Bist Du der Hauptnutzer und andere blödsinnige Fragen, die #VWConnect aufwirft – Oder: Scheitern am Gerät, am User Interface, der Bedienungsanleitung und am Irrsinn der IT

Das Opus „complicate your life“ von Winfried W. Weber zählte vor Ewigkeiten wohl zu den wenigen Versuchen, der Flut von Vereinfachungsratgebern etwas entgegenzusetzen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Warum soll man denn kostbare Lebenszeit für sinnlose Tätigkeiten aufwenden, wenn sie nicht ins Zentrum der eigenen Interessen passen. Beim Kaffeetrinken ist mir das Innenleben des Vollautomaten völlig egal. Kommt es zu einer Leistungsverweigerung des Apparates, reicht meine handwerkliche Grobmotorik sowieso nicht aus, um der Maschine wieder Leben einzuhauchen. Hier ist Reparaturservice gefragt und nicht die Notwendigkeit, im zweiten Bildungsweg noch Kompetenzen als Mechatroniker zu erwerben. Gleiches gilt von einer Anwendung wie im PKW. Hauptnutzer, Gast, PIN-Eingabe oder einfach nur die Frage an die überforderten Programmierer von VW: Warum baut Ihr nicht zu 100 Prozent auf Anwendungen wie Apple Carplay? Kümmert Euch um Achsen, Frontend, rückenschonende Sitze und funktionierende Außenspiegel. Lasst die Finger weg von der Software. Ihr könnt es nicht.

Der Benutzer ist bei alldem schlechten Anwendungsservice einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Hotline-Disputationen.

Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt.

Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der dümmliche und idiotische Kunde. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantie zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt.

Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte, Software oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich, kompliziert und verlangt nach dem seitenlangen Studium einer kryptischen Anleitung in technokratischer Prosa. Ruft man dann die Hotline an, startet eine Spartakiade des Wartens: „Der nächste Mitarbeiter ist für Sie reserviert“. Klingt nach Ansicht des Spiegel-Kolumnisten Tom König nach einem Sternerestaurant. In Wahrheit ist es nur eine verfeinerte Stufe des Hinhaltens. Oder wie wäre es mit „Zurzeit dauert es etwas länger, weil sehr viele Kunden anrufen.“ Auch dieser Spruch aus dem Lexikon der Ausreden sollte nachdenklich machen: „Normalerweise belügen wir dich von vorne bis hinten und behaupten, du hättest eine reelle Chance, hier irgendwann mit irgendwem zu sprechen. Wenn wir – wir! – schon zugeben, dass es heute schwierig wird, dann solltest du lieber auflegen“, so die Interpretation von König in seinem lesenswerten Buch „Ich bin ein Kunde, holt mich hier raus“. 

An jedem Kontaktpunkt mit Kunden sollten die Anbieter etwas mehr das Hirn einschalten, um sich auf die Kenntnisse und das Verhalten der Verbraucher einzustellen. 

Wenn ich als Kunde gezwungen bin, bei einer Hotline anzurufen, ist das tägliche Anrufvolumen mit Sicherheit kein Indikator für smarten Service, sondern der Beweis für mangelhafte Tuchfühlung mit den sehr unterschiedlichen Nutzungsszenarien des Anwenders. 

„Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte: ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.‘ Darin kommt all das zum Ausdruck, worum es eigentlich geht. Ingenieure leben in einer anderen Welt als Verkäufer und Konsumenten. Und jeder spricht seine eigene Sprache. Hier könnte ein neues Berufsbild entstehen für Fachleute, die diese verschiedenen Welten vereinen“, so die Ingenieurin Anett Dylla.

Ingenieure müssten lernen, dass Design heute etwas anderes ist als bloße Verpackung und dass User­Interface­-Design weit über Verpackungskünste oder Ornamentik oder Aufhübschung hinausgeht. Das muss eine gemeinsame Operation sein, nämlich den Punkt oder die Fläche zu gestalten, wo Menschen auf Technik treffen, die prinzipiell nicht mehr durchschaubar ist. Bei Design hat man früher an die Gestaltung von Flaschen oder Kaffeekannen oder Aral­ Tankstellenzapfsäulen gedacht, aber heute ist Design – wenn man so will – die zentrale Frage der Technik selber.

Wer das begriffen hat, produziert nicht nur selbsterklärende und einfach zu bedienende Produkte, sondern ist auch klar im Kopf.

Siehe auch:

Deep Tech statt Second Life: Die Zukunft der virtualisierten Arbeitswelt

Die EZB-Politik und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft: Eine kritische Analyse @Lagarde @ecb @KfW_Research @earlyeditors

Inmitten einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Daten einige Rätsel aufwerfen, die nicht den klassischen volkswirtschaftlichen Modellen entsprechen, fand das 34. Expertengespräch im Club des Deutschen Journalistenpreises statt. Mit dabei: Prof. Reint Gropp, Ph.D., Präsident, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) – Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin, KfW, Frankfurt – Michael Rasch, Finanzkorrespondent, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurt – Markus Zydra, Wirtschaftskorrespondent, Süddeutsche Zeitung, Frankfurt.

Hier eine kurze Zusammenfassung:

Die aktuelle wirtschaftliche Situation wirft Fragen auf, die nicht mit den Erwartungen der Volkswirtschaftslehre übereinstimmen. Die schnelle Abnahme der Inflation, der robuste Arbeitsmarkt und die rekordhohen Börsenkurse in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche werfen Rätsel auf.

Die Diskussion drehte sich zunächst um die Inflation und die Zinsen in Deutschland und der Eurozone. Obwohl die Inflation in den letzten Monaten deutlich gesunken ist, liegt sie immer noch unter dem angestrebten Ziel von 2 Prozent. Die Zinsen werden voraussichtlich nicht weiter erhöht, aber es bleibt unklar, wie lange sie auf diesem Niveau bleiben werden und wann über eine Senkung gesprochen werden kann. Besonders die Lohnentwicklung in Europa bereitet der EZB Sorgen, da sie hinter den Erwartungen zurückbleibt. Im Vergleich dazu gibt es in den USA ähnliche Diskussionen über Zinssenkungen aufgrund der hohen Inflation dort. Während die US-Wirtschaft boomt, befindet sich Europa in einer milden Rezession. Es wird erwartet, dass die weltweite Konjunktur in diesem Jahr leicht abflacht.

