Das alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär

Nun gehet hin und bestellet das königliche Opus im Klingen-Verlag 🙂 https://klingen-verlag.de/produkt/koenig-von-deutschland/

“Das alles, und noch viel mehr | würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’” räsonierte einst der „Ton Steine Scherben”-Frontmann Rio Reiser (1959- 1996). Uns reizt der anarchische Unterton dieser Zeile und das im Liedtext vermittelte Gefühl, dass alles doch ganz anders sein könnte, wenn man nur wollte. Es ist dieser Spiegel, den uns Rio Reiser immer wieder vor die Nase gehalten hat: Warum eigentlich? Deshalb wurde diese Zeile Initialzündung des Projektes #KönigVonDeutschland, das zuerst in Form eines Podcast erschien, nun aber aktualisiert und überarbeitet als Buch vorliegt.

Die Utopie beschreibt, um mit Reinhard Pfriem zu sprechen, „kein Land nirgendwo“. Und um es vorweg zu nehmen: Wir warnen auf unserem Beipackzettel ausdrücklich davor, Utopien als etwas zu betrachten, das man mit allen Mitteln auch umsetzen muss. Im Gegenteil: Eine Utopie soll bleiben, wo sie hingehört, an einem Ort im Nirgendwo. Die Geschichte der Futuristen und anderer ideologischer Kollateralschäden haben gezeigt, dass eine Utopie, die zur Maxime wird, in der bitteren Konsequenz allzu leicht zu Faschismus, Unterdrückung und Gewalt führt. Der Weg in die Hölle ist nicht selten mit guten Absichten gepflastert. Deshalb sollten wir Utopien ausschließlich als Spielwiese für unser Denken betrachten. Nicht mehr und nicht weniger. Wir finden es jedenfalls wie Harald Welzer einfach cool, Utopien zu entwickeln, „denn wir brauchen etwas, worauf wir uns freuen können.”

1526 war es der Staatsmann Thomas Morus (1478-1535), der den Begriff der Utopie (griech: oú + tópos, Nicht-Ort) prägte. In seinem Roman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) skizzierte er nicht nur ein vermeintlich ideales Staatsgebilde, sondern es ging ihm vor allem darum, seinen Zeitgenossen ein kritisches Spiegelbild vorzuhalten. Eine Kritik, die ihm nicht nur Freunde bescherte.

Eine Utopie ist Blaupause eines positiven Zustandes in der Zukunft. Sie pointiert den Unterschied zum Hier und Jetzt. Sie stellt die entscheidende Frage, ob nicht alles ganz anders sein kann. So werden Utopien im Idealfall zu Verhandlungsräumen, in der normative, politische und strategische Fragen unabhängig von unmittelbaren Betroffenheiten ausgehandelt werden können.

In der Praxis schlägt die Utopie die Brücke zur Innovation. Sie kann als Projektionsfläche für zukunftsorientierte Politikgestaltung oder als Framework für strategische Entscheidungen im Management dienen, indem sie zu verstehen hilft, welche Entscheidungen getroffen werden müssen, um wünschenswerte Zukünfte zu erreichen.

Leider wird vielfach nicht weitergedacht im Sinne von Reiser: Es gibt eine gute Analyse von Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“. Dort stellt er sich zum Schluss selbst eine rhetorische Frage: Wie kann man die Idee des guten Lebens mit einer Wirtschaft verbinden, die demokratisch gesellschaftlich gesteuert wird, ohne alles autoritär zu steuern oder zu bevormunden – ohne in den Hausmeister-Modus zu fallen. Eine super-spannende Frage.

Folgende Interviews haben wir geführt:

Wer ein Exemplar zur Rezension erhalten möchte, kann mich einfach via E-Mail kontaktieren: gunnareriksohn@gmail.com oder 0177-6204474.

Auf der Next Economy Open am Donnerstag, den 2. Dezember gibt es eine erste Präsentation des Werkes:

Der Zettelkasten als Suchmaschine

Zufallslektüre und die Fähigkeit etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat: Warum man die Zettelkästen von Niklas Luhmann, Hans Blumenberg und Arno Schmidt verbinden sollte

Luhmann statt Google

Das 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv des legendären Ausstellungsmachers Harald Szeemann, wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. “Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung” steht unter einem Regalbrett: “Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.” Szeemann baute einen Zufallsmechanismus in seine analoge Sammlung ein. Im wissenschaftlichen Kontext geht man bekanntlich anders vor.

