Ministerin Aigner fordert Facebook-Abstinenz des Bundes: Gefällt mir!


Die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner spielt Thilo Weichert und möchte auch ihre Kabinettskollegen vor den negativen Folgen einer Facebook-Präsenz bewahren. Alle Bundesministerien und folglich wohl auch alle Bundesbehörden werden von der CSU-Schutzpatronin aufgefordert, ihre Facebook-Seiten und Like-Buttons zu löschen. Ich halte diesen Schritt für nachvollziehbar. Wer im digitalen Ghetto der Nichtbeachtung haust, erleidet irgendwann schwere psychosomatische Schäden.

Am Anfang des Jahres hatte ich ja schon das mutige Engagement des Bundes in sozialen Netzwerken gewürdigt:

Liebwerteste Gichtlinge des Datenschutzes, die Präsenz von Bundesbehörden in sozialen Netzwerken wie Facebook ist mehr als lausig. Man muss schon mit der Lupe suchen, um irgendwelche Aktivitäten des Staates zu finden, die nicht nach der Mechanik des Web 1.0 funktionieren und auf Einweg-Berieselung der Untertanen gepolt sind.

Aber ich wollte damals nicht destruktiv sein und rief zur Unterstützung der „offenen“ Bürgerkommunikation auf, die man unter anderem auf der Website „Einfach teilhaben“ bewundern konnte. Spontan entschloss ich mich, zu einem bekennenden Fan der Facebook-Seite von „Einfach teilhaben“ zu werden und befand mich in der Gesellschaft von 76 Gleichgesinnten. Was ist seitdem geschehen? Klägliche 87 Staatsbürger folgten meinem Appell zum Liken dieser fabelhaften Initiative der Bundesregierung. Bezogen auf 64 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland kommt man auf eine Beteiligungsquote von 0,002546875 Prozent. Da muss man die Notbremse ziehen. Die Wählerinnen und Wähler haben es sich einfach nicht verdient, vom Online-Engagement des Bundes zu profitieren. Abschalten ist die einzig richtige Entscheidung, Frau Aigner. Zurück in den alten Modus schalten. Verschlüsselte Kontaktformulare reichen doch völlig aus, um das Bürgerbegehren zu artikulieren.

„Privacy made in Germany“: Marschieren wir in den digitalen Provinzialismus? Story für Freitag

Für Beobachter des digitalen Wandels ergibt sich nach Ansicht von Netzwertig-Blogger Martin Weigert ein äußerst widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite dominiere in der öffentlichen Debatte die Empörung über die Vernachlässigung von Daten- und Verbraucherschutz bei den führenden US-Internetfirmen, auf der anderen Seite aber geht es genau für die deutschen Social Networks wie etwa die VZ-Netzwerke bergab, die sich in den kritischen Punkten seit langem als „die Guten” positionieren. „Der Großteil der Internetnutzer scheint sich trotz anderslautender Aussagen nicht wirklich daran zu stören, dass die US-Services es mit dem Datenschutz weniger genau nehmen als ihre einheimischen Wettbewerber. Oder zumindest ist die Bereitschaft hoch, Abstriche zu machen, wenn im Gegenzug zeitgemäße Werkzeuge für die Kommunikation und Interaktion mit anderen bereitgestellt werden“, schreibt Weigert.

Auch wenn „Privacy made in Germany” als neues Alleinstellungsmerkmal propagiert werde – für stark von Netzwerkeffekten abhängige Dienste mit Schwerpunkt auf der Abbildung sozialer Beziehungen ist hoher Datenschutz kein funktionierendes Verkaufsargument. „Dazu sind Facebook, Twitter und Google+ ganz einfach spannender – gerade weil sie mehr Einblicke in das Leben anderer gewähren und das Auffinden dieser Menschen erleichtern“, so das Fazit von Weigert.

Weitaus wichtiger ist aber wohl die Heuchelei in der gesamten Debatte, wie es der Blogger fasel konstatiert: Die Kampflinie Datenschützer versus Staat haben die großen Parteien durch massives agenda-setting abgelenkt auf Datenschützer versus Google und Facebook. Daraus resultiert auch die Heuchelei, die Erfassung von IP-Adressen als datenschutzwidrig darzustellen, während man gebetsmühlenartig eine Vorratsdatenspeicherung fordert die erst dafür sorgt, dass eine IP auf einen Anschluss zurückzuführen ist. Dieselbe Doppelmoral durchzieht die Aufregung um die biometrische Auswertung von Facebook-Fotos, wenn im selben Moment Geheimdienste und Ermittlungsbehörden selbst eben diese Daten von Facebook abgreifen und auswerten – sicherlich auch biometrisch.

Eigentlich gehe es bei Diskussionssuppe Datenschutz um das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. „Grundrechte wiederum sind Abwehrrechte gegen den Staat. Das bedeutet, sie sind dazu bestimmt, grundlegende Freiheitsräume der Bürger gegen den Staat zu schützen und diesen in seiner Machtausübung zu binden“, so fasel. Wenn jetzt der Staat durch Repräsentanten wie den schleswig-holsteinischen Datenschützer Thilo Weichert suggeriert, die Bürger vor den bösen amerikanischen Internet-Konzernen zu schützen, ist das ein semantischer Trick: „So wird das Grundrecht, dass eigentlich einen Freiheitsraum schützen soll, zur Rechtfertigung, eben diesen Freiheitsraum zu beschneiden“, kritisiert fasel. Dabei gehe die größte Bedrohung der Privatsphäre von staatlichen Institutionen aus und nicht von privaten Datensammlern.

„Es ist ersichtlich, warum man nicht vom Staat ausgehorcht werden will. Der Staat kann einem das Leben zur Hölle machen, wenn ich bestimmten normativen Kriterien nicht entspreche. Er kann mich ins Gefängnis sperren und all meine Hab und Gut konfiszieren. Aber nichts davon kann Facebook und nichts davon will Facebook überhaupt können. Wozu also all die Aufregung“, fragt sich Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann. Facebook und Co. sammeln Daten, um personalisierte Werbung anzuzeigen – ein unglaubliches Verbrechen. „Sie geben Partnern Zugriff auf die Daten, um ebenso Werbung anzuzeigen oder Features zu ermöglichen. Mehr nicht. In der Reihe der Unternehmen, die potenziell oder real an Informationen von Nutzern herankommen, ist kein einziges dabei, das mit einer Keule auf irgendwen einschlagen wird oder eine Sklavengaleere betreibt, auf der wir rudern müssen, weil wir den falschen Filmgeschmack haben“, erklärt Seemann.

