#SPON Politik bei Kommentaren: Feuer frei bei Putin und Brexit #33c3

Grafik von Daniel Kriesel
Grafik von Daniel Kriesel

Seit Mitte 2014 hat David Kriesel fast 100.000 Artikel von Spiegel Online systematisch gespeichert und in einer Datenanalyse eindrucksvoll einige Clusterungen beleuchtet.

Etwa die Frage der Kommentierbarkeit von Beiträgen auf Spiegel Online. Klingt unspektakulär. Wenn man sich aber die Muster der Kommentarmögichkeiten anschaut, sieht das ganz anders aus.

putin

brexit

iran

paris

Flüchtlinge

Und da sehe ich einen Bedarf für eine Diskussion mit der Spiegel Online-Redaktion.

Bei Themen zu Putin, Brexit und Iran kann aus vollen Rohren kommentiert werden.

Bei anderen Schwerpunkten ist das nicht möglich. Auch so macht man Politik…..

Ich halte das für einen Fehler. Wer in Kommentaren beleidigt, droht oder hetzt, sollte ausgesperrt werden. Aber ansonsten halte ich diese Gewichtung der Kommentarmöglichkeiten für eine nicht sinnvolle Maßnahme. Damit gießt man noch mehr Öl ins Feuer und beflügelt die Verschwörungstheoretiker.

Siehe auch:

Analyse von Spiegel Online: So tickt Deutschlands größte Nachrichtenseite

Als Korrespondenten noch Erstquelle waren

Der frühere Spiegel-Auslandskorrespondent Walter Tauber
Der frühere Spiegel-Auslandskorrespondent Walter Tauber

Moderne Redaktionen sind im Echtzeitstress: Technisch am Newsdesk perfekt ausgestattet als Koordinations- und Produktionszentrale. Der Newsroom ist heute in der Regel ein Großraumbüro, das architektonisch neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens unterstützt.

Was früher ehrfürchtig als ‚Agentur-Geschwindigkeit‘ galt, ist heutzutage der Normalzustand. Ende der 1970er Jahre war das noch ganz anders. Etwa beim Spiegel: „Man hat am Montag seine Themen angeboten und intensiv darüber gesprochen. Mit dem Ressortleiter konnte ich mich sehr ausgiebig streiten, ohne nachteilige Auswirkungen befürchten zu müssen“, so der ehemalige Spiegel-Redakteur Walter Tauber.

„Der Mensch….ist eine Sau“

Die Arbeit in der Zentralredaktion habe ihm Spaß gemacht.

„Wir hatten kleine Einzelbüros und ließen die Tür offen. Ein Kollege brüllte immer ‚Der Mensch’ und wir antworteten ‚…ist eine Sau.’ Ein deftiges und liebevolles Ritual. Wenn ich konzentriert schreiben musste, schloss ich die Tür und wurde von den Kollegen in Ruhe gelassen. Technisch waren wir sehr einfach ausgestattet. Olympia-Schreibmaschine, Papier und Telefon. Wenn ich den Artikel fertig hatte, wurde das im Sekretariat mit Durchschlägen abgeschrieben und vom Ressortleiter redigiert. Eine kleine Marotte hatte mein Chef. Wenn ich telefonierte, benutzte er die Gegensprech-Anlage, um mir mitzuteilen, dass ich in sein Büro kommen solle. Generell war die Atmosphäre sehr angenehm“, betont Tauber.

Redaktionsbüro mit Panoramablick

Noch angenehmer war es in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Brasilien.

„Ich mietete in Rio de Janeiro einen Büroraum in einer Villa, die auch von Newsweek, BBC und Los Angeles Times genutzt wurde. Ich hatte ein Panoramafenster mit einem wunderbaren Blick auf die Bucht von Guanabara. Traumhaft. Ab und zu ging ich mit den internationalen Kollegen zum Mittagessen. Wenn ich dann die zweite Runde Caipirinha bestellte, mussten die Vertreter von Newsweek und der Los Angeles Times passen. Sie könnten noch Arbeitsaufträge bekommen. Ich schaute auf die Uhr und sagte, in Hamburg sind schon alle im Feierabend. Die Zeitverschiebung kann bei Abstimmungsfragen lästig sein, in diesem Fall hatte sie auch Vorteile“, sagt Tauber.

Als Auslandskorrespondent hatte man 40 Jahren den Vorteil, als Erstquelle zu fungieren, wenn wichtige Nachrichten aufkamen.

„Wenn ich in der Zentralredaktion angerufen und eine Story angeboten habe, gab es nicht viele Vergleichsmöglichkeiten bei meinen Hamburger Ressortkollegen. Was ich sagte, hatte Gewicht. Heutzutage existieren direkt 1000 Onlinequellen, die bei den Kollegen in der Heimat zu einem gefestigten Meinungsbild beitragen. Man ist als Korrespondent nicht mehr der wichtigste Vermittler von Nachrichten“, erläutert Tauber.