Die Club-Gesprächsrunde über die EZB-Politik und die Zinsen führte zu der Frage, wie stark diese tatsächlich die reale Wirtschaft beeinflussen. Es wird spekuliert, ob es andere Faktoren gibt, die einen stärkeren Einfluss haben und ob neue Zusammenhänge entstehen. Die Experten diskutierten auch die Unsicherheiten bei den Entscheidungen der Notenbank und die Rolle von Modellen in der Volkswirtschaft. Es wird deutlich, dass die geopolitischen Veränderungen und die Unsicherheit die klassischen Modelle infrage stellen.

Die Experten betonten auch die Bedeutung der Unternehmen bei der Berücksichtigung der Inflationserwartungen bei der Preissetzung. Die Geldpolitik beeinflusst die Unternehmen durch die Finanzierungskosten. Es wurde auch auf die Stagflation in Deutschland hingewiesen und die Tatsache, dass die volkswirtschaftlichen Modelle seit der Finanzkrise in Frage gestellt wurden – aus guten Gründen.

Es wurde festgestellt, dass die Inflation in der Eurozone ähnlich verlaufen ist wie in den USA, trotz der verspäteten Reaktion der EZB. Dies wirft die Frage auf, ob die Inflationsreduzierung tatsächlich etwas mit der Geldpolitik zu tun hat oder ob andere Faktoren eine größere Rolle spielen. Hier sollte man sich die Angebotsseite etwas genauer anschauen.

Bei einer Konferenz zum 25-jährigen Jubiläum des Euro wurde diskutiert, wie die EZB auf die aktuellen Herausforderungen reagiert hat. Es wird kritisiert, dass die EZB zu spät auf den Inflationsanstieg reagiert hat, während die US-amerikanische Federal Reserve bereits früher die Zinsen erhöht hat. Allerdings hat die verspätete Reaktion der EZB keinen großen Unterschied in der Inflationsentwicklung gemacht.

Sehe ich etwas anders. Man hätte 2021 die Inflationsdruck durch Lieferengpässe, Produktionsstillstand, blockierte Container-Häfen, Probleme bei der Herstellung von Chips und dergleichen nicht herunterspielen dürfen, wie es Legarde und Co. gemacht haben. Zinsen hätten moderat erhöht werden können und nicht mit der Brechstange wie seit 2022. Wir erlebten eine angebotsinduzierte Inflation. Die wirklichen Ursachen hatten die Zentralbanker nicht im Blick. Die zu hohen Leitzinsen würgen die Investitionen ab und führten zum Stillstand des Bausektors.

Die Zögerlichkeit der Zentralbanken bei der Zinswende ist typisch für solche Situationen. Der Übergang von Zinserhöhungen zu Zinssenkungen ist immer schwierig für die Zentralbanken, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Die ökonomischen Modelle, die zur Entscheidungsfindung herangezogen werden, funktionieren in solchen Situationen oft nicht gut. Die Unternehmen sind sich dieser Unsicherheit bewusst und müssen ihre Entscheidungen zur Produktion, Standortwahl und Preisgestaltung treffen.

Die Geldpolitik der Zentralbanken hat direkte Auswirkungen auf die Unternehmen, insbesondere auf die Finanzierungskosten. Die Unternehmen spüren bereits die gestiegenen Kreditkosten, die sich auf ihre Investitionsentscheidungen auswirken.

Ein interessanter Aspekt ist, dass Deutschland und Europa derzeit eine Stagnation erleben, obwohl der Arbeitsmarkt robust ist. Dies ist ein Unterschied zu früheren Rezessionen.

Es wird auch die Frage aufgeworfen, warum die EZB weiterhin an ihrem Inflationsziel von 2 Prozent festhält, obwohl die Modelle in Zeiten der Unsicherheit begrenzte Aussagekraft haben. Zudem spielt die Psychologie eine wichtige Rolle bei den Entscheidungsprozessen der EZB. Die Angst vor Fehlern und der Wunsch, eine hohe Inflation zu vermeiden, könnten dazu führen, dass die EZB auch die Rezession oder Arbeitslosigkeit in Kauf nimmt.

Fazit:
Die Diskussion über die EZB-Politik und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft hat
gezeigt, dass die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen nicht immer mit den
Erwartungen der Volkswirtschaftslehre übereinstimmen. Die Inflation ist schneller gesunken als erwartet, der Arbeitsmarkt ist robust und die Börsenkurse sind rekordhoch, obwohl die Wirtschaft schwächelt. Die Experten waren sich einig, dass die volkswirtschaftlichen Modelle in Zeiten des Wandels überdacht werden müssen. Es wurde betont, dass die EZB-Politik und die Zinsen Auswirkungen auf die reale Wirtschaft haben, aber es gibt auch andere Faktoren, die einen Einfluss haben könnten. Es bleibt eine Herausforderung, die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Das hat die EZB-Präsidentin versäumt.

Liebwerteste VW-Gichtlinge: Wo ist Eure Vernetzungskompetenz? Apple Carplay der nächsten Generation und die Kontrolle über „eigene“ Daten – Interview mit @ProfHolm

„Die Software in meinem A6 ist auf dem gleichen Usability-Niveau wie meine Philips Universal Fernbedienung für TV und Video in den 1990er Jahren. Und die war damals schon schlecht“, sagte Lutz Becker gegenüber einem Fachmagazin für Vorstände und Aufsichtsräte. Das war im Jahr 2016.

Hier stehe sich die Ingenieurs-Organisation von VW selbst auf den Füßen. Die Ursache sieht der Hochschulprofessor im Business Reengineering des Wolfsburger Autokonzerns.

„Das ist für mich die größte Erbsünde der Managementlehre der 1980er Jahre. Man kann soziale Organisationen nicht Reengineeren, weil es keine simplen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gibt. Kultur kann man nur durch Narrative und vorgelebte Praktiken ändern. Die Prozesse zur Diffusion dauern in großen Organisationen natürlich lange. Trägheitsmomente und Verharrungsvermögen haben da eine andere Qualität. Deshalb macht es Sinn, kleine und selbständig agierende Kerne zu bilden.“

In Zeiten nach dem Verbrennungsmotor steigt die Relevanz von Internet-Technologien und Software-Anwendungen. IP-Netzwerke, Algorithmen sowie digitale Plattformen bestimmen das Geschäft und nicht mehr die Produktion von Komponenten. Wer das Betriebssystem besitzt, verfügt über zentralen Zugang zu den wichtigsten Datenquellen. Ähnliches erlebten die Netzbetreiber in den vergangenen Jahren. Nicht mehr der Leitungsbau generiert Umsätze, sondern das Geschäft mit Daten.

Hat sich daran etwas im Jahr 2024 geändert? Im Gespräch mit Logistikprofessor Peter Holm werden Schwachstellen benannt.

