IBM und das Social Business: Teilen statt Herrschen

Keine Pressekonferenz - aber trotzdem lustig

Auf der Cebit-Pressekonferenz, die heute Vormittag live ins Netz übertragen wurde, hat die IBM-Deutschlandchefin Martina Koederitz das Motto ihres Unternehmens für die Cebit 2013 „Rethink your Business“ und ein paar interessante Daten einer Befragung von Vorstandsvorsitzenden vorgestellt.

„Wir sehen die Notwendigkeit, dass Unternehmen durch Hyperdigitalisierung und fortschreitende Vernetzung gefordert sind, ihre Geschäftsmodelle laufend zu ,überdenken‘ und zielgerichtet an veränderte Marktanforderungen anzupassen.“

Nahtlos füge sich hierzu auch das von der Deutschen Messe AG ausgerufene CeBIT-Motto ein, denn mit „Shareconomy“ wird die Entwicklung zu einer neuen Offenheit und partnerschaftlichen Zusammenarbeit in den Unternehmen aufgegriffen.

„Die Ergebnisse unserer jüngsten CEO-Studie untermauern den Gedanken von Shareconomy. Unterm Strich besagen sie, dass Offenheit gegenüber Märkten, in der Unternehmenskultur und in Bezug auf das Innovationsmanagement die neue Erfolgswährung für Chefs und Mitarbeiter ist“, so Koederitz.

„Social Business“ setze auf Teilen statt Herrschen. Denn Globalisierung, neue Technologien und immer kürzere Entwicklungszyklen erhöhen den Innovationsdruck in allen Unternehmen, mehr Transparenz ist notwendig. Der Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette eines Produkts, auch über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg, wird dabei immer wichtiger. Gerade für den expandierenden deutschen Mittelstand sind globale Vernetzung und Einbindung aller Mitarbeiter und Produktionsstätten ein wichtiges Thema. Das Stichwort hierfür lautet: Industrie 4.0

Vielleicht hat es mit der Globalisierung diesmal weiter weniger zu tun als es die IBM-Geschäftsführerin glaubt. Braucht man also nur eine neue Unternehmenskultur und dann wird alles gut. Erinnert mich ein wenig an die unglaublich zähen Debatten über Unternehmensleitlinien, die über die Wirkung von Kalendersprüchen nicht hinweg kommen.

Vielleicht scheitern auch im Ganzen die Evaluations-, Controlling- und Buchführungs-Diktaturen:

„Im System der Delegationen oder Abtretungen von Souveränität, oder anders, im System der stillen Entmächtigungen, spielt die Evaluation eine entscheidende Rolle. An ihr drückt sich die spezifische Ohnmacht des gouvernemental gesteuerten Angestellten aus. Der Apparat ist mächtiger denn je, und kaum irgendwo äußert sich gegen ihn die Bürger- und Angestelltenwut“, schreibt Christoph Bartmann in seinem Buch „Leben im Büro“.

Die Graswurzel-Bewegungen des Netzes könnten das ändern. Etwa die Crowdfunding-Initiativen, die auch in deutschsprachigen Ländern wie Pilze aus dem Boden schießen, wie Dirk von Gehlen am Beispiel seines Buchprojektes „Eine neue Version ist verfügbar“ beim Digitalen Quartett darlegte.

Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden danach gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei. Es könnten sich also die Gewichte der Ökonomie noch stärker ändern als es selbst die IBM-Chefin erahnt. Mehr dazu morgen in meiner The European-Kolumne.

Siehe auch:

Über den Niedergang des homo hierarchicus.

Wäre übrigens auch ein schönes Thema für unser virtuelles Blogger Camp am Mittwoch, den 30. Januar 2013.

Am 17. Dezember – wegen Weihnachten diesmal etwas früher – geht es von 18,30 bis 19,00 Uhr um die „Krankenakte digitale Wirtschaft: Über die vernetzte Ökonomie in Deutschland“ und von 19,30 bis 20,00 Uhr um das „Image der Landwirtschaft – Zwischen Hightech und Landliebe“. Die erste Session über die Krankenakte organisiere ich. Wer beim Live-Hangout mitmachen möchte, kann sich bei mir melden – bitte aber kurzfristig. Ist nicht mehr viel Zeit.

Die zweite Session über Landliebe stellt Hannes Schleeh zusammen.

