Die politisch naiven und gefährlichen Makroökonomen: Spieltheoretische Egomanen

Über die Ideologen des Raubtierkapitalismus

In einem sehr interessanten Interview mit der FAZ geht der Wirtschaftswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski der Frage nach, warum sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren politisch so wenig geändert hat. Strukturell sei alles beim Alten geblieben. Der Bankensektor sieht fast noch genauso aus wie vor dem Crash. Und noch schlimmer: Die „Schattenbanken“ – vor allem Hedgefonds und die firmenfressenden Private Equity-Schmarotzer – sind unbeschadet über die Runden gekommen.

Aus gutem Grund klagt Mirowski über einen Mangel an Folgen:

„Verändert hat sich nur, dass viel mehr Leute keine Arbeit haben und Regierungen zugeben mussten, dass ihre Haushalte außer Kontrolle geraten sind. Was alles sehr seltsam ist, wenn man die Wucht und Reichweite der Krise in Betracht zieht.“

Und was noch kritikwürdiger ist: Die Gier der Casino-Kapitalisten wird als Betriebsunfall oder Störfall abgetan, Für diejenigen, die gerne spielen, ist es immer besser zu überprüfen online casino nj anstatt zu einem eigentlichen Casino zu gehen.

Und das ist selbst bei den härtesten Kritikern des Finanzkapitalismus zu finden:

„Lesen Sie nur David Graebers Buch ‚Schulden‘, in dem er über fünfzehnhundert Jahre zurückblickt und dauernd enorme Schuldenzyklen ausfindig macht. Eine verständliche Reaktion, aber dass so viele Leute daran glauben, finde ich etwas merkwürdig. Denn die Krise hat ein paar ganz spezielle Aspekte zu bieten. Zuallererst den, dass die Leute es vorziehen, lediglich eine Makrokrise zu sehen, und das ist sie ohne Zweifel nicht. Paul Krugman etwa will nur die Makroökonomie verändern und glaubt, dann sei alles beherrschbar. Aber das ist nicht wahr“, so Mirowski.

Es reicht also nicht aus, sich die Köpfe über makroökonomische Steuerungsfragen heiß zu reden und auf Wunder über Veränderungen von fiskal- oder geldpolitischen Stellschrauben zu hoffen. Das ist politisch naiv und für die Gesellschaft sowie für die Realwirtschaft höchst gefährlich. Für die Makroökonomen ist das ja auch recht bequem. Man disputiert selbstreferentiell über die Frage, ob mehr oder weniger Schulden für die Gesundung von Volkswirtschaften notwendig sind. Ökonomen würden sich ja die Hände schmutzig machen, wenn sie die Motorhaube ihrer Formelwelt aufklappen und die Ölspuren der eigenen Homunculus-Ideologie wahrnehmen müssten. Sie würden dann beispielsweise die schmutzigen Tricks der Eigenkapitalräuber erkennen – also die Raubzüge der Private Equity-Gesellschaften.

Da müsste man schon eine große Portion Staatskunst mitbringen, um mit klugen gesetzlichen Maßnahmen diesen Sumpf trockenzulegen. Ceteris paribus-Modellrechnungen helfen da nicht weiter.

Dabei könnte man das Heuschreckentum relativ gut recherchieren und an die Öffentlichkeit bringen. Wäre eine schöne Aufgabe für die Datenjournalisten.

Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Die nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit ein bislang rentabel arbeitendes Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen. Dann wird das ganze Konglomerat in eine GmbH umgewandelt – wegen der geringeren Veröffentlichungspflichten. Das liquide Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt – so etwas nennt man in Branchenkreise „Recap“. Das übernommene Unternehmen wird also nach dem Wieselprinzip wie ein Ei ausgesaugt und danach an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der die Reste aufsammelt und verscherbelt. Neudeutsch bezeichnet man das als „secondary buyout“.

Bis ein Unternehmen von den Firmenjägern wieder verkauft wird, müssen darüber hinaus die Schulden zurückgezahlt werden: „Bootstrapping“ also Stiefelschnüren wird diese Technik in der Private-Equity-Szene genannt.

Manche Übernahme-Kandidaten werden auch an die Börse gebracht – das passiert ziemlich selten. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Am Schluss wartet das Insolvenzverfahren.

