Wie wird es dieses Jahr. Ich selbst habe ja in den vergangenen Jahren ein sehr komplexes ökonometrisches Modell entwickelt, um die Konjunktur vorherzusagen. Das Rechensystem beruht auf einer Neujahrskarte, die ich jedes Jahr von meinem alten Arbeitgeber erhalte: Das Institut für Demoskopie Allensbach. Die von dem Informatiker und Statistiker Professor Steinbuch entdeckte Korrelation zwischen dem Wirtschaftsverlauf und dem Allensbacher Stimmungsbarometer habe ich ja hier schon mehrfach hinlänglich erläutert. Die Antworten auf die Jahresfrage, ob man dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen schaut, hat eine Menge mit Wirtschaftspsychologie zu tun, die von den Zahlendrehern in den Wirtschaftsinstituten sträflich vernachlässigt wird. Der Optimismus ist in der Bevölkerung etwas zurückgegangen, aber nicht so dramatisch, wie es die Medienberichte suggerieren. Da vergeht ja keine Woche ohne eine Krisen-Schlagzeile. Mit Hoffnungen blicken immer noch 49 Prozent dem Jahr 2012 entgegen – vor einem Jahr lag dieser Wert sieben Prozentpunkte höher. Befürchtungen geben 17 Prozent zu Protokoll – ein Anstieg von vier Prozentpunkten. Skepsis äußeren dann noch 26 Prozent – ein Plus von fünf Prozentpunkten. Unentschieden sind 8 Prozent. Das ist ungefähr das Meinungsbild des Jahres 2006 – also die Einschätzung für 2007.
Demnach kommt jetzt meine kompliziert berechnete Prognose für 2012. Das Wachstumstempo wird sich nur leicht abschwächen und erreicht 2,5 Prozent.
Damit liege ich deutlich über den Werten der meisten Konjunkturforscher – mit Ausnahme des Aufsichtsratschefs von Roland Berger (aber der ist ja auch nur Unternehmensberater….).
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: – 0,1 Prozent (das gewerkschaftsnahe Haus rechnet also mit einer Rezession)
Bundesbank: 0,6 Prozent
Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut: 0,5 Prozent
Wolfgang Streeck setzt sich übrigens in einem lesenswerten Beitrag für den Sammelband „Wissenschaftliche Politikberatung“ mit den Glaskugel-Ökonomen auseinander. Ihre politische Vitalität beruhe auf empirischer Untauglichkeit. Es seien nur wirtschaftswissenschaftliche Wetterfrösche. Die Konjunkturforschung, die uns pro Jahr zweistellige Millionen-Beträge kostet, bezeichnet Streeck als falschen, aber wirkmächtigen Zauber. Konjunkturforscher erscheinen als Hightech-Kaffeesatzleser, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen und für ihre Fehlprognosen so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, dass sie den ökonomischen Gang der Dinge tatsächlich beeinflussen. Ein Hintergrundverständnis der Gesellschaft geht den Ökonomen ab. Die setzen sich in ihren theoretischen Modellen zu wenig mit der Lebenswirklichkeit der Menschen auseinander. Das gilt übrigens für alle Denkrichtungen der VWL – von Hayek bis Keynes.
Mit ihrem 115-Milliarden-Euro-Programm wollte die Bundesregierung ursprünglich Unternehmen helfen, die in Folge der Finanzkrise unverschuldet in Schwierigkeiten geraten sind. Jetzt aber kommen alle möglichen Unternehmen auf die Idee, beim Staat um Hilfe zu betteln. „Die Bundesregierung muss aufpassen: Sie darf keinesfalls Firmen helfen, die durch eigenes Missmanagement in die Krise geraten sind. Es war doch schon immer so: Wenn ein Konzern in eine Schieflage gerät, kommt die Kanzlerin oder ein Minister. Muss aber ein mittelständisches Unternehmen schließen, kommt mit großer Sicherheit ein anderer: der Gerichtsvollzieher“, kritisiert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW). Die Gefahr sei groß, dass dieses Prinzip jetzt auch wieder wirkt – wenn es um die Verteilung der Milliarden-Hilfen aus dem Berliner Konjunkturprogramm geht. Von Porsche bis Infineon reiche mittlerweile die Liste von namhaften Firmen, die Staatsgelder erhalten wollen.
„Alle diese Anfragen landen vor dem sogenannten Lenkungsausschuss. Das ist ein Gremium, dem mit dem Staatssekretär Walter Otremba ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums vorsitzt. Damit aber wird die staatliche Hilfe zum Politikum. Und es gehört nicht viel dazu, um sich im Vorwahlkampf auszumalen, dass die Hilfen für Unternehmen von den Spitzen der großen Koalition auch unter politischen Aspekten verteilt werden könnten“, warnt der Mittelstandspräsident. Die innere Machtbalance der Koalition könnte eine Rolle spielen, der wählerwirksame Erhalt von Arbeitsplätzen. „Die Gefahr ist also groß, dass Geld auch an solche Unternehmen fließen wird, die sich durch Missmanagement und eigenes Fehlverhalten selbst in die Krise manövriert haben. Unternehmen wie Schaeffler und vor allem auch Porsche sind Beispiele dafür. Wer sich mit hoch riskanten Börsenspekulationen einfach verzockt hat, um gewagte Firmenübernahmen zu finanzieren, der muss eben auch das Risiko tragen, wenn es am Ende schief geht und nicht der Steuerzahler“, so Ohoven.
Viel besser wäre es, auf das moderne Insolvenzrecht zu setzen. Das habe in der gegenwärtigen Lage einen doppelten Nutzen: „Es zielt darauf ab, die wettbewerbsfähigen Teile von Unternehmen zu erhalten – und so auch die Beschäftigung zu sichern. Und es schützt die Gemeinschaft der Steuerzahler davor, für die Fehler einzelner Unternehmen bluten zu müssen“, resümiert BVMW-Präsident Ohoven.