Ein Lob übrigens an die Messegesellschaft in Hannover. Die Pressekonferenz wurde nicht nur live ins Netz übertragen, sondern lag auch zügig als Aufzeichnung vor. Anders als beim Start der der Deutschen Digitalen Bibliothek. Es sollte bei solchen Übertragungen immer eine Aufzeichnung sichergestellt werden. Sehr einfach machbar, wenn man den Google-Dienst Hangout On Air nutzt, wo die Liveübertragung direkt auf Youtube als Aufzeichnung vorliegt: Nur so entsteht ein asynchroner Nutzen, der nicht an das Zeitfenster des Ereignisses gebunden ist und bietet Möglichkeiten der Zweitverwertung via Slideshare, Youtube, Blogs, Xing, Twitter und Co.

Was die Wirtschaft auch noch falsch einschätzt: Unternehmen hoffen, dass ihnen Facebook und Twitter beim Marketing helfen. Doch Social Media erweist sich oft als fiese Falle. Denn die Internetdienste bieten Kunden die Möglichkeit, ihre Gegner nach Strich und Faden vorzuführen. Ein Leitfaden für Service-Guerilleros vom Warteschleifen-Kolumnisten Tom König.

Über den Niedergang des homo hierarchicus

Balanceakt

Am Wochenende habe ich ja schon angedeutet, dass ich mich an einer Theorie der Sozialen Ökonomie abarbeite. Eher der fragmentarische Versuch, ein neues Verständnis für die Wirkungen des Digitalen und Social Webs zu entwickeln. Für meine Mittwochskolumne habe ich jetzt erst mal den Anfang fertig. Mein Titelvorschlag: Die neuen Autonomen – Über den Niedergang des homo hierarchicus.

Führungskräfte der Wirtschaft verfügen über zu wenig Erfahrung im Umgang mit sozialen Medien und setzen weiterhin auf hierarchisch gesteuerte Entscheidungen. Das zeigt die Capgemini-Studie „Digitale Revolution“. Im Arbeitsalltag gehen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

„Fest steht, dass der Erfolg von Transformationsprojekten heute in den Händen von Führungskräften liegt, die häufig nicht gewillt oder nur schlecht auf diese Herausforderung vorbereitet sind“, so die Studien-Autorin Imke Keicher.

Die Gründe für diese Abwehrhaltung sind vor allem die Angst um den Einfluss- und Statusverlust (47 Prozent) und die dichte Taktung der Veränderungsprojekte in den vergangenen Jahren, bestätigen 40 Prozent der Befragten.

74 Prozent stimmen der Aussage zu, dass sich Veränderungen nur schwer von außen aufzwingen lassen, wenn die Mitarbeiter dazu innerlich nicht bereit sind. Für eine erfolgreiche Veränderung kommt es nicht nur darauf an, Fakten zu vermitteln (57 Prozent Zustimmung), erfolgskritisch ist es, Menschen emotional zu erreichen und für den Wandel zu begeistern (85 Prozent Zustimmung). Betrachtet man allerdings die in der Praxis angewandten Methoden, so überwiegt die fachlich-sachliche Ansprache entlang der etablierten Hierarchiestrukturen.

Einstellung und Wirklichkeit driften besonders auseinander, wenn es um den Einsatz sozialer Medien geht – den sogenannten Enterprise 2.0-Anwendungen. 65 Prozent der Befragten geben zu Protokoll, dass sie sich eine Arbeitserleichterung durch den Einsatz solcher Anwendungen versprechen. Aber nur für 15 Prozent spielen die vorhandenen 2.0-Anwendungen eine unverzichtbare oder große Rolle. Zwar werden bereits verschiedene „digitale“ Werkzeuge genutzt, jedoch sind Führungskräfte zögerlich, wenn es um den Einsatz „echter“ Enterprise 2.0-Anwendungen geht.

„Die digitale Transformation liegt noch in weiter Ferne, besonders wenn es darum geht, Mitarbeiter in den Veränderungsprozess einzubinden und einen Austausch über alle Hierarchiestufen hinweg zu ermöglichen“, betont die Capgemini-Beraterin Keicher.

Führungskräfte tappen im Dunkeln

Die Zurückhaltung gegenüber den neuen digitalen Anwendungen begründen 64,6 Prozent der Studienteilnehmer mit mangelnder Erfahrung. Es könnte natürlich auch etwas ganz Anderes hinter den Blockaden stecken.

