Europa am Kipppunkt der KI-Ära – Sam Altman und Mathias Döpfner eröffnen die politische Debatte über Souveränität, Freiheit und die Zukunft des Menschen

Mit der Premiere seines neuen Gesprächsformats „MD MEETS“ legt Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner die Latte hoch: Kein Politiker, kein Showgast – sondern Sam Altman, der mächtigste KI-Architekt der Gegenwart, CEO von OpenAI. In 45 Minuten sprechen die beiden über nichts Geringeres als das Schicksal Europas, den Sinn des Fortschritts und die Frage, ob der Mensch in der Ära künstlicher Intelligenz überlebt – moralisch, ökonomisch und kulturell.

Dieser Podcast ist mehr als Medienunterhaltung. Es ist eine politische Zäsur. Döpfner, einer der wichtigsten publizistischen Köpfe Europas, trifft den Entwickler jener Technologie, die unsere Demokratien, Arbeitsmärkte und Wahrheitsbegriffe zugleich beflügelt und bedroht. Der Springer-Chef fragt, Altman antwortet – und im Subtext steht die neue Weltordnung der Intelligenzsysteme.

Europas letzte Chance

„Europa darf nicht Weltmeister der Regulierung werden“, warnt Altman. Der Satz klingt technokratisch, ist aber Sprengstoff. In Wahrheit sagt er: Wenn Europa weiter bremst, wird es von der Landkarte der Innovation verschwinden. Altman kündigt den Aufbau einer „OpenAI-Souverän-Cloud für Deutschland“ an – gemeinsam mit SAP und Microsoft. Eine strategische Kampfansage an die digitale Abhängigkeit vom Silicon Valley und zugleich ein Testfall für Europas Selbstbehauptung im Zeitalter der KI.

Döpfner legt den Finger auf die Wunde: Europas Regierungen verteidigen Datenschutz, aber verlieren den Anschluss. Altman kontert höflich, aber bestimmt – KI sei längst weiter, als die meisten wüssten. „Wir haben Systeme, die unsere klügsten Menschen in den schwersten intellektuellen Disziplinen schlagen“, sagt er. Der Satz ist so beiläufig wie beunruhigend. Er beschreibt das Ende des kognitiven Monopols des Menschen – und den Beginn eines Wettlaufs zwischen technologischer Geschwindigkeit und politischer Trägheit.

Arbeit, Würde, Kontrolle

Döpfner fragt nach den Jobs der Zukunft. Altman antwortet, als sähe er in Zeitlupe zu, wie sich eine Zivilisation neu ordnet: „Kurzfristig wird KI viele Jobs zerstören. Langfristig werden völlig neue entstehen.“ Es ist die klassische Fortschrittsformel – und doch schwingt Skepsis mit. Die Frage, was bleibt, wenn Maschinen denken, berühren, komponieren, ist keine ökonomische mehr, sondern eine anthropologische. Altman glaubt an das „unerschöpfliche Bedürfnis des Menschen, gebraucht zu werden“. Eine tröstliche These, die aber zur Nagelprobe wird, wenn ganze Branchen automatisiert werden – von der Anwaltschaft bis zur Redaktion.

Gerade letzteres führt zum Kern des Gesprächs: der Zukunft des Journalismus. Altman erkennt die Paradoxie seiner eigenen Schöpfung: ChatGPT ist zugleich Werkzeug und Risiko für die Öffentlichkeit. „Ich wäre traurig, wenn KI den Journalismus zerstört“, sagt er. Aber er weiß auch, dass sie ihn verwandeln wird. Döpfner bringt das Prinzip auf den Punkt: „Ohne Vergütung für Inhalte trocknet das System aus – dann gibt es nichts mehr, was sich ‚scrapen‘ lässt.“ Eine präzise Beschreibung des neuen Urheberkriegs zwischen Maschine und Medium.

Der neue Prometheus

Philosophisch wird es, als Döpfner Harari und Oscar Wilde zitiert: Wird der Mensch zum Gott? Will Sam Altman ewig leben? Seine Antwort ist überraschend nüchtern: Nein. Ewigkeit sei kein Ziel, sagt er, sondern ein Irrtum. Fortschritt brauche Erneuerung, Sterblichkeit, Übergang. Altman träumt vom Leben als Landwirt, wenn die KI seine Arbeit übernimmt – der Schöpfer, der sich selbst abschafft. Das ist mehr als Anekdote. Es ist ein modernes Gleichnis: Der neue Prometheus will nach der Erleuchtung zurück in den Ackerboden.

Doch zwischen Technikglaube und Natursehnsucht bleibt die offene Frage: Wer kontrolliert die Schöpfung? Altman denkt in geopolitischen Kategorien. KI, sagt er, werde Kriegsführung, Propaganda und Machtbalance grundlegend verändern. Wenn „ein böser Akteur“ Zugang zu Superintelligenz habe, könne er ganze Systeme destabilisieren. Die Konsequenz: globale Governance, ähnlich der nuklearen Rüstungskontrolle. Der Vergleich ist nicht zufällig. KI ist längst eine strategische Waffe – unsichtbar, allgegenwärtig, unkontrolliert.

Freiheit im Zeitalter der Antwortmaschinen

Döpfner und Altman verhandeln schließlich, was auf dem Spiel steht: die Freiheit des Wortes. Für Altman ist sie „einer der schwierigsten, aber zentralsten Werte der westlichen Zivilisation“. Für Döpfner ist sie Geschäftsgrundlage und Überzeugung zugleich. Beide wissen: Wenn Wahrheit von Algorithmen berechnet wird, wird Journalismus zur Gegenmacht – oder verschwindet.

Altman plädiert für neue ökonomische Modelle: Mikropayments für Inhalte, faire Vergütung für journalistische Recherche, eine Rückkopplung von digitalem Nutzen und menschlicher Arbeit. Eine Idee, die Döpfner offen aufnimmt. Der Verleger und der Entwickler eint die Einsicht, dass Information eine Ressource ist, die sich nur dann erneuert, wenn sie einen Wert behält.

Der wahre Inhalt

Die Premiere von „MD MEETS“ ist deshalb mehr als ein Medienereignis. Sie markiert den Moment, in dem KI, Medien und Politik ihre gemeinsamen Bruchstellen öffentlich verhandeln. Altman und Döpfner sprechen über Technologie – und meinen Zivilisation.

