„Merkwürdig, irgend etwas geht von mir aus, wenn ich öffentlich spreche“: #Schumpeter Vorträge in der Bonner Zeit

Man hört und sieht sich heute Abend in Bonn.

Der Berliner Sozialwissenschaftler Ulrich Hedtke ist der einziger Forscher, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Wirken von Joseph Schumpeter an der Bonner Universität (!) beschäftigt. Eine bewundernswerte editorische Arbeit, ohne die ich mein Buchkapitel über Schumpeters soziologische Arbeiten in Bonn gar nicht hätte schreiben können. So geht er der Frage nach, in welchem Ausmaß Schumpeters Vortragstätigkeit in der Bonner Zeit von wirtschaftspolitischen Auftritten bestimmt war. Es geht um die Zeitspanne vom 1. Dezember 1925 bis zum 31. Juli 1932:

„Fasst man die bibliographisch nachgewiesenen Reden Schumpeters mit den von ihm darüber hinaus brieflich erwähnten Vorträgen zu (gesicherten oder authentisch erwähnten) Vorträgen in der Bonner Zeit zusammen, dann erhält man nach meiner persönlichen Zusammenstellung eine Liste mit insgesamt 63 Titeln. Unterscheidet man nun die Vorträge, die an Universitäten oder vor akademischen Vereinigungen (resp. mit populärwissenschaftlicher Zwecksetzung) gehalten wurden, als akademische von den ausdrücklich wirtschaftspolitischen Vorträgen vor Verbänden, dann erhält man cum grano salis eine 3:1 Proportion, ein Zahlenverhältnis von 46 zu 14 Vorträgen. Von den 46 akademischen Vorträgen hat Schumpeter 24 im Ausland (Stockholm, Lund, London, Leeds, Washington, New York, Tokio, Kobe) absolviert“, schreibt Hedtke.

Die wirtschaftspolitische Vortragstätigkeit der Bonner Zeit war keinesfalls nur lästige Pflicht. Vielmehr berichtet Schumpeter auch: „ … nach meiner Rede vor den Glasindustriellen Deutschlands und deren Applaus habe ich fast einen Moment des Behagens. Merkwürdig, irgend etwas geht von mir aus, wenn ich öffentlich spreche, was nicht nur die anderen, sondern mich selbst mitzieht!“

Die wirtschaftspolitischen Vorträge verdienen nach Ansicht von Hedtke auch deshalb unser Interesse, weil Schumpeter ab 1925 in Anknüpfung an Nachkriegserfahrungen mehrfach von der Möglichkeit einer „…wissenschaftlich fundierte[n] Politik … “ respektive von den „…wissenschaftlichen Voraussetzungen der Politik … “ gesprochen hat – und dies nicht ohne Blick auf die Schmoller-Schule und die bekannten Parteienkämpfe im Werturteilsstreit. Er zählte eher zum Lager jener Wissenschaftler, die das Neutralitätsgebot forderten.

„Mit seinem Gang nach Bonn thematisiert Schumpeter auch den möglichen Praxisbezug des wirtschaftswissenschaftlichen Denkens neu und revidiert seine entsprechende Vorkriegsauffassung“, erläutert Hedtke. Schumpeter mischte sich also auch in normativen Fragen stärker ein, etwa bei der Debatte über die Einführung einer Wirtschaftsdemokratie.

„Man bemerkt beim näheren Studium der Reden, dass Schumpeter sich in Verfolgung der Idee einer wissenschaftlichen Politik seinem Publikum nicht andient, sondern bei aller Anverwandlung zumeist deutlich auf Ideologiekritik abzielt und die ökonomische Aufklärung und Unterrichtung in den Mittelpunkt rückt, die er als Autor der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung besonders für alle Problemfelder zu bieten hatte, die das Verhältnis von Unternehmerfunktion und Arbeiterinteresse berühren. Die zu- grundeliegende Hoffnung, eine wachsende Einsicht in die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge derjenigen, die in der politischen Sphäre gegeneinander stehen, würde die Kluft zwischen dem Wirtschaftsleben und der Politik schließlich verringern, wurde jedoch im Verlauf der Bonner Zeit offensichtlich eher enttäuscht. Denn die Klagen über die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft nahmen nach meinem Eindruck im Laufe der Jahre eher zu“, resümiert der Berliner Wissenschaftler. Und vielleicht können wir Hedtke kollektiv unter die Arme greifen bei seinen weiteren Bonner Recherchen.

