Trump und die Newsbreaker-Funktion von Twitter und Co. – US-Führungskräfte werden aktiver im Social Web @ciokurator

Es gibt mittlerweile inflationär viele Messmethoden, Tools, Testfragen und Studien, um den digitalen Fitnessgrad von Organisationen auszuweisen. Einen ganz wesentlichen Faktor umschiffen die meisten Initiatoren in der Regel weiträumig. Wie steht es um die digitale und netzökonomische Kompetenz einzelner Führungskräfte? Was nutzen sie beruflich und was nutzen sie privat? Welche Leidenschaft entwickeln sie für die Vernetzung ihres Umfeldes? Wie sehr sind sie bereit, die eigenen digitalen Werkzeuge und Entwicklungen als erste Beta-Tester auf Herz und Nieren zu prüfen?

Wie sehr setzen selbst ernannte Evangelisten für den digitalen Wandel auf Smartphone-Apps, um mit der Netzöffentlichkeit zu kommunizieren? Wie intensiv bauen sie auf Kollaboration und eine Kultur der Beteiligung? Wie schaffen sie digitale Zugänge zur eigenen Organisation? Werden Twitter, Facebook und Co. nur als Berieselungsplattformen betrachtet, die dem gemeinen Netzvolk Brot und Spiele bieten, damit die Herrschenden in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können? Wie gut kann der Chef eines „weltweit führenden“ Robotik-Unternehmens eine offene Plattform im industriellen Umfeld etablieren, wenn er die Social Web-Aktivitäten seines Unternehmens an die Marketingabteilung delegiert und die Bedeutung von Plattformen nur über Artikel in der Wirtschaftspresse wahrnimmt?

Thomas Knüwer hat das vor längerer Zeit thematisiert. Es sei ja nicht notwendig, sich wie ein gedopter Tour de France-Fahrer im Netz abzustrampeln.

„Eine leicht überdurchschnittliche Nutzung digitaler Dienste sollte auch im Privaten erwartbar sein. Schließlich müssen sie Leidenschaft mitbringen für ein weiterhin rasant nach vorn preschendes Feld, für die vielleicht spannendste Aufgabe, die es derzeit in Unternehmen gibt“, so Knüwer.

Niemand würde in einer Stellenbeschreibung für Digital Manager formulieren “Sollte privat eher weniger digitale Technologie nutzen“. Das wäre absurd. Es geht um Leidenschaft und um Vorbildfunktion für die Digitalisierung – auch wenn das vielleicht etwas altmodisch klingt.

Ob Führungskräfte bei Twitter, Facebook und Co. aktiv sind, ist dabei nur ein kleiner Indikator für die Ausrichtung der Unternehmensorganisation in Richtung social, vernetzt und offen. Weitaus wichtiger ist die grundsätzliche Frage, wie viel Social Web-Kompetenz auf den Führungsetagen vorliegt. Agieren Top-Manager mit dem Rücken zum Internet? Sind sie wirklich bereit, in der internen und externen Kommunikation auf Mitmachwerkzeuge des Social Webs zu setzen – in welcher Ausprägung auch immer? Oder ist das Ganze nur eine Mimikry-Aktion, um zu dokumentieren, wie fortschrittlich die Unternehmensorganisation ausgerichtet ist? Selbstorganisation, Autonomie, Individualität, Partizipation, die Ökonomie des Gebens und Nehmens sind mit den Kontrollsehnsüchten vieler Führungskräfte nicht gerade kompatibel.

Haben Chefs wirklich keine Zeit, sich direkt mit der Netzöffentlichkeit ohne den weltweit führenden Sprachregelungsmist auseinanderzusetzen? Gibt es keine sinnvollen Social Web-Anwendungen für die tägliche Arbeit für den Unternehmensboss? Von Wissensmanagement bis zur Marktbeobachtung fallen mir da einige sinnvolle Applikationen ein, die sich in den Arbeitsalltag integrieren lassen.

In den USA gibt es zu diesen Fragen eine interessante Untersuchung, die der CIO-Kurator Lars Basche ausgegriffen hat. Demnach geben 87 Prozent Befragten zu Protokoll, dass sie Social Media nutzen. Rund zwei Drittel machen das auch im beruflichen Kontext.

