Über Geld spricht man nicht: Wolfgang Schiffer und Niklas Schütte brechen das Schweigen. Kleiner Ausschnitt der Lesung in der Bernstein-Verlagsbuchhandlung in Siegburg.
Über Regisseure, Autoren, Sprecherinnen und Sprecher wird beim Hörspiel sehr viel gesprochen. Wer sich die Hörspiel-Produktionen des WDR gönnt, die in einer ausgezeichneten Edition des Lilienfeld-Verlages erschienen sind, sollte auch ein Ohr für die Klangkunst der Tontechniker haben.
Auf Facebook Live und im Podcast mit dem frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer habe ich das ausführlich gewürdigt 🙂
Endlich ist es mal wieder soweit – nach einer sehr langen Pause: Ich produziere am Mittwoch, um 13 Uhr, zusammen mit meinem lieben Freund und Hörspielkenner Wolfgang Schiffer in Köln eine Podcastfolge von Wortspiel-Radio – Schwerpunkte sind Literatur, literarische Verlage und Zeitschriften, Hörbücher und Hörspiele.
Diesmal geht es um die CD-Box „Bilanz“, die von Wolfgang Schiffer und Michael Serrer herausgeben wurde und im Verlag Lilienfeld erschienen ist. Auf 10 CDs werden dreizehn von knapp tausend Originalhörspielen zu Gehör gebracht, die der WDR in den vergangenen sechzig Jahren produziert hat – „ein Streifzug durch die Zeiten und ihre Sprechhaltungen“, schreibt die SZ in einer Rezension.
„Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, hier im R², der Literaturbuchhandlung in Siegburg, dieser schönen zwischen Bergischem Land und Siebengebirge gelegenen Stadt, und draußen im World Wide Web, wo der heutige Abend live zu verfolgen ist – zu Gast sind in Persona hier vor Ort der Wirtschaftsjournalist und Blogger mit einer allerdings deutlichen Affinität zu Kultur und Literatur Gunnar Sohn und via Video-Live-Schaltung Hannes Schleeh, Medienberater, Landwirtschaftskenner, Social-TV-Experte und designierter Leiter des Existenzgründerzentrums in Ingolstadt. Die beiden betreiben seit etwa genau 2 Jahren das Bloggercamp-TV, eine Live-Diskussionssendung im Internet zu einer Vielfalt von Themen – und resultierend u. a. aus diesen Erfahrungen haben sie nun im Hanser Verlag ein Buch publiziert, das wir Ihnen heute vorstellen wollen: Live Streaming mit Hangout on Air – Techniken, Inhalte, Perspektiven für ein kreatives Web TV“, so leitete Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer die erste Lesung unseres Fachbuches ein.
Ein eher technisches Buch in einer ambitionierten Literaturbuchhandlung vorstellen, wo über Kafka, Schiller, Goethe, George, über philosophische Weltprobleme, Kunst, Musik und Lyrik gesprochen wird? Und das mit einem Moderator, der sich im Hörspiel und der Literatur bestens auskennt, auf dem Feld von Bits und Bytes aber nicht zu Hause ist? Oder in den Worten des früheren WDR-Hörspielchefs:
„Mein Name ist Wolfgang Schiffer, ich habe das Vergnügen, mich mit den beiden Autoren zu unterhalten und Sie durch die Präsentation des Buchs zu führen, aber ob dies auch für Sie ein Vergnügen wird – da mache ich mal aus Selbstschutz ein kleines Fragezeichen, denn mit mir hat man, wie man so schön sagt, den Bock zum Gärtner gemacht, will sagen, als hauptberuflich derzeit nur noch als Lyriker und Übersetzer tätiger Mensch habe ich a) – wiewohl ich in dem Buch sogar Erwähnung finde – von den vielfältigen Möglichkeiten des Internets selbst nur eine äußerst begrenzte Ahnung und b) stehe ich mit jeglicher moderner Technik auf Kriegsfuß: ich muss einen Rechner nur etwas länger anschauen, schon reagiert er in der Regel mit äußerst ungewollten Arbeitsschritten, im Ernstfall verweigert er seine Arbeit sogar ganz. Wir wollen hoffen, dass Letzteres heute Abend nicht der Fall ist, und dass mein Unwissen sich auch für alle anderen weniger Versierten produktiv, sagen wir mal, zumindest in ein Grundwissen über das spannende Instrument des Live Streamings wandelt.“