Für Europa ist das Gespräch eine Einladung, die eigene Zukunft nicht länger als Beobachter, sondern als Akteur zu gestalten. Wenn Döpfner Altman fragt, was er Europa rät, antwortet der nüchtern: „Reguliert die großen Risiken, aber lasst die kleinen zu.“ In diesem Satz steckt eine Doktrin für die neue Epoche – und vielleicht das letzte Zeitfenster, um nicht endgültig Zuschauer im Theater der Superintelligenz zu werden. Für Sohn@Sohn wäre es wichtig, auf eine granulare Regulierung zu verzichten. Die trifft in der Regel die Kleinen und nicht die Großen, gell Herr Voss…..

exterior of berlin tv tower against blue sky

Transformation der Erinnerung und Aufarbeitung: Eine aufschlussreiche Keynote von Dr. Anna Kaminsky #EuropaKonferenz #Berlin

13 OCT 2023, BERLIN/GERMANY: Europa Konferenz der Willi-Eichler-Akademie und der European Academie Berlin „Wende in Europa: Ausblick auf eine neue Zeit“, Europäische Akademie Berlin, IMAGE: 20231013-01 NUTZUNGSRECHTE: Zeitlich und räumlich unbegrenzte Nutzungsrechte in Print- und Onlinemedien der Willi-Eichler-Akademie e.V., sowie das Recht zur unbegrenzten Weitergabe dieser Nutzungsrechte an Dritte.

Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, reflektiert in ihrer Keynote auf der Berliner Europa-Konferenz über die Transformation der Erinnerung und die aktuellen Herausforderungen der Aufarbeitung. Erfahrt, wie sich kollektive Erinnerung verändert und welche Aufgaben die Aufarbeitung von Gewalt- und Diktaturerfahrungen erfüllen kann.

In ihrer Keynote auf der Berliner Europa-Konferenz im Grunewald zeigt sich Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bestürzt vom Terrorüberfall der Hamas auf Israel: „Die Bilder der getöteten Zivilisten, der verschleppten Geiseln, ihrer Demütigung und Entwürdigung waren erschütternd. Und der darauffolgende Jubel der arabischen Communities auch in Deutschland hat mich fassungslos und wütend gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mit einer Delegation in Taiwan, um den dortigen Übergang zur Demokratie kennenzulernen und über Fragen der Transitional Justice zu diskutieren. Dabei ging es auch um die Themen dieser Tagung: Wie verändert sich die kollektive und subjektive Erinnerung? Welche Narrative über die Vergangenheit dominieren aktuelle Diskurse? Wovon hängen jeweils thematische Konjunkturen in den Vergangenheitsdiskursen ab? Wie kann diese lang zurückliegende Gewalt- und Diktaturerfahrung an eine junge Generation vermittelt werden, die damit nur wenig verbindet oder ihre Verachtung demokratischer Grundkonsense auch im Bereich der Erinnerung offen zeigt. Welche Aufgaben und Funktion hat und kann Aufarbeitung erfüllen?“

Im ersten Teil ihres Vortrage zur Transformation der Erinnerung und der Aufarbeitung nach 1990 geht sie auf die historische Situation ein und auf die Entwicklungen, die Ende der 1980er Jahre eine Überwindung der kommunistischen Diktaturen und der deutschen und europäischen Teilung ermöglichten. Im zweiten Teil reflektiert Kaminsky Fragen der Erinnerungspolitik und Aufarbeitung nach 1989/90 in den einstigen kommunistisch beherrschten Ländern. Zu Ende der 1980er Jahre setzten in vielen Regionen der Welt Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse ein. Taiwan schlug 1987 ebenso wie Südkorea einen Weg zur Demokratisierung ein. Die dort bis dahin herrschenden Militärdiktaturen leiteten – unter dem Druck der Proteste im Land -Reformen und Liberalisierungen des politischen und gesellschaftlichen Lebens ein. Das Kriegsrecht wurde abgeschafft, Meinungs- und Pressefreiheit garantiert; politische Repression wegen abweichender Meinungen zurückgefahren und demokratische Wahlen abgehalten. Neue Parteien entstanden. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem politischen Unrecht im „Weißen Terror“ hingegen blieb in Taiwan lange aus:

„Diese begann erst nach 2016, als die oppositionelle DPP, die Regierung stellte und die Kuomingtang für längere Zeit in die Opposition ging. Auch in Südkorea ist die Beschäftigung mit der Militärdiktatur und insbesondere mit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste von 1980 in Guangjou bis heute weitgehend ausgeblieben. Die Aufarbeitung konzentriert sich hier auf die Zeit des Koreakriegs von 1950 – 1953, die kommunistische Diktatur der Kim-Dynastie im Norden und die Folgen der andauernden Teilung der koreanischen Halbinsel. Auch auf den Philippinen und in der Türkei wurden 1987 neue Verfassungen verabschiedet, die die Restriktionen der Militärdiktaturen beendeten“, so Kaminsky

1987 war auch das Jahr, in dem

  • Gorbatschow, die als Perestroika bekannt gewordenen Reformen bekannt gab
  • Matthias Rust auf dem Roten Platz in Moskau landete, was zur Entlassung hochrangiger Militärs in der Sowjetunion und der Umsetzung der Perestroika auch im Militär führte,
  • Erich Honecker die Bundesrepublik besuchte und eine
    Stärkung seines Regimes in der DDR erhoffte,
  • SPD und SED ein gemeinsames Grundsatzpapier über den „Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ verfassten und
  • Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor seinen Aufruf an Michail Gorbatschov „Please Mr. President! Tear down this wall“ richtete.

„Trotz dieser Entwicklungen deutete 1987 kaum etwas daraufhin, dass nur zwei Jahre später der gesamte kommunistische Block in Europa zu Fall gebracht werden würde. Noch im September 1989 gab eine große Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung an, dass sie nicht damit rechneten, die Öffnung von Mauer und Grenze noch zu erleben. Dabei gärte es zu diesem Zeitpunkt längst in vielen Ländern des Ostblocks. Immer mehr Menschen überwanden ihre Angst und trugen ihren Protest in die Öffentlichkeit. In Polen fanden im Juni die ersten halbdemokratischen Wahlen statt, bei denen alle freiwählbaren Mandate an die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc gingen. Ungarn baute ab dem Frühsommer seine Grenzanlagen entlang des Eisernen Vorhangs ab und erkannte die Genfer Flüchtlingskonvention an. In den baltischen Ländern, die noch unter sowjetischer Herrschaft standen, erinnerte am 23. August eine 600 Kilometer lange Menschenkette an den Verlust der Unabhängigkeit und die Annexion durch die
Sowjetunion in der Folge des Hitler-Stalin-Paktes am selben Datum fünfzig Jahre zuvor.“

So sehr das Ende der kommunistischen Herrschaft und die Einführung von Demokratie erstrebt worden waren, so wenig waren die meisten Menschen auf die Herausforderungen der Umgestaltungsprozesse vorbereitet. Für viele glich diese Zeit einer „Achterbahnfahrt“.

