Supercomputer zur Weltrettung für 20 Euro

Der Kombinatoriker Lullus

Auf der Suche nach der Welterklärungsmaschine, die der ETH-Professor Dirk Helbing ersehnt, ist man in der Literatur schon längst fündig geworden. Die Antwort lautet 42.

Science Fiction-Kenner werden bei dieser Zahl sofort hellhörig und auf das kürzeste und bekannteste Zitat des Douglas Adam-Romans „Per Anhalter durch die Galaxis“ verweisen. Es ist die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, die vom Super-Computer Deep Thought nach einer überschaubaren Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren ausgespuckt wird.

Um sich diesen Zeitaufwand zu sparen, könnte der liebwerteste ETH-Gichtling auch einen anderen Weg beschreiten: Einfach in ein Schreibwarengeschäft gehen und Utensilien zum Nachbau der Logik-Maschine von Raimundus Lullus kaufen. Er hatte so um 1300 auf dem mallorquinischen Berg Randa den göttlichen Auftrag empfangen, die Ars Magna zu verfassen. Entstanden ist eine logische Maschine zur Produktion von Aussagen mittels einer permanent sich differenzierenden und fragenden Reflexion. Ein Instrument zum Finden und Erfinden, zum Prüfen und Bestimmen, zum Entwerfen und Erobern neuer Räume des Denkens. Ein steter Kampf gegen das Ungewisse, gegen den Zweifel am Wissen. Nachzulesen in der exzellenten Arbeit von Werner Künzel und Peter Bexte: „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“.

Wundermaschine für 20 Euro

Die Bastelarbeit an dem Lullus-Supercomputer dürfte so für 20 Euro zu haben sein. Am Ende entsteht eine Denkmaschine für Spiel, Assoziation und Erfindungskunst, die übrigens Gottfried Wilhelm Leibniz zur Konzeption des binären Zahlensystems anregte.
Den Bau des Ars Magna-Apparates könnte der liebwerteste ETH-Gichtling auch mit einem Urlaub auf Mallorca und einer Besichtigung des Lullus-Klosters verbinden. Auf Cobol läuft dieses Kombinatorik-Meisterstück übrigens auch. Supercomputer sind da nicht vonnöten. Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne 😉

Reichen die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums an Steve Jobs heran?

Hier ein Ausschnitt meiner Apple-Story für den Fachdienst Service Insiders:

Die wahren Fähigkeiten des Steve Jobs-Konzerns liegen darin, eigene Ideen mit externen Technologien zusammenzufügen und die Ergebnisse in eine elegante Software und ein unverwechselbares Design zu verpacken. Apple beherrscht wie kaum eine andere Organisation die Inszenierung und Integration von Technologien ohne jede Scheu davor, Ideen von außen zu nutzen und sie mit den eigenen Kniffen zu veredeln. Steve Jobs ist zudem ein Meister der Klugheitslehre, wie sie im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Baltasar Gracián zu Papier gebracht wurde. Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, jederzeit „die Erwartung rege zu halten“, denn „die glänzendste Tat kündige noch glänzendere an“, führt Gracián in seinem Opus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus.

Man sollte seine wahren Absichten nicht allzu deutlich preisgeben. „Wer mit offenen Karten spielt, läuft Gefahr, zu verlieren“, bemerkt der spanische Geistliche. Das Gegenteil sei besser: Manchmal müsse man „Luftstreiche“ tun, also praktisch mit dem Schwert in die Luft schlagen, um den Gegner zu verwirren und die eigenen Absichten nicht deutlich werden zu lassen. Gleichzeitig erlauben solche „Luftstreiche“ oder Probierballons das Ausprobieren einer bestimmten Position, die zu Diskussion gestellt wird, ohne gleich als die eigene Meinung gelten zu müssen. Es erfordert ein hohes Maß an Geschicklichkeit, hinreichend Spannung aufzubauen und die anderen „über sein Verhalten in Ungewissheit“ zu halten. „Der Kluge lasse zu, dass man ihn kenne, aber nicht, dass man ihn ergründe“, schreibt Gracián im Handorakel (Nr. 3). Der Handlungsvorschlag setzt allerdings eine hohe Begabung voraus. Denn wichtig sei es, „bei allen Dingen stets etwas in Reserve“ zu haben. Nur dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit.

Die Kunst des Gerüchts wird im Internet zum Prinzip, meint Hans-Joachim Neubauer in seiner Abhandlung „Fama – Eine Geschichte des Gerüchts“ (Matthes & Seitz-Verlag). Die Nachricht nährt das Gerücht, und das Gerücht nährt die Nachricht. „Die so genannten Nachrichtenkanäle senden möglichst unmittelbar, steigern die Spannung mit Live-Schaltungen, bewerten, dramatisieren und taktieren im Minutentakt. Nachrichten werden überhöht, Pressekonferenzen geraten zum Spektakel – ein sich selbst infizierender Kreislauf der Wichtigtuerei ist entstanden“, führt Neubauer aus.

Besonders in der grenzenlos vernetzten Welt der automatisierten Nachrichtenspiegel und Informations-Ströme gelte das Gesetz der Popularität. In der Blogosphäre sei Qualität ein qualitativer Faktor. „Nicht mehr die Nachricht von den Fakten ist die Information, sondern die Nachricht vom Erfolg einer Nachricht“, erläutert Buchautor Neubauer. Das Urbild des Cyberspace stamme aber nicht aus dem 20. Jahrhundert, sondern sei schon 2000 Jahre alt. Was Ovid über das Haus der Fama schreibt, liest sich wie eine Vision unserer digitalen Gegenwart. Auch das Internet sei überall; wie Famas Haus hat es „tausend Zugänge“ und „unzählige Luken“, „bei Nacht und bei Tage steht es offen, ist ganz aus klingendem Erz, und das Ganze tönt, gibt wieder die Stimmen und, was es hört, wiederholt es“, weiß Ovid. „Alles, wo es geschehe, wie weit es entfernt sei, von dort erspäht man es; ein jeder Laut dringt hin zum Hohl seiner Ohren.“ Und schließlich „schwirren und schweifen, mit Wahrem vermengt, des Gerüchtes tausend Erfindungen und verbreiten wirres Gerede“. Was stimmt, könne niemand sagen, aber mitsprechen könne jeder. Die Echokammer des Hörensagens beherrscht in der Welt der Kommunikationstechnologien keiner besser als Steve Jobs. Daran werden die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums gemessen.