TTIP, Diesel-Autos und die Apfel-Birnen-Gleichnisse des VW-Chefs #dieselgate

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Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung offenbart VW-Chef Matthias Müller wieder einmal, was er von Kunden, der Konkurrenz und der eigenen Herrlichkeit hält. Kunden in Deutschland und Europa entschädigen, die mit der Mogel-Software verarscht wurden, hält er nicht für notwendig. Da sei ja die Ausgangslage ganz anders – also die rechtlichen und regulatorischen „Umstände“ im Vergleich zu den USA.

„In Amerika werden wir für 2,0-Liter-TDI-Fahrzeuge auch nach dem Rückruf die dort sehr viel strengeren Emissionswerte nicht zu 100 Prozent erfüllen können. Dies trifft für unsere Kunden in Europa nicht zu“, so Müller.

Bekanntlich sieht beispielsweise das Landgericht München die Gemengelage etwas anders: Das Gericht hatte im Mai einen Autohändler dazu verpflichtet, das manipulierte Fahrzeug zurückzunehmen und den Kaufpreis zu erstatten. Und wie sah das mit den Werbebotschaften bis zum Bekanntwerden des Software-Skandals auf dem europäischen Markt aus? Gibt es nicht auch hierzulande eine Menge Käufer, die die Dieselfahrzeuge vor allem wegen der niedrigen Verbrauchswerte erworben haben?

Emotional könne Müller die Aufregung ja nachvollziehen. „Aber man kann das nicht über einen Kamm scheren, denn die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich. Den Kunden in Europa entsteht ja kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften“, so Müller und ergänzt die Ausführungen mit einer weiteren Hammer Aussage:

„Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, selbst Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein.“

Wahnsinn. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Deutsche und europäische Käufer, denen die Schummelsoftware untergejubelt wurde, instrumentalisieren die amerikanischen Gesetze, um Vorteile zu erlangen. Mal davon abgesehen, dass zwischen den TTIP-Protesten und der VW-Thematik kein Zusammenhang besteht, äußert Müllerchen hier eine bodenlose Unterstellung. Im selben Atemzug proklamiert der leidenschaftliche Porsche-Fahrer, dass der VW-Konzern sich auf die traditionellen Stärken besinnen wolle und das Vertrauen bei Kunden, Händlern und Mitarbeitern zurückgewinnen möchte.

Die Basis dafür sei, dass Integrität bei VW ganz oben steht, mehr als früher. Und da folgt der nächste Ausrutscher. Die deutsche Autoindustrie habe nichts verschlafen bei der Elektromobilität. Am Angebot würde es nicht mangeln, sondern an der Nachfrage.

„Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger. So ganz habe ich dieses paradoxe Phänomen noch nicht verstanden“, erläutert Müller.

Muss ich also erst mal meine Nachfrage bei Herrn Müller adressieren, damit der Konzern sich bewegt? Da bleibt mir die Spucke weg. Warum kritisierte der VW-CEO vor ein paar Wochen die Deutsche Post, die es wagt, mit dem Streetscooter einen eigenen Elektro-Transporter auf die Straße zu bringen? Müller frage sich, warum man so etwas nicht mit VW auf die Beine stelle, sagte er im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Die Deutsche Post reagierte auf die Vorwürfe: Man habe sehr wohl bei den Konzernen wegen eines Elektroautos angefragt, sagte ein Post-Sprecher der FAZ zufolge. „Doch es war kein Fahrzeug zu bekommen, das unseren Ansprüchen gerecht wurde.“ Oder der Preis sei zu hoch gewesen.
Liegt es nun an der mangelhaften Nachfrage oder an dem schlechten Angebot?

Was muss man sich eigentlich noch an Beschimpfungen und Unterstellungen gefallen lassen von diesem selbstherrlichen Konzernführer?

Verleger, TV-Produzent, Unterhalter, Autor, Radiomacher, Dichter, Kolumnist, Moderator….UND Blogger

Blogs und die Frage der Kommunikationskultur
Blogs und die Frage der Kommunikationskultur

Sind Blogs am Ende? Das meint zumindest Michael Spehr in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – in der vergangenen Woche. Kurz gefaßt: Blogs seien heute bedeutungsloser als in früheren Zeiten.

„Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes als, sagen wir es ruhig: Verleger. Pallenberg verdient gutes Geld mit seiner Seite, seine Digital- und Monetarisierungsstrategie ist aufgegangen. Mit einem Blog hat das alles nichts mehr zu tun. Man sollte den Begriff Blogger endlich zu Grabe tragen“, fordert Spehr. Wer damit Erfolg habe, ist mittlerweile wie Pallenberg ein Verleger. „Wer nicht, schreibt bei Facebook. Statt des Bloggers des Jahres wünschen wir uns für 2017 den Verlag des Jahres. Dass es so kommen muss und wird, zeigt der ebenfalls verliehene Preis für den ‚Besten Blogger ohne Blog‘. Er ging bezeichnenderweise an einen Kollegen vom ‚Tagesspiegel'“, resümiert Spehr.

Entsprechend heftig waren die Reaktionen auf Facebook und in Blogs. Hervorheben möchte ich Thomas Knüwer mit seinem Beitrag „Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende?“ und Jannis Kucharz mit „Blogger vs. Journalisten“.

Da ist vieles schon gut auf den Punkt gebracht worden. Generell amüsiert mich diese Rollendiskussion über Blogger, die dann angeblich irgendwann eine Metamorphose zum Verleger zurücklegen. Völlig daneben. Als Blogger kann ich mich mit jedem Format und in jedem Genre austoben:

TV-Shows produzieren, Radio machen, Essays schreiben, lyrische Ausflüge unternehmen, Reich-Ranicki spielen, über Spielzeug sinnieren, mit Eurer Hilfe Bücher schreiben oder als Ratgeber fungieren. Alles in einer Person. Den Unterschied zum Rollenverständnis des Technikredakteurs Michael Spehr bringt Stephan Goldmann auf den Punkt:

Individualisierung der Kommunikation
Verlinkung und Vernetzung
Interaktivität aller Beteiligten
Aufhebung der Grenze zwischen Rezipient und Produzent und damit auch zwischen Profis und Laien

Genau das zeichnet Blogs aus – unabhängig von Beruf, Tätigkeit, Ort des Blogs oder sonstigen Gegebenheiten. Es ist eine Frage der Kultur, liebwertester Michael Spehr.

Es geht um die Durchbrechung der Einweg-Berieselung – egal, wo sie stattfindet: Im Fernsehen, in Zeitungen, bei Redaktionssitzungen, in der Kundenkommunikation, auf Konferenzen, im Vorlesungssaal, beim Schreiben eines Buches, bei Kunst- und Kulturausstellungen oder der Kommunikation in Organisationen.

Ohne Zeigestock, Vorzimmer, Autorisierung, Zensur, Schönwetter-Modus, Powerpoint-Blasen oder Hinterzimmer-Kungeleien. Es geht um Coworking, Crowdsourcing, Ideenaustausch – im Großen und Ganzen geht es um NETWORK THINKING, wie es Ulrich Weinberg in seinem neuen Buch darlegt – erschienen bei Murmann.

Wenn klassische Medien sich mit dem Pöbelniveau der Netz-Kommentare von Zuschauern, Zuhörern und Lesern auseinandersetzen und sich darüber beklagen, welcher zeitliche Aufwand bei der Kontrolle von Einträgen entsteht, sollten sie sich die Frage stellen, ob es vielleicht etwas mit ihrer Haltung zu tun hat.

Das ist vor ein paar Jahren beim Besser Online-Kongress des Deutschen Journalisten Verbandes in Bonn deutlich geworden. Zeit-Online verortete verschiedene Typologien unter den Kommentatoren, etwa den „Besserwisser“ und den „Möchtegern“. Andreas Hummelmeier von tagesschau.de ergänzte das noch mit dem “Ideologen”, der sich an einem zweiten Gegen-Ideologen abarbeitet, und dem Egomanen, der sich über die Zahl seiner negativen Kommentare definiert. Deshalb müsse man User-Beiträge auch rausschmeißen, so Stefan Plöchinger, Online-Chef der Süddeutschen Zeitung. Wenn die Qualität von Debatten zu schlecht sei, schreckt das andere Nutzer ab.

Vielleicht ist das Pöbelniveau auch so hoch, weil sich hier wirkliche Dialoge gar nicht abspielen können, sondern Leser auf die Einwegkommunikation der Massenmedien nur reagieren. Früher per Brief und heute halt in digitaler Form.

Wichtig sind deshalb Strategien und Formate zur Integration von Social Media, so der Berater Christoph Salzig in der Besser-Online-Podiumsdission und verweist auf die direkte Face-to-Face-Kommunikation mit Live-Hangouts. Damit experimentierte das Aktuelle Sportstudio nach der Sendung unter Beteiligung von einigen Fußball-Bloggern. Entsprechend niveauvoll lief der Dialog mit der ZDF-Sportredaktion ab. Ein gelungenes Beispiel für einen aktiven Dialog mit dem Publikum – schriftliche Leserkommentare sind ausschließlich reaktiv. Leider hat das ZDF keine Fortsetzung gewagt. Heute Plus macht es mit dem Livestreaming-App Periscope über Chat-Kommentare – auch gut.

