Ohne Homeoffice keine Verkehrswende – Mythen und Meinungen statt Fakten #CoronaKrise #9vor9

Zusammen mit Lutz Becker bereite ich gerade einen Utopie-Band vor. Darauf ausgerichtet war ja unser #KönigvonDeutschland-Podcast. Als Einstieg wollen wir einen fiktiven Dialog wählen. Ungefähr so:

„Wir müssen Euch auf eine Welt vorbereiten, die weder Ihr kennt noch die wir kennen“

Ein Gespräch, das so nie stattgefunden hat.

Der Volkswirt, ehemalige Journalist und Blogger Gunnar Sohn und Professor Dr. Lutz Becker, früher Studiendekan des Masterstudiengangs Sustainable Marketing & Leadership sowie Leiter der Business School an der Hochschule Fresenius in Köln saßen 2040 auf der Terrasse eines der letzten Kölner Cafés. Während die Stadt wegen der sich in den Sommermonaten anstauenden Hitze praktisch unbewohnbar geworden ist, laden die sturmfreien Tage im Winter zum Aufenthalt im Freien ein. Das Gespräch drehte sich um Experimente und damals neue Formate in Lehre und Forschung, die die beiden im ersten Viertel des Jahrhunderts herumgetrieben hat.

Warum so utopisch?

Lutz: Gunnar, warum hast Du Dich damals eigentlich mit Utopien beschäftigt?

Gunnar: Da war ja vor allem unser Podcast-Projekt #KönigVonDeutschland. Es drehte sich um Rio Reisers Textzeile „Das alles, und noch viel mehr | würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’”. Es ging sozusagen darum, die subversive oder im Sinne Rio Reisers auch anarchistische Perspektive bei unseren Gesprächen herauszulocken und darüber alternative Zukunftsentwürfe zu entdecken…Was wir bei vielen Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erlebten, war eher eine Geisteshaltung, wie wir den Status quo bewahren können. Der übergreifende Sinn von Reformen wurde weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erschien entweder als überkomplex oder man hatte den Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wurde die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!’ Die Visions-Negierung erschwerte es damals, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen. Für diese kümmerliche Visionsverweigerung standen Figuren wie der ehemalige FDP-Chef Christian Lindner. Im Management sah es aber nicht besser aus. 

Dann folgt ein kleiner Ausflug zu Themen wie Homeoffice und Verkehrswende:

Gunnar: Scheingefechte erschwerten ja auch die nötige Energie- und Verkehrswende. Knapp 70 Prozent der Berufspendler fuhren damals mit dem Auto zur Arbeit, versauerten im Stau, belasteten die Umwelt und ärgerten sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr lag nach Analysen des Umweltbundesamtes bei rund 1,2 Personen pro PKW und war damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. Rund zehn Millionen waren täglich länger als eine Stunde unterwegs. Über sechs Millionen fuhren mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. Wir hätten viel schneller die Arbeit zu den Mitarbeitern bringen sollen, wie beim Ausbruch der Corona-Krise. Also ein Lob der Immobilität. Jeder nicht gefahrene Kilometer entlastet den Verkehr, senkt die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen um 141 Gramm pro Personenkilometer und macht Menschen stressfreier.

3000 Kilometer durch Europa

Ich selbst hatte bereits 2019 mein Auto abgeschafft und kaufte mir auch kein eAuto, das im gleichen Stau wie die Verbrenner stehen würde. Im Schnitt legten wir in Deutschland 16 Kilometer zum Arbeitsplatz zurück. 20 bis 32 Kilometer pro Tag können wir auch mit dem eBike bewältigen – ohne ins Schwitzen zu kommen. Wenn wir von eMobilität reden, sollten wir stärker auf Fahrräder schauen und nicht auf Autos. Viele Anbieter hatten sich da positioniert, bei denen man zu günstigen Konditionen Jobräder bekommen konnte und kann. Das einzige, was wir damals brauchten, waren mehr Steckdosen – ganz einfach.

Soweit ein kleiner Auszug aus dem Utopie-Buch, das so langsam Formen annimmt.

Was dazu kommen müsste, wären die abstrusen Vorurteile und aberwitzigen Kommentare, die gegen Homeoffice oder dezentrale Arbeit in die Welt gesetzt werden. Etwa die vermeintliche Stressfalle. Nachzulesen in der FAS. Deutsch­land er­lebe ge­ra­de nicht nur die wahr­schein­lich schwers­te Ge­sund­heits- und Wirt­schafts­kri­se seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik, son­dern auch das grö­ß­te Ho­me­of­fice-Ex­pe­ri­ment aller Zei­ten.

„Wer sich im Freun­des- und Kol­le­gen­kreis um­hört, dem drängt sich die­ser Tage al­ler­dings fol­gen­der Ein­druck auf: Das Ar­bei­ten im Ho­me­of­fice ist schlech­ter als sein Ruf. Die Ver­hei­ßung, dass der selbst­be­stimm­te Ar­beits­all­tag in der ei­ge­nen Woh­nung glück­li­cher macht, scheint für viele neue Heim­ar­bei­ter nicht in Er­fül­lung zu gehen“, schreibt Johannes Pennekamp. Wenn mein Arbeitgeber scheiße ist oder Vorgesetzte sich als Fehlbesetzung erweisen, würde wohl selbst ein Arbeitsplatz auf Hawaii nicht für Besserung sorgen. Dem FAS-Autor sei die jährliche Studie des Gallup-Instituts zur Arbeitszufriedenheit in Deutschland empfohlen.

Die Vor­stel­lung, dass ein Heer von Heim­ar­bei­tern die Volks­wirt­schaft am Lau­fen hal­ten kann, führe in die Irre, mein Pennekamp und es folgt die Endlosschleife mit Aufzählungen von Berufen, die sich nicht ortsunabhängig organisieren lassen: Land­wir­te, Kell­ner und et­li­che an­de­re Dienst­leis­tungs­be­ru­fe müs­sten vor Ort er­le­digt wer­den. In Deutsch­land sei das Po­ten­ti­al für das Ho­me­of­fice jüngs­ten Er­he­bun­gen zu­fol­ge etwas höher als in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten: „Es liegt nach Be­rech­nun­gen des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung den­noch nur bei etwa 40 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten“, so der Sonntagsökonom Pennekamp. Die DIW-Zahl ist doch prächtig. Fast jeder zweite Arbeitsplatz in Deutschland könnte dezentral organisiert werden. Wir könnten in Deutschland auf zirka 9 Millionen PKWs pro Tag verzichten, die sich morgens und abends durch den Berufsverkehr quälen. Die andere Berufstätigen könnten ja mal auf die obige Rechnung schauen und die Anschaffung eines flotten eBikes überlegen.

Eine Auflistung des Homeoffice-Bashings hat mein Kollege Stefan Pfeiffer veröffentlicht – dat muss ich nicht wiederholen.

Den Vogel abgeschossen hat jedoch die Handelsblatt-Redakteurin Carina Kontio „Im Homeoffice zum Alkoholiker? Warum die Corona-Krise so gefährlich ist .“

Dramatischer geht es wohl nicht. Die Behauptungen beruhen auf einem Interview mit Andreas Jähne, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura in Bad Säckingen. Und was sagt der nach der ersten Frage: „Es ist schwer einzuschätzen, was jetzt passiert. Wir haben derzeit noch keine belastbaren Zahlen zum Alkoholverkauf oder andere Erhebungen über den Konsum…..“

Meine Fresse. Das ist wirklich ein Überschuss an Vermutungen und Meinungen auf einem ganz dürftigen Niveau.

Siehe auch:

Laptops verteilen und schon funktioniert #RemoteWork #Homeoffice? 

