PROVOAKTIONEN FÜR LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-PROPAGANDA-ALCHEMISTEN – Einladung zur öffentlichen Disputation

Hulk

Auf Facebook gab es eine erregte Replik auf meine The European-Kolumne über die Zahlendreher in Beratungshäusern und Unternehmensabteilungen, die im nächsten Jahr mit einer öffentlichen Disputation fortgesetzt wird. Vielleicht fühlen sich ja auch noch andere Spitzenkräfte des Marketings, Elite-Absolventen der BWL und auch Big Data-Analysten angesprochen, um mit mir in einem Live-Hangout etwas konkreter die empirischen Untiefen beim Einsatz von Statistik-Modellen und Analysetools zu erörtern. Bislang liefen meine Einladungen zu einem Meinungsstreit leider ins Leere. Was ich in meiner meinungsfreudigen Liebwerteste Gichlings-Reihe geschrieben habe, nehme ich jedenfalls nicht zurück. Zur Erinnerung:

„In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren“, zu dieser Einschätzung gelangte Edward Bernays, der Vater der Public Relations, in seinem Opus „Propaganda“.

Das Standardwerk ist 1928 erschienen und war noch so herrlich freimütig und eindeutig formuliert.

„Bernays und viele seiner Zeitgenossen – allesamt Mitglieder einer Elite – waren der festen Überzeugung, dass sie im Sinne des Guten und vor allem der Demokratie handeln, wenn sie das Verhalten der Massen bewusst in ganz bestimmte Bahnen lenken. Inspiriert und alarmiert durch die Triebtheorie seines Onkels Sigmund Freud, war Bernays offensichtlich fest davon überzeugt, dass die Masse ein unberechenbares, triebhaftes Etwas ist. Ein monströses Etwas, das von wenigen vernünftigen Wissenden gezähmt werden muss, damit der Plan einer umfangreichen Zivilisation am Ende auch aufgeht“, kommentiert Patrick Breitenbach in seinem Beitrag „Das Internet und die Massenmanipulation – Kann man nicht nicht manipulieren?

Seelenlose Technokraten

Es sind snobistische Sozialingenieure, die in ihrer Wissensanmaßung bewusst oder unbewusst in der Tradition des Philosophen Thomas Hobbes stehen. Der Leviathan-Autor machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat.

Die Rechenschieber-Fraktion im Online-Marketing ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt. Menschliches Verhalten im Kleinen und im Großen mit durchsichtigen und biologistischen Psychotricks zu steuern, ist ein gigantisches Münchhausen-Projekt. Wer den LEAD-SEO-ONE-TO-ONE-Propaganda-Alchemisten etwas genauer auf die Finger schaut, entdeckt semantische Nebelschwaden und Fata Morgana-Effizienz-Messungen. Es sind seelenlose Technokraten, die uns wie weiße Mäuse im Versuchslabor betrachten und uns mit ihren dümmlichen A/B-Testverfahren dressieren wollen.

Die Heilsversprechen der Marketing-Technokraten

Am Schluss sollen dann „Leads generiert“ werden für Mailingaktionen, um den Auftraggebern und Vorständen irgendeine Conversion-Response-Statistik-Sauce zu präsentieren. Hauptsache die Zahlen klingen optimistisch: Im Bürokraten-Duktus der Software-Anbieter werden umfassende Funktionen wie E-Mail-Marketing, Landing Pages und Formulare, Kampagnen-Management, Lead-Pflege und Lead-Bewertung, Management der Lead-Lebensdauer, CRM-Integration, Social-Marketing-Funktionen sowie Marketing-Analytics als Heilsversprechen an Unternehmen verkauft, die damit effektiv und effizient ihren ROI (hat nichts mit Siegfried zu tun, sondern steht für Return on Investment) berechnen, Umsätze steigern und Gewinne in die Höhe treiben. Alles klar?

Das „individuelle“ Gespräch mit Kunden übernehmen lernende Algorithmen, die das Zielsubjekt automatisiert bewerten und mit Kampagnen bespielen, weil ja alles so schön im System vorhersagbar sei. Entsprechend ändert sich die Marketingdisziplin immer mehr zu einem technischen Beruf, „der den souveränen Umgang mit technologischen Lösungen erfordert“, heißt es in einer Hochglanzbroschüre.

Steuerungslehre statt gute Gespräche

Die Kunst des guten und offenen Gesprächs, die man im Internet ohne Barrieren führen kann, wird durch eine Rückkehr zur alten Denke der kybernetischen Steuerungslehre von Sender-Empfänger-Modellen ersetzt. Während sich draußen alles vernetzt, vertrödeln drinnen in den Unternehmen die Manager mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert wertvolle Zeit, kritisiert Anne M. Schüller, Autorin des Buches „Das Touchpoint-Unternehmen“. Auch wenn nun Software und digitale Technologien zum Einsatz kommen, stecken hinter den Marketing-Mauern immer noch Topdown-Formationen, Insellösungen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis und Kennzahlen-Manie.

Eine fossile Gesinnung mit einem etwas moderneren Anstrich. Mitarbeiter kommen in solchen Abbildungen nicht vor – sie sind Fußvolk und werden in den Schubladen der verschiedenen Abteilungen verwaltet. Und die Kommunikation zu den Kunden läuft über so genannte „Kanäle“ – also was man so früher darunter verstanden hat mit klar identifizierbaren Sendern und Empfängern.

„Mit stolzer Brust wird zwar über Multichannels geredet und mit Crosschannel-Expertise geprotzt, doch aus Sicht der Kunden betrachtet crosst gar nichts”, kritisiert Schüller.

Formalismen, Kommandostrukturen, Kontroll- und kundenfeindlicher Standardisierungswahn seien die größten Bremsklötze. Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien ist geradezu abstrus:

„Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.”

Die Dominanz der Sozialanalphabeten

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

„Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen”, führt Schüller weiter aus.

Aber was passiert auf der Kundenseite, die die Sozialingenieure über Maschinen dirigieren wollen?