Wenn Forscher sehr sicher sind, was genau sie wissen wollen, entsteht dabei zwischen Lesen und Schreiben keine große sachliche und zeitliche Lücke. “Man bibliografiert, welche Beiträge geleistet worden sind, und notiert sich, was ihnen entnommen werden kann”, schreibt Jürgen Kaube in seinem Beitrag “Luhmanns Zettelkasten oder Wie ist gedankliche Ordnung möglich?” im Ausstellungskatalog “Serendipity – Vor Glück des Findens”, erschienen im snoeck-Verlag. Nachdenken, Weiterlesen, Rechnen, Experimentieren, Datenausschöpfen, Fragen und Antworten formulieren. Die Lektüre und Recherche erfolgt zielgerichtet.

Was in Schubläden schlummert

Der berühmte Zettelkasten, den der Soziologe Niklas Luhmann schon im Alter von 25 Jahren anlegte und bis zwei Jahre vor seinem Tod 1998 geführt hat, um seine Gedanken und Lektüren zu dokumentieren, funktioniert anders. Eine Erkenntnis wollte er nicht in Stein meißeln, sondern auf verschiedene Wege weiterführen. Kaube erklärt das mit dem Zettel 7/59a zum Begriff des Klassikers. Dort notiert Luhmann: “Man kann es tun, aber es entspricht nicht wissenschaftlichem Stil, die Klassiker mit Dankbarkeit zu überschwemmen”und “Vielleicht sind Klassiker auch, und gerade deshalb, so beliebt, weil man sich von ihnen durch Personennamen unterscheiden kann, während bei theoretischen Positionen schwierige Überlegungen nötig sind, wirklich festzustellen, worin sie sich unterscheiden.”

Dieser Luhmann-Zettel unterstreicht die Kombinationsmöglichkeiten seines Gedankenkosmos, der in Schubläden schlummert. Er belegt nach Auffassung von Kaube die Verwendungsfähigkeit in unterschiedlichen Kontexten wie “Klassiker” oder “Adeptentum” oder “Philologie”. Anschlussmöglichkeiten ergeben sich auch über die Funktion von Personennamen oder über die verschiedenen Ausprägungen von Dankbarkeit. “Es kommt in jedem Fall nur darauf an, dass man diesen Zettel wiederfindet, wenn man an Überlegungen zu Dank, Philologie oder Epigonen sitzt. Dafür hat die Ordnung des Zettelkastens, die Anordnung der Zettel, das interne Vereisungssystem und die Schlagwörtervergabe zu sorgen”, schreibt Kaube.

Zufallslektüre

Am wichtigsten ist allerdings die Berücksichtigung des Zufalls bei der Lektüre. Es gibt Themenblöcke im Luhmannschen Archiv etwa zum Begriff des Amtes, zu Wirtschaft, zu Hochkulturen oder zur Entscheidungstheorie. Diese anfängliche Ordnung wird immer wieder verlassen. Notierte Nebengedanken zu diesen großen Linien werden einfach an der Stelle eingeschoben, an der der Zettelkasten geöffnet war. Das führt zur Steigerung des Überraschungsgehaltes beim erneuten Zugriff auf den Kasten. Durch die Anwendung dieses “Multiple-Storage-Prinzips” – also die Mehrfach-Ablage – durchbricht Luhmann auch eine historische Ordnung nach der Machart “Das waren meine ersten Gedanken zu xyz”.

“Der Kasten versucht die Vorteile von Ordnung mit den Vorteilen der Unordnung zu kombinieren”, so Kaube. Damit bewegt sich Luhmann auf der von Horace Walpole benannten Gabe der Serendipität, also der Fähigkeit, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Eine Recherche-Methodik für überraschende Erkenntnisse.

Entscheidend ist Verzicht auf eine Zettel-Priorität. Es gibt in diesem Netz der Notizen keine privilegierten Plätze und keine Zettel von besonderer Qualität. Mit der Ablagetechnik und die Kombinatorik der Notizen gleicht der Zettelkasten den Hyperlinks des Internets.

