Digitalisierungspolitik der #GroKo mangelhaft: Booz-Technologieexperte rechnet mit Wachstumsverlusten

In der Digitalisierungspolitik fehlt der GroKo wohl der Durchblick
In der Digitalisierungspolitik fehlt der GroKo wohl der Durchblick

ichsagmal-Interview mit Dr. Roman Friedrich von Booz & Co. zur Digitalen Agenda der GroKo.

Bericht zum Interview folgt.

Das Morgen der #GroKo sieht nach gestern aus – Baulärm statt digitale Agenda

Sumokatze statt #GroKo
Sumokatze statt #GroKo

Der Sound des Koalitionsvertrages von Union und SPD heißt „Baulärm“. So sieht es zumindest die Zeit:

„Renovierung der Straßen und Städte, Bau von Windrädern und modernen Gaskraftwerken, Wärmedämmung, Glasfaserkabel.“

Die GroKo mache Sachen zum Anfassen und Draufhauen. Dieses Morgen der neuen Regierungspolitik sieht nach gestern aus. Klassische Industriepolitik, auch wenn in jedem Kapitel des prosaischen Werkes ein wenig Digitales aus den Seiten rieselt. Ein roter Faden für eine digitale Agenda ist nicht zu erkennen. Eher spiegelt das Koalitionsmärchenbuch die Machtansprüche von CDU, CSU und SPD beim Gerangel um Ministerposten und Ressortverantwortlichkeiten wider.

Wo das hinführt, konnte man in der Vergangenheit bei den Bund Online-Aktivitäten erkennen. Es waren Totgeburten. IT-Kuddelmuddel. Die notwendige Kooperation der Ministerien scheiterte an dem Gezerre um Zuständigkeiten, Kompetenzgerangel oder schlichtweg an lethargischen Oberamtsräten. Da können noch so viele Internet-Kompetenzzentren oder Internet-Institute ins Leben gerufen werden. Es steigert einzig und allein die Gier nach Planstellen, um sich für die Organigramme aufzuhübschen, die dann irgendwann nach der Regierungsbildung im Behördenspiegel erscheinen – doppelseitig abgedruckt. Besonders eifrig ist die CSU mit ihrem Innenminister Friedrich bei der Aufrüstung der Sicherheitsbehörden im so genannten „Cyberkrieg“. Da lässt man es so richtig krachen – mit neuem Personal, lukrativen Berateraufträgen und einer opulenten Einkaufsliste für das Beschaffungsamt.

Die Horror-Märchen von der drohenden Netz-Apokalypse bringen zwar kein schnelles Internet und stellen keine Weichen für die digitale Transformation, sie nähren aber ein Kartell von Sicherheitsberatern und Softwarefirmen, um sich gegenseitig Gruselgeschichten über Killerviren zu erzählen oder sich in martialischer Pose im Cyber-Abwehrzentrum ablichten zu lassen. Man züchtet ein Biotop mit einer paranoid anmutenden, extrem hermetischen Gedankenwelt, so Thomas Knüwer.

Industriepolitisch wäre Baulärm beim Glasfaser-Ausbau eine gute Sache. Aber den wird es nicht geben. Da lag der Zeit-Redaktion wohl die Montagsversion des Koalitionsvertrages vor, die ich am Dienstagabend durchgeackert habe:

„Bis zum Jahr 2018 soll es in Deutschland eine flächendeckende Grundversorgung mit mindestens 50 Mbit/s geben. [Zur Umsetzung dieser Ziele wollen wir die dafür notwendigen privaten Investitionen für den Breitbandausbau um einen Förderbetrag des Bundes in Höhe von einer Milliarde Euro pro Jahr ergänzen.]“

Die eckigen Klammern hätten mich wachsamer machen müssen. Dieser Satz ist in der Endfassung rausgeflogen. Falk Steiner hat gestern darauf hingewiesen, dass im Vertrag keine finanzielle Zusagen gemacht werden. Stattdessen will die Koalition nur “rechtliche Rahmenbedingungen” schaffen, um den Ausbau zu ermöglichen.

Bezahlen sollen andere.

Hier wird die digitale Radio Eriwan-Politik der GroKo am deutlichsten. Um das milliardenschwere Investitionsvolumen für den Ausbau des neuen Mobilfunkstandards LTE und Glasfasernetze aus den Überschüssen finanzieren zu können, müsste es den Netzbetreibern schnellstmöglich gelingen, den zunehmenden Datenverkehr in Umsätze zu verwandeln. Und genau das gelingt nicht. Das Geschäft machen Google, Apple und Co. Wird die Netzneutralität gesetzlich im Telekommunikationsgesetz verankert, wie es im Koalitionsvertrag steht, verharren die Netzbetreiber in ihrer selbst erschaffenen Flatrate-Falle. Deshalb muss der Staat investieren und sogar die verfassungsrechtlichen Grundlagen für die Notwendigkeit eines schnellen Internets schaffen – es geht um ein Gebot der Grundversorgung.

