„Es ist eine schleichende, unheimliche Veränderung: Bei Facebook, Google oder Amazon entscheidet Software, was der Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Nur wenigen ist bewusst, wie stark Algorithmen inzwischen unser Bild von der Wirklichkeit bestimmen – was nicht passt, schluckt der Filter“, schreibt Spiegel Online-Redakteur Konrad Lischka.
So fragwürdig die Interventionen der staatlichen Datenschützer gegen Google & Co. sind, so bedenklich ist die Ausfilterung von Nachrichtenströmen in sozialen Netzwerken. „Bei Facebook diskutierten die Entwickler schon 2005, dass ein Software-Filter unabdingbar sei, um den Nutzern lediglich eine relevante Auswahl der Nachrichten aus dem stetig wachsenden Facebook-Freundeskreis jedes Mitglieds zu liefern. Nachlesen kann man das in dem Buch ‚The Facebook effect‘, in dem dieses Zitat von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu Filter-Algorithmen überliefert ist: ‚Ein Eichhörnchen, das vor deinem Haus stirbt, könnte für dich in diesen Augenblick wichtiger sein als Menschen, die in Afrika sterben'“, schreibt Lischka.
Aber verdammt, dass hat Zuckerberg und sein Software-Filter nicht zu entscheiden. Auch da bin ich groß genug, um wichtige Nachrichten von unwichtigen zu unterscheiden.
„Ob man nun das Eichhörnchen von nebenan oder die Nachrichten über Haiti beim Aufruf der Facebookseite sieht, hängt von dem sogenannten Edge-Rank ab. Diesen Wert berechnen die Facebook-Algorithmen für jede für ihn womöglich relevante Nachricht. Je höher der Edge-Rank ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Kommentar, die Artikel-Empfehlung oder die Meinungsäußerung eines Facebook-Kontakts oder einer anderen Quelle in dem Netzwerk zu sehen bekommt. Der Edge-Rank basiert auf einer Reihe von Kriterien, dazu gehört auf jeden Fall, wessen Einträge ein Nutzer zuletzt kommentiert, wem er viele Nachrichten geschrieben und wie oft er bestimmte Artikel einer Quelle aufgerufen hat“, so Lischka. Letztlich verstärke der Facebook-Filter die Weltsicht des jeweiligen Nutzers. Diesen Aspekt habe ich in einer Story für Service Insiders-Story aufgegriffen – unabhängig von den Recherchen des Spiegel-Autors: Kompetenzen für die Informationsgesellschaft und eine Warnung vor der Filterblase.
Der Spiegel Online-Redakteur vergleicht das mit der Theorie der Schweigespirale, die von der Demoskopie Professor Noelle-Neumann entwickelt wurde. Wenn Menschen bei moralisch aufgeladenen Fragen den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrer Meinung zur Minderheit gehörten, äußern sie diese nicht. Kommunikationswissenschaftler sollten dieses Phänomen mal in sozialen Netzwerken untersuchen, so der Vorschlag von Lischka. Dann sollten sie auch noch das Theorem vom doppelten Meinungsklima mit ins Auge fassen, denn das bekommt nun durch Social Media eine andere Ausprägung.
Monkeypenny hat sich ausführlich mit den Zeitschriftentagen des VDZ in Berlin auseinandergesetzt und man gewinnt langsam den Eindruck, dass diesem Klassentreffen der Printveteranen eine historische Dimension zukommt. So empörte sich der Verleger Hubert Burda über den Angriff auf sein altes werbefinanziertes Geschäftsmodell der Holzmedien und machte seiner Wut gegen Google mit dem Satz Luft: „Ich lasse mich von einer Suchmaschine nicht in die Ecke drängen.“
„Der trotzige Widerspruch erinnert mich an Loriots ‚Ich lasse mir von einem Fernseher nicht vorschreiben, wie ich meinen Abend zu verbringen habe.‘-Sketch: Die Behauptung des Gegenteils der Realität um diese Verschwinden zu machen. Realität ist: Das Netz hat gewonnen. Google wird nicht weggehen oder aufhören, in Aggregation und smarten Dienstleistungen das zu bieten, was Nutzer brauchen um sich im Netz zu bewegen, das als technische Umgebung eine gänzlich neue Weltordnung darstellt für Verlage als Angebotsakteure und ihr Geschäftsmodell, Aufmerksamkeit zu erringen und in Werbeerlöse oder Direktverkäufe zu wandeln: Eine Umgebung, in der sie als ein Anbieter und Medienkonsum als eine Anwendungsform neben interpersonaler Kommunikation, p2p-Netzwerken, E-Commerce, Gaming und dem Hochladen von Katzenfotos mit orthographisch fragwürdigen, aber witzigen Bildunterschriften stehen. Was die Print-Menschen (oder zumindest diejenigen, die ich in den zwei Veranstaltungstagen öffentlich sprechen höre) scheinbar nicht realisiert haben, ist die Tiefe der Revolution, in der sie sich befinden, dokumentiert in Daten der Mediennutzung wie sie diejenigen Studien erfassen, die nicht von der Printbranche selbst beauftragt worden. So lag laut ARD-Langzeitstudie Massenkommunikation 2010 die Tagesreichweite des Internets bei den 14-29jährigen 2009 bei 73,5 Prozent, die der Tageszeitung bei 26,1 Prozent und die der Zeitschriften bei 6,8 Prozent. Das entspricht einer Steigerung um 50 Prozent für das Internet, einem Verlust von 10 Prozent bzw. 5 Prozent für Tageszeitungen bzw. Zeitschriften“, schreibt Monkeypenny.