Die Private-Equity-Gesellschaften vernebeln ihre Methoden in der Öffentlichkeit und reden lieber von der Notwendigkeit der Restrukturierung, Rekapitalisierung und Wiederbelebung des Übernahmekandidaten. Man wolle Firmen wieder ertüchtigen. In Wahrheit geht es um krumme Geschäfte für Anleger, denen man Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent verspricht. Die Anleger sind entweder Einzelpersonen – teilweise aus dem Dunstkreis des übernommenen Unternehmens – oder Institutionen. Und die zeichnen die Private Equity-Fonds auf den Cayman Islands. Für diese halbseidenen Geschäfte müssen die „Investoren“ weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Die Namen der Aas-Geier werden natürlich nicht preisgegeben. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten zumindest Offenlegungspflichten gelten, um den Insidergeschäften der Firmenjäger auf die Spur zu kommen:

„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisiert der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert.

Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Am Beispiel des DSD-Müllkonzerns hätte es wohl einige böse Überraschungen gegeben. Politisch wäre es für die beteiligten „honorigen“ Persönlichkeiten nicht möglich gewesen, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen – da bin ich mir sicher. In Ansätzen hat das Wolfgang Huhn aufgedeckt in einer Reportage über den Grüne Punkt-Müllkonzern DSD. Die Spuren auf den Cayman-Inseln konnten leider nicht aufgedeckt werden – da wäre sonst der eine oder andere Name einer hochstehenden Persönlichkeit der Deutschland AG zum Vorschein gekommen. Hier ein kurzer Ausschnitt des Wolfgang Huhn-Films für die Sendung „die story“:

Mit Offenlegungspflichten wäre es Wolfgang Huhn in den rund 12 Monaten, die er mit Unterbrechungen für die Recherche benötigte, mit Sicherheit gelungen, die Verbündeten im Deal der Firmenjäger ans Tageslicht zu bringen. Das DSD ist übrigens von KKR in einem so genannten Management-Buy-out-Verfahren weiter verkauft worden. Neuer Eigentümer sind der DSD-Vorstandschef Stefan Schreitet und sein Managementteam. Das Management wurde bei der Übernahme von einer Gruppe „privater und institutioneller Investoren unterstützt“, heißt es in einer Presseverlautbarung. Dazu zählte Philippe von Stauffenberg von Solidus Partners, eine Private Equity-Firma mit Sitz in London….

Aber das ist nur ein Aspekt der zerstörerischen Wirkung des Raubtier-Kapitalismus.

Um das Problem an den Wurzeln zu packen, fordert Mirowski den Rückbau des Schattenbankensektors.

Ebenso wichtig ist es, sich mit dem ideologischen Überbau der finanzkapitalistischen Räuber zu beschäftigen. Warum hat sich das Vampir-System so epidemisch ausgebreitet? Einen Ursprung sieht der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in den spieltheoretisch fundierten Mathematikern und Physikern, die sich als Strategen des Kalten Krieges in Szene setzten und nach dem Niedergang des Sowjetimperiums an der Wallstreet als Finanzakrobaten verdingen. Es geht um das Ideenfundament der Homunculus-Ökonomie, in der Menschen zu Automaten degradiert werden.

Und noch penetranter. Im Zentrum der Analysen von Schirrmacher, die er in seinem neuen Buch „Ego“ ausbreitet, steht die RAND Corporation und ihre Arbeit für das Militär. Gespickt mit Wissenschaftlern, die der neoklassischen Schule entstammen.

„Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionieren.“

Dieses Abbild eines Menschen geistert als Doppelgänger, Dummy oder ökonomischer Agent durch die Modellrechnungen. Etwa in dem Grundlagenwerk „Spieltheorie und ökonomische Verhalten“ des Universalgenies John von Neumann und seines Kollegen Oskar Morgenstern. Zu den RAND-Vordenkern zählt auch der paranoide und schizophrene Mathematiker John Nash, bekannt geworden durch die Kinoverfilmung „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Die politische Tragweite des theoretischen Konstruktes von Nash fielen dabei unter dem Tisch. Beim Glamour-Betrieb in Hollywood ist das nicht verwunderlich. Aber was trieb das Nobelpreiskomitee in Stockholm, Nash im Jahre 1994 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften auszuzeichnen?

