei Videos lautet ja bekanntlich quick-and-dirty. Ohne großen technischen Aufwand, ohne High-End-Geräte und ohne aufwändige Nachbereitung in jeder Lebenslage Bewegtbilder produzieren. Das ist einer der Vorteile von Diensten wie Hangout on Air. Nachteil des Google-Dienstes: Man kann als Operator keine Livestreams via Hangout-App starten – oder nur mit einigen Tricks. Deshalb eignet sich für den mobilen Einsatz die Bambuser-App. Man aktiviert die Applikation und kann sofort mit einem Klick via Tablet oder Smartphone live senden.
Nachteil: Wenig Interaktion, weil kaum einer die Anwendung kennt. Die Entwickler der Meerkat-App (in Anlehnung an die putzigen Erdmännchen) haben einen besseren Weg gewählt: Login erfolgt mit dem Twitter-Account. Will man das Livestreaming sofort starten oder für später planen, reicht ein kurzer Titel, der sofort als Tweet in der eigenen Twitter-Timeline erscheint. Jeder Zuschauer wird am oberen Rand des Videos mit dem Account-Foto von Twitter angezeigt. Jeder Kommentar im Chat erscheint wiederum als Tweet der zuschauenden Follower und erhöht somit die Netzwerk-Wirkung sowie die Wahrscheinlichkeit, auf Twitter wahrgenommen zu werden.
Bei Meerkat zählt das Echtzeit-Erlebnis, was man direkt mit anderen teilen kann. Nach der Liveübertragung ist es wohl möglich, einen kleinen Ausschnitt des Videos runterzuladen. Das hat bei mir allerdings nicht geklappt. Die App ist ja noch nicht so lange auf dem Markt und muss wohl erst kräftig getestet sowie verbessert werden.
Da ich Live-Videos mit der Möglichkeit der Speicherung sehr schätze, würde ich mir eine Wahlmöglichkeit bei Meerkat für die Archivierung wünschen. Aber da scheiden sich die Geister.
Test von Roman Rackwitz
Roman Rackwitz betont den Live-Charakter und die direkte Dialogmöglichkeit über die Chatfunktion. Ich selbst sehe auch spontane Einsätze, die aber auch als Flaschenpost für die Zukunft noch Nachrichtenwert besitzen. Also das, was Hangout on Air auszeichnet und der Kommunikation ein Gedächtnis gibt.
Klar ist auch, das für jeden Livestream, der über die eigene Twitter-Timeline rauscht, ein interessanter Anlaß vorhanden sein muss. Sonst langweilt man sehr schnell die eigene Community. Das sieht Life On Air-Firmenchef Ben Rubin ähnlich:
„Vielmehr sollen Übertragungen dann stattfinden, wenn jemand glaubt, dass etwas Interessantes zu sehen ist. Dass er eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Es geht also nicht darum, wer Meerkat nutzt, sondern warum er es tut“, sagt Rubin im kress.de-Interview.
Durchs Planen von Streams müssten sich die Nutzer im Vorfeld Gedanken darüber machen, wann sie live gehen wollen und was sie dann sagen. In der nächsten Woche werde ich das noch mehr ausprobieren, direkt aus der Cebit-Mittelstandslunge in Halle 5. Mal schauen, ob hier der nächste heiße Scheiß im Social Web aus dem Boden gestampft wird.
Ach ja, die Videos laufen nur hochkant. Aber das kennt man ja schon von der Vine-App und macht die Sache nicht schlechter.
Was macht Ihr Messestand eigentlich nachts? Diese Frage haben wir (Hannes Schleeh und icke) auf der Cebit 2013 zum ersten Mal von Sascha Stoltenow gehört und waren fasziniert von den möglichen Antworten, die wir darauf mit dem Livestreaming-Dienst Hangout on Air bei gleichzeitiger Youtube-Aufzeichnung geben könnten. Hannes war 15 Jahre lang für die Messeauftritte der Maschinenring-Organisation zuständig und kennt die Probleme eines Messeverantwortlichen sehr gut.
So ein Event ist immer eine riesige Aktion für Firmen, Verbände und Brancheninitiativen. Für Standkonzepte, Miete, Personal, Programme, Info-Material, Getränke und Snacks müssen einige Euros investiert werden. Häufig verpufft das Gebotene direkt nach dem Schlusstag. Vorträge werden nicht dokumentiert, Videos erscheinen erst weit nach dem Ende der Messe und Interessenten, die aus zeitlichen Gründen den Stand nicht besuchen konnten, bekommen überhaupt nichts mit. Mit Live-Hangouts, die das gesamte Messegeschehen ins Netz senden, kann man das mit einem mobilen Studio ändern. Über die Google Plus-Eventseite ist es möglich, bereits im Vorfeld auf das Messe-Programm aufmerksam zu machen und personalisierte Einladungen auszusenden. Die Videos lassen sich mit dem Einbettungscode in Websites und Blogs spielend leicht einbetten und liegen nach der Livesendung direkt als Konserve vor.
UND ACTION!
