
Im Jahr 2012 beschäftige ich mich auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare mit dem Thema KI und Obi Wan Kenobi.
Schachcomputer waren früher materialistisch eingestellt, sie agierten als dreiste Straßenräuber. „Jetzt opfern sie sogar Figuren“, so der Schachgroßmeister Helmut Pfleger. Er billigt der Maschine gewaltige Schritte in Richtung Künstlicher Intelligenz zu. Erstmals hatte die Frage, ob eine Maschine überhaupt denken könne, der britische Computerwissenschaftler Alan Turing gestellt. Könnten unabhängige Beobachter im Turing-Test nicht mehr unterscheiden, welche Antwort von einem Menschen oder einer Maschine stammt, müsste man dieser „Intelligenz“ zubilligen. Wenn nun der Computer den Schachweltmeister schlägt, sei das wohl Künstliche Intelligenz. „Wir haben trotzdem nicht beschlossen, das deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz zu schließen“, so Professor Hans Uszkoreit vom DFKI auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Irreführende Nachrichten über Künstliche Intelligenz
Solche Nachrichten führten in die Irre. Maschinen seien nicht so klug wie man denkt. Aber trotzdem nützlicher, als es allgemein bekannt sei: „Seit mehr als fünfzig Jahren versuchen Wissenschaftler, die menschliche Intelligenz nachzubilden. Aber wir haben ja nicht einmal ein dreijähriges Kind nachgebildet. Wir können nicht die Kreativität, das Denken oder die Sprache eines Kleinkindes nachbilden. Was ist hier los“, fragt sich Uszkoreit. Das verwirre die Öffentlichkeit. Die wirklichen Fortschritte der Künstlichen Intelligenz werden in diesem Spannungsfeld nicht wahrgenommen. Fast alle globalen IT-Unternehmen hätten in den vergangenen 18 Monaten eine neue Generation von automatischer Übersetzungssoftware eingeführt. „Google hat gar keinen Bereich Suche mehr – was nicht richtig zur Kenntnis genommen wurde. Das heißt jetzt Knowledge und arbeitet mit semantischer Suche. Das Unternehmen Autonomy, Spezialist für Textanalysen, wurde für 11 Milliarden Dollar an HP verkauft. Apple Siri ist bereits in einigen Sprachen auf dem iPhone und fängt an, das Leben zu verändern. Was jetzt passiert, wird in den Medien kaum aufgegriffen. Dabei ist Sprachtechnologie auf breiter Front in der Wirtschaft auf dem ganzen Globus zum Durchbruch gekommen“, meint der KI-Forscher.
Entsprechende Fachleute oder Firmen werden von Google und Nuance aufgekauft. In der Forschung brauche man sich vor den USA nicht zu verstecken. Wer mache denn Google Translate? Das seien meistens Europäer, die dann allerdings nicht für europäische Firmen arbeiten.
Aber ist das alles schon Künstliche Intelligenz? Chatbots könnten schon sehr menschlich kommunizieren, trotzdem ist es immer noch nicht möglich, den Menschen nachzubilden. Es gibt keinen Computer, der auch nur einen Satz in Grimms Märchen richtig versteht. Wir haben die Definition von Intelligenz wohl etwas zu eilig gestrickt. Und Turing mit all seiner Weitsicht und Vision konnte sich 1940 keinen Test ausdenken, der heutigen Ansprüchen genügt. Die Kognitionswissenschaften kamen erst später ins Laufen.
Nahtlose Kommunikation und bessere Zusammenarbeit mit Maschinen
Um Künstliche Intelligenz richtig einzuordnen, schlägt Uszkoreit den alten DDR-Slogan „Überholen ohne einzuholen“ vor: „Das ist der Trick. Wir laufen den Besten nicht hinterher. Wir überholen ihn, ohne ihn einzuholen. Der Teil mit dem ‚nicht einholen‘ hat auch in der DDR prima geklappt. Wenn man den Slogan richtig interpretiert, ist auch was dran. Wir wollen den Menschen übertreffen, ohne ihn auch nur annähernd zu erreichen.“ Was nicht gehe in der KI-Disziplin, sind Kreativität, Assoziation, Intuition, Emotion, Bedürfnis, Intention und volles Verstehen. Vieles könne simuliert werden, aber mit dem wirklichen Nachbilden klappe es noch nicht so ganz. Was kann der Computer besser? „Er kann Millionen von Dokumenten nach komplexen Mustern durchsuchen, ohne dabei einzuschlafen. Da könnte ich keinen Menschen dransetzen. Die Maschine kann einigermaßen akzentfrei in 20 Sprachen Texte vorlesen oder ist in der beim Educational Testing Service in der Lage, tausende Essays in einer Stunde zu bewerten. Beim Schachspielen und Jeopardy ist der Computer besser. Er kann 57 Sprachen leidlich übersetzen. Spannend ist es jetzt, uns Menschen so zu erweitern, dass wir Dinge machen können, die vorher nicht möglich waren. Durch technische Vorteile der Maschinen in Perzeption, Gedächtnis, Geschwindigkeit, Ausdauer, Sprach- und semantische Technologien“, erläutert Uszkoreit.
