Digitale Revolution ohne Deutschland? #BloggerCamp

nationaler Merkel IT Call Center Gipfel

Deutschland hinkt bei den digitalen Standortfaktoren im internationalen Vergleich deutlich hinter der Spitzengruppe her. Im Networked Readiness Index 2012 (NRI) des World Economic Forum (WEF) und der Business School INSEAD werden die Rahmenbedingungen und Fähigkeiten erhoben, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Internet-Infrastruktur für die Bevölkerung und Wirtschaft des jeweiligen Landes flächendeckend, bezahlbar, schnell und verlässlich verfügbar zu machen. Untersucht wurden 142 Staaten weltweit. Deutschland rangiert einer Gesamtpunktzahl von 5.32 lediglich auf Rang 16. Die Top-Positionen des Rankings belegen Schweden (5.94) vor Singapur (5.86) und Finnland (5.81). Auch im europaweiten Vergleich schafft es Deutschland nur auf Rang neun.

Diese digitale Standortfaktoren und die E-Government-Angebote seien heute ähnlich entscheidend für das Wachstum und den Wohlstand einer Volkswirtschaft, wie die Energieversorgung oder der Rohstoffreichtum eines Landes, erklärt Dr. Roman Friedrich von Booz & Company:

„Im Gegensatz zu diesen Faktoren besitzen staatliche Instanzen aber sehr gute Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen für eine moderne Infrastruktur positiv zu beeinflussen und damit letztlich die Voraussetzung für das wirtschaftliche Fortkommen, mehr Lebensqualität und Wohlstand zu schaffen“, so Friedrich.

Booz & Company sieht hier vor allem den Staat in der Pflicht. Fehlende Investitionssicherheit, unklare regulatorische Vorgaben beispielsweise beim Zugangspreis für Telekommunikations-Infrastruktur oder Androhungen weitergehender Regulierung von Terminierungsentgelten oder auch von Endkunden-Tarifen wie im Falle der Roaming-Gebühren sind als gravierende Digitalisierungsblockierer in Deutschland identifiziert worden.

„Die Politik hat maßgeblichen Einfluss darauf, ob ein Land ein fortgeschrittenes Digitalisierungsstadium erreicht. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass Entscheidungen, die etwa die Investitionssicherheit für öffentliche und private IKT-Infrastruktur reduzieren, fatale wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen können“, resümiert Friedrich.

Es reicht also nicht aus, nur mit dem Finger auf Brüssel zu zeigen, um die eigene Untätigkeit bei Fördermaßnahmen zu begründen. Dann sonst wäre es kaum möglich, auch in Europa nur einen mittelmäßigen Tabellenrang zu erreichen.

Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabit (MB) pro Sekunde könne man von Breitband sprechen, sagt Friedrich. In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht bekannt:

„Man ist stolz darauf, dass wir zwei MB haben. Was helfen uns zwei MB? Der Markt geht woandershin“, kritisiert Friedrich.

Es liege vielleicht an die Vielzahl von alten Herren, die in der Regierung für diese Fragen verantwortlich sind, so der Einwurf eines Journalisten während eines Booz-Pressegesprächs. Darauf antwortete der Booz-Berater:

„Mir hat einer aus Regierungskreisen gesagt, ‚brauchen wir denn wirklich diese Bandbreite, Herr Dr. Friedrich? Da werden doch sowieso nur Pornos runtergeladen.‘“

Mit dieser Geisteshaltung werden wir wohl wir keine zukunftsfähige Datenautobahn bekommen. Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig. Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner. In Singapur liegt man bei 154 Dollar. Dort gibt es allerdings auch den „Singapore iN2015 Masterplan“.

„Die Regierung will das Internet auf möglichst ein Gigabit pro Sekunde ausbauen, schon den neuen Internetstandard IPv6 einführen und alle Bereiche rund um Gesundheit, Erziehung, Tourismus, E-Government, Finanzdienstleistungen und Logistik erneuern und dort vor allem personalisierte Services einführen“, weiß der frühere IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck.

Die Regierung in Singapur will neue Lernerfahrungen im Internet fördern und überall Web-Konferenzen ermöglichen. Es geht ihr um ein lebendigeres, reicheres Leben, um Selbstentwicklung und lebenslanges Lernen.

