Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage auf einem Tiefpunkt – Die eigene Lage positiv wie auf Vorkrisenniveau 2019

Die Deutschen haben nach Analysen von Allensbach wenig Hoffnung, dass sich die allgemeine wirtschaftliche Lage in den kommenden zwölf Monaten nennenswert bessert: Lediglich 10 Prozent der Bürger rechnen mit einer Erholung, 52 Prozent mit einem anhaltenden Abwärtstrend. „Die meisten fürchten auch, dass es um Deutschlands wirtschaftliche Perspektiven längerfristig nicht zum Besten steht. Erstmals zweifelt die Mehrheit, dass Deutschland in 10 bis 15 Jahren noch zu den führenden Wirtschaftsnationen gehören wird – und dies nicht allein aufgrund des ökonomischen Aufstiegs anderer Nationen wie China und Indien“, schreibt Allensbach-Chefin Renate Köcher in einem Beitrag für die Wirtschaftswoche. 

Die Befragten sehen die wirtschaftliche Lage und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands des Standortes kritischer als in der Phase der Wachstumsschwäche und hohen Langzeitarbeitslosigkeit zwischen 2000 und 2005. Fragt man allerdings nach der eigenen Situation, schlägt wieder ein extremes doppeltes Meinungsklima durch. Stichwort Fernsicht-Nahsicht.

„2005 fürchtete jeder dritte Arbeitnehmer um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes, aktuell schwankt dieser Anteil zwischen sieben und elf Prozent. 71 Prozent halten ihren Arbeitsplatz für sicher, 2005 weniger als die Hälfte. Obwohl viele größere Betriebe den Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt haben, sind die Ängste, arbeitslos zu werden, auf einem Tiefststand und liegen auch unter dem Vorkrisenniveau von 2019. Die Probleme einzelner Wirtschaftszweige schlagen diesmal kaum auf den Arbeitsmarkt durch“, erläutert Köcher.

Die politischen Top-Themen der Bürgerinnen und Bürger kann man als weitere Referenz für das doppelte Meinungsklima heranziehen: Wirtschaftspolitik, Schuldenbremse, unternehmerischer Staat oder antizyklische Maßnahmen zur Belebung der Konjunktur stehen nicht oben auf der Agenda der Menschen, sondern Gesundheitswesens, Schulpolitik, Kriminalitätsbekämpfung, die Regelung der Zuwanderung, die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum oder der Kampf gegen die Inflation. „50 Prozent der Bürger bewerten ihre wirtschaftliche Lage positiv, 37 Prozent als durchwachsen, 9 Prozent als unbefriedigend. 2019, vor Ausbruch der Pandemie, vor Ukrainekrieg, Energie-Engpassen und hoher Inflation, fiel die Bilanz genauso aus“, so Köcher. 

Schaut man sich die Werte von Forschungsgruppe Wahlen an, kommen ähnliche Ergebnisse zum Vorschein. Nur 9 Prozent der Befragten sieht Anfang März 2024 die eigene wirtschaftliche Lage als schlecht an. 57 Prozent der Menschen in Deutschland sehen sich in einer guten wirtschaftlichen Lage. Der Rest sagt teils-teils. Bei der Bewertung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage kommen wieder katastrophale Werte heraus: Lage gut: Nur 11 Prozent; Lage schlecht: 39 Prozent; Teils-Teils: 49 Prozent. 

Und wie schaut es im Unternehmensektor aus: 

Seit dem Sommer 2023 führt die Unternehmensberatung Mind Business in einer qualitativen Erhebung Tiefeninterviews zur vierten Studie „Digitale Vorreiter im Mittelstand“. Gesprächspartner sind Top-Entscheiderinnen und Entscheider aus Familienunternehmen, Hidden Champions und Mittelständlern aus allen relevanten Wirtschaftsbranchen von Handwerk, Handel und Industrie. Die Einstiegsfrage lautete: „Wie ist die wirtschaftliche Lage Ihres Unternehmens: Grün, Gelb oder Rot?“ Und die Ergebnisse waren mehr als überraschend: Bei sechs von zehn Befragten steht die Ampel auf Grün, sie arbeiten mit voller Kraft an ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Diese Ergebnisse stehen im krassen Widerspruch zur aktuellen Krisendiskussion rund um den vermeintlich kranken Mann in Europa – Deutschland. Studienautor Bernhard Steimel hat sich die Frage gestallt, ob der deutsche Mittelstand etwa in einem Paralleluniversum lebt. Eine mögliche Antwort fand der Analyst auf ichsagmal.com. These: Die eigene wirtschaftliche Lage kann man mit belastbaren Daten bewerten. Die Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ist eher ein Abbild der Medienberichte. Und da dominieren in der Gefahren-Wahrnehmung Inflation, der Ukraine-Krieg, Terror und geopolitische Spannungen.

Schwer überprüfbare Sachverhalte sind ein Schlachtfeld für Meinungskämpfe. Da ist es schwer, zu einer sachlichen Beurteilung der allgemeinen politischen Lage zu gelangen: „Die mediale Verzerrung der Wirklichkeit lässt sich in vielen Bereichen des Alltags ständig beobachten“, sagt Edgar Piel, der frühere Sprecher des Instituts für Demoskopie Allensbach: Etwa beim Vertrauen in die Politik oder bei der Einschätzung von Stress und Glücksgefühlen in der Politik. „In fast allen Bereichen gibt es das doppelte Meinungsklima: die eigene Situation wird mehrheitlich gut beurteilt, aber man fühlt die eigene Situation als Ausnahme, weil man das Allgemeine ja nur aus den Medien kennt – und glaubt“, erläutert Piel.

Dieses Phänomen eines „doppelten Meinungsklimas” müsste zur Grundausbildung von Journalisten gehören, stört aber in der Praxis doch sehr bei der Zeichnung und Dramatisierung von Stimmungsbildern.

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