Ähnlich sieht es auch wollmilchsau-Blogger Tobias Kärcher:

Wäre ich ein ängstlicher Mensch, würde ich mir im Zweifelsfall mehr Sorgen darüber machen, was diese Kontakte mit meinen Daten anstellen könnten, als ein Weltkonzern, der mich dem passenden Werbekunden präsentieren möchte. Natürlich lassen diese Zahlen Raum für Interpretationen. Die einen werden sagen, wenn die Hälfte der Nutzer die Sichtbarkeit ihrer Daten nicht oder nur kaum einschränkt, so gibt es immerhin eine andere Hälfte, die sich um die Kontrolle ihrer Daten sorgt. Aber auch in dieser Hälfte (ich selbst gehöre dazu) wird der Unterschied zwischen “privat” und “nicht öffentlich” nicht völlig unbekannt ein. Mag sein, dass der Social Graph unter der juristischen Lupe unschöne Flecken hat, aber die Frage, was heute ein schützenswertes Datum ist, die bleibt nach wie vor unbeantwortet. Erinnert mich wieder an den Deutschen, der Fernsehteams (vor seinem Haus stehend!) verkündet, dass er seine Privatsphäre vor Googles Street-View Kamera geschützt wissen möchte. Absurd. Und wie bei Street-View: Ein Jahr später ist es dann plötzlich doch schade, dass die eigene Straße ein einziger Pixelbrei ist. Aber dann will es wieder keiner gewesen sein – jede Wette!

Das Thema möchte ich in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Eure Meinung interessiert mich. Statement hier als Kommentar posten oder mir per Mail schicken: gunnareriksohn@googlemail.com. Bis spätestens Donnerstag 22 Uhr.

Abrechnung mit der Publizisten-Stulle Hajo Schumacher

Benm.at hat einen schönen Konter gesetzt gegen das Apple-Bashing von Hajo Schumacher.

Sie schreiben unter der Überschrift “Apple, es reicht!“, dass immer mehr Bundestagsabgeordnete stolz auf ihr iPad sind, “ihr Fingerfett über den Touchscreen” verteilen. “Wenn alle Porsche fahren, wird der Golf wieder interessant.” Natürlich – wir blicken staunend auf jeden Trabbi, oh, lange nicht gesehen, und er fährt auch noch, Wahnsinn. Staunt man über ein Auto, heißt das noch lange nicht, dass man damit bis nach Oslo fahren möchte.

Selbst wenn fast jeder einen Porsche hat, kann der (theoretisch) immer noch schneller fahren als ein Trabbi, oder der von Ihnen genannte Golf.

Der Vergleich ist aber aus einem weiteren Punkt völlig daneben. Das iPhone ist kein Porsche, und will kein Porsche sein. Wissen Sie, was Apple herstellen will? Schön verpackte Technik, die gut funktioniert und leicht zu bedienen ist. Keine unkomfortablen Hochleistungsrennpferde. Das iPhone ist leistungfähig wie ein 7er BMW, praktisch wie ein Renault Espace und stylisch wie ein VW Beetle – um in Ihrer Autowelt zu bleiben.

Und ganz entscheidend:

Leicht zu bedienen – das bedeutet im Umkehrschluss: Das kann ja meine Oma! Das kann mein Bundestagsabgeordneter! Ja, auch für diese Menschen sind die Produkte da, nicht nur für die (/für uns) Hornbrillenträger mit Naturledertasche! Jetzt haben genau diese Menschen erkannt, dass die Apple-Produkte ihnen nützlich sind. Sie trauen sich heran, an die Technik, die nicht ihrer selbst Willen bestehen will, sondern Mittel zum Zweck ist (und wenn der Zweck nur “Unterhaltung” ist). Die Technik rückt in den Hintergrund. Die Technik lässt sich nicht einmal aufschrauben, um irgendwelche Chips und Akkus auszuwechseln. Nein, sie ist fertig, so wie sie ist.

Auf weitere Gegenargumente will ich nicht weiter eingehen. Merkwürdig finde ich allerdings die Telefonie-Erfahrungen von Schumacher: „Das iPhone 4 ist seit C-Netz-Zeiten das erste Handy, mit dem ich nur eingeschränkt telefonieren kann. Jedes zweite Gespräch reißt ab.“ Das ist doch völliger Quatsch. Bei mir ist noch nie ein Gespräch abgerissen. Aber bei Schumacher ist halt alles anders. Er nutzt jetzt wieder seine “Nokia-Stulle” – hoffentlich mit großen Tastaturen.

Apple und die „Theorie vom Gesamtprodukt“: Kein Steve Jobs-Nachruf!

Der Rat von Thomas Knüwer, keine Steve Jobs-Nekrologe zu schreiben oder zu insinuieren, mit dem Wechsel von Steve Jobs in den Verwaltungsrat ende eine Ära, ist vollkommen richtig. Und er verweist zu recht auf die Erfolgsprinzipien von Apple, die auch in nächsten Jahren wohl noch Bestand haben werden:

Ein Unternehmen, dass immer mehr Produkte herausbringt, die für immer mehr Menschen spannend erscheinen. Und dessen Ökosystem daran arbeitet, diese Produkte mit mehr Wert aufzuladen.

Dieser Unterschied zwischen Exxon und Apple ist für mich das ultimative Denkmal für Steve Jobs, denn es beweist, dass er gnadenlos langfristig denkt. Dieses langfristige Denken sollte ein Vorbild sein für Großkonzerne im hektischen 21. Jahrhundert. Ist es aber leider nicht.

Das ist auch der Tenor meiner heutigen Service Insiders-Kolumne!

Steve Jobs zählt zu den wenigen Persönlichkeiten der Technologieszene, die erkannt haben, dass man Kunden nicht mehr mit aufgeblähten Funktionalitäten belästigen darf. „Er betrachtet Technik nicht als Selbstzweck. Er stellt sie nur unauffällig bereit“, so der Schweizer Innovationsberater Bruno Weisshaupt im Interview mit dem Fachdienst Service Insiders. Nicht das Gerät stehe im Vordergrund, sondern der Nutzen: „Diese Lektion hat Apple gelernt.“

Auch wenn Steve Jobs jetzt nicht mehr an der Spitze von Apple stehe, werde sein Unternehmen noch lange in der Erfolgsspur bleiben, prognostiziert der IT-Experte Udo Nadolski: „Als Chef des Verwaltungsrates wird er als wichtiger Stratege an Bord bleiben. Und sein Nachfolger Tim Cook ist schon so lange an der Seite von Jobs, dass er die Innovationskultur von Apple weiter entfalten wird.“

