Die Prognosen des iPad-Gurus Ringier und das Leistungsschutzrecht gegen die Gratiskultur der Kioske

Die Don Dahlmann-Glosse über die Berliner Tagung des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ) treibt den ganzen Mumpitz über das Leistungsschutzrecht höchst amüsant auf die Spitze. Auszug: „Zu dem beklagt der VDZ die ‚Gratis-Kultur‘ im Kiosk- und Zeitschriftenhandel. ‚Dort werden Zeitungen offen auslegt, so dass jeder Mensch, der zufällig vorbei kommt, einfach darin lesen kann, ohne zu bezahlen. Teilweise werden diese illegalen Angebote von den Kioskbesitzern nicht mal kontrolliert sondern sogar hingenommen.‘ Der Verband der Deutschen Kioskbesitzer reagierte auf die Vorwürfe mit Unverständnis. ‚Es steht jedem Verlag frei, seine Zeitungen und Magazine aus dem Sortiment zu nehmen. Wir liefern unseren Kunden auch nur die Schlagzeilen und die Titelblätter. Ein Missbrauch der offen angelieferten Druckexemplare durch einzelne Kunden liegt weder in unserer Verantwortung, noch wollen wir jeden Kunden ohne Verdacht überwachen.‘ Der Sprecher des Verbandes führte weiter aus, dass die kurzzeitige Betrachtung einzelner Zeitungen und Magazine auch ein Kaufanreiz darstellen kann. ‚Letztlich muss aber der VDZ wissen, wie er seine Kunden behandelt‘, sagte der Sprecher.

In die Sparte Realsatire fällt die Rede des Alternden-Verlegers Michael Ringier. Meedia hat das sehr schön zusammengefasst.

„Es gibt keine Schwarmintelligenz, dafür haben wir den digitalen Mob.“

„Wir brauchen die Gold-, Silber- und Bronze-Journalisten, die jeden Tag, jede Woche und jeden Monat hungrig danach sind, Medaillen zu gewinnen. Wir brauchen Edelmetall. Den Schrott finden Sie im Internet.“

„Mich erinnert das iPad weniger an einen Rettungsanker für Verlage als an meine Märklin-Eisenbahn, mit der ich vor 50 Jahren gespielt habe.“

An diese Sätze wird sich der digitale Mob erinnern, Herr Ringier. Wir werden diese Sätze einrahmen und Ihnen in ein paar Jahren an die Wand nageln neben den klugen Weissagungen von Kaiser Wilhelm II bis zum IBM-Chef Thomas Watson. Schon tausendfach zitiert worden, hier aber noch einmal komprimiert dargestellt: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung“ (Kaiser Wilhelm II).

Mit einer ebenso falschen Vorhersage lag der bekannte britische Wissenschaftler Lord Kelvin daneben: „Das Radio hat keine Zukunft.“ F. Zanuck, Chef von 20th Century-Fox: „Das Fernsehen wird nach den ersten sechs Monaten am Markt scheitern. Die Menschen werden es bald satthaben, abends in eine Sperrholzkiste zu starren.“

Thomas Watson, Chef von IBM, der 1943 vorhersagte: „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ Sie müssen sich also nicht schämen, Herr Ringier, sie stehen bald in einer prominenten Ahnengalerie.

Zum Wehklagen von Hubert Burda empfehle ich: Verlage wollen Aufmerksamkeit und satte Renditen: Nur die Google-Apple-Facebook-Konkurrenz stört ein wenig.

Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte

Wie von einem anderen Stern wirkte die Rede von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner beim „M100 Sanssouci Colloquium“, dem jährlichen Treffen europäischer Medien-Bosse in Potsdam. Zu diesem Befund gelangt die taz.