Werden wir als Empfänger dieser technokratischen Botschaften und hoch manipulativen Selektionsverfahren, die Facebook und Co. an uns ausprobieren, zu willenlosen Opfern von Nasenring-Systemen?

So blöd sind die Nutzer vielleicht gar nicht, um die Psychotricks der Online-Werber zu durchschauen. Es reicht eine negative Erfahrung und die Lernkurve geht steil nach oben. Irgendwann kommt hinter jeder Kampagne, hinter jeder dümmlichen Lead-Generierung via A/B-Testverfahren die Stunde der Wahrheit, wo man als Konsument die Dienstleistung oder das Produkt beurteilen sowie die technokratischen Kampagnen, Algorithmen und Verfahren zur Suchmaschinen-Optimierung als heiße Luft entlarven kann. Spätestens dann erkennt man die verstümmelten Arme der Datenkraken, die uns im Netz bis zum virtuellen Exitus verfolgen. Heute versandet die Penetranz der Stalking-Systeme schneller als zu Zeiten der heiligen Inquisition, wo Ungläubige, die nicht parierten, gefoltert, gevierteilt oder verbrannt wurden.

Warum Onlinereklame scheitert

Die Steuerung der digitalen Inquisition scheitert schon in dem Moment, wo man ihre Instrumente durchschaut. Das Bekanntwerden von Psycho-Methoden und Automaten-Systemen reicht aus, um ihre Geltung sowie Wirksamkeit außer Kraft zu setzen.

Beim Umgang von Menschen mit Maschinen hat brandeins-Autor Thomas Ramge einige Faktoren ausgemacht, die das Onlinemarketing ad absurdum führen. So werden immer mehr unterschiedliche Endgeräte benutzt, die die Arbeit der Datenanalysten erschweren. Potenzielle Zielsubjekte verstehen zunehmend die Logik, die hinter den kleinen Cookie-Diensten stecken, um uns auf Schritt und Tritt zu beobachten. Immer mehr Nutzer löschen regelmäßig diese virtuellen Spione:

„Ein Großteil der Onlinemarketing-Techniken funktioniert aber nur, wenn Cookies den Nutzer auf seiner Reise durchs Netz begleiten.“

Das dürfte auch erklären, warum der Bundesverband Digitale Wirtschaft mit einer Pressemitteilung in der Tonalität eines Wutanfalls auf Meldungen reagiert hat, die NSA werte auch Cookie-Daten aus – aus Angst, das könnte die Cookie-Löscherquote weiter in die Höhe treiben.

Problematisch für das digitale Marketing seien auch Smartphones.

„Sie hinterlassen zwar viele Datenspuren, aber ihre kleinen Bildschirme bleiben für Werbebotschaften so ungeeignet wie Litfaßsäulen für Dialogmarketing. Die Finger tippen aus Versehen auf Reklame, und der Nutzer reagiert allergisch. Aus diesem Dilemma gibt es zurzeit keinen Ausweg, weshalb Mobile-Werbung so weit abgeschlagen ist. Daraus folgt: Je mehr Nutzung auf mobilen Endgeräten, desto schlechter für das Onlinemarketing.“

Ströme des Internets beeinflussen

Diese Trends könne man nach Ansicht von Ramge auch als Ironie der jungen Geschichte der Onlinereklame lesen.

„Den Werbern gelingt es nach Jahren harter Arbeit, dem Konsumenten im Netz halbwegs auf die Schliche zu kommen. Sie haben gelernt, Datenspuren zu lesen, und sich Formate ausgedacht, die zumindest bei einigen wenigen Leuten auf Interesse stoßen. Und dann machen die Vielfalt neuer Geräte, widerborstige Nutzer und schrumpfende Bildschirme die Fortschritte wieder zunichte.“

Das Onlinemarketing habe seine besten Zeiten bereits hinter sich.

Und so toll sind selbst die Erfolge der Datenspuren-Leser nicht. Die Profiling-Jünger sind bei der Analyse und Prognose des Kundenverhaltens so erfolglos wie die Hirnforscher beim Nachbau des Gehirns von Fröschen. Es gelingt einfach nicht.

Dennoch wird weiter an manipulativen Algorithmen gebastelt, um die Ströme des Internets zu beeinflussen.

„Gerade durch die Vielschichtigkeit, Geschwindigkeit und Undurchschaubarkeit der Urheberschaft ist die versuchte Manipulation so stark wie nie zuvor. Die Arena hat sich erheblich vergrößert und damit bietet sie auch wesentlich mehr Akteuren mehr Raum um Einfluss auszuüben. Was jedoch verstärkt eintritt sind reflexartig angestoßene Reinigungsprozesse in Form von konkurrierenden Thesen, Behauptungen und unmittelbare Gegenbehauptungen“, bemerkt der Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach.

Probiert es doch mal mit echten Gesprächen

Das Netz biete tagtäglich zig weitere Meinungen, Fakten, Geschichten und Gegen-Meme.

„Sie alle sind theoretisch dauerhaft verfügbar und miteinander verknüpft.“

Wenn nun die Netzbewohner so eifrig diskutieren, warum beteiligen sich die Unternehmen nicht einfach an diesen Gesprächen?

Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Marketing-Automaten. Der Blick hinter die Fassade der Phraseologie gelingt der Netzöffentlichkeit ohnehin. Deshalb meine Empfehlung an die liebwertesten Gichtlinge in den Unternehmen: Macht Expertenrunden via Hangout on Air mit Euren wichtigsten Kunden, organisiert virtuelle Stammtisch-Runden mit Bloggern, die fachlich zum eigenen Angebot passen. Kuratiert kritische Erfahrungen der Kundschaft und beantwortet die Serviceanfragen über YouTube-Videos, wie es der Burger King-Deutschlandchef vorgemacht hat. Ernennt die Super-User zur wichtigsten Anlaufstelle beim Abtesten von neuen Diensten sowie Produkten und mahnt sie nicht ab, wie es IKEA getan hat.

