Texte als Kunstwerke: Literaturabend bei Böttger in Bonn

In der wunderbar bibliophilen Atmosphäre der Literaturbuchhandlung Alfred Böttger sitzt Elke Engelhardt, die Autorin, gegenüber dem ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer. Sie diskutieren ihr neues Buch „100 sehr kurze Gespräche“. Doch sind es wirklich Gespräche? Engelhardt erklärt, dass sie sich von Julietta Fix und ihrer Online-Literaturzeitschrift Fix Poetry inspirieren ließ. Fix musste die Zeitschrift aus finanziellen Gründen aufgeben, aber Engelhardt erinnert sich dankbar an ihre Zeit als Rezensentin dort.

Engelhardt sieht Literatur als Gespräch. Sie liest nie etwas, ohne dass es sie beeinflusst. Es inspiriert sie oder weckt Widerstand in ihr. Mit diesem Hintergrund hat sie ihr neues Buch geschrieben. Sie arbeitet mit Zitaten und antwortet darauf mit genau 100 Worten. Nicht mehr, nicht weniger. Die Zitate stehen für sich, unabhängig von ihrer Länge.

Die Zitate stammen aus Büchern, die Engelhardt gelesen hat. Sie begann mit dem Sammeln der Zitate, als sie Schwierigkeiten hatte, ins Schreiben zu kommen. Sie stellte sich die Aufgabe, 100 Tage lang auf 100 Zitate mit 100 Worten zu antworten. Ursprünglich veröffentlichte sie diese auf ihrem Blog Mützenfalterer. Nach positiven Reaktionen entschied sie sich, die Texte in ein Buch zu verwandeln. Sie überarbeitete einige Texte und fügte neue hinzu.

Engelhardt sieht die Begrenzung auf 100 Worte als Herausforderung und Inspiration. Es war schwierig, bei 100 Worten aufzuhören, aber sobald sie es geschafft hatte, fühlte sich der Text rund an. Der Literaturkritiker Meinolf Reul beschreibt Engelhardts Arbeit als „Spielmut“. Sie stimmt dem zu und ist ihm dafür dankbar. Jedes neue Buch erfordert Mut, da sie alle sehr unterschiedlich sind.

Am Leseabend bei Böttger entfaltet sich das zweite Autorengespräch. Wolfgang Schiffer eröffnet mit einem Gedicht von Ragnar Helgi Ólafsson. Seine tiefe Radiostimme verleiht den Worten Nachdruck:

"Ich lehne Vergleiche ab. Das, was ich sage, ist.

Ich lehne alle Vergleiche ab. Alles ist das, was es ist.

Ein Vergleich ist überdies moralisch fragwürdig. Er birgt ein Urteil in sich und Gewalt.

Was sonst ist es, wenn man einem Kind sagt, es sei wie ein anderes Kind oder einem Jugendlichen, du bist genau wie deine Mutter.
Ich lehne Vergleiche ab. Haus ist Haus, Meer ist Meer, Milch ist Milch, Punkt ist Punkt."

Ólafssons Gedichtband trägt den bezaubernden Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“. 2020 folgte ein Erzählband „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“. Ólafsson veröffentlichte auch Theaterstücke in Island und ein bemerkenswertes Buch, „Die Bibliothek meines Vaters“. Dieses Sachbuch brachte ihm eine Nominierung für den isländischen Literaturpreis ein.

Die Welt wartete dann gespannt auf einen neuen Lyrikband von ihm. „Sein Lektor in Island bat mich, Ólafsson zu ermutigen, einen neuen Lyrikband zu schreiben. Und er tat es. Oder besser gesagt, er tat es nicht, wie wir später hören werden. Der Titel seines neuen Werks, ‚Lose Blätter‘, ist inspirierend“, erläutert Schiffer.

Warum „Lose Blätter“? „Weil Poesie flüchtig ist wie ein Schmetterling. Wenn man sie nicht an die Realität bindet, fliegt sie davon und bleibt verschollen. Man braucht also Blätter, um sie festzuhalten. Es muss eine Balance zwischen der faktischen und der poetischen Seite geben“, sagt Ólafsson

Ólafsson hatte eine Sammlung von 600 Seiten Poesie. Er plante, die besten Seiten auszuwählen und daraus ein hervorragendes Buch zu machen. Aber als er die ersten 100 Seiten las, fand er sie langweilig und leblos. Schließlich entschied er sich, die Seiten wie ein Kartenspiel zu mischen und fast zufällig 150 Seiten auszuwählen. Diese wurden dann zu „Losen Blättern“ gebunden, um nicht verloren zu gehen.