Zudem dürfe vom Staat nicht die falsche Wirtschaftsmentalität belohnen. Darauf hat der Regisseur Dieter Wedel in der TV-Sendung „THADEUSZ“ hingewiesen. „Ich wollte im Film ‚Der große Belheim’ erzählen, dass ein Riesenunterschied besteht zwischen Managern und Inhabern. Es gibt ja immer noch im deutschen Mittelstand eine ganze Reihe von gut funktionierenden Unternehmen, wo sich keiner bedient und wo die Leute wirklich ihren Kopf hinhalten, mit ihrem Vermögen haften und für ihren Betrieb dastehen. So ein Typ wie Middelhof war eben immer ein Manager“, so Wedel. Das Verhalten von Managern sei anders. Sie würden einseitig an den Shareholder Value denken und sind darauf bedacht, in kurzer Zeit Erfolge vorzuweisen, damit der Aktienkurs steigt und ihre Weiterbeschäftigung sichergestellt ist. „Der Inhaber denkt langfristig. Der denkt an das Unternehmen und hat eine andere Verantwortung gegenüber der Belegschaft“, sagte Wedel.
Worum es heute geht....hat Rüttgers wohl nicht verstandenStaatsknete für Versandhauskataloge, Rettungspakete für marode Industriekonzerne, die schon vor der Finanzkrise kurz vor der Pleite standen, Bürgschaften und Finanzhilfen für Warenhaus-Dinosaurier, Fusionserleichterungen für angeschlagene Zeitungsverlage: Was Spitzenpolitiker wie Seehofer, Merkel oder Rüttgers derzeit wirtschaftspolitisch bieten, hat nach Ansicht von Experten überhaupt nichts mit der Zukunft des postindustriellen Zeitalters zu tun. Technikvisionär
„Wenn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers der gebeutelten Medienbranche mit Megafusionen die Rettung vor dem nahenden Untergang verspricht und ein Leben ohne Zeitungen für ‚unvorstellbar’ hält, wird er wohl als Politiker in die legendäre Ahnengalerie von Persönlichkeiten aufgenommen, die sich über die Wirkungen technologischer Zeitenwenden derb verschätzt haben. Wer Millionen von Zeitungsseiten konservieren will, die täglich das Gestern zitieren, mutiert zum Kaiser Wilhelm II, der an das Pferd glaubte und das Automobil nur als vorübergehende Erscheinung abtat“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungshauses Harvey Nash in Düsseldorf.
Deutsche Meinungsführer haben immer noch die Fabrik im Kopf
Zu diesem Befund kommt auch brand eins-Redakteur Wolf Lotter in seinem Buch „Die kreative Revolution – Was kommt nach dem Industriekapitalismus?“ (Murmann-Verlag): Wirtschaft werde immer noch mit dem Kopf der Fabrik gedacht. „Alle zeitlichen und materiellen Erscheinungen von Ökonomie sind nach wie vor voll am Ablauf des reinen Produktionsbetriebes orientiert, in dem Veränderungsprozesse nachrangig sind“, schreibt Lotter. Man müsste erst einmal den Irrgarten industriekapitalistischer Terminologie und Lehre verlassen, um sich überhaupt ein halbwegs geordnetes Bild dessen zu machen, was seit mehreren Jahrzehnten im Alltag bereits deutlich wird: Wissen schlägt Produkt. „Die großen Gewinne, die weltweiten Erfolge ökonomischer Prozesse und Innovationen sind nahezu alle wissensbasiert, seit dem Siegeszug des Computers und des Internets ist das deutlich“, erläutert Lotter, der aber darauf verweist, dass die meisten Akteure von Wirtschaft und Politik getaktet sind wie in den Zeiten des Fordismus. Harmonisch werde der Machtkampf zwischen industriekapitalistischen und wissensbasierten Organisationen nicht ablaufen.
Pflichtlektüre für Industriepolitiker
Die antiquierten Eliten und Paten sollten abdanken: „Besser herrscht transparente Unübersichtlichkeit als jene vornehme Verschwiegenheit der diskreten Gesellschaft“, proklamiert der Schriftsteller Beat Wyss. Die Promotoren des Systemsturzes sind schon in den Startblöcken: Es sind Außenseiter, die schon mitten unter uns als kreative Zerstörer wirken und die alten Monopole torpedieren. „Kleine Spinner werden über Nacht zu Superstars. Absurde Geschäftsideen entpuppen sich und der größte ökonomische Schwachsinn wird zum Megaerfolg“, so der Publizist Peter Felixberger. Es würden sich schon jetzt fundamentale Veränderungen abzeichnen bei der Form und Funktion von Computern, Handys, Zeitungen oder Autos, meint der Wirtschaftswoche-Autor Konrad Buck: „Was sich an partizipatorischen Verhaltens- und Arbeitsmustern derzeit im Internet entwickelt, Stichwort: Social Web, wird entscheidenden Einfluss auf die Produkte und Services von morgen haben. In derzeit laufenden Projekten wie eEnergy (smart metering von Strom, Gas plus Zusatzservices), Elektromobilität (batteriegetriebene Autos mit einer Strom-ID überall aufladen), Genivi Alliance (In-Vehicle Infotainment) spielt sich das Verschmelzen von IT und Anwendung und von IT und Produkt bereits ab“. Hardware werde verdrängt. Experten sagen einen Rückgang um bis zu 95 Prozent bis 2030 voraus. „Gewinner sind Unternehmen mit Expertise im Aufsetzen neuer Geschäftsprozesse, IT- und Netzwerkfachleute mit Gespür für Prozessmodellierung und Verständnis von Wandel als einzig verbleibender Kontinuität oder Spezialisten mit Branchen- und Integrationswissen bekommen das Sagen. Und Verbraucher können sich auf eine Fülle ebenso nützlicher wie spannender neuer Services einstellen“, prognostiziert Buck.
