„Morgen Abend (also am Samstag, gs) um 20:00 Uhr gibt´s im KulturSalon Freiraum e.V. isländische Lyrik in hoffentlich annehmbarer Übersetzung – und falls Letzteres nicht so empfunden werden sollte, gibt´s zumindest was zu sehen: beide Bücher sind illustriert! Und die Ausstellung mit Acryl-Arbeiten, Kaltnadelradierungen und Zeichnungen des isländischen Malers Jón Thor Gíslason hängt ja auch noch!“
Vorher kann man ja noch einen kleinen Stadtbummel machen und eine der guten Literaturbuchhandlungen in der Dom-Stadt aufsuchen – gilt natürlich auch für jede andere Stadt. Denn morgen ist der zweite Indiebookday:
„Geht am 22.03.2014 in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeines, das Ihr sowieso gerade haben möchtet. Wichtig ist nur: Es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen…Danach postet Ihr ein Foto des Covers, des Buches, oder Euch mit dem Buch (oder wie Ihr möchtet) in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog Eurer Wahl mit #Indiebookday. Wenn Ihr die Aktion gut findet, erzählt davon.“
Ein paar Buchempfehlungen habe ich im Gespräch mit Wolfgang Schiffer in einer kleinen Rückschau zur Leipziger Buchmesse erörtert:
Sascha Lobo beim Chinabrenner – Foto von Wolfgang Schiffer
Sascha Lobo und der Verbrecherverlag haben wohl direkt nichts miteinander zu tun. Aber beide spielten auf der Leipziger Buchmesse eine Rolle.
Das und ein paar andere Randnotizen zum literarischen Stelldichein in der sächsischen Metropole diskutiere ich am Mittwoch, um 11 Uhr in Bloggercamp.tv mit meinem Wortspielradio-Kollegen Wolfgang Schiffer.
Das malerische Werk des isländischen Künstlers Jón Thor Gislason wird erstmalig in Köln im Kultursalon Freiraum gezeigt: Im Kultursalon Freiraum.
Zur Ausstellungseröffnung sprach der ehemalige WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer, der seit rund 20 Jahren mit Gislason befreundet ist. Der isländische Maler sei ein Multitalent – Pop-Musiker, Erzähler und Übersetzer, der sich seit dem Ende der 1980er Jahre, der bildenden Kunst verschrieben hat:
„Ich sehe in vielen seiner Acryl- und Ölgemälde und seiner Zeichnungen ein Ausloten von tiefen Gefühlswelten, von Befindlichkeiten. Hier spricht mich an, was sich an Verletzlichkeit alles zeigt, an Hoffnungen und was die Wahrheit von Gefühlen ist“, so Schiffer.
Gislason im Kölner Kutursalon Freiraum
Das Thema bei Gislason sei immer der Mensch – das Menschsein. Die Ausstellung unter dem Titel „Bergmál – Widerhall“ sei mehr als ein reines Echo, es spielt sich auf vielen Bedeutungsebenen ab. Es präsentiert einen Maler, der sich mit der Romantik auseinandersetzt, die auch eine dunkle Gegenseite hat.
Jazz, Literatur und Kunst bilden dabei einen Dreiklang. Zum Abschluss der Ausstellung am 28. März liest Wolfgang Schiffer eine Auswahl seines lyrischen Schaffens und wird von Marcel Tusch am Klavier begleitet. Viele gute Gründe, um nach Köln zu kommen 🙂
„Für mich gibts einen fitzekleinen Unterschied, eher gefühlt. Frage ist final: ich stelle Frage, bekomme Antwort, Thema erledigt. Fragestellung impliziert für mich immer, dass es darum herum noch mehr Fragefelder gibt, die aber erstmal sekundär sind.“
In Wahrheit schlummert hier die Ung-Krankheit und andere Bläh-ungen. Alle Wörter mit „ung“ sollte man kritisch prüfen, empfiehlt der Publizist Wolf Schneider.
Zur Gewährleistung einer ordnungsgemäßen Durchführung sollte eine Vorüberlegung einzelner Maßnahmen-Umsetzungen in Erwägung gezogen werden. Im Verbund mit der Fragestellung steht auch die Zielstellung zur Verhinderung von tiefgreifenden Aufgabenübertragungen, die zu einer Überarbeitung im Bereich und auf Ebene der Vorstandsleitung führen können. Im Wohnbereich und im Küchenbereich sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Verhandlungen im Bereich des Versicherungswesens schnell zu einer übereilten Echtzeitpriorisierung mit Vorfälligkeitsentschädigungen führen können, ohne Berücksichtigung der Aussschüttungsbemessungsfunktion oder der Überspannungsschutzkategorie.
