Einladung zur Disputation über Nestlé und die Wasserrechte #fragNestlé

nestle

Meine Fragen an Nestlé – auf Twitter hat man die erste Frage öffentlich nicht beantwortet. Man wollte mich erst in Bonn kennenlernen. Da ich aber schlichtweg nur an der Sache interessiert bin und mir das Kennenlernen von Konzern-Verantwortlichen in einem nicht-öffentlichen Gespräch völlig wurscht ist, einigten wir uns auf schriftliche Fragen. Zu einem Live-Interview war der Konzern nicht bereit. Hier nun die Fragen: Werten Sie Wasser/Wasserrecht als öffentliches oder privates Gut? (Wasser als Menschenrecht hilft hierbei als Antwort nicht weiter). Sehen Sie besonders in unterentwickelten Ländern nicht die Notwendigkeit, die Wasserversorgung als hoheitliche Aufgabe des Staates zu organisieren? Entscheidend für das Gemeinwohl ist der diskriminierungsfreie Zugang zu Ressourcen wie Wasser – Flächendeckung der Infrastruktur für die Ver- und Entsorgung als Beispiel. Warum streben Sie dennoch private Wasserrechte an? Warum sind sie in Ländern wie Pakistan, Algerien und Mexiko bei der Erschließung von Wasser-Ressourcen aktiv? Zu welchen Preisen bieten sie Wasser in den genannten Ländern an? (Liter-Preis).

Hier die Antwort von Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland:

„Hallo Gunnar,

wie versprochen melden wir uns mit den Antworten zu deinen Fragen zurück. Da das Thema Wasser sehr komplex ist, holen wir etwas weiter aus. Vieles davon wird dir bekannt sein, aber wir möchten die Gelegenheit nutzen und auch deinen Lesern und Followern etwas Hintergrund mitgeben – in der öffentlichen Diskussion kommt so etwas ja häufig zu kurz. Zur Sache:
Wasser hat, je nachdem von welcher Situation man spricht, Merkmale eines öffentlichen Gutes – weil niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann oder sollte, beispielsweise bei Seen, Flüssen, offenen Quellen auf öffentlichem Land. Und es hat Merkmale eines privaten Gutes – wenn die Verfügbarkeit begrenzt ist, für die Erschließung und Verteilung Kosten entstehen und Gruppen, die sich nicht an diesen Kosten beteiligen, von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Es gibt auch Ansätze, die Wasser als Allmende sehen – also als gemeinschaftliches Gut, das aber nicht unbegrenzt zur Verfügung steht und von dessen Nutzung Gruppen ausgeschlossen werden können, die nicht zu der Gemeinschaft gehören.
Konflikte um Wasser entstehen immer dann, wenn eine klare, allgemein akzeptierte und diskriminierungsfreie Regulierung fehlt – oder in einer Region weniger Wasser zur Verfügung steht, als Bedarf herrscht. Daher ist es ja so wichtig, dass der Umgang mit Wasser klar reguliert ist. Diese Regulierung ist eine hoheitliche Aufgabe. Ein Staat oder eine Gebietskörperschaft muss die Regeln für einen diskriminierungsfreien Zugang zu Wasser bestimmen und ist verpflichtet nach der Vorgabe des UN-Menschenrechts auf Wasser eine angemessene Grundversorgung für die Menschen auf seinem Hoheitsgebiet sicherzustellen (https://www.menschenrechtsabkommen.de/menschenrecht-auf…/). Ob er dies in eigener Verantwortung macht oder private Unternehmen hiermit beauftragt, ist letztlich ihm überlassen. Schwierig ist dabei, dass Wassereinzugsgebiete, Flüsse und Seen keine Rücksicht nehmen auf Grenzen oder politische Konflikte. Ein Wassereinzugsgebiet kann aber nur vernünftig verwaltet werden, wenn alle Anrainer und Nutzer zusammenarbeiten und bereit sind, sich für den langfristigen Erhalt der Wasserressourcen einzusetzen und auch selbst Beschränkungen der Nutzung zu akzeptieren.

