Kann Google das Hardware-Geschäft? Vernetzter Service sieht anders aus

Der Internet-Riese Google agiere momentan wie der PC-Laden an der Ecke, schreibt caschy.

„Gestern gab es jede Menge Aufregung unter den Kunden. Die, die vermeintlich unter den Erstbestellern waren, haben eine unschöne Mail bekommen. Bis zu drei Wochen Wartezeit, so hieß es. hieß es – aber dafür bekommt man den Versand geschenkt.“

Irgendwo hat man wohl nun doch noch Geräte aufgetrieben.

„Leser, die mir gestern berichtet haben, dass sie eine ‚Wartemail‘ bekommen haben, haben nun per Mail eine Bestätigung bekommen, dass ihr Gerät verschickt wird. Google Nexus – oder auch: die kürzesten drei Wochen der Welt. Ich drücke euch jedenfalls die Daumen, dass ihr euer Gerät bald in den Händen halten dürft. Warum noch Geräte verschickt werden? Könnte daran liegen: viele haben im Bestell-Chaos durch Serverfehler mehrere Geräte geordert und erst aktuell storniert. Googles Hotline sagt dazu: ‚Tut uns leid, da haben Leute mehr als ein Gerät bestellt. Deshalb kommt es zu Verzögerungen. Wir müssen jetzt mal sehen, wer alles noch storniert und wie viele Geräte dann noch da sind'“, so caschy weiter.

Bestelldramen ereignen sich wohl zur Zeit massenhaft. Etwa bei Michael Meidl:

„Bestätigungsmails, während andere nichtmal soweit kamen weil das Kontingent innerhalb weniger Minuten erschöpft war; Geld wird abgebucht, obwohl in der Bestellung steht, dass man erst mit der Auslieferung bezahlen muss; Überall wird ein voraussichtliches Lieferdatum vom 15. genannt; Hotline bestätigt; Mails machen Mut zum 15. und dann…: Drei Wochen weitere Wartezeit!“

Schon der Marktstart des als Superphone titulierten „Nexus One“ war alles andere als „googelig“, eine Bezeichnung, mit der Jeff Jarvis Dienste und Produkte aus seinem Blog „Buzzmachine“ adelt, die nach seiner Sichtweise die Grundsätze von Google verinnerlicht haben. Die Einschätzung von Service-Experten war denn auch skeptisch. Die dominanten Hersteller haben aus gutem Grund ihren Service ausgelagert. Das zählt nicht zu ihren Kernkompetenzen. Das können die globalen Konglomerate nicht richtig abbilden. Jeder Entwickler träumt zwar von Nullfehlerraten. Bei Smartphones und Tablets wachsen allerdings die Welten der Telekommunikation und der Informationstechnologie immer stärker zusammen. Die Minicomputer werden immer komplexer und da bleibt es nicht aus, dass es zu Fehlern und zu Schwierigkeiten bei der Bedienung kommt.

Für technische Produkte sollte es einen gut strukturierten und gut organisierten dezentralen Service geben. Der Servicepart sei immer eine Herausforderung, selbst wenn man wie Apple eine gute Vertriebsstruktur vorweisen könne – ganz im Gegensatz zu Google, so das Urteil des ITK-Fachmannes Peter B. Záboji.

Ob sich mit diesem Service-Wirrwar die Freude beim Kauf der Nexus-Geräte halten wird, ist eine sehr spannende Frage, die man wohl erst nach dem Weihnachtsgeschäft beantworten kann.

Wie gesagt, das ist kein Urteil über die Hardware-Qualität und auch kein Beitrag über den System-Richtungsstreit über geschlossene und offene Geschäfte. Es geht um Kundenservice und das ist für den Suchmaschinen-Konzern Google wohl noch ein etwas heikles Terrain.

Eure Meinung und Eure konkreten Erfahrungen mit dem Google-Kundenservice interessieren mich für weitere Storys.

Verloren in der Hotline-Schleife: Wann werden Firmen zu Fans ihrer Kunden?

Mit fast 85 Prozent setzt eine große Mehrheit der deutschen Unternehmen auf Social Media. Damit steigt die Nutzung um 17 Prozent im Vorjahresvergleich. Das berichtet die Fachgruppe Social Media im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) in einer Presseverlautbarung. Befragt wurden 140 „werbungstreibende“ Unternehmen. Laut der Studie geben mehr als sechs von zehn der befragten Unternehmen an, dass sich ihre bisherigen Social-Media-Aktivitäten gelohnt haben. Zu den wichtigsten Einsatzgebieten zählen Profile in sozialen Netzwerken wie Facebook, Präsenzen bei Twitter oder YouTube und ein eigener Unternehmensblog (auf die Formulierung „Corporate Blog“ kann man getrost verzichten, gs).

Die Steigerung der Bekanntheit, die Imageverbesserung und ein besserer Zugang zu Zielgruppen und potenziellen Kunden gelten für die Unternehmen als oberste Ziele ihrer Aktivitäten in Social Media.

Warum der BVDW in dieser Meldung von direkten Kundendialog redet, ist mir allerdings ein Rätsel. Es geht doch um Markenbekanntheit, Image und potenzielle Kunden – also um Vertrieb. Beim Dialog sieht es noch düster aus. Da dümpeln die meisten Anbieter noch in den Niederungen von Hotline-Services herum. Wenn über Social Media oder Videochats Gespräche mit Kunden nicht zu vermeiden sind, fehlt die Entscheidungskompetenz, wie ein Facebook-Kommentar von Christian Wendling untermauert:

„Wie verloren man sich als Kunde in einer Hotline-Schleife fühlt, ist ja nahezu ein Alltagserlebnis. Gestern konnte ich eine neue Erfahrung machen: Wie nehme ich als Nicht-Kunde Kontakt zu einem Unternehmen auf, hier: Vodafone. Hintergrund: ein unbekannter Dritter hat sich unserer Kontoverbindung bemächtigt und für einen Vertragsschluss bei Vodafone missbraucht; Vodafone buchte per Lastschrift vom Konto ab. Um als Nicht-Kunde Kontakt zu Vodafone aufzunehmen, musste ich mich erst einmal durch die endlos verschachtelten Menüfolgen quälen, um dann einer ungläubigen Hotline-Mitarbeiterin mehrfach zu versichern, dass wir KEIN Kunde sind und auch nicht irgendwo im System vielleicht ein Altvertrag oder ein mir noch nicht bekannter Neuvertrag existiert. Während ich in der Warteschleife hing, nutzte ich die Möglichkeit zum Live-Chat mit der Vodafone-Hotline; auch dort konnte man sich nicht vorstellen, dass ein Anrufer kein Kunde ist. Nach zwei Minuten hin-und-her-Chat offenbarte der Hotliner dann, dass er nur für die technische Funktionalität des Chat zuständig sei und auf Kundendaten gar keinen Zugriff hat. Mein Fazit: Beim nächsten Mal versuche ich erst gar nicht heraus zu finden, wer unsere Kontodaten missbraucht hat, sondern widerspreche der Lastschrift unkommentiert und sofort.“

Das ist der bittere Alltag von Verbrauchern. Die vielen negativen Postings auf der Facebook-Seite von Vodafone seien der klares Zeichen dafür, wie ernst man es wirklich mit dem Dialog meint. Eigentlich müsste ein Unternehmen ja zunächst Fan seiner Kunden sein, damit die Kunden Fan des Unternehmens werden.