„Für mich, meine Angehörigen und Freunde begann nach der Friedhofsruhe in der DDR ein Leben wie in der Achterbahn. Ich möchte es nicht missen. Aber ich möchte es auch nicht noch einmal erleben.“ (Wittenburg 2015).

„Es galt, sich nicht nur über Nacht an völlig neue Gesetze, Regelungen oder auch Waren zu gewöhnen. Die Menschen mussten auch lernen, dass nicht mehr staatliche Instanzen die meisten Entscheidungen reglementierten und vorgaben. Eigeninitiative und Eigenverantwortung waren nun gefragt. Vor allem aber war kaum jemand auf die ökonomischen Probleme vorbereitet. In allen einstmals kommunistisch regierten Ländern – im Unterschied zu den Diktaturen etwa in Südkorea, Taiwan oder Chile – war die Wirtschaft infolge der ineffizienten Planwirtschaft auf Verschleiss gefahren worden. Die marode Industrie war schon lange nicht mehr auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig. Gerhard Schürer hatte den desolaten Zustand der DDR-Wirtschaft bereits im Sommer 1989 in einer geheimen Analyse für das Politbüro der SED beschrieben. Nach seiner Einschätzung waren 30 Prozent der DDR-Betriebe nicht mehr zu retten, für weitere 40 Prozent sah er mit erheblichen Investitionen Überlebenschancen und nur für 30 Prozent sah er eine Chance, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb zu behaupten. Eine Analyse, die sich bei der späteren ökonomischen Umgestaltung weitgehend bestätigen sollte“, betont Kaminsky.

Während in vielen der einstmals unter diktatorischer Herrschaft stehenden Länder Reformprozesse begannen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassten und die Bevölkerungen vor riesige Umbrüche stellte, verdeckte dieser Aufbruch zugleich gegenteilige Entwicklungen:

  • Die Auflösungsprozesse in der Sowjetunion führten zu
    einem Zusammenbruch staatlicher Strukturen. In der
    Russischen Föderation verbinden bis heute viele
    Menschen die Vorstellungen von Demokratie mit
    „Chaos“. Dies äußert sich in Umfragen bspw. dergestalt,
    dass eine Mehrheit der Menschen überzeugt ist, dass
    das westliche Demokratiemodell für Russland
    ungeeignet ist.
  • Hinzu kamen mannigfaltige militärische Aggressionen,
    um den Zerfall des Imperiums aufzuhalten. Militärische
    Aggressionen wie gegen Tschetschenien, Armenien und
    Georgien sollten den Zerfalls des sowjetischen
    Imperiums ebenso aufhalten wie die Interventionen
    1991 in den baltischen Staaten, die insbesondere in
    Litauen zu zahlreichen Todesopfern führte, die
    Unabhängigkeit dieser Staaten nach den Jahren der
    sowjetischen Okkupation jedoch nicht aufhalten
    konnten.

35 Jahre vergangen seit Überwindung kommunistischer Diktaturen – Anlass erneut zu schauen: was bedeutet 1989 heute noch? Was geht uns das noch an (junge Generation, Ältere? Zwiespalt zwischen Erinnerung an Heimat und Wissen um Diktatur, Unrecht Erinnerung an Mut, Demokratie, Freiheit – kollidieren mit Erfahrung Zusammenbruch nicht nur Kommunismus, sondern Wirtschaft, Umbruch in allen Bereichen, Rosskur, brutale neoliberale Erfahrungen, Raubtierkapitalismus.


Wie preußisch ist die Architektur in Berlin? Sie ist sehr römisch, sehr athenisch, sehr florentinisch

Wer in politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Kontexten nur seine nationale Brille aufsetzt, über den deutschen Geist von Goethe und Schiller schwadroniert, sein Selbstwertgefühl mit nationalem Pathos tränkt, verkennt, wie international das Weltgeschehen zu allen Zeiten war. So schuf Goethe eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung.

Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. 
Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt.

Auch die Architektur von Preußen atmet einen internationalen Geist. Das ist mir beim Flanieren durch Berlin im Frühsommer wieder klar geworden. Da bin ich über das Berliner Bücherfest gestolpert mit einem fulminanten Auftritt des Kunsthistorikers Professor Horst Bredekamp.

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Vom Höhlengleichnis bis zum MPU-Management: Wie bekommen wir eine bessere Arbeitswelt? #GallupStudie #Interviewvorbereitung #Notizzettel

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Am Nachmittag führe ich ein Gespräch mit Marco Nink zum aktuellen Gallup-Engagement-Index über die Arbeitszufriedenheit in Deutschland. Siehe auch: Innere Kündigung am Arbeitsplatz so hoch wie zuletzt 2012 – Nur jeder Vierte ist zufrieden mit dem direkten Vorgesetzten.

Ich verschiedene Plattformen bat ich um Anregungen für die Moderation. Sehr rege ging es auf LinkedIn zu.

Christian Thunig Profil von Christian Thunig anzeigen (Vorstand BVM) • 1.Managing Partner bei INNOFACT AG Marktforschung

Mir kommt es so vor wie das Höhlengleichnis von Platon: wann werden die Führungskräfte endlich in der Realität ankommen? Im Moment hat man das Gefühl, dass man permanent in Panels diese Themen mit großer Empathie diskutiert, aber in der Praxis kommt nichts an, obwohl die Erkenntnis hinlänglich vorhanden ist. Also wie können Führungskräfte die Wand zur Praxis durchbrechen und endlich die Themen im Sinne der Mitarbeitenden umsetzen?

Janina Kugel Profil von Janina Kugel anzeigen • Follower:inAufsichtsrätin, Advisor, Speaker, ehemalige CHRO

Mich würde mal interessieren, wieviele Unternehmen Ergebnisse wie Mitarbeiterzufriedenheit/ Kündigungszahlen usw. in ihrem Bonussystem für Führungskräfte berücksichtigen.

Dr. Lars Immerthal Profil von Dr. Lars Immerthal anzeigen • 1.Co-founder and Managing Partner

Klar ist das auch ein Thema von Führung, aber sicherlich nicht nur: Auch die Veränderung der Erwartungen, Vorstellungen und Ansprüche hinsichtlich des eigenen Arbeitsplatzes haben sich verändert.

Vielleicht auch jenseits von „Führungskräften“ und Mitarbeiterzufriedenheit nach dem gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kontext fragen. Hier haben sich durchaus eine Menge an Verwerfungen und Vertrauensverlusten ereignet, die soziale Bindungen allgemein belasten.

