Warum wird ein Konzernboss zur Heulsuse? #Döpfner #Google

Auf dem Weg in den Google-Staat?
Auf dem Weg in den Google-Staat?

Wenn Monopole wie Google in der gesamten Wirtschaftsgeschichte langfristig nicht überleben, wie Mathias Döpfner in seinem Heulsusen-Opus in der FAZ schreibt, frage ich mich, warum der Springer-Chef seine Angst gegenüber dem Suchmaschinen-Konzern zum Ausdruck bringt. Denn diese Monopol – ob privat oder staatlich – scheitern doch irgendwann an der Selbstzufriedenheit, „die der eigene Erfolg gebiert“. Es könnte zu politischen Eingriffen kommen, was ordnungspolitisch völlig in Ordnung ist, oder zu einer Abwendung der Nutzer. Davor haben selbst Giganten wie Facebook, Google und Co. Angst, wie man an der NSA-Debatte ablesen kann.

Dass nun ein Konzernboss gegenüber einem anderen Konzernboss seine politischen Bedenken artikuliert, die von privatwirtschaftlichen Organisationen ausgehen können, wenn sie sich als Staat im Staate aufführen, ist zumindest merkwürdig.

Mal unabhängig von den Erfolgsaussichten von Big Data, Internet via Drohnen, gläserne Haushalte über den Einsatz der Nest-Technologie (wie viele Haushalte in Deutschland nutzen Nest?) und fahrerlosen Autos. Schaut man sich die Leistungsbilanz von Google etwas genauer, erkennt man, dass die Kohle fast ausschließlich über Werbeeinnahmen in die Kassen des Mountain View-Konzerns fließt. Alle anderen Ausflüge haben sich in schöner Regelmäßigkeit als Flop herausgestellt. Etwa das Hardware-Geschäft, wie Bloggercamp.tv-Kollege Hannes Schleeh eindrücklich nachweist. Google versagt übrigens auch beim klassischen Kundenservice – aber das sei nur am Rande erwähnt.

Zieht man also von der Döpferschen Jammerlappen-Suada die Datenkraken-Furcht ab, bleibt die Angst vor der Abhängigkeit des Springer-Konzern vom Traffic, der über Google läuft und von der Vermarktung von Restplätzen seiner Online-Werbung über den Google-Algorithmus. Der Artikel hätte sich auf zwei Sätze beschränken können. Beim netzpolitischen Exkurs fehlt dem Springer-Vorstandschef einfach die Glaubwürdigkeit. Warum hat Döpfner eigentlich so viel Schiss vor Google, wo doch in der Medienwelt das so genannte “Unverdrängbarkeitsgesetz” von Wolfgang Riepl vorherrscht? Das von Döpfner zitierte Gesetz soll sich ja in der Riepl-Promotion mit dem Thema „Das Nachrichtenwesen des Altertums“ aus dem Jahr 1913 verstecken. Döpfner sollte das Opus etwas genauer lesen (wenn er es überhaupt gelesen hat). Dann würde er folgende Zeilen zur Elektrizität finden:

„Einen Stillstand gibt es nicht mehr, und eine geringe Zahl von Jahren bringt durchgreifendere Umgestaltungen hervor als früher von Jahrhunderten.“

Ansonsten ist der FAZ-Gastbeitrag in die übliche Debatten-Ecke von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher einzuordnen, die „Per Johansson“ in seinem Roman “Der Sturm” so schön auf den Punkt gebracht hat:

“Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.”

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Siehe auch:

Die Ängste von Springer-Chef Mathias Töpfer.

Springer-Chef Döpfner: „Wir haben Angst vor Google“

Döpfner und der Nutzen des Parasiten

„Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“, mit diesem Credo eröffnet Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Gastbeitrag für die NZZ ein wahres Zitaten-Panoptikum, um die Verteidigungslinie gegen die bösen Web-Kommunisten, die Kostenlos-Parasiten im Netz und die Aufmerksamkeit-statt-Geld-Prediger aufzubauen. Letztlich geht es doch nur um die Bewahrung der Verlagsmonopol-Renditen, die man über Jahrzehnte eingefahren hat. Die Web-Kommunisten sind nicht verantwortlich für den Niedergang der alten Geschäftsmodelle der Verlage. Das hat der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sehr gut beschrieben:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaft, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler sind in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten – das liberale Mimikry von Herrn Döpfner ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver: „Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt (Web-Kommunisten, Herr Döpfner), dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden. Man muss Stille schaffen (mit dem Leistungsschutzrecht, gs). Man muss die Parasiten vertreiben (um wieder die alten Monopolrenditen zu verdienen, gs)“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlangt nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten, Herr Döpfner. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt.

Siehe auch: Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte.

Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte

Wie von einem anderen Stern wirkte die Rede von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner beim „M100 Sanssouci Colloquium“, dem jährlichen Treffen europäischer Medien-Bosse in Potsdam. Zu diesem Befund gelangt die taz.