Ausführlich bei journalist.de nachzulesen.

Blogvernetzung in Paderborn, Hamburg und Hannover – Themen und Interessen matchen

Blog-Vernetzung

Welche Möglichkeiten gibt es für Bloggerinnen und Blogger, sich besser zu vernetzen? Etwa beim Start einer Blogparade, bei der Analyse wichtiger Themen, beim Anregen von Debatten, beim Matchen von Interessen, bei der Präsentation der Lieblingsblogs und, und, und. Wie sich das mit einer Analyse-Maschine umsetzen lässt, habe ich im Sommer mit der Plattform Juptr ausprobiert. Hier wurde ein Algorithmus aufgesetzt, der EM-Prognosen auf Basis einer Media- und Internet-Sentimentanalyse ausspuckte.

Unter Sentiment versteht man im Börsenhandel die Summe der Stimmungen der einzelnen Akteure eines Marktes.

„Wir werteten verschiedene Wettplattformen aus und errechneten über eine Simulation der Vorrunden- und Hauptrundenspiele eine Gesamtwahrscheinlichkeit für den Ausgang der EM. Dieses Grundgerüst wurde von uns modifiziert über eine fortlaufende Sentiment-Auswertung der Medienpublikationen, die auch Grundlage des Juptr-Feeds zu anderen Themen ist. Häufige Erwähnungen einer Mannschaft, der Ausgang der Spielbegegnungen, Verletzungen oder andere Einflussgrößen veränderten das relative Maß von Krake Paul 2.0″, erläutert der Juptr-Programmierer Rüdiger Möller in der von mir produzierten Meistermacher Morningshow, die fast täglich bis zum EM-Finale über Hangout on Air und Facebook Live übertragen wurde.

Was dann passierte, war nicht absehbar. Es entwickelte sich in kürzester Zeit eine enthusiastische Community:

Etwa Detlef Korus (Sparringspartner für die FB-Liveübertragungen), Katja Raasch (EM-Spielerfrauen-Beobachterin – da wurde extra ein Juptr-Newsfeed eingerichtet), Guido Bosbach (Planspiele für Jogi), Guido Schwan (Mettkönig der Meistermacher Morningshow), Johannes Mirus (wäre gerne Tippkick-Torwandkönig geworden), Ralf Volkmer (Fußballwissen vom Feinsten und Käsekuchen-Exporteur), Jan Steinbach, Adam Dreessen, Rüdiger Möller und Uwe Freese (die Mannschaft hinter Krake Paul 2.0, die mich im Tippspiel für Freunde auf einen Spitzenplatz brachte), Sybille Hubig (weltbester Livestreaming-Coach), Nikola Nidzo Romić (für schauspielerische Talente als deutsch-serbischer Nachwuchstrainer);Christian Bredlow (Interviewgast über zerfetzte Trikots und die Auswirkungen auf den Standort Deutschland — Stichwort Puma-Wegwerfware), Norbert Nordbergh Diedrich (nächster Anwärter als Torschützenkönig an der Tippkick-Torwand) und, und, und.

Ein kleines Beispiel für das Matchen von Themen und Interessen in der Blogwelt. Um das zu vertiefen, hab ich für Juptr ein Workshop-Programm entwickelt. Damit wollen wir jetzt auf Tournee gehen.

Wie kann man Inhalte mit Anderen matchen? Spricht der Blog-Content vielleicht die Werbewirtschaft an, ohne selbst für die Finanzierung der Inhalte zu sorgen? Wie bildet man mit anderen Bloggerinnen und Bloggern eine Community zu bestimmten Themen, Events, Debatten oder sonstigen Aktionen?
Will man Lieblingsblogs besser in Szene setzen als über tote Link-Listen? Was passiert in Eurer Stadt und in Euren Communities?

Grober Ablauf:
Begrüßung und Vorstellungsrunde
Vorstellung der Startup-Idee Juptr
Aus der Praxis für die Praxis – Entwickler und Beta-Tester zeigen Anwendungen
Do-it-yourself – Tools ausprobieren, Lieblingsblogs kreieren, Foren einrichten, Usability-Test der Plattform, Verbesserungsvorschläge für die Entwickler
Pizza und Plausch zum Ausklang

Wir starten, wie kann es anders sein, mit OWL. Die sind halt gut organisiert.
Ort: VegaSystems GmbH & Co. KG Karl-Schurz-Str. 35 33100 Paderborn
Zeit: Donnerstag, den 17. November von 18 bis 21 Uhr. Ansprechpartner Thorsten Ising – bitte bei ihm anmelden.

Dann kommt Hamburg.

