Ideenlose Ökonomen in Davos – #Zukunftskunst findet woanders statt #wef19

Ideen für die Next Economy

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierten Ökonomen auch über Ökonomik und stellten neue Ideen für die Wirtschaftswissenschaft vor. Gerald Braunberger hat Sie im FAZ-Wirtschaftsblog vorgestellt. So richtig vom Hocker hauen mich die Überlegungen nicht.

So soll die Theorie des Unternehmens modernisiert werden – löblich. Aber mit Milton Friedman als Bezugsrahmen etwas fragwürdig. Vom Chicago-Boy stammt die These, dass ein Unternehmen als Ziel nur die Gewinnmaximierung verfolgen sollte: „Dem lag die Idee zugrunde, dass alleine der Aktionär einen variablen Anspruch an das Unternehmen hat. Läuft es gut, profitiert der Aktionär. Läuft es schlecht, sinkt der Aktienkurs. Sowohl Anleihegläubiger als auch Beschäftigte hatten in Friedmans Diktion feste Ansprüche an das Unternehmen wie Zinsen (Anleihegläubiger) oder Lohn (Beschäftigte). Unser Ökonom in Davos bezeichnete Friedmans Konzept als ökonomisch im Prinzip überzeugend und damit als Referenz geeignet, aber auch als zu eng. Er gab zu bedenken, dass es neben den Aktionären auch noch andere Gruppen gibt, die langfristig in ein Unternehmen investieren, zum Beispiel treue Lieferanten oder Arbeitnehmer, die nicht wechseln. Er regte an zu überprüfen, ob die Theorie des Unternehmens nicht in diesem Sinne breiter mit Blick auf alle Parteien, die langfristig in ein Unternehmen investieren, ausgearbeitet werden sollte“, so Braunberger.

Nun ja. Das geht besser. Was der Ökonom da in Davos als im Prinzip überzeugend bezeichnet, ist ja nun von vorgestern. Merkwürdigerweise hat sich in der Wissenschaft von den Unternehmen wie auch im allgemeinen Bewusstsein eine Ansicht durchgesetzt, Moral und Wirtschaft getrennt zu betrachten oder gar als Gegensatzpaar zu sehen, kritisiert Professor Reinhard Pfriem. Eine Beteiligung an der Mitgestaltung des politischen Gemeinwesens oder gar eine soziale Verantwortung dafür wird den Unternehmen mit dem Verweis auf ihre reduzierte ökonomische Funktion der Gewinnmaximierung abgesprochen. Zu den Stichwortgebern dieser vulgärkapitalistischen Sichtweise zählt eben Ökonomienobelpreisträger Friedman mit der Formel: „The social responsibility of business is to increase its profits.“

Diese Deutung der unternehmerischen Rolle und Aufgabe stellt eine Vorstellung dar, die nicht minder politisch und mit bestimmten Wertvorstellungen aufgeladen sei als alle anderen, so Pfriem. Wer schon eine Theorie des Unternehmens neu denkt, sollte doch auch direkt den Friedman ad acta legen.

Noch eine Idee: Erforscht die Ökonomik des Rentiers: „Viele Menschen zeigen sich über den politischen Erfolg von Populisten erstaunt. Wer sich intensiver mit dem Prekariat in Industrie- und Schwellenländern befasst, wird nicht erstaunt sein. Ein Problem sind die erheblichen Teile des BIP, die als Vergütungen an Menschen gehen, die man als Rentiers bezeichnen könnte. Darunter gibt es viele Menschen, die Bezüge aus der Verwertung geistigen Eigentums beziehen. Allein im Jahre 2016 wurden mehr als 3 Millionen Patente in der Welt angemeldet. Geld, das über Jahre an die Eigentümer dieser Patente gezahlt wird, steht nicht als Arbeitseinkommen für die Menschen zur Verfügung, die im Arbeitsleben stehen. Das trägt zur Einkommensungleichheit, zur Bildung eines Prekariats und damit zum politischen Populismus bei“, schreibt Braunberger. Geht schon in die richtige Richtung.