Ólafsson liebt die Nacktheit der Poesie. Sie sollte alleine stehen, ohne Unterstützung durch ein Gedicht davor oder dahinter. Jedes Gedicht sollte für sich selbst sprechen:

„Ich betrachte meine Texte als Kunstwerke. Jedes Exemplar meines Buches hat eine individuelle Nummer und ein Lesezeichen, um den Lesern Freiheit zu gewähren. Ich möchte keine Kontrolle oder Manipulation ausüben. Die Strukturierung der Gedichte in einer bestimmten Reihenfolge beeinflusst jedoch, wie die Leser die Probleme verstehen. In der nächsten Ausgabe werden wir eine andere Übersetzungsmöglichkeit vorstellen.“

Ólafsson vergleicht das Schreiben mit den visuellen Künsten. Man setzt einen Rahmen und schafft etwas Neues. Genügend Anregungen für die Lektüre dieser zwei Bände, die im Elif Verlag erschienen sind.

Hier ist der komplette Leseabend:

Bei Twitter-X liegen wir besser im Rennen mit 230 Zuschauern:

Energischer Post-Punk, musikalische Revolution mit klaren Statements, Haarspray und Lederjacken – So war das am vierten Tag WDR-Rockpalast Crossroads

Es geht weiter mit den WDR-Rockpalast-Crossroads-Kostproben aus der Bonner Harmonie: Während die meisten Gitarre-Schlagzeug-Duos auf Blues, Surf, Garage oder Classic Rock setzen, holen sich iedereen zumindest einen Teil ihrer Inspiration aus dem Post-Punk der späten 70er und frühen 80er Jahre. Bands wie Wire, Gang Of Four oder Devo eroberten damals nicht den Planeten, aber die Herzen der Menschen mit Ahnung, Haltung und einem Gespür für das Außergewöhnliche. Die Texte und Themen drehen sich um das Leben im Jahr 2023: Vom Self-Care Sunday bis zur geteilten Amazon-Prime-Mitgliedschaft, vom Tempolimit bis zum Tinnitus, von Niki, die WhatsApp nicht liest, bis zum modernen Mann, der sich finden, suchen oder verlieren muss – das endgültige Urteil steht noch aus.

Jeder, der schon einmal einen ihrer verrückten Live-Auftritte erlebt hat, weiß: Bei iedereen geht es nicht nur um Reflexion, sondern genauso sehr um den Moment des Schwindels, um Körperlichkeit, Feier und Hedonismus.

24/7 DIVA HEAVEN: Ihre Musik ist wütend, wild und verzichtet bewusst auf den vierten Akkord. Dabei setzen sie klare Statements zu wichtigen Themen wie Feminismus, Ungleichheit, Homophobie, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und ökologischen Problemen. Doch trotz der Ernsthaftigkeit ihrer Anliegen vergessen sie nicht den Spaß. Das Trio schafft es auf beeindruckende Weise, diese Balance zu halten: Sie tragen ihre ernsten Anliegen mit einem Lachen vor, halten uns den Spiegel vor und schreiben ihre Meinung mit Lippenstift darauf.

Vielleicht ist ihre Musik auch einfach die richtige für diese Zeit – direkt und unverblümt. Sie ist wütend, wild, laut und dennoch voller Glitzer und Glamour. Das Spiel mit Gegensätzen beherrscht 24/7 DIVA HEAVEN perfekt, egal auf welchem Spielfeld sie sich bewegen.

John Diva & The Rockets of Love sind eine energiegeladene Band, die den Glam Rock der 80er Jahre in die Gegenwart katapultiert. Mit einer Kombination aus Spandex-Hosen, jugendlichem Leichtsinn und Partystimmung erinnern sie an die goldene Ära des Rock ’n‘ Roll. Die Band hat die Fähigkeit, das Publikum mit ihrem charismatischen Frontmann John Diva in eine Zeitreise zu entführen, in der Haarspray und Lederjacken das Zepter führten.

Ihre Musik ist eine ehrliche Verbeugung vor dem Sound des legendären L.A. Sunset Strips der 80er Jahre und lässt Erinnerungen an Größen wie Van Halen und Def Leppard wach werden. Mit Songs wie „The Big Easy“ und „American Amadeus“ beweisen sie, dass sie nicht nur eine Parodie sind, sondern ihr eigenes musikalisches Erbe schaffen.

Die Band hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen und bleibt ihrem Stil treu, während sie das Erbe des Glam Rock weiterführt. Fans von Haarspray-Acts und nostalgischem Rock werden von John Diva & The Rockets of Love sicherlich begeistert sein. Sie sind eine Band, die es versteht, die Party am Leben zu erhalten und die Erinnerungen an eine vergangene Ära zu zelebrieren.

Am fünften Tag konnte ich nicht die Harmonie. Leider.