Zeit: Donnerstag, den 24. November von 18 bis 21 Uhr. Ansprechpartnerin Katja Raasch – Anmeldung über die Facebook Eventseite.
Ort: betahaus – coworking hamburg, Eifflerstraße 43, 22769 Hamburg. Teilnehmerlimit in Hamburg liegt bei 15 – first come, first serve.
Dort geht es um den Start einer Blogparade.

Und dann folgt Hannover.

Zeit: Dienstag, den 29. November von 18 bis 22 Uhr. Ansprechpartner Christian Bredlow – Anmeldung über die Faceook Eventseite.
Ort: Hafven, Kopernikusstr. 14,
Teilnehmerlimit liegt auch bei 15 – first come, first serve.

Im Dezember passiert nichts – da wird die Zeit bis Weihnachten zu knapp.

Im Januar gibt es schon Überlegungen für Stuttgart und Dortmund (Dennis Arntjen).

Weitere Städte interessiert? Dann bei mir melden – einfach hier einen Kommentar schreiben. Ich koordiniere das mit Jan Steinbach von Juptr.

Freu mich auf die Tour. Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Live-Hangout über Daniel Kahneman und die Selbstüberschätzung von Managern #NEO15

Kahneman Session

Führungskräfte perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen Fassaden, basteln an netten Fünfjahres-Verträgen mit horrenden Abfindungssummen, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Reengineering, Shareholder Value-Management oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack.

„Es beginnt das ‚Tower-Denken’ und die Burgmentalität. Die Leistungen des Ganzen werden dadurch nicht besser. Man wird wohl wieder vom verbliebenen Rest die Unterdurchschnittlichen entlassen müssen. Todesspirale“, schreibt Gunter Dueck in seinem Buch „Supramanie – Vom Pflichtmenschen zum Score-Man“.

Die Bilanzskandale in einigen großen amerikanischen Firmen waren dafür das erste Leuchtfeuer einer Entwicklung, die auch vor den Toren der „weltweit führenden“ Industrie-Riesen in Deutschland nicht halt macht.

Das „allein richtige“ System

Diese Systeme leben noch mit ihrer Taylorseele, erläutert Dueck. Gemeint ist Frederick Winslow Taylor (1856 bis 1915), der das „Scientific Management“ begründete, also der wissenschaftlichen Betriebsführung. Der Taylorismus oder das Taylorsystem studiert und plant die genauen Zeit- und Arbeitsverläufe. Es wird für Arbeiten eine „allein richtige“ Bewegungsfolge gefunden. Die Einhaltung dieser allein richtigen Bewegungsfolge wurde von sogenannten Funktionsmeistern ständig kontrolliert.

Dieses Wissen um die „allein richtigen Bewegungsabläufen“ erscheint in amtlich vorgeschriebener Ziegelstein-Form („allein richtig“) in Lehrplänen, Managementkursen, Standardlehrbüchern, e-Learning-CDs.

„Wissen wird in Ziegelsteine verwandelt, schön genormt. Das sind die sogenannten Lektionen, Lehreinheiten, Kursmodule. Daraus bauen die Wissensmitarbeiter Mauern für Systeme. Die Menschen müssen die vorgeformten Wissensbausteine schlucken. Sie lernen und pauken und speichern alles auf ihrer Festplatte, wo es abgerufen werden kann, um wirksam zu werden“, führt Dueck aus.

So denkt das Taylorhirn. In Wahrheit wird heute aber kein Wissen mehr fertig.

Aura der Unbesiegbarkeit als Fantasie-Produkt

Was die Taylorianer immer schon unterschätzt haben, sind die Faktoren Zufall und Glück, die der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman so trefflich geschildert hat. Besonders von Top-Managern wie Winterkorn wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet. Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman.

Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Krampfhaft versuchen die „Siegertypen“ des politischen und wirtschaftlichen Systems, ihre Handlungen und Intentionen umzuschreiben. Da werden Ursachen den Wirkungen zugeordnet, obwohl es diesen Zusammenhang gar nicht gibt.

Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren und dem Rat von Harald Martenstein zu folgen:

„Je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächliche eine bessere Welt.“

Nachzulesen in der von Gerhard Steidl so vorzüglich gestalteten Ausgabe des Zeit-Magazins mit dem Schwerpunkt Literatur. Eine Liebeserklärung an das bedruckte Papier – aber in einer Form und mit unterschiedlichen Duftnoten, die sich deutlich von den Gestern-Zeitungen unterscheiden.

Auf den Spuren des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman mache ich morgen, also am Montag, den 19. Okotber, mit dem Biologen und Wissensarbeiter Erich Feldmeier einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer. Es geht um Zufall, Glück und die Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben.

Eine Vorbereitungssession für die Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn.

Wir starten mit dem Live-Hangout um 14 Uhr. Würde mich freuen, wenn Ihr kräftig mit diskutiert. Entweder über den Frage-Button auf der Google+ Eventseite am Webplayer rechts oben oder über Twitter mit dem Hashtag #NEO15.