„Solange Firmenpräsenzen von der Marketing-Abteilung betreut werden, wird sich an diesem Verständnis aber wohl nichts ändern“, schreibt Christian Wendling.

Ich lasse mich von den Anbietern allerdings nicht mehr in die Anonymität von Hotline-Banalitäten abdrängen, sondern verlange einen Diskurs in sozialen Netzwerken. Im klassischen Kundenservice laufen die „Dialoge“ über E-Mail, Brief und Telefon unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Textbausteine und Skript prägen den Alltag der Servicemitarbeiter. Laufen Anfragen und Beschwerden im Licht der Netzöffentlichkeit, helfen Sprachregelungen, Beruhigungspillen, Kontrollschleifen, Autorisierungen und Mauertaktiken nicht mehr weiter. Mit vernetzten Kundenservices tun sich viele Unternehmen allerdings noch schwer – das gilt nicht nur für Vodafone. Firmen wollen Kunden deshalb in die alten Kommunikationsformen pressen, um möglichst wenig nach außen dringen zu lassen.

Die meisten Führungskräfte haben doch die Hosen gestrichen voll, wenn sie über öffentliche Kundendialoge auf Augenhöhe nachdenken müssen.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Gefangen in der Kunden-Hotline.

Einmal Frankfurt-Belgrad und zurück: Oder warum Lufthansa das Motto „Nonstop you“ in „Nonstop bullshit“ ändern sollte

Vor gut drei Wochen war ich für einen Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Belgrad gebucht. Sonntags morgens war ich zwei Stunden vor Abflug am Fraport, so weit so gut. Ich checkte dann auch sofort ein und half noch einer älteren, sichtlich verzweifelten Dame am Check-In-Automaten-Monstrum.

Laut Bordkarte war Boarding Time um 11.10 Uhr. Brav stand ich um 10.15 Uhr in der Schlange zur Sicherheitskontrolle, fast eine Stunde vor Boarding sollte das mehr als in Ordnung sein. Dort herrschte ein immens hoher Andrang und das Personal war offensichtlich überfordert, zumal nicht alle Schleusen geöffnet warten. Sonntagmorgen eben, da wird ohne Rücksicht auf Flugpläne auf Deutschlands größtem Flughafen ausgeschlafen.

Ich wurde einer Schlange zugewiesen, in der ich rund 30 Minuten bis zirka 10.45 Uhr wartete. Kurz bevor ich die Sicherheitskontrolle passieren sollte, verschwand die zuständige Mitarbeiterin und es kam kein Ersatz. Päuschen wahrscheinlich. Wiederum wartete ich. Ich wies einen reichlich schwitzenden LH-Mitarbeiter, der die Massen zu bändigen versuchte, darauf hin, dass mein Boarding um 11.10 Uhr sei. Er meinte, dies würde schon klappen. Leider klappte es nicht, erst um 11.05 passierte ich die Sicherheitskontrolle. Die Wege am Fraport sind eher auf Ironman-Gewinner ausgelegt: Als ich zwanzig Minuten später – mittlerweile so schwitzend wie der LH-Mitarbeiter – am Gate ankam, waren gerade die letzten Passagiere abgefertigt.

Es waren noch 15 Minuten bis zum Abflug und ich bat den zuständigen LH-Mitarbeiter am Gate darum, mich noch zum Flugzeug bringen zu lassen, schließlich war es noch eine viertel Stunde bis zum Abflug. Uns schließlich wäre es beispielsweise auf Umsteigeverbindungen auch machbar, Passagiere einzeln zum Flieger zu bringen. „Nonstop you“ eben.

Dies sei nicht möglich, erklärte mir der blondgelockte Jüngling. Wieso und warum, blieb unklar. Was denn mit meinem Gepäck sei, fragte ich. Das werde man wieder ausladen. Ob es nicht mit weniger Aufwand verbunden sei, mich zum Flugzeug zu bringen, dass man vom Gate aus sogar sehen konnte? Nonstop nein.

Er verwies mich an den LH-Ticketschalter, wo man eine kostenfreie Umbuchung für mich vornehmen würde. Also gut. Dort angekommen erklärte mir der LH-Mitarbeiter, es würde keine kostenfreie Umbuchung geben, obwohl er die Richtigkeit meiner Eingaben zum pünktlichen Check-in nachvollzogen hatte. Drei Herren am Schalter neben mir schilderten das gleiche Problem, auch sie hatten wegen der Sicherheitskontrolle ihren Flieger – allerdings nach Manchester – nicht rechtzeitig bekommen.

Während bei ihnen eine kostenfreie Umbuchung vorgenommen wurde, wurde mir dies verweigert.

Ich buchte also einen Flug mit einer anderen Airline einige Stunden später. Mein Gepäck war wirklich ausgeladen worden und flog mit mir.

Einige Tage später nach dem Rückflug von Belgrad in Frankfurt gelandet, stand ich mit knurrendem Magen am Gepäckband. Die von der hübschen LH-Flugbegleiterin gereichten drei Quadratzentimeter Trockenkuchen zeigten auf einem zweistündigen Flug während der Mittagszeit keine nachhaltige Wirkung. Das Gepäckband machte keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Auch nicht nach einer halben Stunde. Auch nicht nach 45 Minuten. Ein ziemlich genervter Brioni-Anzugträger beschwerte sich dann beim LH-Lost & Found, das sich direkt gegenüber des stillstehenden Gepäckbandes befand.

Ich bereute mittlerweile, im Flieger meinem schlafenden Sitznachbarn nicht seine 20 Gramm Kuchen gemopst zu haben. Der Brioni-Mann teilte seinen Leidensgenossen dann weitere 15 Minuten später mit, dass wohl der gesamte Container mit den Koffern aus Belgrad verschwunden sein. Prima. Eine offizielle Info gab es nicht. Die Masse stürmte zum Lost & Found und ich stellte mich in die mittlerweile ellenlange Schlange. Weitere 15 Minuten später, also fast anderthalb Stunden nach Beginn des Gepäck-Events, stellte ich dann meine Verlustanzeige. Während der LH-Mitarbeiter in aller Seelenruhe das Formular ausfüllte und mein zweiter Zug Richtung Siegburg abgefahren war, hörte ich leises Raunen in der Menge hinter mir.

Das Belgrad-Gepäck sei auf Band 17 gesichtet worden. Vor Hunger geschwächt sprintete ich zum Band 17, das sich eine halbe Tagesreise von Band 3 befand. Und dort war er, mein Koffer. Ich war eine von wenigen Passagieren, die das Glück hatten, mit Gepäck nach Hause zu fahren. Der größte Teil war mit Verlustformular auf dem Weg nach Hause.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich mich vor gut zehn Tagen bei Lufthansa beschwert habe, weil ich auf den Kosten für den Belgrad-Hinflug sitzengeblieben bin. Eine Antwort habe ich bisher nicht erhalten. Nonstop bullshit. Echtzeitkommunikation ist im Service dieser „Weltfirma“ wohl ein Fremdwort.

Bin gespannt, ob ich jetzt eine Antwort erhalte.

Internet-Kauf übertrifft telefonische Bestellung: Mehr Intelligenz im Service-Design! #bcn

„Suchen, vergleichen, kaufen und bewerten: längst werden im interaktiven Handel in Deutschland weit mehr Umsätze per Internet-Kauf (64 Prozent) erwirtschaftet als per telefonischer Bestellung (32 Prozent)“, schreibt Ityx in einem Blogpost.

