Ratingagenturen als Staat im Staate: Die Fehlurteile der Ramsch-Experten


So langsam wachen nun auch die Politiker in Europa auf und positionieren sich gegen die Allmacht der Ratingagenturen. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil der Bankenprobleme mit faulen Wertpapieren durch die höchst fragwürdigen Bewertungen aller möglichen „innovativen“ Finanzprodukte entstand. Vor vieren Jahren gaben die Ratingagenturen noch beste Bewertungen für Griechenland ab und votieren jetzt mit einer Einstufung auf dem Niveau von Pakistan oder Jamaika. Da sag ich noch mal: Idioten sind die besseren Experten! Die Forderung des Hamburger Ökonomen Thomas Straubhaar ist deshalb richtig: „Entmachtet die Ratingagenturen.“ Man dürfe das Treiben dieser Agenturen nicht ernst nehmen. Es seien Einschätzungen unter vielen.

„Bei aller Entrüstung der Politiker darf aber auch nicht vergessen werden, dass sie den Rating-Schlamassel selbst mitverursacht haben. Denn die Agenturen haben niemanden gezwungen, ihr Urteil zum Maßstab zu erheben. Sie machen einfach ihren Job. Dennoch wurde der Bezug auf Bonitätsnoten in viele Gesetze übernommen – etwa EU-Richtlinien, welche die Eigenkapitalvorschriften namens Basel II europaweit verbindlich machen“, schreibt Spiegel Online.

Auf den Punkt hat das Professor Rudolf Hickel in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“ gebracht:
Das völlig überschätztes, allmächtiges Urteil der Ratingagenturen könne für Unternehmen und Staaten massive Folgen haben. „Sind die Noten zu gut, profitieren die Investmentbanken, die die bewerteten Finanzprodukte aufgelegt haben. Je schlechter dagegen die Note, umso höhere Zinsen müssen gezahlt werden. Es kann sogar zum Boykott bei der Kreditvergabe kommen. Damit übernehmen die Rating-Agenturen eine quasi-hoheitliche Staatsaufgabe. Diese wird jedoch von privatwirtschaftlichen und damit an der Gewinnerzielung ausgerichteten Unternehmen wahrgenommen. Zur jüngsten Geschichte der meisten Rating-Agenturen gehört die Blamage in der letzten Finanzmarktkrise. Es wurden künstliche Vermögensanlagen, die sich später als Ramschpapiere herausstellten, mit den besten Noten versehen. Für diese Fehlurteile übernehmen die Rating-Agenturen keine Verantwortung. Dies steht klar im Widerspruch zu ihrem Einfluss„, kritisiert Hickel. Da wirkt die Aussage des Deutschland-Chefs der US-Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P), Torsten Hinrichs, wie Realsatire: Die Bedeutung hätten sich die drei großen Agenturen über die vergangenen Jahrzehnte erarbeitet.

Die Finanzmärkte sowie die Europäische Zentralbank sollten sich von den Ratschlägen unabhängig machen. „Es wird schon lange eine grundlegende Reform gefordert. In den USA wird die Demontage dieser Schuldenrichter verlangt. Die Bundesregierung arbeitet an einer Reforminitiative. In Europa wird eine EU-Rating-Agentur vorgeschlagen, die allerdings politisch völlig unabhängig vor allem von der Europäischen Zentralbank arbeiten muss“, so Hickel. Die Frage ist nur, warum man seit 2009 nichts getan hat?

Kreditklemme größte Bedrohung für Unternehmen – Traditionelle Konjunkturimpulse führen in die Irre

Alte Instrumente der Wirtschaftspolitik versagen
Alte Instrumente der Wirtschaftspolitik versagen
Wirtschaftswissenschaftler werten die Kreditklemme als größte Bedrohung für die Wirtschaft. „In Zeiten, die so weit jenseits der Normalität liegen, führen die traditionellen Methoden der Bestimmung der erforderlichen Konjunkturimpulse in die Irre“, warnen beispielsweise die Ökonomen George A. Akerlof und Robert J. Shiller.