Ballast abwerfen: Aufgabenstellung, Fragestellung, Problemstellung, Zielsetzung – Aufgaben, Fragen, Probleme, Ziele. Noch mehr Ballast abwerfen: Einflussnahme ist Einfluss. Wohnbereich ist Wohnung, auf Ebene des Vorstandes ist im Vorstand und die Einflussnahme ist ein Einfluss. Wettergeschehen und Witterungsbedingungen? Die Antwort dürfte jetzt klar sein.
Leider dominieren Weitschweifigkeit und Allgemeinplätze. „Fast alle, die im Weinberg des Zeitgeistes arbeiten, kommunizieren so: Sozialarbeiter, Gender-Beauftragte, Think-Tanker, Bürokraten, Wohlfahrtsverwalter, die ‚sinnstiftende Klasse’ ganz allgemein“, stellt Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe fest: „Lernprozesse“ (früher „Lernen“) sind immer „kreativ“, Profile werden stets „geschärft“, um „kreativ genutzt“ zu werden. Das seien Wörter, so Joffe, die munter von der Festplatte purzeln. Besonders beliebt sei die Redundanz durch Wiederholung und Pleonasmen – „doppelt gemoppelt“.
„Fix und fertig liegen die Phrasen in den Gehirnfächern, ein kleiner Anlass, ein Kurzschluss der Gedanken, und heraus flitzt der Funke der Dummheit“, schreibt der legendäre Satiriker Kurt Tucholsky.
Layout: Hannes Schleeh
Beim StreamCamp in Köln produziere ich mit dem früheren WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer die nächste Sendung von Wortspiel-Radio, um zu demonstrieren, wie man mit dem Google-Dienst Hangout on Air auch Audio-Formate live übertragen kann. Und der Sprachkritiker Tucholsky steht dabei im Zentrum der Plauderstunde im Startplatz. Es geht beim StreamCamp also nicht nur um Technik, sondern auch um Kultur 🙂
Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle
Ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse für eine weitere Sendung des Wortspiel-Radios. Diesmal kein Live-Podcasting, sondern Interviews mit Verlegerinnen und Verlegern von kleinen, ambitionierten und unabhängigen Verlagen. Wolfgang Schiffer und ich fragten nach den verlegerischen Konzeptionen, Neuerscheinungen und Plänen.
Eine tiefsinnige Frage, die auch vom gesamten Literaturbetrieb beantwortet werden müsste. Es werden fantastische Bücher gemacht, die gute Rezensionen bekommen, aber im Buchhandel mehr schlecht als recht verkauft werden. Allerdings ist eine Trendwende absehbar, sagt Stefan Weidle. Die Stimmung dreht sich vor allem bei den Buchkäufern.
Es häufen sich die negativen Berichte über die „Kaufhauspolitik“ von Buchketten wie Hugendubel oder Thalia, die mit ihrer eher bescheidenen Sortimentspolitik in Schwierigkeiten kommen und gegen Amazon wenig entgegensetzen können. Das seien keine guten Buchhandlungen, sondern eher Verkaufsräume für Esoterik-Kerzen und sonstigen Schrott, so Weidle.
„Das wollen die Kunden nicht. Es gibt neue gute Buchhandlungen wie Ocelot in Berlin oder die Bernstein-Verlagsbuchhandlung der Gebrüder Remmel ‚R²‘ in Siegburg, die ein ganz anderes Konzept fahren. Es gibt ein breitgefächertes Literaturangebot und das muss man abbilden – auch das Ungewöhnliche“, sagt Weidle im Wortspiel-Radio-Interview.
So wurden von dem Roman „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow fast 10.000 Exemplare verkauft, aber nicht bei Hugendubel oder Thalia. Das ging vor allem über unabhängige Buchgeschäfte, die nicht nach Konzernlogik und Controlling-Engstirnigkeit geführt werden. Das Kulturkaufhaus Dussmann in der Berliner Friedrichstraße sei die rühmliche Ausnahme, betont Weidle. Hier könnten die Buchhändler selbst das Sortiment bestimmen, bei anderen Ketten sind sie entmachtet.