Einen Schritt weiter geht, was für eine Überraschung, der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof. Er hat gerade in seinem jüngsten Opus „Beherzte Freiheit“ eine kritische Haltung zum schrankenlosen Finanzkapitalismus formuliert. Der Finanzmarkt werde immer mächtiger. Er spekuliere auf den Niedergang von Staaten, auf den Niedergang von Unternehmen und „wenn sich dieser Niedergang tatsächlich ereignet, verdient daran der Spekulant. Da frage ich, durch welche Leistung hat dieser Spekulant seinen Gewinn verdient? Durch überhaupt keine Leistung. Ich spreche mich nachdrücklich für eine Transaktionssteuer aus, weil wir eine Gerechtigkeitslücke haben“, erläutert Kirchhof im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur.

Prinzipiell werde ein Umsatz mit der Umsatzsteuer belastet, aber die Finanzumsätze sind steuerfrei. „Auch der Finanzmarkt muss einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten“, fordert Kirchhof.

Eine tolle Idee, die sich doch prima mit einer weiteren Idee verbinden lässt, die in Davos artikuliert wurde: Gebt der narrativen Ökonomik eine Chance. Narrative können nicht nur das politische Verhalten der Menschen beeinflussen, sondern auch ihr wirtschaftliches, betont Braunberger. „Wäre es nicht schlecht, dies analysieren zu können?“

Auch das ist ja nichts Neues. Die anderen Ideen, die in Davos vorgestellt wurden, sind kalter Kaffee. Schickt doch mal andere Ökonomen zum Weltwirtschaftsforum. Etwa Professor Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut. Der bringt da mehr Dynamik rein #Zukunftskunst

Überraschungen im Kölner Kolloquium – Neue ökonomische Theorie

Ethymolgisch geht der Begriff der Theorie auf das griechische Verb „theorein“ zurück, was soviel wie „anschauen“ und „beobachten“ bedeutet. Theorie heißt, einen Erkenntnisgegenstand in einem bestimmten Winkel zu beleuchten. „Damit die Theorie wirksam werden kann, müssen wir uns darüber im Klaren werden, aus welchem Winkel wir den Gegenstand beleuchten wollen und welche blinden Flecken dadurch entstehen. Diese Anschauung schärfen wir durch die möglichst präzise Anwendung und Deklination (lat. „Abbiegung“) von Begriffen und Begriffssytemen“, so Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius in Köln.

Wir könnten die „Theorie“ auch mit einem Gestus der Revolte gegen die vorherrschenden Weltanschauungen aufladen – im Geiste der 68er. Theorie fängt schließlich mit Kulturkritik an und mit Abgrenzung von der herrschenden Lehre – schon Schopenhauer hat das in seinen kleinen philosophischen Schriften „Parerga und Paralipomena“ außerordentlich unterhaltsam zelebriert. Siehe auch: NIEMAND BETREIBT THEORIE OHNE GRUND.

Was die Mainstream-Ökonomik in Ekstase versetzt, sind nicht wirkmächtige Erklärungen des Wirtschaftsgeschehens, sondern Veröffentlichungen in hoch gerankten Fachpublikationen. Ökonometrie und das experimentelle Design gelten als Ausdruck hoher Wissenschaftlichkeit, führen zu Berufungen an die universitären Lehrstühle, öffnen die Kassen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und bringen Steuergelder in die Drittfinanzierung – etwa über die Blaue Liste des Bundesfinanzministers. Ohne diese 40 bis 50 Millionen Euro, die jedes Jahr im Bundeshaushalt eingestellt werden, könnten die Wirtschaftsforschungsinstitute wohl nicht überleben. 

Es fehlen mittlerweile Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Form der Wissenschaft relevante gesellschaftliche und politische Debatten anstoßen, moniert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts, in einem Beitrag für den Sammelband „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“. 

Für neue Forschungsansätze sind das doch ideale Bedingungen. Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens. 

Nennen wir das Ganze einfach „Netzökonomie“ – da sind wir doch in der Next Economy Open-Community schon Trendsetter. Letztlich geht es im wirtschaftlichen Kontext um Kommunikation – also um Netzwerke: Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte, Vereinsmitglieder, Stammtische, Nachbarn. „Kommunizieren ist gemeinsames Interpretieren“, so Birger P. Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie. „Vertraut man bestimmten Netzwerken, kann diese Kommunikation entscheiden, welche Informationen informativ sind und welche nicht.“ Dabei spielen nach Ansicht von Priddat andere Dinge eine Rolle als rein ökonomische: Information, Kommunikation, Netzwerke, Vertrauen – hier befinden wir uns vollständig in der sprachlichen Dimension. 