„Diese Zahl wäre bei einer ähnlichen Umfrage in Deutschland mit Sicherheit niedriger. Noch bemerkenswerter ist, dass 70 Prozent der Executives, die angaben, Social Media aktiv zu nutzen, regelmäßig, das heißt mindestens wöchentlich, eigene Inhalte erstellen“, schreibt Basche.

Stolze 40 Prozent proklamieren, dass sie soziale Netzwerke stärker nutzen wollen und das habe auch mit Donald Trump zu tun:

„President Trump’s Twitter activity is affecting some C-Suite Executives‘ attitudes towards social media. While more than half indicated that his tweets had no impact on their social media participation, almost a third indicated that his tweets make them more interested in participating in social media.“

Die Motivationen der Executives sind allerdings eher von Sorgen angetrieben:

„Verbatims suggest that some executives are concerned Mr. Trump may call out their business on Twitter, which has driven negative market reactions for several companies earlier this year.“

Zumindest haben einige Führungskräfte in Übersee begriffen, wie man eigene Öffentlichkeiten erzeugen kann mit Twitter, Facebook und Co.

Eine Erkenntnis, die sich bei vielen Meinungsbildnern in Deutschland noch nicht so richtig herumgesprochen hat. Und das gilt nicht nur für das Top-Management in Unternehmen, sondern auch für die Vertreter klassischer Medien.

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht mit Führungskräften von Wirtschaft, Verbänden und Politik?

Die öffentliche Meinung ist nicht mehr die veröffentlichte Meinung: Warum die Kanzlerin mit dem Internet hadert

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht im Vergleich zu den Zeiten von Konrad Adenauer einen grundlegenden Wandel für politische Akteure:

„Selbst in den 20 Jahren, in denen ich selbst in der Politik aktiv bin, hat sich das politische Geschäft noch einmal erheblich beschleunigt! Nachrichten werden heute sehr viel schneller alt. Die Vielzahl der Medien, vom Internet bis zu den zahlreichen Fernsehsendern, verlangt von Politikern ein immer schnelleres Reagieren. Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen. Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen“, sagte die Kanzlerin im Interview mit der Illustrierten Bunte (habe mir das erste Mal diese Postille gekauft – schrecklich, werde ich nicht wieder machen, gs).

Durch diesen „sehr großen technischen Wandel“ sei es schwerer geworden, „alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich“. Erkenntnis der CDU-Politikerin:

„Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.“

Viele junge Menschen informierten sich „ausschließlich über das Internet“ – „und das oft sehr punktuell“. Diese jungen Leute erreiche man über Zeitungen oder auch die klassischen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF immer weniger. „Mit dieser Veränderung muss die Demokratie in Deutschland und in den anderen westlichen Ländern umgehen lernen.“

Ob ihr diese Gedanken beim Unkrautzupfen gekommen sind, vermag ich nicht zu beurteilen.

Aber einen wesentlichen Punkt hat sie angesprochen, der auch von der empirischen Sozialforschung genauer untersucht werden sollte. Die Veränderung der Meinungsbildung, die Wirkungen des Internets und der unübersichtlich gewordenen Informationskanäle auf die Bildung von öffentlicher Meinung. Für das 20. Jahrhundert ist das alles gut erforscht, in Deutschland war hier Professor Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, besonders aktiv. Siehe ihr Opus „Öffentliche Meinung – Die Entdeckung der Schweigespirale“.

In diesem Buch werden nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse aus der Meinungsforschung zur öffentlichen Meinung präsentiert, sondern ein historischer Abriss von der Antike bis in unsere Tage – wie sich die Social Media-Welt auf die Meinungsbildung auswirkt, ist naturgemäß noch nicht aufgeführt. Kurzgefasst kann man sagen, dass die Massenmedien die treibende Kraft bei der Bildung von öffentlicher Meinung waren. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab: Noelle-Neumann bezeichnet das als doppeltes Meinungsklima.

Prägend für das Meinungsklima waren die Journalisten in ihrer Funktion als „gatekeeper“ – ein Ausdruck des Sozialpsychologen Kurt Lewin. Die gatekeeper entscheiden: was wird in die Öffentlichkeit weiterbefördert, was wird zurückgehalten.

