Technomanager und die selbstkonstruierte Wirklichkeit: Warum Entscheider der ITK-Branche auf herumschwirrende Ideen achten sollten

„Die Vernunft, das haben wir von Kant gelernt, ist das auf die Spitze getriebene Vermögen, sich selbst nicht über den Weg zu trauen“, so Dirk Baecker, Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin Universtät in Friedrichhafen. Technomanager scheinen diese Selbstskepsis nicht an den Tag zu legen. Sie vertrauen ihrem eigenen Expertenwissen mehr als externe Erkenntnisse. Persönliche Erfahrungen sind für Entscheider der ITK-Branche nach Erkenntnissen des Unternehmensberaters Bernhard Steimel von MIND Consult die wichtigste Wissensquelle. Das könne schnell in die Hose gehen. Die interne Sicht über Marktmechanismen und Kundenzufriedenheit sollte durch externe Erkenntnisse ergänzt werden. Eine solche Außensicht liefere oftmals wichtige Erkenntnisse abseits bequemer Wahrheiten. Entscheider sollten aufpassen, nicht Opfer einer selbstkonstruierten Wirklichkeit zu werden.

Nur jedes zehnte Unternehmen bewertet den Grad der Informiertheit als unzureichend. Diese subjektiv positive Einschätzung sollte allerdings nicht mit dem tatsächlichen Ausmaß der Marktforschung gleichgesetzt werden. „Besonders im Vergleich mit reiferen Branchen sollten die ITK-Unternehmen den Grad ihrer Informiertheit kritisch hinterfragen“, so der Rat von Steimel. Siehe auch das Youtube-Video:
Interview mit dem Berater Bernhard Steimel

Wer nur im eigenen Saft schmort, läuft Gefahr, zu erstarren und wichtige Entwicklungen des Marktes zu verschlafen. Oder systemisch ausgedrückt „Intelligenz und Innovation in Unternehmen hängen davon ab, welche Informationen beobachtet werden und wie die wichtigen Informationen ihren gebührenden Stellenwert erhalten – was man leider erst im Nachhinein wissen kann“, schreibt Professor Winfried W. Weber in seinem Buch „complicate your life“ (Verlag Sordon).

Der Managementdenker Peter Drucker kritisiert die Sichtweise von Managern, die sich eng nur auf das eigene Unternehmen bezieht. „Viele Manager leben noch im 19. Jahrhundert, als Neuerungen aus der Firma oder aus der Branche kamen. Heute hingegen sind es im Wesentlichen die Veränderungen um das Unternehmen herum, die die Geschicke der Firma beeinflussen.“ Innovationen entstünden nicht nur aus Fortentwicklungen und Patenten innerhalb des eignen Fachspektrums. Heute kämen in viel stärkerem Maß als früher gesellschaftliche Entwicklungen hinzu, die als Ausgangspunkt für Innovationen erkannt werden müssten (nachzulesen im Buch „Peter Drucker – Der Mann, der das Management geprägt hat“, herausgegeben von Professor Weber).

Ein kluger Manager führt im richtigen Moment herumschwirrende Ideen mit Akteuren zusammen, nutzt Marktungleichgewichte, erkennt die Lücke und setzt die Innovation durch oder übernimmt im richtigen Moment das Risiko einer nicht sicheren aber vielversprechenden Entscheidung. „Das unterscheidet ihn vom Verwalter, der die organisatorische Routine oder die organisatorisch geronnene Reduktion von Komplexität nicht mehr in Frage stellen kann“, erläutert Weber. Wie bei den Schachgroßmeistern gehe es im Management einer komplexer werdenden Welt darum, ein reiches und komplexes Spielfeld zu erhalten. „Die Disziplin verlässt die Entscheidungskultur des one-best-way, des Alles-im-Griff-haben-Wollens. Wer es versteht, sich von der Komplexität nicht überfordern zu lassen, wer erkennt, dass man immer weniger durchschaut, wer sein Spielfeld pflegt und damit rechnet, dass bald die Lücke kommt, kann dann sofort entscheiden, ohne zu zögerlich zu sein“, führt Weber aus. Oder in den Worten des Kybernetikers Heinz von Foerster: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Warum man auf Regierungswechsel gelassen reagieren kann und sich vor den „Neoliberalen“ nicht fürchten braucht

