Der verpixelte Kindermädchenstaat

Jeff Jarvis ist zurecht über die Anti-Street-View-Hysterie empört. „Deutschland, Du hast Deine Städte entweiht. Du hast die Zahl Deiner öffentlichen Orte verringert und sie entwertet. Du hast Deine Öffentlichkeit beraubt. Und Du hast einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen“, so Jarvis in einem Beitrag für Zeit online. Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen einem digitalen und einem realen Rundgang durch eine Stadt? Ich laufe jeden Tag an einer Vielzahl von Häusern vorbei, kann mir die Vorgärten und auch die Architektur anschauen. Wer das verhindern möchte, könnte sich neben der digitalen Verpixelung ja noch eine Plastikfolie über das Haus ziehen, wie man sie von Toilettenfenstern kennt. Da kommt man dann ästhetisch auf eine Außenwirkung, über die sich Jarvis aus gutem Grund ärgert.

Woher kommt also dieser deutsche Verpixelungssonderweg? Jarvis hat die Klage gehört, dass Google mit seinen Bemühungen, das Straßennetz zu kartieren und zu fotografieren, nur Geld verdienen will. „Dabei fotografiert auch die deutsche Regierung das Land und verkauft die Daten (wie der Bundesinnenminister mir via Videobotschaft mitgeteilt hat, gs). Telefonbuch.de von T-Mobile listet nicht nur Namen und Telefonnummern der Bürger auf, sondern es zeigt auch Luftaufnahmen ihrer Häuser und Höfe – aus vier verschiedenen Perspektiven. Sightwalk.de tut dasselbe wie Google Street View. Wer protestiert dagegen? Liegt es daran, dass Google ein amerikanisches Unternehmen ist? Ich hoffe nicht“, schreibt Jarvis.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es für die politischen Jägerzaun-Rebellen in Deutschland so schön risikolos ist, sich mit einem amerikanischen Technologie-Unternehmen anzulegen, um der Internetwelt zu zeigen, dass es man als Staat handlungsfähig bleibt. Können wir aber mit dieser Mentalität innovative Web-Technologien entwickeln, nutzen und veredeln? Wohl kaum. Wir können uns diese deppenhafte Rückwärtsgewandtheit einfach nicht mehr leisten. Aus Angst vor dem Unbekannten verschwenden unsere politischen Meinungsführer zuviel Energie, um jede Neuheit mit den Denkmustern von vorgestern abzuwehren. Als Beispiel benennt Jarvis die vorauseilende Ablehnung der staatlichen Hüter der Privatsphäre bei der Kombination von Geotechnologie und Gesichtserkennung.

„Aber womöglich können solche Technologien genutzt werden, um nach Katastrophen wie Katrina oder dem Erdbeben in Haiti Menschen wieder zu finden. Wie kann ein Politiker so voreilig verfügen, wie neue Technologien nicht genutzt werden dürfen“, fragt sich Jarvis. Und verdammt noch mal, wenn ich das als Privatperson nutzen möchte, brauche keine behördlichen Kindermädchen, die mir vorschreiben, was für mich gut oder schlecht sei. Wo fängt die fürsorgliche Umarmung des Staates an und wo hört sie auf? Offenbar halten Politiker wie Ilse Aigner die Bürger für Volltrottel, der ohne Anweisungen, Verbote und gesetzlichen Regeln in sein Verderben stolpert. Das Ganze ist ein rabulistischer Trick des Staates.

Mit den inflationären Präventionsmaßnahmen erteilt sich der Kindermädchen-Staat eine Blankovollmacht für Eingriffe ins Privatleben. Egal, ob es um Datenschutz, Rauchverbote, Ernährung, Energieverbrauch oder Bildung geht. Vielleicht bin ich schon ein Opfer der Social Media-Sucht und muss daher vor mir selber beschützt werden. Dann kommt die Ilse und sagt, wie ich das Internet gefälligst zu nutzen habe (bei den Netzsperren schwingt diese Geisteshaltung doch schon mit). Und die Probleme gehen niemals aus, um neue Regeln zu schaffen.

