Schickt Hacker in die DAX-Vorstände – „Marktversagen“ der europäischen Unternehmen im Technologie-Wettbewerb #32c3

Google

Netzaktivistin Katharina Nocun beklagt beim Jahreskongress 32c3 des Chaos Computer Clubs die Dominanz von einigen wenigen amerikanischen Plattform-Betreibern und meint dabei vor allem Facebook. Es sei kein wirklicher Wettbewerb mit dem Zuckerberg-Konzern möglich. Faktisch sei Facebook der Anbieter für soziale Netzwerke für den Großteil der Welt. Dann folgt das übliche Datenkraken-Lamento:

„Basierend auf den Informationen, welche Profile wir anklicken, weiß Facebook, in wen wir verliebt sind und ob wir nach einer Trennung noch an einer alten Beziehung hängen“, so Nocun nach einem Bericht der SZ. Die gesammelten Informationen, die normalerweise für Werbung genutzt werden, könnten gefährlich werden, wenn sie in falsche Hände gelangen.

Ich finde diese Debatte ermüdend. Ähnlich geht es wohl dem Publizisten Gunter Dueck, der ständig mit Aussagen zum Ausverkauf unserer Daten konfrontiert wird. Was die Silicon Valley-Größen bei der personalisierten Werbung praktizieren, ist erst einmal nichts anderes als ein Service. Facebook, Google und Co. geben ihre Daten nicht weiter. Wo liegt nun eigentlich die Gefahr, liebe Katharina Nocun? Dueck fordert in solchen Debatten mehr Fachwissen. Wenn man Google oder Facebook Fehler oder gar Verbrechen beim Umgang mit Daten nachweisen würde, käme es direkt zum Zusammenbruch ihrer Aktienkurse. Das können diese Unternehmen nicht riskieren. Wer dann noch den Staat ins Spiel bringt, um die Datensammlung dieser Konzerne einzuschränken, macht sich vollends lächerlich.

“Der Staat selber ist der große Sünder, weil er keinen Aktienwert am Markt hat. Die machen in den Geheimdiensten, was sie wollen”, betont Dueck.

Und wenn der Staat mit seinen Geheimdiensten so operiert, kann er wohl nicht sehr glaubwürdig die Oberaufsicht über Google und Facebook übernehmen. Viele dieser Datensünden müssen wir also eher beim Staat verorten.

“Überraschenderweise gibt es dagegen keine Montagsdemonstrationen”, beklagt der ehemalige IMB-Cheftechnologe.

Nun bringt Nocun nicht den Staat ins Spiel, sondern dezentralisierte Netzwerke. Finde ich sympathisch. Aber wenn die Wirtschaftsfachfrau und Campact-Mitarbeiterin die Dominanz der amerikanischen Plattformen als „Marktversagen“ tituliert und von der Notwendigkeit einer Regulierung des Marktes (durch den Staat?) spricht, fehlen wohl noch ein paar Pflichtscheine in volkswirtschaftlicher Theorie.

Nocun meint wohl Marktmacht und nicht Marktversagen. Und dann käme das Wettbewerbsrecht ins Spiel und die Frage, ob Verbraucherinteressen durch die Marktdominanz beeinträchtigt werden. Das ist weder bei Google noch bei Facebook der Fall. Siehe auch: Für hausgemachte Geschäftsprobleme ist nicht das Kartellrecht zuständig.

Das Marktversagen liegt ganz woanders. Ursache für die digitale Macht von Apple, Google-Alphabet, Amazon und Facebook ist die Unfähigkeit der europäischen Unternehmen, mit der Digitalisierung zu spielen und neue Geschäfte zu erschließen. Um das zu erreichen, darf man eben nicht mehr auf IT-Abteilungsniveau mit klassischen CIOs arbeiten, die die bestehende Organisation nur auf Effizienz trimmen sollen, sondern muss experimentierfreudige Nerds, Hacker und Gamer an die Spitze des Managements stellen. Im Handelblatt-Ranking der 100 nach Börsenkapitalisierung größten Unternehmen sind 54 in den USA beheimatet. Und das liegt an den Champions für digitale Technologie. Allein das Trio Apple, Alphabet und Microsoft ist mit 1,4 Billionen Euro rund 300 Milliarden Euro mehr wert als die 30 größten Konzerne Deutschlands im Leitindex DAX. Bei den Europäern können nur Roche, Nestlé, Norvatis, die Baurerei Anheuser-Busch, Novo Nordisk und der Ölkonzern Royal-Dutch mithalten unter den Top 50 – also Old Economy. Im unteren Drittel findet man Bayer, SAP, Daimler, Siemens, Deutsche Telekom und Allianz. Hier liegt unser Problem.

Vielleicht sollte man darüber stärker auf dem nachweihnachtlichen Kongress des Chaos Computer Clubs reden und weniger im Abwehrmodus lamentieren. Gefragt ist also netzökonomische Expertise – bei den Netzaktivistin und bei den Führungskräften der Wirtschaft. Wäre zu einem Streitgespräch auf dem 33c3-Event in Hamburg bereit 🙂

In diesem Sinne. Man hört, sieht und streamt sich im nächsten Jahr. Wünsche Euch einen guten Rutsch.