Ryan Sheridan:

Jake Isaac:

Rock’n’Roll-Renaissance mit Sweet Electric und ein Juwel des deutschen Blues in der Bonner Harmonie beim WDR-Rockpalast Crossroads Festival

Die Straßen von Bonn Endenich hallen wider vom Echo einer neuen Rock’n’Roll-Bewegung. Sweet Electric, eine Band, die den dreckigen Sound der 70er und 80er Jahre mit dem Blitz der 2020er Jahre auflädt. Mit gewaltigen Gitarrenriffs, donnernden Bässen und Vocals, die an die Höhen von Legenden erinnern, sind sie nicht hier, um Revolutionen zu starten, sondern um eine bereits etablierte Rock’n’Roll-Welt in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

In einer Ära, in der synthetische Beats dominieren, erinnert uns Sweet Electric daran, dass echter Rock N Roll nicht dazu bestimmt ist, in den Annalen der Geschichte verloren zu gehen. Ihr Ziel? Das klassische Rockrad nicht neu zu erfinden, sondern ihm einen modernen Anstrich zu verpassen, es mit Turbo zu boosten und es wieder ins Zentrum der Musiklandschaft zu rücken.

In der Musikszene Deutschlands gibt es viele Bands, die im Laufe der Jahre kommen und gehen. Aber einige hinterlassen einen unauslöschlichen Eindruck, der über Jahrzehnte hinweg Bestand hat. Eine solche Formation ist „The Hamburg Blues Band“. Mit ihren tief verwurzelten Wurzeln im Blues bieten sie seit ihrer Gründung in den 1980er Jahren eine rohe, unverfälschte und leidenschaftliche Darstellung des Genres.

Die Band ist bekannt für ihre kraftvollen Live-Auftritte, bei denen sie klassischen Blues mit zeitgenössischen Einflüssen verschmelzen lassen. Ihre Bühnenshows sind ein Feuerwerk aus Energie, Talent und musikalischem Können. Ratschlag: Beim Liveauftritt weniger über die gute alte Zeit erzählen. Da war zu viel Gesabbel in der Harmonie.

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Die Gitarre ist mega: Neues von den KotKanonen #MusikHacking

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Erinnerungen eines altgedienten Jazzkommunisten

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Egal, wer beim Medienjournalisten Reginald Rudorf anrief: Die Jazzmaschine raste im Hintergrund. Immer volle Fahrt und größte Lautstärke. Es war sein Lebensgefühl. Also schob Rudorf die silbernen Scheiben in den Schacht, daß es nur so sauste und säuselte. Gezählt habe er die Zahl seiner CDs nie. Zehntausend? Bei den alten Schellackscheiben wußtest Du das ganz genau. 100 waren da viel. „Heute, anno 2001, zählst du nicht mehr mit. Und immer wieder Fragen. Kommt der Jazz wieder? Du hörst doch den ganzen Tag Hot? Der Jazz kann nicht wiederkommen, da er im Grunde nie weg war. Um ihn herum haben sich neue Musikformen entwickelt, meistens vom Jazz wie bei Rock‘n Roll, Beat oder auch moderner Rock angestoßen und geprägt“, erläuterte Rudorf.

Arte brachte eine Woche lang ein Hotprogramm dem Jazz zu Ehren. Im Internet blühten Jazz-Webs auf. Dr. Seiffert, der ehemalige Chef der Frankfurter Börse, machte alle Monate freitags (Thank God, it‘s Friday) einen Edeljazztreff direkt in der Börse. Freitagabend, wenn die Kurse kalt werden, heizte den Jobbern den Hot mit Maynard Ferguson ein. Am 6. April 2001 standen in der Börse Paulchen Kuhn und Benny Bailey, der legendäre Trompeter.

„Ich war richtig erschrocken, dass der noch lebte – 1925 geboren. Mein Gott, der blies schon bei Lionel Hampton, bei Dizzy Gillespie. Genau hier kommt das Wort von der Legende auf – der Mann ist Legende. Ist der Jazz auch schon Legende? Werden diese Legenden nun subventioniert wie die Oper?“, fragt sich Rudorf.