Ärgerlich sei generell die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs.
„Die Beschleunigung ist derart wahnsinnig, dass ein Buch nicht nach einem Jahr, sondern schon nach drei Monaten veraltet. Spätestens nach sechs Monaten ist es sinnlos, noch auf Rezensionen zu hoffen, um Bände zu verkaufen“, moniert Weidle.
„Wir machen jedes Jahr einen Gemeinschaftskatalog, wo sich 65 unabhängige Verlage mit ihrem Programm vorstellen. Diesmal sollten Verleger ihre drei Lieblingstitel vorstellen und nicht nur Neuerscheinungen. Das Neue ist nicht das Bessere oder Gute. Das Neue ist schlichtweg nur das Neue“, erklärt der Stiftungsvorsitzende Weidle und verweist auf die Unmöglichkeit, über den Buchhandel Bände aus der Backlist zu verkaufen.
Die meisten Buchhandlungen würden ihren Bestand nach spätestens sechs Monaten remittieren. Kaum einer bestellt mehr nach, wie es noch zu Zeiten des Buchlaufzettels war. Um so wichtiger seien Literaturbuchhandlungen wie Wetzstein in Freiburg, Bittner in Köln oder Felix Jud in Hamburg, die sich von diesem Trend abkoppeln. Klaus Bittner führe eine vorbildliche Buchhandlung.
Als Weidle zum ersten Mal seinen Verlag bei Bittner vorstellte, führte er nicht nur ein sehr langes Gespräch mit dem Buchhändler, sondern wunderte sich über das breite Sortiment an Titeln, die in anderen Läden schon längst remittiert wurden. Ohne prall gefüllte Tüten geht man selten aus dem Geschäft von Klaus Bittner raus – was ich bei meinen samstäglichen Exkursionen nach Köln freudig bestätigen kann – zu Lasten meines Geldbeutels.
Einen Beitrag zur Entschleunigung könnten auch die Literaturblogs leisten, die sich ebenfalls eher an den Neuerscheinungen orientieren, meint Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.
„Wir sollten es uns selbst zur Pflicht machen, eine Erinnerungskultur zu pflegen und stärker auf das schauen, was gestern war. Das leisten die Feuilletons und Kultursendungen der klassischen Medien nicht. Wir sollten in diesen Aktualitätswettbewerb nicht einsteigen.“
Stefan Weidle ergänzt das Schiffer-Credo mit einem Zitat aus dem opulenten Werk „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt:
„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes.“
Dazu zählt erfreulicherweise auch der Flaneur Franz Hessel.
„Die Rechte sind 70 Jahre nach seinem Tod frei geworden und wir haben als ersten Band den Roman ‚Heimliches Berlin‘ ins Programm genommen“, so Viola Eckelt.
Wie geht nun der Literaturbetrieb mit diesen Büchern um? Wenn das Herbstprogramm des Verlages erscheint, gelten viele Werke im darauffolgenden Frühjahr als veraltet – so ticken zumindest viele Kulturredakteure, bestätigt Axel von Ernst:
„Die können das in ihren Redaktionen nicht mehr unterbringen, weil der Titel angeblich zu alt sei. Dieser Titel war aber vorher auch schon alt.“
Wortspiel-Radio auf Tour
Ein unwürdiger Umgang mit Literatur. Wortspiel-Radio wird das ändern 🙂
Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit – lyrisches Frühwerk
Auf vielen Feldern der Netzpolitik sollte man endlich anfangen, das digitale Fachwissen der Netzbewegung mit realpolitischem Sachverstand zu kombinieren, um neue Allianzen zu schmieden (Thema meiner morgigen The European-Kolumne). Etwa mit den Kulturschaffenden, die bei der Urheberrechtsdebatte auf der Strecke bleiben, da in erster Linie die Interessen der Verwerter bedient werden. Ähnlich wie Sascha Lobo kritisiert auch Wolfgang Schiffer, der frühere WDR-Hörspielchef und Literaturblogger, den Zwang zur Depublizierung.
„Ich halte das für einen Skandal. Die Staatsverträge sind auf Druck von außen geändert worden. Das Depublizieren betrifft ja nicht alleine visuelle oder akustische Tonträger, sondern selbst schriftliche Angaben und Pressetexte“, moniert Schiffer in der Premierensendung von Wortspiel-Radio.
