
„Die Software in meinem A6 ist auf dem gleichen Usability-Niveau wie meine Philips Universal Fernbedienung für TV und Video in den 1990er Jahren. Und die war damals schon schlecht“, sagte Lutz Becker gegenüber einem Fachmagazin für Vorstände und Aufsichtsräte. Das war im Jahr 2016.
Hier stehe sich die Ingenieurs-Organisation von VW selbst auf den Füßen. Die Ursache sieht der Hochschulprofessor im Business Reengineering des Wolfsburger Autokonzerns.
„Das ist für mich die größte Erbsünde der Managementlehre der 1980er Jahre. Man kann soziale Organisationen nicht Reengineeren, weil es keine simplen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gibt. Kultur kann man nur durch Narrative und vorgelebte Praktiken ändern. Die Prozesse zur Diffusion dauern in großen Organisationen natürlich lange. Trägheitsmomente und Verharrungsvermögen haben da eine andere Qualität. Deshalb macht es Sinn, kleine und selbständig agierende Kerne zu bilden.“
In Zeiten nach dem Verbrennungsmotor steigt die Relevanz von Internet-Technologien und Software-Anwendungen. IP-Netzwerke, Algorithmen sowie digitale Plattformen bestimmen das Geschäft und nicht mehr die Produktion von Komponenten. Wer das Betriebssystem besitzt, verfügt über zentralen Zugang zu den wichtigsten Datenquellen. Ähnliches erlebten die Netzbetreiber in den vergangenen Jahren. Nicht mehr der Leitungsbau generiert Umsätze, sondern das Geschäft mit Daten.
Hat sich daran etwas im Jahr 2024 geändert? Im Gespräch mit Logistikprofessor Peter Holm werden Schwachstellen benannt.
Die Automobilindustrie steht vor einer digitalen Revolution, in der Software und User Interface (UI) zunehmend zum Herzstück moderner Fahrzeuge werden. Besonders VW Connect, das digitale Ökosystem des Wolfsburger Riesen, gerät ins Kreuzfeuer. Ich selbst habe es ausprobiert: Es dominiert eine träge und unpraktische Benutzerführung, die das Fahrerlebnis deutlich schmälert. Diese Kritik wirft Schatten auf die Ansprüche eine Industriekonzerns, in der digitalen Transformation der Branche eine führende Rolle einzunehmen.
Im Zeitalter der Digitalisierung reicht es nicht mehr aus, ausschließlich in Hardware zu glänzen; die Software-Kompetenz entscheidet zunehmend über Erfolg und Misserfolg. Hier offenbaren sich bei vielen Herstellern unfassbare Defizite, obwohl wir nun schon seit 10 bis 20 Jahren über dieses Thema debattieren. Im Gegensatz dazu zeigen Partnerschaften zwischen Automobilherstellern und Tech-Giganten wie Apple und Google das immense Potenzial auf, das in einer gelungenen Symbiose von Hardware und Software liegt. Diese Kooperationen verdeutlichen, dass Hersteller, die in bestimmten Bereichen Schwächen aufweisen, durch strategische Allianzen ihre Angebote signifikant verbessern können.
Skepsis gegenüber einer Öffnung für externe Software-Plattformen wie Apple CarPlay mag aus einer Sorge um Datenkontrolle und Markenintegrität herrühren. Doch diese Haltung könnte Autohersteller langfristig isolieren und von den dynamischen Entwicklungen in der der Fahrzeug-Software ausschließen. Die Automobilindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, in dem Flexibilität und Offenheit für Innovationen entscheidend sind. Industrieunternehmen stehen vor der Wahl: Festhalten an einer überholten Vorstellung von Kontrolle oder den Schritt hin zu einer offeneren, partnerschaftlichen Zukunft wagen.
Die Herausforderung wird sein, die richtige Balance zwischen der Bewahrung der Markenidentität und der Öffnung für innovative, digitale Lösungen zu finden.
In Anlehnung eine meine frühere The-European-Kolumne frage ich daher: Liebwertestes VW-Gichtlinge, wo ist Eure Vernetzungskompetenz?