Luhmann statt Google

Der Reifegrad einer Demokratie zeigt sich vor allen Dingen beim politischen Machtwechsel. Darauf hat die Schriftstellerin Thea Dorn unter Berufung auf Niklas Luhmann im ZDF-Nachtstudio hingewiesen: Niklas Luhmann sagt: „Demokratie herrscht, wenn die Opposition an die Regierung kommt, ohne das Gemeinwesen zu ruinieren“.

Nun war zwar Merkel nicht in der Opposition, aber ihr künftiger Koalitionspartner FDP. Versinken wir jetzt im Chaos, unterliegen wir dem Diktat des „neoliberalen“ Finanzkapitalismus und müssen wir mit einem sozialen Kahlschlag rechnen? Wohl kaum. Mal abgesehen davon, dass der Neoliberalismus mit Guido Westerwelle überhaupt nichts zu tun hat. Neoliberal nannten sich Geistesgrößen aus verschiedenen Ländern, die sich 1938 in Paris im Institut International de Coopération Intelellectuelle versammelten, um mit Walter Lippmann über dessen Buch „An Inquiry into the Principles of the Good Society“ und die Zukunft des Liberalismus zu diskutieren. Haupttriebfeder der Runde waren politische Alternativen zum Totalitarismus von rechts und links.

Man sprach über den fundamentalen Irrtum der Philosophie des Laissez-faire, die im Kampf gegen die autoritäre Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Vergangenheit übersehen hatte, dass die wirtschaftliche Freiheit nicht etwas Wildwachsendes, sondern das empfindliche Geschöpf einer Rechtsordnung ist, der ein komplexes System von sittlichen Normen und Überzeugungen, von Gewohnheiten und Wertvorstellungen entsprechen muss. Die Neoliberalen beschäftigten sich mit der Frage, welche Rechtsordnung einer gerechten, freien und ergiebigen Wirtschaftsverfassung angemessen ist. Diese Intellektuellen waren keine dümmlichen Casino-Kapitalisten, skrupellosen Firmenjäger und renditesüchtigen Spekulanten. Es waren honorige und erfahrene Intellektuelle, die Konzepte für eine freie, soziale und gerechte Gesellschaft entwickelten – allerdings ohne die Attitüde der Machtanmaßung, wie wir sie in politischen Debatten häufig vernehmen müssen.

Und in 60 Jahren hat die Bundesrepublik Deutschland eine in der Geschichte des Landes einmalige politische Stabilität erreicht, die man nicht leichtfertig zerreden sollte. Schlechte Gesetze und Rechtsverordnungen, Steuergeldverschwendung, bürokratische Ausuferungen, Willkür, Korruption, Macht- und Amtsmissbrauch verdienen eine harte politische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit.

Nur sollten wir deshalb nicht das gesamte Gefüge unserer Institutionen in Frage stellen. Entscheidend ist nur, wie Luhmann sagt, dass das System des politischen Gleichgewichts funktioniert und Schaden vom Gemeinwesen abgewendet wird – egal welche politische Strömung temporär das Sagen hat.

Regierungshandeln ist an Kompromisse gebunden, muss sich mit Gesetzestechnik und Verwaltungen auseinandersetzen, muss sich ständig der Öffentlichkeit stellen und die Regeln der parlamentarischen Demokratie beachten. Das politische Personal muss viele Hürden überwinden, um gestalterisch wirken zu können. Das ist anstrengend und manchmal zermürbend für die Akteure, aber gut für die Demokratie.