Was die kommerzielle Nutzung von Wasser angeht – also in der Landwirtschaft, Industrie, für die Abfüllung von Quell- oder Mineralwasser, im Bergbau oder für welchen Zweck auch immer: Jeder, der aus der Nutzung von Wasser einen wirtschaftlichen Vorteil zieht, sollte nach unserer Auffassung einen angemessenen Preis hierfür entrichten, der der Knappheit (und den Kosten der Bereitstellung) Rechnung trägt. Und diesen Preis muss der Staat oder die Gebietskörperschaft bestimmen, auf Grundlage einer klaren und diskriminierungsfreien Regulierung. Die wirtschaftliche Nutzung darf nicht dazu führen, dass der Zugang von Menschen zu einer angemessenen Grundversorgung hierdurch beeinträchtigt wird – auch hierzu macht das UN Recht auf Wasser recht klare Vorgaben. Dabei gibt es in der Realität durchaus Nutzungskonflikte: übermäßige Nutzung z.B. durch bewässerungsintensive Landwirtschaft, Verunreinigungen durch Landwirtschaft, Industrie oder Bergbau führen in zahlreichen Regionen zu einer Beeinträchtigung der Wasserversorgung für die Bevölkerung (siehe z.B. http://wwf.panda.org/what_we_do/how_we_work/our_global_goals/water/, und dies erfordert gemeinsames Handeln.

Was heißt das mit konkretem Bezug auf Nestlé? Nestlé ist nicht in der öffentlichen Wasserversorgung tätig und wir haben auch nicht vor, in diesem Bereich tätig zu werden. Nestlé setzt sich auch nicht für eine „Privatisierung“ von Wasser ein. Solche Behauptungen geistern zwar durch das Netz, treffen aber deswegen noch immer nicht zu. Richtig ist, dass Nestlé für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Wasser wirbt – also für klare Regulierungen und auch für Anreize, sparsam mit Wasser umzugehen. Wir setzen uns auch dafür ein, dem Menschenrecht auf Wasser Geltung zu verschaffen. Dazu tragen wir auch in unserem eigenen Einflussbereich bei – durch Programme für Wasser- und Sanitärversorgung, Wassereinsparung in unseren Werken und Community-Programme in unseren Lieferketten. In zahlreichen Regionen helfen wir auch Landwirten, die uns mit Rohstoffen beliefern, wassersparende Bewässerungsmethoden einzuführen und wir stellen trockenheitsresistentere Pflanzen zur Verfügung, um den Bauern zu helfen, sich besser auf die Folgen des Klimawandels einzustellen. Ein Beispiel, wie dies in der Praxis aussehen kann: http://www.nestle.com/…/saving-water-in-vietnam-coffee….

Abfüllbetriebe von Nestlé, die mit einer entsprechenden Genehmigung (also einer Lizenz, einem mengenmäßig und zeitlich beschränkten Nutzungsrecht oder aufgrund einer anderen Regulierung) Wasser abfüllen, müssen auch gewährleisten, dass von ihnen keine negativen Auswirkungen auf den Zugang zu Wasser oder auf die Umwelt ausgehen. Unsere Standorte in Regionen, wo die öffentliche Grundversorgung nicht gewährleistet ist, müssen sich hierzu aufgrund unserer eigenen Verpflichtungen einer Due Diligence Überprüfung unterziehen (http://storage.nestle.com/nestle-society…/index.html…). Keiner unserer Standorte, an denen Wasser abgefüllt wird, darf die öffentliche Versorgung oder den Zugang von Menschen zu Wasser beeinträchtigen. Und keine der von uns (mit-)genutzten Quellen wird von uns so übermäßig genutzt, dass hierdurch Grundwasserspiegel sinken oder Brunnen austrocknen. Dies wird auch streng überwacht: durch uns und die Behörden, die die Genehmigung für die Erschließung und Nutzung erteilen. Jeder Abfüller von Quell- oder Mineralwasser wird übrigens ein Interesse daran haben, Quellen nachhaltig zu nutzen – wenn er eine Quelle mehr Wasser entnimmt, als ihr natürlich zufließt, entzieht er sich selber die Geschäftsgrundlage.