Sind es wirklich „Change-Aversionen“, die dem „Wandel“ entgegenstehen? Vielleicht ist es das Substrat einer pseudo-modernen Organisation, entworfen auf dem Reißbrett von Planungs- und Prozessfanatikern, das man krampfhaft bewahren will.

Zum Lieblingsvokabular der Manager zählen doch Ziel, Optimierung, Strategie, Change, Projekt, Performance, Evaluation und der berühmte Prozess, wie Christoph Bartmann „Leben im Büro“ sehr schön ausgebreitet. Eine semantische Powerpoint-Brühe, die das bürokratisch-industrielle Büroleben prägt – angetrieben von einem Gemisch aus BWL und IT. Ein Regime der Standards, Formulare, Meetings, Organigramme und To-Do-Listen. Das Ganze wird von einem Mehltau an Sprachregelungen, Leerformeln, Zielen, Strategien und operativen Handlungsanweisungen überzogen. Wichtigtuerei, gesteuert von einem rhetorischen Autopiloten – programmiert von neunmalschlauen Consulting-Päpsten, die sich mit Binsenweisheiten über Wasser halten.

So langsam dämmert es den Controlling-Süchtigen, wie soziale Medien dieses Konglomerat des Prozess-Managements untergraben. Eine Kultur der Beteiligung, die in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik immer stärker eingefordert wird, entlarvt die Seifenblasen der Funktions- und Positionselite, die sich zur letzten Abwehrschlacht in Erdlöchern verkriecht. Ein Grabenkampf, um Pfründe zu retten, wie beim Leistungsschutzrecht. Soweit der Anfang, der noch mit schönen Beispielen verfeinert wird. Aber dazu mehr am Mittwoch. Meine Kolumne erscheint ja immer so gegen 9 Uhr. Ob daraus dann eine Theorie der Sozialen Ökonomie entsteht, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht machen wir daraus auch ein Buchprojekt und folgen dem Experiment des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen auf der Crowdfunding-Plattform Startnext. Ich unterstütze dieses Vorhaben übrigens mit 30 Euro. Bin gespannt auf das Ergebnis im Frühjahr des nächsten Jahres. Wird Dirk von Gehlen doch bestimmt auf der republica vorstellen, oder?

Kolumne in der vergangenen Woche: Grenzwächter des Internets. Dubai und so weiter….

Flasche leer im Netzdiskurs?

Talkabout-Geeschäftsführer Mirko Lange hat sich in einem sehr deftigen Facebook-Kommentar zu Interviewaussagen des Markenexperten Dominique von Matt zu Wort gemeldet. Das Gespräch spiegele sehr schön den Stand wider, auf welchem Niveau „Social Media“ oft beschrieben wird:

„Es ist erschreckend, auf welch oberflächlichem Niveau dieses Interview ist. So oberflächlich, dass man es heute schon regelrecht als ‚falsch‘ bezeichnen kann. Das fängt schon mit dem Titel an. ‚Social Business‘ ist ursprünglich ein Konzept, in dem Unternehmen soziale, ökologische und gesellschaftliche Probleme lösen. Das hat mit dem nichts zu tun, wovon hier von Matt erzählt. Allerdings verwendet insbesondere IBM den Begriff ‚Social Business‘ heute anders, nämlich die Integration von ‚Social Media‘ in den Geschäftsbetrieb, einerseits durch Software wie Social CRM, Social Analytics, Social Intranets, Collaboration-Tools, andererseits durch eine Änderung der Unternehmenskultur und der Prozesse, vor allem eine transparentere und enger verzahnte Zusammenarbeit. Dieser von Matt blubbert aber hier nur von ‚Marketing‘ (genauer: Marketing-Kommunikation) und das auch nur auf einem extrem oberflächlichen Niveau, im Grunde gibt er nur Allgemeinplätze wider. Ich bin gespannt, wann wir öffentlich mal etwas ‚kompetenter‘ in eine breitere Diskussion einsteigen. Mein Lieblingssatz: ‚Wenn sich heute zwei Teenager verlieben, küssen sie sich nicht mehr hinter dem Gebüsch, sondern gehen nach Hause und ändern ihren Beziehungsstatus auf Facebook.‘ Was für ein Käse“, schreibt Lange.