Einen feinen Vorschlag hat der Felix Heidenreich in einem NZZ-Beitrag gemacht. Die digitale Verbindung der Zettelkästen von Niklas Luhmann, Hans Blumenberg und Arno Schmidt:

„Dann könnte man von einem Denk-Atoll ins andere übersetzen, um zu sehen, ob den Bewohnern eventuell ähnliche Dinge ins Netz gegangen sind, bei ihren Lektüren im Meer der Texte.“

Das wäre fantastisch 🙂

Wir sind eine Einweg-Nation

„Jahrelang ging in Deutschland der Anteil von Getränken, die in Mehrwegflaschen abgefüllt werden, zurück. Die aktuellen Daten zeigen für 2019 erstmals wieder einen Anstieg des Mehrweganteils im Getränkebereich. Mit 41,8 Prozent wird das gesetzliche Ziel von 70 Prozent jedoch deutlich unterschritten“, führt das Umweltbundesamt aus. Der gigantische Anstieg liegt bei….0,6 Prozentpunkte.

Von einer Trendwende in Richtung Mehrweg kann also nicht gesprochen werden. Der Anstieg wurde nur im Segment Mineralwasser erreicht – hier gibt es einen Zuwachs von 2 Prozentpunkten von 38,8 auf 40,8 Prozent. Bei Bier, Erfrischungsgetränken und so genannten Mischgetränken schmiert der Mehrweganteil weiter ab. Einen starken Zuwachs bei Einweg gab es mit einem Anstieg auf 5,2 Prozent bei in Dosen abgefüllten Getränken. 

16,5 Milliarden Einheiten werden in Einweg-Kunststoffflaschen abgefüllt. Der Marktanteil liegt hier bei über 50 Prozent.

Das Verpackungsgesetz gibt als Zielgröße für pfandpflichtige Getränke den Anteil von 70 Prozent für Mehrwegverpackungen (MW) vor. Davon können wir in Deutschland nur träumen.

Seit Einführung des Dosenpfandes gehen Mehrweg-Verpackungen den Bach runter. Wenn Handelskonzerne Pfandautomaten für Einweggebinde aufstellen, ist leicht nachvollziehbar, wie sich die Sortimentspolitik des Lebensmitteleinzelhandels geändert hat. Kleiner Hinweis für den früheren Dosenpfand-Minister Jürgen Trittin.

Es wird aktuell so viel über Kreislaufwirtschaft und Mehrwegbecher gesprochen. In der Realität ist das belangloses Gequatsche. Wir sind eine Einweg-Nation. Allein an diesem Indikator erkennt man schnell, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Ökologische Lippenbekenntnisse für die Social-Media-Kulisse. Habitus statt Taten. Ihr braucht Euch nur den Verbrauch an Einwegverpackungen anschauen: Von rund 12 Millionen Tonnen 1991 auf rund 16 Millionen Tonnen. Das ist der jährliche Verbrauch. Auch hier sind wir Einweg-Nation.

#Notizzettel: Livetalk mit @GrimmVeronika zu Klima, Inflation und gestörte Lieferketten @SVR_Wirtschaft

Klimapolitik: Die Emis­sio­nen in Deutsch­land sollen auf einen Pfad gebracht werden, der mit dem globa­len 1,5-Grad-Ziel des Pari­ser Klima­ab­kom­mens im Einklang steht. Bis zum Jahr 2045 möchte Deutsch­land klima­neu­tral sein. Ambi­tio­nier­te Ziele auszu­ru­fen, bedeu­tet aber keines­wegs, sie auch zu erreichen.

„Es braucht eine Verviel­fa­chung des Tempos beim Ausbau der erneu­er­ba­ren Ener­gi­en, die massi­ve Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz, umfang­rei­che Inno­va­tio­nen bei saube­rer Ener­gie, Elek­tri­fi­zie­rung, Wasser­stoff und synthe­ti­schen Kraft­stof­fen sowie der Mobi­li­tät, die Entwick­lung von Nega­ti­v­emis­si­ons­tech­no­lo­gi­en sowie die Sicher­stel­lung des Abtrans­ports von Kohlen­stoff in die Lager­stät­ten unter der Nord­see und nicht zuletzt die heraus­for­dern­de Verwirk­li­chung einer Kreis­lauf­wirt­schaft“, schreiben Ottmar Edenhofer, Veronika Grimm, Andreas Löschel, Karen Pittel und Christoph Schmidt in einem FAZ-Gastbeitrag.