Glänzt durch Eure fachliche Expertise und nicht durch weltweit führenden Wortmüll. Bleibt locker im Umgang mit dem Social Web und experimentiert, wie der Radiojournalist Leo Laporte, der in einer Gesprächsrunde zufällig seine Aufnahmegeräte dabei hatte und 20 Minuten der Plauderei aufnahm. Er packte die Audio-Datei auf seine private Website, ohne groß über die möglichen Reaktionen nachzudenken.

„Es passiert, was in dieser Form nur im Internet passieren kann. Die ungeplante Aufnahme wird zum Hit – ohne Marketingbudget, ohne Businessplan und ohne ausgefeiltes Konzept“, schreibt Jan Tißler im Upload Magazin mit dem Schwerpunkt „On Air“.

Heute verfügt Laporte über ein kleines Medien-Imperium für Audio- und Video Podcasting. Das Vertrauenskapital seiner Fans macht es möglich.

Über die Heizdecken-Verkäufer des Big Data-Marktes: Wie nützlich sind die Daten-Analysten? #Bloggercamp.tv um 16 Uhr

Viele Daten, wenig Erkenntnis
Viele Daten, wenig Erkenntnis

Wie genau sind die Algorithmen in der Vorhersage? Wem nützt der Big Data Hype? Bis jetzt hat sich noch kein Big Data Analyst getraut zu uns in die Sendung zu kommen. Ist Big Data nur heiße Luft? Darüber diskutieren wir mit dem bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk. Fragen über die F&A App auf Google+ oder über twitter mit dem Hashtag

Die Position von Matthias:

Der Hype um das Thema geht von Unternehmen wie Facebook aus, die damit ihr Werbegeschäft ankurbeln wollen. Die Verheißung lautet, dass mit den genauen Einblicken in das Leben der Facebook-Nutzer eine sehr gezielte und hochwirksame Werbung möglich wird. Big Data muss funktionieren – sonst verkaufen sich die Anzeigen nicht! 😉

Beweisen kann ich das freilich nicht. Ich denke aber dass hier um des Geschäftes willen das Potenzial von Big Data übertrieben optimistisch dargestellt wird. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Facebook inzwischen eine Aktiengesellschaft ist, die von Quartal zu Quartal steigende Umsätze verkünden muss, um nicht bei Analysten und Anlegern in Ungnade zu fallen.

Auf der anderen Seite spielen die übertriebenen Darstellungen wunderbar den Netz-Kritikern in die Hände: Sie nehmen die wenigen Beispiele für bare Münze und als Beleg für ihre Kritik an den aktuellen Entwicklungen.

Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen oder schlimmer noch: Unternehmen wie Google oder Facebook tappen bezüglich der Interpretation der vielen Daten, die sie über die Nutzer sammeln, weitgehend im Dunkeln, weil sich wichtige Korrelationen nicht herstellen lassen (es fehlen vielfach die entscheidenden Kontextinformationen).

Ein kleines Beispiel der letzten Tage: Ich war in Berlin und wurde in der Nähe des Potsdamer Platzes von Touristen gefragt, wo denn hier die Gemäldegalerie sei. Weil ich das nicht wusste, habe ich auf meinem Smartphone in Google Maps nachgesehen und den Leuten damit den Weg gezeigt. Später, als ich wieder im Hotel war, meldet sich Google Now auf dem Smartphone um mir zu verkünden, dass wenn ich jetzt von hier aus zur Gemäldegalerie mit dem Auto fahren würde, ich soundsoviel Zeit dafür benötigen würde!

Google hat weder verstanden, dass ich nicht mit dem Auto in Berlin war (sondern mit der Bahn), noch dass ich gar nicht selbst zur Gemäldegalerie wollte, als ich in Google Maps nach der Adresse suchte!

Auch Foursquare schafft es nicht, wirklich sinnvolle Empfehlungen oder Hinweise zu geben. Hier in der schwäbischen Provinz behelligt mich dieser Dienst nur wenig, in Berlin dagegen auf Schritt und Tritt. Da werden wahllos Empfehlungen in den Raum geworfen – als ob man den ganzen Tag nur Essen oder Trinken möchte…

Genügend Stoff für die Diskussion. Man hört und sieht sich um 16 Uhr.

Siehe auch:

Sensationelle Big Data-Erkenntnis: Wassermänner neigen zu Angina Pectoris.

Der Spion 
in der Tasche.

Sensationelle Big Data-Erkenntnis: Wassermänner neigen zu Angina Pectoris

Auch der Republica-Redner Mayer-Schönberger präsentierte keine Big Data-Rechenmodelle
Auch der Republica-Redner Mayer-Schönberger präsentierte keine Big Data-Rechenmodelle

Als Beleg für die Wirksamkeit von Big Data werden übrigens immer die gleichen Beispiele genannt (schwangere Tochter – ahnungsloser Vater, Grippe und Stau). Vorgeführt werden die Big Data-Analysen übrigens nie. Einblick in die Formeln bekommt man auch nicht. Also genau so ein Ende-des-Zufalls-Gemurmel, wie es die Quantenphysiker an der Wall Street erfolglos praktiziert haben. Egal, ob es sich um Welterklärungsmaschinisten, Krawatten-Prognostiker, Börsen-Ich-halte-meinen-Finger-in-den-Wind-Analysten, Schufa-Scoring-Geheimniskrämer, professorale Dauerredner, Geheimdienst-Gichtlinge oder Kritiker handelt, sie alle fischen im selben trüben Teich der Andeutungen und Übertreibungen.