„Ein paar Stunden vor der Verleihung des M100-Preises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch Kanzlerin Merkel und Präsidentschaftskandidaten Gauck behauptete Döpfner allen Ernstes, die Pressefreiheit werde durch das Internet selbst bedroht, sozusagen durch eine schlechte Angewohnheit des Internets: die ‚Gratis-Kultur‘. Die chaotische Struktur des Netzes greife die Pressefreiheit „von innen“ an: „Die Tatsache, dass Informationen aller Art im Netz meist kostenlos erhältlich sind, werden als besonders gute Sache angesehen“, so Döpfner. Die Verlagshäuser hätten alle zu diesem „großen Fehler“ beigetragen. Es gebe eine „beinahe parareligiöse Heils-Ideologie“: Die Open-Access-Bewegung habe eine digitale Welt propagiert, in der Freiheit nur herrschen könne, wenn jede Information für jedermann zu jeder Zeit kostenlos ist – Döpfner zitierte hier Jaron Laniers Worte vom „digitalen Maoismus“. Aufmerksamkeit habe Geld als Währung ersetzt – doch Werbung reiche zur Finanzierung nicht aus. Döpfner: „Indem wir uns der Gratis-Kultur im Internet widersetzen, verteidigen wir unabhängigen Qualitätsjournalismus, verteidigen wir die Freiheit der Presse.“ Merkwürdig. Im vergangenen Jahr war der Medienmogul doch noch von der Unverwundbarkeit der Verlage überzeugt. Als Beruhigungsmittel verwies Döpfner noch auf das so genannte „Unverdrängbarkeitsgesetz“ des ollen Wolfgang Riepl aus der Kaiserzeit (1913).

Der Springer-Chef glaubt wohl an das Rieplsche Gesetz: „Keine neue Mediengattung ersetzt die bestehenden. Medienfortschritt verläuft kumulativ, nicht substituierend. Es kommt immer Neues hinzu, aber das Alte bleibt. Bis heute ist dieses Gesetz unwiderlegt. Das Buch hat die erzählte Geschichte nicht ersetzt. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen auch nicht das Radio. Und also wird das Internet auch nicht das Fernsehen oder die Zeitung ersetzen.“ Vielleicht hat jetzt Döpfner irgendwie kapiert, dass dieses Gesetz nie existierte. Siehe: Der olle Riepl und ein Rettungsgesetz, das gar nicht existiert: Warum die Medienhäuser schnell einen Schwimmkurs besuchen sollten.

Statt sich mit angestaubten Doktorarbeiten herumzuschlagen, sollte Döpfner die Schriften des Philosophen Michel Serres studieren. So könnte er ein tieferes Verständnis der Netztheorie erwerben. „Mit den neuen Informationstechnologien leben wir in einer solchen Zeit der Transformation, einer grundlegenden Neuorganisation des kulturellen Netzwerks. Vergleichbar ist der gegenwärtige kulturelle Wandel mit jenen, die mit dem Übergang von oraler Tradition zu Schrift bzw. von der Schrift zu ihrer mechanischen Reproduktion im Druck in Verbindung gebracht werden. Durch diese medialen Revolutionen wurden wesentliche Neuerungen ermöglicht – als Folge der Schrift vor allem die Erfindung der Geometrie, als jene des Drucks die modernen Experimentalwissenschaften; die Konsequenzen der Informationsrevolution kennen wir freilich noch nicht. Michel Serres wagt allerdings die Vermutung, dass sie zumindest ebenso gravierend sein werden wie jene der Einführung der Schrift oder des Buchdrucks“, schreibt Telepolis.
Die ästhetischen Kategorien (also Raum und Zeit) würden sich grundlegend mit den Orten des Wissens wandeln; eines Wissens das sich bislang konzentriert hat – in Bibliotheken, Labors, Büros, Universitäten und Massenmedien. Zogen diese traditionellen Wissensspeicher die Bewegung auf sich, so ist es nun umgekehrt: das Wissen bewegt sich auf die Menschen zu. „Wir leben nicht länger in einem Raum des zentralisierten, sondern in einem Raum des verteilten Wissens, organisieren unsere Netzwerke immer weniger nach einer Logik der Konzentration, sondern vielmehr nach dem Prinzip einer variablen Topologie; das exponentielle Wachstum des mobilen Kommunikationsmarktes illustriert dies bestens. Als Folge dieser Veränderung werden neue Formen des Menschseins, neue Kommunikationsordnungen entstehen“, führt Telepolis weiter aus.

Die Zirkulation des Wissens werde durch Copyrights nicht zu bändigen sein. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch Piraterie. Schließlich beschütze Götterbote Hermes nicht zuletzt auch die Diebe. So hat das globale Netzwerk des Wissens die Tendenz, die sozialen und politischen Ungleichheiten in der Verteilung von Wissen aufzuheben.