1946. Leipzig: „Die absoluten Hochwasserhosen mit dem Riesenkaro waren für uns Swingheinis der ultimativ letzte Kick der ersten Nachkriegs-Saison. Das Sakko ging bis zum Knie, mantelmäßig. Dazu selbstgenähte Stoffschuhe mit Korksohle und Lederflicken, ein knielanger, greller, saudünn gewickelter Schlips und obendrauf eine Art aufgeblähter Borsalino – meine Eltern flüchteten auf die andere Straßenseite, wenn sie mich nur sahen. Die sowjetischen Offiziere griffen erstmal ans Pistolenhalfter. Die Vopos machten sich Notizen. Die Mädchen himmelten uns an. Und wir hatten nur Swing im Sinn. Benny Goodman. Den kannten wir aus BBC, obwohl BBC meistens Nat Gonella spielte. Aber The Voice of America. Da gab es Goodman und Satchmo, Glenn Miller und Lionel Hamptons Hot-Schrei Hey Ba Ba Rebop. Und dann kam der AFN aus Frankfurt am Main – das war für uns frischgebackenen Jung-Kommunisten der geliebte Feindsender Numero 1. Ein Jahr vorher hatten wir noch die HJ-Uniform mit dem Hakenkreuz an. Und wer da mit Hey Ba Ba Rebop herumhottete, wurde zum K 5 auf die Leipziger Wächterstraße geschleppt. Jazzfans waren Volksfeinde. Daran denke ich natürlich keine Sekunde mehr, wenn ich heute die Soundmaschine ankurbele. Aber beim Schreiben kommt die Erinnerung. Der Illustrierte Beobachter brachte im Heft 26 während des Kriegsjahres 1944 auf dem Titel ein Foto von Benny Goodman, der seine Klarinette umklammert hielt. Dazu setzte die NS-Postille die Schlagzeile Verbrecherhände. Die Gestapo nahm mich 1942 fest und verhörte mich stundenlang in der Leipziger Auenstraße, ihrem Hauptquartier, warum ich, ein arischer Junge, den verniggerten Judenjazz hörte. Dann war zwischen 1945 und 1947 in Leipzig wieder alles erlaubt. Auch Jazz. In Leipzigs Vergnügungshallen vom Zoo bis zum Felsenkeller donnerten die Swingbands aus allen Rohren – Kurt Henkels allen voran. Allerdings nur kurze Zeit. Die Sowjets und ihre deutschen KP-Hiwis waren zunächst voll damit beschäftigt, die Kommandohöhen von Verwaltung und Wirtschaft in ihre Hände zu bekommen. Kultur hatte deswegen zunächst noch Narrenfreiheit. Aber dann merkte die SED, daß Kids, die auf Jazz geeicht waren, der Partei verloren gingen. Und schon war der Hotjazz verfemt wie bei Hitler. Die Stasi nahm mich fest. Warum ich die imperialistische Musik höre, diesen Hot imperialistischer Wallstreet-Gangster. Amerika haßten die Nazis und die Kommunisten gleichermaßen. Amerika war ihr Hauptfeind. Und für uns die Eröffnung der Welt, die ja unter Hitler und Ulbricht geschlossen war. Es gibt auch ganz andere Jazzfreaks. Die jedes Datum wissen. Warum Satchmo am 2. März 1929 den sechsten Ton von links nur halb anblies. Wir nannten diese Krämerseelen Jazzbuchhalter. Das war ebenfalls ein Merkmal echter Jazzfreude: Nämlich die stilistische Jazzfront breit zu nehmen – und nicht durch sogenannte stilistische Authentizitäts-Zäune einzusperren. Bei Theo Mackeben oder dem unvergeßlichen Stück ‚Die kleine Stadt will schlafen gehen’. Alle Schlager, die Manfred Krug jüngst (und auch früher in DDR-Zeiten) auf einem hinreißenden Silberling (Foto) verewigt hat, tragen unüberhörbar das Idiom des Jazz. Jazzer spürten sofort, ob sie einem swingenden Unterhaltungs-Mann gegenüber- standen, der den relaxten Dreh des Jazz beherrscht oder einem Zickendraht, der statt der Kunst des Taktverschleppens stur auf Humptata programmiert war“, weiß Rudorf.

Er ist 1959 aus der DDR geflohen. Seine 1000 Jazzplatten blieben drüben – bei einem Pfarrer. Im Westen brauchte Rudorf zunächst keine heißen Scheiben. Erstens hatte er kein Geld. Zweitens konnte der Journalist ins Domicile du Jazz in Frankfurt pilgern – da gab es das live, was Rudorf sonst nur als Konserve kannte. In Mainhattan lernte er den Duke kennen.

„Ich interviewte Ellington – mein Gott, einen meiner Götter. Und der war an dem Abend denkbar schlecht gelaunt. Ich fragte ihn, warum er denn nicht mal eine Tournee durch die Sowjetunion mache. Das wies er kalt ab. Auch meinen Hinweis, daß er doch damit für die Menschen eine Botschaft bringe, zog nicht. Das Thema war aus irgendeinem Grund tabu für ihn. Fritz Rau, sein Manager, sagte mir, der Duke will in keine Diktatur reisen. Er will das einfach nicht. Vielleicht befürchtete er, daß eine solche Reise von den Kommunisten als PR genutzt würde: Seht, selbst der Duke kommt zu uns. Satchmo lernte ich kennen. Sinatra bei seinem einzigen Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle. 300 DM Eintritt. Der Mann war die geborene Lässigkeit – auch das ein Symptom des American Way of Life. Lässig wie Frankie Boy, relaxed wie Glenn Miller. Jazz hörte ich im Westen zunächst weniger von Platten. AFN brachte viel Jazz. Das genügte. Dann schrieb ich mit Carlo Bohländer Reclams Jazzführer. Ein paar hundert Seiten Daten, Bios. Um es kurz zu machen. 1989. Die DDR implodierte. Und in mir explodierte der Jazz. Ich sah Leipzig wieder. Jede Straße, jedes Haus Jazz. Die Erinnerung an den Jazz kam wie automatisch abgerufen wieder. Leipzig war meine Jugend. Und meine Jugend war Jazz. In Leipzig war alles Jazz. Wenn ich an Herbert Gebbing und Jules Becke denke. Wir haben hier immer Jazz gehört, ihm gefrönt, auch wenn draußen die braunen und die roten Häscher große Ohren machten. Und mich suchte wie ein Virus eine Sammlerwut heim – jede Woche war ich einmal in Mainhattan am Roßmarkt, um im besten Jazzladen alles zu kaufen, was Hotgeschichte gemacht hat.“