Sag ich doch. Der virtuelle Dialog – in den USA längst gängiger Kanal zur Kunden-Interaktion – biete laut Ityx ein enormes Geschäfts-Potenzial für den Wandel klassischer Call Center von der Telefon-Fixierung auf neue Servicevielfalt des Internets.

„Intelligentes Service-Design wird in den kommenden Jahren eine wesentliche Rolle bei der Konvergenz von klassischem Kundenservice und dem Internet spielen,“ kommentiert Walter Benedikt, Geschäftsführer des Kölner Service-Dienstleisters 3C Dialog.

Au ja, intelligentes Service-Design, das wäre soooooo schön. Leider ist das nicht so. Es wird zwar auf Fachkonferenzen wie der Call Center World seit fast einem Jahrzehnt über Multikanal-Management ohne Medienbrüche gelabert, in Wahrheit greift kein Zahnrad ins Andere. Einen kleinen Exkurs ins Niemandsland der Service-Ökonomie habe ich gestern ja noch einmal losgelassen: Kundendienst als Foltermethode.

Und das bezieht sich eben nicht nur auf die von mir so häufig gescholtene Hotline-Welt. Nee. E-Mail, Digitalisierung von Dokumenten, Personal am Schalter, höhnische Briefe, verzögerte Überweisungen von Gutschriften, Lügen, Dopplungseffekte bei Kundenanfragen (man muss allet mindestens doppelt machen, doppelt erzählen an der Hotline, doppelt und dreifach nachfassen bei E-Plus, doppelt E-Mails schreiben, doppelter Emfpfang von idiotischen E-Mails des Anbieters – eine automatisierte und danach dann eine, die auf den Fall eingeht – doppelt irgendwo hinrennen, und, und, und).

„In der Realität ist das Innovationstempo für die meisten Unternehmen viel zu schnell. Das Problem steckt in den Köpfen: ein Bruchteil der Marketing-Aufwendungen geht in Kundenservice. Wäre Kundenservice ‚Produktion‘, wäre die vierte industrielle Revolution längst Wirklichkeit. Dampfmaschine, Fließband, Roboter und lernfähige Maschinen = Telefon, Call Center, Internet & Sprachcomputer und lernfähige Software für Dialoge; für einfachen Alltags-Service werden wir regelbasierte Apps haben, für komplexere Dialoge künstliche Intelligenz… damit beispielsweise beim Vertragswechsel auch alles glatt läuft“, so Andreas Klug von Ityx, der morgen mein Interviewpartner im virtuellen Blogger Camp ist: 14.00 bis 14.45 Uhr Vernetzte Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz (Einblicke von Andreas Klug, Ityx).

Für den Hangout haben sechs Teilnehmer zugesagt – wird bestimmt eine interessante Runde.

Übrigens, liebwerteste Gichtlinge der Landesmedienanstalten (ob nun in Bayern, BaWü, NRW oder in Pimpelhausen), ich habe mich jetzt doch noch entschlossen, gegen die Auflagen für die Ausstrahlung des virtuellen Blogger Camps zu verstoßen. Das bin ich Batman schuldig. Werbung für mein Batmobil aus den 60er Jahren von Corgi Toys muss einfach sein:

Vielleicht setzen die Landesmedienanstalten künftig auch CleanIT ein, um für Sauberkeit bei Hangout On Air-Sessions zu sorgen. Wer weiß?

Über „Flachbildschirm-Rückseitenberater“ und „Schema F- und Kästchendenker-Bürosklaven“ #gforce

In einem Vortrag von Tieto-Manager Stefan Grünzner auf der G-Force-Konferenz in Barcelona wurde das obige Foto gezeigt. Es hat doch generell Symbolkraft für die Servicekommunkation – nicht nur in Deutschland. Als Titel finde ich die Formulierung von Gunter Dueck recht hübsch: „Flachbildschirm-Rückseitenberatung“. Wolfgang Messer hat das in einem anderen Zusammenhang erwähnt: Wer den Wandel meistert, kann die Demenz vergessen.

Andere Fotos, die ich auf der G-Force gemacht habe, dokumentieren auch recht eindrücklich, wo wir in der vernetzten Servicewelt stehen und wo die Reise hingeht.

Entsprechend lautet die Überschrift meiner heutigen Kolumne für Service Insiders: Netzintelligenz statt „Flachbildschirm-Rückseitenberatung“ – Die Lila-Laune-Kommunikation der Unternehmen versagt im Social Web.

In der Branche für Kundenkommunikation gibt es eine Menge Überlegungen, wie man vom Warteschleifen-Image runterkommt. Das zog sich jedenfalls wie ein roter Faden durch die Vorträge der Fachkonferenz G-Force in Barcelona. So kann man immer wiederkehrende Verbraucherfragen über gut gemachte Youtube-Videos abfangen. Fast jedes private oder berufliche Problem lässt sich dort lösen. Etwa zur Vorbereitung von Trainingseinheiten im Tischtennis, Auskünfte über die Feinheiten des Startens von Modellautos mit RC-Verbrenner oder der Frage, wie ich meine digitale Heimvernetzung optimieren kann. Häufig kommen die Filme gar nicht von professionellen Anbietern, sondern von so genannten Super-Usern, die sich einfach in bestimmten Feldern besser auskennen als jeder Verkäufer oder Agent im Call Center. Auch wenn es viele in der Servicewelt immer noch nicht kapiert haben, die Zeiten der „Flachbildschirm-Rückseitenberater“ und „Schema F- und Kästchendenker-Bürosklaven“ ist schon längst vorbei.

Die Weisheit der Vielen im Netz schlägt das skriptgesteuerte Wissensimperium des Call Center-Agenten um Längen. Der Smart Service-Blogger Bernhard Steimel erwähnt die Strategie des Elektronikkonzerns LG. In Analysen fand man heraus, dass 60 Prozent der Postings in den Social Media-Präsenzen des Unternehmens aus Serviceanfragen bestehen: Probleme mit der Technik, Fragen nach Reparaturmöglichkeiten, Inbetriebnahme von Geräten und vieles mehr.

„Management und Serviceabteilung setzten sich zusammen und bildeten eine Task Force, die damit begann, die Probleme abzuarbeiten. Drei Monate nach Gründung der Community wurde der Kunden-helfen-Kunden-Effekt immer prägnanter. Mittlerweile werden rund 70 Prozent der Serviceanfragen von Bloggern oder Community-Mitgliedern selbst beantwortet. Nur rund 30 Prozent werden von Mitarbeitern der Serviceabteilung bearbeitet. Mit nur wenigen Postings im Netz, die vom Unternehmen selbst kommen, gewinnt LG in den sozialen Netzwerken so eine vergleichsweise hohe Reichweite“, schreibt Steimel.

Das ist allerdings nur eine von vielen Möglichkeiten, Netzwerkeffekte im Kundenservice zu nutzen. Was fehlt, um vernetzte Services in der ganzen Bandbreite zu etablieren, ist eine tiefe Integration des Social Web in die Prozessorganisation der Anbieter.

Eine Facebook-Präsenz sollte nicht für Marketing-Trallala verschwendet werden. Wichtig wäre eher das Sichtbarmachen der fachlichen Expertise, um Kunden eine bessere Orientierung zu geben und mit ihnen keine Dialoge auf Kindergartenniveau zu führen. Wenn Marketingabteilungen mit ihren Social Media-Aktivitäten nur Berieselung betreiben und nach der Lila-Laune-Bärchen-Methode operieren, verspielen sie die Optionen der offenen Netzwerk-Kommunikation.