Die Automobilindustrie steht vor einer digitalen Revolution, in der Software und User Interface (UI) zunehmend zum Herzstück moderner Fahrzeuge werden. Besonders VW Connect, das digitale Ökosystem des Wolfsburger Riesen, gerät ins Kreuzfeuer. Ich selbst habe es ausprobiert: Es dominiert eine träge und unpraktische Benutzerführung, die das Fahrerlebnis deutlich schmälert. Diese Kritik wirft Schatten auf die Ansprüche eine Industriekonzerns, in der digitalen Transformation der Branche eine führende Rolle einzunehmen.

Im Zeitalter der Digitalisierung reicht es nicht mehr aus, ausschließlich in Hardware zu glänzen; die Software-Kompetenz entscheidet zunehmend über Erfolg und Misserfolg. Hier offenbaren sich bei vielen Herstellern unfassbare Defizite, obwohl wir nun schon seit 10 bis 20 Jahren über dieses Thema debattieren. Im Gegensatz dazu zeigen Partnerschaften zwischen Automobilherstellern und Tech-Giganten wie Apple und Google das immense Potenzial auf, das in einer gelungenen Symbiose von Hardware und Software liegt. Diese Kooperationen verdeutlichen, dass Hersteller, die in bestimmten Bereichen Schwächen aufweisen, durch strategische Allianzen ihre Angebote signifikant verbessern können.

Skepsis gegenüber einer Öffnung für externe Software-Plattformen wie Apple CarPlay mag aus einer Sorge um Datenkontrolle und Markenintegrität herrühren. Doch diese Haltung könnte Autohersteller langfristig isolieren und von den dynamischen Entwicklungen in der der Fahrzeug-Software ausschließen. Die Automobilindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, in dem Flexibilität und Offenheit für Innovationen entscheidend sind. Industrieunternehmen stehen vor der Wahl: Festhalten an einer überholten Vorstellung von Kontrolle oder den Schritt hin zu einer offeneren, partnerschaftlichen Zukunft wagen.

Die Herausforderung wird sein, die richtige Balance zwischen der Bewahrung der Markenidentität und der Öffnung für innovative, digitale Lösungen zu finden.

In Anlehnung eine meine frühere The-European-Kolumne frage ich daher: Liebwertestes VW-Gichtlinge, wo ist Eure Vernetzungskompetenz?

Kersten Knipp im Gespräch mit Peter Sloterdijk zu seinem Opus „Zeilen und Tage III“: Ein Einblick in das Leben eines Vielschreibers und Vielreisenden

Zeit vergeht, Tage werden zu Jahren. Doch bedeutet mehr Zeit auch mehr Ereignisse? Für den Vielschreiber und Vielreisenden Peter Sloterdijk sicherlich. Sein dritter Band der Aufzeichnungen, „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“, ist kürzlich erschienen. Doch es ist mehr als nur eine Chronik, so Kersten Knipp im Interview mit Sloterdijk.

Der philosophische Schriftsteller zieht aus dem Alltäglichen Kapital. Er würdigt das Kleine, das leicht zu Übersehen ist. Die Puzzleteile, aus denen sich die Gegenwart zusammensetzt. Sloterdijk bleibt auch in diesem dritten Band seiner Grundhaltung treu, die dem Zufall sympathisiert. Warum? Weil der Zufall unser bester Freund ist. Er liefert Ereignisse, für deren Bestellung wir nicht verantwortlich sind. Es gibt immer einen Vorrang des Zufälligen vor dem Notwendigen. Das gibt uns das Gefühl von Freiheit.

Doch dazu gehört auch die Fähigkeit, schnell mit dem Zufall umzugehen, sich schnell auf Neuigkeiten einzustellen. Sloterdijk beschreibt eine menschliche Fähigkeit, die Kognition anderer Menschen zu ergreifen und die eigene zu befragen. Dadurch entbinden wir uns vom Umgriff der Umwelt. Welt ist das, was die Umwelt überschreitet.

Sloterdijk spricht auch über die Sprache. Sie ist ein wesentliches Element des Lebens. Solange dir die Sprache nicht abhanden kommt, bleibst du am Leben. Für die klassische Philosophie dreht sich alles um die Fähigkeit zu reden. Deshalb war die Rednerausbildung in der Antike so wichtig. Sie hat Menschen eingeübt, in keiner Situation ganz hilflos zu werden.

Sloterdijk sieht sich selbst als philosophierenden Schriftsteller. Seine Haupttätigkeit ist das Schreiben, das philosophische Element ist eher ein Adjektiv. Er glaubt nicht, dass man im Hauptberuf Philosoph sein kann oder soll.

In „Zeilen und Tage 3“ sieht Sloterdijk die Literatur als Versuch, der Zeit und der Fülle habhaft zu werden. Du kannst den Zug der Zeit nicht aufhalten. Er rollt über die Momente hinweg, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Doch durch das Schreiben eines Tagebuchs, besser eines Stunden- oder Minutenbuchs, kann man die Zeit verdichten.

Sloterdijk spricht auch über die Freiheit der Sprache. Zum akademischen Raum haben die Polizei und Gemeinheit keinen Zutritt. Freie Fahrt der Rede in der Akademie. Einer der größten Erfindungen der alten europäischen Kultur ist die Ausgrenzung eines Bezirks, in dem das freie Wort beheimatet ist. Ein Ort für freie Meinungen und Meinungsstreit.

Peter Sloterdijk zu seinem Opus „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“. Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen, hat 604 Seiten und kostet 34 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

Das Gespräch könnt Ihr Euch im WDR 3 Podcast anhören in der Sendung GUTENBERGS WELT – DAS LITERATURMAGAZIN. In dieser Ausgabe stellt Kersten Knipp Bücher vor, die die Kunst des Fragments feiern und immer wieder neu zum Erzählen ansetzen.

Wie man Organisationen in den Stillstand treibt: Erinnerung an Professor Kruse

„8 Regeln für den totalen Stillstand“ – so lautete der provokante Titel, den Professor Peter Kruse für seine Analyse von Unternehmensstrukturen gewählt hat. Das war im Jahr 2014. Stephan Grabmeier erinnerte an Kruse in einem Facebook-Posting:

Der ein Jahr später verstorbene Organisationspsychologe bietet einen humorvollen, aber dennoch ernsthaften Einblick in die Mechanismen, die Unternehmen davon abhalten, sich weiterzuentwickeln.

