
Handkuss oder Zungenkuss? Luhmann macht’s mit Charme, Lesung aus dem Buch: Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?, Kadmos-Verlag.

Handkuss oder Zungenkuss? Luhmann macht’s mit Charme, Lesung aus dem Buch: Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?, Kadmos-Verlag.

Kadmos zählt bekanntlich zu meinen Lieblingsverlagen, weil er immer wieder höchst ungewöhnliche Titel auf den Markt bringt, die sich vom Besteller-Einheitsbreit abheben. Höchst lesenswert sind auch die liebevoll formulierten Newsletter, die ich vom Team des Kulturverlags bekomme. Etwa das jüngste Opus über den nicht ummerkwürdigen Umgang mit Außerirdischen. So wird mir in angespannten Zeiten die soziologische Gelassenheit Niklas Luhmanns empfohlen, wie in dem von Klaus Dammann herausgegebenen Band „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ zu lesen ist (Lektüre könnte auch für NATO, EU, Putin und Co. sinnvoll sein).
„Mittlerweile sind, noch vor Öffnung seines Nachlasses, fast zweihundert Interviews und Gespräche gefunden worden, deren Existenz selbst Luhmann-Kennern kaum bekannt sein dürfte. Ausgewählt haben wir für diesen Band einige Diskussionen, in denen Luhmann in nicht unmerkwürdiger Gesellschaft auftritt: in linken und rechten, in ungenderisierten und feministischen Alternativblättern, bei SPIEGEL und FOCUS, in Talks mit einem links verorteten politischen Theologen, aber auch mit einem Rasseforscher. Darüber hinaus wird hier Niklas Luhmann als „Popstar ohne Zettelkasten“ sichtbar, mit fast schon sprichwörtlich trockenem Humor. Freilich wäre man bei seiner Antwort auf die Titelfrage auch auf die Teesorte neugierig: eher beruhigend oder anregend oder gar ein Power-Chai?“
Ungewöhnliche Umstände begleiteten den Luhmann-Band, seien es die höchst sonderbaren Kornfeldmarkierungen auf dem Kadmos-Fußabtreter, sei es die lange Produktionszeit des Buches, das nun in doppelter Weise fertig geworden ist.
„Zwar war diesmal nicht der Palettenschieber oder der Druckfehlerteufel tätig, sondern sein weniger gemeiner Bruder, der Druckauftrag-Beelzebub (oder waren gar Außerirdische am Werk?). Ihm bzw. ihnen ist es zu verdanken, dass wir nolens volens zwei verschiedene Fassungen haben, eine gebundene und eine broschierte: ein nicht ganz unmerkwürdiger Umstand, dem wir nun durch eine gewisse Preisdifferenz abhelfen wollen, die gebundene Ausgabe wird wie angekündigt 19,90 Euro kosten, die broschierte 14,90 Euro“, teilt der Verlag mit.
Diesen und viele andere schöne Bände kann man auch auf der Leipziger Buchmesse in Augenschein nehmen, die vom 13. bis 16. März stattfindet, darunter auch alle wichtigen Neuerscheinungen:
Christine Kirchhoff/Falko Schmieder: „Freud und Adorno. Zur Urgeschichte der Moderne“
Die Beiträge des Bandes spüren gemeinsamen Motiven und Fragen Freuds und Adornos nach und untersuchen die Rezeptionsgeschichte von Psychoanalyse und Kritischer Theorie.
Mark Butler: „Das Spiel mit sich (Kink, Drugs & Hip-Hop). Populäre Techniken des Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts“
Das Modifizieren des Körpers, das Fetischisieren von Dingen und die Rituale des BDSM; die Einnahme von Cannabis, Kokain, Amphetamin und MDMA; Writing, DJing, Breaking und MCing – allen untersuchten Praktiken ist gemeinsam, dass es Spiele sind bei denen der Einsatz das Selbst ist.
Oliver Ruf: „Wischen und Schreiben. Von Mediengesten zum digitalen Text“:
In diesem Band geht es sowohl um die Verortung »bewegten Schreibens« im Kontext einer „postmodernen Epochenschwelle“ (Lyotard) als auch um die Fokussierung der Provokationen des Poststrukturalismus auf zentrale theoretische Fluchtlinien.
André Meinunger: „Sick of Sick?“
Die humorvolle Antwort der Sprachwissenschaft auf Bastian Sick (erweiterte und durchgesehene Auflage).