„Leider werden die sozialen Netzwerke von den meisten Unternehmen noch nicht für den Kundenservice genutzt. Marketingmanager blasen auch im Social Web nur ihre One-to-Many-Hochglanzbroschüren-Sprüche raus. Auf individuelle Fragen, Wünsche oder Probleme der Kunden wird nicht eingegangen“, kritisiert Heinrich Welter vom Software-Spezialisten Genesys auf der G-Force-Konferenz im Gespräch mit Service Insiders. Entsprechend genervt reagieren die Social Web-Nutzer.

(Ob sich jemand über meine Fluppe während des Interviews aufregt, ist mir übrigens egal. Das ist mein stiller Protest gegen die Anti-Raucher-Hysterie und meine Verneigung vor den Talkrunden in den 60er und 70er Jahren.)

Soweit die kleine Hommage ans Rauchen….

„Es führt kein Weg daran vorbei, Social Media in den Kundenservice zu integrieren. Das gilt auch für das Wissen, was auf den klassischen Kanälen mit Kunden ausgetauscht wird. Was per E-Mail beantwortet wurde, ist vielleicht nicht nur für einen Verbraucher nützlich, sondern auch für tausend andere. An dieser Stellschraube wird allerdings in vielen Unternehmen gearbeitet“, so Welter.

Unternehmen sollten nach Ansicht von Ityx-Vorstandschef Süleyman Arayan viel mehr mit der Erkennung und Verarbeitung von Inhalten der Kommunikation beschäftigen – und nicht alleine mit der Logistik von Kommunikation.

„Jahrelang wurden Kundenkontakte in telefonische oder virtuelle Warteschleifen verteilt. Moderne ‚lernfähige‘ Software in Service und Support kann das Verhalten von Kunden und Mitarbeitern bei der Informationsbewertung adaptieren und Inhalte verstehen. Unternehmen schaffen sich einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil, wenn sie automatisch das ‚Alltägliche‘ erkennen und lösen können und dadurch Raum für die Lösung individueller Fälle schaffen.“

Und die individuelle Beratung kann über Chat, Videotelefonie oder Apps erfolgen.

Seine Prognose: Die klassische Eins-zu-Eins-Kommunikation wird es in fünf Jahren kaum noch geben. Es wird Geschäftsprozess-Plattformen geben, die alle Kommunikationsformen und Geräte unterstützen. Die Infrastruktur für die Service-Kommunikation wandert dabei in die Computerwolke, so die Einschätzung von Genesys-Manager Heinrich Welter. Denn kaum noch ein Service-Anbieter könne mit der eigenen trägen Hardware auf die Veränderungen der Kundenkommunikation zeitnah reagieren. Über Cloud-Dienste steigt die Anpassungsfähigkeit und Schnelligkeit, um sich den Anforderungen der Echtzeitkommunikation im Social Web zu stellen. Zur Cloud-Kooperation zwischen Genesys und der Telekom folgt in der nächsten Woche noch ein Bericht – da kommt auch der virtuelle Concierge wieder vor 😉

Buch zum Thema der Kolumne (da habe ich ja – wie schon erwähnt – mitgewirkt. Also kaufet und lasst das Opus „Digitaler Dialog“ in ungeahnte Höhen auf der Sachbuch-Bestseller-Liste steigen – auf das Manfred Spitzer mit seiner digitalen Demenz vom Spitzenplatz verdrängt wird 🙂

SAVE THE WORLD FROM BAD CUSTOMER SERVICE! #gforce

Das Leitmotto der G-Force in Barcelona – Fachkonferenz des Software-Anbieters Genesys – passt eigentlich auch gut zu meiner heutigen The European-Kolumne über den Tod der Warteschleife. Bei meinem Beitrag ist natürlich in erster Linie der Wunsch Vater des Gedankens. Denn in der Service-Landschaft sind wir davon noch meilenweit entfernt. Obwohl es in der Technologieszene schon ein gewaltiges Umdenken gibt. Etwa die Kommunikationsdienste der Firmen verstärkt über die Cloud zu organisieren – ein entsprechendes Produkt für die Service-Kommunikation wurde heute von Genesys und der Telekom vorgestellt. „Die cloudbasierte Genesys Contact Center Suite unterstützt jeden Interaktionskanal. Dazu zählen u.a. Telefonie, Brief, Fax, E-Mail, SMS, Chat, Web und Social Media. Alle Funktionen sind unter einer einheitlichen Bedienoberfläche zusammengefasst und stehen den Agenten zusammen mit einer Kundenhistorie und weiteren Informationen zur Verfügung“, so die Presseverlautbarung von Genesys. Zur Call Center World Ende Februar 2013 soll das Ganze starten.

Als Turbolader für solche Dienste wirkt sich auch das veränderte Kommunikationsverhalten der Kunden aus, die sich immer mehr vom Telefon wegbewegen und sich über Chats, Social Web und mobile Applikationen äußern. Hier fällt es den Hardware-Firmen immer schwerer, ihre Kisten für die Kommunikationsinfrastruktur zu verkaufen. Auch die verstärkte Nutzung von Cloud-Diensten im privaten Umfeld beschleunigt die Durchsetzung bei Geschäftskunden. Entsprechende Interviews zu diesem Themenkomplex habe ich auf der G-Force in Barcelona geführt. Darüber werde ich in den nächsten Tagen noch berichten.

Im übrigen würde sich der Spruch „SAVE THE WORLD FROM BAD CUSTOMER SERVICE“ auch gut für Demos eignen. Auch das könnte mal ein Ansatz für netzpolitische Aktionen sein, damit die Unternehmen endlich ihre Service-Bürokratie beerdigen.

In meiner Kolumne erwähnte ich ja auch die Wundertüte Facebook, die im Kundenservice und auf anderen Feldern noch für Überraschungen sorgen wirkt – auch wenn das ein oder zwei Kommentatoren etwas anders sehen. Aber was Zucki-Boy so ankündigt, sorgt doch für Hochspannung.

Siehe auch das Interview mit Heinrich Welter von Genesys – zum Kundenservice!

Pyromanen-Semantik: Müllverbrennung soll künftig das Gütesiegel „Recycling“ tragen


In Deutschland ist es ja schon ein großer Fortschritt, dass der stinknormale Müll nicht mehr in Deponien vergraben werden darf. Insofern ist es sicherlich sinnvoll, ihn lieber in Verbrennungsöfen zu packen. Was allerdings die Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (Itad) in ihrer Lobbyarbeit vorhat, könnte man unter Ulk verbuchen. Oder etwas kritischer als Volksverblödung titulieren. Liebe Abmahnanwälte, ich sage bewusst „könnte“. Künftig möchten Anlagenbetreiber die Müllverbrennung als „thermisches Recycling“ adeln. Die thermische „Behandlung“ von Restabfällen aus Haushalt, Gewerbe und Industrie sei ein aktiver Beitrag zum Recycling und zum Ressourcenschutz, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes der MVA-Betreiber. Man untermauert das Ganze mit netten Milchmädchen-Rechnungen.