Welche Wirkung das haben kann, demonstrierte Hannes auf der Agritechnica: Ziel der Hangouts war es, den noch unentschlossenen Landwirten mit Livebildern an den ersten noch exklusiven Tagen eine Entscheidungshilfe für den Messebesuch zu geben. Mit kleinstem und ultramobilem Equipment war das Streaming-Team für den Kanal AGRITECHNICA.TV auf dem Messegelände in Hannover unterwegs:
„Die Sendungen fanden im Stundentakt statt und wurden direkt auf der Startseite der Messe http://www.agritechnica.com eingestellt. Schon nach 3 Tagen hatten die Youtube-Clips zusammen über 20.000 Klicks erreicht“, schreibt Hannes Schleeh.
„Wo früher riesige Übertragungswagen mit mannshohen Satellitenschüsseln und enorm teures Equipment im Einsatz waren, genügt heute ein schneller Internetzugang über LAN, WLAN oder LTE, um die Livebilder ins Internet zu streamen.“
Zwischen den schon festgelegten Sessions können wir übrigens gerne noch spontane Interviews machen. Rechtzeitig melden – am besten mobil: 0177 620 44 74.
Man hört und sieht sich in Halle 5 auf der Cebit. Ihr kommt doch vorbei, oder? Aber bitte tagsüber. Nachts wäre mir das doch ein wenig zu anstrengend mit den Live-Übertragungen.
Annette Schwindt wies mich beim Social Media ClubChat Bonn auf ein sehr spannendes Interview mit dem Digital-Business-Experten Brian Solis in der neuen Ausgabe der Zeitschrift t3n hin. Es Beinhaltet einigen Zündstoff und wird vielen Marketing-Beratern negativ aufstoßen, weil Solis einige heilige Kühe schlachtet:
„Der ‚traditionelle digitale Kunde‘ fällt eine Entscheidung, indem er googelt: Er klickt auf ‚Suchen‘, bekommt Ergebnisse angezeigt und klickt sich von dort aus weiter. Der Connected Customer dagegen beginnt nicht mit Google, denn er will gar keine Website mehr besuchen, die im Grunde ja nur eine digitale Broschüre ist. Er hat ein genaues Ziel vor Augen – will vielleicht etwas kaufen oder unternehmen – und will möglichst schnell dorthin gelangen. Er informiert sich also bei jemanden, dem er vertraut und der dasselbe Interesse teilt. Zum Beispiel bei Youtube, wo ihm ein kurzes Video seine Frage beantwortet oder ihm einen wertvollen Rat gibt. Oder er macht eine In-App-Suche, geht zu Pinterest oder zu Facebook. Die ‚Reise‘ des Kunden ist heute also schon in ihrem Ausgangspunkt eine andere. Trotzdem investieren wir fröhlich weiter in Suchmaschinen-Optimierung, Suchmaschinen-Marketing und auf Reichweite ausgerichtete Social Media-Kampagnen, um die Aufmerksamkeit der ‚traditionellen‘ Kunden zu bekommen.“
Es gehe also mehr um das Management von gemeinsamen Erfahrungen. Heute sei das fragmentiert und holprig – auch wenn Firmen immer mehr Apps und mobile Websites anbieten. Die vernetzten Kunden sind nach Ansicht von Solis schneller, besser informiert und organisiert.
„Sie wollen keine Zeit mit langwierigen Entscheidungen oder Transaktionen verschwenden“, sagt der Digital-Business-Experte.
Obwohl man über Smartphones viel intuitiver agieren könnte, lassen sich viele Transaktionen darüber nicht abwickeln. Die Unternehmen betrachten die Welt noch nicht durch die Augen ihrer Kunden. Man wird stattdessen in die „Kanäle“ der Anbieter gepresst. Der offene Charakter und die chaotischen Kommunikationsströme, die sich im Social Web abspielen, werden schlichtweg ignoriert. Man setzt weiter auf die vertrauten Marketing- sowie Sales-Abläufe und degradiert soziale Medien zum bloßen Werkzeug, „statt eine wirklich neue unternehmerische Perspektive zu eröffnen“, moniert Solis.
Natürlich geht es nicht um den Wunsch, Websites zu schließen, sondern um die steigende Irrelevanz von eigenen Webpräsenzen, was Haeusler in einer Reaktion auf die stürmischen Kommentare seines Opus klargestellt hat:
„Zunächst ist es nicht so, dass ich die von mir beobachtete Entwicklung, deren Schlussfolgerung ich in meiner zugespitzten Empfehlung habe münden lassen, besonders prima finde. Ganz im Gegenteil. Ich bin selbst ein Website-Typ, betreibe schließlich mindestens eine eigene und mag das virtuelle Zuhause, dass eine solche Seite sein kann. Mir ist außerdem der Kontrollverlust völlig bewusst, den eine Publikation erleben kann (aber keineswegs muss), wenn sie auf eine eigene Website verzichtet. Ebenso „wünsche“ ich mir die beschriebene Entwicklung nicht, sondern stelle fest, dass sie bereits stattfindet.“
Die Kontrolle über die Distributionskanäle von News haben die klassischen Publikationshäuser nach Ansicht von Haeusler längst verloren, denn an den sozialen Medien haben sie bisher keinerlei Anteil. Gleiches gilt für die Unternehmenskommunikatoren. Die generelle Funktion von Verlagen und Marken als vertrauenswürdige Absender und Kuratoren werde dabei nicht überflüssig. Nur als Dirigenten taugen sie nicht mehr: In der Ego-Welt des alten Content-Webs dominieren noch die Denkmodelle wie meine abgegrenzte Homepage, mein Content und meine Leser oder Leads, schreibt Winfried Felser in einem Blogbeitrag.