Diese Fähigkeiten ermöglichen die nahtlose, mühelose und neue Zusammenarbeit mit Computern. Kognition und Sinne des Menschen werden verbessert. Die Maschine hat ein riesiges Kurzzeitgedächtnis. Menschen können sich im Durchschnitt nur sieben Elemente merken. Sprachtechnologie sieht der DFKI-Professor als führende Kraft der technologischen Weiterentwicklung, denn der Mensch macht seine Sache durch Sprache. Sie ist schon überall zu finden: In Microsoft Word, Voice Dialing, Web-Suche, Dialogsystemen, Lernprogrammen. „Wir haben das nur nicht richtig gefeiert. Sprache ist das natürlichste Mittel der Kommunikation und das einzige Medium, mit dem wir von Generation zu Generation unser Wissen weitergeben. Sprache ist auch das Gewebe des World Wide Web. Zwar sprechen wir über Multimedialität. Aber was nehmen wir denn, um zu suchen? Das basiert alles auf Sprache.“ Auch Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies sieht Sprach- und semantische Technologien als wichtigen Baustein für das Future Internet.

„Mein Traum ist ein Social Media Dial Tone. Darüber ist noch nicht viel gesprochen worden. Einen Dial Tone kennt jeder von uns aus dem Telefon – es geht um den Wähl-Ton. Er garantiert den ständigen Zugriff auf Dienste, unabhängig vom Operator und vom Aufenthaltsort meines Kommunikationspartners sowie ohne Ausfälle, wie es bei Skype, Twitter, Facebook oder Apps häufig der Fall ist. Beim Social Media Dial Tone stürzt nichts ab. Keine Mehrfachkonten bei Facebook, Twitter, G+, LinkedIn & Co. Keine separaten Social Media-Inseln. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter einer Haube. Wieso muss der Wildwuchs-Spaghetti der Entwickler dem Internet-Nutzer eins zu eins zugemutet werden? Es geht darum, aus sozialen Netzwerken echte Services zu generieren: vernetzt, hochverfügbar, flexibel und unabhängig vom Endgerät“, erklärt Stahl, der am Obi Wan Kenobi-Panel auf der Informare http://informare-wissen-und-koennen.com/ teilnahm. Gleiches gelte für die Vernetzung von Cloud-Diensten, die bislang nur als Silos angeboten werden.

Als weiteren wichtigen Schritt zu einer Vereinfachung von Netz-Diensten wertet Stahl die Sprachsteuerung Siri von Apple. „Man fragt nur noch sein Gerät und muss nicht mehr verschiedene Applikationen raussuchen. Bei einer Wetterabfrage wird automatisch mein Standort mit der Wetter-App verbunden und ich bekomme eine Information, ob ich für den morgigen Tag einen Regenschirm benötige oder nicht. Siri ist jetzt schon in der Lage, auf ein Dutzend Apps zuzugreifen und Spracheingaben intelligent zu routen. Das ist aber erst der Anfang“, resümiert Systemingenieur Bernd Stahl im Interview mit dem Hörfunkjournalisten Heinrich Rudolf Bruns.

Soweit der Beitrag aus dem Jahr 2012.
Nachtrag zum DFKI-Vortrag von Professor Hans Uszkoreit in Berlin:
Das Thema seines Vortrags lautete „Turings Traum weiter träumen: Mit Sprachtechnologie und KI auf dem Weg zur Social Intelligence“.
Es ist möglich, Emotionen nachzubilden, aber nicht wirklich zu replizieren. Computer können verstehen und simulieren, aber nicht nachbilden, da sie bestimmte Aspekte des menschlichen Verstehens nicht erfassen können. Computer können beispielsweise Millionen von Dokumenten durchsuchen, ohne dabei müde zu werden. Das ist etwas, was ein Mensch nicht leisten könnte, ohne dabei seine Arbeitskraft zu beanspruchen. Es gibt auch keine Menschen, die über Nacht Millionen von Dokumenten für den morgendlichen Kanzler des Bundespresseamtes durchdenken. Maschinen können in etwa 20 Sprachen relativ akzentfrei vorlesen, was ein Mensch nicht kann. Computer können Aufgaben wie Schachspielen besser lösen als Menschen. Google Translate kann in 57 Sprachen übersetzen, wenn auch nicht perfekt, aber für Informationsübersetzungen ausreichend. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Menschheit durch technologische Fortschritte erweitert und Dinge tun kann, die zuvor nicht möglich waren, wie zum Beispiel medizinische Fortschritte und wissenschaftliche Erkenntnisse durch kollektive Arbeit.