Kruse beginnt mit der Rolle der Führungskräfte. Er rät, sie sollten entweder komplett aus dem Prozess herausgehalten werden oder ständig versuchen, alles unter Kontrolle zu haben. Beide Extreme führen zu Stillstand. Die Führungskraft, die ständig versucht, alles zu kontrollieren, erstickt die Kreativität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Führungskraft, die sich komplett heraushält, lässt das Unternehmen ohne klare Richtung zurück.

Die zweite Regel betrifft die Kommunikation. Kruse empfiehlt, Diskussionen über Ziele und Veränderungen auf informeller Ebene zu führen und Gerüchte zu verbreiten. Dies führt zu Unsicherheit und Stillstand.

Die dritte Regel lautet: Überfordern Sie Ihre Mitarbeiter*innen mit zu vielen Aufgaben gleichzeitig. Dies führt zu operativer Hektik und verhindert, dass sich etwas Wesentliches ändert.

Die vierte Regel betrifft den internen Wettbewerb. Kruse empfiehlt, einen umfassenden Wettbewerb auszurufen und so eine Atmosphäre der Konkurrenz zu schaffen. Dies führt zu Stillstand, da die Mitarbeiter*innen mehr damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu übertrumpfen, als das Unternehmen voranzubringen.

Die fünfte Regel lautet: Suchen Sie ständig nach Schuldigen. Anstatt Probleme zu lösen, sollten Sie Zeit damit verbringen, herauszufinden, wer die Schuld daran trägt.

Die sechste Regel empfiehlt, nicht öffentlich über den Sinn und Unsinn von bestehenden Regeln zu diskutieren. Dies führt zu Stillstand, da niemand die bestehenden Regeln in Frage stellt.

Die siebte Regel lautet: Treffen Sie Entscheidungen auf formeller Ebene, die dann auf informeller Ebene in Frage gestellt werden. Dies führt zu Stillstand, da die getroffenen Entscheidungen nicht umgesetzt werden.

Die achte und letzte Regel lautet: Sorgen Sie dafür, dass die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung größer ist als die der Umsetzung. Dies führt zu Stillstand, da die getroffenen Entscheidungen nicht umgesetzt werden.

Als weiterer Punkt würde mir aktivistisches Management-Blabla einfallen, untermauert von irgendwelchen Unternehmensberatungen. Motto: „Der Dumme glaubt neue Wahrheiten hervorzubringen, in dem er wirre Ideen vereinigt.“ Nachzulesen in der Aphorismen-Sammlung von Nicolás Gómez Dávila.

Wegweiser für mutiges Hacking der Arbeitswelt

Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach hat schon vor fast zehn Jahren auf der Next Economy Open in Bonn mit seinem spontihaften Aufruf zum Machteliten-Hacking eine vortreffliche Denksportaufgabe hinterlassen. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisationen bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite, bemerkt Breitenbach. Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt der Analyst Stefan Holtel.

Der User als Anarchist 

Wie könnte eine Graswurzelbewegung die Werkzeuge des Social Webs einsetzen, um Verkrustungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufzubrechen? Eine Möglichkeit sehe ich in der Ideen-Infiltration, die der Jesuit Michel de Certeau in dem Merve-Band „Kunst des Handelns“ für listenreiche Konsumenten aufgebracht hat.

Es geht um normale User, die beim Surfen durch die Warenwelt in den Nischen des Konformismus auf ungeahnte Autonomiemöglichkeiten stoßen, ohne sich der Aufgabe des aufopfernden Heldentums widmen zu müssen. Wer ist schon gerne Märtyrer. Es reichen kleine Regelverletzungen. Man könnte während der Arbeitszeit unauffällig anderen Tätigkeiten nachgehen, Meetings mit endlosen Monologen ad absurdum führen, Vorgesetzte mit falschen Excel-Tabellen in den Wahnsinn treiben und Macho-Manager bei der nächsten Weihnachtsfeier mit scharfsinnigen Witzen als eitle Trottel bloßstellen. 

Neues Opus „Organisationen hacken“

Und nun haben Lars Hochmann und Sebastian Möller mit ihrem Opus „Organisationen hacken“ ein Vademekum der Hacks vorgelegt, um die Arbeitswelt nachhaltiger zu gestalten. Die Herausgeber laden dazu ein, die Regeln des Zusammenlebens neu zu schreiben und mutig gegen den Strom zu schwimmen, um wirkliche Veränderung herbeizuführen​​. Sie betonen die Notwendigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und neue Muster zu finden, um komplexe Probleme zu bewältigen​​: „Wir reden nicht lange um den heißen Brei herum: indem wir uns Zugang verschaffen zu organisationalen Regelsystemen und diese gemeinsam mit den Betroffenen von innen heraus reformulieren. Wir nennen das institutional hacking“, so Hochmann und Möller. 

Als Institutionen bezeichnen die beiden Herausgeber kollektiv akzeptierte Regelsysteme, die unser alltägliches Handeln strukturieren und dabei relativ stabile Erwartungen an das Verhalten von Individuen und Organisationen erzeugen: „Dazu gehören auch all die teils zerstörerischen und unvernünftigen Spielchen, die wir tagein, tagaus mal mehr und mal weniger bewusst in und mit Organisationen spielen. Vor diesem Hintergrund ist unser Buchtitel zugleich ein Aufruf: Organisationen hacken.“

Mit dem Buch wollen Hochmann und Möller anstiften, auch abseits ausgetrampelter Pfade nach Wegen der Gestaltung zu suchen. „Trick 17“ oder wahlweise von hinten „durch die Brust“ oder „durch die kalte Küche“ – der Volksmund kennt mehrere Bezeichnungen für diese Ansätze „out of the box“.

„Wir nennen sie Hacks. Hacks sind kleine Tricks zur Problemlösung. Manchmal subversiv, immer jedoch kreativ und unkonventionell. Sie sind zielführend, arbeiten mit dem, was da ist, und zeigen idealerweise rasch Ergebnisse. Sie kürzen den Dienstweg ab, um pragmatische Lösungen für wahrgenommene Missstände zu erproben und im besten Fall langfristig zu etablieren. Sie bringen Neues in die Welt und brechen mit dem Alten. Hacking ist doppelt relevant, es führt einerseits zu einer organisationalen Selbstvergewisserung und erweitert andererseits das Spektrum möglicher Entwicklungspfade. Kurz: Hacks reformulieren das Mögliche. Sie sind also genau das, was wir heute brauchen, um die Organisation der gesellschaftlichen Versorgung nicht nur krisenfester, sondern insgesamt demokratischer, lebendiger, lust- und freudvoller zu transformieren.“

Inhaltsleeres Management-Geschwätz entlarven und die Halbwertzeit von Polonium-212