Niemand lässt so richtig die Hosen runter. Gut, dass es empirisch geschulte Geister wie Thomas Ehrmann gibt, die ein wenig Klarheit in die Zahlen-Suppe bringen. Der Leiter des Instituts für Strategisches Management der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hat heute in einem FAZ-Gastbeitrag die Big Data-Gottesmaschinen auf den Boden der statistischen Tatsachen geholt. Angeblich reiche es ja bei Datenanalysen aus, nicht mehr nach der berühmten Nadel im Heuhaufen zu suchen, sondern einfach den kompletten Heuhaufen in Augenschein zu nehmen. Kausalitäten oder Modellannahmen seien gar nicht mehr gefragt. Korrelationen würden vollkommen ausreichen. So predigen es die Werbetreibenden der Big Data-Industrie auf jedem Kongress, so beten es die Skeptiker nach.

„Stutzig machen sollte, dass nur ein berühmtes Beispiel dieser automatischen Auswertung, das vom Bierkauf der Männer, die Windeln besorgen, mit nachfolgender umsatzsteigernder Regalneueinräumung, in allen Vorträgen zu Tode zitiert wird. Und dann gibt es noch diese berühmten Grippevorhersagen, wo sich Grippefälle als leicht zeitverzögerte Funktion von Netzsuchen nach Grippemitteln entpuppen. Die Großverheißung der puren Empirie erinnert an andere Verheißungen wie etwa das papierlose Büro und künstliche Intelligenz, die jeweils in früheren Zeiten ihre Hochkonjunkturen hatten“, schreibt Ehrmann.

Wenn es aber um Prognosen für das Verhalten Einzelner geht, wenn genaue Vorhersagen für komplexe Sachverhalte anstehen oder Politik-Empfehlungen zur Bewältigung der Euro-Krise maschinell ausgespuckt werden sollen, reicht der Blick in den Daten-Rückspiegel nicht aus.

Dass eine Frau durch die Auswertung von verschiedenen Indikatoren als schwanger eingestuft und von der Werbeindustrie mit Baby-Paketen bedacht wird, ist keine Vorhersage – egal, ob die betroffene Familie nun darüber informiert wurde oder nicht. Das Ereignis ist bereits eingetreten. Ob der Werbeindustrie zusteht, sich als Big Data-Stalker zu betätigen, ist wieder eine ganz andere Frage. Wie die Lebensplanung der schwangeren Frau ausschaut, wissen auch die Big Data-Maschinen nicht – auch wenn sie mit der Brechstange Cluster berechnen. Ehrmann verweist auf ein nettes Korrelations-Spiel von Medizinern, die so lange Sternzeichen und Krankheiten korreliert haben, bis man jedem Sternzeichen zwei Krankheiten zuordnen konnte, die in anderen Sternzeichen weniger häufig vorkommen. So neigen Wassermänner zu Angina Pectoris – das wird den Gichtlingen von Astro-TV bestimmt gefallen.

„Diese Art von Scheinkorrelation ist humoristische Folge von (hier) biologisch – allgemein: theoretisch nicht fundierter – Big-Data-Testerei. Real unlustig wird es, wenn auf derartiger Scheinkorrelationsbasis Kredit- oder Mietverträge vergeben werden sollten“, urteilt Ehrmann.

Auch wenn es die Big Data-Heizdeckenverkäufer nicht gerne hören: Die Maschinen und Algorithmen sind so blöd wie ihre Maschinisten. Deshalb sollte man eher auf jene Analytiker zurückgreifen, die Nachdenken, Sachkunde und Erfahrung haben, Fragen stellen und überprüfbare Hypothesen aufstellen. Wer seine Big Data-Formeln nicht vorrechnet und Überprüfungen verweigert, ist schlichtweg ein Scharlatan.

Wer seine Formelstube öffnen will, ist immer noch herzlich eingeladen, dies live in Bloggercamp.tv zu tun. Wir machen auch vorher einen Technik-Check und prüfen das Sternbild, damit es keine Schwächeanfälle in der Sendung gibt 🙂

Algorithmen-TÜV und die Ahnungslosigkeit von Minister Gabriel

Alles ist irgendwie verdächtig
Alles ist irgendwie verdächtig

Wir sollten als Gesellschaft unsere Gestaltungsmacht zurückgewinnen, fordert die Schriftstellerin Juli Zeh. Etwa über die Datenschutz-Verordnung der EU, die den Schutz des Einzelnen verbessert und drakonische Strafen vorsieht, wenn ohne Zustimmung der Betroffenen Daten erhoben werden. Die Rechtsverordnung könnte sofort in Kraft treten, wenn sich die nicht deutsche Regierung dagegen sperren würde. Formell wird als Argument von Gabriel und Co. angeführt, die Vorlage würde das Niveau des deutschen Datenschutzes absenken.

„Das ist völliger Quatsch. Ich war mit Sigmar Gabriel kürzlich in einer Talkshow. Er kam mit diesem Argument und konnte dennoch keinen einzigen Punkt nennen, wo der deutsche Datenschutz weitergeht“, bemerkt Zeh.

Trotzdem wollte Gabriel von seiner Haltung nicht abrücken. Da fehle schlichtweg die Kompetenz.

Juli Zeh brachte auch die Einrichtung eines Algorithmen-TÜV ins Spiel. Jeder habe einen Anspruch auf Transparenz. Das könne die Verweigerung eines Kredits (Schufa-Scoring lässt grüßen), die Kündigung eines Arbeitgebers, die Erhöhung von Versicherungsbeträgen oder die Nichteinstellung bei Bewerbungen sein, die auf Grundlage von maschinellen Rasterungen erfolgen. Es handelt sich um Ergebnisse, die in die Biografie eines Menschen existentiell eingreifen.

In bestimmten Anwendungsfeldern haben diese Big Data-Systeme nichts verloren.

„Wir können doch als Gesellschaft klar sagen, was wir nicht wollen. Im Gesundheitswesen haben Prognose-Systeme nichts zu suchen, sollten Entscheidungen im Dialog mit den einzelnen Menschen erfolgen. Algorithmen stellen keine Fragen, sie treffen Entscheidungen über die flächendeckende Auswertung von Daten. Auch im Justizwesen haben solche Systeme nichts verloren.“

Den von Juli Zeh geforderten politischen Diskurs sollten wir endlich beginnen. Ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen: Der verdächtige Bürger.