Update:

Sieht nicht nach Facebook-Enthaltsamkeit aus
Sieht nicht nach Facebook-Enthaltsamkeit aus

Campact und der Einsatz von Social Media-Buttons

Schickt Super-Nerds in die Chefetagen #GrowthHacking #NEO15 #Digitalk

Nerdiger Dialog

Mit welcher Expertise wollen eigentlich Unternehmen in Deutschland die Angriffe der digitalen Plattform-Champions aus dem Silicon Valley kontern? Über Jahrzehnte rangierte die Informationstechnologie häufig unter der Verantwortung des Finanzvorstandes als Katalysator für die Kostensenkung. Letztlich landete man im Tal der Enttäuschungen und leeren Versprechungen. Folge: Auslagerung nach Indien – neudeutsch auch Offshore-Management genannt.

Spoiled Childs im Management

Geschäftsstrategisch laufen IT-Ausgaben immer noch unter dem Regime der Controller. Geniale Nerds sucht man in den Chefetagen vergeblich. Programmierer und Entwickler werden als exotische Hoodie-Trottel verspottet.

„Die Manager der Deutschland AG sind eher durch Anpassung und Duckmäusertum an die Spitze gekommen. Da wird verwaltet, gemänätscht eben – aber nicht erobert. Es wird kostenoptimiert und gedownsized, beste Beispiele die glücklose Commerzbank und Karstadt. Hier haben die Controller das Sagen. Wilde technologische Geschäftsideen sucht man bei diesen ‚Spoiled Childs’ vergeblich“, so Michael Zachrau im ichsagmal-Interview über den Nutzen von Growth Hacking – das erste Expertengespräch zur Next Economy Open, die am 9. und 10. November in Bonn stattfindet.

Die Plattformisierung der Wirtschaft

Die kalifornischen Nerds im Tal der radikalen Innovation dringen mit ihren digitalen Geschäftsmodellen und Software-Spielereien in nahezu jede Branche ein, schreiben Björn Bloching, Lars Luck und Thomas Ramge in ihrem neuen Buch „Smart Data“, erschienen im Redline Verlag. Während deutsche Führungskräfte in Meetings Worthülsen-Big-Data-Bullshit-Bingo spielen, klinken sich die amerikanischen Angbots-Aggregatoren und Datenauswerter in die Wertschöpfungsketten der klassischen Unternehmen ein und suchen den direkten Kontakt zu Geschäfts- und Privatkunden. Die drei Smart Data-Autoren nennen das Plattformisierung und Netzwerkeffekte:

„Der Clou an Plattformen in der digitalen Ökonomie ist: Sie können noch schneller und besser skalieren als Hersteller mit großer Marktmacht in klassischen Wertschöpfungsketten.“

Solange sich Meinungsführer in Deutschland eher an der Notwendigkeit von Digital-Pausen intellektuell ergötzen, die Einführung des Informatik-Unterrichts als Niedergang des bildungsbürgerlichen Humboldt-Ideals werten und die Abwehr von Like-Buttons als Sieg der Vernunft abfeiern, wird sich nicht viel bewegen. Smart Data und eine vernetzte Ökonomie wird es nur geben, wenn Super-Nerds die Agenda von Digital Talks, IT-Gipfeln, Wirtschaftsministerien und Geschäftsstrategien beeinflussen. Morgen ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen.

Siehe auch:

Aus dem Leben eines Netzaktivisten.

close up photo of guy fawkes mask

Lullus, der erste Hacker: Über die Lust an der digitalen Kombinatorik

Lullus

In der Netzökonomie-Campus-Initiative ist ein höchst pragmatischer Vorschlag in die Diskussion geworfen worden, wie man internet-aversive Unternehmer, Verbandsfunktionäre und sonstige relevante Entscheider in Teutonien ins Netzzeitalter katapultieren könnte. Man ummantelt schlichtweg die analogen Organisationen, Maschinen, Produkte, Services und Verwaltungsaufgaben mit einer digitalen „Schicht“. So eine Art „Verwaltungsschale“.

Mit Vernetzungskonzepten überzeugen

Dann wird vielleicht auch dem Mittelständler im schönen Westerwald, dem Kommunalpolitiker in Buxtehude und dem Wissenschaftler am Overhead-Projektor an der Uni Koblenz klar, was passiert, wenn man sich nach außen vernetzt. Alles, was analog ist, bekommt an irgendeiner Schnittstelle den Zugang zur binären Logik. In unserem eigenen Haus habe ich das schon längst umgesetzt, da es immer noch keine umfassenden Vernetzungskonzepte für die eigenen vier Wände aus einer Hand gibt. Unsere alte Yamaha-Musikanlage – der unkapputbare Verstärker stammt noch aus meiner Uni-Zeit in den 1980er Jahren – ist beispielsweise mit dem Airport von Apple verdrahtet und spult alles herunter, was in der digitalen Bibliothek abgerufen werden kann. Warum sollte ich also die High-End-Teile für satten Sound als Elektronikschrott entsorgen?

Legobau-Kenntnisse: Kleine Schritte in die digitale Transformation

Wer mit kleinen Digital-Experimenten operiert, bekommt schnell Appetit auf mehr. Was mit robusten Verstärkern möglich ist, kann man auch mit TV, Waschmaschine, Geschirrspüler, Beleuchtung und mit dem kompletten Haus bewerkstelligen – unabhängig vom Hersteller und vom Betriebssystem. Schnell landet man bei Open Source, offenen Schnittstellen und Protokollen – auch wenn man diese Begriffe überhaupt nicht im Vokabular führt. Legobau-Kenntnisse aus der Jugendzeit reichen aus. So kann man mit Legostein ähnlichen Klemmen des Anbieters Digitalstrom analoge Geräte wie Lampen, Rauchmelder, Rollos und Haushaltsgeräte mit wenigen Handgriffen digital aufrüsten.