Auch Cook sei von der Idee getrieben, an Einfachheit und nicht an Komplexität zu arbeiten. Das sei nur möglich, wenn man den Zugriff auf die primären Technologien hinter den Produkten hat. „Ein gut funktionierendes Produkt kann nicht gelingen, wenn Software und Hardware nicht zusammenspielen. Alles, was Apple auf den Markt bringt, entsteht durch ein holistisches Konzept und der völligen Abkehr von der klassischen Produktentwicklung. Steve Jobs fragt sich nicht, wie er die Vergangenheit verbessern kann. Er orientiert sich nicht am Status quo. Jobs ist ausschließlich daran interessiert, etwas fundamental Anderes und Besseres in die Welt zu setzen“, so Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash. Frei nach dem Motto von Henry Ford: „Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie mir geantwortet: ‚Ein schnelleres Pferd‘.“

Im Unterschied zu Microsoft und Google habe Apple eine klare „Theorie vom Gesamtprodukt“, erläutert Jay Elliot, ehemaliger Senior Vice President von Apple: Wer mit technischen Produkten Erfolg haben wolle, sollte die Hardware und die Software entwickeln. Hier liege die Schwäche von Open-Source-Produkten. Zu einem ähnlichen Urteil kommt Bruno Weisshaupt: Hardware bleibe für die Kundenbindung nach wie vor wichtig. Das stelle Apple jeden Tag unter Beweis. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration von Endgeräten und Anwendungen. „Nicht nur Apps regieren die Welt. Man braucht auch ein physisches Gesicht gegenüber den Kunden. Für Google sind doch die vielen asiatischen Hersteller, die auf das Android-Betriebssystem setzen, gar nicht so wichtig. Viel spannender ist es doch, die Wertschöpfung auch in der Hardware zu haben. Hier liegt für Google das Potenzial beim Kauf der Mobilfunksparte von Motorola – auch wenn man dadurch zum Konkurrenten der bisherigen Kunden wird“, sagt Weisshaupt.

Wann werden wir endlich eine Support Economy?

Andreas Klug hat aus meiner Service Insiders-Kolumne über „Blamiere Dich täglich: Unternehmen sollten ihre Social Media-Angststarre ablegen“ einen wichtigen Punkt aufgegriffen: Die fehlende Rundum-Versorgung bei der digitalen Heimvernetzung. Ich glaube schon daran, dass Telekom und Co. hier mehr Geschäfte generieren könnten. Wenn ein Service-Mitarbeiter zu mir ins Haus kommt und alles perfekt installiert oder aufrüstet, so dass ich auch im letzten Winkel meines Refugiums alle Möglichkeiten für die Vernetzung bekomme, bin ich gerne bereit, ein paar Euros zu investieren. Die Realität sieht leider anders aus. Ich bin ja ein Freund von Self Service – aber alles hat halt seine Grenzen. Irgendwann kippt das Ganze und man verplempert zu viel Zeit für die Installation von Router, Receiver, Repeater und, und, und……:-(

Die Buchautorin Shoshana Zuboff hat vor einigen Jahren dafür den Begriff „Support Economy“ geprägt als neue Stufe der Kundenorientierung. Nach ihrer Erkenntnis streben die Menschen heute nicht mehr nach Massenprodukten, sondern nach Unterstützung für viele Lebensbereiche, kurz: nach Lösungen für ihre Probleme. In der Support Economy stehe der Kunde deshalb nicht nur am Anfang statt wie bisher am Ende der Wertschöpfungskette, sondern im Mittelpunkt eines Wertschöpfungsnetzes. Dazu brauche es all die Managementfähigkeiten, die zwar gepredigt werden, deren Dimension aber noch nicht richtig begriffen wurde: Kundenorientierung, Motivationsfähigkeit, sensibler Umgang mit Mitarbeitern, Hinhören statt Hierarchiedenken.

Kunden wollen nach ihren Bedürfnissen befragt werden; sie erwarten einen Mentalitätswandel als Fundament für den Übergang zur Support-Ökonomie. Konsumenten seien es Leid, um Interessen kämpfen zu müssen. Ein Anrufer bei der Hotline eines Internetproviders will nicht vor endlosen Selektionsmöglichkeiten seines Tastentelefons gestellt werden, sondern eine schnelle Antwort auf seine Frage. Ein Kunde der Deutschen Bahn will schlicht die günstigste Fahrkarte von A nach B für seine Wunschreisezeit, ohne sich in Sonder-, Wochenend-, Abend- oder sonstige Tarife hinein studieren zu müssen. Diese Individualisierung des Konsums bedeutet das Ende des Massenkonsums, in dem der Einzelne aus einem vorhandenen Angebot auswählt, zugunsten eines neuen Marktes, in dem die einzelnen Kunden im Mittelpunkt stehen. Zuboff weiss, was Menschen wollen: „Sie wollen individualisierte Anwaltschaft und Unterstützung, um ihr Leben nach ihren Vorstellungen leben zu können.“

Führt man den Gedanken der Support Economy weiter, wird über den Erfolg von Produkten und Dienstleistungen letztlich im Kopf des Konsumenten entschieden. Es kommt deshalb besonders darauf an, Wahrnehmung und Einstellung von bestehenden und potenziellen Kunden genau zu analysieren. Wird dieses aus Kosten- oder Ressourcengründen vermieden, entsteht häufig Overengineering: Das angebotene Produkt oder die Dienstleistung weist eine andere Beschaffenheit oder Anwendungsmöglichkeit auf, als der Kunde letztendlich haben oder nutzen will. Was er tatsächlich haben will, ist die spezielle Fähigkeit eines Dienstleisters, seine Probleme für ihn zu lösen.

#Motorola-Deal: Beherrscht Google das Hardware-Geschäft?

Es klingt immer so martialisch, wenn Medien über den Siegeszug von Google auf dem Smartphone-Markt berichten: „Android-Geräte haben den Smartphone-Markt fest in der Hand“. „Apple verliert seine Dominanz“. „Google liegt mit dem Android-Betriebssystem weit vor Apple und den anderen Konkurrenten.“ Das ist allerdings noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Business Insider hat jetzt endlich mal eine Grafik des Marktforschungsinstituts Nielsen veröffentlicht, die für mehr Klarheit sorgt (siehe oben). Für den hohen Android-Marktanteil kann sich Google relativ wenig kaufen. Denn dahinter stecken andere Hersteller, die sich bislang den größten Teil der Wertschöpfung in die eigene Tasche gesteckt haben. Das dokumentiert die Grafik des Heute Journals recht eindrucksvoll. Apple ist zwar im Vergleich der populärsten Betriebssysteme nicht Marktführer, schöpft aber rund 60 Prozent der Gewinne ab und das zählt am Ende des Tages. Hinter einem iOS steckt eben immer ein Apple-Gerät – und über den Verkauf fließt der größte Teil in die Kasse des Steve Jobs-Imperiums.