Der Kadmos-Verlag freut sich auf Euren Besuch in Halle 3 am Stand G208, auch Außerirdische sind willkommen und auf einen Tee eingeladen. Leider werde ich es in diesem Jahr wieder nicht nach Leipzig schaffen. Aber Frankfurt dann im Herbst. Versprochen.

„Flaschenpost an die Zukunft“ ist auch der Titel eines neuen Buches des Kadmos-Verlages und beinhaltet ein Gespräch des Künstlers Till Nikolaus von Heiseler mit dem Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, das kurz vor seinem Tod vor gut zwei Jahren aufgezeichnet wurde. Es dokumentiert das intellektuelle Vermächtnis des großartigen Denkers, der die Medienwissenschaften neu erfand.
Formate der postmedialen Epoche
Es geht um den Zusammenhang von Kulturtechniken und der Entwicklung des Wissens. Mit der Computerkommunikation stoßen wir in eine postmediale Ära. Es dominieren nicht mehr massenmediale, sondern soziale Formate. Und der Kampf um den Augapfel, der zwischen Fernsehbildschirm und Computermonitor ausgetragen wird, kennt nur einen Sieger: den Computer. Vor gut 20 Jahren ist Kittler für diese These noch ausgelacht worden.
„Und was sehen wir heute: absolute Medienkonvergenz, aber eben in eine einzige Richtung: Alle anderen analogen und halbdigitalen Medien fließen in dieses eine universale hinein, wie es ihm von der Seinsgeschichte bestimmt worden ist.“
Man kennt ja den Tonfall dieser E-Mails, die einen täglich überfluten und glücklicherweise fast immer direkt im Spam-Ordner landen. Deshalb musste ich das Stück zweimal lesen, um zu kapieren, dass dieses Opus ein netter Gag des Kadmos-Verlages ist, der übrigens ein sehr schönes und ambitioniertes Programm macht. Hier nun das prosaische Meisterstück:
Guten Tag!
Es ist in der Tat mein Vergnügen, diesen Brief zu schreiben, die ich glaube, wird eine Überraschung für Sie, wie wir vorher nie begegnet sein, und ich bin zutiefst leid, wenn ich in irgendeiner Art und Weise gestört, Ihre Privatspäre zu haben. Ich bin Herrn W.T. Burckhardt, Western Moabit, hier in Berlin. Ich arbeite mit Polar Bank, Southpol. Bei allem Respekt und Rücksicht, ich schreibe Ihnen aus meinem Büro, dass der immense Vorteil für uns beide sein wird. Ich bin der persönliche Buchhalter zu spät Mr. Kadmodopodopolos ein Geschäftsmann, ein griechischer Staatsbürger, der leider sein Leben verloren, seine Frau und ihre vierzig Kinder getötet, als ihr kleines Flugzeug stürzte in einer sumpfigen Gegend im Zentrum von Athen am 7. Juni 2012. Mr. Kadmodopodopolos, ein prominenter Geschäftsmann wurde die Planung zu kommen investieren in Bücher und andere profitable Unternehmungen hier in Berlin, dass er die Gesamtsumme von 13.700.000 Bücher (Dreizehn Millionen sieben 100.000 Bücher) in einem Keller hier in unsere Zentrale, die ich glaube, niemand weiß davon. Darunter sind, ganz niegelnagelneu:
Julia Köhne (Hg.): »Trauma und Film«
Mark A. Halawa: »Die Bilderfrage als Machtfrage«
Elke Freier: »Wer hier hundert Augen hätte …«
Madoka Yuki: »Ich-Fotographie«
Halina Hackert: »Sich Heimat erschreiben«
Sabine Zubarck/Bernhard Metz (Hg.): »Den Rahmen sprengen«
Tobias Nanz/Armin Schäfer (Hg.): »Kulturtechniken des Barock«Die Wahl der Kontaktaufnahme mit Ihnen, lieber Herr Sohn, ist aus der geographischen Natur, wo Sie leben, vor allem aufgrund der Sensibilität der Transaktion und die Vertraulichkeit hier geweckt. Jetzt ist unsere Bank hat für keine der Verwandten oder Partnern gewartet zu kommen-up für die Behauptung, aber niemand hat das getan. Ich persönlich habe schon bei der Ortung des Verwandten oder Partnern erfolglos, ich suche Ihre Zustimmung an Sie als nächsten Angehörigen oder Partner für unsere verstorbenen Kunden zu präsentieren, so dass die 13.700.000 Bücher (Dreizehn Millionen 700,000 Bücher) kann an Sie ausgehändigt werden, und so bin ich Ihnen versichern, dass dieses Geschäft 100% Risiko frei ist. Wenn dieser Vorschlag ist akzeptabel Wir bitten Sie, sich bemühen, mich sofort zu antworten. Es auch nicht müssen alle Bücher sein, können auch in Teilen.