„Spüren Sie den Willen in diesem Plan? Kein‚ hätte, müsste, wäre schön‘, sondern ein Wille, der sich sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Zukunft und auf die Kultur der Menschen bezieht. Wenn wir diesen Willen doch auf Deutschland übertragen könnten“, fordert Dueck.

Er spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten.

„Zum Beispiel könnte die Bundesregierung einen verbindlichen ‚Fahrplan‘ für den Ausbau des Breitbandinternets herausgeben. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer Bank“, erläutert Dueck.

Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoss zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf“, führt Dueck weiter aus.

Das Wirtschaftswunder

Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

„Die Branche für Informations- und Kommunikationstechnologie sollte auf die Klärung wichtiger Themen drängen, wie etwa Smart Grid, dem flächendeckenden Breitbandausbau oder einer vernünftigen Position zur Netzneutralität“, bestätigt Udo Nadolski vom IT-Beratungshaus Harvey Nash in Düsseldorf.

Auch wenn Deutschland häufig als Technologie-Vorreiter gilt, müsse es im internationalen Wettbewerb aufpassen, dass es nicht zum Entwicklungsland mutiert.

„Der Erfolg des Automobils in den vergangenen 100 Jahren wäre ohne eine funktionierende Infrastruktur bestehend aus Straßen, Tankstellen, oder Werkstätten nicht denkbar gewesen. In gleicher Weise ist die Digitalisierung abhängig von einer leistungsfähigen Kommunikations-Infrastruktur, gehosteten Services in der Cloud, und intelligenten Endgeräten, Häusern, Autos und weiteren Anwendungsfeldern“, führt Nadolski weiter aus.

Deswegen liest sich der Status-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums „Monitoring-Report Digitale Wirtschaft 2012“, der auf dem diesjährigen IT-Gipfel präsentiert wurde, wie eine Krankenakte. Eine treffliche Formulierung von Philip Banse.

Und deswegen beschäftigt sich am Montag, den 17. Dezember die erste Session des virtuellen Blogger Camps von 18,30 bis 19,00 Uhr mit dieser Thematik: „Krankenakte digitale Wirtschaft – Über die vernetzte Ökonomie in Deutschland.“

Wir wollen allerdings nicht über die Status quo lamentieren, sondern einen netzpolitischen Fahrplan anstoßen für die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Liveübertragung #BloggerCamp

Statt einen Internet-Masterplan auf die Beine zu stellen, verplempern wir in Deutschland die Zeit mit schwachsinnigen Überwachungsinitiativen und Schutzrechten für innovationsschwache Branchen.

Siehe auch:

„Sie rufen außerhalb unserer Servicezeiten an“: Warum die Merkel-Hotline 115 bislang keine Begeisterung hervorruft

The European-Montagskolumne: Über allen IT-Gipfeln ist Ruh – Transpiration statt Inspiration in der Informationstechnologie.

Heinrich von Stephan, DeTeWe und die Technikrevolutionen in Berlin #informare12

Liebwerteste Kanzlerin, wo bleibt der kompromisslose Internet-Ausbau? #Heinrich-von-Stephan #informare12

Am 11. Mai jährte sich in Berlin ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte: Die DeTeWe Communications feierte ihr 125-jähriges Jubiläum. Gegründet im Jahr 1887 als Zulieferer in der Telefonapparateproduktion, war das Unternehmen Pionier bei der Konstruktion von Fernmeldeämtern, Co-Erbauer des ehemaligen Berliner Rohrpostsystems, millionenfacher Hersteller von Telefonen und ist heute einer der größten ITK-Systemintegratoren in Deutschland. „Die DeTeWe blickt auf Generationen von Ingenieursleistung zurück und hat die Kommunikationsbranche wie kaum ein anderes Unternehmen mitgeprägt. Ob Telefon, Rohrpost, Fax, schnurlose Telefone, Internet, E-Mail: Die Informations- und Telekommunikationsbranche ist schnelllebig, die DeTeWe war und ist immer dabei“, sagt Christian Fron, Geschäftsführer der DeTeWe Communications.

Der Architekt für die Technik-Revolutionen im Berlin des 19. Jahrhunderts war der Generalpostmeister Heinrich von Stephan. Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt.

Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag. Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden. Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen. Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe.