Erinnert sei noch an meine Auseinandersetzung auf Facebook mit einem Big Data-Analysten: Als ich nachfragte, ob er sein System live in Bloggercamp.tv vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation. In diesem kleinen Feldtest ist dem Big-Data-Maschinisten vielleicht klar geworden, um was es geht.

Was passiert, wenn seine Algorithmen ahnungslose Menschen in die Kategorie „schlechte Patienten“ eintüten und sie von den „guten“ Patienten abtrennen? Welche Gewichtungen und Abgrenzungen hat denn der Systemingenieur in sein Prognose-System eingebaut? Bekommt der „schlechte“ Patient Einblick in die Formelstube?

Wie man kafkaeske Big Data-Systeme bekämpft – Das #Schufa-Experiment

Auf die kostenlose Schufa-Abfrage achten!
Auf die kostenlose Schufa-Abfrage achten!

Wie kann ich mich wehren, wenn mir auffällt, dass mich ein Big Data-System diskrediert und ich Opfer der Realitätskonstruktionen von Vorhersagemaschinen werde, die ihr Innenleben nicht preisgeben.

„Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss“, schreibt Sascha Lobo in seinem lesenswerten FAZ-Beitrag.

Die Maschinisten überlassen das Geschehen einem undurchsichtigen Maschinen-Paternalismus und verkriechen sich hinter der Logik von Algorithmen.

„Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene“, so Lobo.

KI-Pionier Joseph Weizenbaum

Bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt an die Maschine spiele auch die Erkenntnis von KI-Pionier Joseph Weizenbaum eine Rolle, nach der Menschen dazu neigen, berechnete Ergebnisse eines Computers absonderlich ernst zu nehmen, eine Schwester von Horkheimers instrumenteller Vernunft.

„Mit maschinell produzierter Gewissheit in einer ungewissen Welt drängt sich die Ideologie in alle Lebensbereiche, indem sie Wahrscheinlichkeit als Wahrheit verkauft samt zwingender Handlungsanweisung. Weil dafür persönliche Daten benötigt werden, ist Datenschutz ihr erster und größter Feind“, so Lobo.

Und die Offenlegung der Rechenformeln, die mit Gewichtungen irgendwelche Prognosen rausballern. Open Data ist der größte Feind der Big Data-Enthusiasten, die sich bislang geweigert haben, Beispiele ihre Vorhersagekünste in Bloggercamp.tv vorzuführen.

Wenn mich die Schufa als nicht kreditwürdig im Score-Wert einstuft, könnte ich ja den Anbieter wechseln, würden jetzt irgendwelche Geister des freien Marktes antworten, die in ihren Theorien den Faktor Macht so gerne ausblenden.

„Wir leben aber häufig in kafkaesken Strukturen, die dem Ideal des perfekten Marktes genauso wenig entsprechen, wie der Mensch dem Home oeconomicus entspricht. Gegen monopolistische Systeme hat man es schwer, sich zu wehren“, sagt Winfried Felser, Geschäftsführer von Netskill, im ichsagmal-Gespräch.

Es müsse noch nicht einmal ein Monopolist sein, der die Öffentlichkeit am Nasenring vorführt. Gleiches gilt für Branchen, die sich untereinander absprechen und die Regeln des Wettbewerbs unterlaufen.

Die Crowd mobilisieren
Die Crowd mobilisieren

Da hilft nur eine Crowd-Revolte, um Front gegen die Machtverkrustung zu machen. Reputation könne Verhalten steuern, so Felser. Wenn Dinge rechtmäßig seien, wie die Bewahrung des Schufa-Geschäftsgeheimisses bei der Berechnung des Score-Wertes, könne nur eine mobilisierte Öffentlichkeit eine Gegenstruktur bilden. „Dann steht man nicht mehr wie Franz Kafka einer unbeherrschbaren Macht gegenüber.

„Juristisch ist das nur schwer in den Griff zu bekommen.“

Deshalb werde ich jetzt jedes Jahr die Schufa so lange mit Anfragen nerven, bis ich Einblick in die Schufa-Scoring-Formel bekomme. Eine Abfrage pro Jahr ist schließlich kostenlos. Diesen Spaß gönne ich mir. Auf der Schufa-Website muss man allerdings aufpassen, nicht in die kostenpflichtige Auskunft zu rutschen.

Siehe auch:

Was ist der Sinn und Zweck von … Überwachung, Big Data etc. ?

Wie wehrt man sich gegen Big Data-Denunziantentum? ichsagmal.com-Gespräch um 15 Uhr

Heute diskutiere ich mit Winfried Felser von Netskill meinen Beitrag für das Debattenmagazin The European. Wer mitmischen will, möge die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus einsetzen. Eigentlich wollten wir das vergangenen Freitag über die Bühne ziehen, klappte aber aus terminlichen Gründen nicht. Hier die Thesen zur Disputation:

Big-Data-Anbieter sind großartige Verkäufer, wenn sie in der Öffentlichkeit von den Vorzügen der schönen neuen Datenwelt fabulieren können. Sie gieren nach Analysen möglichst großer Datenberge, um Grippewellen vorherzusagen, Euro-Krisen zu verhindern, den Autoverkehr staufreier zu machen oder Prognosen über den Verkaufserfolg von Rollkragenpullovern in roter Farbe abzugeben.

Mit statistischen Spielchen auf der Metaebene geben sich die Zahlenfreunde aber nicht zufrieden. Sie wollen mehr. Sie erheben sich zur neuen Klasse der Sozialingenieure, um Gesundheitssysteme zu steuern, Banken vor Kreditausfällen zu bewahren oder Minderjährige vor dem Abrutschen ins Verbrechen zu „schützen“. Die zumeist technisch oder naturwissenschaftlich ausgebildeten Analysten wollen sich also tief ins Datenleben einzelner Menschen eingraben und beeinflussen.