Am 22. März wollen wir diesen Diskurs beim dritten Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen fortsetzen. Hashtag für Mitdiskutanten während der Liveübertragung #nöccn
Am Donnerstag, um 11:30 Uhr (also am 5. März) stellen wir das Programm der Cebit-Mittelstandslounge in Halle 5 vom 16. bis 20. März in Halle 5 vor. Mit dabei: Ulla Cöster (Xethix), Manuel Wortmann (basecom GmbH), Professor Peter von Mitschke-Collande (Uni Hannover) und Andreas Fischer (Digitalize your business-Initiative). Moderation: Gunnar Sohn (also icke).
„Für unseren Wirtschaftsminister zählt die Industrie, deutsche Autos und so. Digitale Innovation, neue Geschäftsmodelle? Nichts für unseren Siggi. Er zettelt lieber Krach mit Google an. Fabuliert von der Zerschlagung des Konzerns. Wenn am Anfang des 21. Jahrhunderts der deutsche Wirtschaftsminister die Harfe auf ein Lied der alten Zeit anstimmt, dann ist die Frage mehr als angebracht, ob er wirklich denkt, dass wir in fünfzig Jahren den Chinesen immer noch Autos verkaufen oder ob Google nicht wirklich das Zukunftsauto auf den Markt bringen wird oder Apple vielleicht.“
Görlach verweist auf den englischen Publizisten Charles Percy Snow, der 1959 darauf hinwies, wie England gegenüber Deutschland den Anschluss im 19. Jahrhundert verloren hat. „Die Briten waren sich zu snobistisch, als dass sie von ihrem ererbten Bildungskanon hätten ablassen wollen. Kein Problem, sagte man in Deutschland, und so wurden hier die Applied Sciences geboren. Die exzellenten Ingenieurswissenschaften sind das Fundament für den Erfolg des ‚German Engineering‘, von dem Deutschland bis heute profitiert.“
Aber selbst bei uns verlief dieser Prozess nicht ohne Reibungen und Widerstände. Das belegen die Forschungsarbeiten des Ökonomen Joseph Schumpeter in seiner Bonner Zeit von 1925 bis 1932.
In meiner Schumpeter-Session auf dem Barcamp Bonn erwähnte ich vor allem die Abhandlung von 1928 „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“. Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute industriekapitalistisch. Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte. Auch politisch waren die „Landjunker“ in der Weimarer Republik tonangebend.
Der Stellenwert von industriellen Produkten soll damit nicht in Frage gestellt werden – auch wenn es kaum noch eine industrielle Massenfertigung in Deutschland gibt. Wir exportierten 2013 Autos und Maschinen im Wert von über 350 Milliarden Euro. Darauf verweist Jonas Sachtleber von der studentischen Unternehmensberatung OSCAR in einem Beitrag unter dem Titel „Digitalisierung in Deutschland: Ein Desaster“.
„Hinzu kommen Datenverarbeitungsgeräte und elektronische Ausrüstung für mehr als 150 Milliarden Euro. Diese Produkte machen Deutschland zur Exportmacht. Um diese Stellung zu halten, muss Deutschland allerdings zum Ausrüster der Digitalisierung werden oder sich wenigstens an deren Umsetzung beteiligen“, fordert Sachtleber.
„Wenn Produkte immer mehr zu intelligenten Services werden und die vernetzte Erlebniswelt der Kunden die Gewinner auf den Märkten der Zukunft definieren, dann werden smarte Services zu überlebenswichtigen Erfolgsfaktoren.“
Thyssen als Menetekel
Es geht dabei nicht um „Software STATT Spoiler“, wie die Zeit titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz. Inhaltlich liegt der Zeit-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in München, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserümpfender Arroganz beantwortet werden. “
Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent“, so Hamann.
Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser. Das ökonomische Design eines vernetzten Unternehmens ist ein Gesamtkunstwerk.
„Was macht der Komponist? Erfindet er die Noten neu? Nein. Erfindet er das Orchester neu? Nein. Muss der Komponist alle Instrumente des Orchesters spielen können? Auch nicht“, so Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship.