Luhmann, semantische Technologien und die Internet-Kommunikation: Web 3.0 soll Internet-Nutzer besser verstehen

Luhmann statt Google

Das Unternehmen iQser hat ehrgeizige Ziele, die landläufig unter dem Schlagwort Web 3.0 laufen. Es setzt auf semantischen, um die Flut von Informationen durch eine automatische inhaltliche Analyse zu bewältigen. Semantische Verfahren waren lange Zeit nur ein Experimentierfeld der Wissenschaftler, berichtet die FAZ und zitiert den iQser-Chef Jörg Wurzer mit der Aussage: „Jetzt hat die Semantik die Wissenschaft verlassen. Es gibt viele Startpus, die sich damit beschäftigen“. Und damit sei nicht nur das Großprojekt Theseus gemeint, das vor allem von großen Unternehmen getragen wird. „Unternehmen stehen vor der Herausforderung, eine Fülle von Informationen zu verarbeiten, die von Jahr zu Jahr wächst. Die hohe Verfügbarkeit von Informationen im Internet und immer mehr Anwender sowie Organisationen, die an der Produktion von Informationen beteiligt sind, tragen zu diesem Prozess bei“, teilt iQser in einer Presseerklärung mit.

Mit einer Software wolle man alle wichtigen internen und externen Informationen automatisch vernetzen. Jedes Dokument, jede E-Mail und jede Nachricht werde Projekten, Aufgaben oder Personen zugeordnet. Man solle nicht mehr nach Informationen suchen, sondern ihren Kontext auswählen und automatisch alle Informationen geliefert bekommen, die zu diesem Kontext gehört. Das könnten neue Forschungsberichte oder aktuellen Nachrichten sein.

So könnten Reiseziele auf Portalen wie Triptivity mit passenden Nutzerkommentaren aus sozialen Netzwerken oder mit Reisebeschreibungen angereichert werden. „Ein zweites Analyse-Ergebnis gibt einen Überblick darüber, welche Themen in den Artikeln behandelt werden, in welche Aspekte sie sich auffächern und welche grundlegenden Fakten vermittelt werden. Das dafür automatisch ermittelte Begriffsnetz wird in Form eine Baumes dargestellt, den der Anwender nutzen kann, um sein Interesse einzugrenzen und eine entsprechende Artikelauswahl vorzunehmen“, so iQser.

Mitarbeiter würden einen Überblick über die verfügbaren unstrukturierten Informationen erhalten, ohne diese zuerst sichten zu müssen. Anschließend sei eine Auswahl nach Interessenschwerpunkten möglich. Mit einem Web-Monitoring könne man erkennen, in welchem Zusammenhang im Internet über ein Unternehmen und seine Produkte diskutiert wird.

Experten für Künstliche Intelligenz sind sich einig, dass bei den neuen Projekten des semantischen Webs die Sprache eine ganz entscheidende Rolle spielen muss. „Beim Web 3.0 versucht man die Ergebnisse der Sprachforschung zu nutzen, um Suchbegriffe oder natürlich-sprachliche Suchanfragen tiefer zu analysieren und semantisch anzureichern. Suchergebnissen sollen am Ende präziser, besser strukturiert und um viele andere, nahe liegende Themengebiete angereichert werden. Idealerweise kann eine gestellte Frage dann auch in einem Satz beantwortet werden“, so die Erkenntnis des Sprachdialogexperten Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin.

Diesem Trend entgegen komme die immer stärkere semantische Aufbereitung der Webinhalte in vielen Suchbereichen durch Internetnutzer, auch „Prosumer“ genannt, die in weltweiten Netzwerke aktiv sind. Das beste Beispiel hierfür sei Wikipedia. „Bisher musste das Wissen weitestgehend manuell in sogenannten Ontologien oder Taxonomien erstellt werden, welche die Begriffe zu einander in Beziehung setzen und daraus Wissensrepräsentationen unterschiedlichster Domänen bilden. Firmen wir iQser versuchen nun, das Wissen im Intranet oder Internet automatisch aufzubereiten. Das Ergebnis sollte eine Antwort und keine ewig lange Ergebnisliste mit vielen irrelevanten Texten sein“, erläutert Pape.

