Kein Stempel, kein Schwert, kein Buch, kein Mittagessen, keine Kuchenteilchen, keine Kekse, kein Kaffee, keine Achterbahn #NextChampions @WinfriedFelser

„Wer bringt New Worker, Agilitätspropheten, Minister und große alte Männer aus Wissenschaft, Politik und HR zusammen? Der Netzwerker und Zukunftsdenker Winfried Felser“, schreibt die Haufe Online Redaktion. Und es waren ja auch eine Menge junger Leute da aus sehr unterschiedlichen Sphären – aus Wissenschaft, Mittelstand, Medien und Verbänden.

Der Mut des Veranstalters, das #NextChampions Spektakel in den Brühler Freizeitpark Phantasialand zu legen, habe sich ausgezahlt. „Die außergewöhnliche Atmosphäre ermöglichte inspirierende und lebendige Diskussionen und Gespräche. Es war keine durchgetaktete und fertige Veranstaltung, auf den Panels wurde laufend improvisiert und umgebaut – was die Teilnehmer meist nicht als ‚Missmanagement‘ verstanden, sondern dem Barcamp-Charakter der Veranstaltung zuschrieben“, so die Haufe Online Redaktion.

Winfried Felser bietet halt eine Plattform zur Vernetzung und setzt dabei auf die Selbstorganisation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „NextChampions“ unterscheidet sich deutlich von aseptischen Kongressen, wo alles fein säuberlich organisiert wird für teures Geld. Felser verfolgt hingegen eine inhaltliche Mission: Er will unterschiedliche Kreise zusammenbringen und auf ein höheres Qualitätsniveau heben.

Dazu zählen Management-Legenden wie Hermann Simon und Heribert Meffert, NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger, zahlreiche Vertreter von Unternehmen, Führungskräfte aus Konzernen, Berater und Social-Media-Aktivisten:

Für Felser ist das Netzwerken kein Selbstzweck, sondern ein wichtiger Hebel für die Transformation“, kommentiert Haufe. Operation gelungen.

Max Weber wird „heftiger und lauter, #Schumpeter sarkastischer und leiser“ – Zwei Großdenker streiten im Wiener Café Landtmann

Ab 1911 unterrichtet Joseph Schumpeter Volkswirtschaftslehre in Graz. Vorher war er vom Wintersemester 1909/1910 bis zum Sommer 1911 außerordentlicher Professor für politische Ökonomie an der Universität Czernowitz. Seine Karriere als Professor begann also in seinem 26. Lebensjahr. Schon 1911 legt er mit der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ eines seiner Hauptwerke vor. Beruflich ist er also ein Frühvollendeter wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal.

In dieser Zeit wird Max Weber auf Schumpeter aufmerksam. Er hält ihn für hochgeeignet, der Kandidat neige allenfalls in populären Vorträgen zu Paradoxien, eine Variante des Morbus Sombart also. Im Frühjahr 1918 kommt es dann in Wien auf Bitten Webers – arrangiert durch den österreichischen Bankier Felix Somary – zu einem Treffen mit Schumpeter. Nachzulesen in der vorzüglichen Weber-Biografie von Jürgen Kaube, erschienen im Rowohlt-Verlag.

„Das Gespräch im Café Landtmann kam bald auf die Russische Revolution. Schumpeter findet erfreulich, dass nun der Sozialismus nicht mehr bloß diskutiert werde, sondern seine Lebensfähigkeit zu erweisen habe. Darüber regt sich Weber sehr auf. Der Kommunismus sei unter den russischen Entwicklungsumständen ein Verbrechen, es werde in menschlichem Elend und einer Katastrophe enden“, schreibt Kaube.

Das könne schon sein, so Schumpeter, aber das wird für uns ein recht nettes Laboratorium.

„Eines mit gehäuften Menschenleichen“, fährt Weber auf, der es vor nicht allzu langer Zeit noch berechtigt fand, dass Millionen für die jeweilige Ehre in Schützengräben starben.

„Der Nationalismus war offenbar unter den europäischen Entwicklungsumständen kein Verbrechen. Somary ist von diesem Streit nicht überrascht. Er kennt Weber ausnehmend gut und bezeichnet ihn als ’nervösen Stürmer‘, der immerfort kämpfe, ‚auch wenn es sich um kleinste lokale Dinge‘ handele. Schumpeter dagegen sei auf dem Wiener Theresianum, dem Gymnasium für künftige Diplomaten, dazu erzogen worden, über den Dingen zu stehen und nie persönlich zu werden, ‚alle Spielregeln und Ismen‘ zu beherrschen, aber keiner Richtung anzugehören. Somary also will ablenken und weist auf die Veränderungen der sozialen Entwicklung durch den Krieg hin. Nun wirft Weber Großbritannien die Abkehr vom Liberalismus vor. Schumpeter widerspricht. Weber wird ‚heftiger und lauter, Schumpeter sarkastischer und leiser‘. Die Kaffeehausbesucher unterbrechen ihre Schachpartien und hören zu. Bis Weber aufspringt und mit den Worten ‚Das ist nicht mehr auszuhalten!‘ auf die Ringstraße hinausstürzt. Hartmann bringt ihm den Hut nach und versucht vergebens, ihn zu beruhigen. Schumpeter schüttelt den Kopf: ‚Wie kann man nur so in einem Kaffeehaus brüllen'“, so Kaube.