Der unterschätzte narrative Faktor

Die meisten ökonomischen Aktivitäten bestehen aus Überzeugungsarbeit. Realitäten werden über Dynamiken in Netzwerken erzeugt. Das kann man in tradierten Modellen nicht präzise abbilden und vorhersagen. Die Berechnungen der Ökonomik sind systematisch ungenau, weil die Methoden den narrativen Faktor mehr oder weniger ignorieren. Auf dieser Grundlage könne man ermessen, welchen Bullshit die Ökonomik erzählt, wenn sie uns suggerieren möchte, dass in die Zukunft hineingerechnet werden kann. Einbildungen – also Imaginationen – werden für die Entwicklung der Wirtschaft unterschätzt. „Die Wirkung der Imagination beruht auf der Plausibilität ihrer Erzählung, so dass der Rezipient guten Glaubens werden kann, fortan die Welt aus der Perspektive der Erzählung neu zu betrachten“, so Priddat. Das Wirkliche sei letztlich nichts anderes als das, was verwirklicht wird. Die Poesie der Ökonomie sei eine Produktion von Bedeutungen. Das kann positive und auch negative Wirkungen erzielen. Wo das alles noch hinführen kann? Keine Ahnung. Im Kölner Kolloquium „Über die Theorielosigkeit des Managements“ an der Hochschule Fresenius wollen wir am 29. Mai 2019 die eine oder andere Überraschung liefern. Jetzt anmelden. Ist kostenlos.

Wie könnten wir das am 29. Mai organisieren? Man könnte sich an Hans Blumenberg und der berühmten Tagungsreihe „Poetik und Hermeneutik“ orientieren:

„Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese ‚Vorträge‘, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute“, führt André Kieserling aus. Blumenberg war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator und die Tagungsbände „Poetik und Hermeneutik“ haben die Geisteswissenschaften dauerhaft und nachhaltig beflügelt. Schaffen wir das auch?

Über die Notwendigkeit einer kritischen Wirtschaftswissenschaft

In der der Differenz zwischen der „Nützlichkeitsethik“ (teleologische Ethik) von Hobbes und der Pflichtethik (deontologische Ethik) von Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik

Reputation und Marke können geschädigt werden, bis hin zum Ende eines Unternehmens (wie seinerzeit bei Arthur Andersen und aktuell beim insolventen Cambridge Analytica), schreibt der Wirtschaftsethik-Professor Christoph Lütge in einem Gastbeitrag für die FAZ. „Oder hohe Strafzahlungen (wie bei Volkswagen oder damals Siemens) machen unethische Verhaltensweisen selbst für Großkonzerne im Nachhinein hinreichend unattraktiv. Besser wäre es, hier – aus ethischen, aber eben auch aus ökonomischen Gründen – Programme und Managementsysteme in Sachen Ethik und Integrität als Frühwarneinrichtungen einzurichten, um ethische Probleme zu erkennen und zu vermeiden.“

Das sei auch für die Hochschulen relevant. Man könne zukünftigen Führungskräften zwar keine Werte einhämmern, aber man sollte sie bereits im Studium für die ethische Dimension ihres Handelns sensibilisieren. Lütge warnt allerdings vor überzogenen Forderungen:

Häufig würden die moralisch bewegten Kritiker der Ökonomie unrealistisch denken. Sie „machen sich Illusionen über die Kraft und Aufgabe der Ethik. Die erste Illusion besteht darin, dass Ethik vor allem Einzelpersonen bessern soll und kann.“  Der „ehrbare Kaufmann“ tauge nur dann als Ideal für die heutige Wirtschaft, wenn man seine Verwirklichung eher auf der strukturellen Ebene ansetzt, durch Integritäts- und Compliance-Maßnahmen oder Shared-Value-Denken: Nur dann, wenn Strukturen und Anreize in Unternehmen geändert werden, können „ehrbare Kaufleute“ auch ehrbar bleiben.