Nash war es, „der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war“, schreibt Schirrmacher in seinem Opus „Ego“. Es geht also um das berühmte Nash-Gleichgwicht, dass sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt befindet und wohl auch in sozialen Netzwerken. Der große Ego-Automat unserer Systeme, von dem übrigens auch der Google-Chefökonom Hal Varian beseelt ist. Er zählt nach Angaben von Schirrmacher zu Entwicklern der spieltheoretischen Modelle für Google Adwords.

„Damals spielten menschliche und künstliche Hirne millionenfach alle erdenklichen Szenarien durch, die den Feind manipulieren, austricksen, verwirren, motivieren, erschrecken, lähmen und zu Handlungen verführen sollen. Heute geht es darum, mit den Modellen das Verhalten egoistischer Mitspieler vorherzusagen“, so Schirrmacher.

Vielleicht waren Nash und Konsorten auch nur ängstliche Kinder, die sich von allem und jedem bedroht fühlten. So war es jedenfalls beim Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt und beim Untergangspropheten Oswald Spengler. Kleine Hosenscheißer, die im Erwachsenenalter ihre Paranoia auf die Gesamtheit projizieren und sich kein anderes Leben denken können als das Freund-Feind-Schema im Schützengraben. Die Schriften der zu kurz gekommenen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen.

„O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.”

Das Ganze sagt also mehr über das Menschenbild der Gesellschaftskonstrukteure aus und wenig über die Menschheit – wer kann sich auch anmaßen, über die Gesamtheit aller Menschen zu urteilen.

Problematisch an diesen egozentrischen Theorien ist nicht nur der deskriptive, der beschreibende und erzählerische Teil. Sie postulieren nicht nur Egoisten, sie produzieren sie, kritisiert der FAZ-Herausgeber.

In dieser Schützengraben-Ideologie entsteht vernünftiges Verhalten nicht durch vernünftige Argumente oder einem Streit der Meinungen, sondern durch Drohungen und Angst vor Vernichtung. Diese Rationalität wird auch auf dem Finanzparkett durchgespielt – aufgeladen mit der Kriegsrhetorik der Spekulanten, die von „skalpieren“, „killen“ und „ausblasen“ sprechen und jede Kurs- oder Zinsänderung mit Schlachtgeräuschen über Lautsprecher jagen. Wie beim Drohneneinsatz sehen Trader keine menschlichen Gestalten mehr. Es sind nur noch Lichtpunkte in Form von Zahlen. Sie starren wie bei einer militärischen Operation auf Monitore und verorten die Einschläge, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Vokabular stammt aus der Zeit der gegenseitigen atomaren Abschreckung:

„Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht ‚gerettet‘ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt“, führt Schirrmacher aus.

Also die perfide Logik der Too-big-to-fail-Strategen. Es gibt einen einfachen Satz, mit dem man nach Ansicht des Ego-Autors „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen kann, ganz gleich, ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten und ihre Leidenschaften handelt. Der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort war falsch.“ Oder eben, die Antwort lautet 42….

Big Data und sonstige Automaten-Regime tötet man auch durch Open Data. Es muss nur deutlich werden, dass diese Algorithmen-Götzen unsere eine Welt vorgaukeln wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wäre doch eine nette Idee für eine Plattform zur Entlarvung der Nash-Ideologen.

Siehe auch:
Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Menschen wie Automaten.

Von der Atombombe zur Informationsökonomie

Das Netz 005

Jakob Augstein ist begeistert vom neuen Frank Schirrmacher-Buch mit dem Titel „Ego“. Einen kleinen Vorgeschmack hat der FAZ-Herausgeber in der aktuellen Spiegel-Ausgabe als Essay veröffentlicht. Nach den eher schwachen neuronalen Gehirnerweichungsthesen, hat Schirrmacher diesmal wohl ins Schwarze getroffen. Es gehe, so Augstein, um den Informationskapitalismus, um die Algorithmen, die unsere digitale Wirklichkeit bestimmen und damit zunehmend auch die reale, und es geht um das abstruse Menschenbild der Wall-Street-Täter, für die das Leben ein Kampf und Kooperation eine Krankheit ist.