Ich habe alle notwendigen rechtlichen Dokumente, die verwendet werden, um diese Behauptung wir sind zu treffen in Bezug auf diese Bücher werden kann. Alles was ich brauche ist es, in Ihrem Namen oder Informationen zu den Dokumenten zu füllen und zu legalisieren sie, um Sie als berechtigten Empfänger nachweisen. Alles, was ich verlangen, jetzt ist Ihre ehrliche Zusammenarbeit, feierliche Vertraulichkeit und Vertrauen, damit wir sehen diese Verhandlung durch. Ich garantiere Ihnen, dass dies unter einer legitimen Anordnung, die Sie aus einer Verletzung des Gesetzes schützt ausgeführt wird.
Bitte, geben Sie mir die folgenden, um es durchlaufen. Dies ist sehr dringend bitte.
Ein. vollständiger Name
2. Ihre Emailadresse
3. Ihre Kontaktadresse.
4. Ihr BuchwunschNachdem durch eine methodische Suche gegangen, entschied ich mich, Sie zu kontaktieren hoffen, dass Sie finden diesen Vorschlag interessant. Bitte auf Ihrer Bestätigung dieser Nachricht und geben Sie Ihr Interesse werde ich Ihnen Bücher liefern, versandkostenfrei. Bemühen, lassen Sie mich wissen, Ihre Entscheidung, anstatt mich warten. Rufen Sie mich an oder schreiben Sie mir nach dem Empfang der E-Mail: Tel.: 00493039789394.
Mit freundlichen Grüßen,
Mr. W.T. Burckhardt
P.S.: Dank an Mr. Fynch und Kollegen, ohne die dieses vergnügliches Stück niemals in Ihrem Spam-Ordner gelandet wäre.
Soweit die Mail. Das schafft doch Aufmerksamkeit 🙂
„WeTab-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen hat zugegeben: Er hat unter falschen Namen euphorische Besprechungen seines Tablet-PCs auf Amazon geschrieben. Nun zieht er sich als Geschäftsführer zurück – und lobt den Apparat gleich noch mal“, schreibt Spiegel Online. Den Stein hat der Blogger Richard Gutjahr ins Rollen gebracht. So kann es enden, wenn einem Kleinstunternehmer die Demut fehlt und er sich als deutschen Steve Jobs inszenieren will. Ich hatte das schon in der vergangenen Woche thematisiert.
Was aber passiert jetzt mit Helmut Hoffer von Ankershoffen. Soll er zur Beichte oder ins Kloster gehen, eine Woche lang heulen oder unter Pseudonym eine neue Manager-Karriere anstreben? Er könnte natürlich auch ein Buch über Demut-Marketing schreiben. Untertitel: Mein Weg zurück zur Nichtigkeit. Oder ein Opus des von mir sehr geschätzten Kadmos-Verlages lesen: „Dilettantismus als Beruf“, herausgegeben von Safia Azzouni und Uwe Wirth. In ihrer Einleitung schreiben die beiden: „Das Wort ‚Dilettantismus, schreibt Jacob Burckhardt in seinen ‚Weltgeschichtlichen Betrachtungen‘, ist ‚von den Künsten her im Verruf‘, wo man, ‚entweder nichts oder ein Meister sein und das Leben an die Sache wenden muss, weil die Künste wesentlich die Vollkommenheit voraussetzen‘. In den Wissenschaften (und bei der Entwicklung von Tablet-PCs, gs) könne man dagegen ’nur noch in einem begrenzten Bereiche Meister sein, nämlich als Spezialist, und irgendwo soll man dies sein‘ (vielleicht in der Disziplin „Demut-Marketing“, gs).“ Wer hier nicht die Übersicht verlieren will, sollte an möglichst vielen Stellen Dilettant sein, wenigstens auf eigene Rechnung. Goethe und Schiller schreiben in ihrem Fragment „Über den Dilletantismus“: Der Dilettant scheue „das Gründliche“, denn „er überspringt die Erlernung nothwendiger Kenntnisse, um zur Ausübung zu gelangen“ (beispielsweise bei der Präsentation eines iPad-Konkurrenzgerätes, gs).