„Die zweite Illusion betrifft die Sichtweise auf Gewinne und Ungleichheit, gerade in Deutschland: Armutsberichte zeichnen regelmäßig düstere Bilder von wachsender Armut. Und diese (relativ) Armen werden gern in Kontrast zu sehr reich werdenden Unternehmern gesetzt. Tatsächlich aber ist der Sozialstaat weiterhin gut ausgebaut, die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung und Hartz IV ein Erfolgsmodell, das Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraushilft, statt sie darin zu lassen“, so Lütge. Hat der Autor schon mal was von Arbeitnehmern auf Abruf gehört? Wie schaut es mit dem steigenden Anteil der Leiharbeiter aus? Welches Theater machten die Verbände und Ökonomen bei der Einführung des Mindestlohns? Das Ethik-Konzept von Lütge ist nicht sehr ambitioniert. 

Wenn mit „realistisch“ gemeint sei, zahnlos zu werden, können wir die Sache auch gleich sein lassen, kritisiert Lars Hochmann. Ethik wäre nachgerade überflüssig, handelte sie nicht wesentlich davon, Dinge anders zu tun als bislang. „In einer problematischen Gegenwart sollten praktisch relevante Hinweise doch ‚realistischerweise‘ sich nicht im Spektrum des Gegenwärtigen bewegen. Insofern darf sich keine Ethik dieser Welt – im Übrigen auch keine andere Wissenschaft dieser Welt – vor den Karren einer x-beliebigen Herrschaftstechnologie spannen lassen. Das gilt ganz besonders für die Bemühungen, Wirtschaftsethik als Gutmenschenfach zur Umsetzungsfrage und damit zum quasi-objektiven Tool zu ‚managerialisieren‘.“

Wenn „realistischerweise“ also nur eine Chiffre dafür sei, Wirtschaftsethik zum Steigbügelhalter des rollenden Rubels zu erklären, kündigt sich genau solch ein verzwecklichter Kurzschluss an.

„Die curriculare Beschäftigung mit solchen Fragen kann, wenn sie nicht Blutgrätsche gegen die Aufklärung sein will, nur als Befähigung angelegt sein, mit den eigenen Widersprüchen leben zu lernen, selbst zu denken und die eigene Urteilskraft zu trainieren. Denn einen praktischen Unterschied kann nur machen, wer Praktisches unterscheiden kann“, erklärt Hochmann.

Vielleicht ist schon eine explizite Wirtschaftsethik das Problem. Man brauche von Grund auf eine kritische Wirtschaftswissenschaft. „Eine realistische Wirtschaftsethik ist eine kritische Ökonomik, die kritisch im gleichen Sinne ist, wie Film- oder Restaurantkritiken kritisch sind: auch ihnen geht es nicht darum, Filme oder Restaurants nur abzufeiern oder sie abzuschaffen, es geht ihnen um die Wahrung der Qualität. Sie sind kritisch, gerade weil ihnen am Gegenstand liegt. Vielleicht brauchen wir gar keine neuen Regeln und Gesetze oder wenige Menschen, die vielen Menschen vorschreiben, was wann wie zu tun ist. Was wir brauchen, ist eine neue Streitkultur – gesellschaftlich, in Unternehmen und an Hochschulen sowieso“, fordert Hochmann.

Arbeiten in der Cloud – Mehr Mut für dezentrale Arbeitsplätze @olewin @foresight_lab @JochenLange1

Die Arbeitsorganisation in Deutschland muss einfach anders werden und zwar schnell. Heutzutage ist die Konstellation geläufig, dass durch die Globalität viele Teams ohnehin schon räumlich verteilt arbeiten. Unter dem Aspekt „einfach“, also im Sinne von „it’s not simple but easy“ muss man auf auf technologische und organisatorische Faktoren achten, um räumlich verteilte Teams zusammenarbeiten zu lassen. Die Hauptschwerpunkte „Kollaboration, Partizipation und Interaktion“ stehen dabei im Vordergrund. Ferner verlangt es noch einer offenen Firmenkultur, die auf Vertrauen aufsetzt, um die Zentrale und Beschäftigte ergebnisorientiert an ein Unternehmen anbinden zu können. Die Realität in Deutschland spricht leider eine andere Sprache, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt:

„Das Potenzial mobilen Arbeitens ist riesengroß, wird aber bisher durch Arbeitgeber nicht umfänglich in den Blick genommen. Obgleich die technischen Möglichkeiten des mobilen Arbeitens (unabhängig davon, ob es sich um klassischen Telearbeit, Home Office oder örtlich komplett unabhängiges mobiles Arbeiten handelt) jedes Jahr weiter zunehmen, stagniert der Anteil der mobil Arbeitenden bei 16 Prozent (andere Studien weisen gar nur 10 Prozent aus, gs) aller Berufstätigen und in Ausbildung befindlichen Menschen. Videokonferenzen sind sogar gegenüber den Vorjahreszahlen deutlich zurückgegangen. Von denen, die nicht mobil arbeiten, gibt etwa die Hälfte an, dies aus beruflichen Gründen nicht zu können. Jeder vierte Befragte gibt an, dass das Unternehmen kein mobiles Arbeiten anbietet“,  schreibt Studienautor Ole Wintermann.