Sprachtechnologie ist eine treibende Kraft hinter all diesen Entwicklungen. Sprache ist das natürliche Medium der Kommunikation und das einzige Medium, durch das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sprache ist das Gewebe, das alle unsere multimedialen Aktivitäten durchdringt. Sprachtechnologie ermöglicht es uns, Sprachbarrieren zu überwinden und eine bessere Zusammenarbeit und Kommunikation zu ermöglichen.
„Es gibt drei große Schwerpunktthemen, auf die ich kurz eingehen möchte. Erstens der Übergang von James Bond zu einem Traum, den wir in der Forschung verfolgen. Zweitens Cloud Computing, um jeden Menschen in jeder Sprache miteinander zu verbinden. Und drittens Business Intelligence, um bessere Entscheidungen zu treffen und kollektive Meinungs- und Entscheidungsprozesse zu ermöglichen“, so Uszkoreit.
Business Intelligence bezieht sich auf die Aufbereitung von Informationen, um bessere Entscheidungen zu treffen. Es geht darum, Informationen so aufzubereiten, dass sie für Entscheidungsträger verständlich und nützlich sind. Es geht darum, Informationen zu nutzen, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen und Risiken zu minimieren.
Social Intelligence bezieht sich auf die Anwendung von Business Intelligence auf soziale Medien und das Internet.
Die automatische Analyse sozialer Medien und die technologische Unterstützung großer Kommunikations- und Entscheidungsprozesse werden die Art und Weise, wie wir kommunizieren und Entscheidungen treffen, nachhaltig verändern. Es wird neue Formen des kollektiven Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins geben. Es wird neue Möglichkeiten geben, Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und bessere Lösungen zu finden.
Es wird neue Formen der Demokratie geben, die auf kollektiver Intelligenz und Partizipation basieren.
„Es ist eine spannende Zeit, in der wir leben, und ich freue mich darauf, zu sehen, wie sich die Sprachtechnologie weiterentwickelt und wie sie unsere Gesellschaft und unsere Art zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen, verändert“, resümierte der DFKI-Forscher in Berlin.
Das mit der Demokratie und der Partizipation ist leider nicht eingetreten.
Auf der Next Economy Open machen wir einen Abgleich zu KI, Chatbots und Sprachtechnologie mit dem Analysten Stefan Holtel:

Ein weiterer Nachtrag zu den Figuren von Playmobil:
„Ein kleiner Scherz mit Playmobil-Figuren hat die Pressesprecherin von Playmobil auf die Palme gebracht. Vor einigen Wochen schickte sie Briefe an die Piratenpartei und beschwerte sich. Sie war verärgert, dass die Piratenfiguren von Playmobil ständig in Fotos, Plakaten und Videos der Partei auftauchten.
Ich erinnere mich an einen Tweet, den ich abgesetzt habe, als der Brief veröffentlicht wurde. Sie behauptete, dass Jungen durch die ständige Konfrontation mit den Piratenfiguren in Werbevideos dazu verführt werden könnten, später Piratenwähler zu werden.
Ich war gestern auf der Facebook-Party von Horst Seehofer. Es war interessant, denn es waren viele Piraten da. Ich habe drei sehr unterschiedliche Piraten kennengelernt und muss sagen, es ist eine tolle Truppe.
Als die Beschwerde der Pressesprecherin von Playmobil an die Öffentlichkeit kam, habe ich einen Blogpost vorbereitet. Ich habe alle Filme bei YouTube herausgesucht, in denen Harald Schmidt mit Playmobil-Figuren zu tun hat. Playmobil und Harald Schmidt, das ist eine Symbiose. Er hat die gesamte Weltgeschichte mit Playmobil-Figuren erklärt, einschließlich Geschichten über Krieg, Frieden, Drogenkonsum, Monarchie und das Dritte Reich.
Die Wochenzeitung „Der Freitag“ hat zu Harald Schmidts Abschied sein Leben und seine Stationen mit Playmobil-Figuren nachgestellt und abgelichtet.
Mein Plädoyer:
„Unser heutiges Vorhaben ist es, die Piratenfiguren von Playmobil zu politisieren. Wir versuchen das natürlich auch mit Gästen und Experten, die wir eingeladen haben.“