In dem Lichtschalter von Digitalstrom befindet sich nicht nur eine Kommunikationseinheit, die man über das Internet steuern kann, sondern auch ein Sensor für Licht und Geräusche, wie Hannes Schleeh in einem Blogbeitrag ausführlich erläutert: Allein dadurch könne die bisher nur ein- und ausschaltbare Leuchte gedimmt, per Licht und Geräusch gesteuert werden. Das offene und modulare Konzept bietet Herstellern und Kunden nach Ansicht von Schleeh die Möglichkeit, individuelle Konzepte mit unendlichen Variationen auf den Weg zu bringen und eine Schneise für das Internet der Dinge zu schlagen.

Kleine und pragmatische Schritte in die digitale Transformation mit großer Wirkung. Wer den Nutzen der Vernetzung im Privathaushalt erlebt, verlangt ähnliche Anwendungen auch im beruflichen Umfeld und im Kundenservice.

Wenn Produkte und Services mit kleinen Stellschrauben für die digitale Welt anschlussfähig gemacht werden, vollzieht sich das Wunder der Kombinatorik auf den Spuren des Geistlichen Raimundus Lullus. Er hat die Digitalisierung bereits in seinem Hauptwerk „Ars Magna“ im Jahr 1300 auf Mallorca vorgedacht. Seine logischen Entwürfe wurden von den Wissenschaftlern Werner Künzel und Peter Bexte in die Computersprachen Cobol sowie Assembler auf einen Großrechner übertragen und erwiesen sich als ablauffähige Software – nachzulesen in dem viel zu wenig beachteten Opus „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“, erschienen im Insel-Verlag und über Amazon als antiquarische Kostbarkeit zu humanen Preisen noch verfügbar.

„Lullus war der erste Hacker in den himmlischen Datenbanken“, schreiben die beiden Autoren.

Appetithäppchen für meine morgige The European-Kolumne.

Vom Nutzen des Störenfrieds – Top-Management in Deutschland mit Schafen im Wolfspelz

Störenfried mit Superkräften oder doch eher Spargel-Tarzan?
Störenfried mit Superkräften oder doch eher Spargel-Tarzan?

Warum der Cebit Störenfriede guttun, habe ich in zwei Beiträgen näher erläutert. Etwa in meiner The European-Kolumne und hier im ichsagmal-Blog. In meinen Recherchen bin ich dabei auf ein interessantes Gespräch zwischen dem Soziologen Dirk Baecker und dem ehemaligen Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger gestoßen, veröffentlich in der sehr lesenswerten Zeitschrift „Revue – Magazine for the Next Society“. Beide haben die Notwendigkeit des Störens sogar auf die gesamte Wirtschaft bezogen – aus gutem Grund. Das ist ein probates Mittel für schwerfällige Unternehmen, um aus verkrusteten Bahnen auszubrechen und einen neuen Erfindergeist aus der Pionierzeit ihres eigenen Erfolges wieder zu entdecken. Was Konzerne wie Telekom, SAP und Co. umtreibt, sind letztlich Effizienzinnovationen:

„Also immer besser, schneller, höher, weiter – aber halt mehr vom Selben“, kommentiert der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger.

Die reine Effizienz-Denke, die auch in Konzernen der Autoindustrie vorherrscht, konnte dann aber nicht verhindern, dass ein Wettbewerber wie Toyota auf diesem Feld noch ein Stückchen besser ist. Vielleicht liegt es an unserer traditionellen Ausbildung der Ingenieure und der Dominanz der vertrockneten Betriebswirtschaftslehre, die zur Monotonie im Denken beitragen. Manager zelebrieren sich in der Aufrechterhaltung von Routinen, meint Sattelberger.

Es sind in der Mehrheit eher Schafe im Wolfspelz. Umgekehrt wäre es besser, da nur Wölfe in neuen Territorien streunen. Die reale Welt funktioniere anders als das gesprochene Wort des Top-Managements suggeriert, betont Sattelberger.

„Was macht die deutsche Telekom angesichts des hochprofitablen Siechtums im Mobilfunk und Festnetz? Was macht die deutsche Automobilindustrie mit der Einsicht, dass ihr Profit weitgehend von den Launen der ‚neuen Reichen‘ in Südamerika oder Asien abhängt? Da versagen die Firmen auf ganzer Linie.“

Insofern braucht das satte und arrivierte System viele kleine Störenfriede, die den alten Säcken auf die Nerven gehen und sie herausfordern. Honoratioren, die sich in der Pracht ihrer eleganten Dienstwagen suhlen und von der Protzigkeit ihrer eingebauten Turbotechnik ganz besoffen sind, können sehr leicht von den anarchischen Geisternder Netzszene demontiert und entlarvt werden. Wer in Seilschaften von Davos bis Brüssel im eigenen Saft herum mauschelt, verliert die Kraft für Neues.

Hacker, Blogger und Gründer als Verbündete

Eine große Chance für den nach wie vor lebendigen Mittelstand in Deutschland, Allianzen mit Hackern, Bloggern und Gründern einzugehen, Raum für Projektemacher zu schaffen, Nährboden für Startups zu bilden und Hotspots für verrückte Ideen ins Leben zu rufen, in denen geniale Konzepte für das nächste große Ding gedeihen. Das zählte zum Credo meines kleinen Cebit-Auftritts.