Vorhandenes müsse nur neu kombiniert werden. Über die Kombinatorik von Komponenten gewinnen vor allem neue Unternehmen eine Geschwindigkeit, von der industrielle Großkonzerne nur träumen können – mit einem sehr geringen Geschäftsrisiko. Das ist eine Zäsur. Ein Unternehmen wie ThyssenKrupp könne bei neuen Projekten Teile auslagern, wenn etwa in Thailand ein neues Zementwerk gebaut werden soll. Vieles kommt aber aus dem eigenen Haus zu entsprechend höheren Fixkosten. Wenn Faltin mit einem freien Ingenieurbüro gegen den Konzern antreten und die Expertise für den Bau des Zementwerks dazukaufen würde, wäre er bei der Schnelligkeit der Projektplanung und der Kostenkalkulation nicht zu schlagen. Faltin sagte das einem Diplom-Ingenieur von ThyssenKrupp auf einem Flug nach Asien. Der Konzernmanager nickte und gab die Antwort:
„Ich gehe in anderthalb Jahren in Pension.“
Das spielte sich 2007 ab. Schaut man sich die Entwicklung von ThyssenKrupp in den vergangenen Jahren an, wirkt der Gesprächsverlauf wie ein Menetekel, Herr Gabriel. Ein gutes Thema für unsere Sendereihe „Kompetenzgespräche“ via Hangout on Air.
Nächsten Montag werde ich beim Webmontag in Frankfurt dazu einen kleinen Vortrag halten: Im Land der digitalen Bräsigkeit – Wie wir den Weg in die vernetzte Ökonomie versemmeln
Kurzfassung: Wo bleiben die Impulse in Wirtschaft und Politik, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt? Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten?
Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.
Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus.
Wir haben es tatsächlich getan, ein offener Brief an die Bundeskanzlerin mit ersten Ideen zu Verbesserungen beim Schicksalsprojekt 4.0. Grundlage vor allem das Thesenpapier von Karl Tröger und das Kompetenzgespräch mit Tröger, Winfried Felser und meiner Wenigkeit.
Liebe Frau Bundeskanzlerin,
Deutschlands vielleicht größte Herausforderung der kommenden Jahre und Jahrzehnte hat ein Verständnisproblem. Industrie 4.0 wird sie genannt, diese Herausforderung. Und das Verständnis dazu könnte nicht unterschiedlicher sein.
Sie merken schon: Es gibt eine heillose Verwirrung. Manchmal wäre es vielleicht besser, wenn wir schlicht und einfach vom Projekt Zukunft sprechen würden. Denn genau darum geht es doch, um die Frage, wie Deutschland wettbewerbsfähig bleibt, um die Frage, wie wir demnächst in diesem Land arbeiten wollen. Und wie uns Maschinen dabei im Rahmen einer neuen Kompetenz-Partnerschaft helfen.
Solche wichtigen Schicksalsfragen, die jeden Einzelnen in der Gesellschaft betreffen, sind Chefsache. Das haben Sie sinngemäß in Davos den Spitzenmanagern klar gemacht, als Sie für das Thema Digitale Transformation warben. Wir sind aber überzeugt, dass sich nicht nur die Manager, sondern auch die Politiker dem Projekt Zukunft noch stärker und prominenter zuwenden müssen. Möglichst im Top-Management, und da haben wir – natürlich – an Sie gedacht 😉
Jetzt können Sie Fundamentales bewegen: Mit einer Vision, die jedem in der Gesellschaft klar macht, um was es geht, wenn von Industrie 4.0, Industrial Internet oder einer Revolution unserer Industrie und Ökonomie die Rede ist. Und einem vorgelebten Veränderungswillen auf oberster Management-Ebene, der in seiner Vorbildfunktion jedem klar macht, dass Stillstand keine Option ist. Davos 4.0 als Daueraufgabe!
Industrie 4.0 und die erste verlorene Halbzeit…
Warum ist uns dieser Appell so wichtig, dass wir bereit sind, ganz ungewöhnliche Wege des Dialogs zu gehen? Unter uns: Weil es eilt. „Das Fenster der Gelegenheit“: Im Digitalen öffnet und schließt es sich viel schneller als dies früher der Fall war. Wir haben die erste Halbzeit im Kampf um den digitalen Markt verloren.
Dieses Bild nutzt der Chef der Deutschen Telekom, um aufzuzeigen, dass Deutschland beim Internet der Consumer keine Rolle mehr spielen wird. Die smarten Produkte der Zukunftsökonomie von Google, Facebook, Apple, … – not invented here!
In der vergangenen Woche wurde dann deutlich, dass wir bei der zweiten Halbzeit um das Internet der Industrie bzw. die Industrie 4.0 nun dabei sind, endgültig das Spiel zu verlieren. Das aber wäre wirklich schicksalshaft für dieses Land. Kritik alleine bringt uns aber nicht weiter! Jetzt geht es darum, aus der Analyse der Vergangenheit und der Benchmark mit Wettbewerbern Hinweise für die Zukunft abzuleiten. Ziel muss es sein, dass die zweite Halbzeit erfolgreicher sein wird.
Was also tun…
Wenn wir schon auf Ihre Unterstützung setzen wollen, sollten wir auch im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten einen produktiven Beitrag leisten, quasi Basisarbeit bzw. Graswurzel-Engagement von interessierten Bürgern. In diesem Papier werden daher als „erster Wurf“ elf Umsetzungshinweise und Änderungswünsche (neudeutsch „Change Requests“) für Industrie 4.0 formuliert, die für einen Erfolg des Projekts hilfreich sein könnten.