Hat Max Weber hier vielleicht gegen sein Postulat der Neutralität verstoßen? Wissenschaftler sollten sich doch in normativen Fragen heraushalten. Unter dem Stichwort Werturteilsstreit findet Ihr die entsprechenden Quellen.

„Hat Joseph Schumpeter im Café Landtmann sein Gegenüber also einfach darauf hingewiesen, dass Max Weber sich selbst vor einer letzten Rangfrage seiner Wertsetzungen drückte, ob denn nun Wissenschaft oder Politik sein Beruf war? Denn nur der Politiker in Weber konnte sich über Schumpeters Abgeklärtheit aufregen, der Wissenschaftler hätte sie verständlich finden müssen. Zudem führt die Sozialwissenschaft keine Experimente durch, und wenn ihr die Geschichte nun ein solches Experiment in Gestalt einer Revolution anbietet, tut sie gut daran, kühl zu bleiben, um ihre Chancen auf Erkenntnisgewinn nutzen zu können. Doch Weber bleibt natürlich nicht kühl“, erläutert Kaube.

So glaubte er ja lange Zeit an einem deutschen Sieg im Ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1918 war allerdings klar, dass es dazu nicht mehr kommen würde. Das von Schumpeter erwähnte Experiment war für den Patrioten Weber natürlich eine Zumutung.

Ihr merkt schon, wie facettenreich das Wirken von Schumpeter war.

Kommt also heute Abend in den Buchladen 46 in Bonn.

„Merkwürdig, irgend etwas geht von mir aus, wenn ich öffentlich spreche“: #Schumpeter Vorträge in der Bonner Zeit

Man hört und sieht sich heute Abend in Bonn.

Der Berliner Sozialwissenschaftler Ulrich Hedtke ist der einziger Forscher, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Wirken von Joseph Schumpeter an der Bonner Universität (!) beschäftigt. Eine bewundernswerte editorische Arbeit, ohne die ich mein Buchkapitel über Schumpeters soziologische Arbeiten in Bonn gar nicht hätte schreiben können. So geht er der Frage nach, in welchem Ausmaß Schumpeters Vortragstätigkeit in der Bonner Zeit von wirtschaftspolitischen Auftritten bestimmt war. Es geht um die Zeitspanne vom 1. Dezember 1925 bis zum 31. Juli 1932:

„Fasst man die bibliographisch nachgewiesenen Reden Schumpeters mit den von ihm darüber hinaus brieflich erwähnten Vorträgen zu (gesicherten oder authentisch erwähnten) Vorträgen in der Bonner Zeit zusammen, dann erhält man nach meiner persönlichen Zusammenstellung eine Liste mit insgesamt 63 Titeln. Unterscheidet man nun die Vorträge, die an Universitäten oder vor akademischen Vereinigungen (resp. mit populärwissenschaftlicher Zwecksetzung) gehalten wurden, als akademische von den ausdrücklich wirtschaftspolitischen Vorträgen vor Verbänden, dann erhält man cum grano salis eine 3:1 Proportion, ein Zahlenverhältnis von 46 zu 14 Vorträgen. Von den 46 akademischen Vorträgen hat Schumpeter 24 im Ausland (Stockholm, Lund, London, Leeds, Washington, New York, Tokio, Kobe) absolviert“, schreibt Hedtke.

Die wirtschaftspolitische Vortragstätigkeit der Bonner Zeit war keinesfalls nur lästige Pflicht. Vielmehr berichtet Schumpeter auch: „ … nach meiner Rede vor den Glasindustriellen Deutschlands und deren Applaus habe ich fast einen Moment des Behagens. Merkwürdig, irgend etwas geht von mir aus, wenn ich öffentlich spreche, was nicht nur die anderen, sondern mich selbst mitzieht!“

Die wirtschaftspolitischen Vorträge verdienen nach Ansicht von Hedtke auch deshalb unser Interesse, weil Schumpeter ab 1925 in Anknüpfung an Nachkriegserfahrungen mehrfach von der Möglichkeit einer „…wissenschaftlich fundierte[n] Politik … “ respektive von den „…wissenschaftlichen Voraussetzungen der Politik … “ gesprochen hat – und dies nicht ohne Blick auf die Schmoller-Schule und die bekannten Parteienkämpfe im Werturteilsstreit. Er zählte eher zum Lager jener Wissenschaftler, die das Neutralitätsgebot forderten.

„Mit seinem Gang nach Bonn thematisiert Schumpeter auch den möglichen Praxisbezug des wirtschaftswissenschaftlichen Denkens neu und revidiert seine entsprechende Vorkriegsauffassung“, erläutert Hedtke. Schumpeter mischte sich also auch in normativen Fragen stärker ein, etwa bei der Debatte über die Einführung einer Wirtschaftsdemokratie.