Die politischen Akteure müssten deshalb auch eine Vorgabe für das Volumen der unterschiedlichen Kredite entwickeln, das gewährt werden soll. „Dieses Ziel sollte dem Kreditvolumen entsprechen, das normalerweise mit Vollbeschäftigung einhergeht“, so Akerlof und Shiller. Es müssten Kredite für diejenigen verfügbar sein, die sie unter normalen Umständen verdienen. Die Idee eines Kreditziels sei außerordentlich wichtig, damit Unternehmen, die auf Fremdkapital zählen, nicht künstlich in die Pleite getrieben werden.

„Wir sehen vor allem die Verschlechterung der Kreditbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe mit Sorge. Jetzt rächt sich, dass die Bundesregierung den Banken einen Schutzschirm aufgespannt hat, ohne sie, wie etwa Großbritannien, zur Mittelstandsfinanzierung zu verpflichten“, moniert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW).

Auch die Unterkapitalisierung vieler Mittelständler gebe Anlass zur Sorge. Dadurch seien in Zeiten einer globalen Finanzkrise und knappen Geldes Insolvenzen vorgezeichnet. Zur Verbesserung der Eigenkapitalausstattung im Mittelstand schlägt Ohoven einen Drei-Punkte-Plan vor: die steuerliche Freistellung aller im Betrieb verbleibenden Gewinne; die Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte und die vollständige Abschaffung der Erbschaftsteuer.

Darüber hinaus sollte die Vergabe von Krediten an Klein- und Mittelbetriebe durch die KfW im Rahmen des 100-Milliarden-Programms der Bundesregierung beschleunigt werden. „Es muss möglich sein, dass Kreditanträge durch die Förder- und Bürgschaftsbanken innerhalb von zehn Banktagen bearbeitet werden“, so der Mittelstandspräsident.

Im zweiten Konjunkturpaket hat die Bundesregierung KfW-Kreditsonderprogramme von 40 Milliarden Euro bereitgestellt. Bislang würden aber nur Anträge im Umfang von 2,4 Milliarden Euro vorliegen. Verantwortlich dafür seien die zu strengen Kriterien der KfW bei der Besicherung von Betriebsmittelkrediten und der eingeforderten Bonitätsklasse vier. Die KfW wiederum sieht die Probleme bei den Hausbanken. „Weder wir noch der Staat können die Banken zum Saufen tragen“, so KfW-Chef Ulrich Schröder gegenüber der Zeitschrift Capital. Der Bund drängt nunmehr die Staatsbank KfW zur Nachsicht gegenüber den Antragsstellern und fordert eine flexiblere Vorgehensweise bei der Kreditvergabe.

Hoffnungsträger Mittelstand: Inhabergeführte Unternehmen werden wichtiger

Expertenforum Mittelstand
Expertenforum Mittelstand
„Hoffnung Mittelstand“ ist nicht nur ein häufig gehörte Formulierung in Krisenzeiten, sondern auch der Titel eines Sammelbandes, herausgegeben von Marc Beise und Lutz Diedrichs. Mittelständler hatten kein Konto bei Lehman Brothers, sie würden in der Regel keine Geschäfte mit komplizierten Derivaten machen und enthalten sich bei der globalen Zockerei auf den Finanzmärkten – aber sie bekommen dennoch die Folgen der Krise zu spüren und stehen unter dem Generalverdacht der Kapitalismus-Kritiker.