Lichtscheue Analysten

Rückt man den liebwertesten Big-Data-Gichtlingen allerdings mit Anfragen zu den Rechenformeln ihrer Gottesmaschinen zu sehr auf den Pelz, ändert sich blitzschnell ihre Disposition: Die Algorithmen-Wahrsager werden lichtscheu und löschen ihre Datenspuren. So geschehen bei einer kleinen Disputation auf Facebook über selbstgewisse Neurowissenschaftler, die Abläufe des menschlichen Gehirns noch nicht mal in Ansätzen erklären können. Ein Systemingenieur warnte vor zu großem Pessimismus. Man werde sich noch wundern, was in der Hirnforschung und beim künstlichen Nachbau der Gehirne in den nächsten Jahren so alles passieren werde.

Über die „Intelligenz“ seiner eigenen Prognose-Maschine äußerte sich dieser Geschäftsführer eines Softwareunternehmens ähnlich euphorisch. Ist ja völlig in Ordnung. Jeder Krämer lobt seine Ware. Als ich nachfragte, ob er sein System live in Bloggercamp.tv vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation. In diesem kleinen Feldtest ist dem Big-Data-Maschinisten vielleicht klar geworden, um was es geht.

Was passiert, wenn seine Algorithmen ahnungslose Menschen in die Kategorie „schlechte Patienten“ eintüten und sie von den „guten“ Patienten abtrennen? Welche Gewichtungen und Abgrenzungen hat denn der Systemingenieur in sein Prognose-System eingebaut? Bekommt der „schlechte“ Patient Einblick in die Formelstube?

Social-Media-Freunde als Indikator für Kreditwürdigkeit

Gleiches gilt für die Firma „Big Data Scoring“ aus Estland, die über die Auswertung von Social-Media-Profilen Aussagen über die Kreditwürdigkeit für Banken treffen will: „Es läuft ein bisschen nach dem Prinzip: ‚Sag mir, wer deine Freunde sind, und ich sag dir, wer du bist‘“, erklärt nach einem t3n-Bericht Meelis Kosk von Big Data Scoring. Ein hoher Akademiker-Anteil unter den Freunden könnte beispielsweise ein gutes Zeichen für die persönliche Finanzlage sein. Äh, und wenn es Philosophen und Germanisten sind? Ziemlich dubiose Kriterien.

Alles sei selbstverständlich gaaaaanz freiwillig, beschwichtigen die Unternehmensgründer. Es gebe schließlich eine Opt-In-Regel – ohne Zustimmung des Kreditnehmers passiere nichts. Auch die politische Gesinnung und die sexuelle Orientierung bleiben außen vor. Wie großzügig. Haben die Rechenschieber-Freaks eigentlich mal probiert, in Deutschland einen Bankkredit zu beantragen? Was passiert denn, wenn man die Abfrage beim kommerziellen Dienstleister Schufa verweigert, der ebenfalls mit Scoring-Verfahren in einer trüben Suppe der Wahrscheinlichkeitsrechnung herumrührt und seine Formeln als Geschäftsgeheimnis deklariert? Nichts, man kann nach Hause gehen und schauen, ob noch irgendein Spargroschen unter der Matratze liegt. Welchem Scoring-System unterliegen eigentlich die Entwickler und Anwender der Big-Data-Analysetools? Wer haftet denn für falsche Berechnungen, die zum Reputationsverlust führen?

Wer muss wem etwas beweisen?

Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute hat eine Beweislastumkehr ins Spiel gebracht, die beim Anwender liegen müsse. Zudem benötige man eine neue Berufsgruppe zur Überprüfung der Big-Data-Analysen. Mayer-Schönberger spricht von „Algorithmikern“, es könnten auch Big-Data-Forensiker sein, die den Betroffenen helfen, rechtlich gegen die Zahlendreher vorzugehen.

Über die Wirksamkeit und Genauigkeit der Korrelations-Fetischisten sind Zweifel angebracht, wenn sie Individuen zum Objekt ihrer Begierde machen und damit auch noch Geld verdienen wollen. Die Systeme können nur das, was Menschen programmiert haben und daraus ableiten. Es sind hoch manipulative, konstruierte und erfundene Welten, die immer zu richtigen Ergebnissen kommen. Richtig im Sinne des Erfinders, Konstrukteurs, Systemingenieurs, Mathematikers, Software-Entwicklers oder KI-Wissenschaftlers: Die Logik sei nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagt Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck.

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert … also die Logik bringt ja gar nichts Neues … die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können“, erläutert Foerster.

In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Den Wahrheits-Maschinisten sollte man politisch und rechtlich zeigen, wie wichtig Vertrauen ist, wenn man Menschen berechnet, kategorisiert, sortiert und letztlich aburteilt. Ich starte den Hangout um 15 Uhr – da hört und sieht man sich 🙂

Big Data und Google haben Schnupfen – Über die Fehlprognosen der Korrelations-Adepten #Cebit #Grippe #GoogleFluTrends

Google-Engineering Director
Google-Engineering Director

Google Flu Trends (GFT) gelten in der Big Data-Szene als Paradebeispiel für Anwendungen, die mit der Analyse von Datenmassen möglich sind. Entsprechend selbstbewusst trat auch Wieland Holfelder, Engineering Director von Google Deutschland, bei seinem Cebit-Vortrag auf und berichtete von den unendlichen Möglichkeiten, die von seinem Suchmaschinen-Konzern geboten werden.