Mit geschickter Reklame könne man die Öffentlichkeit mobil machen und sich als professioneller Dilettant gegen die Herrschaft der Experten in Szene setzen – man sollte dabei aber auf dümmliche Rezensionen verzichten und sich nicht als schlechte Kopie des Computerjournalisten Peter Glaser ausgeben. Als ironischer Dilettant könnte man die Scheinrationalität von Forschern und Fachleute bloß stellen, wie es Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ getan hat. Andreas Gailus geht in seinem Beitrag darauf ein: „Dumme Kommunikation ist der punktuellen Semantik wissenschaftlicher Kommunikation diametral entgegengesetzt; sie ersetzt ‚ein gezieltes Handeln durch ein Voluminöses (das hat der WeTab-Chef aber perfekt umgesetzt, eventuell kennt er diesen Sammelband schon, gs), Intension durch Extension: ‚denn je undeutlicher ein Wort ist, umso größer ist der Umfang dessen, worauf es bezogen werden kann‘. Wo nichts Genaues gesagt wird, ist jeder jederzeit in der Lage, dem Gesagten etwas hinzuzufügen“, so Gailus. (Die Zitate entstammen dem Essay von Robert Musil „Über die Dummheit“).
Der technologische Dilettant und Steve Jobs-Imitator könnte einfach auf Zeit spielen. „Erfinder wird man nicht durch Mitgliedschaft oder gar geduldige Diplome, sondern allein durch den Erfolg oder durch das Urteil der Geschichte“, so Franz Maria Feldhaus – zitiert von Markus Krajewski. Aus diesem Kapitel könnten alle WeDeppen dieser Welt Hoffnung schöpfen: „Im Scheitern ruht die Saat des künftigen Fortschritts. So wie in jedem misslungenen Plan ein epistemologischer Überschuss steckt, das Residuum einer unzerstörten Möglichkeit des Gelingens, eine zu ziehende Lehre, mit deren Hilfe ein nächster Versuch unter günstigeren Bedingungen starten kann – zumal bei Projekten, die auf Wiederholbarkeit angelegt sind…“, führt Krajewski aus. Man könnte von vornherein Blogger wie Richard Gutjahr als Testpersonen für technologische Prototypen heranziehen und vor der öffentlichen Präsentation des Produktes an der Demut arbeiten.
Siehe auch:
Ovid, Steve Jobs und die Klugheitslehre: Wie man mit Luftstreichen und Gerüchten die Konkurrenz verblüfft.
Zur Frage der Demut sollte man sich auch das Ankershoffen-Interview von 2008 durchlesen: „Wir kratzen an der Marktdominanz von Google“.

FAZ-Neurofeuilletonist Frank Schirrmacher versucht mittlerweile, seine Payback-Thesen etwas sachlicher ins Feld zu führen. So fordert er, dass die Informatiker aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden müssen. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden. „Was ist voraussagende Suche und was kann sie? Was ist ‚profiling‘? Wer liest uns, während wir lesen? Technologien sind neutral, es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Um das zu können, brauchen wir Dolmetscher aus der technologischen Intelligenz. In Amerika hat die Debatte mit der Computer-Intelligenz längst begonnen. Wir sollten schleunigst mittun“, fordert der Herausgeber der FAZ. Diese Forderungen sind allerdings schon längst Realität. Die Debatten werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr intensiv geführt, unter Beteiligung von hochqualifizierten Forschern für Informatik und Künstliche Intelligenz. Siehe auch: Der Geist in der Maschine: Über digitale Assistenzsysteme.