Drei Tipps, die Rudorf mir unterbreitete:

„1. Jazz Anthology 1940 – zwei CDs auf Auvidis 151832. Auf den beiden Silberstücken der Kassette sind Jazz-Legenden der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts von Charlie Barnet über Rex Stewart, Fats Waller zu Benny Goodman auf das Vitalste konserviert. Aus den digitalisierten Speichern dieses Sil- berlings steigen 30 Titel mit allem, was damals den Jazz prägte – Spontaneität, Einfallsreichtum, Vitalität.

2. Quincy Jones Jook Joint auf 2west records 9362 458 75-2 – eines der erstaunlichsten Jazzdokumente, Mitte der 90er entstanden, produziert von dem hollywoodesken Arrangements- und Produktionsgenie von Quincy Jones – mit dabei alles, was in den 90ern ohne Abzug noch als absolutes Jazz-Vollblut pulsierte: Ray Charles, Stevie Wonder, Herbie Hancock, Brandy, James Moody, Phil Colins, Aaron Hall, Barry White. Dazu ein phantastisches Inlet – übrigens eine CD, die auch die kreativen Kontakte zum Papperla-Pop auslotet.

3. Die Spiegel-Jazz-Edition mit zehn CDs bei BMG – eigentlich unverzichtbar. Es gibt sehr viele Sammler-Editionen in Frankreich und vor allen anderen die schwedische Phontastik-Edition, die ich mit ihren 20 Silberlingen die Jazzgeschichte am komplettesten festgehalten hat.“

Und noch ein Tip: Alles was bei der deutschen Firma ZYX mit Jazz neuerdings wieder verlegt wird, ist phantastisch. Überall, wo ZYX mit Jazz draufsteht, ist auch Jazz drin – etwa in the jazz bar Peterson, Basie, Milt Jackson, Benny Carter. „Ich habe dabei nie das Gefühl einer Reise rückwärts in nostalgisch wiederbelebte Vergangenheit. Sentiments sind keine Dimension des Jazz“, resümierte der alte Haudegen, der 2008 verstarb.

Wie preußisch ist die Architektur in Berlin? Sie ist sehr römisch, sehr athenisch, sehr florentinisch

Wer in politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Kontexten nur seine nationale Brille aufsetzt, über den deutschen Geist von Goethe und Schiller schwadroniert, sein Selbstwertgefühl mit nationalem Pathos tränkt, verkennt, wie international das Weltgeschehen zu allen Zeiten war. So schuf Goethe eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung.

Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. 
Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt.

Auch die Architektur von Preußen atmet einen internationalen Geist. Das ist mir beim Flanieren durch Berlin im Frühsommer wieder klar geworden. Da bin ich über das Berliner Bücherfest gestolpert mit einem fulminanten Auftritt des Kunsthistorikers Professor Horst Bredekamp.

SF-Autor Herbert W. Franke: Von der Gedankenkontrolle bis zur Abschaffung des Zufalls

Bonner Sommerinterview mit dem Literaturwissenschaftler Hans Esselborn über das Werk des Science-Fiction-Autors Herbert W. Franke. Sendung im Multistream.

Siehe auch:

AndroSF – die SF-Werkausgabe Herbert W. Franke

Klimakrise in Serien und Games:Hurra, die Welt geht unter

Melancholie mit Wahn: Robert Schumann in Bonn-Endenich #Lieblingsorte

Raoul Mörchen schaut sich in der Sommerreihe des Deutschlandfunks „Lieblingsorte“ mit Ingrid Bodsch, Leiterin des Schumann-Netzwerkes, im Haus und Zimmer um, in dem Robert Schumann seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte. Damals lag das Haus in einem großen Park, der der Erholung der Patienten dienen sollte.

Am 15. Mai 1851 kam Schumann zum ersten Mal nach Bonn. Er holte nach, wozu er 1845, als er krankheitshalber der Errichtung des Beethovendenkmals fernbleiben musste, nicht gekommen ist: Schumann ging zum Beethovendenkmal auf dem Münsterplatz, besuchte das Geburtshaus Beethovens und schließlich den Musikverleger Peter Joseph Simrock in dem großen Verlagshause am Markt, bevor er im Wagen weiter nach Rolandseck fuhr.