„Es gab in der Vergan­gen­heit in Deutsch­land keinen Mangel an klima­po­li­ti­schen Initia­ti­ven, im Gegen­teil. Doch war die große Zahl der komple­xen Förder­me­cha­nis­men und ordnungs­recht­li­chen Eingrif­fe weder syste­ma­tisch am Ziel der Emis­si­ons­min­de­rung noch an einer effek­ti­ven Inno­va­ti­ons­po­li­tik ausge­rich­tet. Sie war oft klein­tei­lig, kurz­fris­tori­en­tiert und nicht ausrei­chend mitein­an­der verzahnt.“

Man denke nur an die ökologische Steuerreform zur Rettung von Klima UND Rente. Verfehlt wurden beide Ziele.

„Mit einem CO2-Preis als Leit­in­stru­ment erhal­ten Unter­neh­men und Haus­hal­te einen Anreiz für Inves­ti­tio­nen in Emis­si­ons­min­de­run­gen und für Ände­run­gen ihrer Konsum­entschei­dun­gen, ohne dass es immer wieder zusätz­li­cher Förder­instru­men­te und Tech­no­lo­gie­pro­gram­me bedarf. Die Geschäfts­mo­del­le der Unter­neh­men und die Entschei­dun­gen der Haus­hal­te werden nämlich durch den CO2-Preis grund­sätz­lich verän­dert. Nur durch Konzen­tra­ti­on auf rich­ti­ge Anrei­ze über Preis­si­gna­le kann der hohe Koor­di­nie­rungs­be­darf zwischen den vielen dezen­tra­len Akteu­ren geleis­tet werden – über Regio­nen, Sekto­ren und Tech­no­lo­gi­en hinweg.“

Kritik von Gabriel Felbermayer: „Die Frage ist, wie werden die verfügbaren Mengen über Haushalte, Unternehmen und Landwirtschaft verteilt. Das wird über den Markt gelöst, aber die Mengenbegrenzung wird politisch gesetzt. Mit einer Steuerlösung, wie wir sie jetzt haben, haben wir überhaupt keine Garantie, dass die Emissionen zurückgehen, weil die Menge nicht begrenzt ist.“

Wie schaut es mit Ausweichaktivitäten aus?

„Eine CO2-basier­te Reform der Ener­gie­steu­ern und -abga­ben ist für die Trans­for­ma­ti­on unver­zicht­bar. Beson­ders dring­lich ist dies für den Strom. Eine stär­ke­re CO2-Beprei­sung sollte hier mit einer Reduk­ti­on staat­li­cher Strom­preis­be­stand­tei­le einher­ge­hen. So gelingt die Abfe­de­rung sozia­ler Härten in den unte­ren Einkom­mens­klas­sen. Vor allem die EEG-Umlage für die erneu­er­ba­ren Ener­gi­en sollte schnell nicht mehr über den Strom­preis, sondern aus Steu­er­geld finan­ziert werden“, fordern die FAZ-Gastautoren. Wann kommt das? Schon jetzt werden einkommensschwache Haushalte durch die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise belastet?

„Klima­po­li­tik muss in großem Umfang priva­te Inves­ti­tio­nen mobi­li­sie­ren. Priva­te Inves­ti­tio­nen machen fast 90 Prozent der gesamt­wirt­schaft­li­chen Brut­to­an­la­ge­inves­ti­tio­nen in Deutsch­land aus. Mit den rich­ti­gen Rahmen­be­din­gun­gen kann dieser „Tanker“ stär­ker auf klima­freund­li­che Geschäfts­mo­del­le ausge­rich­tet und umge­steu­ert werden. Der aktu­el­le Fokus auf öffent­li­che Inves­ti­tio­nen in Deutsch­land droht dage­gen in die falsche Rich­tung zu führen. Es wäre eine Illu­si­on zu glau­ben, die Trans­for­ma­ti­on könnte vor allem durch öffent­li­che Inves­ti­tio­nen oder umfang­rei­che Staats­hil­fen voran­ge­trie­ben werden. Nicht zuletzt sei hier auf die poli­ti­k­öko­no­mi­schen Fehl­an­rei­ze verwie­sen, die öffent­li­che Ausga­ben für den Klima­schutz seit langer Zeit beglei­ten und im Ergeb­nis oft zu Kompro­mis­sen zulas­ten Drit­ter – meist der Steu­er­zah­ler – führten.“