Vereinsamung durch Homeoffice? Eine Debatte angestoßen durch @digitalnaiv

Soll es einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice geben? #BTW17

Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Die Arbeitsorganisation ist der Schlüssel für besseren Klimaschutz @G_Fehrenbach @UweSchneidewind @kkklawitter

Arbeiten in der Cloud – Mehr Mut für dezentrale Arbeitsplätze @olewin @foresight_lab @JochenLange1

Geht doch mal zu Fuß – Mach ich doch @Umweltbundesamt #fuß #fußverkehr #gehtdoch

Ausstieg aus der Berufspendler Republik Deutschland #EOA16 #rpTEN

Alternativer Wirtschaftsbuchpreis ging durch die Decke #awb16 #fbm16

Da ist er. Der Gewinner des #awb16
Da ist er. Der Gewinner des #awb16

Der spontan auf Facebook gestartete Alternative Wirtschaftsbuchpreis entfaltete bei seinem Kaltstart eine große Resonanz. Der ichsagmal.com-Blogbeitrag wurde 431 Mal auf Facebook geteilt, intensiv auf Twitter kommentiert und mit einigen Proklamationen begleitet. 8.345 Stimmen wurden abgegeben bei knapp 4.000 Seitenaufrufen am finalen Abstimmungstag.

ichsagmalexplodierte

Mehrfach-Votings waren möglich, was von zwei Buchfan-Fraktionen weidlich genutzt wurde. Man kennt das ja von TV-Abstimmungen beim Eurovision Song Contest. Die Zahl der Einzelaufrufe zeigt aber, dass sich sehr viele Buchbegeisterte für ihre Favoriten ins Zeug legten.

Autor mit Netzwerkstärke

Sieger des ersten alternativen Wirtschaftsbuchpreises #awb16 ist Martin Gaedt mit seinem Opus „Rock your idea – Mit Ideen die Welt verändern“, erschienen im Murmann-Verlag. Das kristallisierte sich erst in den letzten vier Stunden des Votings heraus. Am Donnerstagabend sah Claus Dierksmeier mit seinem Buch „Qualitative Freiheit: Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“ wie der sichere Sieger aus.

Das Netzwerk von Gaedt bewies wohl die größere Ausdauer oder hatte die schnelleren Finger. Gaedt setzte sich mit 58 Prozent durch. Dierksmeier verzeichnete 38 Prozent. Alle nominierten Autorinnen und Autoren vereint die Originalität ihrer Gedanken. So reibt sich Gaedt in seinem Buch an der Konformität des Wirtschaftslebens, wie der frühere Personalvorstand Thomas Sattelberger. Blind und unaufmerksam werde alles Unpassende bei der Rekrutierung aussortiert. Genau dieses Unpassende sei aber für Innovationen so wichtig.

Mit dem Sieger und dem Co-Sieger werde ich in den nächsten Wochen Autorengespräche via Hangout on Air führen und ausführlich auf die beiden Bücher eingehen. Ich freue mich schon auf den #AWB17 – der wird dann früher gestartet und mit Talkformaten auf der Frankfurter Buchmesse begleitet.

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Männlich, Rentenalter und Ex-Top-Manager: Die Aufsichtsräte der Deutschland AG

Investoren kritisieren nach einem Handelsblatt-Bericht die Ämterhäufung mancher Aufsichtsräte. Das liegt vor allem an den verkrusteten Netzwerk-Strukturen der Deutschland AG.

„Zwar sind die Unternehmen nicht mehr aneinander beteiligt wie früher. Aber in den Aufsichtsräten der großen Konzerne hat das alte Bündnis durchaus Bestand: Die immer gleichen Köpfe tauchen in etlichen Kontrollgremien auf. Ihr Erkennungsmerkmal: Sie sind männlich, meist im Rentenalter und blicken auf eine lange Erfahrung als Topmanager zurück“, so das Handelsblatt.

Corporate Deutschland habe es versäumt, rechtzeitig für geeigneten Nachwuchs zu sorgen. Das werde allmählich zum Problem, denn Investoren kritisieren immer lauter die Mandatshäufung einzelner Aufsichtsräte.

„Ex-SAP-Finanzchef Brandt übernimmt bei RWE, Wolfgang Reitzle kehrt gerade zu Linde zurück. Beide sind Multi-Kontrolleure geworden. Die Deutschland AG bewegt sich – wenn auch nur im Kreis“, schreibt das Handelsblatt.

Das Old-Boys-Network könnte man aber knacken. So brauchen 160 Dax-Aktiengesellschaften rund 800 Aufsichtsräte. Das so genannte „Overboarding“ steht in der Kritik. Aufsichtsräte werden deshalb aufgefordert, über ihr Zeitbudget Rechenschaft abzulegen. Richtig so. Auch die Kontrolleure in den Unternehmen sollte man verstärkt kontrollieren. Aufsichtsräte und Vorstände glänzen nicht mit einem durchlässigen System. Netzwerke sind ja prinzipiell eine gute Sache und Vitamin B für das berufliche Fortkommen zu nutzen, ist völlig in Ordnung.

Problematisch wird es, wenn es keine Auffrischungen mehr gibt und keiner neuer Geist nachrückt. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Boardreport mit dem Schwerpunkt „Die Kunst des Wechsels“.

Siehe auch: Guardiola-Systemrevolutionen für die Deutschland AG.

Nicht jedes Würstchen ist eine Wurst – Über die Silicon Valley-Albträume des Handelsblatts

Stadt des Bösen
Stadt des Bösen

Am Freitag kündigte ich auf Facebook an, einen Fakten-Check für die reißerische Handelsblatt-Titelgeschichte „Die dunkle Seite des Silicon Valley“ vorzunehmen. Schließlich lockte doch das Wirtschaftsblatt mit einer Schlüsselloch-Perspektive des Redakteurs Torsten Riecke, der achte Jahre lang Büroleiter des Handelsblatt in New York war und nach eigenen Angaben den Untergang der New Economy miterlebt hat. Was für eine Expertise. Riecke hat einen Untergang miterlebt – ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Was der Schlüsselloch-Essay aufbietet, hat allerdings wenig mit Fakten oder gar originären Recherchen zu tun. Es ist schlichtweg ein Abklatsch der Schreckensvisionen von Dave Egger, Jaron Lanier und Co. Was Eggers in seinem Roman „The Circle“ geschrieben hat, mag ja in Ansätzen mit den Übertreibungen der kalifornischen Tech-Szene zu tun haben. Nur muss man immer noch zwischen anmaßenden Lippen-Bekenntnissen und der Realität unterscheiden. Dazu zähle ich auch die Macho-Sprüche des Venture-Kapitalisten Peter Thiel, der private Monopole geil findet und die Notwendigkeit staatlicher Regulierung in Abrede stellt. Für einen Wirtschaftsjournalisten wäre es durchaus eine lohnenswerte Aufgabe, die visionären Allmachtsfantasien der amerikanischen Tech-Gurus etwas genauer zu untersuchen und zu demontieren. Thiel mag ja viel von Unternehmensbeteiligungen verstehen, politisch ist er eher ein Würstchen. Wäre es nicht besser, seinen beschränkten Polit-Horizont öffentlich zu machen, statt seinen semantischen Muskelspielchen zu folgen. Das leistet der Handelsblatt-Redakteur noch nicht einmal in Ansätzen. Wir lesen das Altbekannte:

Die Daten von Kunden und Nutzern seien das Gold des 21. Jahrhunderts, Privatsphäre ist ein Relikt der Vergangenheit und die Technologiegiganten wie Google, Apple oder Facebook wollen die Welt erobern und sich alle Marktteilnehmer zu Untertanen machen. Google habe diesen Ganzheitsanspruch gerade mit seinem Konzernumbau unterstrichen.