Tobias Christmann-Knorn Profil von Tobias Christmann-Knorn anzeigen (He/him/bunt) • 2.Stadt- und Regionalentwickler

Dr. Lars Immerthal genau. Viele Erwartungen lassen sich gar nicht erfüllen, aber viele Unternehmen haben auch noch nicht begriffen, dass sie die Rahmenbedingungen verbessern sollten, um Personal zu gewinnen und zu binden.

Lutz Becker Profil von Lutz Becker anzeigen (he/him) • 1.Hochschule Fresenius Wirtschaft & Medien

Keine Frage, aber Gedanken. Hast Du nicht neulich geschrieben, dass Stress die neue Staublunge ist? Woher kommt der Stress? Du schreibst, dass mit steigender Bindung (psychological ownership?) die Burn-out Gefahr zunimmt. Wir sehen, dass Schrauben in der Prozesssteuerung gerade bei vermeintlich flachen Strukturen stark angezogen werden. Prozesse, die gut laufen, entziehen sich zunehmend dem Menschen (psychologische Kontrollbedürfnisse werden nicht erfüllt). Selbst, wenn sie schlecht laufen, kann der Mensch immer weniger oder gar nicht eingreifen. Handeln ist allenfalls dann gefragt, wenn der Prozess, von dem sich der Mensch längst entfremdet hat, völlig klemmt. Da es klemmende Prozesse per Definition möglicherweise gar nicht gibt, sind dafür keine Ressourcen vorgesehen. Hinzu kommen oft ungeeignete Führungskräfte. Habe gerade wieder einen Fall gehabt, wo sehenden Auges eine ungeeignete Führungskraft in ihrer Position bleibt, um diese zu schützen. Dafür wird massive Fluktuation stillschweigend hingenommen. In Zeiten des demographischen Wandels eine ziemlich irrsinnige Vorgehensweise. Auch selbst Ausbildung wird m. M. kaum reichen. In einer idealen Welt würde es vielleicht eine Art MPU für Manager:innen geben.

Bernhard Steimel Profil von Bernhard Steimel anzeigen • 1.Auf der Suche nach den digitalen Vorreitern im Mittelstand

Es wäre interessant zu erfahren bei welchen Unternehmen die Zuversicht und Zufriedenheit besonders hoch ist. Haben hier Familienunternehmen einen Vorteil?

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an das #hrfestival auf der re:publica im Jahr 2017. Da war das schon auf der Agenda. Also Mitarbeiterzufriedenheit und die Rolle der Führungskräfte.

Blick hinter die Kulissen: Einmal geklickt, schon ist es da. Kaum jemand in Deutschland hat noch nie bei Amazon bestellt. Doch im Hintergrund ist alles weniger schön als es scheint: Ausbeutung und Big Brother-Gehabe sind beim Online-Giganten schon lange bekannt. Wie schlimm ist es wirklich?

Hörzeichen:

Wachstumsmarkt für Alternative Proteine – Fachtagung im Allgäu #FutureProteins #BALPro

Alternativen Proteinen ist der Sprung aus der Nische in den Mainstream gelungen. Doch der Einstieg in den Wachstumsmarkt ist eine Herausforderung. Was sind die Produkt- und Markttrends? Wie produziere ich ein leckeres und gesundes Produkt? Und wie kann ich meine Produktion effizient, nachhaltig und sicher gestalten? Diese und viele weitere Fragen behandelte die Konferenz „Future Proteins“, die MULTIVAC und Handtmann in Wolfertschwenden abhielten.

An drei Konferenztagen boten die Veranstalter den Besucher ein volles Programm, unterstützt durch den Branchenverband der Alternativen Proteinquellen (BALPro). Dazu zählten Vorträge externer Speaker aus Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft mit anschließenden Podiumsdiskussionen – unter anderem zu Produkttrends, Chancen der Marktpositionierung und Möglichkeiten, den CO2-Fußabdruck von Verpackungen über den gesamten Lebenszyklus zu reduzieren. „Das Feedback der Konferenzteilnehmer war hervorragend“, so Harald Suchanka, CEO von Handtmann.

Unter dem Begriff Alternative Proteine werden Substitute für tierische Proteine und deren Ursprung verstanden, wie Milch, Eiern, Fleisch und daraus hergestellten Produkten. Zudem werden darunter auch neue Quellen wie Pflanzen, Pilze, Insekten, Bakterien oder Einzeller subsumiert, die dem Ersatz gängiger pflanzlicher Rohstoffe wie Sojabohnen oder Getreide dienen können. 

Alternative Proteine werden als maßgebliche Ergänzung der Nahrungsversorgung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung angesehen – Grundlage vieler Anträge auf Forschungsförderung. 

Die Umstellung auf alternative Proteine ist die kapitaleffizienteste und wirkungsvollste Lösung zur Bewältigung der Klimakrise, denn alternative Proteine sparen pro investiertem US-Dollar die meisten Emissionen. Sie sind damit mindestens doppelt so effektiv wie Investitionen in die Dekarbonisierung von Zement, Eisen, Stahl, Chemikalien oder des Verkehrssektors. Das lockt immer mehr Geldgeber an. Das in alternative Proteine investierte Kapital ist von einer Milliarde Dollar im Jahr 2019 auf fünf Milliarden im Jahr 2021 angestiegen – eine jährliche Zuwachsrate von 124 Prozent. Investments sind dabei zunehmend global und beschränken sich nicht mehr nur auf Wagniskapital.

Hier sehe ich den wichtigsten Hebel zur Etablierung von Produkten auf Basis von alternativen Proteinen.

Wir diskutierten das ausführlich mit Fachleuten im Allgäu.

#DigitalX, Brandhouse #Schubkraft und die Welt in 100 Jahren #Notizzettel

Von den unendlichen Möglichkeiten der drahtlosen Kommunikation waren abendländische Geistesgrößen schon vor über hundert Jahren beseelt. Nachzulesen im Opus „Die Welt in 100 Jahren“. In dem 1910 veröffentlichten Werk heißt es:

„Es wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, dem durch die Luft gleitenden Aeroplan oder dem in der Tiefe der See dahinfahrenden Unterseeboot.“

Auf seinem Wege ins Geschäft werde der Mensch seine Augen nicht mehr durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, „er wird sich in der Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad‘ fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der gesprochenen Zeitung in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren, nach denen er verlangt.“ Wenn schließlich auch der „gewöhnliche Sterbliche“ einen solchen Apparat nutzt, „dann werden dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephones geworden sind.“ Dem einflussreichen Journalisten und Schriftsteller Arthur Brehmer gelang es damals, einige interessante Experten zu gewinnen, ihre Gedanken über die Zukunft nieder zu schreiben.