Das Abfüllen von Heil-, Quell- oder Mineralwasser in Flaschen ist übrigens seit jeher ein Geschäft, das privatwirtschaftlich betrieben wird, und das normalerweise auch nicht mit dem Menschenrecht auf Wasser in Konflikt steht. Allerdings kann man mit Wasser in Flaschen auch keine öffentliche Grundversorgung mit Wasser sicherstellen – aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten und begrenzten Mengen.

Wasser in Flaschen ist eher eine (gesündere) Alternative zu zucker- und kohlesäurehaltigen Erfrischungsgetränken, und steht unabhängig von einer leitungsgebundenen Wasserversorgung in einer zuverlässigen Qualität zur Verfügung. Auch die Verkaufspreise orientieren sich eher an anderen Erfrischungsgetränken, und die Kosten für Abfüllung, Verpackung und Transport etc. sind ähnlich. In Ländern mit niedrigeren Einkommen streben wir eine Preisstellung deutlich unterhalb zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke an – die Preise machen aber üblicherweise die Händler.

Wir sind der Auffassung, dass für die Gemeinschaften im Umfeld unserer Standorte ein Vorteil aus unserer Tätigkeit entstehen muss, der im Zweifel über das Zahlen von Steuern und das Schaffen von Arbeitsplätzen hinausgehen sollte. Daher unterstützen wir an zahlreichen Standorten umliegende Gemeinschaften z.B. bei der Trinkwassergewinnung, Förderung der sozialen Infrastruktur oder durch ähnliche Aktivitäten. Das können Sie sich ja gerne gelegentlich einmal selber anschauen – schöne Beispiele für solche Community-Programme gibt es z.B. in Pakistan, in Côte d’Ivoire, in Indien, Mexiko und vielen weiteren Ländern (siehe z.B. http://www.nestle.com/…/clean-drinking-water-for-30000… oder http://www.nestle-cwa.com/…/international-federation-of…).

Sie werden aber kein Land finden, wo Nestlé sich für eine Privatisierung von Wasser einsetzt oder dafür verantwortlich wäre, dass Menschen keinen Zugang zu Wasser haben – da müssen wir Sie leider enttäuschen. Unter www.nestle.de/verantwortung/wasser finden Sie auch noch einiges an Informationen und Positionen zum Thema. Wir hoffen, dies beantwortet Ihre Fragen.

Beste Grüße, Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland“

Soweit die Antwort.

Aber was kostet denn nun ein Liter Wasser in Pakistan, Algerien und Mexiko?

Südafrika könnte man noch hinzufügen.

Der Nestlé-Check

Bottled Life

Viel Text, der zum Fakten-Check einlädt. Vielleicht helft Ihr mir bei der Gegen-Recherche, der dann zu einem Beitrag über dieses Thema führt.

Lesenswert: Zum Glück gibt es Compliance

Stellenwert der Agrarwirtschaft für die Volkswirtschaft #Bloggercamp.tv

Landidylle in den 1960er Jahren
Landidylle in den 1960er Jahren

War früher alles besser, wenn es um die Versorgung mit Lebensmitteln geht? Können wir in einer Volkswirtschaft mit 80 Millionen Menschen zurück zur Natur? Was ist oder war überhaupt natürlich? Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik.

Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen Verfahren wie Räuchern oder Pökeln zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel “entfremden”, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit.

Die “unberührte” Natur taugt wenig zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern. Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu “unverfremdeter” Rohmilch greifen möchte, soll das tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein.

Wer also über die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion lästert, sollte zumindest die Vergangenheit nicht glorifizieren oder verzerren. Ein Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte die Sinne schärfen. Wie sah die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland aus? Wie hoch war die Lebenserwartung? Wie viele Menschen sind an Mangelernährung gestorben? Und welche Bevölkerungskreise waren davon betroffen und welche nicht?