„Unternehmerischer Erfolg ist den Morgen-Machern aus dem Tal der Zukunft nicht genug, sie wollen mehr, sie wollen die Welt verändern: unsterblich werden, zum Mars reisen, den Staat abschaffen. Kurzum: Sie wollen das Monopol auf die Zukunft. Ihr Zauberwort dafür heißt „smart“: smart home, smart car, smart city, smart world – vor allem aber smart technologies“, schreibt Riecke.

Was für eine Enthüllung. Mit dem Überbau “Alphabet” will man sicherlich den Glauben an das große Wachstum stärken und in wilde Projekte investieren. Es sind allerdings Laborexperimente, mit denen Google-Alphabet bislang kaum keinen Cent verdient. Das Brot- und-Butter-Geschäft ist mit über 90 Prozent Umsatzanteil immer noch die Werbung via Adwords und Adsense. Und was ist an einer Geisteshaltung so schlecht, wenn die Gründer und Macher in Mountain-View an ihre Projekte glauben, statt Gründe zu suchen, warum etwas nicht gehen kann. Was dann wirklich rausspringt, steht auf einem anderen Blatt. Genau das hätte der Handelsblatt-Essayist aber beleuchten müssen.

Gleiches gilt für die Prognosen von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, die in ihrem Opus „The Second Machine Age“ abgegeben und von Riecke ausgiebig zitiert werden. Das Zukunftsszenario dieser Experten sei keineswegs beruhigen. So werde die digitale Revolution die Arbeitswelt genauso radikal verändern wie die industrielle Revolution vor 200 Jahren. Der technologische Fortschritt sei nach Jahren gradueller Verbesserungen an einem Punkt angelangt, von dem ab die technischen Möglichkeiten quasi explodieren würden.

„Für viele Berufe und Menschen werde es künftig keinen Platz mehr geben. Nicht nur Fließbandarbeiter würden von Robotern ersetzt. Die beiden Oxford-Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne schätzen, dass Roboter die Arbeit von fast der Hälfte aller Beschäftigten in den USA übernehmen könnten. Auch Kopfarbeiter wie Juristen, Ärzte und Banker seien von intelligenten Maschinen bedroht. Zwar würden neue Berufe entstehen und die alten Jobs ersetzen“, erläutert Riecke und erwähnt die Frage von Brynjolsson: „Was jedoch, wenn dieser Prozess ein Jahrzehnt dauert?“

Hinterher geschoben wird die Warnung von Aleksandar Kocic, Managing Director Research bei der Deutschen Bank in New York:

„Zum ersten Mal seit der industriellen Revolution zerstört neue Technologie mehr Arbeitsplätze, als sie neue mobilisieren kann.“

Das ist schlichtweg eine Behauptung. Wenn Wirtschaftsforscher selbst bei ihren Vorhersagen für das jährliche Wachstum versagen, wie kann es dann belastbare Rechenmodelle für die Arbeitsplatz-Entwicklung geben. Kann es nicht auch völlig anders kommen? Kann nicht auch das Szenario des Brightone-Analysten Stefan Holtel Wirklichkeit werden? Maschinen seien vor allem kognitive Höchstleister, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Wenn es um Empathie geht, sei der Mensch der Maschine klar überlegen. Ich würde noch Intuition, Erfahrungen und Spontanität hinzufügen.

„Schweißt man beides zusammen, profitiert vor allem der Mensch. Die kluge Kombination von Mensch und Maschine ist dem Fachexperten, der nicht auf intelligente Hilfsmittel zurückgreifen kann, statistisch immer überlegen“, erläutert Holtel.

Daraus lässt sich noch kein dramatischer Verlust an Arbeitsplätzen ableiten. Verlieren werden jene, die weiterhin dümmliche Dienste anbieten und auf Maschinen-Intelligenz verzichten. Und es gibt sogar Studien, die von einem Arbeitsplatz-Wachstum ausgehen. Im Handelsblatt hätte man zumindest die gegenteiligen Expertisen erwähnen können. Der Autor suchte aber wohl eher nach einer Bestätigung seiner New Economy-Albträume. In der Untergangsgeschichte dürfen natürlich auch nicht die Verlustängste fehlen, die man mit der „Sharing Economy“ in Verbindung setzt.

So habe jeder Angst, bei Uber zu arbeiten. Diese Plattformen machen aus festangestellten Beschäftigen „Freiberufler“, „wobei ‚frei‘ vor allem meint, dass die Internetfirmen frei von jeglichen sozialen Verpflichtungen gegenüber ihren Mitarbeitern sind: keine Altersversorgung, keine Krankenversicherung, keine Weiterbildung. Der ‚Plattformkapitalismus‘ verspricht uns ein freieres, flexibleres, selbstbestimmtes Leben und Arbeiten, vergisst aber, den Preis dafür zu nennen“, meint der Handelsblatt-Redakteur.

Verschwiegen werden dabei die Gründe für den Erfolg von digitalen Anwendungen, die nur möglich sind, weil die bestehenden Dienste mangelhaft sind. Wer beispielsweise Uber kritisiert, sollte über die negativen Auswüchse der Taxi-Gebietsmonopolisten in Deutschland nicht schweigen. So resultieren die Gewinne der Taxiunternehmen vor allem aus der relativ geringen Bezahlung der Taxifahrer.

„Taxifahren ist ein typischer Job für Studienabbrecher, Migranten und andere Quereinsteiger, da der Beruf keine Ausbildung und kaum Startkapital erfordert. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist daher intensiv und die Entlohnung gering, ganz unabhängig von der Digitalisierung“, schreibt der Wettbewerbsökonom und frühere Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap.

Uber ist eine Antwort auf die monopolistisch organisierten Taxizentralen, die zudem mit der Digitalisierung auf dem Kriegsfuß stehen.

Die konkurrierenden Plattformen ermöglichen es den Fahrgästen nicht nur, direkt das nächste verfügbare Taxi mit der jeweiligen App zu bestellen.

„Sie ermöglichen es den Kunden auch, die Fahrer zu bewerten. Dasselbe gilt umgekehrt für die Fahrgäste, die etwa bei Uber von den Fahrern bewertet werden. Die Registrierung von Fahrern und Fahrgästen erhöht für beide die Sicherheit“, so Haucap.

Statt über digitale Plattformen zu hadern, sollten die Empfehlungen der Monopolkommission für mehr Wettbewerb bei der Personenbeförderung umgesetzt werden.

„Eine Liberalisierung des Taximarktes bedeutet nicht, dass nicht ein Mindestmaß an Regulierung sinnvoll sein kann: Zu denken ist an Anforderungen sowohl an die eingesetzten Pkw als auch an die Fahrer, etwa hinsichtlich des gesundheitlichen Zustands, Vorstrafen und Punkten in der Verkehrssünderdatei. Auch über Versicherungspflichten sollte nachgedacht werden, sobald ein gewisses Ausmaß an Personenbeförderungen erreicht wird. Ein pauschales Verbot jedoch, das letztlich vor allem den Verbrauchern schadet und den Taxifahrern selbst kaum hilft, wohl aber den etablierten Taxiunternehmen, ist die denkbar schlechteste Antwort auf die Digitalisierung. Auch hier droht Deutschland den Anschluss zu verlieren“, resümiert Haucap.

Diese Seite der Medaille ignoriert der Handelsblatt-Redakteur. Wer nur die Schattenseiten sieht, darf sich nicht wundern, wenn Deutschland als netzökonomisches Gründerland schwach abschneidet.

„Nur rund acht Prozent unserer Unternehmensgründungen beschäftigen sich mit Technologien. Wir sind eher ein Gründerland für Tätowierstuben“, moniert Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom, im ichsagmal.com-Gespräch.

Innovationen können so nicht entstehen. Sie entstehen erst einmal unkeusch.