Deutsche MVA und Ersatzbrennstoff-Kraftwerke gewönnen aus stofflich nicht verwertbaren Abfällen Strom und Wärme für jährlich zwei Millionen Haushalte und zahlreiche Industrieanlagen, heißt es in der Mitteilung der Itad. Damit würden rund drei Milliarden Liter Heizöl eingespart. Energie sei jedoch nur eines der mittels thermischer Abfallbehandlung aus dem Restmüll gewonnenen Güter. Aus den Verbrennungsrückständen (Schlacke, gs) würden Eisen- und Nicht-Eisenmetalle extrahiert, die anschließend wiederverwendet werden könnten.

Jährlich würden 400.000 Tonnen Metalle auf diese Weise in den Stoffkreislauf zurückkehren. Zudem fänden pro Jahr 5 Mio Tonnen Schlacke nach entsprechender Behandlung Verwendung im Straßen- und technischen Anlagenbau.

„Wir können also mit Fug und Recht bei der thermischen Verwertung von Abfällen auch von einem ‚thermischen Recycling’ sprechen“, so Itad-Geschäftsführer Carsten Spohn.

Das ist ausgemachter Blödsinn. Die Müllverbrennungsanlagen wurden in Deutschland zur Beseitigung des Abfalls geplant und nicht zur Gewinnung von Strom, Wärme und Metalle. Es ist wohl kein Zufall, dass in der Pyromanen-Romantik kein Wort über Heizwerte oder Wirkungsgrade der Anlagen verlautet wird. Die Frage sei doch gestattet, was alternative Entsorgungsmethoden aus dem Abfall machen können? Mein Kollege Walter Warnecke hat sich die Mühe gemacht, die Heizwerte aller Müllverbrennungsanlagen aufzulisten (kann als Excel-Tabelle heruntergeladen werden):

Müllverbrennung in Deutschland – inklusive Heizwert

Im Schnitt liegt der Heizwert bei 10.000 Kilojoule pro Kilogramm – das ist mehr als dürftig. Steinkohle besitzt einen Heizwert von bis zu 32.000 Kilojoule pro Kilogramm. Holzpellets liegen bei 18.000, Braunkohlebriketts bei knapp 20.000 und Altreifen bei 32.000. Nur waldfrisches Holz schneidet mit knapp 7.000 Kilojoule pro Kilogramm schlechter als Hausmüll ab.

Unerwähnt in der pyromanischen Verbands-Rabulistik bleiben auch die negativen Begleiterscheinungen der Müllverbrennung. Kann man bei Wikipedia nachlesen:

„Da bei der Verbrennung des Mülls nicht bekannt ist, welche Inhaltsstoffe in welchen Mengen zu einem bestimmten Zeitpunkt verbrannt werden (kritisch sind beispielsweise PVC, Batterien und elektronische Bauteile, Lacke etc.), variiert die Zusammensetzung des Rauchgases und der Asche. Bei der Verbrennung entstehen neben Kohlendioxid und Wasser auch Kohlenmonoxid, Schwefeloxide, Stickoxide, aber auch Chlorwasserstoffsäure (Salzsäure) und Fluorwasserstoff (Flusssäure) sowie schwermetallhaltige Stäube. In sehr geringen Konzentrationen entstehen auch hochtoxische Stoffe wie polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane.“

Entsprechend hoch ist der Energieverbrauch für die Rauchgasreinigung.

Und ein wenig Physik-Nachhilfe begründet bei Wikipedia sehr schön, warum die Müllverbrennung nicht gerade ein Effizienzprotz bei der Gewinnung von Energie ist:

„Aufgrund des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik kann niemals die gesamte im Müll enthaltene Energie in nutzbare thermische Energie (Fernwärme) und/oder elektrische Energie umgewandelt werden. Zudem treten bei jeder Energiewandlung auch Verluste auf, zum Beispiel in Form von Wärmeverlusten der in der Realität nie ganz adiabat ausführbaren Kessel und Feuerungstrakte. Darüber hinaus braucht eine Müllverbrennungsanlage einen Teil der erzeugten Energie zum Eigenbedarf, was den Wirkungsgrad zusätzlich schmälert. Somit kann durch die Müllverbrennung nur ein Teil derjenigen Energie wieder gewonnen werden, die in den Rohstoffen der Ausgangsprodukte steckte und bei deren Herstellung benötigt wurde.

Entsprechend niederschmetternd ist der Wirkungsgrad. Der BUND hat das sehr gut zusammengefasst:

„Unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs für die Rauchgasreinigung und der Tatsache, dass eine
Auskopplung von Dampf oder Fernwärme häufig nicht stattfindet bzw. nicht möglich ist, kann der durchschnittliche Wirkungsgrad deutscher Müllverbrennungsanlagen mit ca. 9 Prozent elektrisch und 26 Prozent thermisch (Prozessdampf, Fernwärme) beziffert werden. Verglichen mit Heizkraftwerken, die mit Gas befeuert werden und Gesamtwirkungsgrade bis etwa 90 Prozent erzielen, ist das ausgesprochen wenig. Die Spanne ist sehr groß. An Standorten, an denen fast nur Strom erzeugt wird – und das ist recht häufig – liegt der Wirkungsgrad bei 15 Prozent und darunter. Wenn hauptsächlich die Abwärme genutzt wird, können bis ca. 70 Prozent der eingebrachten Energie verwertet werden. Auch das liegt unter dem thermischen Wirkungsgrad von Fernheizwerken mit Werten von knapp über 90 Prozent.“

Was hinter der Pyromanen-Lobbyarbeit steckt ist also etwas ganz anderes. Mit der begrifflichen Aufwertung der Verbrennung zum thermischen Recycling sollen die Fehlinvestitionen in überdimensionierte Anlagen überdeckt werden. Denn die MVAs sind weder ökologische noch ökonomische Hochtechnologien zur Verwertung des Abfalls. Die stoffliche Verwertung – also das klassische Recycling – ist gesetzlich gewollt, die Abfallhierachie ist ja auch kaum umzudrehen und wenn man nur auf die thermische Verwertung gesetzt hätte, wären entscheidende und unbestreitbar sinnvolle Entwicklungen in der Sortierung, Vorbehandlung und Verwertung unterblieben. Hier sind also sehr sinnvolle Alternativen zur Müllverbrennung entstanden, die die Auslastung und Rentabilität der Anlagen noch mehr nach unten drücken.

Um diese Wahrheiten der Öffentlichkeit zu „ersparen“, geht man in die Offensive und versucht, neue Abfallmengen in die Anlagen zu bekommen, die in die stoffliche Verwertung gehen. So simpel ist das Spielchen. Gelingt das nicht, müssten entweder die Müllgebühren exorbitant erhöht oder Anlagen stillgelegt werden. Beides würde zu einem Gesichtsverlust der kommunalen Müll-Planer führen.

Siehe auch:

Wertstoffgesetz überflüssig und unrealistisch: Recycling keine Ersatzkasse für unrentable Müllverbrennungsanlagen – Alte Öfen abreißen.

Was man Peter Altermaier schon immer mal über Müll sagen wollte.

Stinkende Granulate: Restmülltonne ungeeignet für stoffliche Verwertung – Klares Bekenntnis der Bundesregierung zur Recycling-Gesellschaft.

Offener Brief zur Recyclingwirtschaft: Kommt noch eine Antwort, Herr Altmaier?