Noch deutlicher zeichne sich das Bild des Mediennutzungswandels bei Betrachtung der Zahlen zur täglichen Mediennutzungsdauer ab, die, I’m afraid Hubert, den „Print is back“- Satz noch mehr ins Reich der Märchen bannen: „So nahm die tägliche Nutzungsdauer von Zeitschriften (und seien wir großzügig, beziehen wir uns nicht nur auf Menschen bis 29 sondern nehmen wir alle Deutschen ab 14 Jahre als Datenbasis, also auch die Haptiker einer Generation Hubert, für die ein Leben ohne Druckerschwärze zum Frühstücksei dem Gang in die Apokalypse gleich kommt) von 2000 bis 2010 von 10 Minuten auf 6 Minuten ab, die des Internet hingegen von 13 Minuten auf 83 Minuten zu. Ich bin keine Volkswirtin, meine Haare sind nicht so glänzend und meine Slogans nicht so schmissig wie die der Menschen von Booz & Company, die dem VDZ, wahrscheinlich gegen sehr viel Geld eigene Studiendaten vorstellen durften, trotzdem glaube ich diese (dank des Geburtsfehlers des Netzes frei verfügbaren und trotzdem knorke-wissenschaftlich-validen Daten) prozentual korrekt übersetzen zu können mit: In dem Zeitraum, in dem das Internet seine tägliche Nutzungszeit um mehr als 500 Prozent steigerte, verlor die Zeitschrift 40 Prozent“, führt Monkeypenny weiter aus und geht dann auf ein Phänomen ein, dass von den Printveteranen in Berlin wohl total ausgeblendet wurde: Die veränderte Aufmerksamkeitsverteilung in der neuen Medienwelt, um die sich in den nächsten Jahren Google und Facebook massiv streiten werden, wie ich es in einem Interview mit der Sendung „Trackback“ (ab der Sendeminute 10:50) von Radio Fritz ausgeführt habe.
Beim Kampf Google gegen Facebook geht es nicht um einen neuen Maildienst – die Endung facebook.com mag ja einen gewissen Coolness-Faktor haben – es geht um eine neue Währung im Netz: um Aufmerksamkeit, um Empfehlungen, Interessen, Meinungen und Einfluss. So sehen es auch die Wiwo-Redakteure Michael Kroker, Matthias Hohensee und Sebastian Matthes in ihrer heutigen Story „Kampf der Titanen“: Der Suchkonzern Google wisse zwar, was Menschen im Netz suchen. „Facebook aber kennt zudem unsere Freunde und deren Interessen. Dieses Wissen wendet Zuckerberg nun auf die elektronische Kommunikation an. Im Gegensatz zu Google, dessen Suchintelligenz auf ausgefeilten Algorithmen basiert, setzt Facebook bei der Bestimmung für uns relevanter Informationen auf soziale Interaktion“, so die Autoren der Wirtschaftswoche. Wenn Google zur Zeit sogar millionenschwere TV-Werbung schaltet mit dem Slogan „Das Leben ist eine Suche“, zeigt das sehr deutlich, wie nervös die Mountain Viewer mittlerweile sind. Facebook könnte eine Kampagne starten mit dem Spruch „Das Leben ist das Leben“. Es ist ein Netzwerk gemeinsamer Interessen. Was ich nicht weiß, kann ich auch nicht suchen. Wenn ich aber über das Facebook-Netzwerk auf interessante Dinge hingewiesen werde, die ich vorher gar nicht im Kopf hatte, ist das sehr viel wirkungsvoller.
Deshalb lag auch die Zeitschrift Wirtschaftswoche mit ihrer Titelstory in der vergangenen Woche richtig. Facebook entwickelt sich zu einer Verkaufsmaschine. Und ihrer heutigen Geschichte schreiben die Autoren: Google und Facebook gehe es um personalisierte Werbung. Es gehe um das Herausfiltern relevanter Zielgruppen für Netzkampagnen. Und hier kann Facebook Boden gut machen. Allein durch den simplen Like-Button, mit denen Facebook-Mitglieder ihren Freunden Seiten, Texte, Dienstleistungen und Produkte empfehlen können, erhalte Facebook massenhaft Informationen über Internet-Nutzer. Dieses Wissen könne Facebook mit dem neuen Nachrichtendienst ausbauen. Google arbeitet mit Algorithmen und Facebook mit den Menschen – das ist der Unterschied. Eine leise Vorahnung des Machtkampfes um die Aufmerksamkeit kann man beim Streit um den Abgleich der Facebook-Nutzerdaten mit den Google-Mailadressen bekommen. Google hat diesen Zugriff gestoppt: „In der Internet-Szene wird das als Kriegserklärung gewertet.“
Insofern kommt das Google-Bashing von Hurbert Burda vielleicht etwas verspätet. Blöd ist es ja, dass die Verlage nicht auch im Internet ihre hohen Anzeigenpreise an den Mann bringen: „Das fing ganz langsam an mit dem Thema Cost per Click. Ich weiß noch, wie mich Christoph Schuh (Vorstand der Tomorrow Focus AG, Anm. der Red.) anrief und sagte: Bei Focus Online haben wir einen Anzeigenpreis von 12.000 Euro für die Festplatzierung und bei Abrechnung nach marktüblichen Suchmaschinen-CPC´s sind es gerade einmal 380 Euro. Die CPC-Abrechnung und das Überinventar durch Communities haben die Preise kaputt gemacht und die Brandingleistung nicht vergütet. Am Ende blieben eben die Pennies hängen – bis auf wenige große Redaktionsmarken: für Google vielleicht Milliarden Mal. Für uns: vielleicht eine Million. Und eine Million mal 30 Cent sind eben nur 300.000. Die Redaktionskosten blieben die gleichen, Google nahm die Inhalte dankend ab und sagte uns, schauen Sie mal, wie wir Ihnen Traffic bringen“, so Burda im Interview mit Meedia.
Er glaube nicht, dass Search bei Google fair ist. Denn Google lege ja die Kriterien der Suche nicht offen. „Und es gibt auch keinen Fair Share an den Vermarktungserlösen, denn jeder muss damit zufrieden sein, was Google gibt. Wir haben das CPC-Modell für Google-Anzeigen akzeptiert, weil wir uns auf ihre Währung eingelassen haben. Und dann kamen noch die Werbekunden, die sagten: Endlich haben wir ein Modell, wo wir die Response auf eine Kampagne genau messen können“, erläutert Burda.