„Ich muss ein gewisses Maß an Schamlosigkeit bei Technologieprojekten akzeptieren, bevor es zur Regulierung kommt. Ich muss erst einmal Innovationen gedeihen lassen. Man kann Anbieter wie Uber kaputtregulieren. Dann fehlen uns aber die Regelbrecher, die Neues hervorbringen“, sagt Sattelberger.

Also erst einmal Freiräume schaffen und technologische Spontan-Vegetation tolerieren.

„Die Normierung kommt in unserem Land allemal“, bemerkt Sattelberger.

Gleiches gilt für den Datenschutz. Hier bringt der Handelsblatt-Mann Jaron Lanier in Stellung. „Der als Technikfeind unverdächtige amerikanische IT-Spezialist“ würde seit Jahren vor der Datensammelwut von Firmen wie Google, Amazon und Facebook warnen, die er als Teil einer Überwachungsindustrie brandmarkt.

Über Lanier, der angeblich nicht verdächtig als Technikfeind sei, werde ich mich nicht weiter auslassen. Er ist als Unternehmer gescheitert und sucht nun sein Heil als Keynote-Speaker für digitalen Kulturpessimismus. Kann er machen, ein glaubwürdiger Experte für die digitale Ökonomie ist er damit noch lange nicht. Siehe auch meinen Blogpost „Lanier und der digitale Angstschweiß“.

Und was die Datensammelwut anbelangt, empfehle ich dem Handelsblatt-Schreiber die Ausführungen des Publizisten Gunter Dueck: Er wird auch ständig mit Aussagen konfrontiert wie „Facebook und Google betreiben einen Ausverkauf unserer Daten“. Das tun sie nun gerade nicht. Was Google bei der personalisierten Werbung praktiziert, ist nichts anderes als ein Service. Der Konzern gibt seine Daten nicht weiter. Wo liegt nun eigentlich die Gefahr? Dueck fordert in solchen Debatten mehr Fachwissen. Wenn man Google oder Facebook Fehler oder gar Verbrechen beim Umgang mit Daten nachweisen würde, käme es direkt zum Zusammenbruch ihrer Aktienkurse. Das können Zuckerberg und Co. nicht riskieren.

Wer dann noch den Staat ins Spiel bringt, um die Datensammlung dieser Konzerne einzuschränken, macht sich vollends lächerlich.

„Der Staat selber ist der große Sünder, weil er keinen Aktienwert am Markt hat. Die machen in den Geheimdiensten, was sie wollen“, betont Dueck.

Und wenn der Staat mit seinen Geheimdiensten so operiert, kann er wohl nicht sehr glaubwürdig die Oberaufsicht über Google und Facebook übernehmen. Viele dieser Datensünden müssen wir also eher beim Staat verorten.

„Überraschenderweise gibt es dagegen keine Montagsdemonstrationen“, beklagt der ehemalige IMB-Cheftechnologe.

Auch diese Seite der Medaille ignoriert der Handelsblatt-Essayist. Vielleicht sollte Thorsten Riecke erst einmal seine New Economy-Albträume therapieren und dann ein wenig mehr unter die Motorhaube des Silicon Valley schauen. Er könnte endlich Fakten und weniger Secondhand-Meinungen von Angstpropheten präsentieren, die mit ihren Verschwörungstheorien als Redner eine Menage Geld scheffeln.

Siehe auch:

Maschinen werden Kollegen sein – 25 Thesen zur Zukunft der digitalen Arbeit.

Die Kanal-Arbeiter des Social Web oder: Freiheit für die Markenkommunikation

Früher war alles anders

Social Media hat sich als Werbekanal etabliert. Meint zumindest das Handelsblatt in dem Beitrag „Die Vermessung der Welt 2.0“:

„Unzählige Tweets, Postings, Blogeinträge und Videos werden von deutschen Online-Shops täglich veröffentlicht. Laut einer aktuellen Studie des Social-Media-Dienstleisters Voycer nutzen drei Viertel der hiesigen E-Commerce-Anbieter soziale Medien für Marketing und Kommunikation.“

Es folgt das übliche Geblubber über Kennzahlen, Reichweitenmessungen und Monitoring-Systeme. Vor allem das Kanal-Gequatsche geht mir auf den Senkel. Soziale Netzwerke werden nur als weitere Spielwiese für Verkaufsplappereien gesehen.

“Lassen Sie es mich ketzerisch formulieren: Social Media ist keine welterschütternde Revolution, sondern ein neuer Kanal – Punkt. Der Kunde hat ein Anliegen und ob er diese nun per SMS oder als ‘Kunde 2.0′ über Social Media kommuniziert, ist nicht so entscheidend”, verkündet ein Silberlocken-Salesmanager in einer Werbeanzeige.

Irgendwie ist dieses Kanal-Gebrabbel symptomatisch für die Aktivitäten der Unternehmen im Social Web: Man mogelt sich wie eine Sekte an einer Erkenntnis vorbei, die der Soziologe Niklas Luhmann so herrlich einfach und logisch formuliert hat durch reines Nachdenken – einen Computer besaß der Zettelkasten-Wissenschaftler gar nicht:

„Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.“

Kein Kanal, kein Kanal, kein Kanal. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Und genau das macht das Ganze so unberechenbar. Da helfen die Fliegenbein-Zählereien nicht weiter. Da finde ich die Empfehlung von Patrick Breitenbach im ichsagmal-Interview viel sympathischer:

“Ich stelle als Marke meinen Mem-Pool der Öffentlichkeit zur Verfügung und sie kann ihn nach Belieben remixen.“

Der memetische Code wird nicht mehr bewacht, sondern freigegeben. Das sei ein radikaler Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Dogmen, die in der Werbeindustrie immer noch gehegt und gepflegt werden:

“Es muss die Freiheit eingeräumt werden, mit der Marke zu spielen, wie bei den Hope-Plakaten des Obama-Wahlkampfes, wo sich eine völlig neue Ästhetik entwickelt hat.”

Unternehmen sollten sich von der ganzen Kampagnen-Denke verabschieden, um irgendwelche Botschaften in den Markt zu drücken. Ihre Zahlenspielchen helfen dabei auch nicht weiter.

Siehe auch:

BuzzFeed und der heilige Gral der Online-News: Die Mem-Maschine für Aufmerksamkeit.

Nekrolog eines Printmedien-Kunden

Heute schreibe ich einen Nekrolog als Stammleser von vielen Zeitschriften und Zeitungen, die ich mir früher regelmäßig gekauft habe – teilweise sogar im Abonnement.

Im Abo beziehe ich keinen einzigen Titel mehr. Mit meinen 51 Lenzen bin ich aber immer noch so konditioniert, dass ich ab und zu Printmedien kaufe. In meinem Stamm-Tabakladen. Früh morgens, bevor ich in meiner Stammbäckerei fünf Brötchen besorge, besuche ich den Tabakladen, um meinem Nikotinkonsum zu frönen. Am Dienstag greife ich manchmal zur NZZ wegen des Medienteils und zur FAZ wegen „Technik und Motor“. Am Donnerstag ist die Wochenzeitung „Die Zeit“ fester Bestandteil meiner Kaufentscheidungen, da die Beiträge hintergründig und kompetent geschrieben werden – die iPad-Variante überzeugt mich leider nicht, sonst würde ich sie wohl dort bevorzugen.

Am Samstag taz und Welt – letztere wegen des Literaturteils. Bin halt ein Büchernarr. Aber insgesamt geht bei mir die Tendenz bei Printmedien deutlich nach unten. Heute nun habe ich Zeit, Handelsblatt und aus gegebenen Anlass die FTD erworben. Bei der FTD war es das zweite Mal nacheinander. Eine Ausnahme. Seit mindestens zwei Jahren habe ich dieses Medium nicht mehr in Printform gelesen. Alle drei Zeitungen beschäftigen sich mit dem drohenden Untergang der Zeitungen. In den Verlagen kocht es wohl derzeitig gewaltig, nach der Insolenz der Frankfurter Rundschau und dem Sterben der FTD.