Keine technische Lösung für kostenlose Warteschleife

Ein Leben in der Hotline-Warteschleife zählt für Viele sicherlich zum Gipfel der täglich erlebten Service-Bürokratie in Deutschland. Vor über fünf Jahren produzierte sich deshalb der damalige Verbraucherschutzminister Horst Seehofer als Retter geplagter Verbraucher und kündigte scharfe gesetzliche Maßnahmen an. Den Worten folgten ausnahmsweise auch einmal Taten. Ab dem nächsten Jahr müssen Call Center kostenlose Warteschleifen anbieten. Politische Appelle an die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft fruchteten nicht. Seit 2007 wurde in den betroffenen Unternehmen sehr viel lamentiert und nur wenig laboriert. Zufriedenstellende Lösungen konnten die Anbieter nicht vorweisen. Man ist immer noch nicht in der Lage, die Anforderungen des Gesetzgebers zu erfüllen.

Es gebe in Deutschland keine technische Lösung für die kostenlose Warteschleife, weil die Netzbetreiber es nicht wollen und verbindliche Vorgaben der Bundesnetzagentur nicht vorhanden sind, moniert Genesys-Manager Heinrich Welter im Interview mit dem Fachdienst Service Insiders.

„Wenn ich als Vodafone-Kunde bei einer Hotline anrufe, die über die Telekom läuft, startet bei Vodafone sofort der Gebührenzähler und das Gespräch wird berechnet. Wenn jetzt die Telekom später sagt, dass der Kunde drei Minuten in der Warteschleife hing und der Anruf nicht berechnet werden soll, müsste ich der Vodafone einen speziellen Gebührennachweis zurückliefern – in Fachkreisen auch ‚Advice of Charge Zero ’ genannt. Dafür gibt es ein Protokoll, das aber kein Netzbetreiber in Deutschland unterstützt und in Zukunft auch nicht unterstützen wird. Die generelle kostenlose Warteschleife als technische Lösung gibt es nicht“, erläutert Welter auf der Technologiekonferenz seines Unternehmens in San Francisco.

Diese Gemengelage werde dazu führen, dass die kostenlose Warteschleife über kostenlose Rufnummern oder Blocktarife etabliert wird. Anders könne man die Anforderungen des Gesetzgebers derzeitig erfüllen.

Software-Concierge als Warteschleifen-Manager

„Wartezeiten werden sich aber dennoch nicht vollständig vermeiden lassen. Der Anbieter muss das bezahlen – beispielsweise für die 0800er Rufnummer. Man kann das allerdings auch intelligenter lösen. Wir nennen das virtuelles Warten. Wenn der Kunde am Anfang einer Wartezeit steht wird ihm mitgeteilt, wie lange er potenziell warten muss. Das braucht er aber nicht mit dem Hörer in der Hand zu tun. Ihm wird der Rückruf angeboten in einem bestimmten Zeitfenster, so dass der Kunde nur noch virtuell warten muss. Hier kommt ein Software-Concierge zum Einsatz, der in normaler Sprache mit dem Kunden kommuniziert und ihm sagt, wie lange er auf den Rückruf warten muss und unter welcher Rufnummer ein Rückruf erfolgen soll. Der Software-Concierge ruft dann nach der vereinbarten Zeit beim Kunden an und teilt ihm mit, dass er jetzt mit einem Call Center-Agenten verbunden wird. Es ist ein zuverlässiger Service, der für beide Seiten einen Vorteil hat. Der Kunde spart die Wartezeit am Telefon und der Anbieter spart die Infrastrukturkosten für die 0800er-Rufnummer. Zudem können Überlastungen im Call Center besser verteilt werden“, erläutert Welter.

Kein Bock mehr auf Service-Bürokratie: Wo bleibt die vernetzte Ökonomie?

Die Sikom-Miniumfrage über den spärlichen Einsatz von Social Media im Kundenservice ist sicherlich nicht repräsentativ für die deutsche Wirtschaft. Sie ist aber ein Indikator für den Zustand der Serviceangebote in Deutschland und inspirierte mich für den Aufreger des Tages, der heute in der Absatzwirtschaft erschienen ist.

Viele Manager haben einfach keine Peilung, was ihre Kunden im Netz machen und wie sie sich die Kommunikation mit Unternehmen wünschen. Wer mit seinen Social Media-Phobien darauf verzichtet, smarte Angebote via Social Web zu machen oder Service-Apps für die mobile Kommunikation zu etablieren, kann doch nicht behaupten, dass das Telefon noch hoch im Kurs steht. Aus Mangel an Alternativen bleibt einem nichts anderes übrig, sich den Hotline-Warteschleifen auszusetzen. Das bringt der Call Center-Experte Harald Henn von der Mainzer Beratungsfirma Marketing Resultant auf den Punkt:

„Telekom oder der OTTO Versand erfreuen sich eines starken Zuspruchs ihrer Social Media-Angebote. Die Ergebnisse der Sikom-Befragung haben den falschen Akzent. Kunden nutzen Social Media sehr wohl – und im Übrigen präferieren sie soziale Netzwerke gegenüber dem Telefon – wenn man ihnen es denn auch anbietet. Kein Social Media-Angebot – keine Nutzung.“

Was hier insinuiert werde, könnte man mit den Wahlergebnissen in der DDR vergleichen. 99 Prozent Zustimmung sei eben nicht 99 Prozent Zustimmung gewesen, sondern das Ergebnis einer vorgegebenen Einheitsliste, die man falten und in die Wahlurne stecken konnte.

Wir Kunden sind mit unseren Smartphones, mit den Apps, die wir nutzen, den Blogs, die wir schreiben, den Tweets, die wir posten und dem mobilen Einkauf, den wir tätigen, wir Konsumenten sind den meisten Unternehmen meilenweit voraus. Das ist keine Randerscheinung oder kurzlebige Mode, sondern bereits ein Massenphänomen. Als Kunde möchte ich gute Produkte und Dienste kaufen. Auf Warteschleifen-Servicebürokratie kann ich getrost verzichten. Ähnlich bewertet das Mirko Lange von der Agentur Talkabout im Interview mit den Mailingtage-News:

„Viele Unternehmen sind noch nicht über Social Media ansprechbar – jedenfalls nicht so wie über E-Mail oder Telefon. Ein Beispiel: Als Abonnent von ‚Sky Go‘ konnte ich mich neulich nicht einloggen. Auf der Website findet man zwar ein Formular und eine E-Mail-Adresse. Die wollte ich aber nicht nutzen, weil ich ja sofort Hilfe brauchte. Einen Link zu Twitter oder Facebook gab es nicht. Dabei wäre das die beste Lösung gewesen. Ich war sowieso online, hätte eine Nachricht hinterlassen und schnell eine Antwort erwartet. Kunden mit ähnlichen Problemen hätten mitgelesen. Hier gibt es enorm viel Potenzial.“ Die Dialogmöglichkeit über das Social Web habe für Unternehmen große Vorteile. „Die Kommunikation ist schriftlich, asynchron und dennoch fast in Echtzeit. Zudem gibt es keine Medienbrüche bei Links ins Internet, und es lassen sich simpel Daten austauschen. Über Dienste wie ‚Google+ Hangout‘ kann man auch in einen synchronen Gesprächsmodus wechseln. Die Qualität des Dialogs verbessert sich enorm“, so Lange.

Nur findet eben dieser Dialog mit Kunden nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, wie beim Telefonat. Was man unter Kontrollverlust subsummiert, könnte Ursache für die Social Media-Phobien der Service-Manager sein. An der Überlegenheit der asynchronen Kommunikation ändere das aber nichts, bestätigt Andreas Klug vom Software-Anbieter Ityx.