Nur wenn man Werke zum ewig gültigen Kulturgut erkläre, bleiben sie auch auf Dauer im Netz – etwa Hörspiele und Radio-Feature.
„Aber das tun die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht zwingend. Wir hängen dieser Entwicklung aber auch in der Klärung von Urheberrechtsfragen ein ganzes Stück hinterher. Was wir dringend benötigen – und da ist die Politik gefragt – sind urheberrechtliche Vereinbarungen, die dieser veränderten medialen Situation, die der Moderne einfach mal Rechnung tragen. Denn im Umkehrschluss kann es eben nicht sein, dass alles, was einmal honoriert worden ist, für ewig im Internet steht und von allen genutzt werden kann, aber derjenige, der von seinen künstlerischen Potenzialen leben muss, kein Geld mehr sieht. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße“, kritisiert Schiffer.
Was Verlage übrigens auch häufig praktizieren, wenn sie Zweit-Verwertungsrechte verweigern. Die Gewichte haben sich von den Urhebern zu den Produzenten, Verlegern und Verwertern verschoben. Hier müsse man zu Korrekturen kommen, fordert Schiffer.
„Ich habe mich schon vor sieben Jahren dafür eingesetzt, dass wir die Hörspiele online anbieten und uns mit den Urhebern auf vernünftige Bezahlmodelle einigen. Inzwischen tun wir das vermehrt.“
Es gibt auch schon einige Beispiele im Netz, wo man gegen kleines Geld richtige gute Hörspiele und Feature abrufen kann – etwa die Plattform Hörspielpark.
Hier seien Ausnahmeverträge mit den Produzenten abgeschlossen worden – also den Rundfunkanstalten.
„Ich habe mich damals für die Ausnahmen sehr eingesetzt, um ein Modell kreieren zu können. Aber ich darf gleichermaßen auch sagen, dass die Initiatoren des Hörspielparks relativ glücklich wären, wenn sie unter ein großes Dach schlüpfen könnten. Der Dienst ist nicht sehr bekannt, er wird nicht ausreichend abgerufen und es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Schiffer.
Die ARD sei die einzige mediala Konstruktion, in der Hörspiele und Feature überhaupt produziert werden. Man sollte sich dort von Insellösungen trennen, weniger auf so genannte Alleinstellungsmerkmale in den einzelnen Rundfunkanstalten beharren und endlich ein Portal schaffen, auf dem man alles findet. Das hätte eine viele größere Durchschlagskraft.
„Für die künstlerischen Werke, die in den ARD-Sendeanstalten geschaffen werden, sollte man den Zugang im Netz so einfach wie möglich gestalten“, resümiert Schiffer am Ende des Wortspiel-Radio-Gespräches.
Die zweite Sendung des Wortspiel-Radios kommt am 10. Oktober live von der Frankfurter Buchmesse, wenn die technischen Bedingungen es erlauben.
Morgen starte ich zusammen mit den ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer im Vorfeld des Kölner StreamCamps ein kleines Audio-Livestreaming-Experiment mit Hangout on Air. Es gibt ja viele Portale, die das ermöglichen. Aber Hannes Schleeh machte den Vorschlag, die Studio-Funktion des Google-Dienstes zu nutzen, um mit einem Radio-Format auf Sendung zu gehen. Vorteil: Die Liveübertragung liegt direkt auf Youtube als Aufzeichnung vor, kann problemlos überall eingebettet werden und bewegt sich halt auf einem sehr populären Portal.
Eine zentrale Anlaufstelle für Podcasting ist nach meiner Meinung eine Schwäche für die vielen guten Graswurzel-Angebote, die es mittlerweile im Netz gibt. Ein Youtube für Audio wäre also keine so schlechte Sache. Vielleicht sollte Google einfach mal ein paar Entwickler-Tage investieren, um einen reinen Audio-Dienst aufs Gleis zu bringen. Das dürfte weniger aufwändig sein, als die klassischen Entwicklungen, die für die Video-Schiene aufgewendet werden müssen.