Vor diesem Hintergrund ist die Motivation von Google beim Kauf der Motorola-Mobilfunksparte klar: Mit der größten Investition der Unternehmensgeschichte wagt man einen Befreiungsschlag im Handygeschäft. Die Gründe sind ja hoch und runter berichtet worden. Google will mit dem Patentarsenal von Motorola die Klagen der Konkurrenz kontern und die Android-Plattform stärken. Google-Chef Larry Page steigt mit Motorola Mobility allerdings automatisch auch ins Hardwaregeschäft ein. Zur Besänftigung der Android-Partner wie Samsung oder LTC schob Larry Page noch schnell hinterher, dass Motorola Mobility als eigenständiger Konzernteil agieren solle und man mit allen anderen Android-Partner auch in Zukunft zusammenarbeiten wolle. Jo. Klar. Aber das wird die Hersteller nicht richtig beruhigen. Irgendwie muss ja die Investitionssumme von 12,5 Milliarden Dollar refinanziert werden. Über das Android-Partnermodell funktioniert das nicht und mit dem kümmerlichen Marktanteil von Motorola im Mobilfunkgeschäft auch nicht – der lag zuletzt bei 2,4 Prozent. Asiatische Wettbewerber wie Samsung und LG haben schon längst die Nase vorn und wollen daran sicherlich nichts ändern.

Hier steckt Larry Page also in einer Zwickmühle. Mit dem Android-Betriebssystem kann er nicht Kasse machen. Und wenn Google stärker ins Hardwaregeschäft einsteigt, um höhere Anteile der Wertschöpfungskette zu ernten, bleibt die Frage, ob der Algorithmen-Automatisierungs-wenig-Service-Konzern das überhaupt kann? Beim Nexus One ist das gründlich in die Hose gegangen. Warum, das erläuterten mir die After Sales-Experten Peter B. Záboji und Peter Weilmuenster von Bitronic in einem Youtube-Interview.

Für technische Produkte benötige man einen gut strukturierten und gut organisierten dezentralen Service geben. Bei einem Handy sei beispielsweise kein Kunde bereit, vier Wochen auf eine Reparatur oder auf das Zusenden eines neuen Gerätes zu warten. So ein Austausch dürfe nur wenige Tage oder Stunden dauern. Alles andere akzeptiere ein Handykunde heute nicht mehr. Der Servicepart sei immer eine Herausforderung, selbst wenn man wie Apple eine gute Vertriebsstruktur vorweisen könne – ganz im Gegensatz zu Google.

Könnte sich der Motorola-Deal als gigantischer Flop entwickeln? Business Insider sieht das ja nicht sehr optimistisch: THE TRUTH ABOUT THE GOOGLE-MOTOROLA DEAL: It Could End Up Being A Disaster. Für meine Service Insiders-Kolumne am Freitag würde ich dieses Thema gerne aufgreifen. Eure Meinung interessiert mich.

Nachtrag: Microsoft hat wohl schon reagiert und will die Android-Partner ködern. „Der Softwareriese positioniert sich als Alternative für alle Handyhersteller, die nun Googles Android verlassen wollen“, berichtet das Handelsblatt.

Seit wann brauchen Superhelden ein Telefon?


Was soll man dazu noch sagen: Der Telefon-Mann Wieland möchte ein Superheld sein. Er will wohl nur noch T-Man genannt werden. So postet er in einer Replik auf meine ritterlichen Worte:

Anno 2011 wurde wieder ein Superheld geboren: „Wieland – der Telefon-Man“. Nun erscheint es mir fast als Beleidigung, dass ich Sie, lieber Gunnar Sohn, zuvor nur zum „Ritter Gunnar im Kampf gegen die Telefone“ erhoben habe. Als „T-Man“ verfüge ich doch schließlich über Superkräfte, die mir im Kampf gegen die bösen Kräfte der digitalen Unterwelt beistehen, oder nicht?

Der Telefon-Mann Wieland hat wohl erkannt, dass man als Hotline-Apologet ohne übermenschliche Superkräfte nicht mehr auskommt, um den Erdenbürgern einen Super-Service zu bescheren. Aber kann unser Hotline-Freund einen Platz in der Gilde der Superhelden überhaupt beanspruchen? Mal im ernst, lieber Telefon-Mann Wieland, Superman kann doch nur mit einem müden Lächeln auf Deine Hotline-Superkräfte herunterblicken: Er ist schnell, kann fliegen, verfügt über ein Supergehör (auch sehr entfernte/sehr leise Geräusche werden von Superman wahrgenommen, ebenso besonders hohe und tiefe Frequenzen), er hat einen Hitze-, Röntgen-, Scan-, Infrarot-, Mikroskop- und Teleskopblick, besitzt einen Superatem, glänzt durch ein photographisches Supergedächtnis (Superman kann extrem schnell lesen und die daraus gewonnenen Informationen auch ebenso schnell verarbeiten) und schaltet Gegner mit seinen Hypnosfähigkeiten aus. Was er nun überhaupt nicht braucht: Eine Super-Hotline. Das hat er nicht nötig. Und so bleibt dem Telefon-Mann Wieland wohl nicht anderes übrig, als eine Statistenrolle in Entenhausen anzustreben.

Eine Sache hat mich allerdings nachdenklich gestimmt. So schreibt der Telefon-Mann Wieland (es bleibt beim doppelten N):

Wissen Sie eigentlich, warum es keine Superhelden in Deutschland mehr gibt? Haben Sie schon mal probiert sich in einem Facebook umzuziehen? In Telefonzellen ging das….

Das ist wahrlich ein Problem – daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber, lieber Telefon-Mann Wieland, was sind denn Telefonzellen? Zum Glück gibt es noch Bahnhofstoiletten – die können die Superhelden doch heute noch nutzen – wenn sie 50 oder 70 Cent in der Tasche haben.

Ritter Gunnar und der Telefon-Mann Wieland: Hotline-Liebe kann blind machen

Normalerweise müsste ich dem Telefon-Mann Wieland jetzt die Strafmaske von Helge Schneider aufsetzen. Hat er doch in einer Replik versucht, mit literarischen Ausflügen in die Welt des Schelmenromans meine Beiträge über den analogen Kundenservice des vorigen Jahrhunderts als einsamen Kampf gegen die Hotline-Windmühlen darzustellen. Aber ich bin nachsichtig. Hat der Telefon-Mann Wieland mich doch in den Ritterstand erhoben.

