Venezianische Inseln der Maskerade könnten uns guttun, sagt Johannes Wiele gegenüber brandeins. „Geschaffen durch eine Kombination aus Software, Gesetzen und sozialen Regeln. So gebe es Hierarchien – etwa in Firmen -, die einen freien Gedankenaustausch der Kollegen untereinander erschwerten. Oder Unternehmen, die den Weg durchs Netz von privaten Internetnutzern gegen deren Willen protokollierten und speicherten. Die Nutzer sollten das Recht bekommen, sich dagegen zu wehren, und mit einer virtuellen Maske das ‚Ungleichgewicht der Kräfte‘ ausgleichen“, berichtet brandeins.
Mit der Maske könnte man sich gar zum Regisseur seines Mythos machen und sich durch Unfassbarkeit sowie Unnahbarkeit der indiskreten Einschätzung entziehen, die alles sofort herabwürdigt und einebnet. Sozusagen eine Rezeptur gegen hausmeisterliche Krämerseelen, die mit dem Finger gerne auf andere Menschen zeigen, jeden Tag eine Ermahnung vom Stapel lassen und dabei vergessen, in welch brüchigem Glashaus sie selbst sitzen.
Es war übrigens ein sehr interessantes Gespräch, das wir bei #SohntrifftBecker mit Johannes Wiele führen konnten.
Hier die Aufzeichnungen auf unterschiedlichen Plattformen (auf YouTube bekomme ich irgendwie den Hintern nicht hoch):
Leere Straßen statt Osterprozession auf dem Kreuzweg, geschlossene Kirchen statt Pilgermassen an der Grabeskirche: wie sieht es aus in der „heiligen Stadt“ an diesem Ostern in der Corona-Krise? Wir fragen Uriel Kashi nach Wissenswertem über die Stadt der drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Was machen die Gläubigen und Nicht-Gläubigen an diesem Wochenende und welche Sehenswürdigkeiten lohnen auch den virtuellen Besuch?
Uriel Kashi: Jahrgang 1976, in Jaffa/Israel geboren, Studium der Jüdischen Geschichte und der Erziehungswissenschaften in Berlin und Jerusalem, 2001-07 Bildungsreferent im Jüdischen Museum Berlin, 2006-07 Legacy Heritage Fellow im Berliner Büro des American Jewish Committee, lebt seit August 2007 in Israel – Online erreichbar unter: www.reiseleiter-israel.de.
Das war ein großartiger Rundgang heute im Multistream auf acht Social Web-Präsenzen:
Virtueller Stadtrundgang durch Jerusalem – mit dem Reiseleiter Uriel Kashi https://t.co/S2tzsg8tBO
Poetry Clip Nr. 6 / ELIF Verlag Der aktuelle Poetry-Clip, den Dinçer Güçyeter den bisherigen, die zu Gedichtbänden, die in seinem ELIF Verlag erschienen sind, hinzufügt, ist der in Wien geborenen Autorin Monika Vasik und ihrem Lyrikband hochgestimmt gewidmet. Die 67 Gedichte dieses Buches sind poetische Begegnungen mit außergewöhnlichen Frauenstimmen, die ihren Ursprung in der […]
Die Leipziger Buchmesse findet in diesem Jahr wegen der Ausbreitung des Corona-Virus nicht statt. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb verlegt Teile ihres Programms ins Netz: Vom 11. bis 13. März diskutieren und streiten wir hier im Livestream über politische Themen, ausgewählte Bücher und (digitale) Medien.
Warum Livestreaming dabei so wichtig ist, erläutert Daniel Kraft, Sprecher der bpb:
Man hört, sieht und streamt sich mit Themen, die wir eigentlich auf der Leipziger Buchmesse realisieren wollten. Nun sind unsere Sendezentralen in Bonn und Berlin.