Nach seinem Selbstmordversuch in Düsseldorf wurde Robert Schumann am 4. März 1854 in die 1844 von dem Bonner Arzt Franz Richarz eröffnete „Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren“ in Endenich bei Bonn gebracht. Als Diagnose wurde in dem seit 1845 geführten „Aufnahmen-Buch“, in dem Robert Schumann als 159. Patient und als zweiter Neuankömmling des Jahres 1854 eingetragen wird, „Melancholie mit Wahn“ verzeichnet (vgl. Fundgrube: Patientenaufnahmebuch, eine Feststellung, die für nicht wenige der Endenicher Patienten getroffen wurde).

Die Heilanstalt, das heutige Schumannhaus, wurde zum letzten dauernden Aufenthalt Robert Schumanns, in der er nach hoffnungsvollen Momenten erstaunlicher Klarheit und zuweilen ungetrübten Bewusstseins schließlich langsam verdämmerte und am 29. Juli 1856 starb. Auch die letzte Ruhe fand Robert Schumann in Bonn: auf dem Alten Friedhof, wo er auf Veranlassung des Bonner Bürgermeisters Leopold Kaufmann ein Ehrengrab erhielt, in dem 40 Jahre später auch seine 1896 in Frankfurt verstorbene Frau Clara beigesetzt worden ist. Text von Ingrid Bodsch auf dem Schumann-Portal.

Notizen an den Angeber, beratendes Gedicht-Fragment und das Management im Laberland

male employer gesticulating and explaining idea in light office
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Bin nach Ausflügen in Lyrik und Prosa aus der Welt des Managements gefragt worden:

Notizen an den Angeber

Man redet von Vertrauen und meint Kontrolle.
Man verlangt Maßstäbe und strebt nach Einengung.

Man will interessant sein, produziert aber nur überhebliches Name-dropping.
Man ködert Autoren, will sie jedoch nur drangsalieren.

Man leiht sich Prominenz aus, um fremden Ruhm zu ernten.
Man saugt Andersdenkende aus, weil es zu originellen Gedanken nicht reicht.

Man plappert Mode-Phrasen nach, die nach Bedeutung klingen und dennoch hohl sind.
Man leckt Honoratioren den Hintern, um selbst honorig zu wirken.

Man gibt sich kollegial, ist in Wahrheit aber ein Zuchtmeister und Denunziant.
Man erteilt Aufträge, um sich im Besserwisser-Habitus zu suhlen.

Man ist ein Arschloch, nicht mehr und nicht weniger.

Beratendes Gedicht-Fragment

Deine tägliche Powerpoint-Folie gib uns heute,
Projektionsflächen mit Wald- und Wiesenweisheiten,
Phrasen im Dreiviertel-Takt,
Nervensäge der Expertokratie.

Hohlräume unter der gelackten Fassade,
Keynote-Speaker der Irrelevanz,
Bulletpoints mit Bullshit im Designer-Anzug,
Semantischer Brei im Zufallsmodus.

Geheiligt ist Dein Wichtigtuertum,
Gesegnet Deine Excel-To-Do-Listen,
Gepriesen sind Deine Budapester Schuhe von der Kö,
Du predigst Lösungen für erfundene Probleme.

Dein Gedankenreich ist geklaut,
Dein Wille für den nächsten Auftrag ungebrochen.

Demütig schreibst Du an Deiner Autobiografie mit dem Titel “ICH” und der Unterzeile “Und nur ICH”.

Auf Deinem Grabstein ist zu lesen:
“Hier liege ICH und kann nicht anders”.

Ruhe in Frieden auf dem Friedhof Deiner Eitelkeiten.
Amen.

Laberland mit Powerpoint-Folien

Blecherne Stimmen, verkrampfte Moderation, kaum Interaktion und Referenten, die mit einer Flut von Powerpoint-Folien monoton loblabern und wehrlose Zuschauerinnen und Zuschauer in den Netzschlaf wiegen: Man nennt das Ganze auch Heizdecken verkaufen über Webinare.

Robert Weber beschreibt das auf Facebook recht hübsch: “Situation: Marketing bestellt Webinar bei Verlag, Marketing bestimmt Redner, der oft keine Lust hat, nicht im Thema ist. Der will auch keine Fragen, weil nicht tief genug im Thema, weil sowieso unmotiviert. Redakteur/Moderator bleibt also im Allgemeinen, kritische Fragen ausgeschlossen, weil ja bezahlt von der Industrie. Alle sind froh, wenn die 45 Min rum sind. Die Zuhörer auch.”

Kann ich bestätigten.