Die spektakulärste Prognose über das Telephon in der Westentasche stammt aus der Feder von Robert Stoss.

„Eigentlich schrieb er bereits über das iPhone. Man muss es, um es zu glauben, ab Seite 35 selber lesen“, schreibt Georg Ruppelt in der Neuauflage des Werkes (Olms Verlag).

Der Band wurde übrigens 2010 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt. Völlig verdient. Stoss sprach vom Ende von Raum und Zeit:

„Überall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten und wäre der Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie während der Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag.“

Klingt doch irgendwie nach den Remote-Szenarien der vergangenen Jahre.

Was hat Science-Fiction mit der Zukunft zu tun und steuern wir auf eine Privatisierung des Kosmos hin? Dr. Hans Esselborn, Germanistik-Professor der Universität zu Köln erklärt, wie die Literatur dazu beiträgt, Zukunftsvorhersagen zu treffen und warum es wichtig ist, dass auch Literaten eine Expedition ins All wagen.

An der Universität zu Köln befasst sich Esselborn intensiv mit Science- Fiction Literatur. Er ist allerdings vorsichtig mit der Aussage, ob Literatur tatsächlich Zukunftsprognosen treffen kann. Vielmehr entwerfe sie Szenarien, in denen auch die Fragen angesprochen und zum Teil beantwortet werden sollen, die den Leser aktuell beschäftigen und sogar zum Handeln bewegen. Und dass dies in der Vergangenheit schon der Fall war, zeigt der Roman von Kurd Laßwitz über eine Weltraumstation, die später Wernher von Braun dazu bewegte genau diese Station nachzubauen. Doch das klappe nicht immer. Während sich beobachten lässt, dass die Literatur-Vorhersagen bei technischen Dingen oftmals richtig liegen, beispielsweise bei der Entwicklung der Flugzeuge und des Computerwesens, lagen die Vorhersagen vieler Romane beim Internet weit daneben. Keiner habe dem Internet die große Kommunikationsmaschine, die es heute ist, zugetraut.

Im Utopieband „Was würdest du machen, wenn du König von Deutschland wärst?“ äußert Esselborn sein Unbehagen, dass die privaten amerikanischen Firmen Weltraumraketen bauen, den Mond und den Mars besiedeln wollen. Das konterkariert die politische Gemeinsamkeit. Was Musk, Bezos und Co. vorantreiben, die die Kolonialisierung des Weltalls auf privater Basis. „Ich sehe das als eine gefährliche Entwicklung. Weil die Kontrolle fehlt und es irgendwann dann die Piratenkriege im Weltraum geben wird. Dazu gibt es glaube ich auch schon vieles in der Literatur“, so Esselborn. Es entsteht kosmischer Neoliberalismus.

Mit dem Schauspieler Thomas Franke werde ich auf der Digital X in Köln über diese und andere Szenarien der Science-Fiction-Literatur sprechen. Am Dienstag, den 13. September in der Aachener Str. 21. Kommt vorbei.

Nachtrag: Wenn Utopien in den Sand gesetzt werden: Am Beispiel der Maschine von Marly. Köstlich beschrieben von Thomas Brandstetter im Opus „Kräfte messen“, erschienen im Kadmos-Verlag.

Dieser Koloss an der Seine war das größte mechanische Bauwerk seiner Zeit, ein gigantischer Apparat, dessen einzige Aufgabe es war, Unmengen an Wasser für die spektakulären Springbrunnen, Kaskaden, Wasserspiele und inszenierten Feste im Schlosspark von Versailles zu transportieren.

Das Wasserhebewerk war ein Ergebnis der Prunksucht und Obsessionen des französischen Sonnenkönigs. Ludwig der Vierzehnte investierte für dieses Ideal der Vollkommenheit die Summe von 14 Millionen Livre (1 livre entspricht 5 bis 15 Euro). Es bestand aus 14 großen Wasserrädern, die 221 Pumpen betrieben. Mit dem Bau waren 1.800 Arbeiter und Techniker fünf Jahre lang beschäftigt. Sie verbrauchten das Holz etlicher Wälder, 17.500 Tonnen Eisen, 900 Tonnen Blei und 850 Tonnen Kupfer.

Entstanden ist aber keine quasi-göttliche Schöpfung der Technik, keine perfekte Maschine, kein Monument der Ingenieurskunst, sondern ein schwerfälliges Monster.

Das Maschinenwunder von Marly entpuppte sich als technologischer Dinosaurier mit einer abnorm niedrigen Leistung. So lag der Wirkungsgrad bei unter 7 Prozent und erzeugte eine Nutzleistung von spärlichen 80 Pferdestärken.

Anmaßende und selbstgefällige Konstrukteure versprachen dem Sonnenkönig das achte Weltwunder. In Wahrheit schufen sie ein zweckfremdes Ungetüm mit einer Vielzahl von komplizierten Bewegungen, die das erforderliche Zusammenspiel der Bauteile verhinderte.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verabschiedete man sich von der Schwerfälligkeit dieses Denkmals der Prachtentfaltung und konzipierte ein dezentrales Versorgungssystem, getragen von Prinzipien der Beherrschbarkeit, Nützlichkeit, Effizienz und Einfachheit.

Sprunginnovationen, Merkel und der DARPA-Effekt – Fragen zur Sicherheitspolitik @BMWK @c_lindner @BMVg_Bundeswehr @OlafScholz @DARPA

Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel hat 2021 ein paar wichtige Gedanken zur Innovationspolitik gesagt, die jetzt wieder auf die Agenda gesetzt werden sollten im Zuge der geplanten Ausgaben für die Verteidigung.