Das Buch bietet eine tiefgehende Analyse und Anleitung, wie man Organisationen von innen heraus verändern und weiterentwickeln kann. Hierbei wird der Begriff „Hacken“ nicht im Sinne von illegalen Aktivitäten verwendet, sondern als eine Art kreativer Intervention, um festgefahrene Muster aufzubrechen und neue Perspektiven zu ermöglichen. Bei meinem o.tel.o-Vorgesetzten beschränkte ich mich auf die indirekte Offenlegung seiner Phraseologie, die auch ein Indikator für die Brüchigkeit funktionaler Macht sein kann. Er veröffentlichte einen Meinungsbeitrag über Motivation, der schlichtweg aus einem Opus von Reinhard K. Sprenger geklaut war. Neben diesem johlendem Vokohila-Bekenntnis stand dann meine Rezension des Sprenger-Werkes. Gleiches erleben wohl alle in unterschiedlichen Kontexten: Von der Relevanz einer Zwei-Marken-Strategie, wo jeder Zweite wusste, dass er oder sie überflüssig war. Da kann man dann auch Synergien nach der Fusion mit einem anderen Konzern fokussieren, Profit-Center aufbauen und wieder schließen, Markenkerne stärker adressieren, Dezentral am neuen Zentralismus arbeiten, mobile Arbeit ausbauen und wieder einschränken wegen der Arbeitskultur. Das inhaltleere Geschwätz hat eine Halbwertzeit auf dem Niveau von Polonium-212.

Man braucht sich nur die Führungskräfte in Wirtschaft und Politik anschauen, wenn sie vom Thron gestoßen wurden. Sie schrumpfen schnell auf das kleinbürgerliche Pantoffel-Niveau einer Figur wie Erich Honecker. Insofern ist es ungerecht, so Niklas Luhmann, dass man diese Vorgesetzte, die durch ihre funktionale Macht ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet. Die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen lässt man außen vor. Luhmann hat das in einem Vortrag als Defizit erkannt und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen unter dem Titel: „Unterwachung: Oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“.

Anleitung zum Regelbruch

Hochmann und Möller schreiben: „Die Idee des Regelbruchs mag auf den ersten Blick kontrovers erscheinen. Doch sie hat eine lange Geschichte voller Errungenschaften und Fortschritt hinter sich. Der Regelbruch ist genauso eine soziale Tatsache wie die Regelbefolgung. Von den Suffragetten, die in England für das Frauenwahlrecht kämpften, bis zu den Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, die gegen die Rassentrennung aufbegehrten, haben Menschen immer wieder die Grenzen des Legalen strapaziert, um eine gerechtere Welt für alle zu schaffen. Der Bruch von Regeln kann in der Gegenwart skandalös sein und sich im Nachhinein dennoch – oder auch gerade des- wegen – als legitim und wegweisend herausstellen.“

In Fachgesprächen zu möglichen Hacks wird deutlich, was so alles möglich ist: Organisationsberatung hacken, die Öffentlichkeitsarbeit, die Vergütung, das Gründen, Hierarchien, Führung (siehe auch Niklas Luhmann und Gunnar Sohn ;-)), Arbeitsräume, Fußballvereine (erfolgreich praktiziert von mir bei RW Lessenich), Supermärkte, Studierendenwerke, Handwerk, Schulen (ein weites Feld), Stiftungen, Hochschulen (da bin ich mit meinem Hack gescheitert), Reinigungsunternehmen, Rechtsformen, Lobbyismus (überfällig), Unternehmenskooperationen (oder Fusionen wie bei o.tel.o und Mannesmann-Arcor), Gemeinwesen, Unternehmensimpact, Regionalentwicklung und Wissenschaft. Da müsste doch für die ichsagmal.com-Leserschaft eine Menge dabei sein.

Hacks für bessere Vernetzungen

Beispiele aus dem Buch: Almut Rademacher vom Unternehmensnetzwerk owl maschinenbau berichtet im Gespräch mit Lars Hochmann, wie schwierig es ist, Organisationen zu vernetzen. „Die Erfahrung zeigt, dass wir gemeinsam immer klüger, besser, schneller sind. Trotzdem fehlt es häufig schlicht an der Zeit, an der Muße, an der Kraft, sich zu öffnen und in einen Austausch zu gehen, bei dem vorher nicht ganz klar ist, ob man selbst in seinem Arbeitsumfeld einen wirklichen Mehrwert davon hat. Bei allen stapelt sich die Arbeit auf den Schreibtischen….Sie reagieren nur noch, verlassen sich auf das, was sie vermeintlich gut können und wissen. Sie bleiben daher eng bei sich. Das erschwert Kooperationen sehr, macht sie fast unmöglich.“

Den dargelegten Hack von Almut interpretiert Lars Hochmann so:

„Unternehmenskooperationen brauchen starke Themen, die durch die Betroffenen selbst einge- bracht und bearbeitet werden. Kooperation gelingt, wenn sie nicht aufgenötigt wird, sondern sich selbst trägt. Das beobachte ich auch bei mir. Ich kooperiere nicht mit Menschen oder Institutionen, weil diese mich weiterbringen (für mich ist schon entscheidend, ob sie mich weiterbringen, gs). Ich kooperiere, weil sie mich faszinieren und neugierig machen. Weil ich dann kooperiere, bringen sie mich schlussendlich weiter. Entwicklung ist nicht das Ziel, sondern der Lohn von Kooperation. Deinen Hack verstehe ich so: Du lädst Menschen ein, ihre Anliegen vorzutragen. Du horchst mit transformativer und ermöglichender Haltung hinein ins Netzwerk, tauchst deine Sonden in die Unternehmen und identifizierst darüber die gemeinsamen Themen mit Entwicklungspotenzial. Lernmöglichkeiten und langfristige Veränderung zum Positiven leiten diese Entscheidung. Anschließend schaffst du konkurrenzfreie Räume für gemein- samen Austausch auf Augenhöhe, wofür du geeignete Methoden der Facilitation (Moderation, gs) einsetzt, und bietest Informationen, Inspirationen und Aufklärungsdienste an. Indem du ihnen vor Augen führst, dass sie nicht allein sind mit sowohl ihren Herausforderungen wie auch den Lösungsstrategien, machst du Betroffene zu Beteiligten. Darüber bündelst du Kräfte und realisierst Synergien. Was daraus wiederum erwächst, liegt bei den Betroffenen selbst. Du hast die Bedingung der Möglichkeit geschaffen. Die Chance zur Verwirklichung, die als solche noch ergriffen werden muss. Wenn deine Netzwerkpartnerinnen und Netzwerkpartner (mein Hack, ich schreib dat aus, gs) am Ende mit konkreten Verabredungen auseinandergehen, finde ich das schon gigantisch. Ganz herzlichen Dank, liebe Almut, dass du diesen Hack mit unseren Leserinnen und Lesern (wieder ein Hack) und mir geteilt hast.