Und mit Powerpoint-Folien, Teleprompter-Aufsager oder vorformulierten Karteikarten oder sonstigen Hilfsmitteln geht das regelmäßig in die Grütze: Besser ist es, direkt in den Dialog zu gehen, das Tempo im Ping-Pong-Verfahren hoch zu halten, zu versuchen, im Gespräch die Goldnuggets herauszufischen.

Ansonsten läuft es halt so:

Auf Exkursionen in die Untiefen der Kongresslandschaft entdecke ich unterschiedliche Powerpoint-Rhetoriker: Jeder hat sie schon erlebt oder schlafend verpasst. Folgende Typologien fallen dabei ins Gewicht:

Der Überflieger hechelt mindestens zehn Folien pro Minute durch, weil er insgesamt 129 Folien hat. Die Psychofolter für das Publikum ist die Nummerierung der Folien mit Gesamtanzahl: 64 von 129, 65 von 129…

Der Vorleser hat deutlich weniger Folien – dafür sind sie randvoll in kleiner Schrift und mit Grafiken überladen. Weil sein Publikum nichts erkennen kann, muss er alles vorlesen: staubtrockene Zahlen und Fakten. Der geistige Phantomschmerz wirkt noch tagelang nach.

Der Schüchterne spricht sehr leise. Aber nicht zum Publikum, sondern zur Folie, zur Wand oder zu sich selbst.

Der Kommandeur hat Befehlsempfänger für Folienproduktion und Laptop-Bedienung. Der Kommandeur tritt manchmal auch als machtvoller Ignorant in Erscheinung, kennt den Inhalt der Präsentation nicht und überspielt es mit halblaut gebellten Anweisungen: „Nein, noch mal kurz zurück“ – „Jetzt nächste Folie!“.

Phrasendrescher des Managements

Wer Karriere machen will, sollte seine Gedanken in angemessene Worte kleiden, so der Ratschlag von Earl Chesterfield – publiziert vor über 200 Jahren in dem Buch „Briefe an seinen Sohn Philip Stanhope über die anstrengende Kunst ein Gentleman zu werden“. Chesterfields Grundsätze sind auch heute noch aktuell. Philip Dormer Stanhope, der vierte Earl of Chesterfield (1694 – 1773), hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seinen unehelichen Sohn Philip auf dessen spätere Karriere vorzubereiten. Voltaire äußerte sich nach der Lektüre des Werkes geradezu emphatisch und empfahl es Friedrich II. „Man kann viel daraus lernen, ja ich möchte behaupten, dass es das beste Buch ist, das je über Erziehungsfragen geschrieben wurde“, führte Voltaire aus. In Chesterfields Bildungsprogramm nahmen die für eine parlamentarische oder diplomatische Laufbahn erforderlichen Wissensgebiete die wichtigste Stelle ein: Geschichte, mit den dazugehörigen Hilfswissenschaften Geografie und Chronologie, Staats- und Rechtskunde, Sprachen und Rhetorik, schließlich das Buch der Bücher – die Kenntnis der Welt und des Menschen.

Der erfolgreiche Staatsmann, Mitglied des britischen Unterhauses und begnadete Parlamentsredner war kein Rohrstock-Pädagoge. P. D. Stanhope war als Erzieher immer zugleich auch Politiker. Körperliche Züchtigung war ihm verhasst. Umso wichtiger galt ihm die Funktion des erfahrenen pädagogischen Leiters – erfahren in den Dingen der Welt und des Menschen, nicht allein in den Wissenschaften. Chesterfield selbst war ein Sprachmeister, der in England und Frankreich zu den belobtesten Köpfen der Zeit gehörte. Auf dem Weg zur rhetorischen Brillanz konnte nur die antike Redekunst helfen, da es im Zeitalter des Absolutismus öffentliche Beredsamkeit außerhalb der Kirche nicht gab. Das sprachliche und geistige Korsett für die liebwertesten Gichtlinge aus Politik und Wirtschaft unserer Tage heißt Powerpoint-Gequatsche: Sprachliche Originalität und Eloquenz sind Mangelware bei den meisten Führungskräften. Da stellt man sich jeden Tag gut oder neu auf, optimiert Prozesse, reduziert Kosten, implementiert semantische Nebelkerzen, geht proaktiv auf die Suche nach dem weißen Schwan und zeigt alternativlosen Reformgeist.

