Vermeintliche Datenkraken und ein Hotline-Terror-Rettungsschirm für Printmedien


„Google verkauft Deine Daten an den Teufel“, betitelt Kristian Köhntopp ein nicht gerade rühmliches Kapitel der „Qualitätsmedien“.
Es geht um Berichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der „Süddeutsche Zeitung“, die wohl etwas zu voreilig waren in ihrem Google-Datenkraken-Alarm. „In einer Datenbank mit dem mysteriösen Kürzel DDP sollten die Interessen der Werbekunden an den Meistbietenden verhökert werden. Der Datenschutz – die goldenen Bulle der letzten Jahre – war in Gefahr. Offenbar hatte Google vor, uns alle zu verwanzen. Man schrieb von der Website des amerikanischen Marketing-Fachblatts AdAge ab“, so Netzpiloten-Blogger Jörg Wittkewitz in seinem Beitrag „Warnintelligenz“.

Dort wurde eine neue Lösung für das so genannte Target-Markting von Bannerwerbung auf Websites vorgestellt. „Das Ziel bei dieser Form der Werbung liegt darin, den älteren Semestern im Internet Werbung für Kreuzfahrten auf den Leib zu schneidern und dem siebzehnjährigen Enkel die neueste CD seiner Lieblingsband zu präsentieren“, erklärt Wittkewitz. Für die Süddeutsche Zeitung jedenfalls war die Sache klar: „Künftig sollen Werber bei Google Daten von Verbrauchern kaufen können, mit Name, Adresse und, vor allem, nach Interessen sortiert.“ Egal, ob nun Google solche Adressen hat oder nicht, die Debatten zur Personalisierung von Online-Werbung laufen in Deutschland immer nach dem gleichen Muster ab: Alles, was so in der Internetwelt vor sich geht, sei irgendwie bedrohlich und schwer durchschaubar. Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren.

Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns Werbung einblenden, die uns wirklich interessiert und die wir eventuell nicht wegklicken, wegzappen oder links liegen lassen. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Nein, noch mehr: Dieses Verhalten muss bestraft werden. Die jährliche Vergabe der Big Brother Awards an die Sektenbrüder einer milliardenschweren geheimen Loge ist nur die mildeste Form der Abstrafung, um uns von dem Joch der digitalen Entmündigung und Demütigung zu befreien. Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt von der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Online-Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon der Internet-Konzerne zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt: So wirken auch die stets lächelnden und aseptischen Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten und „geilen“ Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen.

Hotline-Terror der Verlage als notwendige Umerziehungsmaßnahme

Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir auf Schritt und Tritt an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Web-Hedonismus. Selbst die nervigen Werbeanrufe von Call Center-Agenten, die uns im Kampf gegen den Auflagenschwund von Zeitungen und Zeitschriften täglich Uhren, iPods, Kaffeemaschinen, edle Füllfederhalter oder Radiowecker schenken und so nebenbei „günstige“ Abonnements aufschwatzen wollen, müssen wir als notwendige Rettungsschirm-Maßnahme der Qualitäts-Printmedien-Verlage hinnehmen. Der Hotline-Terror ist eine notwendige Umerziehungsmaßnahme, um uns auf den Tugendpfad der analogen Welt zurückzubringen. Selbst wenn es personalisierte Werbung nur gibt, wenn die Internet-Nutzer dem ausdrücklich zustimmen, wird wohl der Feldzug der kulturkritischen Geister in Deutschland nicht enden. Das hat doch ein staatlicher Datenschützer eines nördlichen Bundeslandes mit aller Deutlichkeit gesagt. Wer sich auf Google einlässt, ist doof und muss vor seiner geistigen Unzulänglichkeit geschützt werden – natürlich von den Volkspädagogen des staatlichen Datenschutzes. Insofern wird auch das Dementi von Google im Land der Technikskeptiker nicht auf fruchtbaren Boden stoßen. Warum personalisierte Web-Dienste dennoch sinnvoll sind, schildere ich in meiner Freitagskolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Mehdorn oder Machiavelli – Wer ist der bessere Machtstratege?