Es gibt eine Korrelation zwischen Digitalisierung, Netzausbau und Arbeitsplätzen – übrigens auch in der von der Großen Koalition so geliebten Industrie:

„Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Derzeitig gibt es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zischen Maschinen und Produkten. Bis 2020 liegen wir nach Prognosen von Cisco bei 50 Milliarden Gegenständen. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir bereits jetzt konsequent in den Breitbandausbau investieren. Ansonsten können wir in Deutschland die Früchte unserer Grundlagenforschung und Innovationen der vierten industriellen Revolution nicht ernten“, weiß Harvey Nash-Chef Udo Nadolski.

Der Koalitionsvertrag verpasst aus Sicht des Bundesverbandes IT-Mittelstand (BITMi) die Chance, den notwendigen digitalen Aufbruch einzuleiten.

„Es ist äußerst bedauerlich, dass die eine Milliarde Euro für den Breitbandausbau sowie die für den IT-Mittelstand sehr wichtige steuerliche Forschungsförderung in letzter Minute gestrichen worden sind. Die Prioritäten der großen Koalition sind leider falsch“, beklagt BITMi-Präsident Oliver Grün.

Lust auf Interviews zur digitalen Agenda der GroKo? Dann direkt bei mir melden.

Siehe auch:

Thema Netzpolitik – da wäre mehr möglich gewesen.

Koalitionsvertrag: Keine Netzneutralität aber Neutralität bei Suchergebnissen?

Pfeifen im Walde oder: So viel Digitales war noch nie!

Henne, Ei, Angebot oder Nachfrage – Wer ist Schuld am langsamen Internet? #Bloggercamp.tv

Merkel-Gipfel mit Männern in dunklen Anzügen: Foto von Hannes Schleeh
Merkel-Gipfel mit Männern in dunklen Anzügen: Foto von Hannes Schleeh

Heute Abend diskutieren wir in unserer zweiten Bloggercamp.tv-Session, um 19:30 Uhr mit Constantin Mang vom ifo Institut, Zentrum für Bildungs- und Innovationsökonomik, über die Frage, warum unser Netz in Deutschland so lahm ist.

Das ifo Institut kommt im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium zu dem Schluss, dass es an der schwachen Nachfrage liegt – warum überrascht mich das jetzt nicht….

Dazu die ifo-Studie:

„Vor 15 Jahren wurden die Telekommunikationsmärkte in Deutschland liberalisiert. Die Verbraucher profitierten damit nicht nur von sinkenden Preisen, sondern auch von der Verfügbarkeit immer schnellerer Netze. Gab es Anfang 2005 beispielsweise noch so gut wie keine Internetanschlüsse mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von mehr als 3 Mbit/s, kann heute jeder zweite in den Genuss eines Hochgeschwindigkeitsanschlusses mit mindestens 50 Mbit/s kommen (?????,gs), Zugänge mit 16 Mbit/s sind für knapp 75 Prozent der Bevölkerung verfügbar und rund 85 Prozent der Bevölkerung haben die Möglichkeit, zumindest eine Leitung mit 6 Mbit/s nutzen zu können. (äh, an der Rechnung stimmt doch irgendwas nicht, gs).

Allerdings hinkt die Nachfrage hinterher. 70 Prozent aller Internetanschlüsse in Deutschland weisen eine Zugangsgeschwindigkeit von nur 6 Mbit/s oder weniger auf, und lediglich 10% der Haushalte mit Internetanschluss haben eine Leitung mit 16 Mbit/s. „Auch wenn in ländlichen Gebieten die Verfügbarkeit von schnellen Breitbandanschlüssen sicher noch zu wünschen übrig lässt, zeigt dies, dass ein Großteil der Bevölkerung hohe Anschlussgeschwindigkeiten verhältnismäßig wenig nachfragt“, erklärt Prof. Dr. Oliver Falck, Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Bildungs- und Innovationsökonomik. Des Weiteren ist auch das Datenvolumen pro Nutzer nicht in dem Maße gestiegen wie erwartet. Bei leistungsgebundenen Internetanschlüssen lag es in den vergangenen Jahren bei 12 Prozent, die prophezeite Explosion im Datenverkehr pro Nutzer lässt also weiterhin auf sich warten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Mobilfunk. Auch dort ist die Nachfrage nach den schnellen LTE-Tarifen eher verhalten. So verfügt zwar die Hälfte der Haushalte an ihrem Wohnort über LTE-Netzabdeckung, aber die Zahl der LTE-Kunden beträgt gerade mal 1,12 Mio., bei aktuell 40 Mio. Nutzern mobiler Datendienste.