Genau das macht den Charme solcher Veranstaltungen aus. Das Antizyklische, Deplatzierte und Überraschende regt zum Nachdenken an. Es legt Schichten frei, die man sonst nicht sieht, wie es Ulrich Raulff in seinem herrlichen Buch „Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens“ ausdrückt:
„Instinktiv hatte ich begriffen, dass man Seeromane nicht am Meer und Schweizer Autoren nicht in den Alpen lesen soll.“
So verlief denn auch der Abend in Siegburg. Man muss sich erklären, kann nichts voraussetzen und darf die Zuhörer nicht mit Fachjargon nerven. „Was ist Live-Streaming? Was ist Hangout on Air? Der Namen klingt ja zuerst einmal ein wenig merkwürdig, vielleicht sogar abschreckend…Kann das ein jeder? Und was braucht man dazu an technischem Equipment?“, so lauteten die ersten Fragen von Wolfgang Schiffer. Hannes und meine Wenigkeit sind da hoffentlich keine Antworten schuldig geblieben.
„Aber wieso kann es ein jeder? Es ist doch eine Art Rundfunk… Gibt es denn da keine rechtlichen Barrieren? Braucht man dazu keine Lizenz? Wir haben doch, das weiß ich als ehemaliger öffentlich-rechtlicher Radiomensch, Rundfunkgesetze? Rundfunkstaatsverträge? Und Landesmedienanstalten, die penibel über deren Einhaltung wachen? Ich habe Eurem Buch entnommen, dass Ihr am Anfang durchaus derlei Genehmigungsprobleme hattet, die Euch letztlich sogar in Kontakt mit Philipp Rösler, dem damaligen Wirtschaftsminister, und mit der Kanzlerin Angela Merkel gebracht haben – und Mediengeschichte haben schreiben lassen… Vielleicht sagt Ihr etwas dazu, und Du Gunnar, magst uns vielleicht etwas vorlesen aus dem entsprechenden Kapitel des Buchs? Es hat den Titel: ‚Wie wir Kanzlerin Merkel besiegten‘.“
Das tat ich dann brav, obwohl Wolfgang der viel bessere Vorleser ist. Dann folgte ein Stückchen Emanzipationstheorie. Im Prinzip gehe ein Traum in Erfüllung, den vor allem so manche Schriftsteller bereits in der Pionierzeit des Radios gehabt haben…
„Und natürlich auch später noch! Bertolt Brecht zum Beispiel war einer derjenigen, die das Radio schon sehr früh zu einem Kommunikationsapparat gewandelt sehen wollten, in dem alle Menschen eine Stimme haben, indem er, der Apparat, die Trennung zwischen Produzent und Rezipient überwindet…Sind wir jetzt auf dem Weg dahin? Oder anders gefragt: für wen macht man es, und wer beteiligt sich denn tatsächlich“, fragte Wolfgang.
Schließlich landeten wir auch bei Literatur.
„Verändert das Instrument des Live-Streamings den Umgang mit Literatur oder sogar deren Entstehung und deren Charakter? Es gibt ja inzwischen Thesen, die sagen, dass vielen Menschen der Genuss eines Buches nicht mehr ausreichend sei – der Leser will auch an seinem Entstehungsprozess teilhaben können, er will das gemeinsame Erlebnis… Vielleicht teilt Ihr uns hierzu kurz Eure Gedanken mit…“
Stichworte der Diskussion: Arbeitsprozesse der Schwarmintelligenz / wenn Literatur Software wird / Medien verändern die Gesellschaft / Literatur-Diskussionen / virtuelle Literatursalons.