Er scheint ein moderner Don Quichotte – ein Ritter im Kampf gegen Windmühlen. Er hat sich ein Feindbild auserkoren, welches beeindruckender kaum sein kann: Sein Gegner ist das Telefon! Gewappnet mit den digitalen Kommunikationsmitteln der modernen Zeit sind Twitter und sein Blog ihm treu ergeben wie seinem scheinbaren Vorbild, sein dürrer Gaul Rosinante.

Die Hiebe gegen seinen Gegner waren wohl gesetzt: „Das Telefon ist ein klassisches Unterbrechungsmedium“, resümierte er.

Weit gefehlt, mein lieber Telefon-Mann Wieland. Das war nicht mein Resümee, sondern der Tenor der Debatte auf Google+, losgetreten vom edlen Recken Mirko Lange. „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ So einsam bin dann doch nicht: So schreibt Mirko:

Alle meine Bekannten (und Kunden) haben immer nur verständnislos den Kopf geschüttelt als ich sagte, dass das Telefon das Komunikationsmittel ist, über das ich erstens am schlechtesten erreichbar bin und das ich auch am wenigsten mag. „Wie kann das bei einem Kommunikations-Berater nur sein“ fragen die dann immer. Und was ich ihnen dann immer sage, hat Robin Wauters von Techcrunch hier sehr gut zusammengefasst – keine Ahnung, wer ihm das erzählt hat! 🙂

Und Björn:

Telefonieren ist unterbezahlte Schwerstarbeit und leidet an den gleichen Fallstricken (ok, ähnlichen) wie schriftliche Kommunikation. Aber – ein Telefon klingelt wenn der Anrufer etwas will, nicht der angerufene. Daher: Ähnlich wie bei vielem anderen: Ich mag es nicht, weil ich nicht die Kontrolle habe. Also: Entweder persönlich. Oder per Mail. Das steigert die Effizienz enorm. Für mich.

Und Jürgen:

…nicht nur in meetings. ganz toll in service-centern (egal ob öffentlich oder privat) oder oftmals auch bei kundengesprächen etc.
da sind viele oft sehr konditioniert: wenn das telefon läutet, muss es wichtig und dringend sein 😉
für mich persönlich eine ziemlich unhöflichkeit… wenn ich einen wichtigen anruf erwarte (kann ja sein), dann erwähne bzw. erkläre ich das vorab, entschuldige mich im falle des anrufs und gehe raus. in allen anderen fällen wird doch bitte das telefon mal warten können.

Und, und, und. Es sind so viele, die das Gefühl haben, über die neuen Kommunikationsmittel des Web 2.0 mehr Souveränität zu erlangen und selbst zu entscheiden, welches Medium in einem bestimmten Nutzungsszenario nun das beste ist. Oder wie der mutige Marketing-König Harald Henn mir schreibt:

Asynchron schlägt synchron: Schnell gelöst ist gut gelöst, war mal der Ursprungsgedanke vieler Call Center. Da schnell heute nicht mehr funktioniert, weil Produktkomplexität, Wissensmanagement, Prozesse nicht beherrscht werden, greifen die Kunden lieber zur asynchronen Kommunikation. Self-Service, Kunden helfen Kunden, blogs, communities sind zwar nicht schneller aber wirksamer und schonen die Nerven. Fachkompetenz mit Verzögerung ist aus Kundensicht besser als das schnelle, aber hilflose Telefonat. Unternehmen müssen unterscheiden zwischen eher sach- und fachbetonter Kommunikation, die in Zukunft eher per digitalisierten Prozessen zu bedienen ist und der komplexen Interaktion zwischen Menschen, bei der es um Emotionen, Unsicherheit in Kaufentscheidungen, Verärgerungen geht. Diese Kommunikation wird und muss im Call Center, mit dem Aussendienst oder auf der Messe stattfinden. Aber der Fokus ist ein völlig anderer.

Oder wie drückt es der IBM-Hofnarr Gunter Dueck aus:

Viele Serviceberufe werden in den nächsten Jahren automatisiert. Ein Beispiel: Fast das gesamte Wissen über die Angebote einer Bank oder Versicherung steht irgendwo im Internet. Wenn ich eine Riester-Rente abschließen oder einen Investmentfonds kaufen will, kann man im Web alle nötigen Informationen beziehen. Der Kunde recherchiert das nötige Wissen über diese Produkte bei allen Banken, kommt mit diesem Wissen zu seiner Hausbank und stellt fest, dass das Personal in diesem speziellen Punkt weniger weiß als er und bei Konkurrenzprodukten meist keine Ahnung hat. Gleiches spielt sich auch in Bau- oder Elektronikmärkten ab. Für diese Trivialverkäufer gibt es keine Verwendung mehr. Gebraucht werden vielleicht High-End-Berater, der Rest steht herum und verärgert eher Kunden, die mehr erwarten.

Der listige Berater Bernhard Steimel sieht das ähnlich:

Unverrückbar ist die Tatsache, dass Serviceangebote im Web, in sozialen Netzwerken und auch Apps die herkömmlichen Call Center verdrängen werden. Kunden suchen ja nicht den Kontakt zum Unternehmen, um ein Gespräch zu führen, sondern sie wollen so einfach, schnell und zuverlässig wie möglich eine Lösung ihrer Probleme. Wenn es smarte Serviceangebote im Netz gibt, vermeidet wohl jeder von uns den Anruf bei einer Hotline. Bei Fluggesellschaften ist das schon der Fall. Ich rufe nicht mehr an, um mich nach dem pünktlichen Abflug zu erkundigen oder einen Flug zu buchen. So berichtet Lufthansa, dass ihre mobile Applikation häufiger genutzt wird als die Hotline. Das ist heute schon messbar. Es gibt keine radikalere Entwicklung in der Servicebranche als auf diesem Feld. Call Center verlieren an Bedeutung. Ein Trend, der sich weiter ausbreiten wird, ist die Verschriftung. Kontakte in digitalen Medien werden immer mehr in Schriftform ablaufen. Hier gibt es ein neues Aufgabenfeld für die Mitarbeiter, die vorher am Telefon gesessen haben. Etwa über Chats. Das wird von den Kunden als weniger stören empfunden. Man kann einen Kaffee trinken oder zeitgleich etwas anderes erledigen. Bei Hotline-Anrufen ist das nicht möglich. Da steigt nur der Stress-Pegel.