Um so erstaunlicher der VDZ-Tagungsbericht von Monkeypenny. Bei dem Veteranentreffen habe niemand das Zuckerbergsche Imperium der sozialen Vernetzung erwähnt. Es wäre allein deswegen wichtig, weil Facebook in diesem Jahr mit bescheidenen 540 Millionen Unique Usern im Google Ad Ranking die am meisten frequentierte Website weltweit ist. Das seien 540 Millionen Unique User, die ihre Werbebotschaft nicht mehr bei Hubert abholen. „Oder bei Bernd Buchholz, wobei mir dieser, auf Konkurrenz durch Facebook angesprochen, erklärt, es sei ja so, dass dieses Portal einzig der Imagepflege, der Prüfung von Profilen potentieller Partner und dem Austausch von Nachrichten zu diesem Zwecke dienen. Das mag ja stimmen: Allein, wenn junge Menschen eben nur noch jenes tun wollen im Netz, dann sollte jeder kluge Verleger sich dorthin begeben, wo dies stattfindet, anstatt darauf zu bauen, mit Rohrkrepierern wie der bym-WG eigene Versuche des Abfangens veränderter Mediennutzung zu betreiben. Soziale Filter, Agieren auf Augenhöhe und eine auf Agilität und Präsenz dort, wo Nutzer sind, ausgerichtete Strategie: Nichts anderes meinte ich, als ich, nach zwei Tagen Kopfschütteln und Dampfkochtopftweets dem trotzigen ‚Die Bravo hat aber über 400.000 Abo‘- Tweet des Anzeigenleiters eines deutschen Wirtschaftsmagazins kraftlos ein ‚Facebook rult‘ entgegen setzte.“
Und genau dieses Thema werde ich für die nächste Service Insiders-Story behandeln. Wenn sich die Internetwelt immer mehr in Richtung des universalen Aufmerksamkeitsverteilers Facebook dreht, dann würde selbst ein neues Sharing-Modell mit Google sehr schnell obsolet sein. Denn die Aufmerksamkeit entsteht nicht durch Algorithmen, wie bei Google, sondern durch uns, die Facebook-Nutzer. Die Werbewirtschaft braucht also eine neue Währung! Nicht mehr Klickzahlen, sondern Interessen, Empfehlungen, Reichweite und Einfluss in sozialen Netzwerken. Eine Social Media-Index, der Aufmerksamkeit monetarisiert. Wie könnte das ausschauen? Eure Statements könnt Ihr hier posten oder mir direkt zuschicken an gunnareriksohn@googlemail.com.
Mangelt es der Berichterstattung über die inszenierten Events von Apple, Google oder Facebook an kritischer Distanz, wie es der Blogger Daniel Fiene vermutet? „Viele spekulierten, ob Facebook ein Googlemail entwickelt. Einige hielten ihren Artikeln zumindest ein Seriösitäts-Feigenblatt vor und berichteten über die Spekulationen rund um den vermeintlichen Googlemail-Killer. Schon in diesen Ankündigungen zeigt sich die verlorene Distanz vieler Journalisten! Wenn der örtliche Verkehrsbetrieb eine neue Buslinie oder neue Fahrzeuge ankündigen will, dann kündige ich diese Pressekonferenz nicht in meinen Nachrichten an. Für Fachblogs ist so etwas nachvollziehbar, aber warum machen das durch die Bank Journalisten von Mainstream-Medien, die sich mit dem Netz beschäftigen? Das ist Hörigkeit und kein Qualitätsjournalismus“, so Fiene. Nun sind aber Gerüchte, Spekulationen oder Vermutungen im Vorfeld von Pressekonferenzen, Produktpräsentationen oder Personalentscheidungen das Salz in der medialen Suppe. Und so unkritisch gehen einige Medien damit gar nicht um. Siehe den FAZ-Kommentar von Carsten Knop „Rote Karte für Facebook“.
Ich selbst habe eine Story für den Fachdienst Service Insiders geschrieben und mich auf die „wahren Ziele“ von Facebook-Chef Mark Zuckerberg konzentriert: Mit dem Projekt „Messages“ will Zuckerberg keinen E-Mail-Killer etablieren, sondern ein Imperium der Aufmerksamkeitsverteilung schaffen, berichtet der Düsseldorfer Fachdienst Service Inside in einer Vorabmeldung. Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr. Der Blogger und Werbeberater Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, „der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt”, erklärte Lobo damals.
Aktuell sieht er Google und Facebook als Antipoden: „Google erobert das Internet technisch, also von außen – sie setzen immer neue Features auf und umzingeln damit den Nutzer. Facebook probiert das Gleiche von innen, will das Netz also sozial beherrschen. Der strategische Unterschied: Mit den Produkten von Google kommt man früher oder später auf andere Websites. Die Produkte von Facebook dringen in die Websites von innen ein – wie mit dem Like-Button – und führen hin zu Facebook. Damit es für die Seitenbetreiber attraktiv ist, Facebook in die eigene Seite einzubinden, müssen so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich auf und in Facebook sein. So erklärt sich, warum Zuckerberg versucht, die Kommunikation insgesamt auf die eigenen Seiten zu bringen“, sagt Sascha Lobo. Für die logischen nächsten Schritte müsse man identifizieren, was die Nutzer machen, wenn sie nicht auf Facebook sind. „Diese Funktionen werden Schritt für Schritt integriert. Meine Vermutung: ein Bewertungssystem für buchstäblich alles, was im Netz ist – um gleichzeitig die Funktionen von Qype, Yelp und den vielen Bewertungscommunitys à la Holiday Check aufzusaugen“, so der Ausblick von Lobo.