Das Buch entwirft eine Geschichte des deutschsprachigen Zukunftsromans – oder mit dem heute geläufigen Ausdruck – der deutschsprachigen Science Fiction von 1900 bis zur Gegenwart vor. Dabei rücken auch die Lieblingsthemen des Zukunftsromans wie der Aufbruch ins All, die futuristischen Maschinen, die technischen Entdeckungen, die Atomkatastrophen und die Ersetzung des Menschen durch Roboter oder Aliens samt ihren Veränderungen in den Blick. Ebenso werden markante Umbrüche skizziert: vom utopischen Gedanken zur Technikkultur nach dem 1. Weltkrieg, vom nationalen Modell des Zukunftsromans zum internationalen Genre in den sechziger Jahren unter anglo- amerikanischem Einfluss und vom technischen Fortschritt zu den alternativen Welten am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine Geschichte der deutschen Science Fiction kommt indes nicht ohne Parallelen und Verflechtungen mit internationalen Autoren wie J. Verne, H.G. Wells, I. Asimov, Ph. Dick und St. Lem aus.
Bibliotheksgespräch mit dem Autor Prof. Dr. Hans Esselborn am Freitag, den 14. Februar, um 11:15 Uhr. Ihr könnt live via Facebook mitdiskutieren oder Ihr kommt direkt in die Bibliothek in Bonn-Duisdorf, Ettighoffer Str. 26a, 53123 Bonn (dann allerdings etwas früher kommen, denn ich starte den Livestream pünktlich um 11:15 Uhr).
Am Wochenende erlebte ich im Schumannhaus in Bonn-Endenich ein tolles musikalisches Event mit famosen jungen Talenten vom Leopold-Mozart-Zentrum der Uni Augsburg. Eine Meisterklasse par excellence. Organisiert und moderiert von Ingrid Bodsch, die übrigens für ihr kulturelles Schaffen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird (wurde am Samstagabend verraten). Die Bonner Netzszene sollte öfter zu Veranstaltungen gehen, die von Ingrid Bodsch organisiert werden. Es ist immer eine Bereicherung.
Eindrücke der Darbietungen:
Daraufhin schrieb Ingrid Bodsch auf Facebook:
„Vielen Dank für Ihr so lobendes Resümee des Konzerts (inkl. Fotos und Hörbeispielen), über das ich auch sehr glücklich bin. Es war so schön zu erleben, wie die jungen Sängerinnen und Sänger sich an diesem besonderen Ort, den ich Ihnen zu Mittag kurz vor dem Beginn der Proben vorgestellt habe – der Blick von der Bühne geht über das Publikum ja direkt in Schumanns Sterbezimmer – auch in einem besonderen Maße öffneten. Und wann hat man schon die Gelegenheit, bei einem Konzert eine solche Vielfalt schöner Stimmen mit jeweils charakteristischer Färbung und individuellem Zugang zu erleben. Das ist für mich auch bei den Meisterkursen immer ein Ereignis, wobei ich hier auch das Wachsen an den Aufgaben erleben darf. Und Markus Kreul ist ein ebenso wunderbarer Liedbegleiter wie großartig in seinen Vermittlungsfähigkeiten als Lehrender. Nach dem Konzert, das uns noch lange im Schumannhaus hielt, weil die jungen Leute noch ganz viele Fotos machen wollten, kehrten wir im Höttche ein, wo ich die Reibekuchen vorbestellt hatte. Dort wurde die junge Truppe zum Lokalereignis, weil sie glücklich, befreit und gehobenster Stimmung kurz nach 23 Uhr bis zur Sperrstunde zu singen anfingen – Gospel, Choräle, Kanons, Schlager – und damit auch alle Gäste begeisterten. Da einer vorher mitgehört hatte, dass ich in meiner Grazer Kindheit und frühen Jugend eher mit italienischen denn deutschen Schlagern (der Austropop kam ja erst mit meinen mittleren Teenagerjahren) aufgewachsen sei, stimmten sie, als ich kurz vor eins mich von allen verabschiedend, nach Hause aufbrach, doch tatsächlich ‚Ciao Bella, ciao‘ an. 😊😊😊.“
Hier die Mitwirkenden: Daniel #Sauer, Bariton; Grace #Choi, Mezzosopran; Haozhou #Hu, Tenor; Isabella #Pany, Sopran; Jihyun #Kang, Sopran ; Jennylee #Mey, Sopran; Matthias #Lika, Bariton; Melanie #Gleissner, Mezzosopran; Pauline #Stöhr, Mezzosopran; Tim #Lucas, Bariton; Tobias #Haufler, Bariton; Xiaoyu Liu, Sopran.