Er fahndet nach einem Nachweis oder einem möglichen publizistischen Niederschlag für folgende mutmaßliche Auftritte Schumpeters und bittet darum, jeden entsprechenden Hinweis via post@schumpeter.info formlos an ihn zu senden:

Über die Theorie sozialer Klassen. Februar 1926 oder später, Universität Heidelberg

Über Führerschaft und Klassenbildung. November 1926 oder später, Universität Heidelberg

Ein unbekannter Vortrag vom November 1926 in Köln

Ein thematisch unbekannter Vortrag am 18. September 1927 vor einer Vereinigung von Buchdruckern in Baden-Baden.

Ist Arbeitslosigkeit vermeidbar? Frühjahr 1927 in Tübingen

Ein thematisch unbekannter Vortrag im Juli 1928 in Mönchen-Gladbach

Soziologie der Außenpolitik. Vortrag im Frühjahr 1932 in Köln resp. Bonn

Bisher konnte auch ein von Gottfried Haberler erwähnter Beitrag (1932, mitten in der Krise, so erinnerte er sich) nicht ermittelt werden, der in einer überregionalen deutschen Tageszeitung erschienen sein soll. In ihm habe Schumpeter ein Programm zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft vorgestellt.

Ihr könntet mich ja cc setzen 🙂 gunnareriksohn@gmail.com

Ansonsten hört und sieht man sich heute auf dem Schumpeter-Abend im Bonner Buchladen 46, um 20 Uhr.

Krahl, Luhmann und das theoretische Rüstzeug im Wettbewerb mit dem Silicon Valley #Pluriversum21

Ich sortiere gerade meine Notizen in Form von Zetteln und Einträgen im Netz. Und da ist mir wieder die Rede von Alexander Kluge zur Eröffnung der Ausstellung Pluriversum21 über den den Weg gelaufen, mit einer überraschenden Aussage über den digitalen Wettbewerb mit dem Silicon Valley:

„Hans-Jürgen Krahl ist der intelligenteste mir bekannte Studentenführer gewesen – ein Theoretiker der Spitzenklasse. Dessen Schrift über die reelle Subsumtion der Intelligenz und des Kapitals ist die einzige Theorie, die mit Silicon Valley fertig wird. Der andere ist Niklas Luhmann.“

Auf LinkedIn gab es dann eine sehr interessante Reaktion von Frank H. Witt:

„Krahl und Luhmann lagen und liegen theoretisch oder ideologisch, wie man das auch sehen will, weit auseinander, aber Kluges Einschätzung ist zutreffend, sowohl Systemtheorie (physikalische, biologische, psychische und soziale Systeme, die sich wechselseitig ermöglichen, irritieren und gegeneinander abgrenzen lassen), als auch die eiskalte Interpretation der Hegelschen Phänomenologie lassen keinen Raum für allzu viel Vertrauen in das individuelle Bewusstsein (auch von Revolutionären): ‚Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!‘ So wurd Krahl kritisiert, als er auf der SDS Delegiertenkonferenz vom 13. Oktober 1969, darin mit Luhmann übereinstimmend, das Scheitern der Studentenrevolte konstatierte, weil diese die Mechanismen der Systembildung nicht verstehen konnte ….diese Delegiertentagung und der Auftritt Krahls beeindruckten manche in der späteren Professorengeneration so nachhaltig, dass diese das Bedürfnis hatten, mit ihren Studenten noch in den 80ern darüber zu diskutieren … technische Revolutionen sind einfacher als soziale, ,… Evgeny Morozov oder Jaron Lanier mögen dann den Studierenden von heute Diskussionsstoff bieten. Who owns the future?“

Soweit Witt. Das Arkanum von Krahl als Silicon Valley-Gegenrezept würde ich gerne lüften auf dem #KölnerKolloquium am 29. Mai.