Entscheidend an dem Facebook-Projekt sei nach Ansicht von Bitronic-Chairman Peter B. Záboji nicht die E-Mail-Killer-Funktion. „Zuckerberg möchte sich dauerhaft als Internet im Internet etablieren. Für die Wirtschaft ist das ein sehr attraktives Betätigungsfeld. Denn mit den persönlichen Empfehlungen der Nutzer über die Gefällt mir-Funktion, mit den Fanseiten, die Einfachheit der Benutzerführung und den Netzwerkeffekten kann man auch mit kleinen Marketingbudgets eine Menge Aufmerksamkeit erreichen“, so Záboji. Und wer die wer die Aufmerksamkeit der Kunden besitzt, besitzt den Markt, bestätigt Marketing Resultant-Geschäftsführer Harald Henn: „Facebook ist auf dem besten Weg, Marktführer der Aufmerksamkeit zu werden. Und die Unternehmen müssen radikal ihre Kommunikations-Strategie überdenken, wenn sie nicht von den Kunden entkoppelt werden wollen.“
Wem es gelinge, die immer stärker divergierenden Mediengewohnheiten der Menschen unter einen Hut zu bekommen, wird als Sieger vom Platz gehen, so die Einschätzung von Bernhard Steimel, Sprecher der Smart Service-Initiative. „Ein Werkzeug, das mir die Koordination abnimmt, wen ich wann wie am besten erreichen kann, trifft sicher auf den Bedarf vieler Menschen, die sich von liebgewonnen Kommunikationsmedien nicht verabschieden wollen. Facebook-Messages muss jedoch als das betrachtet werden was es ist: ein weiterer Köder, um die Nutzer noch tiefer in den ‚geschlossenen‘ Facebook-Garten zu locken. Ich glaube nicht, dass dieser Ansatz langfristig von Erfolg gekrönt sein wird. Auch AOL ist es nicht gelungen, ihre Nutzer in der Community zu verhaften, dazu ist das Leben draußen im Internet einfach zu spannend“, resümiert Steimel.
Zu einem ähnlichen Befund kommt ja auch die FAZ: „Facebook startet eigenen Maildienst“, „Facebook will E-Mail neu erfinden“, „Facebook arbeitet an der Ablösung von E-Mail“, so lauteten die Schlagzeilen der meisten Medien. Und die FAZ schreibt dazu: „Entscheidend aber ist: Facebook will die Kommunikation im Internet noch stärker auf sich ziehen, als es das mit seinen mehr als 500 Millionen Nutzern jetzt schon tut.“
Und die Schlussfolgerung im FAZ-Kommentar: „Die Internetgemeinde sollte Facebook für sein neues Angebot die Rote Karte zeigen.“ So unkritisch ist das also nicht – auch wenn diese Meinung nicht teile. Was Zuckerberg anstreb, ist nachvollziehbar. Es liegt an den Konkurrenten, mit besseren Diensten für mehr Wettbewerb zu sorgen und eine Monopolisierung zu verhindern. Google ist mit diesem Ansinnen letztlich auch gescheitert. Also können wir in der nächsten Zeit höchst spannende Feldschlachten der Internet-Giganten erwarten und das ist für die Berichterstattung doch höchst erfreulich.
Mit See the Messages that Matter „kündigt Facebook seinen neuen Unified-Messaging-Dienst an. Moment, das Wort steht doch eigentlich für irgendwelche zusammengeflanschte Dienste, die nie wirklich gut zusammengepasst haben. Wieso sollte das bei Facebook besser sein“, fragt sich Nico Lumma und gibt auch gleich die Antwort.
„Aus mehreren Gründen:
– Facebook hat 500 Mio User und ein stabiles, aber auch simples Messaging-System am Laufen, das durch Instant-Messaging ergänzt wird.
– XMPP im Backend erlaubt eben genau die Art der Konversationen, wie sie Facebook vorschwebt: unterschiedliche Übertragungswege, unterschiedliche Teilnehmer, eine Inbox.
– die Marktdominanz von Facebook wird dafür sorgen, daß sich dieses System durchsetzen wird, insbesondere, wenn es eben auch mit normaler Email funktioniert“, schreibt Lumma auf Lummaland.
E-Mails sind für das Privat- und Geschäftsleben immer noch die wichtigste Kommunikationsform. Das könnte sich allerdings rasch ändern. Unter Jugendlichen ist dieser Dienst eher unbeliebt und der hohe Anteil an Spams erhöht den Nerv-Faktor. Zudem verdrängen die Dialogformen in sozialen Netzwerken zunehmend die elektronische Post. Da ist es nur konsequent, wenn Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit dem neuen Dienst „Universal Box“ oder nach Facebook-Duktus „The Social Inbox“ einen neuen Weg eröffnet: „Es geht nicht um E-Mail, denn E-Mail ist eine Einbahnstraße“, so das Credo des prominentesten Adiletten-Trägers. Sie sei zu langsam, zu formell und zu archaisch. Zuckerberg will die E-Mail als eigenständige Kommunikationsform schlichtweg abschaffen – auch wenn er das noch nicht so deutlich sagt. Mit dem universellen Postfach soll alles unter dem Dach von Facebook zusammenfließen: E-Mail, SMS, Instant Massaging, Facebook-Postings und Chat-Nachrichten. „Wird den Nutzern eine Nachricht an ihre Facebook-Adresse geschickt, können sie entscheiden, über welchen der jeweiligen Kanäle sie antworten. Und wie eine abgeschickte Nachricht den Empfänger erreicht, entscheiden die verfügbare Technik und deren Voreinstellungen. Der Schreiber soll sich darüber keine Gedanken mehr machen müssen“, führt Zeit online aus.
Wo wird die Facebook-Reise hingehen? Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr und bewegen sich nur noch darin. Zuckerberg möchte ein Imperium der Aufmerksamkeitsverteilung schaffen. Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 (siehe die Story Facebook als Jederzeit-Medium im Web – Zuckerberg plant zentralen Aufmerksamkeitsverteiler) über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, „der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt”, erklärte Lobo damals.