Das Grundproblem sind wohl immer wieder die rosa-roten Marketing-Sprüchlein, die von vielen Führungskräften über den Social Media-„Kanal“ abgesondert werden. Schon beim Wort „Kanal“ bekomme ich regelmäßig heftigen Hausausschlag. Siehe dazu: Social Media nur ein neuer Kanal im Kundenservice? Es geht um den öffentlichen Netzdialog, liebe Silberlocken-Manager.

Bei einem Vortrag in Hannover hatte ich ja mal entsprechende Giftpfeile abgeschossen:

Streicht man in der ganzen Diskussion die rhetorischen Leerformeln der Kanalphilosophen des Marketings heraus (siehe auch: Die virtuellen Sturmtruppen des Heizdecken-Verkaufs) wird der Kern der Herausforderungen für die Wirtschaft deutlich. Dabei geht es nicht um eine euphorische und zu optimistische Überhöhung der Netzrealität. Vor diesem Fehler hat ja Kathrin Passig in ihrem republica-Vortrag eindringlich gewarnt.

Das ist ja auch das Thema des vor wenigen Tagen erschienenen Buches von Passig und Sascha Lobo: Internet – Segen oder Fluch (Rowohlt-Verlag). In ihrer Einleitung schreiben die beiden:

„Unbestreitbar: das Netz verändert die Welt. Die Frage aber, ob zum Guten oder zum Schlechten, ist nicht so eindeutig zu beantworten, wie die Verfechter beider Ansichten es gern hätten. Die einen bewegen sich in einem Feld zwischen fortschrittsgläubiger Naivität und selbstbewusstem Optimismus (dazu neige ich ja auch, gs), die anderen verharren zwischen gesunder Skepsis und verbittertem Pessimismus (das Manfred Spitzer-Syndrom).“

Einen ärgerlich großen Raum würden dabei reflexhafte Phrasen und kaum belegbare Behauptungen einnehmen, verbunden mit einem emotionalen Amalgam, das mehr die Gruppen-Zugehörigkeiten festigen als irgendjemanden überzeugen soll.

„Regelmäßig lassen sich Diskussionspodien, Talkshowkonfrontationen und Artikelgefechte beobachten, deren Teilnehmer weniger an der Vermittlung und Erklärung interessiert sind als an der Selbstvergewisserung, und oft genug waren diese Teilnehmer die Autoren des vorliegenden Buches“, so Passig und Lobo.

Ein Vorabdruck des Buches ist gestern in Spiegel Online erschienen: Digitale Gegensätze – Die wahre Debatte über das Web.

Der dringend notwendige Diskurs um das Internet, seine Bedeutung für unser Leben und seine Folgen für die Welt sei ritualisiert und erstarrt. Deshalb sollten man vielleicht einfach mehr seinen Alltag beobachten und die Veränderungen im privaten sowie beruflichen Leben genauer unter die Lupe nehmen.

Was sich auf der Mikroebene abspielt, wird wahrscheinlich irgendwann auch in einem größeren Rahmen durchschlagen – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. So war ich schon seit Jahren nicht mehr bei Mr. Music am Bonner Hauptbahnhof, um mir CDs zu kaufen – diese Zeiten sind vorbei. Gleiches gilt in den vergangenen Monaten für meine Videothek, die ich in wenigen Minuten zu Fuß erreichen kann – Video on demand dominiert mittlerweile unser Kaufverhalten. Gleiches gilt für Reisebuchungen, Bestellungen von Leckereien wie Südtiroler Schinkenspeck oder Verhackertes aus Ösiland. Für Klamotten, Weihnachtseinkäufe, Überweisungen und, und, und.

Beruflich und privat nutze ich immer mehr die Videokonferenzen via Skype oder Hangout. Letzteres mausert sich zu einer neuen Plattform für Expertengespräche, die man live ins Netz übertragen und Präsenzveranstaltungen ersetzen kann – Beispiel Blogger Camp. Warum setzen sich Cloud-Dienste wie Dropbox oder iCloud kommt? Weil ich auf bescheuerte Software-Updates und Datensicherungen verzichten kann, nicht ständig beim Kauf von neuer Hardware mit dem Aufspielen meiner gekauften Programme beschäftigt bin und geräteunabhängig auf Dinge zugreife, die ich in den vergangenen Jahren käuflich erworben habe. Deshalb wird sich das auch im Kundenservice durchsetzen und in nächster Zeit so eine Art virtueller Concierge in Erscheinung treten, der mich punktgenau bedient und meine Wünsche erfüllt – über eine Smartphone-App oder sonstwas.