Grüner Strom und Wasser­stoff werden in ande­ren Regio­nen der Welt güns­ti­ger verfüg­bar sein. „Daher sind Impor­te grund­sätz­lich volks­wirt­schaft­lich sinn­voll und leis­ten einen Beitrag zu unse­rem Wohl­stand. Vor dem Hinter­grund der aktu­el­len Gaskri­se wird aber auch deut­lich, dass es mehr lang­fris­ti­ge, vertrau­ens­vol­le, stabi­le Ener­gie­part­ner­schaf­ten und eine Diver­si­fi­zie­rung der Anbie­ter braucht, um Abhän­gig­kei­ten und eine Gefähr­dung der Sicher­heit der Ener­gie­ver­sor­gung zu mini­mie­ren. Dies betrifft auch Part­ner­schaf­ten mit bishe­ri­gen fossi­len Liefe­ran­ten, inso­fern diese über entspre­chen­de Poten­tia­le für grüne Ener­gi­en verfügen.“

Störungen auf der Angebotsseite, Chipmangel, Inflationsrisiken und massiver Mangel an Arbeitskräften in den nächsten Jahren:

„Die meisten Wirtschaftsforscher prognostizieren ein Wachstum von knapp fünf Prozent im nächsten Jahr (Achtung, Inflationsrisiko!), die Staatskassen laufen voll (sagen die Steuerschätzer), kurz: Wir haben überhaupt keine Geldsorgen und kein Nachfrageproblem, sondern vor allem mit Kapazitätsmängeln, Überlastungen und Angebotsproblemen zu kämpfen, konkret: Wir wollen Brücken, Straßen und Schienenwege bauen, das Land mit E-Ladenetzen überziehen, Schulen und Ämter digitalisieren, Windräder, Solarparks und Strommasten aufstellen, und das alles möglichst schnell und gleichzeitig-Allein die Frage ist: Wer soll das alles schaffen? Wo sind die Handwerksbetriebe, die das alles europaweit erledigen? Schon heute werden viele bereit gestellte Milliarden nicht abgerufen. Und die demografische Lage spitzt sich zumal in Deutschland zu, weil die Baby-Boomer sich langsam in Richtung Ruhestand verabschieden“, schreibt Dieter Schnaas von der Wiwo.

Die Angebotsseite ist so nachhaltig gestört, dass wir mit der unsoliden Finanzpolitik massiv in eine Inflation abrutschen.

Dazu der Sachverständigenrat: „Die weltwirtschaftliche Erholung wurde von einem Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise sowie angebotsseitigen Engpässen begleitet. Dies hat zu einem deutlichen Anstieg der Verbraucherpreisinflation geführt, die ohnehin durch Basis- und Sondereffekte erhöht ist. Der Sachverständigenrat erwartet in Deutschland eine Inflationsrate von 3,1 Prozent für das Jahr 2021 und von 2,6 Prozent für das Jahr 2022. Länger anhaltende angebotsseitige Engpässe, höhere Lohnabschlüsse und steigende Energiepreise bergen jedoch das Risiko, dass eigentlich temporäre Preistreiber zu persistent höheren Inflationsraten führen könnten.“

Lokale Ereignisse – wie etwa Virusausbrüche in zentralen Häfen oder Produktionsstätten Chinas, die Havarie im Suez-Kanal oder durch Sonderereignisse hervorgerufene Produktionsausfälle führten immer wieder zu zusätzlichen weitreichenden Störungen der globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten und verstärkten so die Engpässe.