Etwas ausführlicher möchte ich auf die etwas trotzige Titelstory „Die Zeitung lebt!“ von Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart eingehen. Zuvor aber noch die Einschätzung der Eigentümerin meines Stamm-Tabakladens. Sozusagen die Sichtweise der Verkaufsbasis. Ist nicht repräsentativ, aber ein kleiner Indikator für die Gesamtsituation im Verlagswesen. Die Hauptkunden für Printmedien sind ältere Frauen, die noch treu ihre Lokalzeitung (Express oder GA) nachfragen und zu Titeln wie „Echo der Frau“, „Das Goldene Blatt“, „Landlust“ und TV-Zeitschriften greifen. Danach sieht es schon düsterer aus. Jugendliche würden heute noch nicht einmal zu den Zeitschriften neigen, die früher wie warme Semmeln weggegangen sind. Das Dr. Sommer-Team mit der Zeitschrift Bravo lag früher im Schnitt bei 30 verkauften Exemplaren. Jetzt gehen noch nicht mal drei Exemplare pro Ausgabe über die Theke. Wirtschaftstitel schmelzen in den Regalen wie Schnee in der Sonne. Das liegt nicht an den Verkaufserfolgen, sie werden gar nicht mehr ausgelegt. Grossisten listen sie schlichtweg aus. Ausnahme Flughäfen und Hauptbahnhöfe. Das Resümee meiner Tabakladen-Frau: Jugendliche und junge Erwachsene kaufen Printmedien fast überhaupt nicht mehr. Und wer so sozialisiert wird, bleibt wohl auch in späteren Jahren bei dieser Konditionierung.

Eine umfängliche Ursachenanalyse für das Zeitungssterben möchte ich hier nicht präsentieren. Das ist in den vergangenen Jahren schon mehr als genug gemacht worden. Aber auf Gabor Steingart möchte ich noch eine kleine Replik loswerden. Schon heute früh hat mich der Handelsblatt-Chefredakteur in seinem Newsletter ja zu einer Meinungsäußerung aufgefordert:

„Im Hamburger Verlagshaus Gruner & Jahr spielen sich Dramen ab. Redaktion, Verlag und Aufsichtsrat ringen um die Zukunft der „Financial Times Deutschland„. Nach dem Aus für die ‚Frankfurter Rundschau‘ würde binnen kürzester Zeit erneut eine überregionale Tageszeitung den Markt verlassen. Diese Entwicklung verheißt für unsere Demokratie nichts Gutes. In meinem Leitartikel ‚Die Zeitung lebt!‘ benenne ich die Irrtümer unserer Zunft und versuche Alternativen zum Zeitungssterben aufzuzeigen. Ihre Meinung dazu würde mich sehr interessieren: steingart@handelsblatt.com.“

Im Beitrag von Steingart gibt es einige Punkte, die völlig an der Wirklich vorbeigehen. Da wird wieder die Leier von der Umsonstkultur und den milliardenschweren Umsätze von Google abgenudelt sowie vom „Jahrhundertirrtum“ der Verleger, die Waren Information und Analyse im Internet gratis feilzubieten.

Es liegt eben an der Natur und Architektur des Netzes und der sozialen Medien, dass die Einstiegsbarrieren für die Vermittlung von Informationen so niedrig geworden sind, dass man keine riesigen Apparate mehr braucht, um publizistisch tätig zu werden. Die Jedermann-Medien breiten sich unaufhaltsam aus, mit sehr unterschiedlichen Konzepten der Finanzierung. Schauen Sie doch auf die Gaming-Youtuber, die sich alleine über die Klickraten mittlerweile nicht nur ein Taschengeld, sondern eine ganze Unternehmung leisten können. Beim Jedermann-TV via Hangout On Air wird es ähnlich ablaufen und selbst die klassischen TV-Anstalten treffen, obwohl es die Fernsehmacher noch nicht wahrhaben wollen. Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle, die vor ein paar Wochen gestartet wurden:

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, der im Frühjahr 2013 gemeinsam mit Microstrategy-Manager Karl-Heinz Land das Buch „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“ (Gabler Verlag) herausbringt.

Die beiden Autoren wollen die verschlafenen Führungskräfte wachrütteln und dokumentieren, welche Auswirkungen die sozialen Medien und weitere online-basierte Entwicklungen auf etablierte Geschäftsmodelle und erfolgreich eingeführte Marken haben. Im Jammertal hocken also nicht nur Verleger. Die Digitalisierung und Vernetzung macht auch vor anderen Geschäftszweigen nicht halt.

Völlig daneben sind die vorwurfsvollen Ausführungen von Steingart in Richtung der Werbewirtschaft.

„Jahrzehntelang war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Finanzierung von Zeitungen zur Hälfte durch die Wirtschaft mit ihren Anzeigen erfolgt. Doch die Wirtschaft zieht sich zurück (schnief, gs); es fand eine Neudefinition (????, gs) des Begriffs Werbung statt. Sie wird nicht mehr als das kommunikative Band zwischen Bürgern und Firmen gesehen. Sie soll nicht mehr in erster Linie informieren und überzeugen, sie soll jetzt anschaffen. Eine Anzeige muss verkaufen, sagen die, die dafür zuständig sind.“

Bei diesen Zeilen fehlen einem die Worte – nicht ganz. Auf welchem Planeten lebt Steinhgart eigentlich. Werbung habe früher informiert als Band zwischen Bürgern und Firmen? Werbung war und ist bislang schonungslose Berieselung nach dem Prinzip der Einwegkommunikation. Was über Massenmedien auf mich niederging empfand ich immer als Belästigung und nicht als Dialog. Egal, in welcher Medienform sie dargeboten wurde. Diese Art der Werbung funktioniert auch im Netz nicht.

Der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl hat das sehr gut beschrieben: Massenmedien hatten als „Partner“ der Werbewirtschaft lange Zeit eine marktbeherrschende Stellung.

„Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. (Ja, Wettbewerb, Herr Steingart. Wo das Handelsbatt die Marktwirtschaft so sehr liebt, gs). Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaften, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Deshalb kann ich mich der Forderung von netzpolitik.org nur anschließen: Fordert eine richtige Bundestagsdebatte über das Leistungsschutzrecht.

Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Das ist übrigens auch ein Problem beim Handelsblatt. In den vergangenen Monaten habe ich zwei Ausgaben gekauft. Jeweils am Freitag. Es lag nur an den Schwerpunktgeschichten – deshalb bin ich ja auch ein Stammleser der Zeitschrift brand eins. Es waren die Wochenend-Titel über „Wirtschaft neu denken“ „Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg der Bundesbank“, die mich zum Kauf animierten.

Warum sollte ich mir das Handelsblatt zulegen mit den dämlichen Kurstabellen, die mir Online von jeder x-beliegigen Bank oder Yahoo Finance weitaus präziser und in Echtzeit angeboten werden. Warum sollte ich mir noch mal den Schlagabtausch zwischen Merkel und Steinbrück in der gestrigen Haushaltsdebatte antun? Printmedien, die täglich erscheinen, sind ein Anachronismus. Sie berichten in der Regel über Gestern-Ereignisse und mutieren deshalb zu Gestern-medien. Mein Rat an das Handelsblatt. Umstellung auf eine Wochenzeitung, die sich in ihrer Wirtschaftsberichterstattung am Vorbild der Zeit orientiert und ausschließlich mit Schwerpunktthemen aufwartet, die über den Tellerrand des Tagesgeschehens hinaus gehen.