Ein paar Fragen sind schon bei mir eingetrudelt. Danke für die großartige Netzwerk-Kommunikation 🙂

  1. Verlangt die gegenwärtige Sicherheitslage aufgrund ihrer beispiellosen Komplexität (konventionelle Bedrohung, nukleare Bedrohung, Cyber-Bedrohung, hybride Kriegsführung, Multi-Fronten-Auseinandersetzung, Wirtschaftskrieg, Rohstoffkrieg, Energiekrieg, sozial-mediale Botkriege etc.) innovative Defensiv- und Offensivinstrumente, mithin eine massive Beschleunigung des Technologietransfers in der Verteidigungsforschung?
  2. Braucht es multidimensional robuste Systeme, mehr Dezentralität, mehr Autonomie, mehr Redundanz, mehr Selbstorganisation? Was sind die Kosten, was der Nutzen solcher Systeme und wie wird die quantifiziert?
  3. Wie kann es gelingen, dass die Verteidigungsmehrausgaben eine doppelte Dividende generieren, neben höherer Verteidigungsfähigkeit auch positive Innovations- und Wachstumsimpulse? Vorbild DARPA
  4. Ein spannendes Thema wird sicherlich die Digitalisierung der Land-Streitkräfte sein. Hinzu kommt du Revitalisierung kommunaler Infrastrukturen von Standort-Gemeinden, Breitband Anschlüsse an Kasernen, 5G-Campusnetze an Militärstationen und so weiter und sofort. Wie sehen Sie das?
  5. In welchen Bereichen sehen bestehen jetzt besondere Herausforderungen für die Cyberagentur? In der IT-Technik?
  6. Welchen Anteil der 100 Mrd. zusätzlich für den Verteidigungshaushalt sollte in Cybersicherheit investiert werden?

Habt Ihr weitere Fragen, die wir in diesem Zusammenhang diskutieren sollten?

Diese Thematik gehört auf alle Fälle dazu:

Antworten folgen in den nächsten Tagen und Wochen 🙂

Das alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär

Nun gehet hin und bestellet das königliche Opus im Klingen-Verlag 🙂 https://klingen-verlag.de/produkt/koenig-von-deutschland/

“Das alles, und noch viel mehr | würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’” räsonierte einst der „Ton Steine Scherben”-Frontmann Rio Reiser (1959- 1996). Uns reizt der anarchische Unterton dieser Zeile und das im Liedtext vermittelte Gefühl, dass alles doch ganz anders sein könnte, wenn man nur wollte. Es ist dieser Spiegel, den uns Rio Reiser immer wieder vor die Nase gehalten hat: Warum eigentlich? Deshalb wurde diese Zeile Initialzündung des Projektes #KönigVonDeutschland, das zuerst in Form eines Podcast erschien, nun aber aktualisiert und überarbeitet als Buch vorliegt.

Die Utopie beschreibt, um mit Reinhard Pfriem zu sprechen, „kein Land nirgendwo“. Und um es vorweg zu nehmen: Wir warnen auf unserem Beipackzettel ausdrücklich davor, Utopien als etwas zu betrachten, das man mit allen Mitteln auch umsetzen muss. Im Gegenteil: Eine Utopie soll bleiben, wo sie hingehört, an einem Ort im Nirgendwo. Die Geschichte der Futuristen und anderer ideologischer Kollateralschäden haben gezeigt, dass eine Utopie, die zur Maxime wird, in der bitteren Konsequenz allzu leicht zu Faschismus, Unterdrückung und Gewalt führt. Der Weg in die Hölle ist nicht selten mit guten Absichten gepflastert. Deshalb sollten wir Utopien ausschließlich als Spielwiese für unser Denken betrachten. Nicht mehr und nicht weniger. Wir finden es jedenfalls wie Harald Welzer einfach cool, Utopien zu entwickeln, „denn wir brauchen etwas, worauf wir uns freuen können.”

1526 war es der Staatsmann Thomas Morus (1478-1535), der den Begriff der Utopie (griech: oú + tópos, Nicht-Ort) prägte. In seinem Roman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) skizzierte er nicht nur ein vermeintlich ideales Staatsgebilde, sondern es ging ihm vor allem darum, seinen Zeitgenossen ein kritisches Spiegelbild vorzuhalten. Eine Kritik, die ihm nicht nur Freunde bescherte.

Eine Utopie ist Blaupause eines positiven Zustandes in der Zukunft. Sie pointiert den Unterschied zum Hier und Jetzt. Sie stellt die entscheidende Frage, ob nicht alles ganz anders sein kann. So werden Utopien im Idealfall zu Verhandlungsräumen, in der normative, politische und strategische Fragen unabhängig von unmittelbaren Betroffenheiten ausgehandelt werden können.

In der Praxis schlägt die Utopie die Brücke zur Innovation. Sie kann als Projektionsfläche für zukunftsorientierte Politikgestaltung oder als Framework für strategische Entscheidungen im Management dienen, indem sie zu verstehen hilft, welche Entscheidungen getroffen werden müssen, um wünschenswerte Zukünfte zu erreichen.

Leider wird vielfach nicht weitergedacht im Sinne von Reiser: Es gibt eine gute Analyse von Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“. Dort stellt er sich zum Schluss selbst eine rhetorische Frage: Wie kann man die Idee des guten Lebens mit einer Wirtschaft verbinden, die demokratisch gesellschaftlich gesteuert wird, ohne alles autoritär zu steuern oder zu bevormunden – ohne in den Hausmeister-Modus zu fallen. Eine super-spannende Frage.

Folgende Interviews haben wir geführt:

Wer ein Exemplar zur Rezension erhalten möchte, kann mich einfach via E-Mail kontaktieren: gunnareriksohn@gmail.com oder 0177-6204474.

Auf der Next Economy Open am Donnerstag, den 2. Dezember gibt es eine erste Präsentation des Werkes:

Hofrat Kempelen, Turing und der Schachautomat als ironischer Vorläufer von Künstlicher Intelligenz

Die Erfindungen von Hofrat Kempelen

Mechanische Apparate und Automaten galten an den Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts als begehrtes Spielzeug, dessen ausgefeilte Technik erst mit der langsam einsetzenden Industrialisierung für nützlichere Aufgaben Verwendung finden sollte. Der berühmteste Automat wurde 1769 von Wolfgang von Kempelen, Hofrat von Kaiserin Maria Theresia, gebaut: Der „Türke“ oder Schachtürke, wie man die Puppe auf Grund ihrer orientalischen Tracht nannte, zählte als Schachautomat zu den größten Techniksensationen seiner Zeit.

Funktionierte die Maschine wirklich autonom, dann wäre sie die „wunderbarste über jedwede Vergleichung turmhoch erhabene Erfindung der Menschheit“, bemerkte Edgar Allen Poe, der die Maschine in Richmond bestaunen durfte. 

Die Erfindung des Schachtürken machte Kempelen in Europa und den USA berühmt. Sie war zwar eine Täuschung, „aber eine Täuschung, die dem menschlichen Verstande Ehre machte“, so Karl Gottlieb Windisch über das Genie der Mechanik.

Sprachautomat für Gehörlose

Die meiste Energie verwendet Kempelen auf seine sprechende Maschine. Durch ihre Bedienung sollten Gehörlose in die Lage versetzt werden, ihre Gedanken zu artikulieren. Der Apparat war in der Lage, kurze aber vollkommen verständliche Sätze auf Französisch, Italienisch und Latein aufzusagen.