Leider gibt es immer noch eine Menge Vorurteile, wenn es dezentrale Arbeitskonzepte geht (mobiles Arbeiten ist nur ein Aspekt – viel interessanter finde ich Immobilität – also der Verzicht auf den Weg zur Arbeit oder die Reduzierung des Weges über Coworking Spaces) – auf der Arbeitgeberseite und auf der Arbeitnehmerseite: Bei den festangestellten Mitarbeitern gibt es die Befürchtung „Wenn mich mein Chef nicht sieht, denkt er, dass ich nicht arbeite“. Wer nicht an seinem klassischen Arbeitsplatz sitzt, glaubt, dass die eigene Leistung von Vorgesetzten nicht wahrgenommen und wertgeschätzt wird. 

Die Tendenz, Beschäftigte lieber im Büro arbeiten zu lassen, ist auf der Arbeitgeberseite beeinflusst von der Tatsache, dass man Führung über Autorität und weniger über Vertrauen realisiert. Das sind die beiden wichtigsten Angstaspekte: Zum einen die Frage aus Arbeitgebersicht, ob Mitarbeiter ohne Kontrolle überhaupt Ergebnisse leisten und zum anderen, ob Kontrolle außerhalb der Unternehmensgrenzen überhaupt möglich ist. Letztlich ist es eher eine Kontrollillusion. Projekte sollten nicht über Kontrollschleifen gesteuert werden, sondern über soziale und kollaborative Lernmechanismen.

Berufsperspektiven für ältere Menschen

Schaut man sich die demographischen Daten und die Tendenz zur Überalterung der Gesellschaft an, sollte noch intensiver über dezentrale Konzepte für die Arbeitswelt nachgedacht werden. Es wird immer wichtiger, Berufsperspektiven für die über 50-jährigen zu schaffen – in räumlicher Distanz. In einem Pilotprojekt haben Unternehmen zwar festgestellt, dass bei Älteren eine Affinität zur digitalen Welt fehlt. Diese Lücke muss man schließen. In anderen Worten, es existieren noch gewisse Berührungsängste, wenn es darum geht, mit all den digitalen Werkzeugen elegant umzugehen. Andererseits merken aufgeschlossene Firmen, dass gerade bei den Beschäftigten über 50 der Erfahrungsaustausch in größerem Maße vorhanden ist.

Auf dem Arbeitsmarkt erleben wir eine Zangenbewegung: Die Jüngeren werden immer weniger und es fehlen Nachwuchskräfte, während die sogenannten „Baby Boomer“ immer weniger beschäftigt werden oder in Rente gehen. Es gibt viele Unternehmen, die kaum noch über 50-jährige Mitarbeiter einstellen. Das verschärft die Problematik: Auf der einen Seite fehlt der Nachwuchs, auf der anderen Seite haben die Älteren Schwierigkeiten, ein Beschäftigungsverhältnis zu finden. Auf die Älteren wird man aber nicht verzichten können.

Das sieht man in Pilotprojekten in Süd-Brandenburg mit einem sehr hohen Anteil an älteren Arbeitskräften, die einen sehr positiven Output in Dienstleistungsberufen erzielen. Motivation, Weiterempfehlungsthemen, und Projektidentifikation sind nur einige Qualitäten, die die projektbeteiligten Unternehmen als positive Erfahrungen zu Protokoll geben.