Echtzeit-Nachrichten sollten nur noch online kommen. Das Börsengeschehen kann man automatisiert auswerten und vielleicht noch kuratieren. Alles weitere wurde beim c’t-Online-Talk von Deutschlandradio Wissen sehr schön auf den Punkt gebracht. Kommt direkt am Anfang der Gesprächsrunde über den Niedergang der Wirtschaftspresse:

Soweit die Meinung eines früheren Stammkunden von Printmedien, der nur noch spontan zu Printausgaben greift.

Übrigens übt sich auch Springer-Chef Döpfner in der Kunst des Pfeifens im Walde:

Der Journalismus hat das Beste noch vor sich.

Siehe auch:

„Financial Times Deutschland“ am Ende – Ein Blatt für Sturm und Drang.

Update:
Im Laufe des Tages sind noch einige Beiträge zur Zeitungskrise hinzugekommen. Hier eine kleine Auswahl:

Medienvielfalt selber machen – was die Zeitungskrise mit Blogs zu tun hat.

Warum Blogs gerade heute voll super sind und warum eigentlich noch viel mehr möglich wäre.

“Financial Times Deutschland” – Chronik eines absehbaren Ablebens.

ZEITUNGSKRISE: Das Blatt wendet sich.

Auf eine Tasse Tee mit Richard Zinken: „Wer zahlt bestimmt.“

Auf den Hund gekommen: Der Wärmestuben-Journalismus der »Zeit«.

Die Rätselecke der Konjunkturforscher: Warum Wirtschaftsprognosen nichts mit der Realität zu tun haben

Ach herrlich, jetzt hat sich auch das Handelsblatt mal die Glaskugel-Ökonomen der Wirtschaftsforschungsinstitute vorgeknöpft und titelt das Stück treffend mit „Die Irrtums-Industrie“. Und nach den Ausführungen von Wolf Lotter über die Industrielastigkeit über die ökonomischen Gutachter-Fabriken ist die Formulierung in zweifacher Hinsicht gut gewählt – auch wenn die Handelsblatt-Autoren ihren Schwerpunkt auf Irrtum setzen. Für 2013 bringen sich die Orakel-Wissenschaftler wie Professor Sinn schon wieder in Position und unken über Schlechtigkeiten, die über die deutsche Volkswirtschaft herniedergehen.

„Die gute Nachricht: Sie liegen mit ihren Prognosen verlässlich daneben. Ihr Pessimismus wird von der Wirklichkeit Jahr für Jahr widerlegt.“

Etwa das Ifo-Institut von Herrn Sinn. Für 2010 wurde ein minimales Wachstum von 1,7 Prozent „errechnet“. Tatsächlich lag es bei 4,2 Prozent.

„Die Wirtschaftsleistung lag also um fast 70 Milliarden Euro – das entspricht gut dem Fünffachen des Bildungs- und Forschungsetats des Bundes – höher als vorausgesagt“, so das Handelsblatt.

Für nächstes Jahr werden die Werte sich wohl bei 0,4 bis 0,5 Prozent einpendeln – und von der Realwirtschaft mit Sicherheit übertroffen. Meine Prognose gebe ich ja bereits traditionell Anfang Januar ab mit der Neujahrskarte meines alten Arbeitgebers: Dem Institut für Demoskopie Allensbach.

In der Regel liegt ja die Veränderung der Stimmungslage in der Bevölkerung als Basis für meine „Berechnungen“ immer besser als die vom Steuerzahler alimentierten Konjunkturforscher. Bislang hat mir die Bundesregierung aber noch kein Honorar überwiesen. Ich fordere daher die Aufnahme in die Blaue Liste des Bundesfinanzministers – denn da findet man die Vertreter der Irrtums-Industrie.

Die Fehlerquote hat übrigens zugenommen im Vergleich zu den 1980er Jahren. Warum die Präsidenten dieser Wahrsager-Institute dann immer so bedeutungsschwer in der Bundespressekonferenz aufschlagen und im Blitzlicht-Gewitter mit Mister-Wichtig-Miene dem Wirtschaftsminister ihren Bericht übergeben, ist mir schleierhaft. Die sollten da lieber Bingo spielen und Rubbel-Lose verteilen – das hätte mehr Substanz.

Am besten fasst das Rätselecken-Spektakel der von mir hoch verehrte Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger in Worte:

„Was Wirtschaftswissenschaftler unter Wirtschaft verstehen, ist bestenfalls ihnen selber klar; der Rest der Welt hegt gewisse Zweifel an ihren Vorstellungen und fragt sich, ob es sich bei ihrer Beschäftigung überhaupt um eine Wissenschaft handelt.“

Mit ihrem Denken in großen Aggregaten und den gewaltigen Mengen von statistischen Daten operieren sie eher wie Maulwürfe und können eine Tanne nicht von einer Zeder unterscheiden. Sie erkennen vor lauter Wald eben nicht die vielen unberechenbaren Bäume.

VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.

Mein Freitagsopus für Service Insiders: Über die Klowand-Weisheiten im Handelsblatt

Das Handelsblatt rutscht in seiner Kampagne gegen die so genannte Umsonstkultur im Netz immer mehr in den Jargon der Agitprop aus den Zeiten des Kalten Krieges ab: Als Reaktion auf die kritische Würdigung der Titelstory „Mein Kopf gehört mir“ lösen sich so langsam die Sicherungen bei den Redakteuren der Wirtschaftszeitung. Der Shitstorm wird für Sven Prange und Oliver Stock zum Symbol von unreflektierten Hasstiraden und Beschimpfungen:

„Internetaktivisten, denen der Rechtsstaat gleichgültig ist, Anonyme, die mit Beschimpfungen fehlende Argumente übertünchen, eine Szene, die mit Sprache zu überdecken versucht, dass sie keine inhaltlichen Ansatzpunkte in der Debatte findet: das Internet zu Beginn des Jahres 2012 ist eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte, aber eine Geschichte des grassierenden Wahnsinns“, schreiben Prange und der Online-Chefredakteur (!) Stock.

Längst seien Teile des Mitmach-Internets zur Toilettenwand des 21. Jahrhunderts geworden.

Der Propaganda-Apparat der Verleger

Entsprechend hart geht Thomas Knüwer mit seinem ehemaligen Arbeitsgeber ins Gericht:

„Längst haben sich Teile der Handelsblatt-Redaktion zum Propaganda-Apparat ihres Verlegers entwickelt und jedweden journalistischen Anspruch abgelegt. Denn einst war es die Aufgabe des Journalismus, den öffentlichen Diskurs zu moderieren. Heute ist die Öffentlichkeit für ihn der Pöbel.“ Was Stock und Prange nicht begreifen: „Was sie erleben ist menschliche Kommunikation. Auch in diesem Text nehmen sie keine Stellung zu den zahlreichen inhaltlichen Kritiken.“

Deshalb ist der Ausflug in die Gedankenwelt des Philosophen Vilém Flusser auch so falsch, der davor gewarnt habe, so Prange und Stock, dass die Technik zu wichtig ist, um sie „nur“ den Technikern zu überlassen. Genau das Gegenteil ist in sozialen Netzwerken eingetreten. Jeder ist mittlerweile ein „Ich-Verleger“ und nicht nur die Kaste der Programmierer und Computer-Bastler:

„Die Angebote im Web 2.0 sind digitale Netzmedien, deren gemeinschaftlicher Gebrauch sie als brauchbare Medien erst erzeugt“, so Stefan Münker in seinem Buch „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten“.