Wir haben dafür dem „Volk aufs Maul geschaut“, etwa die letzten Konferenzen zum Thema (Bosch Connected World, Industrie 4.0-Tagung des HPI) und den Wettbewerb (IIC, AMP, …) studiert! Wenn man dort Franz Gruber von Forcam als Industrievertreter („Beispiele“, „Pragmatik“, „Speed“, s. auch Interview) oder Richard Mark Soley als „Wettbewerber“ lauscht („Business Cases“, ROI“, …), wird schnell klar, wohin die Reise gehen sollte, damit aus Innovationen Markterfolge werden.
Dabei versteht sich dieses Papier als Work in Progress und ist offen für eine umfassende „kollaborative“ Diskussion in der Branche ganz im Sinne einer kollaborativen Industrie 4.0. Der Ausdruck „Industrie 4.1″ deutet dabei an, dass wir natürlich auf dem Erreichten aufbauen sollten und zugleich Verbesserungen erwarten (4.2, …). Wir werden also den Dialog mit weiteren Mitstreitern für die Industrie 4.0 suchen, um aus diesem „Prototyp“ ein Produkt werden zu lassen.
Der unserer Meinung nach dringend notwendigen Marktorientierung entsprechend beleuchten wir im Folgenden zuerst die Ergebnisse („Produkte“), die durch Industrie 4.0 erreicht werden sollten, das, was hinten rauskommen sollte, und das dafür notwendige Vorgehen („Prozesse“, „PR“). Erst dann werden Fragen der Organisation des Projekts und des politischen und ökonomischen Rahmens diskutiert.
Ganz am Anfang wollen wir aber kurz unser Verständnis von 4.0 ausweisen, denn wenn die Perspektive bzw. das Ziel nicht klar ist, dann ist jeder Weg ein falscher Weg
Erster Punkt
Paradigma: Technik kein Selbstzweck, Wertschöpfung zählt
Im Zentrum von „Industrie 4.0″ steht für uns „paradigmatisch“ mit dem Begriff der „Kollaborationsproduktivität“ (s. u.a. Aachener Schule) eine neue Dimension der Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit der Wertschöpfung und damit eine neue Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der (deutschen) Industrie und des Standorts.
Neue Technologien sind in der Industrie 4.0 also (nur) ein Enabler für ein Mehr an Automatisierbarkeit, Intelligenz und vor allem Vernetzung/Kollaboration, durch die erst eine solche Steigerung möglich wird. Es werden enorme Wertschöpfungspotenziale durch die Umsetzung der hinter Industrie 4.0 stehenden Ideen erwartet, nicht nur eine höhere Effizienz, sondern auch neue Produkte und Services.
Die Realisierung dieser Wertschöpfungs- und Marktpotenziale soll das Projekt leisten, die „technologischen“ Grundlagenarbeiten sind vor allem Zulieferer! Sie sind aber kein Selbstzweck.
Zweiter Punkt
PR/Marketing: Professionelle Promotion der Idee und Resultate
Trotz der enormen Potenziale der Industrie 4.0 ist der Bekanntheitsgrad der Konzepte und Erfolgsbeispiele bisher eher als gering einzuschätzen. Diese Diskrepanz zwischen der Beschreibung der enormen wirtschaftlichen Potentiale und der fast existentiellen Bedeutung auf der einen Seite und der Wahrnehmung in der Industrie und der Öffentlichkeit auf der anderen muss überwunden werden.
Das „Team Deutschland“ braucht einen entsprechenden, sich verstärkenden Team-Spirit. Auch zukünftige Generationen sind für das Thema zu begeistern (und zu qualifizieren, s.u.). Die Ausbildung der kommenden Generationen von Arbeitskräften ist auf die zukünftigen Anforderungen auszurichten („Master of Interoperation and Business Integration“).
Dritter Punkt
Frühe Prototypen und Best Practice für schnelle Sichtbarkeit
Die Leistungsfähigkeit des Gesamtkonzepts und die Funktionsweise der erarbeiteten Lösungsansätze müssen früh und fortlaufend durch Beispiele und Demonstratoren nachgewiesen werden. Dies dient zum einen der Überprüfung der Praxistauglichkeit. Zum anderen fördern funktionierende Beispiele das Vertrauen aller Beteiligten in die Erreichbarkeit der hoch gesteckten Ziele.
Das einzige was zählt, ist der Erfolg, der sich dann auch verstärkt! Und es gibt bereits eine Vielzahl von Erfolgsbeispielen, in Schwaben, Ostwestfalen-Lippe, in Aachen, in Karlsruhe,… und selbst in der Hauptstadt Berlin: Viele Unternehmen und Forschungsinstitutionen haben schon längst beeindruckende Prototypen und Best Practices realisiert. Das gilt es auszubauen.