Die Podcast-Puristen werden mir wahrscheinlich widersprechen, die mit einer professionellen Ausrüstung antreten und das Hosting selber organisieren. Aber ich zähle ja nicht zur Fraktion der Techno-Bastler und liebe einfache Lösungen. Für die morgige Premierensendung des Wortspiel-Radios muss ich mein Equipment nicht aufrüsten. Zwei Sennheiser-Mikros habe ich zur Verfügung, die an den Zoom-H4n-Rekorder angeschlossen werden und dann über meinen Laptop via USB-Verbindung laufen. Wie das klingt, habe ich gestern getestet.
Klingt das schlecht? Eure Meinung interessiert mich. Vor allem die Urteile der Podcast-Fraktion. Über Kopfhörer ist die Audio-Qualität ok.
„Da ich zurzeit an einer recht komplexen Arbeit für das Radio schreibe, bitte ich die Leserinnen und Leser meines Blogs (sowie auch einige Autorinnen und Autoren) um Nachsicht, dass mir Ablenkungsrisiko und Konzentrationsfähigkeit in den kommenden Tagen allenfalls noch einige wenige weitere Streifzüge durch die isländische Dichtkunst erlauben. Der Zuspruch, den diese meine Reise erfährt und für den ich mich auch an dieser Stelle herzlich bedanke, lässt mich aber hoffen, dass man mir diese vorübergehende ‚thematische Verengung‘ verzeiht.“
Da werde ich natürlich etwas genauer nachfragen. Das neue Radioprojekt von Wolfgang interessiert mich natürlich.
Während unserer Livesendung könnt Ihr natürlich Fragen via Twitter stellen. Hashtag #Wortspiel
Bei mir verstärkt sich nicht der Eindruck, dass der Überwachungs-Totalitarismus der staatlichen Sicherheitsdienste die Menschen auf die Barrikaden treibt. Vielleicht zählt es schon zu sehr zum Common Sense, die Freiheit nicht mehr vor dem Staat, sondern durch den Staat zu suchen. Dabei gehört es zu den wenigen Errungenschaften der modernen Zivilisation, den Staat in seine Schranken zu weisen und die Gesellschaft vor dem Zugriff der Politik zu schützen, so das Credo des Soziologen Wolfgang Sofsky. Wie jede Freiheit sei jede Privatheit zuerst negativ. Alle Eindringlinge in die Privatsphäre verstießen gegen das Freiheitsrecht des einzelnen, in Ruhe gelassen zu werden. Die Privatheit sei wie die Freiheit ein Wert an sich, kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck.
Wir sollten uns nicht auf die Leimspur des Sicherheits-Anti-Terror-Geklingels von Innenminister Friedrich und Konsorten locken lassen. Es stinkt gewaltig nach Hexenjagden und Schnüffelkampagnen wie zu Zeiten von Senator McCarthy und FBI-Chef Hoover mit ihrer panischen Angst vor kommunistischer Infiltration, die sich allerdings in erster Linie in den verwirrten Hirnen dieser zwei Gichtlinge des starken Staates abspielten.
„Der Verschwörungswahn stand in keinem Verhältnis zur realen Gefahr. Unzählige gerieten unter Verdacht, wurden ausgeforscht oder mit Berufsverboten belegt“, schreibt Sofsky in seinem Buch „Verteidigung des Privaten“ und verweist schon 2007 auf die Abhörmethoden der NSA, die ohne richterliche Genehmigung die Verbindungsdaten zahlloser Auslandsgespräche speichert.
Unter dem Banner der allumfassenden Fürsorge und Vorsorge entzieht man die Exekutivgewalten sukzessive der öffentlichen Kontrolle. Der paranoide Staat formiert die Gesellschaft nicht auf dem Fundament des Vertrauens, sondern von Angst und Mißtrauen. Der Staat inszeniert selbst das Übel, das zu bekämpfen er vorgibt.
Anti-Terror-Rabulistik
Auch die Anti-Terror-Bilanz, die der Bundesinneninister vor einigen Wochen nach seinem NSA-PRISM-Hofknicks im Weißen Haus mit nach Deutschland brachte, erweist sich immer mehr als Taschenspielertrick. Die PRISM-Schnüffelei habe geplante Terrorakte im Keim erstickt. Nette Rabulistik. Das erinnert mich an den Gottesbeweis. Weil man die Nicht-Existenz Gottes nicht beweisen kann, ist es der Beweis für die Existenz Gottes. Mit solchen Sprüchen überzeugt der böse Wolf sogar Rotkäppchen von seinen friedlichen Absichten.