Der Telefon-Mann Wieland mag aus seiner Bibliothek vielleicht den von mir hochgeschätzten Cervantes-Roman herausgekramt haben. In der Kunst der Transkription versteht sich unser Hotline-Fan allerdings nicht. Liegt es am telefonischen Overload oder hatte er keinen Zugriff auf seine Federkiel-Sammlung? So schreibt er:

Telefonischen Kundenservice betitelt er als „Kommunikations-Diktat“ und „Mumpitz“. Zudem würde dieser Service ohnehin stets nach dem „Alzheimer Prinzip“ verlaufen und die Anbieter des telefonischen Kundenservice bezeichnet er gar als „Hotline-Terroristen“. Da hat der Ritter bei seinem jüngsten Angriff also offensichtlich wohl eher die grobe Keule statt das Florett als Waffe gewählt.

Seit wann kämpfen Ritter mit Florett, wertester Telefon-Mann Wieland? Und wie kommt der Brei aus Zitaten zustande? Zu viel 118811-Hier-werden-Sie-geholfen gewählt? So klingen doch meine ritterlichen Worte etwas lieblicher:

Es geht ja nicht um das Nicht-Kommunizieren, sondern um den effektivsten Weg. Gleiches gilt auch im Kundenservice, wo einige Vertreter der Call Center-Branche das Telefon heilig sprechen und die Meinung vertreten, Kunden bevorzugen das persönliche Gespräch. Mumpitz. Ich will etwas bestellen, brauche Rat oder lasse eine Beschwerde los. Da möchte ich aber keine Kommunikations-Diktate oder Warteschleifen-Psychoterror erleben, sondern maximale Optionen, mit Unternehmen in Kontakt treten zu können. Den meisten Kunden sind doch die auswechselbaren Hotline-Mitarbeiter völlig wurscht. Die Telefonate verlaufen in der Regel nach dem Alzheimer-Prinzip. Egal, wie häufig ich bereits zu einem Servicefall angerufen habe – nehmen wir mal an, meine DSL-Leitung ist platt – kann ich das jedem „persönlichen Telefonpartner“ immer wieder neu schildern. Die erinnern sich an gar nichts – auf der Call Center World laufen diese Dienstleistungen dann unter hochtrabend unter dem Schlagwort „Multi-Channel-Management“.

Entsprechend hohl wirken die folgenden Zeilen von Telefon-Mann Wieland über meinen „digitalen Kreuzzug“. Werter Hotline-Fan, wenn ich schon als Don Quichotte auf meiner so treuen Rosinante unterwegs bin, dann doch sicherlich nicht als Kreuzzügler. Entweder hat der Telefon-Mann Wieland dann doch zum falschen Buch gegriffen oder ist noch umnebelt von seinem letzten Dan Brown-Kinoabend. Und seine Eloge auf das Telefon ist ehrenvoll und macht ihn zu einem würdigen Verbündeten von Max Raabe, den auch kein Schwein anruft. Aber sein Bekenntnis zur Welt der Telefonie sollte jetzt nicht in Schutt und Asche geschrieben werden.

Lieber Ritter Gunnar – bei aller Hochachtung vor Ihrem Kampf. Ich bin sicher, dass Sie scheitern! Sprache ist ein wesentliches Merkmal, das uns vom wilden Tier unterscheidet. Lassen Sie mir mein Telefon, lassen Sie mir meine Hotline, lassen Sie mir meine analoge Fleischerfachverkäuferin! Ich will reden, lachen, flirten und einen Menschen hören und nicht nur mit Tastaturen und Computern kommunizieren. Vielleicht suchen wir uns gemeinsam eine neue Windmühle als Feind – und ziehen in den Kreuzzug gegen schlechten Kundenservice auf allen Kanälen.

Nun will ich nicht zu indiskret sein. Es ist völlig in Ordnung, wenn der Telefon-Mann Wieland reden, lachen, flirten und Menschen zuhören möchte. Da gibt es doch genügend Hotline-Angebote (ein Scherz, Herr Telefon-Mann Wieland). Und ja, die Sprache ist so hold, lieblich und entzückend. Deshalb wird sie uns auch in Zukunft in vielen Varianten begleiten. Auf dem iPhone 5 via Spracherkennung, über Video-Chats, bei abendlichen Gesprächen mit der geliebten und angebeteten Prinzessin (meine heißt übrigens Miliana und nicht Dulcinea von Toboso – zudem habe ich das Herz der Holden schon erobert), über das Internet-Radio, Hangout-Sessions via Google+….

Der Hotline-Fan beweist aber in seinem Blog-Diskurs literarische Kennerschaft und ich bekenne mich zu meinem Alter Ego. Ich würde gerne so sein wie Don Quijote, wie ihn Meister Cervantes schuf. Denn seine pikareske Existenz ist kein aus Not auferlegtes Außenseitertum, sondern ein Freiraum, der gesellschaftliche Zwänge außer Kraft setzt. Es geht Cervantes um den Ausgleich zwischen gesellschaftlicher Notwendigkeit und individueller Selbstentfaltung. Die cervantinischen Geschichten entziehen sich jeglicher dogmatischen Ausschließlichkeit – schön, dass der Telefon-Mann Wieland den Impuls meines Schriftstellertums in so großzügiger Weise geadelt hat. Wir werden uns wohl in der analogen Welt nie begegnen – aber es gibt doch ein Leben als Avatar, mein guter Hotline-Fan.

Wenn Anrufe nerven: Eine interessante Diskussion auf Google+ – Kommunikation ohne Zeitdiebstahl!


Der TechCrunch-Blogger Robin Wauters hat mit seinem Beitrag I’m Quitting Phone Calls eine interessante Diskussion auf Google+ ausgelöst. So schrieb Mirko Lange:

Kein Anschluss unter dieser Nummer: Alle meine Bekannten (und Kunden) haben immer nur verständnislos den Kopf geschüttelt als ich sagte, dass das Telefon das Komunikationsmittel ist, über das ich erstens am schlechtesten erreichbar bin und das ich auch am wenigsten mag. „Wie kann das bei einem Kommunikations-Berater nur sein“ fragen die dann immer. Und was ich ihnen dann immer sage, hat Robin Wauters von Techcrunch hier sehr gut zusammengefasst – keine Ahnung, wer ihm das erzählt hat! 🙂

Martina ströbel postet

ich empfinde das Telefon schon seit Jahren als das unhöflichste Kommunikationsmittel. nur weil es bimmelt, soll ich alles stehen und liegen lassen und ran gehen? nope.
wenn jemand was von mir will, soll er sich per eMail anmelden und ich entscheide dann, ob und wann ich mich zurückmelde.