Und schön waren denn auch die Abschiedsworte unseres wortmächtigen Moderators:
„Alles, was dieses Buch, über das wir hier reden, an Technik-Empfehlungen, Erläuterungen, Anleitungen und Möglichkeiten für alle möglichen Formen des Live-Streamings und Web-TVs enthält – für den Laien wie für den bereits etwas erfahreneren Profi – das können wir hier in der gebotenen Zeit gar nicht vorstellen – da hilft nur eigenes Lesen, zu dem wir sie, meine Damen und Herren, mit diesen ersten Eindrücken hoffentlich animiert haben.“
Seit rund 14 Jahren vergibt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Bewusstsein und in der Tradition der Rolle, welche die Stadt in der friedlichen Revolution von 1989 auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands inne gehabt hat, den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien.
„Aus meiner Sicht weniger bekannt ist, dass zu dieser wichtigen Auszeichnung für unabhängigen, mutigen Journalismus neben weiteren Aktivitäten der Stiftung im Jahr 2007 zwei dezidierte Radiopreise hinzugekommen sind, die seither im jährlichen Wechsel verliehen werden: der Axel-Eggebrecht-Preis und der Günter-Eich-Preis“, schreibt der Wortspiele-Blogger und frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer.
Während der erstere Radiomacher auszeichnet, die mit ihrem Werk inhaltliche und ästhetische Maßstäbe gesetzt haben in der Entwicklung des Radio-Feature, sei der zweite den Hörspielschaffenden gewidmet, die sich in gleicher Weise um das Repertoire dieser Gattung verdient gemacht haben.
In diesem Jahr wurde unter tatkräftiger Beteiligung von Wolfgang Schiffer eine moderate Revision des Reglements der beiden Hörfunkpreise vorgenommen:
„Dem Axel-Eggebrecht-Preis, dessen Jury der österreichische Radio-Feature-Experte Richard Goll vorsteht, bin ich durch meine derzeitige Beiratstätigkeit für Hörfunkpreise in der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig verbunden, beim Günter-Eich-Preis habe ich im Augenblick selbst das Vergnügen der Zusammenstellung und des Vorsitzes der Jury, die über die Preisvergabe an eine Persönlichkeit entscheidet, die sich um das Hörspiel verdient gemacht hat. Dass dieser Preis den Namen des Dichters und Hörspielautors Günter Eich trägt, hat schon Signifikanz. Günter Eich ist ja nicht nur durch seinen Lebensweg der Stadt Leipzig verbunden, er hat nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tat die Hörspiellandschaft maßgeblich geprägt, indem er das Wort nicht nur aus üblichen Genre-Zuordnungen, sondern nach der Erfahrung des Nazismus vor allem (wie übrigens auch in seiner Lyrik) aus jeglicher ideologischen Verhaftung zu befreien suchte und ihm einen allein für die Kunstform des Radios gültigen Ton gab“, erläutert Schiffer im Interview mit Regina Wyrwoll.
Die Öffentlichkeitswirksamkeit der beiden Wettbewerbe soll nun verstärkt werden.
„Da es sich um Hörfunkpreise handelt, ist hier zu einer Verbesserung der Situation natürlich zunächst einmal das Medium Radio selber gefordert – aber auch die Medienseiten und Feuilletons vor allem überregionaler Zeitungen könnten hier eine gewichtige Rolle spielen“, erläutert Schiffer.