Bei den Graswurzelbewegungen und vielen anderen Dingen, sehe ich die Notwendigkeit, die Außen- und Innenwelt zu hacken. Also auch über Regulierung, Änderung des Aktienrechts und dergleichen mehr.

Noch ein Hack aus der Sohnschen Werkstatt des Hackings

Hacking-Exkurs zu o.tel.o: Die angeberischen Exkurse des Top-Managers mit dem Charme eines Autoverkäufers über seine Karriere als Bundesliga-Torwart konterte der zuständige Mitarbeiter für das Sport-Sponsoring mit einem Zitat aus dem Bundesliga-Jahrbuch: Die fußballerische Karriere des VoKuHiLa-Schwätzers währte nur kurz, weil der Protagonist den Anforderungen des Profivereins nicht gewachsen war. Um so mehr redete er von seinen Kitzbühel-Begegnungen mit Franz Beckenbauer und Co.. Alle Mitarbeiter, die unter diesem Zwergen-Regime dienen mussten, konnten mit den vermittelten „Hintergrundinfos“ die Auftritte des Direktoren-Würstchens besser ertragen. 

Lars Hochmann (Hrsg.), Sebastian Möller (Hrsg.): Organisationen hacken Einfallstore in eine nachhaltige Arbeitswelt 424 Seiten, ISBN 978-3-98726-085-8, 34,00 Euro. Auch als E-Book erhältlich. Ab dem 1. Februar auf dem Markt.

Schöner Warten: Ein Blick auf die positiven Seiten des Wartens

Warten hat Konjunktur – und das nicht erst seit Corona! Denn ständig warten wir, sei es beim Einkaufen, beim Arztbesuch, auf dem Amt oder im Stau. Diese Momente können oft zur Geduldsprobe werden und manche empfinden sie als verlorene Zeit. Doch der Servicekünstler Armin Nagel zeigt uns, dass Warten auch anders sein kann: Schöner Warten beschäftigt sich auf positive und unterhaltende Weise mit der Kunst des Wartens und zeigt uns, welche Möglichkeiten dieser unerwartete Freiraum bieten kann.

In seinem Buch „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“ betrachtet Nagel das Thema Warten aus einem ganzheitlichen und kreativen Blickwinkel. Als Künstler und Redner für Unternehmen bringt er einen frischen und unkonventionellen Ansatz in die Diskussion. Er interviewt Experten und lässt ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven in seine Betrachtungen einfließen. Ein wichtiger Aspekt, den er thematisiert, ist die Erwartungshaltung. Wenn wir uns beispielsweise auf einen Flug vorbereiten, können wir das Warten als eine Zeit des Genusses und der Vorfreude gestalten. Doch es gibt auch das unerwartete und kafkaeske Warten, das uns das Gefühl von Machtlosigkeit vermittelt.

Übertragung auf LinkedIn.

Nagel zeigt uns, dass Warten in verschiedene Richtungen gehen kann. Während das Warten auf die Geburt eines Kindes eine Vorfreude und ein wunderbares Erlebnis sein kann, gibt es auch das furchterregende Warten auf den Tod, wie im Fall eines zum Tode verurteilten Häftlings. Hier wird deutlich, wie vielfältig das Thema Warten ist und welche unterschiedlichen Emotionen es hervorrufen kann.

Ein weiterer Aspekt, den Nagel in seinem Buch behandelt, ist die Bedeutung von Service und Kundenerlebnissen beim Warten. Er erzählt die Geschichte einer Supermarktchefin, die kreative Ideen entwickelt hat, um das Warten angenehmer zu gestalten. Zum Beispiel hat sie eine Eieruhr an der Kasse stehen, die alle paar Minuten klingelt. Wenn eine Frau an der Kasse steht, bekommt sie eine Blumenampel geschenkt, während ein Mann am Vatertag ein Fässchen Bier erhält. Die Kassiererinnen reichen Hustenbonbons an Kunden weiter, die husten, und begrüßen die Kunden morgens mit passender Musik. Diese kleinen Gesten machen das Warten zu einem angenehmen Erlebnis und zeigen, dass Service mehr ist als nur Effizienz.

Nagel betont, dass Service darin besteht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Es geht um Einfachheit, Leichtigkeit und Humor. Er stellt fest, dass viele Unternehmen sich bemühen, ihren Service zu verbessern, aber es gibt immer noch Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Große Unternehmen haben oft Probleme, personalisierten Service anzubieten und die Kundenperspektive einzunehmen. Nagel verweist auf die Service Design Expertin Frau Professor Mager, die betont, dass Service Design viel mit einem Drehbuch zu tun hat. Es geht darum, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Nagel zeigt auf, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und ihnen bereits vorab etwas anzubieten, das sie überrascht und zeigt, dass man sich mit ihnen beschäftigt hat. Er betont die Bedeutung von Menschlichkeit und kleinen Gesten, die oft mehr bedeuten als materielle Geschenke. Er ermutigt Unternehmen, sich von der klinischen und aufgesetzten Servicekultur zu verabschieden und stattdessen eine persönliche und spielerische Atmosphäre zu schaffen.

Service Design und die Kunst des Wartens sind eng miteinander verbunden. Es geht darum, den Service ganzheitlich zu betrachten und wie eine Choreografie zu gestalten. Es geht um Leichtigkeit, Einfachheit und Humor. Nagel betont, dass Service mehr ist als nur Effizienz und dass es darum geht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Er fordert Unternehmen auf, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Insgesamt bietet Nagels Buch „Schöner Warten“ einen frischen und kreativen Blick auf das Thema Warten. Er zeigt uns, dass Warten nicht immer eine Geduldsprobe sein muss, sondern auch eine Chance für positive und unterhaltsame Erfahrungen bietet. Es ist an der Zeit, das Warten zu einem angenehmen und bereichernden Erlebnis zu machen.