Auch freundet er sich mit dem Vorschlag des Chaos Computer Club an, jeden Bürger mit einer Art Pass über seine digitalen Profile aufzuklären. Das sei nicht paranoid, sondern ein Wesenskern digitaler Selbstbestimmung – auch für diejenigen, die nicht wollen, dass ihre Kinder als mathematische Profile auf Arbeitsplatzsuche gehen. „Aber das reicht nicht. Es ist an der Zeit, die digitale Revolution, die mehr ist als das Web 2.0, in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. Enquete-Kommissionen genügen nicht, und in Zeiten des mobilen Netzes ist es eher komisch, Blogger wie Exoten als Fachleute für eine Welt anzuheuern, in der schon Hundertjährige wie selbstverständlich unterwegs sind. Jeder surft und kommuniziert heute im Netz. Wir sollten über die schimmernden Objekte nicht mehr staunen, sondern ihre Funktionsabläufe zum Allgemeinwissen machen“, so Schirrmacher. Aber was sollen wir mit den Neurothesen des Frankfurter Bildungsbürgers anfangen, die uns in der Regel in den Freitags- und Samstagsausgaben der FAZ um die Ohren gehauen werden. So geschehen wieder in einem Gastbeitrag des Times-Kolumnisten Ben Macintyre (Im Einbaum durchs Internet), wo ohne wissenschaftliche Befunde, ohne empirische Erhebungen, ohne neurowissenschaftliche Expertisen einfach behauptet wird, dass die Informationsflut des Netzes unser Gehirn angreift.
Die Informationsflut-Klage ist allerdings kein Phänomen des Internetzeitalters. Ähnliches spielte sich beispielsweise im 18. Jahrhundert ab:
„Das Ende des Universalgelehrten und die Entstehung des modernen Buchmarkts in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erzeugen die krisenhafte Erfahrung, einer unabsehbaren ‚Bücherflut‘ ausgesetzt zu sein. ‚Vielschreiberei‘ und ‚Lesewut‘ werden im ‚tintenkleksenden Säkulum‘ (Herder) als Nachtseite der Aufklärung daher breit diskutiert. Angesichts der nun vollends unübersehbar gewordenen Fülle von Informationen sind Überlegungen zur Navigation im Büchermeer, also Orientierungshilfen, nur folgerichtig – und die etwas hilflose Antwort auf diese Lage lautet damals wie heute im Regelfall ‚Kanonbildung‘ (das müsste Schirrmacher doch bekannt vorkommen, GS), also Auswahl ‚von oben‘ (ganz nach dem Geschmack der bildungsbürgerlichen Oberlehrer, GS), oder erschöpft sich in pädagogischen Anweisungen, was und wie man lesen soll“, schreiben Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrem vorzüglichen Buch „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“, erschienen im Kadmos-Verlag.
So warnt der Pädagoge J.M. Beseke 1786: „Das Feld der Lektüre ist heut zu Tage so groß, dass es manchem höchst gefährlich ist, wenn er glaubt, sich darin selbst zurecht finden zu können; vielmehr sollte er nie allein sich in die weite offene Gegend wagen, in welcher es höchst schlüpfrige Wege, neben unnützen, giebt, wovon jene zum Verderben, diese aber zu seinem Ziele führen.“ (Beseke: Über Lektüre zum Selbststudium, in: Deutsches Museum. Bd. 1, Leipzig, S. 360).
Den Ozean der Gelehrsamkeit bereiste Johann Gottfried Herder ohne moralisierenden Kanon, ohne hausmeisterliche Ratschläge und ohne kulturkritisches Gejammer. Das stellt Herder im „Journal meiner ersten Reise im Jahr 1769“ unter Beweis. „Wenn Francis Bacon der erste erklärte Entdecker auf dem Meer der Gelehrsamkeit war, so ist Johann Gottfried Herder der erste Surfer. Seine Datenreise durch die möglichen Adressen und Kombinationen zeigt ein Verhalten, das seitdem inmitten der ‚Informationsflut‘ zur notwendigen Kunst geworden ist“, so Bickenbach und Maye. Das Reisejournal könne als Protokoll einer imaginären Reise betrachtet werden. „Die Seiten sind fast ausschließlich mit geistigen Abenteuerfahrten, Projektaufrissen, gelehrten Listen und Materialsammlungen gefüllt. Ein Großteil des Textes besteht aus reinen Namenslisten, Autorennamen, die sämtlich im Plural geführt werden und die Herder einmal ansteuern will.“ Herder gleite über enorme Datenmassen, Themenkomplexe und Horizonte hinweg, die sich nur rhapsodisch und punktuell berühren lassen.
Er selbst wird zum Cursor, zum Läufer, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft, die man so bisher noch nicht gelesen hat. Er wendet die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre an. „Herder darf schnell werden, weil er nicht nur auf eine neue Form des Lesens rekurriert, sondern auch auf eine alte rhetorische und gelehrte Schreibtechnik. Es ist ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt….Die gelehrte Lizenz, Materialmengen ‚aufs Geratewohl‘ zu durcheilen und die Frage der richtigen Ordnung zugunsten der größeren Nähe zum furor poeticus hintanzusetzen, ist sogar in einer eigenen literarischen Gattung Tradition (die sog. Sylvae oder Wälder)“, führen Bickenbach und Maye aus. Man schreibt nicht akademisch oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif.
