

In der wunderbar bibliophilen Atmosphäre der Literaturbuchhandlung Alfred Böttger sitzt Elke Engelhardt, die Autorin, gegenüber dem ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer. Sie diskutieren ihr neues Buch „100 sehr kurze Gespräche“. Doch sind es wirklich Gespräche? Engelhardt erklärt, dass sie sich von Julietta Fix und ihrer Online-Literaturzeitschrift Fix Poetry inspirieren ließ. Fix musste die Zeitschrift aus finanziellen Gründen aufgeben, aber Engelhardt erinnert sich dankbar an ihre Zeit als Rezensentin dort.

Engelhardt sieht Literatur als Gespräch. Sie liest nie etwas, ohne dass es sie beeinflusst. Es inspiriert sie oder weckt Widerstand in ihr. Mit diesem Hintergrund hat sie ihr neues Buch geschrieben. Sie arbeitet mit Zitaten und antwortet darauf mit genau 100 Worten. Nicht mehr, nicht weniger. Die Zitate stehen für sich, unabhängig von ihrer Länge.
Die Zitate stammen aus Büchern, die Engelhardt gelesen hat. Sie begann mit dem Sammeln der Zitate, als sie Schwierigkeiten hatte, ins Schreiben zu kommen. Sie stellte sich die Aufgabe, 100 Tage lang auf 100 Zitate mit 100 Worten zu antworten. Ursprünglich veröffentlichte sie diese auf ihrem Blog Mützenfalterer. Nach positiven Reaktionen entschied sie sich, die Texte in ein Buch zu verwandeln. Sie überarbeitete einige Texte und fügte neue hinzu.
Engelhardt sieht die Begrenzung auf 100 Worte als Herausforderung und Inspiration. Es war schwierig, bei 100 Worten aufzuhören, aber sobald sie es geschafft hatte, fühlte sich der Text rund an. Der Literaturkritiker Meinolf Reul beschreibt Engelhardts Arbeit als „Spielmut“. Sie stimmt dem zu und ist ihm dafür dankbar. Jedes neue Buch erfordert Mut, da sie alle sehr unterschiedlich sind.

Am Leseabend bei Böttger entfaltet sich das zweite Autorengespräch. Wolfgang Schiffer eröffnet mit einem Gedicht von Ragnar Helgi Ólafsson. Seine tiefe Radiostimme verleiht den Worten Nachdruck:
"Ich lehne Vergleiche ab. Das, was ich sage, ist. Ich lehne alle Vergleiche ab. Alles ist das, was es ist. Ein Vergleich ist überdies moralisch fragwürdig. Er birgt ein Urteil in sich und Gewalt. Was sonst ist es, wenn man einem Kind sagt, es sei wie ein anderes Kind oder einem Jugendlichen, du bist genau wie deine Mutter. Ich lehne Vergleiche ab. Haus ist Haus, Meer ist Meer, Milch ist Milch, Punkt ist Punkt."
Ólafssons Gedichtband trägt den bezaubernden Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“. 2020 folgte ein Erzählband „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“. Ólafsson veröffentlichte auch Theaterstücke in Island und ein bemerkenswertes Buch, „Die Bibliothek meines Vaters“. Dieses Sachbuch brachte ihm eine Nominierung für den isländischen Literaturpreis ein.
Die Welt wartete dann gespannt auf einen neuen Lyrikband von ihm. „Sein Lektor in Island bat mich, Ólafsson zu ermutigen, einen neuen Lyrikband zu schreiben. Und er tat es. Oder besser gesagt, er tat es nicht, wie wir später hören werden. Der Titel seines neuen Werks, ‚Lose Blätter‘, ist inspirierend“, erläutert Schiffer.
Warum „Lose Blätter“? „Weil Poesie flüchtig ist wie ein Schmetterling. Wenn man sie nicht an die Realität bindet, fliegt sie davon und bleibt verschollen. Man braucht also Blätter, um sie festzuhalten. Es muss eine Balance zwischen der faktischen und der poetischen Seite geben“, sagt Ólafsson
Ólafsson hatte eine Sammlung von 600 Seiten Poesie. Er plante, die besten Seiten auszuwählen und daraus ein hervorragendes Buch zu machen. Aber als er die ersten 100 Seiten las, fand er sie langweilig und leblos. Schließlich entschied er sich, die Seiten wie ein Kartenspiel zu mischen und fast zufällig 150 Seiten auszuwählen. Diese wurden dann zu „Losen Blättern“ gebunden, um nicht verloren zu gehen.
Ólafsson liebt die Nacktheit der Poesie. Sie sollte alleine stehen, ohne Unterstützung durch ein Gedicht davor oder dahinter. Jedes Gedicht sollte für sich selbst sprechen:
„Ich betrachte meine Texte als Kunstwerke. Jedes Exemplar meines Buches hat eine individuelle Nummer und ein Lesezeichen, um den Lesern Freiheit zu gewähren. Ich möchte keine Kontrolle oder Manipulation ausüben. Die Strukturierung der Gedichte in einer bestimmten Reihenfolge beeinflusst jedoch, wie die Leser die Probleme verstehen. In der nächsten Ausgabe werden wir eine andere Übersetzungsmöglichkeit vorstellen.“
Ólafsson vergleicht das Schreiben mit den visuellen Künsten. Man setzt einen Rahmen und schafft etwas Neues. Genügend Anregungen für die Lektüre dieser zwei Bände, die im Elif Verlag erschienen sind.
Hier ist der komplette Leseabend:
Bei Twitter-X liegen wir besser im Rennen mit 230 Zuschauern:
Hab herzlichen Dank, lieber Gunnar, fürs diese schöne Aufmerken zu unserem Abend!
War ein sehr schöner Abend.