Anwendungen mit Wachstumspotenzial können Nachfrage stimulieren

Eine Erklärung für die geringe Nachfrage ist, dass noch zu wenige überzeugende An-wendungen für Nutzer existieren (wie sollen sich diese Anwendungen denn entfalten bei einer schlechten Infrastruktur?, gs). Der Blick auf die Inhalte des Datenverkehrs offenbart, dass in Europa sowohl im Fest- als auch im Mobilfunknetz ca. 40% des Datenverkehrs auf Streaming-Dienste entfallen, in den USA sind es sogar 70%. „Geht man davon aus, dass die Nachfrage nach schnellen Anschlüssen vor allem auf Unterhaltungsdienste zurückzuführen ist, könnte dies die Zurückhaltung der Verbraucher erklären. So sehen Internetznutzer mit Satelliten- oder Kabelfernsehen eventuell nur wenig Nutzen darin, über internetbasierte Dienste fernzusehen“, kommentiert Falck.“

Mehr Vernetzung bitte
Mehr Vernetzung bitte

Nun ja, genügend Stoff für eine interessant Debatte Constantin Mang. Wer sich übrigens in der Sendung mit Constantin Mang kontrovers auseinandersetzen möchte, ist herzlich eingeladen. Schnell bei mir oder Hannes Schleeh melden. gunnareriksohn@gmail.com Wer sich während der Liveübertragung via Twitter an der Diskussion beteiligen möchte, benutzt bitte #bloggercamp als Hashtag. Man hört und sieht sich hoffentlich heute Abend.

Meine Position dürfte bekannt sein 😉

Die Netzbetreiber argumentieren ja ähnlich wie ifo und Wirtschaftsministerium: VATM-Studie: Zur Lage der TK-Dinosaurier – Warum Apple und Google besser sind. Dr. Roman Friedrich von Booz & Co. kommt da zu einer ganz anderen Erkenntnis:

„Es gibt eine ganz starke Korrelation zwischen der Infrastruktur-Ausstattung eines Landes und dem Sozialprodukt. Hier fallen wir zurück. Im weltweiten Maßstab sinken unsere Investitionen für Festnetz, Mobilfunk und Breitbandkommunikation. Wir verschenken damit Wachstum. Das ist leider ein Ergebnis der Regulierung.”

Oder auch: Ideenlose Beamten-Elite: Keine Netzvisionen.

Und nicht zu vergessen:

Altherren-IT-Gipfel, Krankenakte digitale Wirtschaft und leere Versprechen eines Ministers.

Flat! Flat! Flatrate-Propaganda oder: Was stört die #Drosselkom ihr Geschwätz von gestern

Telekomshop Bonn Duisdorf am 26. April 2013

Vielnutzer sind schuld, Google ist schuld, Youtube ist schuld, Gott-und-die-Welt sind schuld – an den Datenschmerzen der Telekom. Dabei ist wohl eher die Flatrate-Propadgana der Telekom selbst verantwortlich für die Empörungswellen, die sich über den Magenta-Konzern ergießen. Über Jahre hinweg war das Flatrate-Argument der einzige Stützpfeiler für die Kundengewinnung. Und selbst heute, am 26. April, werde ich vom Telekom-Shop in Bonn-Duisdorf mit Flat-Sprüchen bombardiert.

Ob nun für mobiles oder stationäres Internet. Die Telcos insgesamt – nicht nur der ehemalige Bonner Staatskonzern – konnten in den vergangenen Jahren mit keinem innovativen Dienst im Datengeschäft punkten.

Die Telco-Welt ist flat

Nun wird halt der Kunde dafür abgestraft und mit Drosselpolitik in Angebote gelockt, die nicht auf den Datenverbrauch angerechnet werden – wie etwa der Ladenhüter Home Entertain.

Vor zwei oder drei Jahren klangen die strategischen Überlegungen der Netzbetreiber noch ganz anders: Sie müssten jetzt konsequent in Innovationen, Inhalte und neue Geschäftsmodelle investieren.