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan könnten wir heute in Deutschland sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, sagte Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Vom Heinrich von Stephan-Gründergeist könnte sich die Berliner Politik eine große Scheibe abschneiden, um die Voraussetzungen für eine vernetzte Ökonomie zu schaffen.

Gunter Dueck spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. „Zum Beispiel könnte die Bundesregierung einen verbindlichen ‚Fahrplan‘ für den Ausbau des Breitbandinternets herausgeben. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer Bank“, erläutert Dueck. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar. Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoss zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf“, führt Dueck weiter aus.

Immer grössere Teile der gesellschaftlichen Werte werden digitalisiert.

„Und damit auch deren Wertschöpfung. Man sieht das sehr schön an Garys Social Media Count. Nicht nur die Tatsache, dass die Zahl der Google+ und Facebook User schneller wächst als die der neuen Internet-Teilnehmer. Der Hammer befindet sich hinter dem Tab ‚heritage‘: diese gigantischen Wertschöpfungen werden zum grossen Teil in die virtuelle Welt wandern: digitalisiert und vernetzt“, meint Stahl.

Content bedeute die vollständige Digitalisierung ALLER Lebensbereiche, Branchen und Prozesse. Die Kanzlerin sollte also aufhören, noch weiter von dümmlichen Herdprämien zu träumen, sondern sich den wesentlichen Zukunftsaufgaben widmen. Ich möchte nichts mehr hören von tausend Projekten, Kompetenz-Zentren und sonstigen Alibi-Veranstaltungen. Die Bundesregierung sollte auf dem nächsten IT-Gipfel am 13. November in Essen einen Internet-Masterplan auf den Tisch legen.

Siehe auch:

Heinrich von Stephan, DeTeWe und die Technikrevolutionen in Berlin.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte.

Ideenlos im Netz: Es fehlen Visionen für die Hightech-Kommunikation.

Vom „Buch der Narren“ zum Mekka der Kommunikation.

Modernisierung der Kommunikationsinfrastruktur als Konjunkturprogramm – ITK-Branche muss sich immer wieder neu erfinden

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise sollte zwar Anlass zu Sorge und erhöhter Aufmerksamkeit sein – besonders in den Branchen für Informationstechnologie und Telekommunikation bietet sie aber auch zahlreiche Chancen. Das war das Fazit eines Berliner Expertengesprächs des Fachdienstes portel und des Magazins NeueNachricht. Der Politik sollte jetzt die Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen und seine Bürger auf diesem Wege schneller an das neue Web 2.0-Kommunikationszeitalter heranzuführen. Erforderlich seien dazu nicht einmal übermäßig große staatliche Förderprogramme, sondern lediglich etwas mehr Kreativität und Flexibilität im Denken sowie Eigeninitiative und Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten. Eine Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage der Branche eröffnete die Diskussion. „In der Telekommunikationsbranche ist heute nichts mehr so festgefügt, wie das früher einmal der Fall war“, erklärte Aastra-Deutschlandchef Andreas Latzel. Seine Firma sieht sich heute vor allem als Softwareschmiede und Vorreiter bei der VoIP-Kommunikation via SIP-Protokoll. Die Unternehmen im Telekommunikationsmarkt stehen nach seiner Einschätzung vor zahlreichen offenen Fragen. Der Markt sei geprägt von einem Wandel, der deutlich schneller vonstatten gehen werde, als dies in der Vergangenheit der Fall war. „Wir sehen heute eine Kommunikationslösung als eine Applikation auf dem Netz. Der Content, der auf unseren Maschinen läuft, ist ein Geschäftsprozess“, erläuterte der Aastra-Chef. Unified Communications sei dabei nichts anderes als eine marktorientierte Formulierung für prozessorientierte Kommunikation. „Da sehe ich in vielen Unternehmen noch riesige Potenziale, die gehoben werden können, wenn einfache und offene Systemlösungen zur Verfügung stehen, die sich optimal auf die Geschäftsprozesse abstimmen lassen“, so Latzel.