Gekoppelt mit Spracherkennung und Sprachsynthese könne dieser Weg zu ganz neuen Sucherfahrungen führen. Eine gesprochene Frage zu einem beliebigen Thema werde dann auch mit einem gesprochenen Satz beantwortet. „Dieses Szenario ist keinesfalls Science-Fiction, denn parallel zu den Fortschritten in der Suchtechnologie macht auch die Spracherkennung enorme Fortschritte. Auch die Dialogtechnologie spielt hier ein bedeutende Rolle, da bei vielen Anfragen weiterführende Fragen und Präzisierungen erforderlich sind“, sagt Pape. Die Frage „Wie komme ich jetzt am schnellsten nach Berlin?“ macht die Klärung erforderlich, ob man mit Zug, Auto oder Flugzeug reisen möchte. Es werde nach Ansicht des SemanticEdge-Chefs noch lange dauern, bis die vielen Informationen semantisch erschlossen und die wichtigsten Nutzungsszenarien klar sind. Bei Fahrplaninformationen, Navigation oder Adressdaten sei jetzt schon vieles möglich. Frei nach dem Soziologen Niklas Luhmann muss das semantische Web drei Komponenten der Kommunikation erfüllen: Mitteilung, Information und Verstehen.

Management-by-Tools auf den Müll – Auch ein schönes Krisenergebnis

Systemischer DenkerFritz B. Simon, Professor für Führung und Organisation der Uni Witten/Herdecke zur Wirtschaftslage: „Die gegenwärtige Krise des Weltwirtschaftssystems ist ja so etwas wie eine gigantische Werbeveranstaltung für systemisches Denken. Jetzt weiß auch der letzte Anhänger geradlinig kausaler Modelle, der Main-Stream-Wirtschaftswissenschaften oder von Kontroll-Ideen, dass die Welt und mit ihr die Wirtschaft nur sehr begrenzt berechenbar ist. Die alten Management-by-Tools sind allesamt auf dem Müll gelandet (wo sie schon früher hingehörten), und mit ihnen die Metaphern der Planung und Steuerung, die ihnen zugrunde lagen. Wo es früher Wirtschaftskapitäne gab und Lotsen, die sich mit den Untiefen der Gewässer auskannten, den Kurs festlegten und hielten, auch wenn das Klima rau war und die See unruhig, muss heute gesurft werden nicht nur im Internet. Wir navigieren nicht mehr in Gewässern, die mal mehr, mal weniger ruhig sind, sondern wir befinden uns immer irgendwie auf dem Kamm einer Welle, die jeden Moment über uns zusammen schlagen kann. Die Krise zu reiten ist riskant, aber es kann offensichtlich auch richtig Spaß machen (wenn man es kann, eine gute Kondition und den hinreichenden Sportsgeist besitzt).“

Richtig systemischen Spaß wird auch der Berliner Kongress X-Organisationen zum Thema „Neue Gegenwart“ bringen. Hier kann man dann Professor Simon, Dirk Baecker und Co. leibhaftig erleben. Ich werde auf alle Fälle dabei sein.
Zum Thema der Management-Tools siehe auch: Liebwerteste Gichtlinge: Rabelais und der Nutzen von Hofnarren für die Wirtschaft Ein recht dadaistisches Interview mit Professor Simon findet man bei Rebell TV. Einfach x-organisationen klicken. Wie ist eine gute, spannungsvolle Leerstelle oder Lehrstelle…????? Nicht-Wissen. Man kann es auch bei Youtube abrufen.

Enzensberger und das Alphabet der Krise

title_121In der Literaturbeilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Hans Magnus Enzensberger ein entzückendes Alphabet der Krise veröffentlicht.

Da heißt es zu Berater, der; „Bankangestellter, der ebenso im Nebel stochert wie seine Kunden, aber wenigstens solange der Umsatz stimmt, Geld damit verdient, statt es einzubüßen.“

Oder Analyst, der; „einer, der es aus guten Gründen nicht wagt, sich einen Analytiker zu nennen. Wehe dem, der sich einem Therapeuten anvertraut, dem selber auf keiner Couch mehr zu helfen ist.“

Noch schöner Wirtschaftsweisen, die; „eine staatlich geprüfte Ansammlung von hochdotierten Kaffeesatz-Lesern“. Jawoll. Nur staatlich geprüft sind die doch gar nicht, sondern staatlich alimentiert….Siehe Haushaltsplan S. 13 ff.