Die von Kempelen gebaute Sprechmaschine, die nach 1780 im Einsatz war, steht heute im Deutschen Museum in München. 1791 schrieb Kempelen zu seinem Projekt ein Buch unter dem Titel: „Mechanismus der menschlichen Sprache nebst Beschreibung einer sprechenden Maschine“.

Kempelen unternahm in den 1780er Jahren ausgedehnte Tourneen durch Europa, um seinen Schachtürken vorzuführen. Die Sprechmaschine diente als Einführung. Sie war kein Schwindel und erhöhte die Glaubwürdigkeit des Schachtürken. Die Sprechmaschine hatte auf die philosophische, technische und literarische Szene eine nachhaltige Wirkung: Zauberflöte Mozart (mechanisches Glockenspiel), Alexander Graham Bell (Erfindung des Telefons), Charles Babbage (Erfindung der ersten Rechenmaschine) – die menschliche Stimme synthetisch hervorzubringen auf elektronischem Weg war die nächste Station: Dudley, Riesz und Watkins bauten sie 1939 – den Voice Demonstrator. 

Napoleon verliert gegen Schachtürken

Nach Kempelens Tod 1804 nahm Johann Nepomuk Mälzel den Schachautomaten in Besitz und ging mit ihm in Amerika auf Tournee. Als Napoleon Bonaparte 1809 die Stadt Wien besetzt, wünscht er gegen den Schachautomaten zu spielen, und Mälzel arrangiert eine Zusammenkunft in Schloss Schönbrunn. Der französische Kaiser verliert zwei Partien gegen den Türken.

In der dritten Partie macht der Korse wiederholt falsche Züge, worauf der wütende Androide sämtliche Figuren mit dem Unterarm vom Brett fegt – zur großen Erheiterung Bonapartes. Mälzel entwickelte wiederum das erste Metronom und beeinflusste Beethoven in seiner 8. Symphonie (1817). 

„Die Sprechmaschinen des 18. Jahrhunderts stehen am Beginn einer Geschichte der künstlichen Sprachsynthese; sie erweisen sich als systematische Strategien einer Visualisierung menschlicher Sprach und Kommunikation“, bilanziert die Wissenschaftlerein Brigitte Felderer.

Turing und die KI

Eine der seltenen historischen Ausflüge Alan M. Turings, der sich mit dem Prinzip der Universalmaschine beschäftigte, betrifft Kempelen. In „Digital Computers applied to Games“, erwähnt Turing den mechanischen Schachspieler als ironischen Vorläufer der Forschung zur Künstlichen Intelligenz. Turing konnte natürlich nicht ahnen, dass aus der Ironie Wirklichkeit geworden ist – zumindest bei denjenigen Protagonisten, die den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nur vortäuschen.

So sagte der Gründer von Engineer.ai, Sachin Dev Duggal, dass bereits 82 Prozent einer App, die das Unternehmen entwickelt hat, automatisch mit der firmeneigenen Technologie erstellt worden seien. „Doch Reporter des Wall Street Journals berichteten, dass das Unternehmen bei der Erledigung des größten Teils dieser Arbeit auf menschliche Ingenieure in Indien setzte“, schreibt die SZ.

Besonders problematisch sei es, wenn KI bei sogenannten Chatbots vorgetäuscht wird. „Studien haben gezeigt, dass Menschen mitunter Maschinen mehr anvertrauen als menschlichen Chatpartnern, weil sie davon ausgehen, dass niemand davon erfährt. Es gibt Start-ups, die auch in diesem Bereich Leute dafür bezahlen, sich wie Maschinen zu verhalten, um dann ihr System als maschinelles Lernen zu verkaufen. 2016 enthüllte die Nachrichten-Agentur Bloomberg, dass einige Menschen zwölf Stunden am Tag damit verbrachten, sich als Chatbots für Kalenderdienste wie X.ai und Clara auszugeben“, führt die SZ aus.

Da ist mir der Schachautomat von Hofrat Kempelen viel sympathischer.

Zu diesem Komplex hatte ich mal eine Veranstaltungsidee. Leider scheiterte das Projekt an der Finanzierung.

Hier die Idee, die ich immer noch sehr gerne realisieren möchte: 

Wissenschaftler, Literaten und Experten diskutieren über den Erfindungsreichtum des 18. Jahrhunderts, der einen entscheidenden Impuls für die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert hatte, zu weiteren Technologieschüben im 20. Jahrhundert beitrug und bis heute Kunst, Kultur und Wissenschaft beschäftigt. 

Veranstaltung und begleitende Maßnahmen: 

Lesung aus dem Werk von Edgar Allan Poe „Die Entdeckung des Herrn von Kempelen“. Das könnte Wolfgang Schiffer übernehmen.

Danach Talkrunde zum Thema „Magischer Schachtürke, Sprechautomaten und die Maschinenwunder des 18. Jahrhunderts“ mit: 

Robert Löhr, Autor des Romans „Der Schachautomat“, geboren am 17.1.1973 in Berlin, arbeitet als Schriftsteller und Autor für Film, Fernsehen und Bühne – und nebenher als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler. Aufgewachsen ist er in Berlin, Bremen und Santa Barbara (USA). Zur Zeit lebt er in Berlin-Schöneberg. Tageszeitung „Die Welt“ über Löhrs Roman: „Robert Löhr wagt sich aufs Neue in den Türken und entdeckt die Geschichte als die, die sie tatsächlich ist, als Schlüsselgeschichte der Aufklärung. Er erzählt eine Mentalitätsgeschichte, eine Sittengeschichte, eine Gesellschaftsgeschichte. Alles leicht und flüssig und süchtig machend. Sag mal noch einer, die Deutschen könnten das nicht – den Historischen Roman“. 

Brigitte Felderer, Universität für Angewandte Kunst in Wien. Über ein Buchprojekt von Felderer: Begeistert zeigt sich FAZ-Rezensent Ernst Horst von Brigitte Felderers und Ernst Strouhals Buch „Kempelen – Zwei Maschinen“, das die Sprechmaschine und den schachspielenden Androiden des Barons Wolfgang von Kempelen (1734 bis 1804) vorstellt. Wie Horst hervorhebt, handelt es sich dabei nicht um ein Sachbuch im üblichen Sinn, sondern um ein „schönes Leporello“ in einer „altmodischen Mappe“. Felderer und Strouhal verwendeten eine von Jakob Scheid gebaute „Kempelenbox“, um die Erfindungen des Barons anschaulich zu machen. Die Box und ihr Inhalt seien keine Nachbauten, sondern künstlerische Neuinterpretationen aus modernem Material. Alles in allem ein „Sachbuch“, das nicht nur Texte biete, so der Rezensent, sondern auch Modelle „im Sinne der etwas anderen Bastelanleitung für lange Adventsabende“.