Gerade die schriftbasierten Interaktionen können analysiert und verwertet werden. Das bietet den Unternehmen enorme Möglichkeiten, wiederkehrende Service-Anfragen automatisiert zu verarbeiten und im Hintergrund gezielt Geschäftsprozesse anzustoßen. Diese Entwicklung ist vergleichbar mit der Automatisierung in der Automobilindustrie, wie sie die Japaner in den 1980er Jahren vorangetrieben haben. Damals haben Umfragen der deutschen Industrie auch ergeben, dass kaum ein deutscher Hersteller Roboter einsetzt. Wer aber unbeweglich ist, nimmt sich selbst die Chance, wiederkehrende Arbeiten im Kundenservice zu erkennen und durch intelligente Software erledigen zu lassen“, erklärt Klug.

In den kommenden drei Jahren werde man erleben, wie mehr und mehr Verbraucher sich dem Service-Diktat der Industrie entziehen, um ihre Anliegen via Youtube, Apps und soziale Netzwerke zu lösen. Mehr asynchron statt Telefon. Das wird so langsam Zeit, sonst brauchen wir noch einige IT-Gipfelgespräche im Kanzleramt 🙁

Siehe auch: Internet-Gipfel: Merkel will digitale Wirtschaft in Deutschland und Europa stärken

Müssen Roboter für unsere Rente schuften? Frank Rieger und die Automatisierungsdividende

Frank Rieger vom Chaos Computer Club hat in einem Gastbeitrag für die FAZ über die leise rollenden Technologiewellen geschrieben, die unsere gesellschaftlichen Grundfesten erschüttern werden. In Expertenkreisen stoßen seine Thesen auf ein breites Echo.

In meiner Kolumne für den Fachdienst Service Insiders habe ich die Reaktionen ausführlich aufgegriffen. Die wird wohl morgen erscheinen. Hier die komplette Kolumne 🙂

Hier schon mal ein Vorgeschmack: Es sei nicht eine einzelne Technologie, so Rieger, die zu den Umwälzungen beiträgt, sondern die Kombination und gegenseitige Potenzierung paralleler Entwicklungen. Dieser digitale Tsunami könnte ganze Branchen umpflügen und selbst qualifizierte Berufe wegspülen:

„Es sind nicht länger nur die Fließbandarbeiter, deren Job durch einen Roboter ersetzt werden kann. Es sind auch Buchhalter, Anwälte, Personalentwickler, Marketingmitarbeiter, sogar Journalisten und Wissensvermittler, also Lehrer und Professoren, die sich Sorgen um ihr berufliches Arbeitsfeld machen müssen. Diese Veränderungen sind nicht nur rein technischer Natur, die Kombination von Vernetzung, Computerleistung und einer Umgewöhnung der Kunden schafft einen qualitativen Sprung, und das kann sehr schnell dramatische Auswirkungen haben – wie etwa das Beispiel der verschwindenden Reisebüros zeigt“, erläutert Rieger.

Eine Verbrauchssteuer für Algorithmen?

Wie könnten also Wirtschaft und Gesellschaft weiter funktionieren, wenn immer weniger Menschen noch eine dauerhafte Arbeit haben, die gut genug entlohnt wird, dass davon Steuern, Sozialversicherungs-, Renten- und Krankenkassenbeiträge gezahlt werden können? Der Vorschlag des Chaos Computer Club-Sprechers klingt auf den ersten Blick logisch: Ein schrittweiser, aber grundlegender Umbau der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende.

Was heißt das konkret?

Eine Steuer auf den Konsum von Künstlicher Intelligenz, eine Luxusabgabe für den Einsatz von besonders leistungsfähiger Software oder eine höhere Mehrwertsteuer für Algorithmen? Bei indirekten Steuern wird die Steuer über den Preis einer Ware oder Dienstleistung erhoben. Problem: Jeder Verbraucher wird unabhängig von der Höhe seines Einkommens mit einem annähernd gleichen indirekten Steuerbetrag belastet wird – das Prinzip der Leistungsfähigkeit bleibt auf der Strecke.

An dieser Stelle muss Rieger etwas konkreter werden und sich mal äußern zur Frage der Steuergerechtigkeit.

Rieger-Manifest ohne empirisches Fundament

Aber nicht nur an dieser Stelle gibt es Klärungsbedarf über das Manifest für eine Sozialisierung der Automatisierungsdividende:

„Es ist richtig, dass wir Fortschritte in der IT haben – auch in der Automatisierung. Die Diskussion ist aber viel älter als es scheint. Es geht schon los in der Science Fiction von 1842, wo darüber spekuliert wird, dass Maschinen die menschliche Arbeit übernehmen und die der Einsatz von Menschen nur noch eine Option sei. Und wir finden das auch in der klassischen marxistischen Lehre, der die Welt in Proletarier und Bourgeoisie einteilt, wo das Innehaben von Produktionsmitteln zu einem Mehrwert führt. Das kann man analog zur Dividendentheorie von Rieger betrachten. Der Computer als Produktionsmittel erzeugt einen Mehrwert, der den Kapitalisten zufällt. Dieses Gedankengut ist 150 Jahre alt. Danach hatten wir ähnliche Diskussionen in den 1970er Jahren über Rationalisierung und Humanisierung der Arbeitswelt. Da hat man schon versucht, die tayloristischen Prozesse in den Fabriken menschenfreundlicher zu gestalten und das hat ja zu Dingen wie das Betriebsverfassungsgesetz, der Arbeitsstätten-Verordnung, Gesundheitsregeln und kollektiven Arbeitszeitregeln geführt. Was wir jetzt im Zusammenhang mit Computern diskutieren, hat bereits mit dem Beginn der Industrialisierung angefangen“, so der Internet-Berater Christoph Kappes im Gespräch mit Service Insiders.

Leider bleibe Rieger bei seinen Thesen auf einem feuilletonistischen Niveau, ohne empirische Belege zu liefern. Wenn es beispielsweise um maschinelle Textgenierung gehe, beschäftigt man sich in der Regel mit Daten, denen keine weiteren Informationen hinzugefügt werden.

Rieger sage einfach nur, Maschinen machen Arbeiten, die bislang von Menschen erledigt wurden, also werden die Menschen arbeitslos: Das sei falsch. Die gesamte Geschichte der technischen Industrialisierung belege das Gegenteil. In Dienstleistungsberufen arbeiten heute rund 70 Prozent der Beschäftigten. Das hätte Karl Marx nie für möglich gehalten. Arbeit wurde nur in industriellen Kategorien gedacht. Selbst der geistige Vater der Marktwirtschaft, Adam Smith, wertete die Arbeit von Kirchenmännern, Anwälten und Ärzten als „unproduktiv und ohne Wert“.