Und Jörg Friedrich fügt hinzu:

Letztlich geht es ja nicht darum ( mir jedenfalls nicht), nicht Kommunizieren zu wollen, sondern darum, den effektivsten gemeinsamen Weg zu finden. Hauptsache die Verständigung klappt.

Das ist nur ein kleiner Auszug von vielen Meinungsäußerungen, die mehr oder weniger in die gleiche Richtung gehen. Das Telefon ist ein klassisches Unterbrechungsmedium. In den meisten Fällen völlig überflüssig. Man kann mit mir über alle möglichen Kanäle kommunizieren. Allerdings kann ich selbst entscheiden, wann, wie und wo ich antworte. Jörg Friedrich hat doch den Nagel auf den Kopf getroffen. Es geht ja nicht um das Nicht-Kommunizieren, sondern um den effektivsten Weg. Gleiches gilt auch im Kundenservice, wo einige Vertreter der Call Center-Branche das Telefon heilig sprechen und die Meinung vertreten, Kunden bevorzugen das persönliche Gespräch. Mumpitz. Ich will etwas bestellen, brauche Rat oder lasse eine Beschwerde los. Da möchte ich aber keine Kommunikations-Diktate oder Warteschleifen-Psychoterror erleben, sondern maximale Optionen, mit Unternehmen in Kontakt treten zu können. Den meisten Kunden sind doch die auswechselbaren Hotline-Mitarbeiter völlig wurscht. Die Telefonate verlaufen in der Regel nach dem Alzheimer-Prinzip. Egal, wie häufig ich bereits zu einem Servicefall angerufen habe – nehmen wir mal an, meine DSL-Leitung ist platt – kann ich das jedem „persönlichen Telefonpartner“ immer wieder neu schildern. Die erinnern sich an gar nichts – auf der Call Center World laufen diese Dienstleistungen dann unter hochtrabend unter dem Schlagwort „Multi-Channel-Management“.

Unternehmen verursachen die Serviceanrufe in der Regel doch selbst – mir bleibt häufig gar keine andere Wahl: Der Webservice ist miserabel, das Shop-System funktioniert nicht, die Abrechnung läuft falsch, E-Mails werden nicht beantwortet, Facebook oder Twitter werden nicht ernst genommen und, und, und.

Warum muss man das gute alte Telefon als Kunde bedienen: Weil eine Hilfe beim Bestellprozess notwendig ist, die Lieferung sich verspätet, ohne Rückfrage ein veraltetes Betriebssystem ausgeliefert wird, Upgrade-Informationen falsch laufen, die Registrierung und Bestellung auf der Website viel zu umständlich ist, eine Upgrade-Registrierung fehlgeschlagen ist, ein zugesagter Rückruf vom Kundenservice nicht erfolgt, die Notifikation der Upgrade-Verfügbarkeit fehlgeschlagen ist, das Upgrade selbst nicht funktioniert: „Viele Kundenkontakte sind in Wahrheit ‘Defekte’“, so die richtige Analyse Stephan Pucker, Geschäftsführer von Ad Scopum. Wenn es gut läuft, wie in der Regel bei Amazon, besteht kein Grund für einen so genannten Service-Kontakt.

Hier zeichnen sich übrigens auch die Giganten des Internets nicht gerade durch Offenheit und Servicefreundlichkeit aus, wie die FAZ-Autorin Katja Kullmann in ihrer Reportage über Facebook belegt:

Ich war ein anderer. Und ein anderer war ich: Wie unsere Autorin einmal den Facebook-Tod starb. Und sich durch die Wirklichkeit ins virtuelle Leben zurückkämpfte.

Wer seine virtuelle Identität verliert und bei den Web-Konzernen anklopft, um sie wiederzubekommen, kann die Erlebnisse von Katja Kullmann wohl nur bestätigen. Wenn wir also von mangelhafte Social Media-Kompetenz der Web 1.0-Unternehmen schimpfen, sollten wir Facebook, Google und Co. nicht außen vor lassen. Die operieren in ihren eigenen Belangen teilweise wie die Herren im russischen Kreml. Das habe ich ja in einer Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ thematisiert.

Da ich ja nun gegen die Hotline-Terroristen kräftig austeile, sollten aber auch hoffnungsvolle Pflänzchen nicht unerwähnt bleiben. Darauf verweist der Ityx-Blogger Andreas Klug: Kunden möchten One-Stop-Shopping ohne Zeitdiebstahl!

Der Trend gehe klar zum Self Service. Kunden suchen selbst die Antworten, statt den Anbieter anzurufen. Alle Vorgänge sollten einfach und selbsterklärend sein.

Zudem helfen sich Kunden zunehmend untereinander. Sie liefern Produktbeschreibungen, Vergleiche und Kritik. “Die Prozesse sind maximal transparent gestaltet”, schreibt “Trendletter”. Zudem werden Beratungsangebote zunehmen, die via Chat auf den Websites der Unternehmen stattfinden – also virtuelle Assistenzsysteme für den Verkauf.

Als Beispiel wird auf dem Blog auf eine Anwendung der Versicherung Cosmos Direkt hingewiesen. Es geht um Formular Sharing und Co-Browsing für Online-Kunden. In einem Film von Cosmos wird das näher erläutert.

Über Künstliche Intelligenz müssten Probleme, Wünsche und Anliegen der Kunden antizipiert werden, ohne die Maschinerie der Berieselung anzuwerfen, so Andreas Klug.

Unterstütze den Kunden nur dann, wenn er es auch wirklich will. Hat er Probleme, sich in einem Online-Buchungssystem zurechtzufinden, biete über einen Chat direkte Hilfe an. Klickt er den Chat-Button weg, lass ihn in Ruhe. Kommt eine Anfrage über Twitter, warte nicht stundenlang mit einer Antwort. Top-down-Organisationen gehören der Vergangenheit an. Sie sind unflexibel und scheitern an der Unübersichtlichkeit sozialer Netzwerke.

Da könnte sogar Mark Zuckerberg noch eine Menge lernen.

Der etracker-Laberland-Test: Erste Erfahrungen mit dem BlaBlaMeter

Über den Blogger Richard Gutjahr bin ich auf das BlaBlaMeter gestoßen. Eine höchst sinnvolle Testmaschine für allzu ehrgeizige PR-Mitarbeiter, die in jeder Pressemitteilung mit aller Gewalt x-mal ihre Heizdecken-verkaufen-Parolen unterbringen müssen. Das scheint eine Art semantische Zwangshandlung von fast allen Pressestellen zu sein. Nun, liebe PRler, es gibt Abhilfe, um vom Bullshit-Index runterzukommen oder noch einen drauf zu setzen. Nicht jeder schreibt wie Martin Luther. Wenn Wörter „Hände und Füße haben“, wie es der große Reformator verlangte, kann man sich den BlaBlaMeter-Test sparen. Anderen PR-Menschen ist es wohl völlig wurscht, ob die Presseaussendungen zu allergischen Reaktionen beim Empfänger führen und einen Reflex beim Anklicken der Löschtaste auslösen.