Macht und die Kaste der Manager – Warum wir in Bonn neue Schumpeter-Unternehmer brauchen #GemeinsamGründen

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen. Nachzulesen in: Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseoph A. Schumpeter

Joseph Schumpeter war ein großer Sozialwissenschaftler und ist es immer noch in dem Sinn, dass seine Persönlichkeit und seine Arbeiten weiter wirken, sagt Heinz D. Kurz, Mitherausgeber des Bandes „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter“.

Vor allem über seine Bücher und Aufsätze, die als Referenzwerke und als Quellen von Ideen nicht an Anziehungskraft verloren haben. „Seinen Namen führen mehrere Gesellschaften in ihrer Bezeichnung, darunter die International Joseph A. Schumpeter Society, die Wiener Schumpeter Gesellschaft und die Grazer Schumpeter Gesellschaft.“ Eine Bonner Gesellschaft sucht man vergeblich, obwohl Bonn eine wichtige Station im Wissenschaftsleben von Schumpeter repräsentierte. Er war vor der Bonner Zeit privat insolvent, als Geschäftsmann und Politiker gescheitert. Durch Freunde, Gönner und Weggefährten wie Arthur Spiethoff, der Professor in Bonn war, kommt er wieder auf die Beine. Spiethoff gelingt es, Schumpeter im Oktober 1925 auf den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaft zu holen.

Die soziologischen Themen von Schumpeter in seiner Bonner Zeit

„Schumpeter wird deutscher Staatsbürger. Spiethoff, Schüler von Schmoller, aber aufgeklärter Historizist, ersucht Schumpeter, alles zu lehren, was dieser wolle, nur nicht Theorie. Schumpeter hält sich anfangs an die Vorgabe. Er hat großen Erfolg bei den Studierenden, die von nah und fern nach Bonn strömen. Wie kaum ein anderer zieht er die Hörer in seinen Bann. Einem seiner Schüler, Erich Schneider, zufolge sei es alleine Schumpeter zu verdanken, dass sich Bonn in wenigen Jahren zu einem ‚Mekka‘ der Volkswirtschaftslehre entwickelt habe“, so Kurz.

Schumpeter schöpft in dieser Lebensphase neuen Mut und veröffentlicht binnen kurzer Zeit mehrere einflußreiche Aufsätze. Dazu zählt die 1928 im Economic Journal veröffentlichte Abhandlung „The Instability of Capitalism“. In ihm beschreibt er die dem Kapitalismus seiner Ansicht nach innewohnenden selbstzerstörerischen und diesen letztlich transzendierenden Kräfte, und nimmt damit eine Hauptidee seines knapp anderthalb Jahrzehnte später veröffentlichten Buches Capitalism, Socialism and Democracy (1942) vorweg.

„Schumpeter trägt in seinem Aufsatz dem Umstand Rechnung, dass es die von ihm verherrlichte Gestalt des ‚Unternehmers‘ immer seltener gibt. An die Stelle des Wettbewerbs-Kapitalismus sei der in Trusts vermachtete Kapitalismus getreten. Dieser ist gekennzeichnet durch eine Trennung von Eigentum und Kontrolle sowie die wachsende Bedeutung der neu entstehenden Kaste der Manager“, erläutert Kurz.

Die Aufsteiger-und Absteigertypen in einer vertrusteten Gesellschaft seien völlig andere als in einer Konkurrenzgesellschaft und der Unterschied überträgt sich schnell auf Motive, Stimuli und Lebensstile, führt Schumpeter aus. Es wirkt sich negativ für die ökonomische Wohlfahrt aus. Oder in den Worten von Wilhelm Röpke, der zu den Architekten der Sozialen Markwirtschaft gehörte: Es leidet die Mannigfaltigkeit – nachzulesen im Buch „Wilhelm Röpke – Wissenschaftler und Homo politicus zwischen Marburg, Exil und Nachkriegszeit“, erschienen im Metropolis-Verlag. In Märkten, die von ungesunden Machtstrukturen dominiert werden, leiden mittelständische Unternehmen und die Kundschaft.

Das vom BDI-Präsidenten bis hin zu andere Akteuren ständig bemühte Bild des ehrbaren Kaufmanns ist wohl nur eine Chimäre, genauso wie die Segnungen der unsichtbaren Hand, führen Professor Lutz Becker und Amit Ray in einem Beitrag für das Fachbuch „CSR und Marketing“ aus. Wenn sich ökonomische, ökologische und soziale Dysfunktionalitäten ergeben, stellt sich die Frage nach den Regulativen.