Für Herder war klar, dass eine Bibliothek, die zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht. Nichtwissen ist dabei eine notwendige Voraussetzung, um innovativ sein zu können. Kein Gelehrter könne das Universalarchiv noch einholen. Alles ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Kanonische Wissensbestände sollten daher durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Bildung unter hochtechnischen Bedingungen wäre demnach eine operative Kompetenz – im 18. Jahrhundert und auch heute! Klugheit im Umgang mit Informationsfluten empfahl auch Marshall McLuhan mit Verweis auf eine Kurzgeschichte von Edgar Allen Poe.
Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den „Sturz in den Malstrom“ bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt.
Karl Gottlob Schelle gibt in seinem Werk „Die Spatziergänge oder die Kunst spazieren zu gehen“ die Empfehlung, den „Spatziergang“ in „eigene Sphäre des Geistes und der Bildung zu ergeben (das Büchlein in der Fassung von 1802 gibt es in einem schmucken Nachdruck, angefertigt von Weihert-Druck in Darmstadt): „Die Aufgabe hierbey: geistige Thätigkeit mit körperlicher zu verbinden, ein bloß mechanisches Geschäft (des Gehens) zu einem geistigen zu erheben.“ Sein lustwandelnder Spaziergänger oder Flaneur, wie es Franz Hessel ausdrückte, trägt buchstäblich im Vorrübergehen unmerklich zu seiner Bildung bei, indem er ganz einfach seine „Geistesthätigkeit“ der Bewegung und diese dem Strom der ihn umgebenden Dinge anpassen: „Mit offener Empfänglichkeit muss der Geist die Eindrücke der in umgebenden Dinge mehr ruhig aufnehmen, als leidenschaftlich sich über etwas zu erhitzen, muss sich mit heiterer Besonnenheit ihrem Strom mehr willig überlassen, als mit zu stark zurückwirkender Selbstthätigkeit, in seine eigenen Ideen verloren, sich ihnen entziehn.“ Die Kunst spazieren zu gehen wie die Kunst zu surfen, so die Autoren Bickenbach und Harun Maye, besteht darin, sich trotz Selbsttätigkeit und Eigenregelung noch von dem Strom der Dinge angenehm durchrütteln zu lassen, damit der Geist empfänglich bleibt. Die eigenen Operationen sollten dem Rhythmus des Mediums angepasst werden. Die neuen Medien lassen offensichtlich werden, dass sich auch hinter den alten Medien (Schrift, Buchdruck, Literatur), hinter deren Maskeraden und Deckelhauben „Geist“, „Sinn“ oder „Bildung“, nur Techniken der Datenverarbeitung verbergen. Wir könnten uns wie die Detektive in den Romanen von Poe, Doyle oder Chandler verhalten. Wo immer komplexe und nicht durchschaubare Situationen auftreten, die uns als Datendetektive überfordern, tun wir etwas Erratisches, dass wir selbst nicht verstehen, was aber vor allem die „Gegenseite“ nicht versteht, so dass diese unbekannten oder undurchschaubaren Anderen zu Reaktionen verführt werden, die plötzlich ein Netzwerk, ein Verbindungssystem aufzeigen, das vorher nicht sichtbar war.
Debattendompteure wie Schirrmacher werden für die Netznavigation nicht gebraucht. Als Datendandy oder Surfpoet sollte jeder seine Lage selbst erkennen (frei nach Gottfried Benn), die neue Medienwelt desorganisieren, Normen und Standards ignorieren. Eine von ungelesenen Büchern übersäte Universalbibliothek ist wie der Datenkosmos des Internets. Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: “Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene”. Eine Bibliothek sollte so viel von dem, was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fast alles kennen, was darin steht. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont – siehe auch: Tagebuch der Bibliophilie.
Lassen wir uns durch den Datenstrom treiben, ohne Kanon, ohne Moralapostel, ohne kulturkritisches Geschwätz. Wir tun es anarchisch, ohne die Taktgeber in den Massenmedien. Wir organisieren uns selbst, Herr Schirrmacher.
Schirrmacher und die Abwracker.
Sehr lesenswert der Beitrag von Thomas Knüwer: Wie Frank Schirrmacher sich seine Experten aufbläst.