Einen Praxistest mit einer willkürlich ausgesuchten Pressemitteilung, die mir heute ins Haus flatterte, möchte ich Euch nicht vorenthalten. Folgende Prosa ist da zu lesen:

dmexco: die etracker Conversion Optimisation Suite eröffnet neue Dimensionen im Web-Controlling

etracker Neuheiten: flexible Cross-Segmentierung und Customer-Journey-Analysen
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Hamburg, 26. Juli 2011 +++ Die etracker GmbH, ein in Europa führender Anbieter von Produkten und Dienstleistungen zur Optimierung von Websites und Online-Marketingmaßnahmen, stellt auf der dmexco erstmals die neue Version 11 seiner Conversion Optimisation Suite vor. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker mit der Advanced Edition seiner Kampagnenanalyse-Lösung Campaign Control (Köln, 21. bis 22. September, Halle 8, Stand A021/A025). Die etracker Conversion Optimisation Suite (stand doch schon im ersten Satz, gs) bietet Website-Betreibern völlig neue Möglichkeiten zur Cross-Segmentierung (eine Suite der unbegrenzten Möglichkeiten, stark, gs): Erkenntnisse, die mit einer der etracker Lösungen (Lösungen dürfen in keinem Text der Computerbranche fehlen. Ist wie im Chemieunterricht, gs) für Web-Analyse, Mouse Tracking, Online-Marktforschung oder Kampagnenanalyse gewonnen werden, lassen sich jetzt gezielt durch Daten in den anderen etracker Produkten segmentieren (sehr präzise ausgedrückt, gs). Website-Betreibern eröffnen sich dadurch in puncto Erkenntnisgewinn neue Dimensionen (dachte, so etwas passiert nur nach der Bibel-Lektüre, gs): Sie können durch Cross-Segmentierung (stand doch auch schon am Anfang. Ist wie beim TV-Programm in der Weihnachtszeit, gs) beispielsweise herausfinden, was Besucher mit bestimmten soziodemographischen Merkmalen (gibt es auch unbestimmte soziodemografische Merkmale?, gs) auf einer Formularseite wahrnehmen. Oder wie zufrieden Besucher sind, die über ein bestimmtes Suchwort auf die Seite kommen. Für die Conversion Optimisation Suite 11 (Produktname die Dritte. Chinesische Foltermethode, gs) setzt etracker erstmals eine innovative (wir arbeiten innovativ, effizient und effektiv an einer völlig inhaltslosen Pressemitteilung, gs) Datenbanktechnologie ein, welche eine individuelle Auswertung nahezu beliebig großer Rohdaten-Mengen über alle etracker Lösungen (schon wieder Chemie, gs) hinweg ermöglicht. Eine weitere Neuheit präsentiert etracker (wie heißt noch einmal das Unternehmen? Ach so, ja, etracker, gs) mit Campaign Control Advanced. Die Advanced Edition der etracker Kampagnenanalyse-Software ermöglicht Website-Betreibern und Online-Marketing Verantwortlichen eine leicht zu benutzende und präzise Analyse der kompletten Customer Journey über sämtliche Kampagnenkontaktpunkte (klingt wie Urlaub, gs). Der Text ist noch nicht zu Ende. Zweite Runde in der Geisterbahnfahrt: 

Als eigenständiges Produkt innerhalb der etracker Optimisation Suite 11 (Produktname die Vierte. Wie bei Loriot, gs) macht Campaign Control Advanced den Kampagnenerfolg ebenso transparent wie die Wirksamkeit einzelner Werbemittel, Werbepartner oder Umfelder. Darüber hinaus hat etracker in Zusammenarbeit mit Online-Marketing Spezialisten verschiedene (oder auch beliebige, gs) Kennzahlen entwickelt, auf deren Basis sich zum Beispiel das Engagement der Nutzer sichtbar machen lässt, der sogenannte Customer Engagement Index. Auch diese Erkenntnisse erlauben selbstverständlich (man gönnt sich doch sonst nichts, gs) die Cross-Segmentierung mit Daten aus anderen Produkten der etracker Conversion Optimisation Suite (Produktname die Fünfte, gs). Website-Betreiber erfahren beispielsweise (Wortwiederholungen machen den Text lesefreundlich, vor allen Dingen in Grundschule, gs), wie engagiert besonders zufriedene Besucher im Vergleich zu weniger zufriedenen Nutzern sind. Ebenso lassen sich auf Basis von soziodemographischen Informationen aus der Onsite-Befragungslösung Visitor Voice die Daten in etracker Web Analytics segmentieren, die wiederum in Relation zum Erfolg bestimmter Kampagnen oder Werbemittel gesetzt werden k
önnen. Website-Betreiber erkennen durch Cross-Segmentierung von Daten innerhalb der etracker Conversion Optimization Suite (Produktname die Sechste) beispielsweise (ja, ja, es reicht jetzt, gs) ganz konkret Folgendes: Ein bestimmter Call-to-Action-Button im Bestellformular wird von männlichen Besuchern der Altersgruppe 40-49 kaum wahrgenommen, und 80 Prozent dieser Gruppe brechen den Besuch ab. Frauen im Alter von 20-29 Jahren hingegen, die über eine bestimmte Display-Kampagne auf die gleiche Seite kommen, legen ein anderes Scroll-Verhalten an den Tag und schließen die Bestellung doppelt so häufig ab. Auf diese Weise können etracker Kunden ihre Website unter anderem zielgruppenorientiert optimieren (starkes Schlusswort?).

Was sagt das BlaBlaMeter zu diesem Thomas Mannesken Schreibstil? Ergebnis:

Der Bullshit-Index liegt bei 0.7 (da ist also noch Luft nach oben). Dieses Indikator fehlt übrigens in der Welt der innovativen, weltweit führenden, optimierten, beispielhaften  etracker-Web-Analytics-Conversion-Optimization-Suite-Display-Kampagne-Onsite-Campaign Control Advanced-Befragungslösung-Visitor-Voice-Cross-Segmentierung-Lösung.
Das Urteil des BlaBla-Meter hätte auch Martin Luther unterschrieben: „Es stinkt gewaltig nach heißer Luft!“