Im Heft findet sich eine schöne Besprechung von Wirtschaftsbüchern zur Krise. So wird deutlich, dass der hochgelobte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman (Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus-Verlag) ein höchst eigenwilliges Verständnis von ökonomischen Prozessen hat und eigentlich auch nur zur profanen Gattung der Makro-Klempner zählt. Die Politik müsse nur an den richtigen Stellschrauben drehen und schon funktioniert alles wieder von alleine. Krugman ist also auch nur ein VWL-Mechaniker. Man schaut nach dem defekten Einspritzer oder einer kaputten Kurbelwelle und schon kann der kapitalistische Reparaturbetrieb zur Geltung kommen.

akerlofGanz anders positionieren sich die Ökonomieprofessoren George Akerlof und Robert Shiller in ihrem Opus „Animal Spirits – Wie Wirtschaft wirklich funktioniert“, ebenfalls im Campus Verlag erschienen. Sie grenzen sich vom simplen Machbarkeitsglauben eines Paul Krugman ab, der sicherlich bei den staatsgläubigen Lenkern und Denkern Hochkonjunktur hat. Unternehmer und Verbraucher sind eben keine emotionslos kalkulierenden Roboter, wenn sie sich von Moden, Gruppendruck und Massenhysterie beeinflussen lassen. Deshalb kann das ständige Auf und Ab der Wirtschaftskonjunktur nicht durch das Drehen von makroökonomischen Schrauben gesteuert werden. Mit diesem Konzept der Globalsteuerung ist man schon in den 1970er Jahren auf die Schnauze gefallen. „Wer weiß schon, wie sich eine Herde wilder Pferde im nächsten Moment verhalten wird“, schreibt der Zeit-Rezensent Wolfgang Uchatus. Wird sie wirklich friedlich grasen oder durch die Gegend springen? Kann die staatliche Zentralbank mit einer Senkung der Leitzinsen die unternehmerischen Investitionen ankurbeln, wie Alan Greenspan jahrelang glaubte, oder sorgt sie eher für eine Spekulationsblase an den Finanzmärkten, wie es tatsächlich der Fall war?

Akerlof und Shiller sind die richtigen Ratgeber, um der Wissensanmaßung in der Wirtschaftspolitik zu widerstehen. Sie sollte eher als Staatskunst verstanden werden, als schwere und mitunter nicht erfüllbare Aufgabe. Die beiden Autoren holen den Faktor „Ungewissheit“ wieder zurück in die Volkswirtschaftslehre, die immer noch glaubt, dass die Wirtschaft berechenbar sei und sich mehr dafür interessiert, an mathematischen Formeln zu feilen und die Beobachtung der Realität vernachlässigt.

3593379260Liebe VWL-Professoren, Akerlof und Shiller sollten Sie lesen, dazu noch eine Portion Niklas Luhmann und das von mir schon mehrfach zitierte Werk von Stephan Grünewald, „Deutschland auf der Couch – Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft“. Und liebe Frau Bundeskanzlerin, Sie sollten nicht nur verkopfte Spieltheoretiker als Berater ins Kanzleramt holen, sondern einige profilierte Wirtschaftspsychologen – dann läuft es auch mit der Motivation der Bevölkerung besser oder kopieren Sie einfach Barack Obama.

Pfannkuchenmenschen im Netz-Zeitalter: Das Denken wird breiter und flacher, glaubt Trendletter-Chefredakteur Axel Glogler

Der Soziologe Niklas Luhmann http://www.luhmann-online.de hat sich mit den kulturellen Umbrüchen beschäftigt, die von der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und der Computerkommunikation ausgegangen sind. Er stellt sie sich als „Katastrophen“ im mathematischen Sinne vor, als brutale Sprünge, die es einem System ermöglichen zu überleben, wenn es eigentlich aufhören müsste zu existieren. Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift nach Ansicht von Luhmann die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen.