An dieser Stelle möchte ich nichts überhöhen. Aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass Hotline-Warteschleifen nicht das Ende der Evolution der vernetzten Ökonomie darstellen. Da bin ich kein Optimist oder Pessimist, da bin ich einfach nur Kunde, der besseren Service wünscht.

Die technologischen Trendsetter findet man jedenfalls nicht in der Wirtschaft, wie Andreas Klug von Ityx in einem Vortrag auf der Cebit betonte:

Bei der Kommunikation über Facebook und Twitter, beim Abruf mobiler Daten, bei der Nutzung von Apps oder beim Teilen von Wissen habe der private Sektor klar die Nase vorn. Die Technisierung der Kommunikation werde vom Verbraucher vorangetrieben und kenne keine Grenzen. Unternehmen, die mit den vernetzten Kunden nicht Schritt halten, werden vom Markt verschwinden, meint Klug.

Vielleicht hilft ja auch mehr innere Einkehr oder die von Professor Peter Kruse ins Spiel gebrachten Exerzitien der Jesuiten weiter, um die Unternehmen in der Digitalisierung weiterzubringen. Die Jesuiten machen Übungen, die dazu geeignet sind, Wertemuster in Bewegung zu versetzen.

„Und ich glaube, das empfindet jeder, der mit diesen Technologien arbeitet. Wenn man sich wirklich in seinem Alltag auf die neuen Möglichkeiten einlässt, ändert sich der Arbeitsstil und nach einiger Zeit ändern sich auch die Einstellungen und Bewertungen. So merkt man zum Beispiel, dass die Bereitschaft wächst, wesentlich mehr Informationen zuzulassen, als man rational beherrschen kann“, so Kruse.

Das Einführen der Technologie sei noch der leichteste Teil. Man müsse einen Erlebnisraum für nicht hierarchische Kommunikation schaffen. Allerdings werde auch die Technologie immer komplexer und schwieriger.

Wie Social Web-Technologien die Unternehmensorganisation verändern werden, ist auch Thema einer Tagung von Harvey Nash in München am 9. November. Hauptredner des Social Media Business Breakfast ist Mirko Lange. Im Panel darf ich dann die Diskussion moderieren. Die Themen des Vortrages von Mirko:

Der fruchtlose Streit: Ist Social Media nun mehr Technologie oder mehr Kommunikation?; Spielverderber oder Enabler: Welche Rolle spielt die IT bei Social Media?; Social Media als Dialogtool: Wann stirbt die E-Mail?; Social Intelligence, Social Analytics & Social CRM: Verändert Social 
Media die IT?; Wo Technologie unverzichtbar ist: Wie können Unternehmen 
„Dialog“ skalieren?; Eine Frage des Timings: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um auf 
neue Technologie zu setzen?; Der IT-Manager der Zukunft.

Hoffe, das wird eine interessante Diskussionsrunde. Das Thema meines heutigen Blogbeitrages möchte ich in meiner Service Insiders-Kolumne am Freitag vertiefen. Entsprechend sind also wieder Meinungsäußerungen gefragt via E-Mail, Hangout oder Telefon-Interview.

Seriöses Business versus Social Media-Schnickschnack

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold. So müssten sich eigentlich Unternehmen im Social Web positionieren, schreibt Blogger Christian Buggisch in seinem höchst lesenswerten Beitrag „Zum Verzweifeln: Social Media in deutschen Unternehmen“.

„Oder mit Michael Buck von Dell gesprochen: Content is King, Listening is Queen. Natürlich muss ein Unternehmen wissen, was über seine Marke und Produkte im Web gesprochen wird. Das ist aber selbst bei großen Unternehmen nicht durchgehend der Fall.“

Nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom betreibt nur jedes zweite Unternehmen, das im Social Web aktiv ist, auch ein Monitoring. Noch schlimmer würde es bei kleinen und mittleren Unternehmen aussehen: Hier sind es nur 10 Prozent.

„Mit anderen Worten: Man sendet munter in die Welt hinaus, ohne sich darum zu kümmern, was die Welt ans Unternehmen sendet. Man weiß nicht, ob überhaupt über einen gesprochen wird, man weiß nicht, was gesprochen wird – weil man nicht zuhört“, so Buggisch.

Es fehle wohl am grundlegenden Verständnis von sozialen Netzwerken. Selbst bei der Personalrekrutierung sind nur kümmerliche 8 Prozent im Netz präsent. Interessant ist auch die Gemengelage der Verweigerer. In dieser Gruppe sind 62 Prozent davon überzeugt, die eigene Zielgruppe in Social Media nicht erreichen zu können.

„Das Zielgruppen-Argument klingt für mich nach Klischee und Ausrede, nicht nach Analyse. Hier seriöses Business, dort Social Media-Schnickschnack für Teenager und Leute, die zu viel Zeit haben. Ein weiteres Argument der Social-Media-Ablehner in deutschen Unternehmen ist übrigens, dass Social Media nicht zu ihrer Unternehmenskultur passe. Das allerdings glaube ich sofort“, erklärt Buggisch.

Virtuell profilieren für die Offline-Welt

Beide Gruppen glänzen durch Ignoranz. Die einen sind blind, die anderen setzen sich Scheuklappen auf. Woher wissen denn die Verweigerer, dass sie ihre Zielgruppen – also Privat- oder Geschäftskunden – im Netz nicht erreichen? Diese Frage wirft Kerstin Hoffmann in ihrem Buch „Prinzip kostenlos“ auf. Das Opus ist im Wiley-VCH Verlag erschienen.

„Es gibt kaum noch Haushalte oder gar Büros, die wirklich über keinen Internetanschluss verfügen. Selbst wer Facebook skeptisch gegenübersteht und noch nie etwas von Twitter gehört hat, schlägt vielleicht gelegentlich etwas bei Wikipedia nach, bestellt ein Buch bei einem Online-Versender oder googelt nach einem Dienstleister. Und da sind wir schon genau beim Punkt: Selbst wenn ein potenzieller Kunde niemals auf Ihre Facebook-Page schaut oder gar eine Twitter-Nachricht von Ihnen liest, helfen Ihnen die Sozialen Netzwerke dabei, dass er Sie findet. Verlinkungen von dort sind nämlich hochgradig suchmaschinenrelevant und schon deswegen alleine aus technischer Sicht sinnvoll“, führt Hoffmann aus.

Nicht zu unterschätzen seien auch die Multiplikatoren.

„Es könnte sogar im Extremfall so sein, dass Sie sich virtuell überhaupt nicht mit (potenziellen) Kunden austauschen. Dass Sie aber ein großes Netzwerk von Kollegen, Multiplikatoren und anderen Kontakten haben, von denen jeder einzelne für Sie eine Schnittstelle in das reale Leben darstellt. Ich habe beispielsweise über meine E-Books schon Kunden bekommen, für die jemand die PDFs ausgedruckt und auf Papier weitergegeben hatte. Kollegen erwähnen mich in Workshops oder Vorträgen, wenn sie mein geteiltes Wissen oder ein Bild aus meinem Blog nutzen, um etwas zu veranschaulichen. Auch dann trägt also jemand etwas, das ich nur virtuell publiziert habe, in andere, nicht virtuelle Situationen und trägt auf diese Weise zur Verbreitung meiner Inhalte und zu meiner Bekanntheit bei. Ich verfahre ja genauso mit Inhalten anderer Wissensträger, die ich in meine Vorträge und Workshops einbaue; natürlich immer mit Quellenangabe“, erläutert die Kommunikationsexpertin.

Soweit ein Auszug meiner Service Insiders-Kolumne, die heute erschienen ist. Hier geht es zur Kolumne: Über Blindfische und Verweigerer in sozialen Netzwerken – Wie Unternehmen das Internet unterschätzen.

Siehe auch:

Kontrollillusionen und Verweigerung: Unternehmen über das Social Web kaum ansprechbar.

Chief Listening Officer statt skriptgesteuerte Pappkameraden: Dell und der Abschied vom Sisyphus in der Warteschleife.

Lesenswert auch die Kolumne von Sascha Lobo: Das Kuckucksei des Boulevards – Ein Gesetz nicht nur gegen das Internet, sondern gegen den digitalen Wandel: Was das Leistungsschutzrecht mit dem Facebook-Austritt von Verbraucherministerin Ilse Aigner zu tun hat, und warum es ein fatales Signal an die Wirtschaft ist.