Bei der Vorhersage von Grippe-Epidemien, die selbst regional möglich sein sollen, gibt es wohl doch noch einiges zu verbessern, schreibt die Süddeutsche Zeitung mit Verweis auf einen Forschungsbericht, der in der Fachzeitschrift Science erschien:

„So wurde die nichtsaisonale H1N1-Pandemie des Jahres 2009 vom ursprünglichen GFT schlicht übersehen. Danach hat ein verbessertes GFT das Ausmaß der saisonalen Epidemien 2011/2012 und 2012/2013 um mehr als 50 Prozent überschätzt. Und im Zeitraum von August 2011 bis September 2013 lieferte das Analyse-Tool an 100 von 108 Wochen überhöhte Prognosen. Da Google weder die verwendeten Suchbegriffe noch den Algorithmus offenlegt, fällt die Suche nach den Gründen für diese Fehlprognosen schwer. Die Science-Autoren vermuten eine ‚Big-Data-Hybris‘, die dazu führt, dass die Google-Forscher sich angesichts der Menge der Daten nicht ausreichend um deren Validität und Reliabilität kümmern“, so die SZ.

Mit wissenschaftlichen Standards, die man überprüfen kann, hat das Ganze rein gar nichts zu tun. Und genau das ist so ärgerlich. Wer seine Big Data-Formeln nicht offenlegt, entzieht sich der Wiederholbarkeit seiner Berechnungen. Vielleicht sollte deshalb auch Professor Viktor Mayer-Schönberger die Ausführungen in seinem Big Data-Büchlein noch einmal hinterfragen und in der nächsten Auflage korrigieren:

Was für eine Revolution?
Was für eine Revolution?

„Korrelationen sind viel leichter und billiger als Kausalzusammenhänge aufzuspüren und daher oft zu bevorzugen…Für viele Alltagsaufgaben reicht es allerdings aus, das Was, nicht das Warum zu kennen. Und Big Data-Korrelationen können uns zeigen, welche Kausalzusammenhänge näher zu untersuchen sich am ehesten lohnen. Diese schnell aufgefundenen Korrelationen sparen uns Geld beim Flugticketkauf, sagen Grippewellen voraus und wissen, welche Kabelschachtdeckel oder überfüllten Mietshäuser man in einer Welt mit begrenzten Ressourcen bevorzugt inspizieren sollte.“

Herr Professor, vielleicht sollten Sie doch wieder mehr über Kausalitäten und Warum-Fragen nachdenken sowie Standards entwickeln, wie man kommerzielle Big Data-Anbieter validieren kann. Wenn das mit den Vorhersagen auf der Meta-Ebene nicht klappt, wie Fehlerhaft sind dann die Prognosen für einzelne Menschen?

Deshalb liege ich mit meiner Mittwochskolumne gar nicht so falsch: Warum man den Sozialingenieuren der Datenwelt Grenzen setzen muss.

Big Data-Gottesmaschinen – Vorhersagen ohne Unordnung

Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat sich in der Wissenschaftssendung „Philosophie Sternstunde“ recht interessant über die Systemtheorie geäußert, die sich mit der Komplexität gesellschaftlicher Phänomene auseinandersetzt und sich von den Gleichgewichtsmodellen abgrenzt, die immer so wunderbar logische Ergebnisse zutage fördern und mit der Realität wenig zu tun haben:

„Der Mathematiker Thom hat einmal eine sogenannte Katastrophentheorie aufgestellt, als Mathematiker, und er meint damit nicht die spektakulären Fernsehkatastrophen, wie Tsunamis oder so was, sondern er meinte einfach extreme Form von Unordnung. Er hat dann gesagt, dynamische Systeme, wie unsere moderne Gesellschaft, stürzen gewissermaßen von Unordnung zu Unordnung. Und diese Bewegung ist die Normalität“, so Bolz.

Eine schöne Steilvorlage für meiner heutige The European-Kolumne, in der ich mich mit Big-Data-Anbietern auseinandersetzt, die in der Öffentlichkeit von den Vorzügen der neuen Datenwelt fabulieren. Sie gieren nach Analysen möglichst großer Datenberge, um Grippewellen vorherzusagen, Euro-Krisen zu verhindern, den Autoverkehr staufreier zu machen oder Prognosen über den Verkaufserfolg von Rollkragenpullovern in roter Farbe abzugeben.

Mit statistischen Spielchen auf der Metaebene geben sich die Zahlenfreunde aber nicht zufrieden. Sie wollen mehr. Sie erheben sich zur neuen Klasse der Sozialingenieure, um Gesundheitssysteme zu steuern, Banken vor Kreditausfällen zu bewahren oder Minderjährige vor dem Abrutschen ins Verbrechen zu „schützen“. Die zumeist technisch oder naturwissenschaftlich ausgebildeten Analysten wollen sich also tief ins Datenleben einzelner Menschen eingraben und beeinflussen.

Lichtscheue Analysten

Rückt man den liebwertesten Big-Data-Gichtlingen allerdings mit Anfragen zu den Rechenformeln ihrer Gottesmaschinen zu sehr auf den Pelz, ändert sich blitzschnell ihre Disposition: Die Algorithmen-Wahrsager werden lichtscheu und löschen ihre Datenspuren. So geschehen bei einer kleinen Disputation auf Facebook über selbstgewisse Neurowissenschaftler, die Abläufe des menschlichen Gehirns noch nicht mal in Ansätzen erklären können. Ein Systemingenieur warnte vor zu großem Pessimismus. Man werde sich noch wundern, was in der Hirnforschung und beim künstlichen Nachbau der Gehirne in den nächsten Jahren so alles passieren werde.

Über die „Intelligenz“ seiner eigenen Prognose-Maschine äußerte sich dieser Geschäftsführer eines Softwareunternehmens ähnlich euphorisch. Ist ja völlig in Ordnung. Jeder Krämer lobt seine Ware. Als ich nachfragte, ob er sein System live in Bloggercamp.tv vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation. In diesem kleinen Feldtest ist dem Big-Data-Maschinisten vielleicht klar geworden, um was es geht.

Was passiert, wenn seine Algorithmen ahnungslose Menschen in die Kategorie „schlechte Patienten“ eintüten und sie von den „guten“ Patienten abtrennen? Welche Gewichtungen und Abgrenzungen hat denn der Systemingenieur in sein Prognose-System eingebaut? Bekommt der „schlechte“ Patient Einblick in die Formelstube?

Ausführlich hier nachzulesen.