Und dann hätte ich da noch ein paar Fragen, die mir vielleicht die großen Naturkost-Firmen beantworten können – also Rapunzel und Co.. Wie hoch ist die Importquote an Vorprodukten, die bei der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen? Aus welchen Ländern werden diese Vorprodukte importiert? Und wie werden die ökologischen Standards in diesen Ländern sichergestellt? Wie werden die Vorprodukte angeliefert (Schiff, Flugzeug und LKW) und was für Transportentfernungen haben diese Vorprodukte auf dem Buckel?

Und warum ist noch mal in den 90er Jahren das Mehrwegsystem der Naturkost-Hersteller für pestizidfreien Karottenmus, Tomatensaft und Honig von glücklichen Bienen zusammengebrochen? Und warum konnten nur mickrige ein bis zwei Umläufe der “Mehrweg-Gläser” erreicht werden, für die sich jeder Bierbrauer schämen würde. Öko-logisch?

Und dann würde mich noch interessieren, wie viel industrielle Massenfertigung in der ökologischen Landwirtschaft steckt, denn schließlich kann ich Bioprodukte schon in jedem Discounter in Deutschland kaufen? Diese Fakten sollten die Agrarblogger liefern, aufarbeiten und präsentieren – mein Wunsch an die heutige Bloggercamp.tv-Runde:

Bio-Gesinnung ist nicht immer öko-logisch

Landidylle
Landidylle

Ich möchte mich jetzt überhaupt nicht in die Debatten um industrielle Landwirtschaft, Bio-Landbau, vegane Ernährung und ökologisch korrektes Verhalten einmischen oder zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Allerdings stört mich an diesen Streitigkeiten häufig der Besserwisser-Modus.

Bevor man also sein besseres Bewusstsein zur Schau trägt, sollte man doch in aller Bescheidenheit das eigene Verhalten überprüfen. Es reicht halt nicht aus, das Richtige zu proklamieren, den wohlbehüteten Nachwuchs mit pestizidfreiem Karottenmus im Mehrweg-Glas zu ernähren und Toiletten mit Wasser-Spartaste zu bevorzugen. Es gibt auch Menschen, die verhalten sich unbewusst und ohne missionarischem Eifer höchst ökologisch. Wer zum Österreichurlaub mit der Bahn fährt, Pfälzer Riesling statt importierten Pinot Grigio trinkt, seine Socken stopft, im Hochhaus wohnt und mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, verhält sich ökologischer als die übliche Schlaumeier-Klientel, die im Öko-Feinkostladen einkaufen geht, exotische Fernreiseziele mit dem Flugzeug ansteuert, fremde Kulturen und unberührte Natur genießen will (die dann nicht mehr unberührt ist), im tropenholzfreien Designerbett nächtigt, Balsamicoessig auf den Salat tröpfelt, Aloe vera auf die Haut schmiert und als Berufspendler mit Energiespar-Haus in ländlicher Idylle im Turbodiesel-Volvo täglich die moralische Überlegenheit im Berufsverkehr-Stau dokumentiert.

Wer Tropenholz boykottiert und nicht gleichzeitig den Kahlschlag für Ölpalmen- oder Gummibaum-Plantagen verhindert, sollte sich fragen, warum er Latex-Produkte noch ökologisch bewertet. Wer in Latex-Gamaschen auf Sylt über die Steuerabzugsfähigkeit von Spenden an WWF & Co. sinniert, hat nichts begriffen. Auch Naturkosmetik auf Palmölbasis killt den Regenwald. Genauso fragwürdig ist das Bedürfnis, Brot nur mit Amaranth zu backen und den Importweg aus Südamerika aus dem Hirn zu streichen.