„Ein paar Stunden vor der Verleihung des M100-Preises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch Kanzlerin Merkel und Präsidentschaftskandidaten Gauck behauptete Döpfner allen Ernstes, die Pressefreiheit werde durch das Internet selbst bedroht, sozusagen durch eine schlechte Angewohnheit des Internets: die ‚Gratis-Kultur‘. Die chaotische Struktur des Netzes greife die Pressefreiheit „von innen“ an: „Die Tatsache, dass Informationen aller Art im Netz meist kostenlos erhältlich sind, werden als besonders gute Sache angesehen“, so Döpfner. Die Verlagshäuser hätten alle zu diesem „großen Fehler“ beigetragen. Es gebe eine „beinahe parareligiöse Heils-Ideologie“: Die Open-Access-Bewegung habe eine digitale Welt propagiert, in der Freiheit nur herrschen könne, wenn jede Information für jedermann zu jeder Zeit kostenlos ist – Döpfner zitierte hier Jaron Laniers Worte vom „digitalen Maoismus“. Aufmerksamkeit habe Geld als Währung ersetzt – doch Werbung reiche zur Finanzierung nicht aus. Döpfner: „Indem wir uns der Gratis-Kultur im Internet widersetzen, verteidigen wir unabhängigen Qualitätsjournalismus, verteidigen wir die Freiheit der Presse.“ Merkwürdig. Im vergangenen Jahr war der Medienmogul doch noch von der Unverwundbarkeit der Verlage überzeugt. Als Beruhigungsmittel verwies Döpfner noch auf das so genannte „Unverdrängbarkeitsgesetz“ des ollen Wolfgang Riepl aus der Kaiserzeit (1913).

Der Springer-Chef glaubt wohl an das Rieplsche Gesetz: „Keine neue Mediengattung ersetzt die bestehenden. Medienfortschritt verläuft kumulativ, nicht substituierend. Es kommt immer Neues hinzu, aber das Alte bleibt. Bis heute ist dieses Gesetz unwiderlegt. Das Buch hat die erzählte Geschichte nicht ersetzt. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen auch nicht das Radio. Und also wird das Internet auch nicht das Fernsehen oder die Zeitung ersetzen.“ Vielleicht hat jetzt Döpfner irgendwie kapiert, dass dieses Gesetz nie existierte. Siehe: Der olle Riepl und ein Rettungsgesetz, das gar nicht existiert: Warum die Medienhäuser schnell einen Schwimmkurs besuchen sollten.

Statt sich mit angestaubten Doktorarbeiten herumzuschlagen, sollte Döpfner die Schriften des Philosophen Michel Serres studieren. So könnte er ein tieferes Verständnis der Netztheorie erwerben. „Mit den neuen Informationstechnologien leben wir in einer solchen Zeit der Transformation, einer grundlegenden Neuorganisation des kulturellen Netzwerks. Vergleichbar ist der gegenwärtige kulturelle Wandel mit jenen, die mit dem Übergang von oraler Tradition zu Schrift bzw. von der Schrift zu ihrer mechanischen Reproduktion im Druck in Verbindung gebracht werden. Durch diese medialen Revolutionen wurden wesentliche Neuerungen ermöglicht – als Folge der Schrift vor allem die Erfindung der Geometrie, als jene des Drucks die modernen Experimentalwissenschaften; die Konsequenzen der Informationsrevolution kennen wir freilich noch nicht. Michel Serres wagt allerdings die Vermutung, dass sie zumindest ebenso gravierend sein werden wie jene der Einführung der Schrift oder des Buchdrucks“, schreibt Telepolis.
Die ästhetischen Kategorien (also Raum und Zeit) würden sich grundlegend mit den Orten des Wissens wandeln; eines Wissens das sich bislang konzentriert hat – in Bibliotheken, Labors, Büros, Universitäten und Massenmedien. Zogen diese traditionellen Wissensspeicher die Bewegung auf sich, so ist es nun umgekehrt: das Wissen bewegt sich auf die Menschen zu. „Wir leben nicht länger in einem Raum des zentralisierten, sondern in einem Raum des verteilten Wissens, organisieren unsere Netzwerke immer weniger nach einer Logik der Konzentration, sondern vielmehr nach dem Prinzip einer variablen Topologie; das exponentielle Wachstum des mobilen Kommunikationsmarktes illustriert dies bestens. Als Folge dieser Veränderung werden neue Formen des Menschseins, neue Kommunikationsordnungen entstehen“, führt Telepolis weiter aus.

Die Zirkulation des Wissens werde durch Copyrights nicht zu bändigen sein. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch Piraterie. Schließlich beschütze Götterbote Hermes nicht zuletzt auch die Diebe. So hat das globale Netzwerk des Wissens die Tendenz, die sozialen und politischen Ungleichheiten in der Verteilung von Wissen aufzuheben.