Man möge es mir verzeihen, aber bei den Schlagzeilen, die Bahn-Chef Mehdorn in steter Folge produziert, denke ich immer wieder an Zeiten, die mit der früheren TK-Firma o.tel.o und den Machtkämpfen um die Führungsspitze im RWE-Konzern zusammenhängen. Die damals aktiven Journalisten erinnern sich vielleicht auch noch an einen sehr aktiven Informanten, der so seine eigenen Ziele unter Einbeziehung der Medien verfolgte. Und wenn die Informationen stimmen, die aus dem Aufsichtsrat der Deutschen Bahn kommen, dass nicht nur Bahn-Beschäftigte ausgespäht, sondern massenhaft E-Mails von Mitarbeitern auf Kontakte zu Journalisten und Bahn-Kritikern überprüft wurden, fällt es mir schwer, an Zufälle zu glauben.

Die Konzernrevision habe 2005 die elektronische Post sämtlicher Beschäftigten gerastert, hieß es nach der Sitzung des Kontrollgremiums. Überprüft wurde, ob die Mails an Bahn-Kritiker auch aus dem Bundestag oder an bestimmte Redaktionen gegangen sei. Ziel war diesen Darstellungen zufolge, Konzernkritiker kaltzustellen. Peng. Überraschung??? Mich überrascht das überhaupt nicht:

Vor einigen Jahren hatte das Nachrichtenmagazin Focus und auch NeueNachricht über ein internes Bahn-Strategiepapier der Unternehmensberatung McKinsey berichtet. Die Berater attestierten dem Monopolisten eine stetig schwindende Marktmacht, die durch weitergehende Privatisierungen nur noch verstärkt werde. Als Gegenmaßnahme wird ein „Regulierungsmanagement“, das den freien Wettbewerb möglichst blockieren soll, vorgeschlagen: Durch die „Beeinflussung von Entscheidungsträgern“ müsse eine weitere Verschiebung des Wettbewerbs erreicht werden. Hierbei gelte es zuerst, das Bundeskartellamt auszubremsen, das einer „bahnfreundlichen Ausrichtung der Regulierung“ im Wege stehe. Eine Möglichkeit wäre die Forderung nach einer europäischen Bahn-Regulierungsbehörde oder der Ausbau des DB-freundlichen Eisenbahn-Bundesamtes. Um dies möglichst reibungslos zu erreichen, müssten „Wettbewerbsbefürworter“ wie der damalige FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich „bearbeitet werden“. Parallel dazu müsse man politische Freunde, wie Verkehrsminister Bodewig, stützen, indem ihnen politische Erfolge beschert würden. Ein erfolgreiches Beispiel für derartiges Politik-Management zeige der Fall Werner Müller.

Nach der Aufdeckung des McKinsey-Papiers reagierten die verantwortlichen Entscheider recht widersprüchlich. Nach Aussagen der Deutschen Bahn handele es sich lediglich um ein „Akquisepapier“ der Berater in München, „mit dem die Consulter einen Auftrag bekommen wollten.“ Die Bahn habe nach der Durchsicht der Thesen jedoch sofort ablehnend reagiert, weshalb das nun im Kreuzfeuer stehende Papier „das Problem von McKinsey“ sei. Auch diese Taktik hat sich nicht geändert….

Bei McKinsey hingegen erfahre ich, das immerhin vierzigseitige Dokument sei weder eine Studie, noch eine Präsentation, sondern vielmehr eine Diskussionsvorlage, die zwar nicht „im Auftrag, wohl aber im Zuge der Arbeit für die Deutsche Bahn erstellt wurde“. Tatsächlich arbeiteten 70-80 Berater für die Deutsche Bahn AG, jedoch an einem Projekt zum Gleiswegeausbau. Der brisante Inhalt der „Diskussionsvorlage“, erklärt der McKinsey-Sprecher weiter, sei lediglich eine Risikorechnung von Folgen gewesen, die bei der Regulierung auftreten könnten. Denn, wer das Papier genau lese, müsse erkennen, daß sich bei McKinsey niemand gegen einen freien Wettbewerb stelle. Dieser Vorwurf passe nicht zum Profil der Berater und werde allein dadurch entkräftet, dass bereits im Anfangsteil des Papiers festgestellt werde, dass die Privatisierung nicht aufzuhalten sei. Das ist richtig. Genauso wurde allerdings ausgeführt, wie Unternehmen aus ehemaligen Monopolen – Strom, Telekom, Luftfahrt und Post – erfolgreich den Übergang in den freien Markt bis zu 10 Jahre verzögern konnten.