#CRMKonvos: Kundenerfahrung versus Mitarbeitererfahrung – Der Weg zum perfekten Service (ist immer noch steinig)

In einer Fachdiskussion im YouTube-Format „CRM-Konvos“ beleuchtet Merijn te Booij von Genesys die ewige Debatte zwischen Kundenerfahrung (CX) und Mitarbeitererfahrung (EX). Es stellt sich die Frage: Sind zufriedene Mitarbeiter das Geheimnis glücklicher Kunden? In einer Zeit, in der CEOs endlich anfangen, CX und EX für das Unternehmenswachstum zu verbinden, behaupten immerhin 81 Prozent der Unternehmen, eine EX-Strategie zu haben. Doch wie ernst ist dieses Engagement wirklich? Die Gallup-Zahlen über die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern belegen das Gegenteil.

Ein zentrales Thema ist die Frage, wer wirklich die Verantwortung für die Mitarbeitererfahrung trägt. Ist es nur eine Frage von guten Kaffeemaschinen, oder steckt mehr dahinter, um Callcenter-Agenten bei Laune zu halten? Te Booij beleuchtet die Rolle von KI – ist sie Freund oder Feind dieser Agenten? Zudem wirft er einen Blick auf die allwissende Überwachungstechnologie: Ist sie grenzwertig gruselig oder äußerst hilfreich?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Konzept des Workforce Engagement Managements (WEM). Wo beginnt und endet WEM in diesem ganzen Prozess? Te Booij liefert reale Beispiele dafür, wie WEM die Kundenerfahrung verbessern kann. Abschließend diskutiert er Trends in Callcentern, von anspruchsvollen Kunden bis hin zur Gig-Economy – es verspricht eine wilde Fahrt zu werden!

In der Diskussion betont Te Booij, dass zufriedene Mitarbeiter unerlässlich sind, um eine hervorragende Kundenerfahrung zu gewährleisten. Dies erfordert eine authentische und vertrauensvolle Führung, die nicht nur auf KPIs basiert, sondern auch auf das Verständnis und die Wertschätzung der Bedürfnisse der Mitarbeiter.

Interessant ist auch seine Sicht auf die Rolle der KI im Kundenservice. Während KI menschliche Mitarbeiter ergänzen kann, betont er die Wichtigkeit, den richtigen Zeitpunkt für den menschlichen Eingriff zu finden. Die Zukunft sieht er in einer engeren Verbindung von Routing und Planung, wobei Technologie dabei hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sowohl Kosten als auch Kundenzufriedenheit zu optimieren.

Diese Diskussion bietet Einblicke in die sich verändernde Landschaft des Kundenservice und die Bedeutung der Mitarbeitererfahrung für das Wachstum und den Erfolg von Unternehmen.

Nach meiner Erfahrung liegt es fast immer am Service-Design, am Drehbuch für Kundenerlebnisse. Hier werden von zu wenigen Unternehmen perfekte Schnittstellen kreiert – vom User-Interface bis zur Bezahlfunktion. Als Kunde möchte ich alles niedrigschwellig ohne Erklärungsbedarf. Jeder notwendig Anruf in einem Call Center ist ein Indikator für Medienbrüche im Service-Design.

Siehe dazu auch mein Interview mit Armin Nagel um 13 Uhr im Multistream auf LinkedIn, YouTube und Co.

Ein lustiges Experiment: Warum Arztpraxen auf alte Zeitschriften setzen sollten und stille Stunden im Supermarkt möglich sind – Autorengespräch mit Armin Nagel zu seinem neuen Buch „Schöner Warten“ #Notizzettel

Ursula Wintgens ist Deutschlands lustigste Supermarktchefin. „Ich bin Mitglied ihrer Facebook-Fangruppe, wo sie mehrere Tausend Kundinnen und Kunden mit viel Humor bei Laune hält. Sehr gerne warte ich an der Kasse ihres Supermarktes in Bensberg“, schreibt Armin Nagel in seinem Buch „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“, erschienen im Lübbe-Verlag.

„Rudi Carell meinte einmal: ‚Wenn du ein Ass aus dem Ärmel holst, musst du es vorher in den Ärmel hineinstecken.‘ Mit welchen Assen überrascht ihr eure Kunden beim Warten?“, fragt Armin Nagel. Antwort von Ursula Wintgens: „Wenn jemand an der Kasse hustet, bekommt er sofort ein Hustenbonbon überreicht, und wir wünschen gute Besserung. Am Muttertag haben wir einen Wecker an der Kasse. Immer wenn der klingelt, bekommt eine Mutter eine Blumenampel und die Väter am Vatertag ein Fünf-Liter-Fässchen Bier. Am Welttag des Schlafes machen wir Videos oder Fotos für unsere Facebook-Fangruppe. Da siehst du, wie die Mitarbeiter schlafend auf dem Kassenband liegen, hinter der Fleischtheke oder in den Regalen. Wir weisen darauf hin, dass es heute beim Bezahlen länger dauern kann, weil alle müde sind.“

„Bei euch im Supermarkt gibt es eine ‚Stille Stunde‘. Was ist das?“

„Die ist dienstags von 16–18 Uhr. Da schalten wir die Beschallung und einen Teil der Beleuchtung aus, fahren das Piepen an den Kassen runter und verräumen keine Ware. Das ist ein Service für Menschen, die Probleme haben, wenn in ihrer Umwelt zu viel los ist, die sich wohler fühlen, wenn alles leiser ist. Ich selber merke in diesen zwei Stunden, wie angenehm es ist, wenn du ein bisschen runterkommst.“

Weitere Ideen:

„Was uns vorschwebt, ist ein ‚Plauderbänkle‘, eine Bank, die wir im Markt aufstellen, wie so ein kleiner Minitreffpunkt. Da können sich die Leute hinsetzen und plaudern, auch mal eine Stunde mit mir oder dem Bürgermeister“, erläutert Wintgens. Sehr gute Idee.

„Frühmorgens begrüße ich die ersten Kunden mit ‚Guten Morgen, Sonnenschein‘ von Nana Mouskouri und abends als Rausschmeißer spielen wir Reinhard Meys ‚Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu geh’n‘.“

Exkurs:

Industriekapitäne, Verbandsfunktionäre und Politiker misstrauen immer noch dem Trend zur Wissens- und Service-Ökonomie. Ihr Standardargument seit Jahrzehnten: „Vom Haare schneiden alleine kann eine Volkswirtschaft nicht leben“. Diese Industrielogik erinnert ein wenig an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert“. Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. Ein Blick in die Statistik belegt, dass der Konsum von Dienstleistungen in Deutschland inzwischen rund 69 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Die Wertschöpfungsketten in unserem Land werden schon lange nicht mehr von der industriellen Produktion getaktet. Der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat das gut in Szene gesetzt: Alleine mit Partys, Tourismus, Vergnügung, Theater oder Unterhaltung macht Berlin über ein Drittel des Umsatzes. Rund 21.000 Unternehmen stellt die Kulturwirtschaft: TV-Produktion, Design-Ateliers, Softwarefirmen oder Musiklabels. Mit 100.000 sozialversicherten Stellen ist dieser Sektor inzwischen so groß wie die kümmerlichen Reste der Berliner Industrie.