„Man bemerkt beim näheren Studium der Reden, dass Schumpeter sich in Verfolgung der Idee einer wissenschaftlichen Politik seinem Publikum nicht andient, sondern bei aller Anverwandlung zumeist deutlich auf Ideologiekritik abzielt und die ökonomische Aufklärung und Unterrichtung in den Mittelpunkt rückt, die er als Autor der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung besonders für alle Problemfelder zu bieten hatte, die das Verhältnis von Unternehmerfunktion und Arbeiterinteresse berühren. Die zu- grundeliegende Hoffnung, eine wachsende Einsicht in die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge derjenigen, die in der politischen Sphäre gegeneinander stehen, würde die Kluft zwischen dem Wirtschaftsleben und der Politik schließlich verringern, wurde jedoch im Verlauf der Bonner Zeit offensichtlich eher enttäuscht. Denn die Klagen über die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft nahmen nach meinem Eindruck im Laufe der Jahre eher zu“, resümiert der Berliner Wissenschaftler. Und vielleicht können wir Hedtke kollektiv unter die Arme greifen bei seinen weiteren Bonner Recherchen.

Er fahndet nach einem Nachweis oder einem möglichen publizistischen Niederschlag für folgende mutmaßliche Auftritte Schumpeters und bittet darum, jeden entsprechenden Hinweis via post@schumpeter.info formlos an ihn zu senden:

Über die Theorie sozialer Klassen. Februar 1926 oder später, Universität Heidelberg

Über Führerschaft und Klassenbildung. November 1926 oder später, Universität Heidelberg

Ein unbekannter Vortrag vom November 1926 in Köln

Ein thematisch unbekannter Vortrag am 18. September 1927 vor einer Vereinigung von Buchdruckern in Baden-Baden.

Ist Arbeitslosigkeit vermeidbar? Frühjahr 1927 in Tübingen

Ein thematisch unbekannter Vortrag im Juli 1928 in Mönchen-Gladbach

Soziologie der Außenpolitik. Vortrag im Frühjahr 1932 in Köln resp. Bonn

Bisher konnte auch ein von Gottfried Haberler erwähnter Beitrag (1932, mitten in der Krise, so erinnerte er sich) nicht ermittelt werden, der in einer überregionalen deutschen Tageszeitung erschienen sein soll. In ihm habe Schumpeter ein Programm zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft vorgestellt.

Ihr könntet mich ja cc setzen 🙂 gunnareriksohn@gmail.com

Ansonsten hört und sieht man sich heute auf dem Schumpeter-Abend im Bonner Buchladen 46, um 20 Uhr.

Krahl, Luhmann und das theoretische Rüstzeug im Wettbewerb mit dem Silicon Valley #Pluriversum21

Ich sortiere gerade meine Notizen in Form von Zetteln und Einträgen im Netz. Und da ist mir wieder die Rede von Alexander Kluge zur Eröffnung der Ausstellung Pluriversum21 über den den Weg gelaufen, mit einer überraschenden Aussage über den digitalen Wettbewerb mit dem Silicon Valley:

„Hans-Jürgen Krahl ist der intelligenteste mir bekannte Studentenführer gewesen – ein Theoretiker der Spitzenklasse. Dessen Schrift über die reelle Subsumtion der Intelligenz und des Kapitals ist die einzige Theorie, die mit Silicon Valley fertig wird. Der andere ist Niklas Luhmann.“

Auf LinkedIn gab es dann eine sehr interessante Reaktion von Frank H. Witt:

„Krahl und Luhmann lagen und liegen theoretisch oder ideologisch, wie man das auch sehen will, weit auseinander, aber Kluges Einschätzung ist zutreffend, sowohl Systemtheorie (physikalische, biologische, psychische und soziale Systeme, die sich wechselseitig ermöglichen, irritieren und gegeneinander abgrenzen lassen), als auch die eiskalte Interpretation der Hegelschen Phänomenologie lassen keinen Raum für allzu viel Vertrauen in das individuelle Bewusstsein (auch von Revolutionären): ‚Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!‘ So wurd Krahl kritisiert, als er auf der SDS Delegiertenkonferenz vom 13. Oktober 1969, darin mit Luhmann übereinstimmend, das Scheitern der Studentenrevolte konstatierte, weil diese die Mechanismen der Systembildung nicht verstehen konnte ….diese Delegiertentagung und der Auftritt Krahls beeindruckten manche in der späteren Professorengeneration so nachhaltig, dass diese das Bedürfnis hatten, mit ihren Studenten noch in den 80ern darüber zu diskutieren … technische Revolutionen sind einfacher als soziale, ,… Evgeny Morozov oder Jaron Lanier mögen dann den Studierenden von heute Diskussionsstoff bieten. Who owns the future?“

Soweit Witt. Das Arkanum von Krahl als Silicon Valley-Gegenrezept würde ich gerne lüften auf dem #KölnerKolloquium am 29. Mai.