„Die geschichtliche Evidenz steht im Widerspruch zu den Thesen von Rieger. Müssen sich nun Professoren, Lehrer und Marketingmanager Sorgen um ihre Zukunft machen? Das Internet bietet Informationen, die vorher so nicht verfügbar waren. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass diese Informationen in Wissen transformiert werden. Beim Wissen geht es um tiefes Verstehen, um Ad-hoc-Nutzen, um Anwendungsorientierung und um die Entwicklung von Intuition. Da geht es um menschliches Wissen und nicht nur um maschinelle Informationen. Hier wirkt sich das Internet nicht als negativer Indikator aus. Wir haben Datenrohmaterial und müssen das in Wissen ummünzen. Es gibt sicherlich Fortschritte beim E-Learning. So findet man alle Vorlesungen des MIT auf Youtube. Bestimmte Frontalvorlesungen werden nicht mehr belegt. Es kommt darauf an, wie soziale Systeme auf diese Entwicklungen reagieren. Es muss ja nicht zu einer Reduktion der Professorenstellen führen. Spitzenvorlesungen kann man heute im Netz abrufen. Man könnte jetzt die Anforderungen erhöhen, die Professoren erfüllen müssen. Professoren können mehr forschen und in den direkten Dialog mit Studenten treten. Das führt zu einer Beschleunigung der Wissensaufnahme. Dieser Effekt ist sehr positiv. Die Entscheidung über einen Stellenabbau liegt bei uns. Deshalb verstehe ich die Maschinenlogik von Frank Rieger nicht. Unser Anspruch wird sein, dass noch mehr Wissen in die Köpfe kommt. Es ist zum Teil gar nicht belegbar, ob Maschinen wirklich zu einer Steigerung der Produktivität beitragen“, erläutert Kappes.

Steigert Informationstechnologie die Produktivität?

Erinnert sei an das Paradoxon der Informationstechnologie.

„Bis zum Jahr 2000 gab es keine belastbaren Studien, die den Produktivitätsfortschritt durch den Einsatz der IT untermauern. Wenn in Konzernen bei einem IT-Kostenanteil von 50 Prozent eine Fehlallokation auftritt, müssen die IT-Investitionen in die Tonne getreten werden. Macht man alles richtig, können die 50 Prozent IT-Kosten sich als hervorragender Hebel erweisen. So einfach ist das alles nicht. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Informationstechnologie immer zu einem Produktivitätsfortschritt führt, treten Kompensationseffekte auf. Es fallen die Preise und auf der Kundenseite steigt das Realeinkommen. Das sehen wir bei ja bei Software. Da hat Rieger wirtschaftlich überhaupt nicht nachgedacht. Es gibt immer zwei Möglichkeiten: Sinkende Priese führen zu einem höheren Realeinkommen und Wohlstand der Verbraucher. Oder der Preis bleibt gleich und es steigt die Leistungen, wie man es bei PCs beobachten kann. Die Theorie, dass die Maschinen-Dividende beim Unternehmen bleibt, halte ich für Unsinn“, so das harte Urteil von Kappes.

Zwei Bergsteiger auf dem Weg zum Mond und der Nutzen marxistischer Ökonomie

Ebenso skeptisch beurteilt Dr. Gerhard Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung, die Weissagungen von Rieger:

„Aussagen über die Zukunft haben eines gemeinsam, sie sind nur zufällig richtig. Die Welt ist keine Maschine, bei der sich die Zukunft aus der Vergangenheit ergibt. Die Zukunft der Welt ist grundsätzlich offen.“

Auch Wohland sieht die Analogien zu Karl Marx.

„Das ist löblich, aber selbst dieser große Denker konnte die Zukunft nur durch ein Schlüsselloch sehen. Auch machen es die vielen Geister im Text schwer zu ergründen, was der Autor eigentlich meint. Wer zum Beispiel ist ‚Wir‘? Die Profiteure, die Leidenden, der Autor und ich als Leser, oder alle zusammen? Wer ist ‚der Mensch‘? Es hat den Anschein, es ist eine Person, die handelt und denkt und sich an Kommunikation beteiligt. Hat ihn, ‚den Menschen‘, schon jemand gesehen? Nein, es sind Geister“, erwidert Wohland vom Ityx-Thingtank.

An der Diskussion, ob „der Computer“ „den Menschen“ eines Tages überflügeln werde, möchte Wohland sich nicht beteiligen. Denn sie sei ähnlich spannend wie die Diskussion zweier Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel über die Frage, ob man gerade auf dem Weg zum Monde sei.

Wohland empfiehlt weiteres Nachdenken:

„Eine vollautomatische Produktion kann keinen ökonomischen Wert erzeugen und damit auch keinen Profit. Beispiel: die Produktion des allgemein zugänglichen Luftsauerstoffs. Kein Wert, kein Preis, kein Profit. Profit wird also immer von Menschen produziert. Maschinen schaffen keinen Wert, sie übertragen ihn nur auf Produkte. Deshalb hilft gegen die Verelendung der Produzenten nur deren Organisierung. Wenn ein ‚Wir‘ entsteht, kann die Herstellung von Profit verweigert werden. Diese Gewalt kann Interessen durchsetzen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich meine verstaubten Kenntnisse der marxistischen Ökonomie nochmal brauchen könnte.“

Nach Ansicht von Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), sollte die zunehmende Konkurrenz von Algorithmen und Robotern nicht instrumentalisiert werden, Ängste zu schüren und Innovationen zu bremsen. Seine Hoffnung:

„Je höher der Bildungsgrad der durch Echtzeitalgorithmen ersetzbaren Berufsstände, desto größer die Einsicht in die offensichtliche Eigendynamik der Innovationsintensität, hoffentlich verbunden mit energetischen Initiativen, die die notwendigen Veränderungen des Steuersystems mit Verve und Expertise voran treiben.“

Entscheidend sei jetzt die breite und vorausschauende öffentliche Diskussion über einen finanzierbaren und wünschenswerten Gesellschaftsentwurf, in dem Kreativität, soziales Engagement und familiäre Sorge eine überraschende neue Aufwertung erfahren könnten.

Unabhängig von den volkswirtschaftlichen Verwerfungen, die Frank Rieger nicht mit Fakten untermauert, rechnet auch Bernhard Steimel von der FutureManagementGroup mit gewaltigen Verschiebungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Ein wichtiger Zukunftstrend sei die wachsende Autonomie der Verbraucher.

„Das Internet bietet heute schon dem vernetzten Kunden vielfältige Möglichkeiten, um Social Software und das Expertenwissen seiner Peers zu nutzen. Serviceautomatisierung und Selbstberatung sind aus meiner Sicht zwei Seiten der gleichen Medaille und haben die Tendenz, sich gegenseitig zu verstärken. Das wird von vielen Führungskräften in seinen Auswirkungen zuweilen unterschätzt. Oftmals befinden sie sich in der Kurzfrist-Falle und richten ihre Entscheidungen an den Erfordernissen des Tagesgeschäfts aus. Unsere Erfahrung zeigt, es lohnt sich, den Blick in die nächste Ära des eigenen Geschäfts zu richten, um Zukunftschancen frühzeitig zu nutzen, bevor krisenhafte Entwicklungen wie bei Videotheken oder Reisebüros eintreten, die nur noch wenig Handlungsspielraum bieten“, rät Steimel.

Hörfunkjournalist und Blogger Heinrich Rudolf Bruns hält eine Maschinensteuer in Kombination mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für diskutabel. „Wer durch eine Maschine ersetzt wird und keine Angst mehr haben muss, dass er darbt, weil die Besteuerung der Maschine seinen Lebensunterhalt sichert, der kann sich auf Neues einlassen.“

Soweit die die unterschiedlichen Reaktionen auf den sehr sinnvollen Debattenbeitrag von Frank Rieger. Das Thema wird uns mit Sicherheit weiter beschäftigen. Vielleicht auch auf unserem Blogger Camp, dass wir (Heinrich Bruns, Hannes Schleeh, Bernd Stahl und icke) für den September planen. Näheres folgt in den nächsten Wochen.

Wer schon jetzt Lust verspürt, sich an den Vorbereitungen zu beschäftigen, kann sich direkt bei mir melden. Hier einfach einen kurzen Kommentar hinterlassen.