„Es können laufend neue hinzudefiniert werden. Irgendwann gehört jeder zu einer Problemgruppe. Was ist mit den Fernsehsüchtigen, den Autosüchtigen, den Kaufsüchtigen? Verdienen sie nicht ebenso Zuwendung, Beratung und Hilfe wie Raucher und Übergewichtige? Seit neuestem soll sogar die Raffgier, die sich in exzessiven Gehältern mancher Manager manifestiert, staatlich reguliert werden“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch in dem Merkur-Sonderheft „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen – Über Freiheit und Paternalismus“.

Die Tendenz, Deutschland (und die EU) in einen Kindergarten zu verwandeln, „greift die Fähigkeit des Einzelnen an, Situationen richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten“, kritisiert die Schriftstellerin Thea Dorn. Das fängt bei der Beleuchtung meiner vier Wände an (Glühbirnen-Verbot – die kaufe ich allerdings weiter in Bosnien ein, hähä) und hört bei Sondersteuern auf, um den Konsum von Schokolade, Eis und süßer Limonade fiskalisch zu bestrafen. Immanuel Kant, so Maxeiner und Miersch, konnte von den Begründungsmöglichkeiten eines autoritären Fürsorgestaates noch nichts ahnen, aber den menschlichen Hang, sich vermeintlich höherer Einsicht zu beugen sah er klar: „Es ist so bequem unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger (oder Datenschützer, gs), der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Typisch deutsch, ach nee, in Brüssel ist es ja ähnlich.

Man kann den Street View-Dienst aber auch ganz anders sehen:

Volkspädagogische Entscheidungsmaschinen und der Neo-Despotismus – Warum Strumpfhosen anrüchig sind und Zensursula es doch nur gut mit uns meint

Bevor Sie Strumpfhosen im Internet recherchieren wollen, fragen Sie Ihren Suchmaschinen-Anbieter oder das Familienministerium
Bevor Sie Strumpfhosen im Internet recherchieren wollen, fragen Sie Ihren Suchmaschinen-Anbieter oder das Familienministerium
Was als unanständig, unkorrekt, kulturell verwerflich, pädagogisch bedenklich oder anarchisch gilt, scheint im Internet mittlerweile unter Generalverdacht gestellt zu werden. Es wimmelt von Warnhinweisen und Verbotsschildern. Die politischen Volkspädagogen haben die Welt der Geräte, Maschinen und Informationstechnologien als Spielwiese für ihre Borderline-Kontrollsucht entdeckt. Gebt doch einfach mal in der neuen Microsoft-Suchmaschine „Bing“ Begriffe wie „Strumpfhose“ oder „Nackt“ ein. Es erscheint jetzt nicht Zensursula mit erhobenem Zeigefinger, keine Angst. Aber Ursel könnte der Mentor dieser Maßregelung der „Entscheidungsmaschine“ sein.

Da bekommt der ahnungslose Internet-Nutzer folgenden Text auf den Bildschirm geknallt: „DER SUCHBEGRIFF STRUMPFHOSE/NACKT FÜHRT MÖGLICHERWEISE ZU SEXUELL EINDEUTIGEN INHALTEN. Ändern Sie Ihre Suchbegriffe, um Ergebnisse zu erhalten.“

Bang. Jetzt erkenne ich den tieferen Sinn des technologischen Konzeptes der „Entscheidungsmaschine“: Mir werden von Bing die Entscheidungen und Konsequenzen meiner Suche schlichtweg abgenommen, da ich in Gefahr bin, moralisch verwerfliche Stumpfhosen zu kaufen oder Nacktbadestrände zu recherchieren. Bing meint es gut mit mir. Ursel meint es gut mit mir. Und die Entwickler von Maschinen, Geräten, Software und Systemen meinen es auch nur gut mit mir. Ursel und Bing sind wie Mutter und Vater. Da bekommt das lateinische Wort „Pater“ eine neue Geltung. Der Paternalismus entstammt einem hierarchischen Familienmodell, in dem der Vater für seine Kinder sorgt und ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben.