Für eine effektive Kommunikation brauche man jedoch eine gut ausgebaute Infrastruktur. Aufgabe der Politik sollte es daher sein, dafür zu sorgen, dass alle Bevölkerungsgruppen Zugang zur Breitbandtechnik haben, auch dann, wenn sie ihren Wohnsitz im tiefsten Bayerischen Wald haben. „Über DSL auf Basis der Kupferdrahttechnologie könnte man relativ zeitnah zumindest schon einmal flächendeckend Anschlussgeschwindigkeiten von mindestens ein oder zwei Mbit pro Sekunde bereit stellen, die für einen Behördenzugang ausreichen und den Menschen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben“, sagte Latzel. Aufgabe der Industrie sei es, auf diesen Infrastrukturen intelligent Mehrwerte zu liefern.

Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge, sieht Nachholbedarf bei der Befriedigung des Kommunikationsbedürfnisses. Bisher sei in der Telekommunikation immer die Netzwerkinfrastruktur das wichtigste Thema gewesen. Inzwischen mache sich die Branche aber zunehmend Gedanken darüber, welche Applikationen auf diesen Netzwerken laufen können und was beispielsweise Unified Communication genau ist. Der grandiose Erfolg des iPhone von Apple zeige, wie wichtig es sei, dass eine Branche sich immer wieder selbst neu erfindet. „Apple hat es durch seine neue und einfache Benutzeroberfläche erstmals geschafft, das Smartphone in den Privatkundenmarkt zu drücken“, lobt Sprachdialogexperte Pape den amerikanischen Computerhersteller. Ein ähnliches Beispiel könne nun der Android von Google sein. „Ich glaube, dass die Öffnung der Betriebssysteme und offene Standards ein Feuerwerk von Produkten hervorrufen werden“, zeigte sich Pape überzeugt.

Netzwerke hätten zwei Auswirkungen auf unsere Welt, erklärte der Berliner Experte für Sprachdialogsysteme. Auf der einen Seite brechen sie die Wertschöpfungskette auf und ermöglichen, dass auch sehr kleine Hersteller und sogar deren Kunden in die Produktionsprozesse eingebunden werden können. Zum anderen durchdringe die Vernetzung untereinander alle Lebensbereiche. „Mit Partnern und Freunden pflegen wir unsere Straßen-Community, Sport-Community, Familien-Community oder unsere Business-Community. Diese Netzwerke führen am Ende zu einer dramatischen Änderung unseres Sozialverhaltens – aber auch der Produktivität“, erläuterte Pape. Durch akustische Schnittstellen und die Möglichkeit, beispielsweise E-Mails oder SMS auch zu diktieren, werde sich die Geschwindigkeit der Kommunikation über Kurznachrichten in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich verdoppeln. „Unsere Kinder wachsen als ‚Digital Natives’ von Beginn an in diese Welt hinein“, sagt Pape. Er plädierte ebenfalls für eine schnelle Modernisierung der IT- und TK-Infrastruktur. Denn langfristig würden über Investitionen in diese Schlüsselbranchen sicherlich mehr Arbeitsplätze geschaffen, als wenn das Geld in anderen, möglicherweise sogar absterbenden Wirtschaftsbereichen versenkt werde.

Marcus Rademacher, Director Global Wireless OEM Business bei Aastra, sieht die eigentliche, dramatische Veränderung, die sich aus den Web 2.0-Techniken ergeben, in der Nutzerfreundlichkeit. „Dazu zähle ich beispielsweise integrierte Softwareagenten, die wir einsetzen um zu erkennen, ob es im Netz für irgendeine Applikation eine Verbesserung oder Veränderung gibt und die diese dann automatisch über Nacht durchführen. Sollte dies zu Problemen führen, stellt das System beim Upgrade automatisch den vorherigen Zustand wieder her, ohne dass überhaupt jemand etwas davon mitbekommt.“ Dieser Upgrade könne beispielsweise als sogenannter „automatischer Download-over-air“ ausgeführt werden. Aastra habe diese Option bereits seit einiger Zeit im Portfolio.