Michael Spehr hätte sich auf Facebook in die Debatte über seinen Beitrag einschalten können – hat er bislang aber nicht getan. Scheiße-Kommentare sind da nicht gepostet worden, sondern nur kritische Einwände. Warum geht er zur Tagesordnung über? Sind wir seiner nicht würdig? Spehr kann noch so aktiv auf Twitter oder Facebook sein, es kommt auf die Haltung an.

Warum Blogger keine klassischen Verleger sind, wird am Verlauf der Spehr-Kontroverse deutlich.

Es hat auch etwas mit dem offenen Barcamp-Geist zu tun 😉

Es gibt auch nützliche Kopisten: #Guttenberg zählt nicht dazu

Das literarisch eher dürftige Doktoranden-Kopierwerk des amtierenden Verteidigungsministers hat den wahren Meistern der Collagetechnik, Kombinatorik und Imitation schweren Schaden zugefügt. Das habe ich heute in meiner Kolumne für „The European“ beleuchtet. Hellmuth Karasek schrieb 1990 in einem Spiegel-Artikel, dass die Montage von Fundstücken zu den häufigsten Kunsttechniken zählt: Walter Kempowski, Georg Büchner, Thomas Mann, Alfred Döblin, Arno Schmidt, Joseph Roth, Peter Weiss oder Karl Kraus: Sie alle haben abgeschrieben und dazu das Abgespickte zwecks Tarnung auch noch leicht redigiert.

„Alle haben sie plagiiert, spätestens seit Büchner mit 23 Jahren mitten in der Sünde des Abschreibens starb, der in seinen ‚Woyzeck‘ teilweise wörtlich zwei gerichtsmedizinische Gutachten einarbeitete und in seinem Stück ‚Dantons Tod‘ wörtlich Redeprotokolle der Französischen Revolution zitierte. Ohne Quellenangabe“, so Karasek.

Das ist die künstlerische Betrachtung. Aber auch wirtschaftlich gibt es Vorteile durch Nachahmung, Trittbrettfahrertum und Imitation. Wer ist schon ein genialer Erfinder. Manchmal reicht es aus, einen richtigen Riecher zu haben und aus den bestehenden Erfindungen etwas Neues zu machen – das hat Guttenzwerg ja gerade nicht getan. In einem lesenswerten Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind die volkswirtschaftlichen Vorteile des Kopistentums ausführlich dargestellt worden. Dort gibt es auch den Verweis auf einige interessante Veröffentlichungen: Zum Beispiel der Band von Marcus Boon „Lob des Kopierens“, erschienen bei Harvard University Press.

Dann noch das Buch von Wirtschaftsprofessor Oded Shenkar „Copycats“ (Nachäffer, Trittbrettfahrer). Das erscheint in den nächsten Wochen auch in deutscher Übersetzung – gleich mal vorbestellt. Denn ich sammle noch fleißig Material für meinen Informare-Vortrag im Mai zum Thema: Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen.

Der The European-Presseschauer hat dazu auch noch etwas diskussionswürdiges beitragen: So führe nicht jede Rekombination automatisch zu einem urheberrechtlichen Schutz. Künftig werden allerdings die Fälle von behaupteter Urheberschaft für Texte, die nach aktuellem Verständnis des Urheberrechts keinen Schutz genießen, zunehmen. Richter müssten eine Art umgekehrten Turing-Test bestehen, um gemeinfreie Werke von urheberrechtlich relevanten Texten zu unterscheiden.

„Auch Ready-mades und objets trouvés sind gewissermaßen Grenzfälle. So ist Marcel Duchamps künstlerische Leistung bei dem Werk ‚Fountain‘ die Erhebung eines präexistenten Alltagsgegenstandes zur Kunst und nicht der Gegenstand selbst. Es wäre auch reichlich absurd, wenn Marcel Duchamp im Anschluss versucht hätte, die Verbreitung von Pissoirs, unter Berufung auf sein ‚geistiges Eigentum‘, zu unterbinden oder am Verkauf davon zu partizipieren. Dennoch werden Versuche dahingehend unternommen. „So waren Jeff Koons und seine Anwälte der Ansicht, Buchstützen in Ballonhund-Form würden gegen die Rechte von Koons verstoßen“, schreibt Presseschauer.

Über Kommentare, Hinweise, weitere Quellen zum Thema und natürlich Retweets würde ich mich freuen 🙂