Nach dieser Logik muss jeder überwacht werden, weil jeder ein Übeltäter sein kann. Wer kennt schon alle Masken des Bösen? Prävention gelingt nur in einem Zustand der permanenten Alarmierung. Achtung, wenn sie einen Jugendlichen mit dicken Filzstiften und großem Zigarettenpapier verorten, deutet alles auf eine Karriere als krimineller Sprayer und Drogenhändler hin, so die Warnhinweise von Polizei und Verwaltung in Bonn.
Untertanen als Agenten der Sicherheit
Achtung, wenn auf Facebook zu Witz-Demos vor amerikanischen Einrichtungen aufgerufen wird, muss die deutsche Polizei auf Anweisung der amerikanischen Behörden direkt an der Wohnungstür des Delinquenten klingeln und ihre Strafverfolgungsarbeit aufnehmen. Das kann endlos so weitergehen.
„Der Generalverdacht macht keine Ausnahme“, meint Sofsky.
Je mehr man weiß, desto sicherer weiß man, dass man noch nicht alles weiß. Jede Wissenslücke muss demzufolge zu weiteren Ermittlungen führen.
Am besten läuft es, wenn die Menschen ermahnt werden, sich gegenseitig zu beobachten. Verdächtige Subjekte auf der Straße oder die eigenen Kinder in ihren Jugendzimmern mit verdächtigen Anarchie-Werkzeugen (siehe die Tatort-Indizien der Anti-Sprayer-Ausstellung im Stadthaus von Bonn) sind sofort zu melden. Jeder Untertan sollte ein Agent der nationalen Sicherheit sein. Am Ende bleibt nur noch Konformismus, Unmündigkeit und Gehorsam. Ein zu hoher Preis. Gefordert ist also nicht nur Empörung, sondern ziviler Ungehorsam. Denn:
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dieser wohl berühmteste Satz des Soziologen und Philosophen Theodor W. Adorno – in jüngster Zeit wieder häufig erwähnt – sollte im Kontext gesehen werden.
Denn Adorno sagte auch, dass es ein richtiges Leben im falschen geben könne, wenn man zum Widerstand bereit sei, so der Hinweis meines Freundes Wolfgang Schiffer, ehemaliger Hörspielchef des WDR, der seit einigen Wochen mit seinem Blog „Wortspiele“ für Furore sorgt. Mit seinen Streifzügen und Rauchzeichen hat er ein sehr ambitioniertes Projekt auf die Beine gestellt. Und die Rauchzeichen sind sogar wörtlich zu nehmen – was ich politisch-unkorrekt für sehr sympathisch halte, wie man an dem ichsagmal-Bibliotheksgespräch mit Wolfgang unschwer erkennen kann 😉 – da haben wir uns noch gesiezt.
Und wenn es nach McCarthy und Watergate in der NSA-Affäre riecht, um an den Anfang meines Beitrages anzuknüpfen, dann gab es auch in den USA immer wieder Persönlichkeiten mit Zivilcourage, die sich der Aushöhlung von Freiheitsrechten widersetzt und politische Machenschaften ans Tageslicht gebracht haben. Bei der Kommunistenhatz von Senator McCarthy war es der Fernsehjournalist Edward R. Murrow. Filmisch aufgearbeitet in dem sehenswerten Opus „Good Night, and Good Luck“ – ein Ausspruch, der zum Markenzeichen von Murrow wurde.
Oder die Watergate-Aufklärer Bob Woodward und Carl Bernstein, kongenial von Robert Redford und Dustin Hofmann im Film „Die Unbestechlichen“ dargestellt.
Als die Isländer im 13. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit verloren und ungefähr 600 Jahre unter norwegischer, später unter dänischer Herrschaft lebten, zählte die mittelalterliche Literatur, die noch aus der Zeit des isländischen Freistaats (930 bis 1262) stammte, zum wichtigsten identitätsstiftenden Kulturerbe – vor allem die Isländer-Sagas:
„Die Sagas und der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness weckten mein Interesse für die zeitgenössische Literatur Islands. Die Sagas beinhalten unheimlich schöne Abenteuergeschichten. Der eine haut den anderen, dann gibt es die Blutrache und man haut wieder den nächsten. Und am Ende bleibt dann keiner mehr übrig. Sie ähneln in ihrer Dramaturgie unseren Fernseh-Soaps. Wenn man eine Person nicht mehr braucht, wird sie erschlagen und dann ist sie weg. In Fernsehserien muss man schwanger werden, um aus dem Drehbuch zu verschwinden. Bei den Sagas schwang man die Axt und fürderhin kommt diese Person nicht mehr vor. Laxness habe ich gelesen und war fasziniert von diesem Autor. Eine tolle weltläufige Literatur, durch die zwar Island atmet und einen großen literarischen Kosmos beschreibt“, so Wolfgang Schiffer.