Mobile Zukunft
Die Integration ehemals getrennter Anwendungen in mobile Endgeräte werde sich nach Einschätzung des Mobilfunkexperten Karl-Heinz Gabler fortsetzen. „Zählen heute Notebooks mit integriertem WLAN zum Standard, so werden die Netbooks der Zukunft HSPA+ und LTE-Modems integrieren, die es erlauben, immer und überall das Netz zu nutzen. Dank integriertem GPS werden auch Navigationsanwendungen Teil des Funktionsumfanges werden. Dem Nutzer werden unabhängig von seinem Ort all seine gewohnten Dienste zur Verfügung gestellt. Ortsgebundene Teilnehmergeräte verschwinden“, sagt Gabler von der Firma Nash Technologies in Nürnberg. Nutzer müssten nur noch angeben, wie viel Leistung sie benötigen – mehr nicht, bestätigt Marc-Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Bonner Reiseportals Triptivity. „Wo die Applikation wirklich läuft, ist sekundär. Viele Anwender steigen von ‚traditionellen’ Computern auf Notebooks oder Netbooks um und Unternehmen setzen verstärkt auf Thin Clients. Mobiltelefone entwickeln sich zur universellen Kommunikationszentrale“, führt Schmidt aus. Der Dienstleistungsexperte Harald Henn erwartet radikale Veränderungen bei den Geschäftsmodellen. „Wir erleben eine Abkehr vom Gedanken, dass sich Menschen für Kommunikation und Informationsaustausch an festen Orten befinden müssen. Dass man Hardware in Form von PCs oder Handys benötigt, um zu arbeiten, Daten und Informationen zu erstellen und auszutauschen“, bemerkt Henn.
Industriemuseum Deutschland
Das Land der Maschinenbauer, Mechaniker und Laboranten verliere seine industrielle Basis, so die Kulturwissenschaftlerin Heike Grimm. Faktisch macht die industrielle Wertschöpfung heute weniger als 20 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes aus. Daran ändern auch die Lügen von Interessenvertretern der Industrie nichts mehr, das angeblich jeder siebte Arbeitsplatz am Auto hängt. Das Zahlenwerk stammt aus dem Jahr 1980, wie die Zeitschrift Capital eindrucksvoll nachgewiesen hat.
Ohne die so genannte Ordnungs-Ökonomik hätte es in Deutschland keinen Ludwig Erhard und auch keine Soziale Marktwirtschaft gegeben. In einem Aufruf, der in der FAZ vor einer Woche veröffentlicht wurde, wenden sich deshalb 83 Wirtschaftswissenschaftler gegen Bestrebungen, die Lehre von der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zurückzudrängen. Professuren für Wirtschaftspolitik sollen zweckentfremdet oder umgewidmet werden, und betriebswirtschaftliche Bachelor-Studiengänge sehen wirtschaftspolitische Lehrveranstaltungen nicht mehr vor“, kritisieren die Unterzeichner, zu denen renommierte Professoren wie Bruno S. Frey, Herbert Giersch, Norbert Berthold, Artur Woll, Viktor Vanberg, Renate Ohr und Gerd Habermann zählen.
Zu einem Versagen in der realen Wirtschaftspolitik komme es in der Regel nicht deshalb, weil den Entscheidungsträgern logische Fehler unterlaufen, sondern weil sie die Wirkungen ihrer Instrumente falsch eingeschätzt haben oder weil von den wirtschaftspolitischen Institutionen falsche Anreize ausgehen oder weil Verhaltensweisen bei den Wirtschaftssubjekten vorherrschen, die mit der reinen Theorie nicht übereinstimmen. „Über diese Zusammenhänge zu informieren, ist Aufgabe der Lehre von der Wirtschaftspolitik. Kunstfertigkeit in der Ableitung logischer Schlussforderungen ist manchmal nur von begrenztem Nutzen, wenn es darum geht, Realität zu verstehen und zu beurteilen“, heißt es weiter.
Immer mehr Ökonomen würden auch in anderen Ländern die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz opfern, und auch dort werde diese Tendenz in der Öffentlichkeit lebhaft beklagt. „Die USA sind keine Ausnahme. Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück, weil die Karriereanreize in ihrem Fach verzerrt sind. Die vorherrschende Ausrichtung der universitären Forschung und Lehre bietet kaum einen Anreiz für Nachwuchswissenschaftler, sich mit wirtschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen. Denn die Ergebnisse der wirtschaftspolitischen Analyse sind häufig kontrovers und – da sie empirischer Natur sind – nie mit letzter Gewissheit beweisbar. Für die Zurschaustellung logischer Virtuosität bleibt wenig Raum“, kritisieren die 83 Ökonomen.
Professuren für Wirtschaftspolitik müssten daher unabdingbarer Bestandteil der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben. Die wirtschaftspolitische Expertise, die an Universitäten wie Freiburg oder Köln über Jahrzehnte gepflegt wurde, entwickelt sich zum ungeliebten Stiefkind. International orientierte Volkswirte sollen sich angeblich gegen die Kritik der 83 deutschen Kollegen wehren. Das berichtet zumindest das Handelsblatt.
Der Aufruf sei provinziell, rückwärts gewandt und inhaltlich falsch. Hintergrund des Manifestes mit dem Titel „Rettet die Wirtschaftspolitik an den deutschen Universitäten“ seien Debatten an den Hochschulen Köln und Freiburg darüber, wie frei werdende Lehrstühle für Wirtschaftspolitik besetzt werden sollen. Beide Fakultäten möchten international ausgerichtete Volkswirte berufen, die die heute in ihrem Fach gängigen Methoden beherrschen. Köln möchte eine auf Makroökonomie spezialisierte Forschergruppe schaffen. „Und genau hier muss die Kritik ansetzen, wenn man die Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft betrachtet. Freiburg und Köln gehörten nach 1945 zu den wichtigsten Hochschulen für die Entfaltung der Ordnungs-Ökonomik. Ludwig Erhard hat die Soziale Marktwirtschaft eben nicht als wissenschaftlich-empirisches Modell begründet. Das Konzept seiner Währungsreform, zwei Jahre vor Kriegsende begonnen und 1948 umgesetzt, wollte richtungsweisende Grundsätze entwickeln“, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash.