Vierter Punkt
80 Prozent-Lösungen und pragmatische Vorgehensweisen
Dabei müssen wir an das Timing denken („Speed“!). Heute vorhandene Technologien und marktführende Systeme müssen zeitnah neu kombiniert und weiterentwickelt werden, um schnell und schrittweise „Basissysteme 4.0″ entstehen zu lassen.
Bei allen weiteren Innovationen darf deutsche Gründlichkeit nicht zu Marktnachteilen gegenüber schnelleren Wettbewerbern führen. Auch eine 80%-Lösung kann am Markt erfolgreich sein. Pragmatik muss das Vorgehen bestimmen, um die notwendige Geschwindigkeit sicherzustellen. An Perfektionismus kann ein Projekt wie Industrie 4.0 sterben.
Fünfter Punkt
Partizipation: Interdisziplinäre Zusammenarbeit der gesamten Industrie
In Deutschland sind alle notwendigen Fähigkeiten zur Lösung der Aufgabenstellungen verfügbar, die es jetzt umfassend zu vernetzen gilt. Eine komplexe Aufgabenstellung wie Industrie 4.0 kann nur in solchen Netzwerken gemeinsam realisiert werden, die entsprechend zusammenzuführen sind.
Eine Vernetzung soll besonders betont werden: Es kommt insbesondere darauf an, die Kraft großer Unternehmen und die Flexibilität des Mittelstandes (und von Start-Up-Unternehmen!) industrieübergreifend zu bündeln.
Der deutsche Mittelstand zeichnet sich durch eine enorme Flexibilität und großen Erfindergeist aus. Gemeinsam mit den großen Flaggschiffen der Industrie mit ihrer Kraft und globalen Präsenz müssen umsetzungstaugliche Konzepte industrieübergreifend erarbeitet und kooperativ umgesetzt werden.
Sechster Punkt
Projekt-Kopf: Unabhängige und umsetzungsorientierte Kompetenzgruppe
Das Leuchtturm-Projekt „Industrie 4.0″ bedarf, seiner Bedeutung für den Standort Deutschland entsprechend, einer „prominenten“ Koordinations- und Synchronisationsinstanz als „Gesicht“ für dieses Projekt. Im Vordergrund aller Koordinationsaktivitäten müssen die Umsetzbarkeit und der mittel- und unmittelbare Nutzen für die Industrie und die Gesellschaft stehen.
Die Forschung in enger Kooperation mit der Industrie liefert die Konzepte. Die Grundlagenforschung unterstützt die Umsetzbarkeit der entstehenden Lösungsansätze. Der Politik kommt die Aufgabe zu, sämtliche Maßnahmen zu synchronisieren und entsprechend der Bedeutung der Initiative „Industrie 4.0″ für den Standort Deutschland zu fördern (s.u.).
Siebter Punkt
Politik und Gesellschaft I: Sinnvolle, pragmatische Standardisierung
Alle Anstrengungen dieses „fundamentalen“ Projekts werden nur gelingen, wenn auch die Rahmenbedingungen passen, die Politik, Verbände, Normung, Gesellschaft, Medien,… schaffen. Hier können nur beispielhaft einige Aufgaben angerissen werden wie Standardisierung, Besteuerung oder Infrastruktur.
Die Standardisierung der innerbetrieblichen und unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit unter den Aspekten der Dezentralisierung und zunehmender Autonomie der an der Wertschöpfung beteiligten Partner ist, soweit notwendig und möglich, voranzutreiben. Das Maß für die Praxistauglichkeit ist die Machbarkeit und Flexibilität der Ansätze. Die kontinuierliche Anpassbarkeit an sich verändernde Rahmenbedingungen ist zu unterstützen.
Das Beispiel MT Connect zeigt, wie hier im Umfeld unserer „Wettbewerber“ schnell und marktorientiert eine Erfolgsbasis für die Industrie 4.0, bzw. auf „amerikanisch“ das Industrial Internet, geschaffen wird.
Achter Punkt
Politik und Gesellschaft II: Steuerliche Begünstigung von R & D
Die Finanzierung von Forschungsaktivitäten muss erleichtert und Anreize für Investitionen müssen geschaffen werden. Ein Weg dorthin wäre sicherlich die steuerliche Begünstigung von Entwicklungsaufwänden als Ergänzung zur heute üblichen projektbezogenen industriellen Anwendungsforschung mit ihren komplexen Antrags- und Abrechnungsverfahren.
Neunter Punkt
Politik und Gesellschaft III: Infrastruktur für eine Vernetzung der Industrie
Der Standort Deutschland verfügt über eine hervorragende Infrastruktur. Weltmarktführende Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus, der Automatisierungstechnik oder aus der Chemieindustrie versetzen die Gesamtwirtschaft in die Lage, nahezu jedes Produkt in jeder gewünschten Menge und Qualität herstellen zu können.
Diese Fähigkeiten müssen durch eine fortgeschrittene Kommunikation und Vernetzung noch besser unterstützt werden. Die dazu notwendigen Services müssen stabil, flächendeckend und gesichert zur Verfügung stehen. Der Entwicklung tragfähiger Sicherheitskonzepte cloud-basierter Plattformen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu.