Schirrmacher schreibt über eine verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden. Ähnliches läuft ja auf Basis der Hirnforschungs-Kleckskunde.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Ratingagenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben. Dazu mehr in meiner morgigen The European-Kolumne.

Vielleicht sollten sich mal einige Netzaktivisten zusammentun, um die Modelle aus der Formelküche dieser Gesellschaftskonstrukteure ans Tageslicht zu holen. Man könnte sich ja dem Beispiel von Lobbyplag folgen. Halte ich jedenfalls für den besseren Ansatz als vor Bankgebäuden Zelte aufzuschlagen. Fündig wird man übrigens auch in dem Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Lutz Dammbeck mit dem Titel „Das Netz“.

Dort stößt man auf Elitewissenschaftler, die sich in der Macy-Gruppe organisierten und Baupläne für eine neue Weltordnung entwickelte. Es geht um kybernetische Modellwelten, errechnet durch Supercomputer, mit denen Wissenschaft, Ökonomie, Kultur und Politik kontrolliert und gesteuert werden sollen – also die Programmierung neuer Menschen nach Maß in einer geordneten und vollkommenen Welt. Glücklicherweise bleiben komplexe und offene Systeme unberechenbar. Und das hat ja auch der Organisationswissenchaftler Gerhard Wohland im ichsagmal-Interview zum Ausdruck gebracht: Es gebe immer wieder Modewellen, die die Analysierbarkeit komplexer Systeme versprechen. Es sei der monokausale Glaube, dass das, was in der Gegenwart geschieht, seinen Grund in der Vergangenheit hat.

„Wenn ich die Vergangenheit umfangreich und schnell genug auswerte, weiß ich, was die Zukunft bringt. Und genau das ist die Illusion. Das ist zwar möglich. Aber ich muss dann für sehr triviale Strukturen sorgen. In der Physik nennt man das Labor. Die Welt, wie sie ist, wird ausgeblendet. Mit den wenigen Wirkungszusammenhängen, die übrig bleiben, entwickelt man Gesetzmäßigkeiten. Für soziale Systeme ist das aber albern“, so Wohland.

Ein Modell müsse einfacher sein als das, was es modelliert. Wenn das nicht so wäre, könnte man ja direkt den Untersuchungsgegenstand heranziehen. Modelle müssen also immer simplifizieren. Aspekte der Wirklichkeit werden ausgeblendet. Das gelingt aber nur, wenn zwischen wichtig und unwichtig unterschieden wird. Komplexe Systeme, also auch die menschliche Gesellschaft, kennen aber diese Unterscheidung überhaupt nicht.

„Welches Ereignis nun eine Wirkung in der Zukunft erzeugt, kann man in der Gegenwart nicht wissen“, so Wohland.

Und das werden auch die Modellschreiner von Big Data und Kybernetik nicht ändern. Übrigens sind die Protokolle der Macy-Konferenzen eine Fundgrube für weitere Storys. Da wühle ich mich schon durch.

Datenschutz, Datenschatz und der Rausch der Tiefe: Überlegungen zu Facebook

Der Facebook-Aktienkurs befindet sich „im Rausch der Tiefe“, wie es heise.de so schön ausdrückt. Heute erreichte das Papier einen neuen Tiefstand. „Gegen Mittag (Ortszeit) rutschte das Papier im New Yorker Handel unter die Marke von 30 US-Dollar, bewegte sich auf die 29 US-Dollar zu und liegt zur Stunde noch auf diesem Niveau. Das bedeutet einen weiteren Verlust von rund 7 Prozent gegenüber dem Schlusskurs der vergangenen Woche. Auch verschiedene Berichte über mögliche Aktivitäten des sozialen Netzwerks vermochten den Kurs nicht zu befeuern. Die bereits vergangene Woche gemeldeten Spekulationen zur einer Übernahme von Opera ließen laut Financial Times lediglich die Aktie des schwedischen Software-Unternehmens steigen. Und die am Dienstag berichteten Pläne für ein eigenes Facebook-Smartphone konnten die Börsianer offenbar ebensowenig erwärmen wie die vom Blog Techcrunch kolportierte Übernahme des Gesichtserkennungs-Dienstes Face.com“, so heise.de.