Hinter der Öko-Premium-Image-Fassade verbirgt sich häufig Eulenspiegelei. Etwa bei Biokunststoffen, die höchst unerwünschte „Neben-Eigenschaften“ aufweisen. Sie sind leicht entflammbar und sehr reaktionsfreudig mit Wasser. Deshalb werden sie mit weiteren Polymeren und Zusatzstoffen kombiniert. Um sie formbar zu machen, setzt man Weichmacher und Plastifizierungsmittel wie Sorbit oder Glycerin ein. Eine wasserabweisende Wirkung entsteht durch die Zugabe von Polymeren wie Polyester. Wie soll dieser Cocktail umweltschonend abgebaut werden? Es ist daher kein Wunder, wenn die Bioplastik-Lobby den kostspieligen Aufbau von Sortier- und Recyclingsystemen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt.

Um die tatsächliche Umweltbelastung festzustellen, müssen alle relevanten Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebensweges vom Abbau der Rohstoffe – inklusive Hilfsstoffe und Energieträger, über die Transportwege bis hin zur Entsorgung betrachtet werden.

Die Möglichkeit der Kompostierung bringt keine Umweltvorteile und ist in der Praxis nur schwer umsetzbar. Die privaten und kommunalen Kompostwerke in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz, die Kompost mit hoher Qualität herstellen, sind wenig begeistert von der Diskussion über „kompostierbare“ Kunststoffe. Ziel der Kompostierung ist der möglichst rasche und verlustarme Abbau der organischen Ursprungssubstanzen und gleichzeitig der Aufbau stabiler, pflanzenverträglicher Humussubstanzen.

Dass ein Werkstoff biologisch abbaubar ist, bedeutet noch lange nicht, dass diese Umwandlung in einem Rotteprozess der technischen Kompostierung tatsächlich im gewünschten Ausmaß erfolgt. Aus gutem Grund rät die Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) davon ab, „Bioplastik“ in die Biotonne zu werfen. Mit rund zehn Wochen liege die Behandlungszeit von solchen Stoffen deutlich über dem normalen Biomüll. Teile des Bioplastiks tauchen deshalb im Kompost als Fremdstoffe auf, verschlechtern die Qualität und erschweren die Vermarktung. Öko-logisch? Nee. Wer mal genauer auf die Bioplastik-Verpackungen schaut, wird erkennen, dass die Hersteller Sätze im Konjunktiv bevorzugen. Informationen, wo denn nun eine Kompostierung stattfindet, verschwinden in irgendwelchen Wortblähungen und dem Pyromanen-Hinweis, dass diese Biokunststoffmasse zumindest „thermisch“ verwertet werden können. Schon klar.

Nähern wir uns der Landwirtschaft: Wie fällt die Ökobilanz bei „natürlichen Pflanzensorten“ aus, die von den Biobauern eingesetzt werden? Stichwort Mutationszüchtungen, die durch Strahlung oder Chemikalien das Erbgut massiv verändern. Wie viele künstliche Gene aus der Atomwirtschaft kamen zum Einsatz, um die Nutzpflanzen zu verändern? Wir reden hier also nicht über Gentechnik, sondern über „natürliche Pflanzensorten“.

So natürlich sind diese Pflanzensorten nämlich nicht: Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik.

Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen Verfahren wie Räuchern oder Pökeln zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel „entfremden“, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit.

Die „unberührte“ Natur taugt wenig zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern. Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu „unverfremdeter“ Rohmilch greifen möchte, soll das tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein.

Wer also über die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion lästert, sollte zumindest die Vergangenheit nicht glorifizieren oder verzerren. Ein Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte die Sinne schärfen. Wie sah die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland aus? Wie hoch war die Lebenserwartung? Wie viele Menschen sind an Mangelernährung gestorben? Und welche Bevölkerungskreise waren davon betroffen und welche nicht?

Und dann hätte ich da noch ein paar Fragen, die mir vielleicht die großen Naturkost-Firmen beantworten können – also Rapunzel und Co.. Wie hoch ist die Importquote an Vorprodukten, die bei der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen? Aus welchen Ländern werden diese Vorprodukte importiert? Und wie werden die ökologischen Standards in diesen Ländern sichergestellt? Wie werden die Vorprodukte angeliefert (Schiff, Flugzeug und LKW) und was für Transportentfernungen haben diese Vorprodukte auf dem Buckel?