Wie Schiffer im Auftrag der ARD ein Interview mit Laxness führen sollte, warum es nicht zustande kam und wie er mit der isländischen Kulturszene erstmalig intensiv in Kontakt kam, erwähnte er bei seiner Lesung nur am Rande. Wer sich dafür interessiert, sollte sich das ichsagmal-Bibliotheksgespräch anschauen. Die knapp fünfzigminütige Unterhaltung ist sehr kurzweilig.
In seinem Vortrag in der Galerie Freiraum ging es um die Jahre nach 1945, die auch Island in den Grundfesten erschütterte. Literarisch am impulsivsten reagierte auf die Kriegsfolgen eine Gruppe junger Dichter. Man beschimpfte sie in der aufwallenden Disputation als ‚Atomdichter‘. Sie brachen mit den tradierten Formen isländischer Dichtung und lösten einen Kulturstreit aus, der die junge Republik über Jahrzehnte erschütterte. Island wurde unter Verletzung seiner Neutralität zunächst von den Briten und ab Juli 1941 von den USA besetzt.
„In der Bevölkerung gab es eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob Island Mitglied der NATO werden und ob es einen dauerhaften Stützpunkt im Land zulassen sollte. Genau davon handelte der Roman „Atomstation“ von Laxness, der etwa zur selben Zeit erschien, als im Kulturleben der Streit um die Gedichtform, um die bildende Kunst und um die Frage, ob man dies Isländersagas in neuer Rechtschreibung herausgeben darf, entflammte“, erläuterte Schiffer.
Ein Akteur, der in dem Roman von Laxness als „Atomdichter“ tituliert wird, ist ein schlechter Dichter. Entsprechend nutzten die eher am Status quo interessierten Meinungsbildner des isländischen Kulturbetriebes diese Bezeichnung als Kampfbegriff gegen die Protagonisten der literarischen Moderne. Einar Bragi zählte zu den einflussreichsten Kämpfern unter den jungen Wilden und brachte den Konflikt sprachmächtig auf den Punkt:
„Nach meiner Auffassung ist er vor allem eine Rebellion gegen die stagnierten Formen, das mechanische Alliterieren, das unbelebte Gelabere, das geistlose, gezierte Geschwätz (klingt ein wenig nach Rabelais – liebwerteste Gichtlinge und so weiter….gs), die unoriginellen, oberflächlichen Schilderungen, die bilderlosen epischen Gedichte und gegen allerhand gebundenen nationalen Unsinn, der drauf und dran war, das Gedicht zu ersticken – und gleichzeitig markiert er das Streben nach Erneuerung: das Erschaffen neuer Gedichtarten, die Reinigung der poetischen Sprache, neue Ideen für Bilder, Metaphern und Verknüpfungen von Gedanken mit dem Zweck, das Gedicht an sich auf einen Ehrenplatz zu führen.“
In der Kunst führe kein Weg zurück – hoffentlich nicht nur dort.
Der Wandel wirkte sich gesellschaftlich, politisch und kulturell aus. Das bekräftigt auch ein historisches Ereignis. 1990 wurden zum ersten Mal die isländischen Literaturpreise vergeben. Die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik ging an einen „Atomdichter“. Es war Stefán Hörður Grímsson, der den Preis für seinen letzten Gedichtband „Über heiterem Morgen“ erhielt:
„Das Land hatte sich mit seinen ‚Atomdichtern’ versöhnt“, resümierte Wolfgang Schiffer.