„Jede Zeitung, wenn sie den Leser erreicht, ist das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen“, bestätigte der Medienkritiker Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“.

Die Umstände zwingen dazu, ein scharfer Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit. Und was lassen die Journalisten als „news values“ passieren? Den klaren Sachverhalt, der sich widerspruchsfrei mitteilen lässt, Superlative, Konflikte, Überraschungen, Krisen. Die Auswahlkriterien der gatekeeper erzeugen bewusst oder unbewusst eine Vereinheitlichung der Berichterstattung. Indem so die Auswahlregeln weitgehend übereinstimmen, kommt eine Konsonanz zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkte. Siehe oben auch die Aussage von Merkel:

„Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen.“

Dazu gab es einen kleinen Witz, der in einer amerikanischen Zeitung erschien. „Vater, wenn ein Baum im Wald umstürzt, aber die Massenmedien sind nicht dabei, um zu berichten – ist der Baum dann wirklich umgestürzt?“ Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Aufmerksamkeitsregeln. Er vermutet, dass das politische System, soweit es auf öffentlicher Meinung beruht, gar nicht über Entscheidungsregeln, sondern über Aufmerksamkeitsregeln integriert wird, durch die Regeln also, die bestimmen, was auf den Tisch kommt und was nicht. Die Strukturierung der Aufmerksamkeit erfolge durch die Massenmedien. Thematisierung im Prozess der öffentlichen Meinung vollzog sich nach der Agenda-Setting-Funktion der klassischen Medien.

Merkel spürt, dass diese alten Regeln nicht mehr gelten. Das doppelte Meinungsklima wird wohl bald die Regel und nicht mehr die Ausnahme sein. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine Leser, Hörer oder Zuschauer, die von ihr zu unterscheiden wären – siehe das sehr lesenswerte Büchlein von Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Hier sind die Medien, dort die Menschen – diese Differenz kann man nicht mehr ziehen.

„Die Angebote im Web 2.0 sind digitale Netzmedien, deren gemeinschaftlicher Gebrauch sie als brauchbare Medien erst erzeugt“, so Münker. Die Inhalte werden von vielen Millionen Nutzern in der ganzen Welt zusammengetragen, bewertet und geordnet. Das Internet ist eben das, was seine Nutzer aus ihm machen. Klassische Medien produzieren etwas, ohne die Rezipienten zu fragen. Sie senden und drucken, egal ob wir uns das anschauen oder lesen. Youtube sendet nur, wenn ich klicke und auch nur das, womit Nutzer die Seite bestücken. „Wie im berühmten Schachautomaten des 18. Jahrhunderts (Wolfgang von Kempelen!) ist die Schaltzentrale des Web 2.0 der Mensch“, so Münker.

Vox populi bekommt eine ganz andere Entfaltungsmöglichkeit.

„Das Internet ändert die Strukturen unserer Öffentlichkeiten, es ändert die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, es macht es einzelnen einfacher, sich in politische Debatten einzumischen, es macht institutionelle Grenzen durchlässiger und Entscheidungsprozesse transparenter, es ist anders als Massenmedien interaktiv und wird so auch genutzt. Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung“, führt Münker aus und verweist auf Jürgen Habermas, der fest davon überzeugt ist, dass das World Wide Web die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenmedien ausgleiche.

Für Michel Foucault waren die Ausschlussmechanismen der Massenmedien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Diese Spielregeln werden vom Web 2.0 ausgehebelt.

Ich bin gespannt, ob Allensbach diese neuen Regeln näher untersucht und die Theorie der öffentlichen Meinung umschreibt.

Interessant ist das Phänomen, dass der politische Antipode von Frau Merkel, Mathias Greffrath, in der taz ähnliche Sehnsüchte nach der guten alten Zeit der Massenmedien-Monotonie artikuliert. Robin Meyer-Lucht hat das auf Carta sehr schön seziert. Auch die Blogger-Debatte ist sehr interessant. Wo nur sind die Apologeten des herrschaftsfreien Diskurses gelandet?

dpa und AP im Sinkflug: Jetzt soll abgemahnt werden

Die großen, klassischen Generalisten unter den Nachrichtenagenturen wie die deutsche dpa oder die US-amerikanische AP geraten nach einem Bericht des Portals Meedia immer stärker unter Druck. Zunehmend springen Zeitungen wie die „WAZ“ und die „HNA“ in Deutschland als Kunden ab, kleinere, günstigere Agenturen holen auf und dann ist da noch das Internet, das das ganze Geschäftsmodell der professionellen Nachrichten-Zwischenhändler in Frage stellt.