So sei die Soziale Marktwirtschaft nicht als theoretische Formel, sondern als politische Konfession mit „kühlem Kopf und heißem Herzen“ erdacht worden. Die heutigen ökonomischen Modelle stünden im Widerspruch zur gesellschaftspolitischen Praxis. „Das Manifest der 83 Professen zeichnet eben kein Zerrbild der Volkswirtschaftslehre, sondern ist ein überfälliger Zwischenruf, um auf die Defizite der modernen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung hinzuweisen“, erklärt Nadolski. Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Professor Joachim Starbatty aus Tübingen. „Das, was wir Finanzkrise nennen, ist zugleich eine Krise des derzeit dominanten Wirtschafts- und Lebensstils und auch – das muss unumwunden eingeräumt werden – der modernen Volkswirtschaftslehre. Wer von den Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaft, wer von den im Fernsehen präsenten Großwissenschaftlern, wer von den Wirtschaftsweisen hat rechtzeitig seine
warnende Stimme erhoben? Auf welchen repräsentativen Kongressen ist das Heraufdämmern der Krise gesehen worden“, fragt sich Starbatty.
Viele Wirtschaftswissenschaftler würden die ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen reduzieren. Diese könnten uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut. „Was nicht in gerade modischen, mathematisch gefassten Modellen behandelt wird, existiert nicht mehr. Was keine Chancen hat, in amerikanischen Journals publiziert zu werden, wird beiseitegeschoben“, kritisiert Starbatty, der das Manifest mitunterzeichnet hat. Weil sich die Zunft der Ökonomen nicht mehr um das kümmere, was „jenseits von Angebot und Nachfrage“ liegt, kann sie sich kein umfassendes Bild mehr von Wirtschaft und Gesellschaft machen. Wer die einschlägigen Fachzeitschriften durchblättere oder die von der Europäischen Zentralbank publizierten Aufsätze studiere, wird dem Ökonomen und Erhard-Berater Wilhelm Röpke recht geben, dass das meiste, was da „unter dem großmäuligen Titel der modernen Ökonomie“ getrieben werde, ein „riesenhafter szientistischer Leerlauf“ sei.
„Einige internationale Wirtschaftswissenschaftler reagieren immer noch gereizt, wenn man ihre völlig überschätzte makroökonomische Theorie demontiert und ihre Selbstüberschätzung thematisiert. Die haben noch immer nicht den Ernst der Lage begriffen“, betont der Personalexperte Nadolski. In den hochabstrakten Modellen der Wirtschaftswissenschaft werden entscheidende Faktoren ausgeblendet, die das menschliche Verhalten prägen. „Der plötzliche Verlust an Vertrauen, ausgelöst durch die Finanzkrise, der seit einem halben Jahr auch die Realwirtschaft lähmt, war in keinem Modell vorgesehen. Erst in jüngerer Zeit bemüht sich die Verhaltensökonomik zu verstehen, welche zum Teil auch irrationalen Motive (zum Beispiel das Herdenverhalten) die Marktakteure antreiben. Zugleich sollten nicht die fragwürdigen Motive der Politik unterschlagen werden, die den Rahmen für die Wirtschaft setzt. Auch hier herrscht wahrlich nicht die reine ökonomische Vernunft“, kommentiert FAZ-Redakteur Philip Plickert.
Die traditionelle Lehrstühle für Wirtschaftspolitik, wie in Köln, seien daher unverzichtbar. „Die konkrete Kenntnis wirtschaftspolitischer und rechtlicher Institutionen und ihrer Anreiz- und Lenkungswirkungen ist das Thema guter Ordnungsökonomik. Davon braucht es mehr und nicht weniger. Viele Aussagen der Ordnungsökonomen sind zwangsläufig normativ. Der Katalog konstitutiver Prinzipien, die Walter Eucken, der Urvater der deutschen Ordnungsökonomen, aufgestellt hat, enthält im Kern immer noch die Grundregeln einer guten Wirtschaftspolitik: Respekt für die Eigentumsrechte und die Vertragsfreiheit, eine stabile Währung, Wettbewerb und die Betonung der privaten Haftung. Einige dieser Prinzipien wurden grob verletzt, wie nun die meisten Ökonomen eingestehen. Die Krise sollte für sie nun Anlass sein, aus der Formelwelt in die reale Welt zurückzukehren und sich wieder stärker den Grundsatzfragen zu stellen“, fordert Plickert.
Wenn von der Rettung der Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik die Rede sei, dann ist eine akademische Disziplin gemeint, die das Wägen lehrt und vom Abschätzen der Folgen wirtschaftspolitischer Entscheidungen handelt, schreibt Hans D. Barbier, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, in seiner FAZ-Kolumne „Zur Ordnung“. „Für solche Ordnungspolitik hatte der Lehr- und Forschungskanon deutscher Universitäten traditionell einen guten Leumund. An deutschen Universitäten wurde gelehrt und gelernt, das ‚Respice finem!’ – ‚Bedenke die Folgen deiner Entscheidungen und ihrer weichenstellenden Wirkung!’ – nicht aus dem Auge zu verlieren“, führt Barbier weiter aus. Die 83 Ökonomen, die jetzt zur Rettung der Ordnungspolitik an den Hochschulen aufgerufen haben, verdienten daher jede Unterstützung.