Ähnlich strukturiert läuft der Züchtigungsdrang beim Technologiepaternalismus ab. Harmlos fängt es noch mit der „Anschnallerinnerung“ an, die heutzutage in praktisch allen Fahrzeugen das Anlegen des Sicherheitsgurtes „vorschlägt“ – begleitet von nervigen Pieptönen, die unsere Gehörgänge malträtieren. Etwas penetranter ist da der „Alcokey“ von Saab, der das Fahrzeug nur dann startet, wenn der Fahrer nicht alkoholisiert ist. Auch ein großer deutscher Autohersteller meint es doch nur gut mit uns, wenn die mit „Connected Drive“ ausgestatteten Limousinen im Ernstfall automatisch Hilfe rufen. Öffnet sich der Airbag, informiert das Auto über das Mobilfunknetz den Notdienst. „Das tat es auch, als ein Hamburger seinen Wagen nächtens versehentlich in ein Hafenbecken lenkte. Als der Havarist sich ohne fremde Hilfe aus dem Fahrzeug befreite, hatte der BMW allerdings schon längst SOS gefunkt. Polizei und Rettungskräfte waren binnen Minuten an der Unfallstelle, fanden den Wagen – und kurz darauf dessen angesäuselten Fahrer. Das unrühmliche Ende der Tour: Fahrerlaubnis futsch, und den Schaden am Auto musste der Alkoholsünder auch tragen. Ohne Connected Drive hätte er sich eine plausible Geschichte für die Versicherung ausdenken können. Weil er sich um diese Chance gebracht sah, verklagte er den Automobilhersteller – allerdings erfolglos“, berichtet Technology Review.

Selbst Espressomaschinen ermahnen uns durch laute Signale, die Reinigung nicht zu vernachlässigen und Bohrmaschinen verweigern den Dienst, wenn Schutzhelm und Schutzbrille fehlen. Maschinen werden so zu Vollstreckern von Zwangsmaßnahmen gedrillt – anfänglich hilfreiche Technik mutiert zum repressiven Oberlehrer.

Warnung vor dem Technologiepaternalismus
Warnung vor dem Technologiepaternalismus
Wenn Systeme, Geräte, Suchmaschinen oder virtuelle Verbotsschilder entscheiden, was richtig und was falsch für uns ist und unser Verhalten einschränken oder sogar sanktionieren, dann bekommen wir eine Automaten-Diktatur. Und die könnte sich nachhaltiger auswirken als das paternalistische Verhalten unter Menschen, warnen die Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas in einem Beitrag für das Fachbuch „Die Informatisierung des Alltags“ (Hrsg. Friedemann Mattern, Springer-Verlag): „Zum einen reagieren Maschinen automatisch und autonom und lassen den Betroffenen damit nur wenig Möglichkeit zur Antizipation oder Reaktion. Zum anderen ist Technik absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der Atemluft, so ist es ihm gänzlich unmöglich, das entsprechende Auto zu starten – auch in Notfällen, in denen das Fahren unter Alkoholeinfluss üblicherweise akzeptiert würde“.

Der Paternalismus der gutmeinenden Kontrolleure sei bei Technologien nicht nur mit Gehorsam oder Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern erzeuge einen Zwang zu absoluter Konformität. Autonom agierende Maschinen werden zu absoluten Kräften, deren Entscheidungen und Handlungen nicht umgangen oder missachtet werden können. Staatliche Maßregelungsinteressen könnten als Katalysator wirken und sogar zwingend vorschreiben, automatische Sanktionsinstrumente zu etablieren.

Die guten Absichten von Ursel und Co. können dabei massentauglich ins Spiel gebracht werden, um die fatale gesellschaftspolitische Wirkung klein zu reden. Aber schon Immanuel Kant meinte, eine Regierung, die ihr Volk so behandele wie ein Vater seine unmündigen Kinder, die nicht wüssten, was für sie nützlich oder schädlich sei, wäre „der größte denkbare Despotismus”.

Menschen sollten daher immer die Möglichkeit haben, die Technik zu überstimmen. Sie darf weder bestrafen noch sanktionieren. Erlauben könnte man höchstens einen Schleim- oder Motivationsmodus.

P.S. Dank an Projektlotse für die „Strumpfhosen-Recherche“ . Das Beispiel für „Nackt“ stammt vom FTD-Redakteur Martin Virtel