Konzepte gegen die Landflucht 

Man muss nicht nur den älteren Mitarbeitern eine neue Perspektive auf dem Arbeitsmarkt geben, sondern auch junge Talente außerhalb der Ballungszentren halten. Der demographische Wandel ist geprägt von Regionen, die durch ihre urbane Struktur überhaupt keine Probleme mit der Rekrutierung von qualifizierten Arbeitskräften haben. Aber es gibt immer mehr Regionen, die zurückbleiben. Des Weiteren zeigt sich die Entwicklung, die man landläufig nur für Ostdeutschland vermutet hat, nun auch dramatisch in Westdeutschland. Es ist also ein generelles Problem, dass manche Regionen regelrecht ausbluten, da die Überalterung zusätzlich damit verbunden ist, dass die jungen und mobilen Menschen diese Regionen verlassen. Das gilt für Region im Saarland, Ruhrgebiet, Nordhessen, Rhön und Bayern. Da sind durchweg Gebiete, in denen der Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte überkommene Industrien dahingerafft hat. Unter den 20 schwächsten Kreisen finden sich Herne, Recklinghausen und Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen, Goslar und Osterode am Harz in Niedersachsen, Lübeck in Schleswig-Holstein und das zum Land Bremen gehörende Bremerhaven. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demographische Lage. 

Politische Notwendigkeit für schnelles Internet 

Kritisch wird es vor allem dort, wo keine digitale Infrastruktur vorhanden ist, um dezentrale Arbeitskonzepte zu realisieren. Gerade für dezentrales Arbeiten und Kollaboration braucht man schnelles Internet. Die strukturschwachen Regionen müssen schleunigst mit superschnellem Internet aufgewertet werden, um neue Potenziale für den Arbeitsmarkt zu erschließen. 

Aber auch da gibt es eine Art Teufelskreis.  Jene Regionen, in denen Firmen abwandern oder Nachwuchskräfte das Dorf oder den ländlichen Raum verlassen, büßen entsprechend Steuer- und Gebühreneinnahmen ein. Diese wiederum werden benötigt, um Infrastruktur zu finanzieren. Eine Kommune kann diese Beträge dann nicht mehr selber stellen.

Die Digitalisierung in Deutschland krankt nach an einem Wirrwarr von Einzelmaßnahmen. Es versickert jedwede Initiative in irgendwelchen Gremien und Bundesministerien. Da gibt es hier einen Gipfel und dort einen Gipfel. Das Thema Breitband und Digitalisierung muss zur Chefsache erklärt zu werden. Um die Wirtschaftskraft vor allem des Mittelstandes zu erhalten, braucht man die digitale Autobahn. Dabei geht es um innovative Geschäftsmodelle, um die richtigen Dienste und um nachfragestimulierende Applikationen. Ohne die entsprechende technologische Grundlage wird das nicht erreichbar sein. Auch das Märchen von der zu geringen Nachfrage nach schnellem Internet, was von Wirtschaftsforschern im Auftrag der Bundesregierung in die Welt getragen wurde, ist nur ein weiterer Beleg für das mangelhafte Verständnis der politischen Akteure für die Relevanz der digitalen Infrastruktur. Die politischen Entscheider in den strukturschwachen Kommunen müssen mehr öffentlichen Druck machen, um eine Umorientierung in der Infrastrukturpolitik in Deutschland zu bewirken. 

Barrieren in Unternehmen 

Aber auch die Konzerne und der Mittelstand müssen für sich entdecken, dass dezentrales Arbeiten das Unternehmen positiv prägen kann. Firmen sollten sich dabei von ihren Konventionen verabschieden. Dezentralität führt dazu, dass man standortunabhängig auf Menschen zugreifen kann, die einem bisher verborgen blieben und die man eben nicht aufgrund der räumlichen Nähe adressieren konnte. Viele Standorte sind häufig „leer gesaugt“ und Angestellte wechseln von einem Unternehmen zum nächsten lediglich mit Blick auf Verdienstmöglichkeiten. Die restlichen Gesichtspunkte bleiben auf der Strecke. Die Arbeitgeber-Attraktivität durch flexible Arbeitsmodelle zu unterstützen, also räumlich verteiltes Arbeiten, ist noch lange keine standardisierte Vorgehensweise.

Um jungen Menschen in strukturschwachen Gebieten eine Perspektive zu geben wäre es hilfreich, wenn die Arbeitgeber grundsätzlich ihre Personalpolitik auf das Thema dezentrale oder mobile Arbeit umorientieren.