Harvey Nash-Deutschlandchef Udo NadolskiHarvey Nash-Chef Udo Nadolski hatte schon im November 2008 eindrücklich davor gewarnt, wegen der Krisenberichterstattung mit Schockstarre zu reagieren und Investitionen zu stoppen: „Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache ist ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung…Deshalb sollten wir uns in der Realwirtschaft vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen“, so die Ausführung von Nadolski im vergangenen Jahr. Nach einem Bericht der Nürnberger Zeitung (NZ) lässt er jetzt auch Taten folgen. Mit der Übernahme des Mobilfunk-Teams von Alcatel-Lucent habe Harvey Nash ein attraktives Geschäftsfeld in der Hand. „Nash hat den Mobilfunk-Bereich mit fast allen Mitarbeitern übernommen. Denen wurde der Wechsel zum neuen Arbeitgeber vom bisherigen kräftig versüßt. Für eineinhalb Jahre bekommen die Mitarbeiter einen Bonus, der das Gehalt praktisch verdoppelt. Und: Nash wickelt nicht ab, sondern baut den Standort nach Aussagen von Nadolski aus: Seit Oktober wurden rund 20 Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlich sind 50 Externe beschäftigt“, so die NZ.
Zielgröße für Nürnberg seien 250 Beschäftigte, die von etwa 100 Spezialisten in einem Test- und Entwicklungszentrum in Vietnam unterstützt werden sollen. In Nürnberg habe man ein hochqualifiziertes Entwicklungsteam mit 170 Ingenieuren« in einem Marktsegment übernommen, in dem Ingenieursmangel herrsche. Alles Fachleute für sogenannte „embedded software“, also „für hardware-nahe Programmierung“. Dieses Know-how sei auch abseits des bisherigen Schwerpunkts Kommunikationstechnik heiß begehrt. Es werde praktisch überall gebraucht, etwa in der Medizin, Luftfahrt oder Verkehr. Potenzielle Kunden seien Siemens und Nokia sowie asiatische Anbieter. Einen ersten Auftrag der schwedischen Firma Ericsson habe Nadolski schon eingefahren. Ein großer Vorteil sei das hochmoderne Funknetz in Nürnberg. „Bei uns lassen sich neue Anwendungen, wie zum Beispiel Kommunikationsfunktionen im Auto oder neue Handy-Familien, inklusive des Netzwerkes komplett simulieren. Das kann kein kommerzieller Anbieter“, so Nadolski gegenüber der NZ.
Potenziale biete beispielsweise die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation. Das konnte man an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von der Harvey Nash-Tochter Nash Technologiesgeht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.
Generell werde der Trend zu vernetzten Welten für einen wirtschaftlichen Schub sorgen.
Davon geht auch die Studie „IT-Industrie 2020“ von A.T. Kearney aus. Zu den besonders wachstumsstarken IT-Sektoren zählt das Beratungsunternehmen die sogenannten Embedded Systems – IT-Komponenten, die in andere Produkte wie etwa Automobile oder Industrieanlagen integriert sind -, sowie Softwaresysteme. Beide Sektoren sollen bis 2020 um 8,5 beziehungsweise 6,2 Prozent pro Jahr wachsen – und dabei als Nachbrenner für die Gesamtwirtschaft fungieren.
Im Konjunkturpaket II der Bundesregierung findet sich als Beschluss 1 „Zukunftsinvestitionen der öffentlichen Hand“, und darin die Aussage: „Investitionsschwerpunkte sind der Bildungsbereich, insbesondere Kindergärten, Schulen, Hochschulen und die Infrastruktur, insbesondere Verkehr, Krankenhäuser, Städtebau und Informationstechnologie.“ Hier bieten genügend Möglichkeiten, um kurzfristig die Kommunikations-Infrastruktur und Anwendungen voranzutreiben. Bedarf gibt es in Deutschland hinreichend. Neben den nach wie vor DSL-technisch nicht erschlossenen rund 700 Ortsnetzen existiert ein Bedarf in vielen Ortsnetzen, in denen DSL nur mit geringen Bandbreiten verfügbar ist. Laut Bericht des Verbandes Bitkom waren in Deutschland im Februar 2009 erst 58 Prozent der Haushalte mit Breitbandzugängen erschlossen. Die Zugänge mit 16 Mbit/s Bandbreite oder mehr und somit die wirklich multimedialen Zugänge sind noch deutlich in der Minderheit.
Da die einzelnen Netzbetreiber jeweils für sich Geschäftspläne rechnen müssen zur Erschließung der Ortsnetze oder der Hauptverteiler der Telekom, sind die ländlichen Regionen mit ihren durchschnittlich größeren Distanzen und damit dem höheren Aufwand und zusätzlich geringer Kundendichte immer benachteiligt.
Hier können Länder und Kommunen eingreifen, sozusagen als Neuauflage der Breitbandinitiative von 2002. Gemeinschaftliche Förderkonzepte und Co-Finanzierungen bieten mit den neuen technischen Möglichkeiten wie ADSL2+, Reach-Extended ADSL, FTTH (Fiber to the home) oder Long Term Evolution (LTE) viele Ansätze für eine flächendeckende Versorgung mit schnellen Breitbandzugängen. Da Breitbandzugänge als ein wesentlicher Faktor für Produktivitätszuwächse gelten – Südkorea hatte schon 2007 rund 90 Prozent aller Haushalte mit Breitband-Internet versorgt – könnte das Konjunkturpaket II hier zur Schaffung einer leistungsfähigen Informationsgesellschaft beitragen.
Generell verfügbare Breitbandzugänge mit wirklich hoher Bandbreite stellen auch die Voraussetzung für Anwendungen wie Cloud Computing, IP Centrex und Software-as-a-service (als gehostete Lösung) dar, also für die Unabhängigkeit des Anwenders und seiner Endgeräte von lokal installierter Technologie. Das erleichtert gleichzeitig die Entwicklung von echten Managed Services.
Für Kommunen und Städte liegt die Umsetzung einer „Wireless City“ nahe, einem auf mobilen Breitbandzugängen basierenden Service. Hier können Zugang, Authentifizierung und Abrechnung für komplett mit WLAN ausgeleuchteten Einkaufszonen, Innenstädten und Verkehrsknotenpunkten zusammengefasst werden, verbunden mit mobiler Navigation, Veranstaltungskalendern, kulturellen Angeboten und Shopping-Führern.
Gerade bei Navigationssystemen im Handheld-Format geht der Trend hin zur WLAN- und 3G-Vernetzung und auch zur Fähigkeit, Videos abzuspielen. Sie bieten sich als ideales Endgerät für Einkaufsbummel und Städtetouren an. Derartige Konzepte für eine „Wireless City“ hat bereits die Wolfsburg AG ausgearbeitet – ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Wolfsburg und der Volkswagen AG. Nun fehlt es noch an Visionen und Entscheidungsfreude der Kommunen – was ja nichts Neues ist. Aktuell beschränken sich die Infrastrukturprojekte der Kommunen eher auf klassische Baumaßnahmen, also auf die Sanierung der öffentlichen Bausubstanz. Hochschulen sind abseits der technischen Studienfächer häufig noch immer informations- und kommunikationstechnisch unterentwickelt. So erschlagen sich in Köln in den Uni-Cafeterien, um einen WLAN-Empfang zu bekommen. Nicht gerade eine smarte Lösung für Wissensarbeiter des 21. Jahrhunderts.
Einige Hochschulen sind aber bereits mit dem Thema „Wireless Campus“ beschäftigt, nämlich der kompletten WLAN-Abdeckung des Campusgeländes und dem entsprechenden Angebot aller Dienste über HTML-Browser. Hierüber lassen sich Bibliothekszugriffe, Downloads von Vorträgen, Online Recherchen bis hin zum Videostreaming von Vorlesungen mobil und flachendeckend anbieten. Diese Dienste können von Studenten wie auch Dozenten über die verschiedensten Endgeräte genutzt werden. Das klassische „Schlange stehen“ zur Einschreibung, Seminarregistrierung, bei der Nutzung von Bibliothekscomputern gehört dann der Vergangenheit des vordigitalen Zeitalters an. Bleiben noch die Schlangen an den Essensausgaben der Mensen als nostalgische Reminiszenz, zumindest wenn die Qualität der Küche stimmt. Was an der FU-Berlin selten der Fall war – außer wenn es Grießbrei mit Kirschen gab….Siehe auch den Bericht über den Vorschlag für die Uni Köln, allen Studenten als Gegenleistung für die Studienzwangsabgaben ein iPhone auszuhändigen. Das wurde sofort mit einem wütenden Anruf des Uni-Pressesprechers beantwortet. Dahin sollte aber der Weg einer modernen Hochschule gehen. Ansonsten macht es halt die Uni München schneller, dann werden sich die Verantwortlichen der Domstadt auch wieder ärgern.
FDP-Politiker Rainer Brüderle fordert umfassende Steuersenkungen und Steuervereinfachungen, um „die Teufelsspirale aus einbrechender Nachfrage, zurückgehenden Investitionen, steigender Arbeitslosigkeit und wachsenden Haushaltsbelastungen durch höhere Sozialausgaben“ zu durchbrechen: Ohne kräftige steuerliche Wachstumsimpulse seien die „meisten Arbeitsplätze“ im Mittelstand in Gefahr, so der Wirtschaftsfrontmann der FDP-Bundestagsfraktion.
Milliardenschwere Konjunkturprogramme alleine können nach Ansicht von Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), nicht für einen Aufschwung sorgen. „Konjunkturprogramme sind kein Ersatz für eine solide Wirtschaftspolitik. Besser, als Milliarden für fragwürdige Strohfeuer auszugeben, wäre so zum Beispiel eine Korrektur der Unternehmensteuerreform. Mit dieser hatte die große Koalition zwar den Steuertarif gesenkt. Doch im Gegenzug hat sie die Besteuerung ertragsunabhängiger Elemente drastisch und teils willkürlich ausgeweitet. Die Folge davon belastet jetzt in der Krise viele Unternehmen: Obwohl die Gewinne ausbleiben, bleibt die Steuerlast hoch“, kritisiert Ohoven.
In Richtung der Unternehmer rät Ohoven, die angespannte Wirtschaftslage nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu sehen. Falsch sei es auf jeden Fall, mit Schockstarre zu reagieren. Davon ist auch der Personalexperten Udo Nadolski vom Beratungsunternehmen Harvey Nash überzeugt. In der Realwirtschaft sollte man sich vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. „Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen“. Nur so könne der Aufschwung eingeleitet werden.
Inhabergeführtes Unternehmen setzt sich vom Krisengejammer ab„Statt als ‚Trittbrettfahrer’ der Finanzkrise auf Steuergeschenke zu hoffen, können Unternehmen beispielsweise frei gewordene Ressourcen dazu nutzen, mittels kleinerer IT-Projekte größere Schritte in der Optimierung ihrer Geschäftsprozesse zu machen“, empfiehlt der Textil- und Druckunternehmer Bernd Lautenbach, Geschäftsführer der inhabergeführten PONGS Unternehmensgruppe.