Das soll hier kein Industrie-Bashing sein. Wichtig: Die Produktion und der Absatz der Güter müssen durch intelligente Service-Konzepte angereichert werden.

Die amerikanische Soziologin Shoshana Zuboff beschreibt diese Entwicklung treffend als „Support-Ökonomie“. „Diese Tendenz lässt sich mittlerweile auch an den privaten Konsumausgaben ablesen. Seit 2003 geben die Deutschen zum ersten Mal mehr Geld für Dienstleistungen als für Produkte aus. Wir verabschieden uns vom Produkt-Paradigma und schwenken ein in eine Epoche, in der immaterielle Dienstleistungen die Märkte antreiben werden. Allerdings müssen Dienstleistungen in Zukunft mit der gleichen Akribie konzipiert und ‚gebaut’ werden wie die technologischen Innovationen des industriellen Zeitalter“, fordert Birgit Mager, Professorin für Service Design in Köln.

Die Dienstleistungsökonomie könne nur mit mehr Forschung und Entwicklung vorangebracht werden. „Deutsche Unternehmen der verarbeitenden Industrie investieren pro Jahr und Mitarbeiter im Schnitt rund 3.215 Euro in Forschung und Entwicklung. Dienstleister dagegen bringen es im Vergleich dazu gerade mal auf 67 Euro“, moniert Mager. Das Service-Design müsse einem Drehbuch folgen aus Sicht des Kunden. Wenn allerdings Führungskräfte im öffentlichen Dienst oder der Wirtschaft 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Rücken zum Kunden verbrächten, sei es kein Wunder, dass bei Dienstleistungen häufig der Erlebnischarakter fehle.

Dazu ein Interview mit Professorin Mager im Buch von Armin Nagel:

„Was kann ich als Service-Designer von der Kunst lernen?“ Mager: „Service-Design ist eine Choreografie von Menschen, Technologien und Prozessen. Das ist ästhetisch, kunstvoll, ein Tanz durch Zeit und Raum, der im besten Fall überraschende Momente hat.“

Lustiges Experiment in einer Arztpraxis:

„Am Ende des vierwöchigen Experiments waren knapp die Hälfte aller ausgelegten Hefte weg, und zwar fast ausschließlich die neueren Exemplare. Der tägliche Verlust betrug 1,32 Stück. Die Wahrscheinlichkeit, dass Qualitätspresse überlebte, war deutlich höher: Alle Ausgaben des Time Magazine waren zum Schluss noch vorhanden. Die aktuellen Klatschtitel mit mehr als fünf Prominenten auf dem Cover gingen weg wie Botox auf der Schönheitsfarm: Am Ende des Monats war nur noch ein Heft übrig. Fazit: Arztpraxen legen nicht absichtlich alte Magazine aus, sondern die neuen verschwinden. Um Verluste zu minimieren, sollten Ärzte in ihren Wartezimmern nur noch uralte Qualitätspresse zum Lesen anbieten. Oder am besten gleich hochwertige, anspruchsvolle Bücher, wie dieses hier.“

Warteschleifen-Musik – eine unendliche Geschichte.

Die meistgespielte Warteschleifenmusik der Welt stammt nicht von den Beatles, sondern von Darrick Deel, wie die amerikanische Journalistin Sara Corbett für die Radiosendung This American Life recherchierte. Deel komponierte sein 5,40 Minuten langes „Opus No. 1“ 1989 mit seinem Freund Tim Carleton.

Oder:

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin.

„Lieber Anrufer. Herzlich willkommen in der Hotline von Familie Nagel. Dein Anruf ist uns wichtig. Leider sind alle Familienmitglieder derzeit im Gespräch. Wir sind aber gleich für dich da. Das nächste freie Familienmitglied ist für dich reserviert. Willst du mit Armin Nagel sprechen? Wähle bitte die Eins. Willst du mit Imke, Jakob

oder Till Nagel sprechen? Wähle bitte die Zwei. Ein Hinweis in eigener Sache: Der kleine Till schreibt demnächst einen Deutschtest. Deshalb werden alle Gespräche mit ihm zu Trainingszwecken aufgezeichnet. Piep …“

Ein Telefonat mit Reiner Calmund.

Fünf Minuten im Fußball können sich lang oder kurz anfühlen, je nachdem ob ein Team führt oder hinten liegt. Was waren die längsten fünf Minuten in deinem Fußballleben? „Im WM-Endspiel 2014 war ich auf einem Kreuzfahrtschiff und habe das Finale mit 1500 Menschen gemeinsam gesehen. In der Nachspielzeit der Verlängerung habe ich mich auf einer Toilette eingeschlossen, weil meine Nerven nicht mehr mitspielten. Es war eine schlimme Warterei, bis wir endlich jubeln konnten.“

Southern Soul Vibes in Bonn: Bywater Call begeistert mit kraftvollem Auftritt in der Harmonie – 2024 startet die Band eine Europatournee #WDRRockpalast

Im vergangenen Jahren war der Auftritt der kanadischen Band Bywater in der Bonner Harmonie mein absolutes Highlight: Eine ausdrucksstarke 7-köpfige Southern Soul- und Roots Rock-Band aus Toronto. Die Formation wurde im Jahr 2017 von der Power-Sängerin Meghan Parnell und dem Gitarristen Dave Barnes gegründet. Die Band wurde ins Leben gerufen aus einer tiefen Liebe zur südlichen Soul-, Blues- und Roots-Musik und dem Wunsch, ein kraftvolles und bewegendes Musikerlebnis für ihre Zuhörer zu schaffen. Ihre Musik ist geprägt von beeindruckender Emotionalität und technischer Brillanz, wodurch sie sich in der Musikszene einen Namen gemacht haben.

Die WDR-Rockpalast-Scouts haben ein gutes Händchen bei der Auswahl der Bands. Bywater Call werden international durch die Decke gehen.

Der Hauptgedanke hinter dem Crossroads Festival ist die Präsentation von hochwertiger Musik in einer intimen Atmosphäre, wobei das Augenmerk auf ideenreicher Umsetzung, Wucht und Vergnügen auf der Bühne liegt. Bin jetzt das dritte Mal dabei. Das Konzept geht voll auf.

In diesem Jahr startet Bywater Call eine Europatour.