Ist damit die Talsohle bald erreicht? Experten gehen davon aus, dass sich der Aktienkurs bei 25 bis 30 Dollar stabilisieren wird. Mal schauen. Etwas weniger aufgeregt als die Medienberichte der vergangenen Tage hat Marketing-Professor Ralf Kreutzer von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht im Interview mit mir ausgedrückt:

„Wenn man alle Phantasie schon einpreist, wohin soll sich ein Kurs dann entwickeln? Dann ist die Phantasie raus und es ist keine weitere Erwartung absehbar. Bis neue, innovative Konzepte präsentiert werden, die wirklich deutlich machen, dass es Facebook in Zukunft in viel höherem Maße wie bisher gelingen wird, ihren Datenschatz konsequent zu monetarisieren. Da sind jetzt die Manager von Facebook gefragt.“

Schaut man sich den Status quo der Geschäftsausrichtung an, sei Facebook gut positioniert, betont Professor Kreutzer: „Wir brauchen maßgeschneiderte Werbung. Mit der berühmten Gießkannenmethode kommen Unternehmen heute nicht weiter. Das ist viel zu kostenintensiv. Jetzt sind wir auf dem Weg, dass man an vielen Stellen One-to-One- Angebote machen kann. Ein Unternehmen spricht seinen einzelnen Kunden mit relevanten Angeboten sehr gezielt an. Das uns nicht alle Werbemaßnahmen gefallen, ist klar. Aber wenn ich pro Tag Werbung bekomme, für die ich ein Opt-in gegeben habe, dann signalisiere ich damit ja die Relevanz. Wenn ein Unternehmen das überstrapaziert, weil es mir drei E-Mails am Tag schickt, dann bin ich relativ frei, das auch wieder abzubestellen. Von daher haben wir schon viele Handlungsmöglichkeiten und ich würde mir von Seite der Politik wünschen, dass gesagt wird, Werbung ist genauso wertschöpfend, wie die Produktion eines Produktes. Wenn ich ein Produkt produziere und nicht werben darf und keiner mein Produkt kauft, dann bin ich als Unternehmen nicht erfolgreich“, so Kreutzer, der zum Thema „Marketing as a Service: Privacy and One-to-One Solutions – Two Sides of the Same Coin“ auf der Social Media Marketing-Konferenz in Amsterdam am 11. Juli einen Fachvortrag halten wird.

Was jetzt wichtig sei: Über die Verwendung des Datenschatzes müsse Facebook eine gesunde Sensibilität herbeiführen. Hier müsse der Nutzer für sich erkennen, wo er für alle sichtbar sein möchte oder wo nicht. Nachdem die ganze Börsenphantasie im Einstiegskurs schon enthalten war, sei Facebook jetzt gefordert, zu liefern.

„Es müssen zwei Sachen sichergestellt werden. Facebook muss in der Lage sein, für werbende Unternehmen relevante Nutzungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Und das muss gelingen, ohne Fans zu verlieren. Ich weiß nicht, ob wirklich die Aktionäre die großen Fans von Facebook sind. Ich glaube, es sind momentan eher die Nutzer. Hier ist der Zuckerberg-Konzern gut beraten, Vertrauen als zentrale Währung im Alltagsleben und im werblichen Umfeld immer wieder neu zu verdienen. Um deutlich zu machen, lieber Nutzer, du vertraust mir viele Daten an und du kannst mir auch vertrauen, dass ich mit diesen Daten vertrauensvoll umgehe. In beiden Feldern muss sich das Facebook-Management als guter Anwalt beweisen. Für Unternehmen und Kunden“, resümiert Marketingprofessor Ralf Kreutzer.

Bleibt spannend. Hier geht es zum gesamten Facebook-Opus aus meiner Feder.

Meine Service Insiders-Kolumne erscheint jetzt immer am Dienstag und die The European-Kolumne immer am Mittwoch. Dann kann ich an den Wochenenden mehr in den Biergarten pilgern, weniger sparen und den Euro stabilisieren. Stichwort Nieder mit dem Spardikat 🙂

Interessant auch: Pipe macht Echtzeit-Filesharing über Facebook möglich, erschienen bei golem.de.