Was wird noch kommen? Ein Browser aus dem Hause Facebook? Ein Facebook-Smartphone? Oder was sonst noch? Ich stricke gerade an einer erweiterten Story. Eure Meinung interessiert mich. Wenn ich Statements bis morgen so gegen 10 Uhr bekomme, fließen die in das Stück ein. Gerne auch per E-Mail – also archaisch: gunnareriksohn@googlemail.com Sascha hat mir schon was geschickt, wird aber noch nicht verraten was 😉
Sehr löblich von der Wirtschaftswoche, dass sie sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit Serviceinnovationen beschäftigt. Fortschritt bestehe nicht nur aus Technik schreiben die Redakteure Sebastian Matthes und Roland Tichy in ihrem Artikel „Auf neuen Wegen“. Der Fokus auf Mikrochips und Motoren greife viel zu kurz. Deutschland brauche ein neues Verständnis von Innovationen, so das Plädoyer der Wiwo. Wenn in Talkshows die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft seziert werde, sitzen dort in der Regel Geschäftsführer von Maschinenherstellern, Chemiekonzernen sowie Forschungsinstituten und diskutieren über Turbinen, Computerchips (also Hardware) und hocheffizienten Motoren. Aber wann gehe es in solchen Runden um neue Marketingideen? Um neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen? Wann um nachhaltige Designkonzepte und eine neue Architektursprache? Oder gar gesellschaftliche Innovationen?
In Deutschland werde als Innovation nur ernst genommen, was mindestens eine Schweißnaht, besser noch einen Motor hat, kritisieren Matthes und Tichy. Als Bestätigung ihrer Thesen zitieren die beiden Autoren Klaus Engel, den Vorstandschef des Industriekonzerns Evonik: „In Zukunft wird es weniger reine Produktinnovationen geben. Viel stärker kommt es darauf an, attraktive Kombinationen zu schaffen aus verschiedenen Innovationsformen – wie technische Neuerungen, neuen Dienstleistungen und innovativem Marketing.“ Als Beispiel für diesen übergreifenden Innvationsansatz wird Apple genannt: iPod, iPhone und iPad würden höchst erfolgreich neue Technik, Distributionswege und eine geniale Marketinginnovation verbinden. In Deutschland werde viel zu selten so umfassend gedacht.
Die Industrielogik von Engel würde ein wenig an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“ erinnern: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert“. Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. „So langsam sollten sich die Meinungsführer, die immer noch Weltbilder aus den Zeiten der florierenden Massenproduktion verbreiten, in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und sich eines Besseren besinnen. Schaut man sich die vielen Servicebranchen an, die sich als Konjunkturlokomotive erweisen, erkennt man, wie hirnverbrannt die wirtschaftspolitischen Akzente in Deutschland immer noch sind. Wenn Industrie-Nostalgiker Serviceleistungen auf Reisebüros, Friseure oder Piercing-Studios (siehe das Welt-Interview mit Engel) reduzieren, haben sie nicht begriffen, was eine smarte Dienstleistungsökonomie wirklich auszeichnet“, erläutert Steimel.
Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. Nur mit den alten Methoden des Fordismus sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen. „Um seine Thesen zu untermauern, führt der Verbandsfunktionär Engel auch noch das Beispiel Apple an. Das Industrieprodukt ‚iPhone‘ sei der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste und Applikationen, meint Engel. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Steve Jobs-Konzerns. Der Apple-Chef ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion“, kontert Steimel.
Faktisch mache die industrielle Wertschöpfung weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. „Daran waren die Industriekonzerne nicht ganz unbeteiligt durch die Auslagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer. Geistig stecken Repräsentanten wie Engel noch in einer Ideologie der ökonomischen Skalierung“, führt Steimel aus. Selbst unsere Exportrekorde, die wir jedes erzielen, stärken nur minimal die heimische Industrieproduktion. Darauf hat Udo Nadolski vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash hingewiesen. „Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab.“
Wir müssten uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf kluge Servicekonzepte: „Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben“, so der Ratschlag des Harvey Nash-Geschäftsführers. Treffend analysiert habe das der Zukunftsforscher und Kondratieff-Kenner Erik Händeler. Konjunkturforscher Nikolai Kondratieff schrieb, dass die Märkte von morgen durch knappe Produktionsfaktoren entstehen. In der Informationsgesellschaft von morgen werde der Wohlstand davon abhängen, wie effizient die Wissensarbeiter zusammenwirken.
Die Smart Service Initiative geht sogar soweit, sich vom Gütesiegel „Made in Germany“ zu verabschieden. Die Kanzlerin Angela Merkel wolle ja das Gütesiegel „Made in Germany“ reformieren. Den im 19. Jahrhundert eingeführten Herkunftsnachweis möchte die Bundesregierung mit dem Kürzel CSR (Corporate Social Responsibility) zu einem neuen Gütesiegel kombinieren: „CSR – Made in Germany“: „Es ist richtig, das gesellschaftliche Engagement deutscher Unternehmen zu fördern und nach außen zu dokumentieren. Wir sollten uns dann allerdings dazu durchringen, die Formulierung an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Wir sind nur noch in seltenen Fällen das Herkunftsland für die Herstellung von Produkten. Unsere Unternehmen profilieren sich über Forschung und Entwicklung, über die Leistungen der Ingenieure, über die Veredelung von Produkten und über Service-Innovationen. Insofern wäre die Formulierung ‚CSR – Design in Germany‘ sehr viel treffender“, so Steimel.
Technik bleibe wichtig. Das betont auch der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann im Interview mit der Wiwo: „Aber die Differenzierung findet verstärkt über Design, Service und maßgeschneiderte Kundenlösungen statt“, so der Chef der Deutschen Technikakademie. Die Bundesregierung würde nur 30 Millionen Euro zur Förderung von Dienstleistungen ausgeben. Dabei seien sie ein Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg. Mangelhaft sei zudem die Ausbildung an Universitäten. So sei es kein Wunder, dass Deutschland keine kreativen Zerstörer wie Mark Zuckerberg, Larry Page, Sergey Brin oder Jeff Bezos hervorbringt, bemerkt ITK-Fachmann Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic: „Das ist eine gefährliche Gemengelage. Produktivitätsschübe werden heute fast ausschließlich durch die Informationstechnologie ausgelöst. Selbst einfache Dienstleistungen bringen in Zukunft keine positiven Effekte mehr für den Arbeitsmarkt, da auch hier Automatisierung, Self Service, Apps und Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben erledigen. Deshalb brauchen für mehr Investitionen für Wissensberufe, um neue Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten hervorzubringen“, fordert Záboji.