Interne Barrieren überwinden

Selbst wenn sich der Vorstand eines Unternehmens offen für neue Arbeitsmodelle zeit, müssen erst einmal die Barrieren in der eigenen Organisation überwunden werden. Datenschutzrechtliche Themen müssen in der Bearbeitung realisiert werden. Organisatorisches muss geklärt sein. Die Personalabteilung darf nicht einfach „Dezentralität“ in den Arbeitsvertrag schreiben. Stattdessen muss man überlegen, für wen die Möglichkeit, räumlich verteilt arbeiten zu können, eine Belohnung und für wen es eventuell eine Bestrafung wäre. Das sogenannte Selbststudium ist auch nicht für jeden geeignet, sondern nur für diejenigen, die eine gewisse Eigendisziplin und Eigenmotivation mitbringen und bereit sind, diese Art von Studium für sich zu Ende zu bringen. Ebenso verhält es sich mit der Leistung in dezentraler Arbeit.

An der Notwendigkeit für atmende und flexible Organisation kommt die Wirtschaft allerdings nicht  vorbei. Tim Cole und Ossi Urchs haben das vor einigen Jahren in ihrem Buch „Digitale Aufklärung“ sehr die Dezentralität als „Wertschöpfungsnetzwerk“ beschrieben: Komplexe Aufgaben werden in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die dafür die nötige Kompetenz und Zeit besitzen. So werden einzelne Mitarbeiter, Arbeitsgruppen und sogar ganze Organisationseinheiten projekt- und aufgabenbezogen zu Teams zusammengeführt und bilden damit eine Art virtuelle Organisation auf Zeit. Urchs und Cole sprechen in dem Zusammenhang von einer „Cloud-Belegschaft“. Mit dieser Organisationsform ist es möglich, einen Projektauftrag ganz speziell an den Fähigkeiten, Leidenschaften und Kompetenzen der Mitarbeiter auszurichten. Auf diese Weise gelingt es, mehrere von diesen dezentralen Kompetenzen so zusammenzupacken, dass daraus ein generischer Dienst entsteht, der von unterschiedlichen Menschen erbracht wird. So muss ein einzelner Mitarbeiter keine Dinge leisten, die außerhalb seiner eigentlichen Kompetenz liegen.

Umfrage der Deutschen Rheuma-Liga

Futter für die Live-Diskussion. Wir brauchen wohl doch ein Recht für dezentrales Arbeiten.

Mit Scheinkorrelationen das politische System diskreditieren – Die merkwürdigen Ausflüge des Herrn Krall

Es ist immer wieder erstaunlich, wie selbst ernannte Finanzexperten, die in Unternehmensberatungen arbeiten, irgendwann ihre Berufung für politische Fragen entdecken und sich fortan an der Rettung von Nation, Abendland und Wohlstand abarbeiten. Zu ihnen zählt der Euro-Crash-Prophet Markus Krall, der mit hochrotem Kopf und krawalligen Reden für Volk und Vaterland in die Bütt geht.

Dabei geht es dann nicht nur um den üblichen geldpolitischen Alarmismus gegen Brüssel und die Europäische Zentralbank, nein, Krall knöpft sich das gesamte politische System in Deutschland vor und beleuchtet die Gemengelage mit einem eigentümlichen Sozialdarwinismus.

In einer Rede im Hayek-Club in Frankfurt machte sich Krall Gedanken über das Einkommen von Bundestagsabgeordneten und politische Karrieren: „Das Einkommen von Bundestagsabgeordneten ist fix und beträgt etwa das Zweieinhalb bis Dreifache des Durchschnittseinkommens des Deutschen. Und das bedeutet, dass jeder, der weniger verdient als diese Diäten, die eigentlich eine Entschädigung für einen Einkommensausfall ja sein sollten, dass jeder der weniger verdient, einen Anreiz hat, da rein zu gehen und jeder, der mehr verdient, hat keinen Anreiz da reinzugehen“, so Krall. Es gebe löbliche Ausnahmen. So kandidiere ja ein Millionär für den CDU-Parteivorsitz, wie es die Bild-Zeitung so schön breitgetreten habe, betonte Krall bei seinem Auftritt.