Auf der Cebit und am Freitag werde ich dazu weitere Interviews führen. Wer Interesse an diesem Diskurs hat, sollte sich bei mir melden. gunnareriksohn@gmail.com oder über Twitter oder über Facebook, Google Plus….

Mal schauen, was der erste Big Data-Professor in Deutschland an Erkenntnissen hervorbringt.

Nichts wissen, aber das in Echtzeit, das könnte ja auch eine Big Data-Erkenntnis sein.

Wer zu Open Data nicht bereit ist, sollte von Big Data schweigen #Datability #Cebit #Systemtheorie #Schirrmacher

Automatisierte Kontrollgesellschaft?
Automatisierte Kontrollgesellschaft?

„We don’t know how the human brain works.“ Mit diesem Satz macht Patrick Breitenbach auf einen Artikel aufmerksam, der sich mit den Thesen von Kurzweil beschäftigt: „Why Ray Kurzweil is Wrong: Computers Won’t Be Smarter Than Us Anytime Soon“.

Es sind letztlich völlig überdrehte, anmaßende und werbegetriebene Thesen, die man mit Big Data, Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich vielleicht positiv auf den Verkauf von Büchern über das Ende des Zufalls aus oder über Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz. Es ist auch eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen verlieren. Siehe dazu auch: „Die große Neuro-Show – Was wurde aus den Verheißungen der Hirnforschung? Wissenschaftler ziehen Bilanz. Sie fällt dürftig aus“.

Die Systeme können nur das, was Menschen programmiert haben und daraus ableiten. Es sind hoch manipulative, konstruierte und erfundene Welten, die immer zu richtigen Ergebnissen kommen. Richtig im Sinne des Erfinders, Konstrukteurs, System-Ingenieurs, Mathematikers, Software-Entwicklers, Hirnforschers oder KI-Wissenschaftlers: Die Logik sei nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagt Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck.

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert….also die Logik bringt ja gar nichts Neues….die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können.“ In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Wenn sich auf diesem wackligen Fundament die Big Data-Neuroklecks-KI-Hohepriester aufschwingen, das Leben anderer Menschen zu beeinflussen, zu kontrollieren, zu steuern und zu bestimmen, müssen sie ihre Ableitungen offenlegen. An diesem Punkt stimme ich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu, der fordert, dass die offene Gesellschaft neue Freunde braucht.

Er beschreibt in seinem FAZ-Leitartikel den Fall einer Amazon-Lageristin in Allentown, die nach mehreren 11-Stunden-Arbeitstagen eine automatisierte SMS des „employee-tagging“- Systems bekam. Botschaft: Sie sei „mehrere Minuten“ unproduktiv gewesen und wurde kurz darauf gefeuert. Droht hier ein neuer Optimierungswahn, der in den Pionierzeiten des Industriekapitalismus von Henry Ford etabliert wurde?

„Die Erkenntnis, dass die IT-Industrie Teil der wohl bedeutendsten gesellschaftlichen Debatte sein muss, nimmt auch die jetzt beginnende Cebit ernst, die weltgrößte Computermesse. Unter dem Titel ‚Datability‘ – dem ’nachhaltigen‘ Umgang mit Daten – will sie sich, aufgeschreckt vor allem durch die Snowden-Enthüllungen, an einem Diskurs beteiligen, der sich den Chancen und den Risiken der digitalen Moderne widmet. Schon das ist ein Fortschritt. Es signalisiert, dass die Branche verstanden hat, dass die Zeiten vorbei sind, in denen technische Geräte die entsprechenden Sozialtechniken gleichsam mitproduzieren und einfordern – unter Ausschaltung jeder politischen Willensbildung“, schreibt Schirrmacher.

Das sei eine politische Aufgabe, keine technologische. „Anders gesagt: man kann die Festlegung gesellschaftlicher und politischer Normen nicht einer Mathematik überlassen, die systematisch Kausalitäten und Korrelationen erzeugt, deren Effekte wir spüren, aber deren Zustandekommen wir nicht nachvollziehen können.“

Diesen Satz sollten sich die Richter des Bundesgerichtshofs hinter die Ohren kleben. Stichwort: Schufa-Urteil.

Wer eine falsche Stromrechnung bekomme, der rechnet nach. Wer eine falsche Rechnung über seine Lebens- und Karrierechancen, seine Talente, seine Effizienz und Kondition, seine Gesundheitsprognose oder seine Kreditwürdigkeit bekommt, der könne nur noch glauben.

„Heute gelten die Algorithmen, die beispielsweise die Reputation oder Kreditwürdigkeit von Menschen berechnen, als Geschäftsgeheimnis“, so Schirrmacher.

Wer nicht nur Stauwarnungen ausspricht, sondern auch das Wohl und Wehe von einzelnen Menschen beeinträchtigt und zu Open Data nicht bereit ist, sollte Big Data nicht anwenden dürfen. Die Entwickler von diesen Systemen werden ohne politische Regeln dazu nicht freiwillig bereit sein, wie mir ein Informatiker klar zu verstehen gab. Er habe eine Software für Kliniken entwickelt, um „gute“ von „schlechten“ Patienten zu trennen. Das Auswertungstool soll aufzeigen, wo Ärzte Geld verballern. Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern. Wenn dieser Mann dazu nicht bereit ist, muss er mit rechtsstaatlichen Mitteln dazu gezwungen werden, wenn die betroffenen Patienten es verlangen.

Siehe auch die Rede von Google-Manager Eric Schmidt auf der Tech-Konferenz SXSW und sein merkwürdiges Verständnis von Selbstzensur.

Entlarvung der Neo-Kybernetiker.

Liebwerteste Gichtlinge der Internet-Konzerne, wo bleibt der ehrliche Datenpakt mit der Netzgesellschaft?

Unternehmen im digitalen Blindflug – Guckst Du #Bloggercamp.tv #BigData

Diskussion ab 16 Uhr. Hashtag für Zwischenrufe via Twitter.