Zehnter Punkt
Politik und Gesellschaft IV: Zukunftsfähige Arbeitskonzepte
Der Wertewandel rückt neue bzw. andere Aspekte in den Vordergrund der Lebensplanung der Menschen. Gesellschaftliche und ökonomische Nachhaltigkeit spielen eine größere Rolle als in der Vergangenheit. Freiheit und Eigenverantwortung bei der Gestaltung des persönlichen Umfeldes werden neue Modelle bei der Gestaltung der Arbeitswelt hervorbringen.
Die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft für ökologische Themen weitet sich ebenfalls auf die Fertigungsindustrie aus. Der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen beschränkt sich aber längst nicht mehr nur auf den effizienten Einsatz von Rohstoffen und Material. Energie in jedweder Form rückt mehr und mehr in den Vordergrund, also auch „Arbeitsenergie“.
Elfter Punkt
Ökonomie I: Top-Management-Attention
Die Wirtschaft kann aber nicht nur fordern und nach politischer Unterstützung rufen. Selbst auch etwas zu tun, ist mehr denn je die Devise der Stunde. Der Wandel wird nur gelingen, wenn sich neben Politik, Forschung und Verbänden vor allem Unternehmen auf relevanter Entscheiderebene engagieren. Eine Industrie 4.0 auf Experten- und Technikebene kann nicht die gewünschte Zukunftsmobilisierung sicherstellen. Industrie 4.0 und allgemeiner die Digitalisierung müssen Top-Priorität werden.
Next Steps…
Die Hannover Messe Industrie 2015 steht vor der Tür. Die Autoren werden dieses Forum und andere Foren nutzen, um an der Ausarbeitung des „Umsetzungsframework 4.1″ gemeinschaftlich zu arbeiten und Ergebnisse in den Wandlungsprozess einzubringen.
Aber am Ende gelingt ein großes Change-Projekt nur mit dem Top-Management. Und daher sind wir und viele andere natürlich auf Ihre Botschaften zur „neuen“ Industrie 4.0 gespannt … Machen Sie das Thema zur Top-Priorität!
„We choose to go to the moon … not because they are easy,
but because they are hard, because that goal will serve
to organize and measure the best of our energies and skills,
because that challenge is one that we are willing to accept,
one we are unwilling to postpone, and one which we intend to win …“
Kennedys historische Worte nach dem ersten Scheitern der Amerikaner im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums („Gagarin“).
Wir sind gespannt auf Ihre Antwort, Frau Bundeskanzlerin.
Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle. Ich halte das sogar für eine konservative Einschätzung. Selbst deutsche Autokonzerne gehen recht lässig mit den Herausforderungen der digitalen Transformation um: So hat sich Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview zum Gerücht geäußert, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen:
„… wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend.“
Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte. Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasst neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen. Nachzulesen in meiner The European-Abhandlung.
Vernetzung, Plattformen und digitale Ökosysteme werden auch für Industriebetriebe immer wichtiger.
„Das kommende System Auto basiert auf einem vernetzten Betriebssystem über das Einzelfahrzeug hinaus, aus dem sich neue Produkte und Märkte ergeben. Uber wird mit rund 40 Milliarden Dollar bewertet (sechs Mal mehr als Lufthansa), weil es das Betriebssystem für den Transportmarkt plant. Viele Anwendungsfälle des Produkts Auto können mit der richtigen Plattform anders abgebildet werden als durch den schnöden Produktkauf. Egal, ob Uber oder ein Wettbewerber den Transportmarkt software-seitig aufessen“, so Sascha Lobo in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne.
Branchenfremde Größen aus der digitalen Sphäre können sehr schnell in traditionelle Geschäfte eindringen und durcheinander wirbeln – das gilt für den Produktionssektor und Dienstleistungssektor gleichermaßen. So erleidet die Hotelwirtschaft zur Zeit schmerzhafte Umsatzeinbrüche durch Airbnb, der Zimmerbörse auf Speed, wie es Lobo formuliert:
„Airbnb bedeutet, dass man inzwischen im Internet übernachten kann. Zetsches Kommentare klingen, als hätte die Vorstandsvorsitzende einer Hotelkette vor Airbnb erklärt, dass sie Digitalkonzerne nicht ernsthaft bedrohen könnten. Weil die Hotelwirtschaft logistisch zu komplex für Anfänger sei.“
Arroganz, Selbstsicherheit und Ignoranz können sich die Firmenlenker der Deutschland AG nicht leisten. Wie das im Mittelstand geändert werden kann, diskutieren wir heute ab 16:30 Uhr in einem Live-Hangout als Vorbericht der diesjährigen Cebit-Mittelstandslounge in Halle 5, wo ich vom 16. bis 20. März als Moderator im Einsatz bin.
Gäste: Hannes Häfele von Oracle Deutschland, Hartwig von Saß vom Cebit-Presseteam, Rechtsanwalt Markus Nessler und Andreas Fischer vom G+F-Verlag.
Über allen IT-Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.