Wirtschaftswoche, Accenture, EnBW und Evonik (!) wollen übrigens innovative Geschäftsmodelle, Prozesse, Marketingkonzepte und Dienstleistungen mit dem Deutschen Innovationspreis auszeichnen. Mal schauen, ob da auch Vertreter der Kreativwirtschaft dabei sind, die keine Gewerbesteuern zahlen.
Mit einer neuen Gruppenfunktion, die am Mittwoch von Mark Zuckerberg vorgestellt wurde, könnte sich das Wesen von Facebook fundamental ändern, meint zumindest die Süddeutsche Zeitung. „Facebook wird privat – zumindest, wenn die Nutzer dies künftig möchten. Das größte soziale Netzwerk der Welt erlaubt es seinen Mitgliedern ab sofort, sich in geschlossenen Gruppen zu organisieren“, so die SZ.
Wer Facebook Gruppen verwendet, erhält die Möglichkeit, Kontakte gezielt auszusuchen und ihnen den Zugriff auf die eigenen Fotos, Videos, Daten und Fakten zu ermöglichen. Bislang konnte man Daten entweder offen präsentieren oder ganz verstecken. Zudem bietet Facebook ein Dashboard, auf dem die Nutzer sehen können, welche Apps sie aktiviert haben und mit welchen Daten diese Apps operieren. Recht praktisch ist die Möglichkeit zum Herunterladen der eigenen Daten. Sie werden nach Passworteingabe in einen Zip-Ordner verpackt und zum Download bereit gestellt.
Ob sich über die neue Gruppenfunktion ein Paradigmenwechsel abzeichnet, ist umstritten. Netzwertig-Blogger Peter Sennhäuser geht von einer deutlichen Richtungsänderung aus: „Der Umstand, dass alle, mit denen ich mich verknüpft habe, grundsätzlich auch alles mitkriegen, was ich poste, sorgte bisher für ein Bewusstsein für ein soziales Gefüge. Die weit höhere Komplexität der in Gruppen verschiedener Intensität unterteilten Netzwerke schafft neue Möglichkeiten, hebt aber auch dieses simple Gefühl von Verbundensein oder eben nicht auf. Anders gesagt: Fußt der Erfolg von Facebook nicht auf der extrem vereinfachten Abbildung sozialer Beziehungen – ich kenne jemanden, also gehört er in mein Netz? Oder ist Facebook als System vielleicht jetzt groß genug, um neue Layer einzuführen? Für den Nutzer dürfte der Überblick komplizierter werden. Das Risiko, etwas aus Versehen auf der eigenen Wall und damit öffentlich statt in einer bestimmten Gruppe zu posten, dürfte steigen, so der Netzwertig-Blogger: „Die Gruppen können wie bisher öffentlich sein (jeder kann sich ihr anschließen), geschlossen (das Profil der Gruppe ist sichtbar, man kann eine Mitgliedschaft auf Knopfdruck bei den Administratoren beantragen) oder ‚geheim‘: noch nicht mal die Existenz der Gruppe ist öffentlich (ich bin gespannt, was die NSA und das Homeland-Departement dazu sagen…). Die Nachrichten aus der Gruppe werden indes im Newsstream der Mitglieder auftauchen.“
Olaf Kolbrück sieht Vorteile: „Mit den neuen Facebook-Gruppen können Nutzer nun einen Raum für wichtige Menschen in ihrem Leben einrichten. Dort können sie Informationen teilen, die für einen ausgewählten Kreis bestimmt sind. Zudem gibt es einen Gruppen-Chat und eine gemeinsame Mailingliste für alle Gruppenmitglieder. Die neuen Gruppen erlauben damit eine engere Zusammenarbeit und erzeugen ein exklusiveres Ambient.“ Das schaffe nicht nur Anreize, das eigene Netzwerk weiter und differenzierter zu organisieren, es verbessert auch den Social Graph. „Die Intensität und die Verbindung der Menschen jenseits bereits vorhandener Kommunikation manifestiert sich deutlicher. Milieus und spezialisierte Verbindungen bilden sich klarer heraus. Damit lässt sich der Social Graph noch besser vermarkten, weil sich die Verbindung der Menschen untereinander qualitativ genauer darstellen lässt. Dem Targeting eröffnen sich damit neue Optionen. Obendrein dürfte die Kommunikation in Gruppen die Verweildauer erhöhen“, schreibt Kolbrück.
Völlig daneben geht allerdings die Wertung des FAZ-Redakteurs Jordan Mejas, der über die Folgen des Kinofilms „The Social Network“ für Facebook sinniert. Die Einsamkeit, Planlosigkeit und Unbeholfenheit der Geeks, die in Harvard herumsaßen und dabei ziemlich unversehens eine Sache aufstöberten, die später Facebook heißen sollte, würden den Drehbuchautor Aaron Sorkin an Situationen und Konditionen in „Freedom“ von Jonathan Franzen erinnern: „Niemand sagt klar und deutlich, Zuckerberg und seine Gefährten (fast hätte ich sie ,Freunde‘ genannt) wüssten nicht zu leben, wie es jemand von den Berglunds früh in Franzens Buch sagt, aber das Problem scheint dasselbe zu sein.“ Was aber, wenn „The Social Network“ sich in den kommenden Wochen tatsächlich als Film erwiese, in dem der Mensch zeitgeistmäßig in Gestalt des Nutzers nicht nur mit seiner Isolation konfrontiert wird, sondern auch mit seiner Illusion, in einer möglichst unüberschaubaren Ansammlung von Mitnutzern endlich die Freunde zu finden, nach denen er sich im nichtdigitalen Leben vergeblich sehnt, fragt sich Mejas.