Solche Moralzehrer findet man vor allem bei den Routineunternehmen, bei den Platzhirschen, bei den verkrusteten Konzernen sowie bei jenen Protagonisten, die sich über Kartelle organisieren und absichern. Atypisch-verantwortungsvolle Unternehmer findet man vor allem bei neuen Akteuren, die sich von alten Routinen, Absprachen und Ritualen abgrenzen. Es sind Unternehmer, die Anstand und Gemeinwohl als mindestens genauso wichtig erachten, wie Gewinn und Verlust.

„Unternehmer, die mit den Regeln des Marktes, die sie unanständig finden, brechen – wie etwa Viva con Agua, eine sich als Social Business verstehende Mineralwassermarke, die sich der Sicherung der Trinkwasserversorgung in den so genannten Entwicklungsländern verschrieben hat“, schreiben Becker und Ray.

Routineunternehmer lieben die Wahrung des Status quo und nutzen Situationen, um Vorteile zu erschleichen. Diese Logik zwingt den Gesetzgeber dauerhaft zum Nachziehen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Handlungsethik auf der Strecke bleibt. Neue Schumpeter-Unternehmer braucht das Land. Oder wie es die IHK ausdrückt:

#GemeinsamGründen und vorher Anregungen in der Schumpeter-Lesung am 26. März in Bonn einholen.

@wolflotter über die liebwertesten Gichtlinge des digitalen Konsums

Wolf Lotter von brand eins hat in der taz noch einmal einen schönen Rant über die Digitalisierung losgelassen mit einem Rückgriff auf den Computerpionier Joseph Weizenbaum, der bereits 1972 vor dem faulen Zauber der Großsprecher der Computertechnologie warnte. Weizenbaum hatte so einen herrlichen Berliner Humor:
Joseph Weizenbaum

„Der meiste Schaden, den der Computer potenziell zur Folge haben könnte, hängt weniger davon ab, was der Computer tatsächlich kann oder nicht kann, als vielmehr von den Eigenschaften, die das Publikum dem Computer zuschreibt.“

Die liebwerteste Gichtlingselite in Medien und Politik tut sich schwer, die Über- und Untertreibungen richtig einschätzen zu können. Wer ist denn nun eher digitaler Heizdeckenverkäufer und wer nicht?

Aus: Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter. Der Band wird am 26. März, um 20 Uhr im BuchLaden46 vorgestellt.

Wer bleibt in der alten Logik des Schneller-Effizienter-Optimaler stecken und investiert eben nicht in eine qualitative Verbesserung des Lebens?

„Apple Education twitterte im Frühjahr 2018 etwa Folgendes: ‚Wenn Sie Programmieren unterrichten, bringen Sie Ihren Schülern gleichzeitig kritisches Denken und das Lösen von Problemen bei.‘ Dabei wird stures Auswendiglernen, das Routinelernen, mit kreativem, individuellem Denken verwechselt, ein Klassiker, der aber im Zeitalter der Wissensgesellschaft gefährlich ist, die nicht nach der Logik der Industriegesellschaft läuft. Coden hilft beim kritischen Zweifeln und Finden origineller Lösungen ungefähr so gut wie Rosenkranzbeten gegen Rückenbeschwerden“, schreibt Lotter so trefflich. Wer mit irgendwelchen Gadgets oder Diensten umgehen kann, ist noch kein digitaler Gott. Dennoch kann man schon mit den dümmsten Kalenderweisheiten und mechanistischen Sprüchen auf Twitter oder Facebook punkten.

Wo der Glaube an Mechanismus groß werde, wird sogar Intelligenz selbst zur Frage der Technik, zu einem lösbaren mechanischen Problem, wie die kritiklose Bejubelung des Begriffs der künstlichen Intelligenz beweist. Die Forschung könne zwar die Frage, was Intelligenz ist, nicht annähernd beantworten, aber IT-Unternehmen bauen sie bereits in künstlicher Version in ihre Mobiltelefone ein. „Wer die Spracheingabe seines Smartphones für intelligent hält, beweist eigentlich nur, dass er selbst es nicht ist“, kritisiert Lotter. Zudem funktionierte die Sprachsteuerung schon vor rund 20 Jahren recht gut, interessierte aber die Sparfüchse im Kundenservice nicht die Bohne. Da setzte man lieber auf „Drücken Sie 1,2 oder 3 und verwesen für drei Stunden in der Hotline“.