Die Inhalte werden von vielen Millionen Nutzern in der ganzen Welt zusammengetragen, bewertet und geordnet. Das Internet ist eben das, was seine Nutzer aus ihm machen. Klassische Medien produzieren etwas, ohne die Rezipienten zu fragen. Sie senden und drucken, egal ob wir uns das anschauen oder lesen. Youtube sendet nur, wenn ich klicke und auch nur das, womit Nutzer die Seite bestücken. Onliner publizieren Texte, Bilder, Filme und Musik – eigne und fremde Produktionen. Sie entfalten eine ideenreiche MashU-Kultur durch die – Rekombination bestehender digitaler Inhalte zu neuen Werken. Es blüht die künstlerische Collage und filmische Montage auf – es entsteht sogar avantgardistische Kunst. Und weit wichtiger – für Massenmedien wohl das Hauptärgernis: Es werden die Masseneffekte der etablierten Anbieter ausgehebelt– es regiert nicht mehr Menge und Quote. Und genau das bringt die Oligopole des Medienmarktes auf die Palme. Mit der Toilettenwand-Analogie werden die Netzbewohner kollektiv von den Handelsblatt-Redakteuren in den Schmutz gezogen und als gesetzlose Gesellen gegeißelt.

Dabei ist auch das völlig falsch. So legt die Piratenpartei darauf Wert, „nicht ‚geistiges Eigentum‘ zu verwenden, sondern den Begriff ‚immaterielle Rechtsgüter‘. Warum? Weil es der juristisch korrekte ist. Das ‚Handelsblatt‘ verwendet ‚geistiges Eigentum‘“, erläutert Knüwer in seiner Replik.

GEMA bremst Kauflust

Auch die GEMA habe das Internet noch nicht verstanden, kritisiert Hörfunkjournalist und Blogger Heinrich Bruns:

„Anders lassen sich nur 21 Millionen Euro Erlös des vergangenen Jahres in diesem wachsenden Markt nicht erklären. Die CD-Verkäufe nehmen weiter ab. Der Konsument bevorzugt das Internet und ‚zieht‘ sich seine Songs, die er hören will, über das Netz. Gehen wir nur mal von den legalen Möglichkeiten aus, dann ist das ein trauriges Ergebnis. Die 21 Millionen Euro repräsentieren aber auch nur die Einkäufe des Internet-Freundes, die er über legale Portale tätigt. Mag die GEMA auch noch so oft betonen, dass sie keine Videos auf YouTube sperrt, indirekt macht sie es: Plattenfirmen, die um Erlöse fürchten, sperren Videos und mahnen die ab, die Inhalte teilen wollen. Einerseits ein berechtigtes Interesse, weil diese Firmen fürchten, dass ihnen Geld durch die Lappen geht. Teilweise wird rigoros alles gesperrt, was den Anschein von Musik hat. Egal, ob es sich um gema-freie Musik handelt oder nicht.“

Wenn es der GEMA und den Plattenfirmen ernst wäre mit einem fairen Abrechungssystem für Künstler und Musiker, dann hätte sie schon vor dem Start von Spotify und anderen Streaming-Diensten eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten gerecht wird.

„Von den paar Cents, die man als Kreativer derzeit bekommt, kann man noch nicht mal ordentlich betrunken werden. Aus meiner ureigensten Erfahrung kann ich zwei Sachen sagen: Ich schau mir gern Videos auf YouTube an. Und wenn mir das gefällt, was ich sehe, kauf ich das auch. Mehrwert für mich: Ich reproduziere aus dem Kopf zur Musik die Bilder, die ich im Video gesehen habe. Ich kenne nicht alles, was an Musik angeboten wird, aber ich bin neugierig. Durch eine Sperre werden meine Neugier und damit auch meine Kauflust ungemein abgebremst. Ausgebremste Neugier ist nicht nur ein Kaufhemmer, sondern tötet auch die Lust, kreativ zu werden“, so Bruns.

Hier geht es zur kompletten Kolumne.

Mein Betonkopf gehört mir #Umsonstkultur #Piraten #Verlegerinteressen #Lobby

Da haben sich die Verleger aber eine hübsche Kampagne ausgedacht, die jetzt in Etappen über die klassischen Massenmedien ausgegossen wird. Nach der Wutrede von Sveni Regner und dem offenen Brief der GEZ-beseelten Tatort-Autoren werden nun im Handelsblatt 100 „kreative“ Schriftsteller, Sänger, Künstler, Werber, Softwareentwickler und Unternehmer in Szene gesetzt, um gegen die „Umsonstkultur“ im Internet und deren politischen Protagonisten, die Piraten, protestieren. Das ist wohl ein bislang einmaliger Vorgang in der Untergangsgeschichte des medialen Establishments, dass sich Meinungsbildner nicht nur vor den Karren von Lobbyinteressen spannen lassen, sondern expliziert gegen eine politische Partei lamentieren, die in Deutschland noch nirgendwo in der politischen Verantwortung steht. Peinlich auch der verkrampfte 68er-Habitus der Handelsblatt-Titelseite: „Mein Kopf gehört mir!“

Der Aufmacher auf der Innenseite wird dann noch mit der Überschrift „Kreative, hört die Signale“ versehen. Fehlt eigentlich nur noch ein Gruppenfoto der 100 Kreativköpfe mit Che Guevara-T-Shirts. Da gibt es ja schon legendäre Vorbilder wie den automobilen Top-Manager mitbekommen, der vor einem Plakat des Revolutionskämpfer in Las Vegas hintergründige Analysen über den Kommunismus vorgetragen hat. Ein wahrer Car Sharing-Revolutionär, der sich als „Chief Guerilla Officer“ profilierte. Ähnlich subtil ist die Analogie zum Bekenntnis von Frauen vor gut 40 Jahren: „Mein Bauch gehört mir… “. Nur damals gehörte Mut dazu, sich in der Abtreibungsdebatte zum Selbstbestimmungsrecht der Frauen zu bekennen.

„Wir haben abgetrieben!“, titelt der stern am 6. Juni 1971. Und schreibt unter das Selbstbekenntnis von 374 Frauen: „Dies ist kein Aufstand gegen das Recht, sondern ein Protest gegen die Verlogenheit eines Paragrafen, an den selbst Richter nicht mehr glauben. Klagt uns an, sperrt uns ein, wenn ihr den Mut dazu habt.“

Im Unterschied dazu sind die Kalendersprüche der 100 Betonköpfe, die substanzlose Sätzchen zum Schutz des geistigen Eigentums loslassen, eine lauwarme Brühe. Selbst Google-Justiziar von Google-Nordeuropa hat sich in die Ahnengalerie aufnehmen lassen. Er hätte vielleicht vorher mal recherchieren sollen, um was es bei dieser Kampagne geht und in welcher Gesellschaft er sich befindet. Etwa mit so fortschrittlichen Geistern wie Thomas Middelhoff, der ja bei der Sanierung von Karstadt unglaublich erfolgreich bewährt hat.

Oder der Einschaltquoten-Erfinder Helmut Thoma. Oder der honorige Bert Rürup, Vorstand der MaschmeyerRürup AG. Oder Utz Claassen, Ex-Chef von EnBW, der sich mit Sicherheit Sorgen um Verwertungsrechte machen muss bei den spärlichen Abfindungen, die er kassiert hat. Maria Furtwängler darf nicht fehlen – Stichwort Burda. Bernd Buchholz, Vorstandschef von Gruner + Jahr. Jette Joop, die wahrscheinlich kein Oktoberfest mehr auslassen wird, um ihren Unwillen gegen Netzanarchie zu proklamieren.

Springer-Mann Christoph Keese, der sicher mit stolz geschwellter Brust die Kampagne begleitet. Pater Anselm Grün als digitale Avantgarde. SAP-Chefe Jim Hagemann-Snabe, der Erfahrung mitbringt bei der Vergabe von Lizenzen – da können einige Mittelständler ein kostspieliges Lied singen. Froschkönig Philipp Rösler, der noch als Vizekanzler unterzeichnet. CSU-Starker-Staat-Staastrojaner-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich – warum ist der eigentlich ein Kreativkopf?