Und warum ist noch mal in den 90er Jahren das Mehrwegsystem der Naturkost-Hersteller für pestizidfreien Karottenmus, Tomatensaft und Hönig von glücklichen Bienen zusammengebrochen? Und warum konnten nur mickrige ein bis zwei Umläufe der „Mehrweg-Gläser“ erreicht werden, für die sich jeder Bierbrauer schämen würde. Öko-logisch?

Und dann würde mich noch interessieren, wie viel industrielle Massenfertigung in der ökologischen Landwirtschaft steckt, denn schließlich kann ich Bioprodukte schon in jedem Discounter in Deutschland kaufen?

Vielleicht könnten ja die Agrarblogger meine Fragen heute Abend schon mal aufgreifen und weiter diskutieren:

Ernährung als Glaubensfrage

panoramaEigentlich wollte Sandra Maischberger in ihrer Talkrunde „die größten Ernährungslügen“ mit Hilfe von Spitzenköchen, Verbraucherschützern und einer Vertreterin der Lebensmittelindustrie aufdecken. Herausgekommen ist die übliche Brühe an Verdächtigungen gegen die Lebensmittelindustrie und wissenschaftlich höchst zweifelhafte Hypothesen über die Grundsätze gesunder Ernährung. Von Omega-3-Broten bis Anti-Aging-Bier wird der Verbraucher mit zweifelhaften Wunderwirkungen und Zusatznutzen veräppelt.

Einzig der streitbare Lebensmittelchemiker Udo Pollmer setzte den naiven Weisheiten der versammelten „Experten“ etwas Realismus entgegen: „Essen macht satt. Nicht schön oder gesund“, so Pollmer. Ungesund sei Essen nur dann, wenn aus Versehen eine Glasscherbe mit hineingerührt wurde. Bier gegen das Altern, vegetarische Ernährung gegen Krebserkrankungen und sonstige Mythen seien hochgradiger Quatsch. So bestehe der „ernährungsphysiologisch so wertvolle“ Kopfsalat zu 95 Prozent schlichtweg aus Wasser und zu 2 Prozent Zellulose. „Packen Sie ein Taschentuch in ein Glas Wasser, dann kommen Sie schon ungefähr auf diesen Wert“, so Pollmer. „Mit einer 100-Gramm-Portion nimmt man phantastische 1,52 Gramm Eiweiß, 1,10 Gramm Kohlenhydrate sowie geschlagene 1,52 Gramm Ballaststoffe zu sich. Dafür ist er mit 0,22 Gramm Fett ziemlich mager. Da schlagen Ernähungsberaterherzen doch gleich höher“, so Pollmer.

Die Vitamine könne man im Salat mit der Lupe suchen: „Was, Sie finden immer noch nix? Es braucht wohl besonders empfindlich Analysemethoden, um des Vitamins C habhaft zu werden. Ansonsten duckt es sich gern unter die Nachweisgrenze“, erklärt Pollmer. Anders verhält es sich mit Nitrat. Da komme man auf 250 Milligramm. Nitrat liege deutlich vor Chlorid, Phosphor und Calcium. Und wenn der Bauer ordentlich dünkt, könne es schon mal das Doppelte sein. Dann kommen noch hormonelle Wirkstoffe hinzu. „Der Salat im alten Griechenland hieß bei Pythagoräern nicht ohne Grund Eunuchenkraut“, sagte Pollmer in der Sendung.
All das konnte die Schauspielerin Marion Kracht als „Ernährungsexpertin“ nur schlecht verdauen. Die bekennende Vegetarierin konterte schlicht und einfach: Sie könne das von Pollmer Gesagte nicht glauben. Na ja, der Glaube versetzt Berge und irgendwie müssen die Anbieter von super-gesundem Obst und Gemüse auch ihr Geschäft machen.