Die neuen Medien beeinflussen auch die Art, wie wir denken. Diese These stellte der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren auf. Der Leser eines Mediums sucht heute nach dem schnellen Nutzen, nicht nach dem guten Argument. Lange Texte werden nur wenig goutiert: „Nach zwei, drei Seiten schweife ich ab, werde unruhig und verliere schließlich den Faden. Mein eigensinniges Gehirn wehrt sich gegen den Text“, beschreibt der Wissenschaftler Nicholas Carr http://www.nicholasgcarr.com seine Selbstbeobachtungen. Das Internet treibt diese Veränderung an: „Kommunikation, auch die von Unternehmen zu ihren Kunden und Mitarbeitern, muss sich diesem Verhalten anpassen. Wer zu lange braucht, um seine Botschaft herüberzubringen, wird im Geschäft nicht mehr gehört“, so Axel Gloger, Chefredakteur des Bonner Fachdienstes Trendletter http://www.trendletter.de. Eine weitere Entwicklung: Die starke Nutzung des Internets fördert eine punktuelle, zeitlich begrenzte Konzentration. „Der Verstand erwartet von mir, dass ich ihm Informationen auf die gleiche Weise zuführe wie das Internet“, berichtet Carr aus seinem Selbstversuch. Der Info-Nutzer tauche nicht mehr in einen Ozean der Worte, sondern springt von Welle zu Welle, als fahre er einen Jetski. „Mein Denken findet manchmal in einem Stakkato statt – als würde ich online verschiedene Quellen heranziehen und von Fenster zu Fenster springen“, sagt Carr.

Das begünstigt das, was Filmregisseure als Pfannkuchenmenschen bezeichnen: „Das Denken wird breiter, aber dafür flacher. Auch die Mobilfunknachricht SMS gehört zu den Antreibern dieser Entwicklung. Der kurze, maximal 160 Zeichen umfassende Text prägt auch den Kommunikationsstil des geschäftlichen Alltags“, erklärt Gloger. Klares Indiz für diese These:: Die Telefongesellschaften machen mit SMS mittlerweile dreimal so viel Umsatz wie Hollywood mit dem Verkauf von Kinokarten. „E-Mail und SMS werden die Formalisierung, den reinen Info-Austausch weiter beschleunigen. Damit digital präsentierte Inhalte von Ihren Adressaten überhaupt gefunden werden, wird die Google-Optimierung immer wichtiger. Ein Text muss künftig so aufgebaut sein, dass die Such-Algorithmen ihn finden und möglichst weit oben auf die Trefferliste setzen. Derzeit findet Google nur Textstellen. Aber es sind bereits Systeme in der Entwicklung, die auch Gesichter auf Bildern und in Videos sowie Stichworte in gesprochenem Text erkennen“, weiß Gloger. I

In Zukunft werden intuitive Nutzerschnittstellen auf den Markt kommen, die aus den Suchmaschinen nutzerfreundliche Antwortmaschinen machen. Dabei werde die Spracherkennung eine größere Rolle spielen, so die Einschätzung von Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge http://www.semanticedge.de in Berlin: „Die Informationen werden viel besser aufbereitet und verschlagwortet sein, so dass man konkrete Fragen stellen kann. Je nach Bedarf bekommt man Texte zum Lesen oder auch Audiofiles zum Anhören. Fragen wie ‚Wer war der 43. Präsident der Vereinigten Staaten?’ werden dann direkt beantwortet. Bei Informationsanfragen wie ‚Ursachen der Wirtschaftskrise 2008’ wird man Text, Audio- oder Videofiles zur Auswahl erhalten, die sehr viel genauer das Thema betreffen als die aktuelle Ergebnisliste bei Google.“ Das Semantische Web mache Text, Audio und Video zu gleichberechtigten Medien. „Die Redaktion einer Zeitung oder einer Zeitschrift wird nicht substituiert. Der Medienkonsum ändert sich allerdings. Jeder wird sein eigener Programmmanager und steuert autonom seinen Informations- und Unterhaltungsbedarf“, prognostiziert Sprachdialogexperte Pape.