In den 100 Sinnsprüchen findet man kaum eine Silbe über das Leistungsschutzrecht und die Interessen der Verleger. Das ist billige Propaganda: Umsonstkultur = Piraten. Auf diese Formel scheinen sich die Lobbyisten eingependelt zu haben. Hier wird in den Rückzugsgefechten der Gestern-Manager eine Leimspur gelegt. Niemand macht sich die Mühe, über die überkommenen Geschäftsmodelle des analogen Industriekapitalismus nachzudenken.

Setzt Euch mit wirklich kreativen Köpfen wie Chris Anderson zusammen und lasst die fordistischen Gerontologen links liegen. Mit den 100 Betonköpfen ist kein Staat mehr zu machen.

Meine Debattenbeiträge habe ich kompakt zusammengefasst unter: Leistungsschutzrecht-Verlogenheit: Die Frankenstein-Falle.

Siehe auch:

Das Handelsblatt schwurbelt durch die unreale Welt.

Die komplette Selbstdemontage des Handelsblatt.

„Mein Kopf gehört mir!“: Kampagnen„journalismus“ vom Feinsten.

Urheberrecht: Handelsblatt im Schützengraben.

Altpapier-Weisheiten

„Unsere journalistische Leistung hat einen hohen Wert und kann deshalb nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden.“

So begründet vollmundig der stellvertretende Vorsitzende der „Madsack“-Geschäftsführung Thomas Düffert die Umstellung eines Großteils der Web-Inhalte seiner Mediengruppe. Nicht-Abonnenten der Zeitungs-Titel „Hannoversche Allgemeine Zeitung“, „Neue Presse“, „Göttinger Tageblatt“ und „Oberhessische Presse“ müssen für exklusive Inhalte auf den Online-Portalen zahlen. Die Umstellung soll bis zum Ende des Jahres auf alle Webseiten der insgesamt 18 „Madsack“-Zeitungen ausgedehnt werden.

Wow. Das ist sehr betrüblich für mich. Schade, dass die exklusiven Inhalte dieser Blätter hinter einer Bezahlwand verschwinden. Allerdings muss ich ein Geständnis machen, liebe Madsack-Jungs: Ich habe die Web-Angebote dieser journalistischen Schnellboote nie so richtig zur Kenntnis genommen. Sie tauchen weder in meinem Google Reader auf, noch habe ich sie in meiner Flipboard-App favorisiert.

Warum hauen mich auch Schlagzeilen der Tagespresse – ob Online oder Print – nicht vom Sockel, wenn wieder irgendein Land der EU einen Blauen Brief wegen erhöhter Defizite kassiert oder mich der Bonner General Anzeiger mit einer dpa-Meldung über die Filialschließungen von Schlecker berieselt. Über die Stellenstreichungen des „For-you-Vorort-im-Abgrund-Ladens“ bin ich überall schon zugedröhnt worden. Genauso öde sind die Seifenblasen-Statements von irgendwelchen Polit-Apparatschicks oder Verbandsfunktionären, die mir jeden Tag an den Kopf geknallt werden. Auswechselbare Sprechblasen, die Reich-Ranicki in Romanform als stinklangweilig titulieren würde. Die anmaßende Attitüde des Madsack-Verlages korrespondiert hübsch mit der aufgeblasenen Aussage von Christoph Keese, die er im Handelsblatt losgelassen hat:

„Die Zeit des undifferenzierten Verschenkens von Journalismus ist vorbei.“

Ok, Springer-Keese. Dann wird also künftig differenziert verschenkt? Ist ja auch ok. Inhaltlich hat Matthias Spielkamp von iRights.info sehr schön gekontert: Was Christoph Keese verschweigt.

In der Debatte sei es nur fair und redlich, die Gründe dafür zu nennen, warum die Verlage aus den Angeln gehoben werden.

„Vor allem Tageszeitungen verlieren seit Jahrzehnten an Auflage. Das bedeutet einerseits niedrigere Einnahmen aus dem Verkauf. Zum anderen bedeutet es auch niedrigere Einnahmen aus Werbung. Zwar ist die Zahl der Leser, die die Verlage mit ihren Publikationen erreichen – gedruckt und online – bei manchen Marken sogar gestiegen. Aber Werbekunden zahlen für Leserkontakte in den Online-Medien erheblich weniger als in den gedruckten. Und die Leser wandern zunehmend ins Netz.“

Zudem verlieren die Verlage ihr Gebietsmonopole.

„Früher konnte ein Verlag seinen Lesern ein Paket verkaufen, in dem der Lokalteil das Feuilleton subventioniert hat, der Sport die Politikberichterstattung. Die Leser hatten keine Wahl, als dieses Paket zu kaufen, und die Anzeigenkunden hatten keinen anderen Weg, um zu den Kunden zu gelangen. Das ist vorbei.
Außerdem haben die Verlage die Anzeigenmärkte verloren. Auto-, Immobilien- und Stellenanzeigen suchen und finden Interessierte nicht mehr in der Zeitung, sondern im Netz. Gewaltige Einnahmen, die den Verlagen abhanden gekommen sind“, schreibt Spielkamp.

Man könnte es auch zugespitzt formulieren: Anzeigen finanzieren Printmedien, nicht Leser: Und die wandern ins Netz!

Alle Einnahmen kamen in der guten alten Zeit in einen Pott. Druckereierlöse, Vertriebserlöse, Anzeigenerlöse. Am Ende wurde zusammengezählt. Heraus kam oft eine schöne schwarze Zahl. Und das war kein Wunder. Denn die Verlage hatten nicht nur ein begehrtes Produkt anzubieten. Sie hatten auch einen starken Zugriff auf die Margen eines bedeutenden Teils des Produktionsprozesses.

Und sie hatten wie in Bonn oder Köln auch ein schönes Zeitungsmonopol. Da waren die Lokal- oder Regionalzeitungen richtige Dukatenesel. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb, den man mit dem Leistungsschutzrecht aushebeln will.

Beim Schutz des geistigen Eigentums, den Kees einklagt, geht es überhaupt nicht um den abnehmenden Respekt vor geistigem Eigentum, der zu Umsatzverlusten führt.

„Denn es gibt im Internet keine Angebote gibt, die den Umsatz der Verlage nennenswert mindern, indem sie Urheberrechte verletzen. Zumindest sind die Verlage in den vergangenen Jahren nicht in der Lage gewesen, auch nur ein einziges Beispiel für einen solchen Fall zu nennen“, so Spielkamp.

Keese schreibt, „Der Gesetzgeber muss Urheberrechte und Allgemeinwohl ausbalancieren“, und dass Urheberrechte nicht absolut sein können.

„Und verschweigt, dass es den Verlagen beim Leistungsschutzrecht nicht (nur) darum geht, eine Vergütung für Nutzungen zu bekommen, die derzeit frei sind. Sondern sie wollen sogar ein Verbotsrecht gegenüber allen haben, die auf ihre Inhalte – viele davon kostenlos im Netz – hinweisen möchten, egal ob Suchmaschine oder Blogger. Das Gegenteil einer Balance also, vielmehr ein weiteres Recht für die Verwerter, dessen Schaden potenziell gewaltig, dessen Nutzen bisher aber vollständig ohne Beleg geblieben ist“, so die Replik von Spielkamp.

Es geht also gar nicht um fairen Wettbewerb. Zurückgesehnt werden die Zeiten, in denen man im Lehnstuhl sich dumm und dämlich verdienen konnte mit den Verbreitungsmonopolen der klassischen Medien.

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