Dabei ist es im Geschäftsleben eine Frage von Sieg oder Niederlage, ob es gelingt, die inneren Werte und Überzeugungen angemessen zur äußeren Darstellung zu bringen und mit höchstem Effekt einzusetzen. „Du begreifst leicht, dass ein Mensch, der zierlich und angenehm redet und schreibt, der seinen Gesprächsgegenstand schmückt und verschönert, besser überreden und seine Absicht leichter erreichen wird als ein andrer, der sich schlecht ausdrückt, seine Sprache übel redet, niedrige, pöbelhafte Wörter gebraucht und bei allem, was er sagt, weder Annehmlichkeit noch Zierlichkeit hat… Man muss in allem, was man redet, überaus genau und deutlich sein; sonst ermüdet und verwirrt man andre nur, anstatt sie zu unterhalten oder zu unterrichten. Auch die Stimme und die Art zu reden sind nicht zu vernachlässigen. Manche schließen beim Reden beinah den Mund zu und murmeln etwas hin, so dass man sie nicht versteht. All diese Gewohnheiten sind unschicklich und unangenehm und müssen durch Aufmerksamkeit vermieden werden“, so Lord Chesterfields Empfehlung an seinen Sohn. Zur Vermeidung all dieser Fehler sollte man mit Sorgfalt lesen, die Ausdrücke und Wendungen der besten Schriftsteller bemerken und niemals ein Wort übergehen, das man nicht versteht. Lesen und Übung ist genug, einen Redner hervorzubringen.

Ratschlag: Besonders Maulhelden im Wirtschaftsleben sollte man meiden. Einige Vorstände großer Konzerne neigen zur Prahlerei und Herrschsucht. Keine Fernsehkamera lassen sie aus, keine Talkshow ist vor ihnen sicher. Ihre Inkompetenz kompensieren sie mit egozentrischer Polterei. Kluge Manager sollten sich in Zurückhaltung und Bescheidenheit üben.

Der Earl: „Je mehr du weißt, desto bescheidener solltest du sein; und, im Vorbeigehn gesagt, diese Bescheidenheit ist der sicherste Weg, deine Eitelkeit zu befriedigen. Auch wo du deiner Meinung sicher bist, da scheine lieber zweifelnd: tue Vorstellungen, aber keine Aussprüche; und wenn du andre überzeugen willst, da stelle dich selbst bereit, überzeugt zu werden… Gib dir niemals das Ansehen, als wärst du weiser oder gelehrter als die Anwesenden.“

Nichts ist anstößiger als Vermessenheit und Unverschämtheit. Man liebt keinen, der sich immer zeigen will, immer von sich selbst redet und stets der Held seines eigenen Romans ist. Neunmalkluge Phrasendrescher sind unter den Führungskräften leider keine Seltenheit – sie machen langatmige Abteilungsbesprechungen zur Qual. Dabei ist nach wie vor eine alte Weisheit gültig, die auch Stanhope bevorzugte: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Manager lernen dadurch, dass sie geschickt zuhören sollen – nachdem sie ihr Gegenüber zum Reden gebracht haben. Dafür empfiehlt der Lord einen simplen Schachzug: „Sich unwissend stellen, ist sehr oft ein höchst notwendiges Mittel, um Kenntnisse in der Welt zu erwerben… Es ist die beste Methode, sich gründliche und vertrauliche Informationen zu verschaffen. Denn die meisten Leute sind zu eitel, um anderen nicht ihre Überlegenheit zu zeigen. Obwohl nur für einen Augenblick und bei reinsten Lappalien werden sie dir Dinge mitteilen, die sie nicht erzählen sollten.“

Auch zur Hörigkeit von entscheidungsschwachen Persönlichkeiten gegenüber allwissenden Beratern hat Chesterfield eine gesunde Rezeptur parat: „Alles, was du lernst und lesen kannst, wird wenig fruchten, wenn du nicht selbst darüber vernünftig nachdenkst… Allein, andrer Gedanken nur zu wiederholen, ohne zu erwägen, ob sie richtig sind oder nicht, das ist bloß die Gabe eines Papageien oder höchstens eines Komödianten.“ Für den Lord bedeutet es nichts, eine Sache einmal zu lesen, wenn man sie nicht behält. „Es ist ein sicheres Zeichen eines kleinen Geistes, während man etwas vorhat, zugleich an etwas anderes oder gar nichts zu denken. Man sollte allezeit an das denken, was man tut.“

Wie war das noch mal mit der Frist während des Fristablaufs bei der Handhabung der Fristsache? Ein Fall für Kurt Tucholsky

Ich erinnere gerne an den letzten Literaturabend in der Buchhandlung R². Leider gibt es diesen Tempel für geistige Anregungen nicht mehr. Günther Rüther, der Autor des vorgestellten Tucholsky-Bandes, war übrigens mal mein Chef.

Ulrich Schütte brillierte mit politischen, melancholischen und frechen Chansons zu Texten von Tucholsky, begleitet von seinem Pianisten, Trug Sam. Claus Recktenwald stellte danach am Klavier einen Kurt Weill vor, wie die wenigsten Deutschen, aber die meisten Amerikaner ihn kennen: als Broadway-Musical- und Kinofilmkomponist mit Textern wie Gershwin’s Bruder Ira, der hier auch für Lovesongs steht.