Mit Blick auf das, was vor Ort die Medienstiftung selbst tun könne, um die Preisträger einem größeren Publikum bekannt zu machen, ist bei den Konzept-Überlegungen eine erste Entscheidung bereits gefallen:
„Während die Preisverleihungen in der Vergangenheit zumeist als Einzelveranstaltungen stattfanden, zu denen besonders eingeladen wurde, werden sie künftig integraler Bestandteil des jährlichen Sommerfestes der Medienstiftung sein. Hier, im Beisein von mehreren hundert Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Politik, kommt den jeweiligen Preisträgern oder Preisträgerinnen dann ein Status als Ehrengast zu, verbunden mit einem Programmauftritt, der den Verdiensten um die Radiokunst, um die ‚Königsklassen‘ des Hörfunks, entspricht“, resümiert der Kölner Hörspiel-Experte.
Heute Abend, um 20 Uhr ist es soweit. Wir stellen unser neues Buch vor: „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, erschienen im Hanser Verlag.
Für einen Band, indem sehr viel technisches Wissen steckt, ist der heutige Ort wohl etwas ungewöhnlich: Die Lesung findet nämlich in der Literaturbuchhandlung R² statt, Holzgasse 45, 53721 Siegburg. Moderiert wird der Abend vom ehemaligen WDR-Hörspielchef und Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.
Die Veranstaltungsankündigung belegt aber recht deutlich, dass wir mit dem Standardwerk über Livestreaming thematisch sehr viel abdecken und auch in einer ambitionierten Literaturbuchhandlung gut aufgehoben sind. Nicht nur Tipps für die ersten Gehversuche, Hinweise auf Software und Geräte, Anregungen für die richtige Beleuchtung und für guten Ton, sondern auch medienpolitische, medientheoretische und gar literarische Exkurse:
Eine Milchstraße von Einfällen, so werden die Texte und Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Schriftstellers Jean Paul bezeichnet. Keine ordentlich gekämmten Maximen oder Aphorismen zur Lebensweisheit, sondern ein blühendes Durcheinander von Ideen, Beobachtungen, Skizzen und Parabeln.
In Bloggercamp.tv haben wir in über 250 Sendungen demonstriert, dass man die verrücktesten Ideen, provokative Debatten, ungewöhnliche Forderungen, spontane Bekenntnisse, kontroverse Diskurse und lebendige Talks mit dem Livestreaming-Dienst Hangout on Air senden kann. Nach der Lesung gibt stehe ich parat, um unser Opus zu signieren.
Co-Autor Hannes Schleeh wird aus Bayern live zugeschaltet.
Wer nicht nach Siegburg kommen kann, schaut sich einfach unsere Hangout on Air-Liveübertragung an oder später die Konserve auf Youtube. Wir sorgen natürlich für die Kommunikation mit Abwesenden 🙂
Der Schock der Moderne – Islands Atomdichter. Programmhinweis von WDR 3. Kann neue Poesie ein ganzes Land in Aufruhr versetzen? Offensichtlich – wenn es sich um eine Insel handelt, deren nationale Identität auf einer Jahrhunderte alten literarischen Tradition beruht. In Island brach in den 50er Jahren ein spektakulärer Lyrikstreit aus.
Am Sonntag, den 25. Mai ist es wieder soweit. Wir – also Wolfgang Schiffer und icke – gehen um 15:30 Uhr wieder eine gute Stunde auf Sendung mit Wortspiel-Radio. Audio-Livestreaming über den Studio-Kanal von Hangout on Air. Zwei Themenblöcke haben wir auf der Agenda: Wir sprechen über das Radio-Feature von Wolfgang „Islands Atomdichter – oder Der Schock der Moderne“, das am 14. Juni in WDR 3, ab 12:05 Uhr ausgestrahlt wird.
Stimmungslage im Sommer 2014
Im zweiten Themenblock geht es um die Stimmungslage im Sommer 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Was hat die Menschen bewegt, was haben sie in ihren Zeitungen lesen können und was haben sie selbst gedacht oder geschrieben? Welche Dramen und Leidenschaften fanden unterhalb der »Königsebene« statt, und wie fügten diese sich in das weltgeschichtliche Geschehen ein? Im Zentrum steht dabei ein neuer Band der Literaturzeitschrift „die horen“.