„Die Saga vom Geek und Nerd wäre dann weniger ein moralisches Gleichnis traditioneller Bauart als ein Spiegel, der eine halbe Milliarde Menschen herausforderte, sich in ihm wiederzuerkennen. Dass sie sich von dem, was sie da sähen, enttäuscht oder gar bestürzt abwendeten, wäre kaum anzunehmen. Eher dürften sie an dem Glauben festhalten, dass ihnen ein Mausklick die zwischenmenschliche Wärme bringt, die sich sonst so rar macht, dass er die Leere füllt und die Einsamkeit vertreibt, in der Angst und Melancholie gedeihen“, führt der FAZ-Feuilletonist aus. Ist das der Netzwerkgedanke von Facebook. Erwarte ich zwischenmenschliche Wärme per Mausklick? Was für ein Schwachsinn.
Wer sich auf Facebook mit anderen verbindet, ist fortan auch eingebunden in die sozialen Interaktionen seiner „Facebook-Freunde“. Hier spielt sich das ab, was der Soziologe Mark Granovetter in seiner Netzwerktheorie als schwache und starke soziale Bindungen bezeichnet hat. Mit den engeren Kontakten kommuniziere ich über E-Mail, Skype, Telefon – die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken zielt auf die entfernteren Bekanntschaften und auf die anonyme Gemeinschaft aller anderen Mitglieder. Sonst würde ich ja wieder im eigenen Saft schmoren – deshalb erwarte ich auch nicht so viel von den geschlossenen Gruppen.
Onliner, die sich in Netzgemeinschaften organisieren sind zudem keine lichtscheuen Elemente oder Bildschirmjunkies, die sich hinter ihren Monitoren verkriechen – eingebettet von Pizzakartons. Sie verbringen ihre Zeit im Netz nicht auf Kosten der Pflege von Offlinekontakten, sondern auf Kosten ihres Konsums von klassischen Massenmedien. Insofern geht der Kinofilm überhaupt nicht um Facebook. So verkündet der Drehbuchautor Sorkin im Interview mit der Welt stolz, dass er nicht auf Facebook war, bevor er begann, sein Drehbuch zu schreiben. „Und ich bin es noch immer nicht. Ich benutze Technologie, aber ich liebe sie nicht.“ Na toll.
Da stürzt man sich lieber auf den reißerischen Schinken „Milliardär per Zufall“ von Ben Mezrich, der die Popularität von Facebook nutzt, um Auflage zu machen, die „Technik des rekonstruierten Dialogs“ einsetzt und sich auf die Seite der Winklevoss-Brüder und Eduardo Saverin schlägt. Das Ganze wird dann noch kräftig mit College-Saufereien, Sex, Geld, Macht und Betrug vermischt.
Vielleicht wollten die drei Antipoden den Nerd und Underdog nur ausnutzen, um an das schnelle Geld zu kommen? Vielleicht war der Facebook-Macher auch nur sauer auf das elitäre Gehabe der Zwillinge und führte sie deshalb am Nasenring durch die Web-Arena?
Aus der angedachten Website „Harvard-Connection“ sollte doch nur ein exklusives Dating-Portal mit dem Harvard-Siegel werden. Wäre daraus mehr geworden, als ein elitärer Netz-Zirkel von großen Jungs aus gutem Hause, die bei der kleinsten Schwierigkeit den reichen Daddy einschalten und sich ansonsten in der edelsten Studentenverbindung des Campus auf die Karriere als Ruderer für die olympischen Spiele vorbereiten?
Selbst im Kinofilm wird klar, „dass Geld für Zuckerberg nichts bedeutet. Doch warum hat er dann Facebook erschaffen? The Social Network gibt keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht, dass er als Outsider zu den Insidern gehören wollte. Doch dies erklärt noch lange nicht, was er geschaffen hat und vor allem warum. Und damit ist der Film grob vereinfachend. Er will uns nicht vermitteln, dass Zuckerberg die Welt vernetzen wollte und eine elegante Organisation von Internet Communities anstrebte. Der Film ignoriert das einfach. Es ist ein Film über Taktiken, nicht über Strategien. Es geht darum, dass Menschen hartherzig miteinander umgehen. Woanders nennt man das einfach Business“, so Jeff Jarvis in einem Namensbeitrag für evangelisch.de.
Drehbuch-Autor Sorkin kenne die Entwicklung von Facebook im Jahr 2010 überhaupt nicht. Er brüstet sich sogar damit (siehe Welt-Interview). Sein Interesse für Computer beschränke sich auf das E-Mail-Schreiben an seine Freunde. Seine Wahrheit sei nicht die Wahrheit; er möchte eine Geschichte erzählen. „Also Mist erfinden“, so Jarvis. Mark Harris vom „New York Magazine“ beschreibe in einer Nebenbemerkung, worum es in dem Film wirklich geht: „In The Social Network bespucken die alten Medien die neuen Medien gezielt mit Papierkügelchen“. Doch nicht die alten Medien bespucken die neo-neuen Medien, bemerkt Jarvis. „Sorkin ist Mitglied der Young Curmudgeons‘ Guild, der unter anderem auch Vertreter wie Gladwell, Carr, Anderson, Rowan, Morozov und Lanier angehören. Die alten Medien sträuben sich vor Veränderung. Diese Typen möchten am Internet kein gutes Haar lassen“, moniert der Medienprofessor.
„The Social Network“ sei ein Anti-Computerfreak-Film. Der Film behaupte, dass das Internet keine Revolution ist, sondern die Erfindung einiger seltsamer Maschinenmenschen, die in der Schule nur gehänselt wurden. „The Social Network“ revanchiere sich für die Revanche der Computer-Nerds. „Ich sehe in Zuckerberg und Facebook – und dem Internet – eine viel größere und bessere Story als die von Sorkin. Bei meinen Recherchen für Public Parts stieß ich auf das wunderbare Buch ‚The Gutenberg Revolution‘ von John Man, der sich durch dürftige Aufzeichnungen kämpft, um zu verstehen, warum der Mensch Technologien benutzt, um die alte Welt zu zerstören und eine neue Welt zu erschaffen. Gutenberg war ein Technologe, verschlossen und kontrollierend. Er war Geschäftsmann (ein früher Kapitalist, der einen der ersten Industriezweige erschuf). Er verhandelte hart, er war konkurrenzfähig. Er wurde von den Holländern beschuldigt, die Idee eines anderen gestohlen zu haben. Oh, und er hat sich scheinbar nicht gerade gütlich von mindestens einer Frau getrennt, bezeugt Man. Würde Sorkin ihn heute beschreiben, wäre Gutenberg nur ein Spinner: Wir glauben nicht daran, was er unserer Welt antut. Wir verstehen es nicht, also mögen wir ihn nicht“, resümiert der Buzzmachine-Blogger.