Doch mit der Gier von Managern und Fondsverwaltern, die kurzfristig Renditen von über 25 Prozent erzielen wollen, kann man die mehrheitlich inhabergeführten mittelständischen Unternehmen nicht in einen Topf schmeißen. Bei rund 95 Prozent der 3,2 Millionen Unternehmen liegt die Firmenleitung in der Hand der Eigentümer. Sie stehen für 41 Prozent der gesamten deutschen Unternehmensumsätze und für 57 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen. „Trotz ihrer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland haben die Familienunternehmen auch ohne Lafontain’sche Übergriffsversuche einen schweren Stand – das bescheinigt ihnen das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Es legte Anfang 2008 eine Vergleichsstudie Standortfaktoren in 18 Industrieländern vor, in der Deutschland gerade mal Platz zwölf einnimmt“, kritisiert die SZ-Redakteurin Dagmar Deckstein in ihrem Buchbeitrag. Aber in der Krise würden sich die Mittelständler trotzdem besser durchsetzen als Konzerne. Davon ist SZ-Redakteurin Elisabeth Dostert überzeugt. Sie verweist auf Analysen von Arnold Weissman, Berater und Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Regensburg. Die 40 größten Publikumsgesellschaften brachten es nach Weissmans Berechnungen im vergangenen Jahr auf zusammen rund 890 Milliarden Euro Umsatz, die Familienunternehmen auf 545 Milliarden. Im Jahr 2012 werden die 40 größten Familienkonzerne zusammen größer sein als die 40 größten Publikumsgesellschaften. Ihre Standorttreue und ihre Bedeutung für die Beschäftigung in Deutschlande sollt man aber nicht durch Bürokratie, unflexible Arbeitsmärkte und zu hohe Steuern bestrafen. Konzerne würden sich ins Ausland verdrücken, der Mittelstand hingegen sei heimatverbunden.

Wenn Deutschland die gegenwärtige globale Wirtschaftskrise überwinden kann, dann nur dank eines stabilen Mittelstands. Besser als jedes kurzatmige Konjunkturprogramm ist daher eine nachhaltige Politik zur Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen. So muss nach Auffassung von Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) die Kreditvergabe deutlich verbessert werden. „Viele Unternehmen geraten nur deswegen in die Insolvenz, weil die Banken ihnen den Kredithahn zudrehen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Um diesen verhängnisvollen Kreislauf zu durchbrechen, muss die Bundesregierung ihren Einfluss nutzen. Geld aus dem staatlichen Rettungstopf dürfen die Banken nur dann erhalten, wenn sie auch ihrer gesamtwirtschaftlichen Aufgabe nachkommen und den Mittelstand ausreichend mit Kredit versorgen“, fordert der Mittelstandspräsident. Es könne auch nicht sein, dass der Staat auf der einen Seite den Unternehmen einen Rettungsschirm aufspannt – und auf der anderen Seite den gleichen Unternehmen durch eine völlig überzogene Steuerpolitik Liquidität entzieht. „Die Stichworte hierzu heißen Zinsschranke, vorgezogene Abführung von Sozialabgaben, Beschränkung der Verlustverrechnung und so fort. Handlungsbedarf gibt es auch bei der Mehrwertsteuer. Weil diese bereits bei der Rechnungslegung fällig wird, geben die Unternehmen dem Staat einen zinslosen Kredit in Milliardenhöhe“, kritisiert Ohoven. Ein weiterer Punkt wäre die Senkung der Mehrwertsteuer zur Ankurbelung der Binnennachfrage. Von einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz würden vor allem Handel und Handwerk profitieren. Hier habe die Europäische Union Deutschland in Zugzwang gesetzt.

Krise als Katalysator für die Telekommunikation: Notwendige Marktkonsolidierung wird beschleunigt

Die Finanzierungsbedingungen am Kapitalmarkt haben sich in den vergangenen Monaten auch für die Telekommunikationsbranche deutlich verschärft. Zu diesem Urteil gelangte Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg, der sich auf der Euroforum-Jahrestagung „Telecom Trends“ in Düsseldorf zu den Auswirkungen der Finanzkrise für die Bonitätseinschätzung der Unternehmen äußerte. „Der kurzfristige Commercial-Paper Markt war als alternative Finanzierungsquelle nur begrenzt nutzbar und Neuemissionen von Unternehmensanleihen sind ins Stocken geraten. Die Finanzierungsoptionen der Unternehmen werden unseres Erachtens derzeit ausschließlich von dem Motto ‚Cash is King’ getrieben“, so Burkert.