Digitale Kompetenz ist häufig nur Konsumkompetenz, so Lotter. Es fehle an Zusammenhangswissen, dass sich nur durch kritisches Denken, also selbstständiges Erfahren, schulen lässt.

Siehe dazu auch: Digitale Innovationen oder eher Silicon Valley-Esoterik? @wolflotter und @thomasramge diskutieren

Jeden Montag gibt es wieder die liebwertesten Gichtlinge:

Die Atomfreunde erregten sich über diese Geschichte:

@realDonaldTrump, #Schumpeter und der wirtschaftliche Niedergang durch Nationalismus

Ich bin ja immer auf der Suche nach Bonner Fundstellen über den Ökonomen Joseph A. Schumpter, der von 1925 bis 1932 in Bonn als Professor wirkte. Jetzt las ich einen Beitrag über eine Veranstaltung zur 200-Jahr-Feier der Uni Bonn mit dem Titel „Lichtgestalten der Bonner Universitätsgeschichte“. Und da taucht neben Karl Marx und dem Rechtswissenschaftler Ernst Zitelmann auch Schumpeter auf. Wie löblich.

Alle drei seien Lichtgestalten der Bonner Universitätsgeschichte, die uns tatsächlich noch etwas zu sagen haben. In der Tat.

Am Beispiel der Weltmacht China, das im 19. Jahrhundert noch als „der schlafende Riese“ galt,  illustrierte Professor Clemens Albrecht die Bedeutung der Schumpeter-Schrift „Soziologie der Imperialismen“. Albrecht schlug damit den Bogen zu aktuellen Fragen der Globalisierung, Stichworte Umweltschutz und Handelskrieg zwischen den USA und China, wie sie in der anschließenden Diskussion aufkamen. Schumpeter habe die „Soziologie der Imperialismen“ kurz nach dem Ersten Weltkrieg vorgelegt, heißt es in der Meldung der Uni Bonn. „Wenige Jahre später wurde er nach Bonn berufen. Seine ‚Analyse des Wechselverhältnisses zwischen ökonomischen Entwicklungen, sozialen Grundlagen und raumgreifenden politischen Entscheidungen‘ ist für den Kultursoziologen Albrecht interessant, weil sie die Probleme und Widersprüche der Globalisierung begreifbar macht. Besonders deutlich werde dass im Bereich des Rechts und der zunehmenden Internationalisierung des Rechts. ‚Recht muss als Kultur politisch gewollt sein‘, zitierte Albrecht Schumpeter. Auch wenn das möglicherweise mit nationalen Interessen kollidiere, treibe es insgesamt die Entwicklung voran, sei also notwendig.“ Und nicht nur das.

In seinem Werk „Business Cycles“ hat er eine wichtige Epochen-Perspektive entwickelt. So können wir rückblickend die Zeit von 1898 bis 1953 mit der Brille von Schumpeter als Einheit von Neomerkantilismus (Förderung von Exporten und Erschwerung von Importen) und aggressivem Nationalismus bezeichnen – also eine imperialistische Epoche, die erst nach dem zweiten Weltkrieg nach und nach überwunden wurde. Gründung der Montanunion, EWG und später Europäische Gemeinschaft. Zur Europawahl sollten wir auf diese wirtschaftspolitischen Zusammenhänge intensiv eingehen.

„Der Zusammenhang zwischen dem damaligen antiimperialistischen Kampf und dem Aufbruch zu einem gemeinschaftlichen Dasein der europäischen Völker wird uns leider nur allzu selten bewusst“, schreibt Ulrich Hedtke in seinem Beitrag „Josef Alois Schumpeter – Vorträge in der Bonner Zeit“.

Schön Steilvorlage für die Lesung am Dienstag, den 26. März im BuchLaden46 in Bonn. Geht um 20 Uhr los. Sieht man sich?