Wolfgang Schiffer liest isländische Lyrik im Kölner Kultursalon Freiraum
Im Kölner Kultursalon Freiraum stellte Wolfgang Schiffer zwei isländische Lyriker vor, die in ihrem Stil kaum vergleichbar sind, doch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg davon beseelt waren, die Moderne in die Dichtung einfließen zu lassen. Ihr Wirken liegt schon lange zurück, doch zwei Neuerscheinungen machen sie wieder aktuell, betont der ehemalige WDR-Hörspielchef in seiner inspirierenden Lesung.
Im ersten Teil seines Abendprogramms widmete sich Schiffer dem Werk von Stefán Hördur Grímsson, der zur geschmähten Gruppe der so genannten „Atomdichter“ gerechnet wurde, die sich von der sehr traditionell ausgerichteten isländischen Lyrik abgrenzten.
Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen mussten auch zur einer Veränderung der Wahrnehmung und des Bewusstseins führen. Entsprechend radikal brachen die Atomdichter mit der Formstrenge von Edda und Skalden-Dichtung, die bestimmt war von Versmaßen, germanischen Stabreimen und Endreimen. Die im Münsteraner Kleinheinrich-Verlag 1992 erstmals veröffentlichte Auswahl der Gedichte von Stefán Hördur Grímsson unter dem Titel „Geahnter Flügelschlag“ brachte dem so gut wie unbekannten Lyriker eine literarische Beachtung ein, „die selbst seine Übersetzer und Herausgeber so nicht erwartet hatten“, schreibt Schiffer im Nachwort der erweiterten Neuauflage, die Ende des vergangenen Jahres erschien. Zahlreiche Feuilletons und Literaturzeitschriften würdigten einhellig die poetische Kraft dieses Autors, so dass die erste Auflage des 92er-Bandes schnell vergriffen war.
„Der Verleger hat 21 Jahre gebraucht, um eine erweiterte Neuauflage zu machen“, sagte der verschmitzt lächelnde Rezitator in Köln.
Die Rezensenten sehen in Grímsson einen „Lakoniker“, der in seinen freien Versen auf alle spektakulären rhetorischen Effekte verzichtet. Er spreche bestürzende Wahrheiten und starke Gefühle auf karge und doch eindrucksvolle Weise aus. Es sei vor allem eine Logik des Herzens, die seine Verse wahrhaftig machen. Kaum Illustrierten-Phrasen, statt dessen Wörter wie Gotthimmel, Berg-Sonnenglanz, Schwarzelfen-Tanz.
„Hundertfünfzig Gedichte, geschrieben auf einer Insel im Nordmeer, davon ein Drittel jetzt auf Deutsch….Zu wenig für ein Lebenswerk. Doch genug für den Gesang“, schrieb die Zeit.
Etwas mehr sind es jetzt in der Neuauflage geworden, die Wolfgang Schiffer vorstellte. Die Schaffensperiode von Grímsson begann 1946.
„Manchmal lagen 19 Jahre zwischen den Gedichtbänden. Er galt als sehr merkwürdiger und kauziger Autor. 1920 geboren, 2002 gestorben. Am Schluss lebte er in einem Altersheim für abgedankte Seemänner, fast ein wenig paranoid. Er hatte kaum Kontakt zu Menschen. Ich hatte das große Vergnügen, einmal mit ihm ein Bier trinken zu dürfen. Wir haben eine halbe Stunde zusammen gesessen. Wir haben nichts gesagt, aber es war ein wunderschönes Gespräch“, so Schiffer.
Der Band Schwarzelfen-Tanz habe Poesie-Geschichte geschrieben und dokumentiert auch die politischen und sozialen Themen, die ihm wichtig waren, ohne ein politischer Autor gewesen zu sein. Das Gedicht „Krieg“ spreche Kernwahrheiten aus, die heute noch gültig sind:
Krieg
Ihre Eisen sind grau
ihre Eisen sind scharf.