Von den Schnöseln im Dreireiher mit Einstecktuch ist das nicht zu erwarten. Die liebwertesten Gichtlinge der Deutschland AG verhandeln gerade über die Größe ihres nächsten Dienstwagens oder streiten über die Höhe der Abfindung ihres Fünfjahres-Vertrages. Gleiches gilt übrigens für viele Marketing-Fuzzis, die sich cool und smart in der Social Media-Szene tummeln. Ihr Targeting-Geschwalle bringt nicht einen guten Gedanken zum Vorschein. Die hemdsärmeligen und direkten Hacker sind mir da lieber.

Wir hören und sehen uns spätestens im nächsten Jahr auf der Cebit bei einem Sonderprogramm von Bloggercamp.tv mit dem Schwerpunkt “Blogger, Hacker, Gründer und die Transformation der Wirtschaft”: Klassik trifft dort real auf Tech-Revoluzzer.

Vielleicht auch ab sofort ein schönes Format, um die vernetzte Ökonomie neu zu denken. Hättet Ihr Lust auf einen Sofortstart? Meldet Euch einfach, um illustre Gesprächsrunden virtuell auf die Beine zu stellen.

Siehe auch:

Die CeBIT ist nicht die SXSW – und das ist auch gut so! Oder: Wer Äpfel mit Birnen vergleicht.

Mal schauen, ob Gesche Joost als Internet-Botschafterin der Bundesregierung genügend Störenfried-Potenzial besitzt oder brav ihre Meetings absolviert.

Im Bundestag klappt es wohl nicht.

Neuer Gründergeist: Hacker, Blogger und Startup-Unternehmer auf der #Cebit

Stativ-Innovation für Tablets
Stativ-Innovation für Tablets

Auf Twitter hat angeblich die Computermesse Cebit im Laufe der vergangenen Woche einiges an Kritik ertragen müssen. Das berichtet zumindest die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe. Im Jahre 2001 und danach seien die Züge von der Cebit zurück nach München laut und voll gewesen, schrieb ein Nutzer. Heute seien sie dagegen ruhig und leer.

„Du weißt, dass die Cebit ihren Zenit überschritten hat, wenn der ICE aus Frankfurt nicht mehr in Laatzen hält“, teilte ein anderer mit.

So unterschiedlich können die Eindrücke sein. In den vergangenen Jahren hat mich die Cebit immer mehr genervt. Wirkliche Trendthemen konnte man dort nicht mehr erkennen. Also schränkte ich mein Besuchsprogramm auf einen einzigen Tag ein. Ende der 90er Jahre war das noch ganz anders. In diesem Jahr hab ich mich über den einen Tag geärgert. Denn es herrscht ein neuer Geist auf der Cebit. Das liegt in erster Linie an den Bloggern, Hackern und Gründern, die immer mehr die Hallen durchfluten und nicht nur irgendwo als Alibi in irgendeinem Hallen-Eckchen als Exoten präsentiert werden.

Techlounge von Mobile Geeks. Moderations-Marathon von Sascha Pallenberg
Techlounge von Mobile Geeks. Moderations-Marathon von Sascha Pallenberg

Da gab des die Blogger-Hütte von Intel in Halle 17 mit der legendären Tech-Lounge von Mobile Geeks und vielen Blog-Freunden, die dort fast die gesamte Messezeit täglich berichteten. Da gab es in Halle 6 das space:d mit zweitägigem Hacker-Barcamp und Hackathon am letzten Messetag und spannenden Technik-Experimenten mit Google Glass, Lego, iBeacon und vielen anderen Hardware- und Software-Komponenten.

Social Media-Utopien im Mittelstand
Social Media-Utopien im Mittelstand

Da gab es Mittelstandsrunden, die offen und kontrovers über Social Media-Utopien disputierten (Achtung, Eigenlob).

Da gab es ein Konferenzprogramm mit interessanten und kritischen Analysen zur NSA, spannende Ausführungen zur Neuorientierung der Industrie (Stichwort: Abschied von der klassischen Massenfertigung) und natürlich der fulminante Auftritt von Apple-Mitgründer Steve Wozniak mit herrlich zugespitzten Statements zu den Überwachungsorgien seines Landes, zur Zukunft von Apple und zu seinen technologischen Leidenschaften:

Und dann gab es ja noch die Halle 16 unter dem Titel Code_n – der Hotspot für Startup-Unternehmen, die sich von den üblichen Langweiler-Themen wie ERP oder CRM abheben, so die treffende Analyse von Torsten Jensen, Vorstandschef von Asandoo:

„ERP oder CRM hat doch schon jeder. Wir interessieren uns für die Frage ‚What’s next.“

Hotspot für Gründer
Hotspot für Gründer

Die klassischen Netzbetreiber und IT-Spezialisten summen an ihren Messeständen immer das gleiche Lied. In Halle 16 war das anders.

Cebit

„Die Messegesellschaft hat das erkannt und arbeitet eng mit dem Bundesverband Deutscher Startups zusammen, um sich das Wissen der Gründer in die Cebit zu holen. Man sieht es auch an Pilotprojekten wie space:d, die als Hacker-Plattformen großen Anklang fand“, so Jensen.

Das Konzept ist richtig und sollte in Zukunft noch konsequenter verfolgt werden – als Querschnitts-Thema der Cebit. Klassik trifft Tech-Revoluzzer. Die Konzentration auf Fachbesucher ist nach meiner Einschätzung aufgegangen, insofern ist der Rückgang auf 230.000 Besucher mit den Vorjahren nicht ganz vergleichbar. Bei der Akkreditierung von Bloggern sollte die Messe-Gesellschaft allerdings etwas lockerer werden.