„Die starke Segmentierung der Engpässe, die viele unterschiedliche Teilmärkte betreffen, dürfte einen nur allmählichen Abbau der Engpässe zur Folge haben. Insgesamt dürften sich die derzeitigen produktionshemmenden Engpässe abbauen, sobald sich die Verschiebung der Konsumpräferenzen zwischen Gütern und Dienstleistungen mit nachlassendem Pandemiegeschehen normalisiert und so die Güternachfrage sowie die Überauslastung der Frachtkapazitäten reduziert. Bei nachhaltigen strukturellen Verschiebungen der Nachfrage, etwa infolge der Digitalisierung oder der Transformation der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität, dürften sich Unternehmen zwar zunehmend an die geänderten Bedingungen anpassen. Jedoch dürfte bei einigen Gütern – wie etwa Halbleiterprodukten – der Aufbau neuer Kapazitäten noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Ein weiterer produktionshemmender Faktor sind die starken Anstiege einiger Rohstoffpreise, die auf eine Kombination aus überraschend schnell gestiegener Nachfrage sowie einem durch Wetterereignisse und pandemiebedingter Produktionsausfälle reduzierten Angebot zurückgehen Auch hier ist ein Teil des Anstiegs – vor allem bei Energierohstoffen – auf das niedrige Preisniveau im Vorjahr zurückzuführen. Jedoch liegen die Preise mittlerweile zumeist deutlich über dem Vorkrisenniveau.

„Ein weiterer struktureller Trend, der längerfristig zu höheren Inflationsraten führen könnte, ist die zunehmende Alterung der Weltbevölkerung und der damit einhergehende Rückgang des Anteils der Erwerbstätigen. Während die Alterung der Bevölkerung in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften bereits vor einiger Zeit eingesetzt hat, dürfte sie zukünftig ebenfalls in vielen Schwellenländern – insbesondere in China – zunehmen. Goodhart und Pradhan (2020) argumentieren, dass dies über drei Kanäle zu höherer Inflation führen kann. Erstens erhöht sich das Verhältnis der Anzahl der Personen im Rentenalter zur Anzahl der Personen im Erwerbstätigenalter. Zweitens könnten die hieraus resultierenden Arbeits- und Fachkräfteengpässe die Verhandlungsmacht von Gewerkschaften sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern stärken und somit zu überproportional stark steigenden Reallöhnen führen. Drittens könnte ein Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Konsumquote – ausgelöst durch das geringere Sparen der älteren Bevölkerung – den Realzins erhöhen, da der Investitionsbedarf weiterhin hoch bleibt. Dies würde ceteris paribus ebenfalls inflationär wirken.

Zu guter Letzt könnten sich die disinflationären Tendenzen der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung in Zukunft umkehren. Bereits vor der Pandemie mehrten sich die Anzeichen einer beginnenden Umkehr der Globalisierung durch die Zunahme protektionistischer Maßnahmen, wie beispielweise dem Handelskonflikt zwischen den USA und China oder dem Brexit. Verstärkt werden könnte dies durch politische Maßnahmen wie dem „Buy American Act“ der USA oder des „Made in China 2025“-Plans.

Genügend Stoff für den Livetalk mit Professorin Veronika Grimm am Dienstag, um 12 Uhr. Mitdiskutieren via YT (hier schon angelegt) und just in time via Twitter, LinkedIn, Facebook und Twitch. Einfach auf meine Accounts gehen. @gsohn gunnarsohn oder gunnareriksohn.

Das Jahresgutachten des Sachverständigenrats als Diskussionsgrundlage. Man hört, sieht und streamt sich.

Reibung und Auftrieb: Nach zwei Wochen sendet die COP26 wichtige Signale zum Klimaschutz

Glücksniveau auf einem historischen Tiefstand – Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage erzielt Rekordwert #Glücksatlas

Corona habe den Menschen in Deutschland offenbar heftig aufs Gemüt geschlagen: „Der neue „Glücksatlas“ zeichnet das Bild eines genervten Landes, die Lebenszufriedenheit sei so gering wie lange nicht mehr. Die Lebenszufriedenheit der Deutschen befindet sich einer Umfrage zufolge auf einem historischen Tiefstand. Im neuen ‚Glücksatlas‘, der in Bonn veröffentlicht wurde, wird das deutsche ‚Glücksniveau‘ im Jahr 2021 nur noch mit 6,58 Punkten angegeben. Das ist noch weniger als im Jahr zuvor (6,74 Punkte) – und der niedrigste Stand seit Beginn der Erhebung 1984″, berichtet die Tagesschau.