Die Unsicherheit an den Märkten dürfte nach Einschätzung des Bankmanagers die Finanzierungsperspektiven für die Unternehmen auch in den nächsten Monate mitbestimmen, was aufgrund der deutlich gestiegenen Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen die Finanzierung für die Firmen verteuern werde. „An dieser Stelle sind Unternehmen mit einer mittelständischen Unternehmerkultur, die stark auf Eigenkapital setzen, klar im Vorteil. Sie können jetzt ihre Stärken ausspielen. Zum einen stehen für solche Unternehmen immer noch sehr wettbewerbsfähige Konditionen zur Verfügung, zum anderen blockieren die Finanzierungsfragen nicht das Management“, erläutert Branchenkenner Andreas Latzel, Deutschlandchef des TK-Konzerns Aastra. Sein Unternehmen habe seit mehr als zehn Jahren ununterbrochen einen positiven Cash Flow. „Trotz großer Akquisitionen, können wir uns voll auf das operative Geschäft konzentrieren und gleichzeitig die Chancen nutzen, die sich in der aktuellen Situation ergeben“, sagt Latzel.

Nach Marktanalysen des Beratungshauses Booz & Co. wird die Rezession eine Katalysatorfunktion für die notwendige Marktkonsolidierung und Strukturanpassung der Industrie übernehmen. „Nur durch Übernahmen, Zusammenschlüsse und Kooperationen lassen sich für die Netzbetreiber noch Skaleneffekte erzielen. Gleichzeitig ermöglichen neue Netzbetriebsmodelle wie Outsourcing, Netzwerk-Sharing oder die Integration des Festnetz- und Mobilfunk-Netzbetriebs deutliche Kostensenkungen“, führt Booz & Co. aus. Das laufende Geschäft sei auf allen europäischen Kernmärkten geprägt von sinkenden Preise, stagnierenden oder sogar abnehmenden Umsätzen. Sprachtelefonie und Internetanschlüsse böten im weitgehend gesättigten deutschen Markt kaum noch Wachstumspotenziale für Fest- und Mobilfunknetzbetreiber. Harte Einschnitte werden auch bei Handy-Herstellern erwartet. „Der branchenweite Handy-Absatz war 2008 geschätzt um neun Prozent gestiegen. Nach dieser schnellen Expansion ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Markt jetzt regelrecht abgewürgt wird. Ein Schrumpfen um bis zu zehn Prozent im laufenden Jahr wird vorhergesagt. Gemessen am Volumen würde der Markt damit doppelt so stark zurückgehen wie während des Platzens der Internetblase“, berichtet Breaking News.

Generell herrsche ein dramatischer Mangel an Führungsstärke und geeigneten Strategien, um den besonderen Anforderungen einer Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes adäquat zu begegnen. So konzentrieren sich nach der Booz & Co.-Studie 65 Prozent der finanziell angeschlagenen Unternehmen trotz akuter Refinanzierungsprobleme am Kapitalmarkt nur unzureichend auf Aufbau und Erhalt ihrer Liquidität. „Es gab Zeiten, da hat man Unternehmen belächelt, die selbst im Rahmen von Akquisitionen zum überwiegenden Teil die Eigenkapitalfinanzierung gewählt haben, weil es schien, dass sie mit dem Marktwachstum von Wettbewerbern nicht mithalten können. Was es bedeutet, solches Wachstum fremd zu finanzieren, zeigt sich jetzt am Beispiel großer Konzerne. Mit den auch in den besten Zeiten gewahrten Finanzdisziplin ist die Liquidität für uns kein Thema, das Managementressourcen bindet“, gibt sich Latzel selbstbewusst. Eine solide Finanzierung zahle sich in der Krise aus – als Risikovorsorge und gegenüber schwächer aufgestellten Wettbewerbern. Gezielte Investitionen in Produkte und Absatzmärkte hätten dann einen viel größeren Hebel.