Mein ICE-Zug war auf der Rückfahrt nach Bonn übrigens proppe-voll – nur im Speisewagen fand ich noch ein kuschliges Plätzchen.

Im nächsten Jahr werde ich wieder einige Tage mehr einplanen. Vielleicht macht das Bloggercamp.tv-Team (also Hannes Schleeh und icke) während der Cebit ein Sonderprogramm mit dem Schwerpunkt „Blogger, Hacker, Gründer und die Transformation der klassischen Wirtschaft“. Mit einem gut ausgestatteten Studio und Sponsoren, die so etwas finanzieren würden.

Siehe auch:

Datability, iBeacons und Landtechnik – CeBIT 2014.

Social Media auf der CeBIT 2014?

Noch mehr Fotos hier.

Panoramablick in Halle 16 von Hannes Schleeh.

Update:

CeBIT 2014 – Relaunch geglueckt? Ein Kommentar.

CeBIT 2014: Das war die t3n-Bloggertour.

IT-Gipfel in Essen: T-Systems und die Eingreiftruppe gegen Cyberattacken

Eine neue IT-Sicherheitstruppe soll nach einem Bericht der Financial Times Deutschland die Wirtschaft gegen Attacken aus dem Netz verteidigen.

„Telekom-Vorstand Reinhard Clemens ruft die Wettbewerber zur Gründung eines neuen Unternehmens auf.“

Für die Telekom wie für die gesamte IT-Branche seien Attacken von Hackern zu einem riesigen Problem geworden. „Vor ein paar Jahren haben wir rund 10.000 Angriffe pro Tag gezählt, jetzt sind wir bei 100.000“, zitiert die FTD Clemens. Zudem seien virtuelle Schädlinge immer ausgefuchster programmiert.

„Viren haben selber so viel Intelligenz, dass sie sich in Unternehmensnetzwerken die wichtigen Daten eigenständig suchen.“

Der Verfassungsschutz beziffere den jährlichen Schaden durch elektronische Spionage auf etwa 50 Mrd. Euro.

Der Bonner Konzern soll angeblich selber zu den Betroffenen zählen. Er betreibe selbst Netze, bietet Cloud-Dienste für Großkunden an, die sicher sein müssen, und ist selbst tausendfaches Ziel von Angriffen. Gleichzeitig könnten die wachsenden Sorgen in Politik und Wirtschaft vor IT-Attacken der Telekom neue Umsätze bescheren – und das ist wohl eher der Kern dieser Sirenengesänge für mehr Sicherheit im Netz.

„Um den Schutz und vor allem die Reaktionszeit bei erfolgreichen Attacken zu erhöhen, schwebt dem T-Systems-Chef ein Zusammenschluss von Unternehmen vor, in dem Spezialisten ein Überwachungszentrum für die wichtigsten IT-Systeme aufbauen. Dies müsse jedoch alle Branchen umfassen und nicht nur die als kritische Infrastrukturen bezeichneten Systeme von Telekom-, Energie- und Finanzkonzernen“, schreibt die FTD. Dem Telekom-Manager schwebe etwas vor wie eine „Noteingreiftruppe“.

Die geplante Meldepflicht reiche der Telekom nicht, „denn die hilft im Ernstfall nicht“, kritisiert Clemens. Die Meldepflicht für Attacken auf kritische Infrastrukturen wie Energie oder Telekommunikation ist Teil eines Eckpunktepapiers zur Verbesserung der Cybersicherheit von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU).

„Das Thema dürfte am Dienstag für heftige Diskussionen auf dem IT-Gipfel in Berlin sorgen“, führt die FTD aus.

Der IT-Gipfel ist allerdings nicht in Berlin, sondern in Essen. Und da wird Clemens auch einen Vortrag halten. Bei dieser Session habe ich mich jetzt nicht angemeldet, aber vielleicht gibt es für mich noch andere Möglichkeiten, ihm in Essen ein paar Fragen zu stellen. Welche Kompetenzen soll denn die Eingreiftruppe bekommen, wenn eine Meldepflicht alleine nicht ausreicht? Könnte Herr Clemens mal genau sagen, welche Hacker denn die Telekom und andere Unternehmen angreifen? Werden Sie doch mal konkreter? Um welche Angriffe handelt es sich? Welche Angriffe waren erfolgreich? Welcher Schaden ist entstanden?

Bei diesem Anti-Hacker-Alarmismus stört mich der Dauerton im Konjunktiv. Die liebwertesten IT-Sicherheits-Gichtlinge werden komischerweise nie konkret. Weltmeister der Horror-Warnungen ist der Dauer-Redner Kaspersky. Siehe: Kaspersky warnt mal wieder vor Cyber-Terrorismus: Der sollte einfach die Klappe halten. Und auch: Böse Hacker und die unheilige Allianz der Sicherheitsfuzzis #Cyberwar-Geschwätz.

Hier wird einfach eine andere Form des Verkaufs von Heizdecken betrieben – der läuft besonders gut, wenn sich Menschen vor dem Kälteeinbruch fürchten. Überhaupt ist das Säen von Furcht der Katalysator von Anbietern von entsprechender Software.

Ich bleibe bei meiner Forderung: Hosen runter, liebe Sicherheitsfetischisten. Es geht Euch doch gar nicht um die Abwehr von Netzangriffen. Es geht um das Zusammenschweißen einer unheiligen Allianz von Geheimdiensten, Politik und den pekuniären Interessen der Anbieter für Sicherheitssoftware. Wer soll denn meine Daten schützen? Der staatstrojanische Innenminister und die Telekom? Lächerlich.