Dr. Stefan Stein, Heinz Nixdorf Museumsforum, Experte über die Geschichte und die mechanische Funktion des Schachtürken.

Die Moderation würde ich übernehmen.

Präsentation des Kempelen-Sprechautomaten (Nachbau von Jakob Scheid aus Wien) und des Schachtürken (eine voll funktionsfähige Kopie aus dem Paderborner Heinz Nixdorf Museumsforum).

Kleine Ausstellung über die Geschichte der Sprachautomatisierung.

Ist doch ein feines Konzept. Wer würde so etwas denn finanzieren?

KI, Plattformen und die durchlöcherte Innovationstheorie von #Schumpeter: Autorengespräch mit @thomasramge @MurmannVerlag

Dystopische Szenarien können helfen, den Blick für die Gefahren durch den Missbrauch von KI von Menschen gegen Menschen zu schärfen. „Doch nur ein gut begründetes, optimistisches Zukunftsbild, in der KI zum Wohl von allen Menschen in pluralen Gesellschaften wirkt, kann konstruktive Hinweise geben auf die Frage: Wie können wir KI-Technologien so einsetzen, dass sie viel mehr Menschen viel mehr nützen als schaden?“, fragt sich Thomas Ramge, Autor des Buches „postdigital“. Beide Szenarien werden in dem Opus von Ramge ausführlich beleuchtet.

Etwa die Rolle von Feedbackdaten für lernende Systeme: „Die Skaleneffekte des Industriekapitalismus haben Produkte günstiger gemacht und damit zugänglich für mehr Kunden. Die Netzwerkeffekte der Informationswirtschaft haben die erste Phase des digitalen Kapitalismus geprägt, indem sie den Aufstieg von datenreichen Marktplattformen begünstigten, aus denen die heute wertvollsten und profitabelsten Unternehmen der Welt hervorgingen. Beide Effekte beschleunigten die von Marx vorhergesagte Konzentration der Märkte, doch gegen beide gab es jenseits des Kartellrechts immer ein Mittel, Oligopole zu brechen: die kreative Zerstörung mithilfe guter Ideen. Das war nie leicht, schon gar nicht bei gut etablierten Plattformen, aber Facebook löste MySpace nahezu über Nacht ab, Apple verdrängte Nokia mit einem einzigen Produkt, und wer kennt heute noch den Namen Netscape? Die bessere Idee schlug auch in der IT-Industrie in bester Tradition von Joseph Schumpeters Innovationstheorie zu“, erläutert Ramge, Research Fellow am Weizenbaum-Institut in Berlin.

Die Feedbackeffekte durchlöchern die Innovationstheorie von Schumpeter. Sie haben etwas Alchimistisches: Sie schaffen den Rohstoff selbst, mit dem sie sich verbessern. KI teilautomatisiert die Innovation. Die Start-up-Davids mit den guten Ideen werden die datenreichen Goliaths immer seltener schlagen können. Die Innovationsrate sinkt. Fehlende Vielfalt im Markt wiederum heißt weniger Wettbewerb. Und weniger Wettbewerb heißt weniger Anreiz zu Innovation. Die vergangenen zehn Jahre war die digitale Regulierungsdebatte von der Frage bestimmt: Wie schützen Gesetze die Privatsphäre von Nutzern und Bürgern? In den kommenden zehn Jahren wird die große Frage lauten: Wer darf welche Daten nutzen?

Im Buch bezieht sich Ramge auf den Blogger und Plattform-Kenner Michael Seemann: „Der blinde Fleck des Datenschutzes ist folgender: Facebook ist nicht so mächtig, weil es so viele Daten hat. Es ist mächtig, weil es die Daten exklusiv hat, sie exklusiv auswerten darf und damit exklusive Inhalte erstellen kann.“

Die Plattformen der Internet-Giganten sind in der Lage, durch Internalisierung bestimmter ökonomischer und gesellschaftlicher Übereinkünfte, Regeln und Prozeduren, sowie deren Unterwerfung unter die eigenen Geschäftsmodelle (nennen wir es „take-over“), die Spielregeln von Angebot und Nachfrage, von Märkten und Branchen, von Kultur und Gesellschaft, von Arbeit und Kapital, substanziell und radikal zu verändern und damit den Markt und in der Folge Gesellschaften digital zu kolonialisieren, nämlich spätestens dann, wenn die Plattformen faktische Voraussetzung zur Teilnahme an Markt oder Gesellschaft werden.

Plattformen vernichten Märkte

Professor Lutz Becker spricht gar trefflich von der Marktfiktion, die die digitalen Plattformen erzeugen. Der Markt als sozio-kulturelle Veranstaltung verschwindet in den Untiefen der Plattform-Algorithmen. Man mag nun angesichts des gerne beschworenen Begriffes vom ‚Digital Marketplace‘ meinen, dass Plattformen, wie Amazon, Facebook und Uber, die Funktionen des Marktes reproduziert und dazu noch zu einem größeren Angebot (durch Vergrößern des Marktes und Senken von Marktschranken), Effizienz (durch Senkung von Transaktionskosten und mehr Transparenz) geführt hätten.“ Das ist Mimikry.

Auf Chatbot- und KI- basierten Plattformen, insbesondere unter den Bedingungen von (Big-) Nudging sieht das anders aus. Es dominieren mehr oder weniger fest verdrahtete Sequenzen von Regeln, die sozio-technische Abläufe präzise strukturieren, automatisieren und/oder bewerten, um bestimmte ökonomische Ziele zu erreichen.

„Der Nutzer reagiert einseitig auf die Plattform, während auf der Plattform nur ein algorithmisches System, also in einem einseitig kontrollierten Prozess, eine Illusion wechselseitiger Kontingenz erzeugt wird, die mit einem ‚Verlust von Partitäten‘ einhergeht“, führt Becker aus.

Entscheidend ist also das Geschäftsmodell und nicht mehr, dass sich die Preise über Angebot und Nachfrage bilden, sondern von einem Algorithmus die Profitraten der Plattform durch Werbeeinnahmen oder Vertriebsprovisionen und am Ende den Shareholder-Value maximiert. Man könnte auch sagen, dass die Plattformen wie ein Schwarzes Loch den Markt ansaugen und verschlucken.

Es dürfte für jeden eine Plattform dabei sein, um sich die Aufzeichnung des Autorengesprächs mit Thomas Ramge anzuschauen: