IT-Gipfel: Stelldichein von Männern in dunklen Anzügen und einer Dame im Hosenanzug #itg12

Männer in dunklen Anzügen gaben sich in Essen ein Stelldichein und scharten sich um eine Dame im Hosenanzug: Man nennt das Spektakel auch „Nationaler IT-Gipfel“, der jährlich in einer anderen Stadt zelebriert wird. Organisiert vom Bundeswirtschaftsministerium, veredelt mit weihevollen Auftritten des Bitkom-Präsidenten und der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es ist eine Bühne für Schulterklopfereien und der Präsentation von neuen Broschüren über die Wunderwelt der Digitalisierung und Vernetzung. Dialog, Partizipation, Transparenz? Fehlanzeige. Klarheit über den Stellenwert der vernetzten Ökonomie, Politik und Gesellschaft steht bei diesem Schaulaufen der Eitelkeiten nicht an erster Stelle der Themenagenda. Im Gegenteil. So wurde mehrfach von Mitgliedern der Bundesregierung behauptet, man habe das Ziel des Breitbandausbaus erreicht. Ein schnelles Internet sei die Voraussetzung für die Szenarien, die auf dem Gipfeltreffen unter dem Stichwort „Intelligente Netze“ vorgestellt wurden.

Mit intelligenten Netzen versteht man Infrastrukturen, „die durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien neue Eigenschaften und innovative, übergreifende Anwendungen erfahren. Intelligente Netze nutzen die klassischen Breitbandnetze (Festnetz oder Mobilfunk) und entwickeln diese weiter, indem sie bereichsspezifische und bereichsübergreifend neue Anwendungen in den Feldern Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Verwaltung möglich machen“, so die Formulierung im feinsten Bürokratendeutsch, die ich der Studie „Gesamtwirtschaftliche Potenziale intelligenter Netze in Deutschland“ von Bitkom und Fraunhofer ISI entnommen habe.

In Wahrheit definiert sich der IT-Gipfel-Hofstaat von Frau Merkel den Breitbandstatus schön: Ein Megabit pro Sekunde (Mbit/s) sei schon so etwas wie eine Breitbandverbindung.

„Legt man diese Zahl zugrunde, sind nach einem neuen Expertenbericht zum Breitbandatlas des Wirtschaftsministeriums inzwischen 39,4 Millionen oder 98,7 Prozent der Haushalte mit einer Breitbandverbindung ausgestattet. Dieses Ziel habe man 2011 ‘mit leichter Verspätung’ erreicht, heißt es jetzt aus dem Wirtschaftsministerium”, so Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker.

Dass man sich mit diesen willkürlichen Festlegungen selbst in die Tasche lügt, ist wohl auch der Bundesregierung bewusst. Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabit pro Sekunde könne man von Breitband sprechen, erklärt der Booz-Berater Roman Friedrich. In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht bekannt:

„Man ist stolz darauf, dass wir zwei Megabit haben. Was helfen uns zwei Megabit? Der Markt geht woanders hin“, kritisiert Friedrich.

Es gebe eine ganz starke Korrelation zwischen der Infrastruktur-Ausstattung eines Landes und dem Sozialprodukt.

„Hier fallen wir zurück. Im weltweiten Maßstab sinken unsere Investitionen für Festnetz, Mobilfunk und Breitbandkommunikation. Wir verschenken damit Wachstum. Das ist leider ein Ergebnis der Regulierung.”

Vielleicht sollten die Marktforscher von TNS-Infratest ihre Indikatoren etwas genauer justieren, bevor sie behaupten, dass die digitale Wirtschaft im internationalen Vergleich auf dem sechsten Platz steht. In puncto schnelles Internet sind wir im weltweiten Vergleich auf einem Abstiegsplatz.

Und was macht Wirtschaftsminister Rösler? Richtig. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder neue Papierchen produziert, die als Hochglanzbroschüren auf dem nächsten IT-Gipfel ausgelegt werden.

Vielleicht sollte der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck die Programmhoheit für das Gipfeltreffen übernehmen. Denn er spricht ja in klaren und eindeutigen Worten von der Notwendigkeit Dueck spricht von der von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf.“

Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

Ein großer Teil der Wertschöpfung wandere schon jetzt in die digitalisierte und vernetzte Ökonomie, erklärt Bernd Stahl, Netzwerkspezialist von Nash Technologies in Stuttgart. Da gehe schon vieles an Deutschland vorbei. Wenn schon Steuergelder für einen Kongress wie dem IT-Gipfel ausgegeben werden, sollte man zumindest den Mut haben, jedes Jahr einen Kassensturz über den Status der Digitalisierung und Vernetzung zu organisieren. Es fehlt eine offenen, transparente und streitlustige Kultur der Beteiligung. Etwa bei den vorbereitenden Tagungen der IT-Gipfel-Arbeitsgruppen. Die könnte man über Hangout On Air live ins Netz streamen, so das Resümmee von Hannes und meiner Wenigkeit in einem Hangout, den wir auf dem IT-Gipfel starteten.

Oder in den Worten des Microsoft-Managers Ralph Haupter (Herausgeber des Buches „Der digitale Dämon“):

„Wir brauchen eine beständige argumentative Auseinandersetzung aller Beteiligten – Piraten und IT-Manager, Datenschützer und datenhungrige Innenpolitiker, wissenschaftliche Koryphäen und geniale Nerds, Weltkonzerne und Hinterhof-Firmen. So unterschiedlich die Themen und Positionen der Autoren in diesem Buch sind, so gibt es doch einen gemeinsamen Nenner: Nur durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich relevanten Fragen der digitalen Revolution kann ein gesellschaftliches Systemvertrauen geschaffen werden.“

Zu den erfrischenden Auftritten zählten übrigens Verena Delius von goodbeans und Christian Nagel von Earlybird Venture Capital.