„In der Absatzkrise lohnen sich beispielsweise IT-Investitionen in den Kundenservice “, berichtet Lautenbach, der gerade ein neues Kundenserviceportal für die Unternehmen seiner PONGS Gruppe auf die Beine gestellt hat. Mit der neuen Online-Datenbankanwendung könnten seine Unternehmen erstmals ihre etwa 800 Produkt- und Serviceangebote, die es zum Teil in Hunderten Varianten gibt, online darstellen und ihren weltweiten Kunden und Interessenten eine schnelle, präzise und ortsunabhängige Interaktion mit den jeweils richtigen Ansprechpartnern in den einzelnen Unternehmen ermöglichen, so Lautenbach: „Wenn in wenigen Wochen die Warenwirtschaftssysteme und die wichtigsten Fremdsprachen in das Portal integriert sind, bieten wir die gesamten Vertriebsprozesse unserer Unternehmen von der weltweiten, vielsprachigen Präsentation der Produkte über die Auswahl und Bestellung, für unsere Top-Kunden bis hin zur Rechnungslegung und Sendungsverfolgung, online an. Zugleich können wir im Rahmen dieses IT-Projekts durch ihre Verlagerung aus der Offline-Welt in das Content Management System viele interne Unternehmensprozesse automatisieren und die dadurch gewonnene Arbeitszeit in Beratung, Service und Produktentwicklung investieren.“
Die Ergebnisse des letzten BDI-Mittelstandspanels zeigen, dass PONGS ein typisches Beispiel für einen weit verbreiteten Trend im Mittelstand ist: Demnach „ist die deutsche Industrie derzeit überaus aktiv damit befasst, den Absatz ihrer Produkte anzukurbeln, um die gesetzten Umsatzziele zu erreichen und die Gewinnerwartungen so weit wie möglich zu erfüllen. Das am weitesten verbreitete Instrument stellt dabei eine intensivere Vermarktung der Produkte dar, die derzeit von 56 % der Unternehmen betrieben wird. Insgesamt schaut sich jedes zweite Unternehmen nach neuen Absatzregionen für seine Produkte um.
Beim Durchstöbern meiner Bibliothek bin ich auf ein Buch des Nationalökonomen Professor Wilhelm Röpke gestoßen. Und der Titel passt ja zur aktuellen Lage: „Krise und Konjunktur“. Allerdings aus dem Jahr 1932!!!
Bekannt wurde Röpke als Mitstreiter und Berater von Ludwig Erhard. Einer der Architekten der Sozialen Marktwirtschaft und ein bekennender Neoliberaler. Was heute als Kampfformel für zügellosen Kapitalismus verwendet wird, hatte in den 1940er Jahren bei den Gegnern totalitärer Ideologien einen völlig anderen Hintergrund. Der Begriff wurde 1938 beim „Le Colloque Walter Lippmann“ in Paris geprägt als Abschied vom Laissez-faire-Gedanken. Es ging um die Verteidigung von Freiheit und Menschlichkeit. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man die Krisenanalyse von Röpke liest, der nach der Machtergreifung der Nazis ins Exil ging.
Zu den Ursachen für die Verschärfung der Weltwirtschaftskrise von 1929 zählt Röpke auch psychologische Faktoren, die ich in einigen Blog-Beträgen schon dargelegt habe: „In einem Wirtschaftssystem, das auf den freien Entschließungen und Wirtschaftsakten von Millionen von Individuen beruht, müssen die seelischen Schwankungen, denen diese Entschließungen unterliegen, für das Gleichgewicht des Wirtschaftsprozesses von entscheidender Bedeutung sein, und es entsteht die Frage, ob nicht die wirtschaftlichen Bewegungsentscheidungen im letzten Grunde auf solchen Schwankungen der Massenstimmungen und Massenurteile beruhen. Diese Frage wird von der psychologischen Schule der Konjunkturtheorie bejaht (Pigou, Lavington, Schumpeter)“, so Röpke. Leider können wir auf eine solche Schule nicht mehr zurückgreifen. Es dominieren die Marko-Klempner und VWL-Mechaniker, die wenig bis gar nichts von Wirtschaftspolitik als Staatskunst verstehen. Es ist ja kein Zufall, dass im Nachkriegsdeutschland das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft erfolgreich durchgesetzt werden konnte. Zu den Ratgebern zählten profilierte ordnungspolitische Denker wie Röpke, Müller-Armarck oder Eucken, nicht zu vergessen der Promoter Ludwig Erhard. Um so wichtiger ist es, auf Schriften dieser Denker zurückzugreifen. Röpke schreibt in „Krise und Konjunktur“:
„Mit ermüdender Regelmäßigkeit wiederholt sich in jedem Konjunkturzyklus die Erfahrung, dass sich die Menschen während des Aufschwungs dem Glauben an die ewige Dauer der Prosperität hinzugeben scheinen, während sie in der Depression, von einer düsteren Melancholie ergriffen, das fast an Weltuntergangsstimmung grenzt, von einem ‚Ende des Kapitalismus‘ reden und vergessen, dass bisher noch jede Depression ihr Ende gefunden hat. Es handelt sich hier um geistige Massenepidemien, denen nur ganz wenige zu widerstehen vermögen, während die große Mehrzahl sich von der Suggestivgewalt der Massenstimmung fortreißen lässt. Für alle diese seelischen Vorgänge gilt, dass sie sich nicht zu solchen Ausmaßen entwickeln könnten, wenn nicht die Ungewissheit über wichtige wirtschaftlich erhebliche Tatsachen, die Mangelhaftigkeit der wirtschaftlichen Informationen und die Unsicherheit der Zukunft einen breiten Spielraum für bloße Vermutungen und unbestimmte, stark gefühlsmäßig gefärbte Prognosen und damit für Irrtümer aller Art schaffen würden.“ Da braucht man sich ja nur das Prognosedesaster unserer Wirtschaftsweisen anschauen. „Aber selbst von den einigermaßen feststehenden Tatsachen gilt das Wort eines griechischen Philosophen, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Klar ist auch, dass die psychologischen Faktoren nicht zu den Hauptursachen der Krise zählen. Aber man muss sie berücksichtigen, um aus dem Teufelskreis wieder herauszukommen. „Das Seelische“, so Röpke, spiele eine aktive Rolle bei der „Überwindung des toten Punktes in der Depression“, wenn es um die Vervielfältigung der Aufschwungkräfte geht. Umso erschreckender ist die Visionslosigkeit und Visionstabuisierung der Eliten in Deutschland, die wir zur Zeit erleben.