Leidenschaftlicher Vortrag der Kuratorin Ingrid Bodsch zum Abschluss der Ausstellung „On tour. Clara Schumann als Konzertvirtuosin auf den Bühnen Europas“.
„Wer sich ein Bild von den vielen Konzertreisen machen will, die Clara Schumann in ihrem sechsundsiebzigjährigen Leben zwischen Dublin und Moskau, Edinburgh und Klagenfurt unternommen hat, kann das in dem Buch ‚On tour. Clara Schumann als Konzertvirtuosin auf den Bühnen Europas‘ tun. Der üppig ausgestattete Katalog zur wunderschönen Ausstellung des Stadtmuseums Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus enthält auf fast jeder Seite Stadtansichten, Porträts, Programmzettel, Karikaturen, dazu Tabellen und Statistiken, eingefügt in wissenschaftliche, aber flüssig erzählende Aufsätze über eine Künstlerin, die die Institutionen ihrer Zeit umprägte und dabei selbst zur Institution wurde. Sie führte das Konzertformat des reinen Klavierabends (ohne Beteiligung von Sängern oder Geigern) ein und setzte es durch; sie definierte dabei ein Repertoire von Beethoven über Mendelssohn, Chopin, Schumann bis zu Brahms als ‚klassisch‘ und damit als verbindlich.“
Am Sonntag gibt es noch einmal die Möglichkeit, aus erster Hand einiges zur Ausstellung zu erfahren. Ingrid Bodsch bietet letztmalig eine Führung durch die Schumann-Ausstellung im Ernst-Moritz-Arndt-Haus in Bonn an, Adenauerallee 79, um 11:30 Uhr.
“Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?” – so begann der Renaissance-Denker François Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin „The European“, die ich vor längerer Zeit wegen des rechten Kurses der neuen Macher eingestellt habe. Auf ichsagmal.com könnte ich dieses Format ja jeden Montag wieder mit Leben füllen. Das wird hiermit umgesetzt. Liebwerteste Gichtlinge der Aburteilung und moralischen Empörung: Ich verstehe Eure Verärgerung über blödsinnige Witze und Scherze – seien es zotige Altherren-Sprüche über Doppelnamen oder saarländische Altweiber-Weisheiten mit konservativer Doppelmoral.
Aber kleidet sie in der Karnevalszeit doch in derbe Gegenreden. Es gilt die Karnevalsfreiheit, die ungestüme Karnevalsrede, die Logik der Umkehrung, des Auf-den-Kopf-Stellens, die Vertauschung von Oben und Unten, von Gesicht und Hintern (Arsch, hätte Rabelais geschrieben), die Parodie und Travestie, die Degradierung und Profanisierung, die närrische Krönung und Entthronung. Es regiert der Ton des Marktschreiers und der rechtfertigt selbst die gröbsten Scherze und Schimpftiraden. Nachzulesen im Rabelais- Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält freche Narrengedanken, um meckernde Hausmeister und Hausmeisterinnen, Heuchler, Verleumder, schulmeisterliche Besserwisser und bigotte Aburteilungs-Wichtel bloßzustellen. Letztere gibt es inflationär im Social Web. Wir leiden netzöffentlich nicht an einem Überschuss an Meinungen und derben Reden, sondern an einem Überschuss an moralistischen und humorlosen Aburteilungen.
Was Rabelais zu Papier brachte, ist das wirkungsvolle Gegenmittel. Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unkalkulierbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen.
Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.
Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen.“
Liebwerteste Gichtlinge, denkt Euch doch mal etwas besseres aus, um karnevalistische Reden im Jägerzaun-Modus zu kontern. Schreibt und redet mal lustig oder fangt an, Rabelais zu lesen, Ihr Arsch Köttel-Twitterati. Hört auf mit Euren Hartwurst-Repliken. Alaaf.