Facebook dominiert Social Media Marketing: Da könnten die Sterbeglöcklein von Weichert und Co. zu früh läuten

Beim Social Media Marketing dominiert nach einem Bericht von t3n (E-Commerce-Studie 2012: Wie deutsche Onlineshops SEO, SEA und Social Media einsetzen) wenig überraschend weiterhin Facebook. „Mit großem Abstand folgen dann Twitter und Google+. Hier sind die Unterschiede in der Herangehensweise der einzelnen Shops aber auch noch sehr deutlich. Während beispielsweise Elektronikshops wie Apple oder TomTom sehr stark im Social Web präsent sind, ist die Sichtbarkeit in anderen Branchen wie Kosmetik, Arzneimittel oder Heimwerker noch sehr gering.“

t3n beruft sich auf die E-Commerce-Studie mit dem Titel „SEO, SEA und Social Media bei deutschen Online-Shops 2012“.

Warum kurz nach dem Börsenstart von Facebook schon die Sterbeglöcklein für den Zuckerberg-Konzern ertönen, ist nicht nachvollziehbar. Selbst die Kursrückgänge in den vergangenen Tagen sind kein Grund, in den Jammer-Chor von Bild und Co. einzustimmen. Mit was hat man denn gerechnet? Kurzfristige Rendite einheimsen in Daytrading-Zocker-Manier? Das ist doch in den vergangenen drei Jahren immer kritisiert worden.

Der Börsengang wird von Kritikern mit Spott und Häme bedacht, die schon vorher mit dem weltweit größten Social Network auf Kriegsfuß standen, wie der Datenschützer Thilo Weichert (Weichert, nicht Facebook hat ein Problem).

Kurz vor dem Niedergang der New Economy vor 12 Jahren schrieb übrigens die Bild-Zeitung noch, dass man Aktien kaufen solle.

„Wenn die eine ‚Kaufempfehlung‘ abgeben, sollte man das Gegenteil tun. Jetzt publiziert das Boulevardblatt das Gegenteil und wertet den Börsengang bereits als Flop. Das ist natürlich Unsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall. Facebook konnte die Kassen füllen, was auch für die Aktionäre gut ist. Jetzt kann der Konzern nachhaltig seine Geschäftsstrategie entwickeln. Mark Zuckerberg hat von Anfang an gesagt, dass er den Börsengang umsetzen wolle, um die Weiterentwicklung seines Unternehmens als soziales Netzwerk sicherzustellen. Deshalb sind auch die eingereichten Aktionärsklagen wegen des Kursrückganges in den vergangenen Tagen nicht sachgemäß. Zuckerberg hat selbst vor dem Hype gewarnt und noch Tage vor dem Börsenstart klar auf die langfristige Ausrichtung seines Konzerns hingewiesen. Die Kurzfrist-Spekulanten fallen jetzt auf die Nase. Wer für die Aktie für 40 Dollar gekauft hat, erlebt ein böses Erwachen. Facebook ist kein Zockerpapier für schnelle Gewinne. Der Kursverlust ist eine gute Option, um Aktien zu kaufen für eine langfristige Perspektive“, sagt Karl-Heinz Land von Microstrategy.

Ähnliches konnte man auch beim Börsenstart von Google beobachten. Auch da hätten die Analysten von einem Kauf abgeraten und vor dem Google-Gaga-Effekt gewarnt. Mittlerweile habe sich der Wert der Google-Aktie verfünffacht. Das sei auch nicht über Nacht entstanden und brauchte seine Zeit. Im Konzert des Wehklagens habe ich die Gegenmeinung von Land etwas ausführlicher eingefangen.

Zu lesen unter: Facebook-Aktie nichts für Kurzfrist-Spekulanten: Aktionäre sollten auf die langfristigen Strategien des kalifornischen Konzerns setzen.

Weitsicht für Technikrevolutionen im Land der Korinthenzähler: Auf den Spuren von Heinrich von Stephan

Es fehlt den liebwertesten Gichtlingen in der Politik für wirklich wegweisende Zukunftsprojekte die geistig-kulturelle Beweglichkeit und schöpferische Arbeit des von mir mehrfach hoch gelobten Generalpostmeisters Heinrich von Stephan, der im Berlin des 19. Jahrhundert eine Flut von Technikrevolutionen auslöste. In meiner heutigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ habe ich das noch einmal aufgegriffen.

Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt. Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag.

Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden.

Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neun Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen.

Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe. In den Haushaltsberatungen 1889/90 schildert Stephan seine Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Telefone. Seine Worte kommen mir irgendwie bekannt vor:

„Es ist kaum glaublich, wie ich über die Achsel angesehen wurde, wenn ich mit Begeisterung von dem Instrumente sprach, wie man hier in Berlin in den ersten Häusern und in den intelligentesten Kreisen vielfach meinte: ach das ist wohl amerikanischer Schwindel, ein neuer Humbug, das waren die Reden, die ich täglich zu hören bekam. Ich habe erst einige Agenten herumschicken müssen, um die ersten 100 Firmen, ich möchte sagen, zu überreden, dass die Einrichtung nur überhaupt ins Leben gesetzt wurde. Es war das ein neuer Beweis dafür, wie zurückhaltend, um nicht zu sagen misstrauisch, der Deutsche häufig neuen Unternehmungen, Gestaltungen und Entwicklungen gegenüber ist und wie schwerfällig er mitunter daran geht.“

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters könnten wir heute sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, schlussfolgert der Technologieexperte Bernd Stahl von Nash Technologies.

Ich schließe mich dieser Einschätzung an und fordere auf dem nächsten IT-Gipfel in Essen wenigstens den Hauch eines Heinrich-von-Stephan-Geistes.

Es fehlt bislang eine wirklich wissenschaftliche Biografie über Leben und Werk des Generalpostmeisters. Eigentlich peinlich. Es gab mal vor Ewigkeiten eine interessante Ausstellung inklusive Katalog und einige kurze Abhandlungen in Fachbüchern. Das war es denn auch. Einiges habe ich in den vergangenen Wochen in Antiquariaten über zvab.com zusammengetragen. Vielleicht erbarmt sich mal ein Jungwissenschaftler, eine Doktorarbeit über Heinrich von Stephan zu schreiben. Da könnten die politischen Entscheider in Berlin noch einiges über zukunftsfähige Regierungskunst lernen. Übrigens auch der Datenschützer Thilo Weichert, der in einem Interview mit der FAZ in einem anmaßenden Analysten-Gequatsche den Börsengang von Facebook schlechtredet, weil dieser Laden wohl nicht in sein Weltbild passt:

„Wer als Aktionär spekuliert, muss damit rechnen, dass, wenn sich der Datenschutz in Deutschland und Europa mit seinen Belangen durchsetzt, das Geschäftsmodell von Facebook in sich zusammenbricht. Es ist zwar möglich, dass Facebook unseren Forderungen nachkommt, aber das ist vollkommen offen“, so die Einschätzung des Beamten Thilo Weichert.

Börsen-Guru Weichert gibt auch eine Kursprognose ab:

„Ich denke, Facebook wird an der Börse überbewertet. Aber das wird erst die Geschichte zeigen.“

Woher weiß er das? Ich bin ja nun alles andere als unkritisch zu Facebook. Aber was sich hier eine Amtsperson kurz vor dem Börsengang des Zuckerberg-Konzerns herausgenommen hat, überschreitet die Kompetenzen eines staatlichen Datenschützer.

Die Rundumschläge von Weichert möchte ich im Laufe dieser Woche noch einmal aufgreifen. Wer dazu etwas sagen möchte, sollte mich kontaktieren. Entweder Handy: 0177 620 44 74 oder E-Mail: gunnareriksohn@googlemail.com

In den Nachmittagsstunden so gegen 15 Uhr bringe ich übrigens noch eine schöne Replik auf den FAZ-Gastbeitrag „Roboter müssen unsere Rente sichern“ von Chaos Computer Club-Sprecher Frank Rieger.

Update: Mit der Replik auf Frank Rieger werde ich erst im Laufe des Abends fertig – muss noch ein längeres Interview mit Christoph Kappes abhören und in den Beitrag einbauen. Morgen erscheint der Beitrag dann im Fachdienst Service Insiders.