Die Agenda für Netzbetreiber sei klar. Man wollte an der App-Welle partizipieren. Die Zahl der App-Downloads werde weltweit in den nächsten fünf Jahren von 1,4 Milliarden auf rund 19 Milliarden steigen. Dieses Volumen bringe den Anbietern einen App-Umsatz von 17 Milliarden Euro ein. Zudem sollten Netzbetreiber über die Vermarktung eigener mobiler Werbeformen nachdenken und ihre Aktivitäten im Videogeschäft ausbauen. Notwendig seien konvergente Betreibermodelle, eine radikale Kostenreduzierung und die Entwicklung zum „Smart Innovator”.

So erläuterte der TK-Berater Roman Friedrich von Booz das mögliche Zukunftsszenario für Telekom und Co.

Und nun geht es nur noch um die Erhöhung der Transportgebühren, nachdem andere Kühe nicht mehr gemolken werden können, wie etwa SMS und Sprachdienste. Wo man doch so lange Skype und andere Angebote blockieren wollte. Auch WLAN-Hotspots sind über lange Zeit nur mit der Zange angepackt worden, um nicht das eigene Geschäft zu kannibalisieren.

Immer ging es nur darum, als Quasi-Monopolist den schnellen Euro mit möglichst geringem Aufwand zu verdienen – ohne sich das Gehirn über neue Geschäftsmodelle zu zermartern.

Welche netzpolitischen Konsequenzen sich aus dem Telekom-Angriff auf die Netzneutralität ergeben, diskutiere ich um 15 Uhr in einem Hangout-Interview mit bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk und Hangout on Air-Operator Hannes Schleeh. Wer jetzt spontan Entschluss fasst, bei der Diskussion mitzumachen, sollte sich jetzt direkt bei mir melden.

Siehe auch:

Werbespot erklärt Drosselpläne der Deutschen Telekom: “Hallo Zukunft”

„Zwangsdrosselung ist ein massiver Eingriff in die soziale Teilhabe“

Wie man das Netz einfacher und dezentraler gestalten könnte #Netzpolitik #Bloggercamp

Netzgedanken

Systemingenieur und Bloggercamp-Kollege Bernd Stahl und Hangout on Air-Operator Hannes Schleeh machen sich in der netzpolitischen Debatte Gedanken über dezentrale Strukturen im Netz, die für mehr Konkurrenzdruck sorgen könnten.

„Immer mehr Leute denken über sogenannte Mesh-Networks nach. Es wäre eine Renaissance des ursprünglichen Internet Spirits“, so Stahl von Nash Technologies.

Personalisierte Cloud-Dienste unterliegen dann keinem Diktat mehr von Algorithmen oder moralinsauren Web-Konzernen. Ähnlich sieht das Felix Stadler von der Zürcher Hochschule der Künste. Anstatt auf eine zentrale und zentralisierte Infrastruktur zu vertrauen, die Vernetzung organisiert, werde eine neue Generation von Plattformen entwickelt, die auf dem Prinzip der Maschen (engl.: mesh) beruht. Eine gemeinsame Infrastruktur soll durch die Vernetzung vieler einzelner lokaler Netze entstehen, die Daten untereinander weiterreichen. Damit würden die zentralen Kontrollpunkte des Netzes entfallen und man stärkt das emanzipatorische Potenzial des Netzes.

Virtuelle Assistenzsysteme wirken dann als Stützpfeiler und nicht als Heilige Inquisition. Sie befreien mich von ärgerlichen Routinearbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Der Rest wird bestimmt durch die eigene Intuition und die kann man auch künftig nicht perfekt vorhersagen.

„Mein Traum ist ein Social Media Dial Tone. Darüber ist noch nicht viel gesprochen worden. Einen Dial Tone kennt jeder von uns aus dem Telefon – es geht um den Wähl-Ton. Er garantiert den ständigen Zugriff auf Dienste, unabhängig vom Operator und vom Aufenthaltsort meines Kommunikationspartners sowie ohne Ausfälle, die bei Skype, Twitter, Facebook oder Apps an der Tagesordnung sind. Beim Social Media Dial Tone stürzt nichts ab. Keine Mehrfachkonten. Keine separaten Social Media-Inseln. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter einer Haube. Wieso muss der Wildwuchs-Spaghetti der Entwickler dem Internet-Nutzer eins zu eins zugemutet werden? Es geht darum, aus sozialen Netzwerken echte Services zu generieren: vernetzt, hochverfügbar, flexibel und unabhängig vom Endgerät“, erklärt Stahl.

Gleiches gelte für die Vernetzung von Cloud-Diensten, die bislang nur als Silos angeboten werden. Die netzpolitische Exkursion wird fortgesetzt.

Heute Abend geht es weiter mit Bloggercamp TV. Zwei Sessions: Um 18,30 Uhr und 19,30 Uhr.

Siehe auch:

Einsatz für ein offenes Netz.