Intellektuelle Elite geht angeblich nicht in die Politik

„Statt stolz darauf zu sein, dass er im Leben was erreicht hat, muss er herumdrucksen und den Leuten erklären, dass er eigentlich irgendwie gar nichts dafür kann. Völlig falscher Ansatz aus meiner Sicht. Das Problem ist nämlich, dass wir viel zu wenige haben, die mehr als das Durchschnittseinkommen verdienen und trotzdem in die Politik gehen. Das Ergebnis ist auch, dass die vielen, die weniger verdienen, die wenigen die mehr verdienen, aus den Entscheidungsprozessen der Politik heraus drängen und heraushalten. Das sehen wir gerade live und in Farbe…das Problem, dass diese Einkommensstruktur schafft und die Selektion derer, die in die Politik reingehen, ergibt sich aus der Korrelation zwischen Einkommen und Intelligenz. Es ist nun mal so, dass Menschen mit hoher Intelligenz, mehr Geld verdienen, weil sie diese Intelligenz zur Erzielung von Einkommen einsetzen. Das ist so. Und ich habe es auch nicht erfunden. Ich kann auch nichts dafür. Und es ist auch politisch nicht korrekt. Aber das bedeutet, dass wenn ich Menschen aus einer Einkommensschicht quasi oberhalb eines gewissen trash hole threshold aus dem politischen Entscheidungsprozess ökonomisch heraus halte oder einen Selektionsprozess einführe, der das bewirkt, dass ich dann nicht die hellsten Lampen in der Birne in die Politik bekomme. Die intellektuelle Elite dieses Landes geht nicht in die Politik“, behauptet Krall.

Kombiniert mit dem Listensystem und der adversen Selektion von Einkommen und Intelligenz „bedeutet das, dass unsere Parteipolitik rückgratlose Minderbemittelte an die Spitze bringt“, sagt Krall. Die Hayekianer amüsiert das hörbar.

Ist Krall die hellste Lampe?

Vielleicht ist aber auch der goetzpartners-Managing Director Krall nicht die hellste Lampe, wenn er Korrelationen von Kausalitäten nicht unterscheiden kann.

Menschen mit hoher Intelligenz verdienen mehr Geld? Eine Umfrage des Potsdamer Soziologen Wolfgang Lauterbach und zweier DIW-Forscher unter 130 Millionärshaushalten ergab, dass 40 Prozent eine Unternehmertätigkeit als Hauptgrund ihres Vermögens nennen, 35 Prozent nannten Erbschaften oder Schenkungen. Eine qualitativ angelegte Dissertation, die der Soziologe Lauterbach betreute, differenziert das weiter:

Die Mehrheit der untersuchten Biografien – mehr als 60 Prozent – kommt aus Familien, in denen schon der Vater als Unternehmer oder Selbständiger arbeitete. In der deutschen Bevölkerung insgesamt sind nur sechs Prozent Unternehmer und Selbständige. Der Vater des einen Superreichen hatte eine Metzgerei, der andere ein Stahlwerk, der dritte ein Gartenbedarfsunternehmen, mehrere waren Landwirte. Schon in der Jugend lernten die Söhne (unter den Befragten ist eine einzige Frau) unternehmerisches Denken. Nur eine Minderheit stammt aus Angestellten- oder Arbeiterfamilien – man könnte auch sagen, Herkunft gleich Zukunft.

Viele dieser Selfmade-Millionäre sind eher hemdsärmelig, ihre Sprache ist wenig geschliffen, wie die Interviews in der Studie zeigen. Viele Sätze der Superreichen sind eher abgehacktes Gestammel.

Ihre schulischen oder universitären Erfolge waren eher mittelmäßig. Einige haben nicht mal Abitur. Wichtiger als das, was an der Uni gelernt wurde, sei implizites Lernen gewesen. Viele waren in ihrer Jugend ambitionierte Sportler, trainierten für Wettbewerbe als Leichtathleten, Skifahrer, Kunstreiter oder Schwimmer. Was sie allesamt auszeichnet. Sie waren und sind Verkaufstalente – also zumindest die untersuchten Superreichen. Der Faktor Intelligenz für hohes Einkommen ist da wohl eher Nebensache.

Aber um diese Zusammenhänge, die den Exkurs von Krall widerlegen, geht es gar nicht. Krall schürt Ressentiments gegen das politische System in Deutschland. Dafür ist ihm wohl jede Scheinkorrelation recht. Und der Rahmen seines Auftritts ist auch kein Zufall. Die Hayek-Gesellschaft wird mittlerweile als Mistbeet der AfD gesehen.

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