In der Telekommunikationsbranche steigt der Verkehr und die Umsätze stagnieren. „Wo sind in Zukunft die Pools für Profitabilität“, sei daher zur Zeit die wichtigste Frage, die sich die TK-Anbieter stellen, sagte Arno Wilfert, Partner und Experte für Telekommunikation bei Pricewaterhouse Coopers in Düsseldorf. Über Musik, oder TV und Filme als Content ließen sich die Umsätze auf keinen Fall ausgleichen. Der gesamte Musikmarkt-Umsatz in Deutschland liege beispielsweise nur bei etwa 1,5 Milliarden Euro. „Den wollen nun die vier Mobilfunker und die Festnetzanbieter unter sich aufteilen. Wenn man auch noch den stationären Handel, die Abgaben an die Künstler und die Marketingkosten abzieht, bleibt nicht einmal die Hälfte an Umsätzen übrig“, rechnete der Unternehmensberater vor. Und das sei im Vergleich zum Service- und Endgeräte-Umsatz im TK-Markt vernachlässigbar klein. Bei Triple-Play stehen die Telekom-Firmen außerdem vor einer echten Herausforderung, da sie sicher stellen müssen, dass das Fernsehsignal nicht wie ein normales Internetsignal beim Konsumenten ankommt, sondern in einer deutlich höheren Qualität. „Das wird vor allem dann eine große Herausforderung, wenn die Nutzerzahlen signifikant ansteigen“, sagte Wilfert in der Berliner Expertenrunde. Der Kernumsatz für die Telekommunikationsunternehmen liege im Anschluss und im Transport. Die Umsätze gehen tendenziell zurück und der Kuchen werde damit kleiner. „Hier wird es künftig weniger Festnetzanbieter geben als heute“, ist Wilfert überzeugt. Überleben würden die Unternehmen, die Skaleneffekte realisieren können, beispielsweise über einen hohen Marktanteil, möglicherweise auch nur in bestimmten Regionen. „Die anderen werden nicht in der Lage sein, ihre Investitionen zu amortisieren“, so der Düsseldorfer Unternehmensberater.

Beim Thema Breitbandversorgung auf dem Land sollte man mehr Eigeninitiative entwickeln. Es reiche nicht aus, nur nach dem Staat zu rufen und auf bessere Zeiten zu warten. „Dabei ist das doch mit der heutigen Technik eher trivial und überhaupt kein Millionenaufwand mehr, das Internet in ein Dorf zu holen – beispielsweise über Funktechnologien“, sagte Wilfert. Auch in ländlichen Gebieten würde es IT-Dienstleister geben, die sich auch ums Breitband kümmern könnten. „Dann erhöht man die Grundsteuer um ein paar Euro und dafür hat jeder im Dorf kostenlos Internet. Das macht man mit dem Kabelanschluss über die Nebenkosten bei einer Wohnung heute doch auch“, stellte Wilfert fest. „Der Wandel im Telekommunikationsmarkt erfolgt dramatisch schneller als in der IT-Welt“, hat Mehdi Schröder beobachtet, als Aastra-Vice-President zuständig für Sales Development. Gewinner in diesem Rennen würden voraussichtlich jene Unternehmen sein, die den Mut haben, vom traditionellen Gedankengut der proprietären TK-Welt in die SIP- und Open Source-Welt zu wechseln. „Und da werden sicherlich die gut positioniert sein, die auch eine starke Ausprägung bei Themen wie SIP haben“. Es werde künftig kein Unternehmen mehr geben, das alle erforderlichen Kompetenzen selbst erbringen könne. „Der Endanwender braucht dabei einen Systemintegrator, der die gesamte Materie sicher beherrscht und er braucht gute, innovative Hersteller“, so Schröder, denn die Telekommunikationswelt werde durch IP wesentlich komplexer.

„Der Markt zerbröselt komplett in Dienste und Netz“, so die Überzeugung von Detecon-Partner Mathias Hoder. Die ITK-Welt sei inzwischen erfunden und die Dinge gebe es fast alle. „Aber die Technik ist noch nicht perfekt genug, so dass es nach wie vor einen sehr großen Markt zu erschließen gibt“, machte Hoder gleichzeitig Mut. Es koste große Unternehmen zwar eine Menge Geld, auch die Telefonie auf das Internet Protokoll umzustellen und viele hätten derzeit noch keinen Handlungsdruck. „Aber spätestens wenn der Wartungsvertrag für die alte Telefonanlage ausläuft, müssen sich alle bewegen“, erklärte Hoder. Schritt für Schritt werde der Migrationsprozess daher auch auf die mittelständische Industrie durchschlagen.

Siehe auch www.portel.de