AP-Chef William Dean Singleton habe deshalb angekündigt, dass er Angebote, die illegal AP-Inhalte verbreiten, verklagen will. „Die große, alte AP (gegründet 1846) will das weltweite Netz künftig mit einer Software nach AP-Inhalten durchforsten, um Content-Diebe zu schnappen. Ähnliches wird bei der deutschen dpa bereits praktiziert. In der ‚Süddeutschen Zeitung‘ sagte dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn jüngst, dass er keine Juristen brauche, um zu prüfen, ob jemand dpa-Inhalte klaue: „Das macht eine Maschine, der Attributor, der dpa-Inhalte automatisch erkennt“, berichtet Meedia.

Die schlaue Software werde den Agentur-Bossen aber wenig helfen. Das liege vor allen Dingen am Internet mit seiner Tendenz, Zwischenhändler überflüssig zu machen. „Und nichts Anderes sind Nachrichtenagenturen: Zwischenhändler für Informationen. Im Internet-Zeitalter aber stehen alle Informationen weltweit sofort zur Verfügung. Das, was früher ehrfürchtig als ‚Agentur-Geschwindigkeit‘ galt, ist heutzutage der Normalzustand“, so der Fachdienst. Das bestätigt WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz: „Wenn sie heute gucken, wie Nachrichtenredakteure an neudeutsch ‚Newsdesken‘, Nachrichtentischen, in Großräumen arbeiten und recherchieren, um diese Basisversorgung sicherzustellen. Die sind den ganzen Tag im Internet. Die haben vielfältige Quellen aus dem In- und Ausland, die sind in allen Medien ständig unterwegs und surfen sich durch. Auch da muss man einfach fairnesshalber sagen, auch in Richtung dpa, das Leben ist für Nachrichtenagenturen komplizierter und schwieriger geworden.“

Diverse Online-Dienste würden Anregungen für Geschichten lieferen. Sie liefern Meldungen, die man nur etwas umschreiben muss. Darunter natürlich auch Geschichten von dpa. Ob die Software das erkennt? Ulrich Reitz: „Und so, wie wir Informationen von dpa benutzen oder weiter daran arbeiten, so machen wir es aber auch mit anderen Informationsquellen, ohne für diese Informationsquellen zu bezahlen. Vielleicht ist das ein Stück weit die neue Welt. Die Zahl der Quellen hat sich ja auch dramatisch vermehrt. Wir haben aber inzwischen, auf die Initiative der Chefredakteure hin, haben wir uns verständigt, auf eine Regelung, die eben für die Zukunft ganz klar festlegt, wie wir das machen. Wir werden jede Information, die wir von dpa haben, als dpa-Information kenntlich machen.“

Da große Online-Angebote wie „Spiegel Online“ oder „Bild.de“ auch Agentur-Material verwenden, werden Agentur-Berichte zudem fast in Echtzeit an die Endverbraucher weitergereicht. „Damit wird das Agentur-Material für die gedruckten Tageszeitungen, die ja einen Tag später ‚dran‘ sind, weitgehend wertlos. Dies ist ein wesentlicher Grund für die aktuelle Sinnkrise des Mediums Tageszeitung, die mit der wirtschaftlichen Krise Hand in Hand geht“, so das Portal Meedia.

Und wenn die Nachrichtenagenturen kaum noch lokale Storys liefern, sinkt ihr Wert für Lokal- oder Regionalzeitungen weiter. Warum soll ich mir hier ein Bonn ein Blättchen kaufen, wenn beispielsweise der Wirtschaftsteil zu 90 Prozent aus Agenturmeldungen besteht, die ich am Vortag schon hoch und runter gelesen, gehört oder gesehen habe.