Einen kleinen Ausschnitt seines rund neunzigminütigen Vortrages mit seiner schön sonoren Stimme kann man sich hier anhören:
„Bereits 1991 erhielt Schiffer für seine Verdienste um die isländische Literatur das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens und 1994 den Kulturpreis des Fonds Islands Bankii.“
Im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch schildert er die ersten Berührungspunkte mit der Literatenszene des Landes mit den heißen Quellen und dampfenden Rauchsäulen – deshalb heißt die Hauptstadt ja auch Reykjar vik – Rauchbucht. Das veranlasste uns während unserer Plauderei auch zu einer ausgiebigen Produktion von blauem Dunst 🙂
Begonnen hatte die Island-Leidenschaft von Schiffer mit der Lektüre des Nobelpreisträgers Halldór Kiljan Laxness. Als verantwortlicher Redakteur von WDR 3 gab er eine Hörspielbearbeitung für den Roman „Christentum am Gletscher“ in Auftrag. Zur Ursendung sollte ein Interview mit Laxness gesendet werden. So konnte sich Schiffer seinen langgehegten Wunsch erfüllen, um selbst nach Island zu reisen. Das war im März 1982, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag des isländischen Großschriftstellers. Im Keller des Hauses von Laxness gab es Lammbraten und reichlich Rotwein. Als die beiden dann zum offiziellen Teil der Stippvisite in sein spartanisch eingerichtetes Arbeitszimmer gingen, gab sich der Romancier recht zugeknöpft.
„Diese Frage interessiert mich nicht, mein junger Freund aus Deutschland“, lautete seine erste Antwort. „Das mögen die Leser beantworten“, war die Replik auf die zweite Frage. „Nach rund sieben Minuten zeigte ich mich einsichtig und sagte, Halldór, sollten wir nicht wieder nach unten gehen und dort weiterreden. ‚Mein junger Freund aus Deutschland, das ist eine wunderbare Idee‘. Wir saßen dann bis weit in die Nacht hinein. Und dann fragte er mich, ‚was kennst Du denn sonst noch von isländischer Literatur‘. Ich musste einfach mit den Schultern zucken und sagen. Wir kennen fast gar nichts“, erklärt Schiffer.
Bis dato gab es in deutschen Übersetzungen mehr oder weniger nur die Island-Sagas und ein paar Erzählungen. In Reykjavík sah Schiffer dann viele Buchhandlungen und überall lagen phantastische Bücher von isländischen Autoren, die er alle nicht kannte. Das weckte seine Neugier. Er hatte das Glück, dass bei seinem ersten Aufenthalt gerade ein großes Theaterfestival in Reykjavík stattfand.
„Ich lernte dann sehr viele der mir unbekannten Autorinnen und Autoren kennen. Da sind ganz starke Freundschaften draus entstanden.“
Bis heute ist er der isländischen Literatur treu geblieben.
So gab er im vergangenen Jahr zur Frankfurter Buchmesse, die Island als Gastland (Sagenhaftes Island) präsentierte, die Anthologie „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ heraus (Band 242 der Zeitschrift „die horen“).
Das Buch hat nichts mit Kernspaltung zu tun, sondern beschäftigt sich mit den Dichtern der frühen 50er Jahre. Die Bezeichnung geht auf den Roman Atomstation zurück, für den Laxness den Nobelpreis erhielt. Weil diese Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg es wagten, an den Grundfesten des isländischen Literatur (den Sagas) zu rütteln, weil sie die vorgeschriebenen strengen Versmaße (mit etwa 400 zu beachtenden Regeln!) aufbrachen und den Anschluss an die Moderne schafften, wurden die jungen Wilden „Atomdichter“ genannt.
„Natürlich nicht ohne erbitterte Widerstände und Anfeindungen der Traditionalisten – und ein angesehener Literaturprofessor schaffte es sogar, noch in den 50er Jahren für diese neue Dichtkunst das Wort ‚entartet‘ in den Mund zu nehmen. Anders aber beispielsweise als die Dadaisten waren die Atomdichter nie bestrebt, das kulturelle Erbe abzuschaffen oder wenigstens zu desavouieren – nur um neue Ausdrucksformen ging es ihnen; und genau diese neuen Ausdrucksformen haben die Gedichte bis heute nicht altern lassen: die Atomgedichte haben sich ihre Frische bis heute bewahrt; ein ‚Verfallsdatum‘ gibt es nicht“, führt buch.de aus.
Schiffer erläutert das Ganze in dem Ich sag mal-Bibliotheksgespräch mit Verve und Enthusiasmus. Er gibt Tipps für den Lektüreeinstieg, spricht über Land und Leute. Er ist ein grandioser und humorvoller Erzähler mit einer herrlich sonoren Stimme. Das knapp einstündige Interview lohnt sich!