Buchtipp:
Pollmer

SOA für den Einzelhandel: Besser beraten, schneller bedienen, mehr verkaufen

NRFNach Analysen von Richard Mader, Executive Director der Association for Retail Technology Standards (ARTS), erkennt der Einzelhandel immer mehr, wie unverzichtbar serviceorientierte IT-Architekturen (SOA) für das laufende Geschäft, für neue Produkte und Dienstleistungen sind.

In einer SOA-Umgebung werden Anwendungen, die Geschäftsprozesse in einem Netzwerk durchführen, als unabhängige Dienstleistungen zur Verfügung gestellt – ohne Restriktionen hinsichtlich der Technologiebesonderheiten von Windows, Unix, Java oder C-Sharp. „Eine IT-Abteilung muss nicht für jede neue oder geänderte Geschäftsanforderung einen Anwendungscode entwickeln oder kaufen. Sie erhält den Zugang über Freeware oder durch einen Vertrag mit den Anbietern eines bewährten Codes. Ein Großteil dieses Austauschs erfolgt im Internet über Web Service-Standards“, sagt Mader.

DSC_0016Den Nutzen von SOA bestätigt auch Tudor Andronic, verantwortlich für Retail Systems Development beim Balinger Technologiespezialisten Bizerba. „Was eine bestimmte Einheit für das Gesamtnetz leistet, wird als Dienst, als Service, fest definiert. Jede andere Einheit des Systems kann über eine Schnittstelle diesen Service aufrufen und auf die entsprechenden Informationen zugreifen“, erläutert Andronic.

Die Grundidee sei dabei nicht neu. „Es war immer so, dass Applikationen versucht haben, vernünftig miteinander zu reden. Es waren aber die technischen Mittel nicht vorhanden, um so etwas zu realisieren – also Geschwindigkeit, Größe, Unabhängigkeit von Betriebssystemen und Plattformen“, so der Experte von Bizerba. Das sei das Revolutionäre an SOA. Ein Gesamtsystem könne aus völlig unterschiedlichen Bausteinen bestehen und trotzdem könnten sie plattformübergreifend miteinander kommunizieren.

ARTS ist davon überzeugt, dass SOA langfristig ein entscheidender und notwendiger Bestandteil erfolgreicher IT-Abteilungen im Einzelhandel ist. „Das wird durch die SOA-Implementierung bei Harrods, Home Depot, Federated, Kohl’s Raley’s und Yum gestützt, um nur ein paar Namen zu nennen. Es gibt viele Vorteile bei der Planung und Implementierung einer SOA-Strategie, wobei zu den typischen Faktoren für den Anfang die folgenden zählen: Die Bündelung verschiedener Kanäle in einen, so dass die Kunden beim Kauf im Internet, Kiosk oder Laden dieselben Dienstleistungen erhalten. Alle Informationen werden verbunden, um die langersehnte Gesamtansicht des Kunden zu bieten“, erläutert Mader.

Zu den Vorteilen für den Handel zählt Mader die Flexibilität bei Unternehmensverfahren, eine schnellere Reaktion auf Marktveränderungen, das Angebot eines personalisierten Einkaufserlebnisses für Kunden im Internet, die Einführung eines spezialisierten Internetportals für Lieferanten, Mitarbeiter und andere Geschäftspartner, der Wechsel von manuellen zu automatisierten Transaktionen zwischen Lieferanten und Einzelhändlern sowie zwischen Einzelhändlern und deren Kunden.

„Die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern bei neuen Produkten, Promotion und Werbung wird verbessert. Es können intelligentere Tools bereit gestellt werden für Data-Mining, Mustererkennung und statistische Methoden, um Diebstahl und Betrug zu bekämpfen. Man kann doppelte Systeme ausschließen und erhöht die Effizienz durch die Übernahme von Standards, die die Interoperabilität ermöglichen. Man eröffnet die Möglichkeit, die vorgefertigten Dienstleistungen Dritter in die Anwendungen der Einzelhändler zu integrieren, beispielsweise Google Maps“, resümiert Mader.