Der bisherige Tiefstwert war 2004 erreicht worden (6,65 Punkte) – in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen. 2019, also vor der Corona-Pandemie, hatten die Deutschen ihre Lebenszufriedenheit im Schnitt noch mit 7,14 Punkten angegeben. Das war damals Rekordniveau.

Bei der wirtschaftlichen Situation ergibt sich ein ganz anderes Bild. Das habe ich in meiner Kolumne fürs prmagazin dargelegt unter dem Titel: Klassische Medien im Verbund mit Twitter und Co. verzerren die Wirklichkeit

Das von der Demoskopin Elisabeth Noelle beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Diese These stresste ich in den vergangenen Jahren in vielen Veröffentlichungen. Doch das muss ergänzt werden.

Folgende Fragen sollte man wissenschaftlich näher beleuchten: Wie agieren kleine und besonders aktive Gruppen im Social Web und welche Netzwerkeffekte erzielen sie? Wie oft werden Inhalte von klassischen Medien rezipiert und welchen Stellenwert haben Quellen jenseits des Journalismus? Wie groß ist die Relevanz von digitalen Diensten – also News Aggregatoren, Suchmaschinen, Bewertungsplattformen? Gibt es noch eine eine Übereinstimmung von veröffentlichter und öffentlicher Meinung?

Was passiert, wenn Twitter und Co. vor allem den politischen Medientenor nur verstärken und es fast unmöglich für die Bevölkerung machen, Primärquellen wahrzunehmen und den Erregungsüberschuss im Netz mit Distanz, Nüchternheit und Skepsis wahrzunehmen. Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine kritische Urteilskraft jenseits von reißerischen Überschriften, Pöbeleien, Beleidigungen, Zynismus und Verdrehungen? 

Im Wust der Tweets und Postings überschlagen sich auch Journalisten im Kampf um die Deutungshoheit und in der Sucht nach Aufmerksamkeit. 

Die Bildung öffentlicher Meinung wird so immer mehr zum Spielball von besonders sendungsbewussten und netzwerkmächtigen Akteuren, die mit ihren Agitationen besonders erfolgreich sind, wenn eine Überprüfung der Faktenlage schwierig, zweitaufwändig oder schlichtweg ermüdend ist – etwa beim Studium von Wirtschaftsstatistiken. Auch bei Themen wie Krieg und internationale Konflikte funktioniert die Verzerrung der Wirklichkeit wie geschnitten Brot – PR, Spin-Doktoren mit ihren Einflüsterungsmärchen und Medien führen zu einer ungeprüften öffentlichen Meinung. 

Da das eigene Erfahrungswissen für die Bildung der individuellen Meinung und somit der Bevölkerungsmeinung jedoch ein wichtiger Faktor ist, scheinen komplexe und schwer überprüfbare Sachverhalte wie beispielsweise Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik ein Schlachtfeld für Meinungskämpfe zu sein. Besonders eklatant ist das bei Themen, die man zumindest in Ansätzen mit seiner eigenen Lage abgleichen kann. So beurteilen nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 70 Prozent der Befragten in Deutschland im August 2021 ihre wirtschaftliche Lage als gut, 23 Prozent votieren teils-teils und nur 7 Prozent werten ihre Situation als schlecht. Seit der Finanzkrise 2008 geht die Kurve mit den positiven Aussagen zum eigenen wirtschaftlichen Status quo nur nach oben. 

Vor 13 Jahren – also ungefähr zum Regierungsantritt von Angela Merkel – stuften nur rund 40 Prozent ihre Lage als gut ein. Ganz anders wird die wirtschaftliche Entwicklung im Ganzen wahrgenommen. Hier gibt es seit 2009 nur vereinzelt Zeitabschnitte, in denen eine positive Wirtschaftsentwicklung verortet wird. Ein positives Delta wie bei der Abschätzung der eigenen Wirtschaftslage zwischen 70 und 7 Prozent gab es im vergangenem Jahrzehnt bei der allgemeinen Wertung der Wirtschaftslage nie. Nah- und Fernsicht klaffen also weit auseinander. Ausführlich nachzulesen in der November-Ausgabe des prmagazins.