Unter vollem Mond
werden rote Wellen
an den Strand rollen.
Tränen fallen auf Blumen
und sie werden welken.
Das Spätwerk des Dichters sei geprägt von der Reduzierung auf das Wesentliche, vom Suchen und Finden des einen Wortes, das alles sagt. Auch seine politischen Aussagen werden immer konkreter. So ist das Gedicht „Nachmittag“ als Reaktion auf den Vietnamkrieg entstanden.
Nachmittag
Nachmittag im Osten.
Blumen aus Fleisch und Blut gehen den Dorfweg entlang.
Auf dem Luftweg kommen Bratgesellen.
Das Flötenspiel des Geliebten
am Waldrand nehmen sie nicht wahr:
Gebratene Brüste. Gebrannte Brustwarzen. Versengte Schöße….
Aber nun schlägt man das Kreuz im Westen
zu Beginn der Paarungszeit.
Draußen zündet der August eine bleiche Sichel.
Man könne sich kaum dezidiert poetischer über die Hybris des Westens in diesem Weltgeschehen auslassen, meint Schiffer. Er sei besorgt, dass wir dieses Szenario in der Krim-Krise wieder erleben. „Wir sollten etwas sorgfältiger und analytischer mit dieser Situation umgehen.“ Das gelte für Politiker und Medien.
Die Schiffer-Lesung
Sprachmächtig ist auch der zweite Autor der Wolfgang Schiffer-Lesung: Jón úr Vör, der mit dem Band „Das Dorf“ einen der bekanntesten poetischen Zyklen in Island geschrieben hat. Sozialreportagen in freier Versform. 1946 erschienen und seither immer wieder neu aufgelegt worden. Die soziale Wahrnehmung und das karge Leben dominieren in seinen Gedichten. Aber auch Beobachtungen von Absurditäten des Alltags, wie etwa in dem Gedicht „Sitzungsprotokoll“.
Auf den harten Bänken des Guttemplerhauses
sitzt an einem Sonntag jeden Monats
das gemeine Volk wie in der Kirche
und diskutiert über Wohl und Wehe des Landes.
Herr Vorsitzender! Darf ich ums Wort bitten?
Dieser Verein ist gegründet worden, um die Bedingungen der Arbeiter zu verbessern.
Wie käme der Kaufmann zurecht, der gnädige Herr, wenn keiner
arbeiten wollte? – Seine Laufburschen und Klatschtanten
dürfen ihm diese meine Worte gerne überbringen, wenn sie mögen.
Sage vorläufig nichts mehr.
Der Schlaumeier des Dorfes ergreift das Wort:
Die Ungerechtigkeit der Welt wird nie beseitigt sein, ehe nicht Gott
der Allmächtige allen Menschen Glück beschert – auch den
Reichen. Wozu sonst kam Jesus Christus auf diese Welt?
Diskussion beendet,
keine weiteren Wortmeldungen,
Ende der Sitzung.
Im Bundestag kann man in den Plenarwochen wohl ähnliches erleben.
Der Kultursalon Freiraum war bis auf den letzen Platz gefüllt, die anschließenden Plaudereien in der nahegelegenen Trattoria waren höchst amüsant und der nächtliche Spaziergang mit Wolfgang Schiffer beförderte gar eine philosophische Lebensweisheit zutage. Wolfgang sagte mir, wie froh er doch sei, dass er sich nicht mit den technokratischen Dingen des Lebens herumschlagen müsse, sondern schöngeistige Literatur sein Dasein präge. Was sollte ich jetzt antworten?
Auch ich sei froh, ein Themen-Kolibri zu sein, sonst bekäme ich noch eine Meise.
Wolfgang lachte. Das mit dem Sperlingsvogel und dem Kolibri habe ja eine sinnige und doppelte Bedeutung. Stimmt. So doof war mein Satz gar nicht 🙂
Und den Technokraten kann man übrigens auch mit Lyrik begegnen.