Da Hannes und ich eh auf dem IT-Gipfel sind, könnten wir morgen ja mal kritisch nachfragen. Vielleicht macht der T-Systems-Clemens ein Live-Hangout mit uns oder ist das zu unsicher?

Rotkäppchen und die moralische Verwerflichkeit der Staubsauger-Onanie

In meiner morgigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ beschäftige ich mich noch einmal mit Nackedeis und der Notwendigkeit eines Wächteramtes für die Sicherstellung eines Cloud-Reinheitsgebots. Ihr erinnert Euch ja an den gestrigen Exkurs zu: Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten.

Es geht noch einmal um Moral, Sitte, Anstand, Hygiene, Recht und Ordnung. Es sind ja nicht nur die abgelichteten Badeschönheiten auf Ibiza, die sich verführerisch an den Stränden tummeln und ihren blanken Busen der Weltöffentlichkeit darbieten, nein, es gibt eine Vielzahl von anstößigen Daten, die in den Cloud-Diensten des Netzes nichts zu suchen haben. Eine gewichtige Rolle in der The European-Geschichte spielen Rotkäppchen, Max und Moritz, Sherlock Holmes und natürlich der von mir hoch geschätzte Francois Rabelais.

Eigentlich sollte auch noch CCC-Legende Wau Holland eingebaut werden – aber man muss sich ja im Sommerloch etwas kürzer fassen. Aber die Hacker-Story über das Onanieren von Vorwerk-Staubsaugern darf eigentlich in keinem Cyber-Cloud-Hygiene-Verhaltenskodex fehlen. Denn der Fall dokumentiert das Netz ganz unten in seiner zerstörerischen Wirkung auf den Jugendschutz.

Und das sich sogar Doktoranden mit dieser absonderlichen Form der Penisverstümmelung beschäftigen, ist schon niederschmetternd genug. So etwas darf im Internet nicht toleriert werden. In Abwandlung einer berühmten Studie heißt es doch:

Traue keiner Cloud, die du nicht (er-)tragen kannst.

Aber was ist im Netz denn noch erträglich? Etwa die sympathischen Abmahnungen von Jack Daniels? Wenn das Ganze nichts kostet, ist das schon in Ordnung, denn wir wollen doch alle an der Okayheit des Netzes arbeiten, wie sie heute von Sascha Lobo beschrieben wurde.

Ob das Steve Ballmer auch noch okay findet, was ich morgen in meiner Kolumne verzapfe? Sascha verweist ja in seiner Kolumne auf das Buch „Der entfesselte Skandal“ des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen und auf die anstrengende Seite des Netzes. Und die besteht eben auch aus Shitstorms, Skandalen, Sensationen:

„Die Verschmelzung des privaten Gesprächs mit einer digitalen Öffentlichkeit, die im Zweifel zur Weltöffentlichkeit werden kann, das ist eine neue Qualität des Internet“, so Sascha Lobo. Und das ist nun mal auch in meiner närrischen Kolumne der Fall. Der gute Ballmer wird das verstehen. Alles hat eine Kehrseite: Gute Webinare stehen blechernen Labereien gegenüber.

Und auch sprachgesteuerte Smartphones, die sich als digitale Assistenten bewähren sollen, können zu Nervensägen mutieren. Nachzulesen in meiner heutigen Service Insiders-Kolumne zum Thema: Der telautophonische und wolkige Alltagsberater: Über die Möglichkeiten von sprachgesteuerten Assistenzsystemen. Wird wohl irgendwann in den Abendstunden erscheinen.

Die dunklen Seiten von Facebook knöpft sich Ole Reißmann vor. Vom Aufruf zum Petzen bis zur automatischen Überwachung kommt da einiges zusammen. Unter diesem Syndrom leidet also nicht nur Microsoft.

In meinem Garten-Büro sitzt es sich übrigens recht angenehm und ich erfreue mich an der Blumenpracht, die so unschuldig und moralisch unbedenklich daherkommt.

Update: So, jetzt ist auch die Service Insiders-Kolumne abrufbar 🙂

Der Parasit als Störenfried etablierter Industrien – Aber: Finger weg von Regners Paranoia

Auf die GEMA-Propaganda-Wutrede des Musikers Sven Regener hat der Journalist und Vorsitzende der Piraten-Schwaben Fritz Effenberger die richtige Antwort gegeben:

„Ich lebe von meiner Arbeit als Urheber, vor allem als Journalist, mit Artikeln, die zu 100 Prozent frei im Internet zu lesen sind. So leid es mir tut, das schon wieder sagen zu müssen, aber die Industrie-Ära ist vorbei, und mit ihr das Geschäftsmodell der massenproduzierten Kulturdatenträger. Viele Musiker auf der Welt leben inzwischen von neuen Geschäftsmodellen.“

Leute wie Effenberger seien inzwischen aktiv in der Piratenpartei, weil nur noch hier ein Urheberrecht diskutiert wird, das auch den Urhebern nützt, und nicht nur den industriellen Verwertern. „

Sorry, aber als Autor oder Musiker kriegst du üblicherweise nicht mehr als füng Prozent vom Endverkaufspreis. Auf deinem YouTube-Channel bekommst du 50 Prozent der Werbeeinnahmen. Und wenn du den Deal direkt mit Amazon machst, 70 Prozent des Umsatzes. Überleg dir das mal. Nur weil jemand Kunst macht, hat er kein Recht auf Geld dafür. Er muss die Kunst verkaufen. Er muss die Leute überzeugen, ihm Geld zu geben“, schreibt Effenberger.

Mich kotzt es so langsam ab, wie Sven Regener dieselben dümmlichen Argumente der verschlafenen Musikindustrie nachträllern kann und das sogar mit einigen Jahren Verspätung. Auch früher war es normal, Songs über den guten alten Kassetten-Rekorder aufzunehmen, die in den Lieblingssendungen des Hörfunks liefen und auch heute noch laufen. Beliebt war auch der Tausch von Platten und CDs, um sich mit neuer Rockmusik zu versorgen. Nichts anderes läuft heute über das Internet mit Diensten wie Spotify.

Sich hinter den Mauern der Verwertungs-Seilschaften zu verschanzen und Giftpfeile gegen die „parasitären“ User des Netzes sowie gegen den bösen Google-Konzern mit seinem Goldesel Youtube abzufeuern, ist ein durchsichtiges Manöver. Die alte und bequeme Renditemaschine funktioniert eben nicht mehr wie früher. Wer auf Youtube pisst, wie der liebwerteste Gichtling Sven Regener, hat die neuen Freiheiten der Eigenvermarktung nicht erkannt. Dabei sind Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten.

„Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt, dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit”.

Man müsse Stille schaffen, beispielsweise mit dem Leistungsschutzrecht und den Abmahnorgien der Musikindustrie. Man müsse die Parasiten vertreiben, um wieder die alten Monopolrenditen einsacken zu können. Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlange nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen.

Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt oder schmeißt die Musikstücke von Sven Regener aus seiner Playlist. Regener könnte doch auf Youtube einen Kanal aufbauen und sehen, wie gut er im Netz ankommt. Warum gelingt es denn anderen Künstlern, mittlerweile sehr gut von ihrer Präsenz in sozialen Netzwerken zu leben, wie der Komiker Ray William Johnson.

Auf Youtube kommt er auf 5,3 Millionen Abonnenten und eine atemberaubende Zahl von 1,7 Milliarden Aufrufen seiner Videos. Entsprechend hoch sind seine Werbeeinnahmen, die er über das Partnerprogramm von Youtube erzielt. Dazu kommen Erlöse über Merchandising. Ähnliches praktiziert der Schriftsteller Paul Coelho, der aktiv Raubkopien seiner Werke im Netz kostenlos anbietet. Die Leute laden sich das Buch herunter, beginnen zu lesen und stacheln die Nachfrage an, weitere Bücher des Autors zu lesen. Entsprechend konnte er auch die Auflagen der verkauften Bücher in die Höhe treiben. Die Interaktion mit den Lesern im Web hat zu einer wesentlich breiteren Fan-Basis geführt, die sich auch pekuniär bemerkbar macht. Sveni-Boy ist wohl mehr daran interessiert, seine Netzblödheiten zu kultivieren. Aber ich möchte ihn da nicht weiter überfordern: Seine Forderung sollte jeder respektieren: „Finger weg von meiner Paranoia“ – beim Schreiben gerade kostenlos über Spotify gehört: Element Of Crime – Finger weg von meiner Paranoia.

Soweit ein Auszug meiner heutigen The European-Kolumne: Die Parasiten und das Monopol.

Hörenswert auch: TRB 271: Künstlereinkommen, Störer-WLANs, Regeners Rant, Schriftbau, Julia.

Zu den Auf-Regener in dieser Woche zählt wahrscheinlich Norbert Lammer, der wieder mit einer Geschichte aus der Mottenkiste des Internets aufwartet: Bundestagspräsident beklagt Aggressivität in Onlineforen.

Countdown für die Cyber-Abwehrkrieger der Bundesregierung: #BSI contra #No-Name-Crew

Den spaßigen Teil der Hackeraktionen der No-Name-Crew kann man auf der Website des Bundesüberwachungsministeriums (eine Umbenennung des Innenministeriums) begutachten. Etwa im Aufgabenfeld „Totalüberwachung“. So sei die Volksverdummung Bestandteil der nationalen Totalüberwachungsarchitektur, er umfasst den Katastrophen- und den Zivilschutz. „Die zuständigen Behörden des Bundes dafür sind die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk und das Bundesamt für Volksverdummung und Katastrophenhilfe“.

Wie bereits in vielen Medien berichtet wurde, ist der mutmaßliche Leiter der No-Name-Crew festgenommen worden. „Dies teilte das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt am Montag mit. Der Verdächtige, bei dem es sich um den Hacker ‚Darkhammer‘ handeln soll, wurde nach einer Hausdurchsuchung verhaftet. Währenddessen ist die Seite der Gruppe nicht mehr erreichbar. Gerüchte besagen, dass die Behörden den Falschen verhaftet hätten“, schreibt gulli. Seit der Verhaftung sei auch die Internetseite der Netzaktivisten nicht mehr zu erreichen. „Eigentlich hatte man vor, im Falle einer Festnahme das Passwort eines Archivs zu veröffentlichen, das vertrauliche Dokumente der kompromittierten Behörden beinhalten soll. Vor kurzem hieß es auf der Webseite ‚Für den Fall eines Serverausfalls durch dritte ist die Verbreitung des Passworts durch No-Name Crew Mitglieder gesichert.‘ Davon ist jedoch nichts bekannt“, so gulli weiter.

Im BSI und im so genannten nationalen Cyber-Abwehrzentrum hat man wohl dennoch die Hosen voll und fürchtet einen weiteren Großangriff gegen Bundesbehörden. Entsprechend werden Server runtergefahren. Der Countdown bis zu einer weiteren großangelegten Hacker-Attacke soll immer noch laufen. Bis Ende Juli werden wir schlauer sein und einen Eindruck über die Kompetenz der Beamten Cyber-Grabenkampf bekommen.

Nachtrag: Auf der NNC-Website im Cache steht: „Neue Ziele wurden ausgesucht (Bundesebene) – Jetzt erst recht. Datum des Angriffs:
8 Tage“ – also am Mittwoch, den 27. Juli.

Als Gegenmaßnahme hilft ja vielleicht auch das:
http://twitter.com/#!/gsohn/statuses/93309730809839616

Siehe auch:
No-Name-Crew-Video

Böse Hacker und die unheilige Allianz der Sicherheitsfuzzis #Cyberwar-Geschwätz

Das Cyberwar-Gesabbel von Firmenvertretern, die Software für die IT-Sicherheit verticken, geht mir so langsam auf den Keks. Es ist doch klar, das jemand, der Waffen verkauft, ganz gerne auch mal von der drohenden Kriegsgefahr fabuliert. Ähnliches zelebrieren die IT-Sicherheitsfuzzis. Als traurigen Tiefpunkt sehe ich das Spiegel Online-Interview mit dem „Viren-Jäger“ Jewgenij Kasperski. Auf die Frage, wann er das letzte Mal Opfer eines virtuellen Angriffs wurde, antwortet er:

„Jüngst wäre mein Computer zweimal fast infiziert worden. Bei einer Konferenz gab mir jemand meine Flashcard mit einem Virus zurück. Aber da half mir unser eigenes Virenprogramm. Beim zweiten Mal war die Web-Seite eines Hotels auf Zypern verseucht.“

Wahnsinn. Zwei Angriffe. Und das er keine Antiviren-Programme der Konkurrenz einsetzt, dürfte niemanden überraschen. Freude empfindet Kasperski, wenn er den Algorithmus eines ausgeklügelten Virus knacken kann. „Okay, manchmal schwingt bei mir ein gewisser professioneller Respekt mit. Aber mit Begeisterung hat das nichts zu tun.“ Und dann sagt der Kerl noch etwas unverschämtes.

„Jeder Virus ist ein Verbrechen. Hacker tun Böses. Ich würde auch nie einen einstellen (aber mit ehemaligen KGB-Leuten hat er wohl keine Probleme, gs).“

Eine Frechheit. Schön alles in einen Topf werfen und dabei einen kriegerischen Jargon benutzen. Das fällt dem Kaspersky ja nicht schwer, schließlich wurde er als Kryptologe vom Geheimdienst KGB ausgebildet. Alle Spione leiden scheinbar unter Verfolgungswahn und ergehen sich in Andeutungen über möglich Krisenszenarien. Das müssen sie auch tun, die Schlapphüte in den einschlägigen Organisationen, sonst würden sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Denunziation von Hackern ist politisch gewollt (siehe meinen Beitrag: Hacker-Ethik versus Staatsbürokratien – Eine erste Entscheidungsschlacht #wikileaks), denn es gibt mittlerweile eine unheiligen Allianz zwischen Politik, Polizei und Wirtschaft unter dem Deckmantel der Netzsicherheit, darauf hat Philip Banse in einem sehr guten Blogpost hingewiesen.

„Ermittlungsbehörden und Geheimdienste, so das Credo, müssen sich besser austauschen mit der Wirtschaft, also mit Telefonunternehmen, Internetanbietern und Stromversorgern. In Amerika verlangt der Abhörgeheimdienst NSA unverhohlen mehr Kontrolle über zivile Netzte, nur so seien Cyberattacken rechtzeitig zu erkennen, abzuwehren und aufzuklären. Im Kampf gegen die Gefahren aus dem Cyberspace rücken Staat, Geheimdienste und Wirtschaft immer näher zusammen – was uns viel Geld und Freiheit kosten könnte. Ob wir diesen Preis zu zahlen bereit sind, hängt von der tatsächlichen Bedrohung ab. Deswegen lohnt ein genauer Blick auf diese ‚Gefahr aus dem Cyberspace‘. Und fällt auf: Sony, Internationaler Währungsfond, Google-Mail und jetzt Citi Bank – nahezu alle bekannten Angriffe auf Firmen fallen entweder in die Kategorie Kriminalität oder Spionage – keine erfreulichen Phänomene, aber seit Jahrhunderten Alltag. Von einem Cyberwar kann keine Rede sein. Und bisher gibt es auch keine Belege, dass so genannte kritische Infrastrukturen wie Stromnetze oder Finanzmärkte erfolgreich angegriffen wurden.“

Also Hosen runter, liebe Sicherheitsfetischisten. Es geht Euch doch gar nicht um die Abwehr von Netzangriffen. Es geht um das Zusammenschweißen einer unheiligen Allianz von Geheimdiensten, Politik und den pekuniären Interessen der Anbieter für Sicherheitssoftware.

Als Ergänzung möchte ich noch auf ein Zitat von Peter Glaser hinweisen. Spricht mir aus der Seele:

„Während Gruppen wie Anonymous und Lulzsec weitgehend symbolische Aktionen oder Aufmerksamkeits-Stunts durchführen, sind staatliche Hacker eine bedeutend ernsthaftere Gefahr.“

Noch besser ist das Stück von Banse: Das Gespenst vom Cyberwar geht um