Im April 2013 ging die so genannte Plattform Industrie 4.0 als Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsverbände BITKOM, VDMA und ZVEI mit großen Erwartungen an den Start, um die Hightech-Strategie der Bundesregierung maßgeblich zu unterstützen. Die Initiative steht für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste in industriellen Prozessen, in Produktion und Logistik, mit weitreichenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. Was die drei Verbände zustande gebracht haben, die immerhin rund 6000 Mitgliedsunternehmen der deutschen Spitzenindustrie repräsentieren, ist spärlich.
Die USA sind dabei, auch bei der vernetzten Industrie Trendsetter zu werden, warnt Franz Eduard Gruber, Gründer und Chef der Software-Firma Forcan, die sich auf die Steuerung von Maschinen spezialisiert hat. Die Amerikaner haben nach seinen Erfahrungen erkannt, dass die Standardisierung in der Kommunikation von Maschinen und Sensoren entscheiden ist.
Die USA hätten mit dem offenen Standard MTConnect bereits Fakten geschaffen. Bei der Interoperabilität gehe es um das Kernthema von Industrie 4.0:
„Wir müssen es schaffen, heterogene Steuerungen via Informationstechnologie zu vernetzen. Hier haben die Amerikaner mit MTConnect wieder Führungsarbeit geleistet“, sagt Gruber.
Verbände dürfen Standard nicht kommunizieren
Nun sei die deutsche Verbandsinitiative aber nicht untätig gewesen, kontert Kuka-Systemarchitekt Heinrich Munz, der bei der Plattform Industrie 4.0 als stellvertretender Vorsitzender der Arge 2 tätig ist. Es gehe nicht voran wegen mangelhafter Arbeit.
„Wir haben diesen Standard intern definiert, dürfen ihn in der Öffentlichkeit aber nicht sagen. Das Wettbewerbsrecht der Verbände verbietet, dass wir in der Verbandsarbeit solche Dinge kommunizieren dürfen. Wir dürfen keine Empfehlungen geben und wir dürfen es nicht beim Namen nennen.“
Das sei einer Gründe, warum die Plattform unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministerium umorganisiert wird. Hat man das eigentlich bei der Gründung der Plattform nicht gewusst? In den vergangenen Tagen wurde jedenfalls deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren könnten, kritisiert Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser in der Sendung „Kompetenzgespräche“.
„Dass zugleich deutsche Industrie-Ikonen ihre neue Liebe zum amerikanischen Wettbewerber, dem Industrial Internet Consortium, in der Breite entdecken, ist der eigentlich wichtigste Warnindikator dafür, dass der bisherige deutsche Weg 4.0 auf einem Abstellgleis enden kann“, so Felser.
Industrie 4.0 bedeutet nicht nur Roboter und RFID-Chips, sondern vor allem bessere Produkte, Services und Prozesse durch Zusammenarbeit in Produktionsnetzwerken.
„Wir arbeiten uns in Gremien jahrelang an Standards und Normungen ab, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und verlieren dabei die Marktdynamik aus dem Auge“, weiß Felser.
Karl Tröger von der PSI AG, der in fast allen Industrie-4.0-Kreisen mitwirkt, hält die Organisationsprobleme für beschämend.
„Wir bekommen es nicht hin, solche Initiativen auf die Straße zu bringen. Man braucht nicht den allumfassenden Super-Standard, sondern Beispiele und Ideen. Jeder zieht sich auf seine persönlichen ökonomischen Interessen zurück, statt etwas im Sinne der Gesamtheit zu tun“, betont Tröger im Kompetenzgespräch.
Industrie-4.0-Bürokraten
Es werden enorme Potenziale durch die Umsetzung der hinter Industrie 4.0 stehenden Ideen erwartet. Dennoch sei der Bekanntheitsgrad der entsprechenden Konzepte in Unternehmen eher gering.
„Diese Diskrepanz zwischen der Beschreibung der wirtschaftlichen Potenziale und der Wahrnehmung in der Industrie muss überwunden werden. Das ‚Team Deutschland‘ braucht einen entsprechenden Team-Spirit“, fordert Tröger.
Industrie 4.0 sei vor allem eine dezentral-intelligente, vernetzte und kooperative Industrie.
„Technik ist dafür nur der Enabler“, erklärt Felser.
Wir machen es in Deutschland schön kompliziert, statt komplex zu denken und einfache Lösungen auf dem Markt zu etablieren. Das macht das IIC besser und das liegt vor allem an der Führungsfigur. Richard Mark Soley ist ein Antreiber, Marktkenner und exzellenter Redner im Unterschied zu den Industrie-4.0-Bürokraten in deutschen Spitzenverbänden und Ministerien, erklärt ein Branchenkenner. Soley gibt der amerikanischen Initiative ein Gesicht. Die liebwertesten 4.0-Gichtlinge in Deutschland verstecken sich lieber hinter Arbeitskreisen und Normungsgremien. Es reicht nicht aus, wenn Verbandsvertreter des Maschinenbaus, der Elektroindustrie und der Informationstechnologie, das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit dem IIC sprechen. Sie sollten international auch das nötige Sendungsbewusstsein entwickeln und frühzeitig einen Blick in das Wettbewerbsrecht werfen.