„Nicht die Trägheit der Volksseele ist das Problem, sondern die freiwillige Entmündigung der führenden Köpfe des Landes“, bemängelt der Psychologe Stephan Grünewald im Interview mit NeueNachricht. „Besonders die Eliten der Wirtschaft entmündigen sich selbst. Einen entsprechenden Befund haben wir in unserer Studie über die mangelhafte Reformbereitschaft von Entscheidungsträgern festgestellt. Der übergreifende Sinn von Reformen wird weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erscheint entweder als überkomplex oder man hat den Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wird die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!‘ Die Visions-Negierung erschwert es, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen“, so Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold-Instituts in Köln. Die Selbstentmündigung der Entscheidungsträger und ihre systematische Abkopplung von der Reform-Politik bringe sie in eine seelisch kommode Position: „Sie können beim Staat alles einklagen, sind aber selber zu nichts verpflichtet. Vor allem das vehemente Klagen über die Zustände und die Verlagerung des persönlichen Unmuts auf die Politik ermöglicht, aus der selbst hergestellten Ohnmacht herauszutreten. Und die eigene Handlungsstärke zu demonstrieren. Ohnmacht vor sich selbst zu begründen. Gleichzeitig sieht man sich dabei nicht genötigt, selber aktiv zu werden“, erklärt Grünewald.
Die Finanzkrise verstärke diese Denkhaltung und bekommt eine ungeheuerliche Dimension. „Sie erscheint wie ein Schwarzes Loch, was alles zu verschlingen droht. Das macht Menschen noch handlungsunfähiger. In diesem Schwarzen Loch können über Nacht nicht nur Gelder, sondern auch Immobilien und ganze Banken verschwinden. Zurück bleibt ein Ohnmachtsgefühl“, sagt Grünewald. Fatal sei der um sich greifende Zweckpessimismus in der Wirtschaft, der zu einer zweiten krisenhaften Bugwelle führt. Viele Firmen würden sich vorsorglich schon so verhalten, wie es die düsteren Konjunkturprognosen voraussagen. „Das entwickelt sich schon fast zu einem Volkssport. Jeder Vorstandschef will nachweisen, dass er heftig gespart hat“, betont der Rheingold-Chef. Das sei alles andere als visionsfreudig. Die Wirtschaftselite verhalte sich prozyklisch. Besser wäre es, wenn man sich jetzt auf seine Kernwerte besinnen und stärker über Zukunftsprojekte nachdenken würde.
Die ZDF-Sendung Aspekte hatte am Freitag mal wieder einen guten Unterhaltungswert. Schwerpunkt war die Katerstimmung in London und die literarische Aufarbeitung der Finanzkrise.
Investmentbanker packen aus
Banker im KoksrauschGeraint Anderson ist ein Insider. Er kennt das Finanzsystem und er hat darüber geschrieben. Er arbeitete zwölf Jahre als Analyst in Europas Finanzmetropole London und wurde in seinem Fachgebiet mehrmals zum besten Analysten aller Banken der Stadt gewählt. Was keiner wusste: Während der letzten beiden Jahre seiner beruflichen Tätigkeit ging er einem brisanten Nebenjob nach. 22 Monate war seine Identität eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Londoner City. Unter dem Pseudonym City Boy veröffentlichte er in der Gratiszeitung The London Paper schmutzige Details aus der Londoner Finanzwelt. 500.000 Leser verfolgten jeden Freitag seine Geschichten von ausufernden Hummer- und Champagner-Abenden auf Spesenrechnung, Drogenexzessen, Prostitution und illegalem Aktienhandel. Mittlerweile ist er komplett ausgestiegen und hat ein Enthüllungsbuch geschrieben: City Boy. Beer and Loathing in the Square Mile.
Roman über die KriseBodo Kirchhoffs „Erinnerungen an meinen Porsche“: Eine Satire auf deutsche Bestsellerlisten, Expromis oder die Praktiken der Investmentbanker macht ihm so schnell keiner nach. Sein Sprachwitz, seine originellen Worterfindungen sind oft zum Schreien komisch. […]. Satire funktioniert immer dann am besten, wenn sie mit heißem Herzen geschrieben ist und ein Stückchen Liebe zum Gegenstand dennoch hindurchflimmert. Genau das beherrscht Bodo Kirchhoff. (Sächsische Zeitung)
Die Rolle des Staates als KrisenverursacherWer etwas über die Ursachen der gierigen und koksenden Banker erfahren will, sollte zum Buch von John B. Taylor greifen. Getting off Track heißt das Werk. Der Makroökonom wendet seinen Blick auf das Jahr 2002. Damals hätte die amerikanische Zentralbank mit Zinserhöhungen beginnen müssen. Die zu niedrigen Zinsen ließen in Amerika, und in den wichtigsten Finanzzentren, einen Immobilienboom entstehen, begünstigt durch eine Politik, die den Hauserwerb begünstigte. Die Schleusen wurden schon unter dem US-Präsidenten Bill Clinton geöffnet mit einem Gesetz, dass amerikanischen Banken verbot, Arme bei der Kreditfinanzierung fürs Eigenheim zu diskriminieren. In der aktuellen Diskussion spielen diese Informationen leider keine Rolle, sind aber wichtig, um die richtigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung einzuleiten.
In meiner Umfrage zum richtigen Krisenmanagement gibt es einen klaren Trend: 60 Prozent gaben zu Protokoll, dass die relativ stoische Haltung der Deutschen in diesen turbulenten Tagen richtig sei. Nur so könne man angemessen auf die Krise reagieren. Nur jeder Fünfte ist der Meinung, dass die Reaktion der Bevölkerungsmehrheit in Deutschland als Realitätsverweigerung gewertet werden kann. 10 Prozent sind der Auffassung, dass die Krisenwahrnehmung der Deutschen der eigenen erlebten Realität entspricht. Es kann weiter abgestimmt und diskutiert werden.