Heute um 17,20 Uhr habe ich mir am Premierentag den vermeintlichen Facebook-Thriller angeschaut. Die Sitzreihen waren recht spärlich besetzt – muss nicht viel bedeuten. Das Filmchen hat mich nicht vom Hocker gehauen. Es gibt die üblichen amerikanischen Uni-Klischees zu sehen. Wilde Partys, elitäre Studentenverbindungen, arrogante Schnösel aus den besten Kreisen des Landes und nette Uni-Streiche.
Daher bleibt „Animal House“ der einzig wahre College-Film. Der Kampf der Studentenverbindung Delta – die Underdogs – gegen die superspießigen Verbindungsstudenten vom Omega-House – sozusagen die Harvard-Connection. Mit dabei: der legendäre John Belushi.
In dieser Woche gibt sich Facebook ein neues Gesicht. Die langfristigen Ziele beschreibt Facebook-Chef Mark Zuckerberg in seinem Firmen-Blog mit Schlagworten wie „Informationsstrom“ oder „Menschen Kontakt zu allem geben, was sie interessiert“. Auf lange Sicht sollen Menschen Facebook nicht mehr benutzen, um „bestimmte Inhalte zu finden, sondern um am Informationsfluss selbst teilzuhaben“. „Mit der Neugestaltung baut Zuckerberg Facebook ganz pragmatisch zum Jederzeit-Medium um. Die Hauptseite soll demnächst in Echtzeit jedem Mitglied Nachrichten darüber liefern, wer aus seinem Bekannten- und Freundeskreis gerade was denkt, kommentiert, im Web entdeckt, gekauft, gehört, gesehen hat. Bislang aktualisierte Facebook die zentrale Nachrichtenseite nur alle 10 bis 15 Minuten, nun soll das ständig passieren“, analysiert Spiegel Online-Redakteur Konrad Lischka.
Wenn ständig etwas Neues passiere sei der Drang groß, ständig die entsprechende Seite zu verfolgen. Das erinnere sehr an den Reiz von Twitter, dem gerade enorm gehypten Echtzeit-Mikroblogging-Dienst, der seinen Nutzern das Gefühl gibt, nahezu live zu verfolgen, was im Web passiert. „In Zukunft unterscheidet Facebook nicht mehr sonderlich zwischen den Seiten von normalen Mitgliedern und Unternehmen, Politikern, Bands und Stars“, schreibt Lischka. Der Dienst könne sich zum großen Aufmerksamkeitsverteiler im Web mausern. Neue Musik? Mal sehen, was die Freunde bei Facebook empfehlen. Gipfeltreffen in Washington? Mal sehen, was das Team von Obama schreibt. Der nächste logische Schritt wäre nach Ansicht des Internetexperten Sascha Lobo die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt.
Teile des Redesigns würden darauf hindeuten: viele Navigationspunkte wurden in die nicht bewegliche Fußleiste verlagert. Die Redundanz mit der Navigation auf der Fläche sei nicht zufällig – sondern soll den Nutzer daran gewöhnen, Facebook auch dann zu benutzen, wenn auf der Fläche des Screens eine andere Seite dargestellt wird. Mit Cloud Computing würden Betriebssystem und Browser sowieso zusammenwachsen zu einem „Betriebsbrowser“. Die Office-Anwendungen von Google Docs beim Browser Chrome seien dabei richtungsweisend. „Mit einem echten eigenen Facebook-Browser würde die halbautomatische Kommunikation in Form eines umfassenden Lifestreams Realität, weil alles, was wir im Browser erledigen – bei mir wäre das ungefähr alles -, dann Teil unseres Kommunikationsstromes werden könnte“, spekuliert Lobo.
„Das Praktische an einem halbautomatischen Kommunikationsstrom ist, dass ich nicht mehr aktiv eingreifen muss, sondern immer mehr reagieren kann – wenn man will. Ein tolles Szenario. Nicht ‘Big Brother is watching you’ sondern ‘Facegoogle is watching, tracking, analysing and predicting you’”, meint Marc-Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Reiseportals Triptivity. Die Facebook-Strategie bietet für Unternehmen enorme Chancen, so die Ansicht des Neue Medien-Publizisten Sebastian Paulke, Geschäftsführer von Wort + Welt: „Sie können sich schon jetzt auf eine völlig neue Marketingwelt freuen, in der statt Budgets Strategien zählen, da die eigentliche Multiplikation von Informationen sich zunehmend automatisieren wird und damit keine Kostenstelle mehr sein muss.”
Facebook werde eine neue Runde im Social Web einläuten und damit die Messlatte für Enterprise Team Collaboration anheben: „Die Fachkräfte von heute lernen jetzt schon, dass Informationsflüsse automatisiert ablaufen – cc-Mail-Orgien á la Outlook und Lotus Notes entfernen sich damit weiter von den gelernten Anforderungen der nächsten Wissensarbeiter-Generation: Die wird ein Corporate-Facebook verlangen, anstatt sich über jede Information Gedanken zu machen, wer die nun benötigt oder nicht“, erläutert Paulke. In der von seinem Unternehmen erstellten Studie „Kollaborieren oder kollabieren? Enterprise Team Collaboration 2.0” wird deutlich, dass jeder dritte Projektmanager wichtige Aufgaben nicht mehr erledigen kann, weil er in Kommunikationspflichten ertrinkt. „Es ist es höchste Zeit, eine Plattform zu schaffen, die das Informationsmanagement automatisiert und zentralisiert“, fordert Paulke.