Und natürlich die Begegnung mit Torsten Jensen 🙂

Ansonsten teile ich die Einschätzung von Markus Beckedahl: IT-Gipfel: Eine teure Alibi-Veranstaltung.

Unser Versprechen, auf dem IT-Gipfel wenigstens eine Reform des Rundfunkstaatsvertrages für eine Legalisierung von Livestreamings im Netz anzustoßen, haben wir ja erfüllt. Siehe unser IT-Gipfel-Resümee-Video. Das hat mir Spaß gemacht, der IT-Gipfel nicht.

IT-Gipfel: Unsere Reformvorschläge für den Rundfunkstaatsvertrag #Livestreaming

Morgen ist es soweit. Hannes Schleeh und meine Wenigkeit kommen dem Angebot von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler nach und überreichen ihm auf dem IT-Gipfel in Essen Vorschläge für eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages, um Liveübertragungen über Dienste wie Hangout On Air nicht als Rundfunk einstufen zu müssen mit dem kompletten Genehmigungs-Rattenschwanz, der an diesem Regelwerk hängt.

Das erste virtuelle Blogger Camp mit einer Fernseh-Sendelizenz hat die Beschränktheit des deutschen Medienrechts offen gelegt. Wer im Netz anfängt, Liveübertragungen via Hangout On Air oder vergleichbare Plattformen laufen zu lassen, steht mit einem Bein im Knast oder könnte zumindest ein deftiges Ordnungswidrigkeiten-Verfahren mit Geldstrafen von bis zu 500.000 Euro kassieren.

Der Rundfunkstaatsvertrag ist ein Relikt aus den Zeiten von „Dalli Dalli“ und „Einer wird gewinnen“:

„Die bisherigen Regelungen sind aufgebaut als es früher noch Rundfunk gab, UKW und ähnliche Dinge. Man hat mit den Möglichkeiten gar nicht rechnen können, weil es sie damals gar nicht gab. Nun muss man es anpassen. Und was man wie anpasst, da bin ich locker und offen”, so Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler im Gespräch mit Blogger Camp-Mitorganisator Hannes Schleeh.

„Es ist rückständig und beschämend, dass die Nutzung neuer Technologien noch mit Maßstäben aus dem letzten Jahrhundert reguliert wird. Spontanität lässt sich kaum besser ersticken“, kritisiert Vera Bunse in ihrem Beitrag „Videostreams: Die besseren Talkshows“.

Die Hangouts seien viel unterhaltsamer, spannender und erkenntnisstiftender als ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger:

„Experiment gelungen, wird fortgesetzt. Ich freu mich drauf“, so Bunse.

Ob nun bei Livestreamings ausgefeilte Konzepte, redaktionelle Ablaufpläne und Potenziale von mehr als 500 Zuschauern vorliegen oder nicht, die Zuständigkeiten der Landesmedienanstalten für Jedermann-TV im Netz sind ein Anachronismus. Im Gegensatz zu den Pionierzeiten des deutschen Fernsehens mit dem Start des NWDR in den 50er-Jahren, wo gerade einmal 300 Empfangsgeräte zur Verfügung standen, sind die Ausgangsbedingungen im Internet nahezu unbegrenzt. Man braucht keinen Ü-Wagen, keine Misch- und Sendeanlage, keinen Zugang zum Satelliten und auch kein teures Kamera-Equipment.

Ein vernünftiges USB-Mikro oder Headset, eine Webcam, Laptop und eine gute Beleuchtung reichen aus und man startet ins visuelle Echtzeitgeschehen. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Monaten eine Explosion von neuen Sendeformen im Web erleben werden und eine entsprechende Angebotsvielfalt von smarter Technik, um sich in den eigenen vier Wänden kleine Fernsehstudios zu zimmern. Auf der Software-Seite ist ähnliches zu beobachten. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte Frank Schulz bei der Blogger Camp-Session zum Thema „Von der Lust am Dialog: Welche Formate entwickeln sich über Google Hangout On Air?“

Virtuelle Videokommunikation werde keine drei Jahre mehr brauchen, um den Status von Massenmedien zu bekommen. Besonders Google habe die Power, um diese neuen Dialogformate in die Breite zu tragen.

„Wenn jeder sein eigener Fernsehsender sein kann, dann ist in den nächsten Jahren mit einer exponentiellen Entwicklung der Live-Hangouts zu rechnen – ein Phänomen, das man häufig im Netz beobachten kann“, erklärt Schulz.

1000 Live-Hangouts am Tag seien heute noch unrealistisch. Das könnte sich aber sehr schnell ändern.

Wenn Gesetze gemacht werden, sind sie häufig schon beim Inkraftreten überholt, führte Rechtsanwalt Thomas Schwenke in der Hangout-Rund aus. Niemand konnte ahnen, dass es so einfach sein wird, Sendungen im Netz zu produzieren.

„Auch die Landesmedienanstalten können kein Interesse daran haben, für jeden Hangout On Air eine Sondergenehmigung zu erteilen“, so der Jurist.

Selten liege ein Sendeplan vor, um Liveübertragungen im Netz auf eine Stufe mit dem Rundfunk zu stellen. Sendegenehmigungen sollten nur in der Nachschau ins Spiel kommen, wenn man dauerhaft mit seinen Formaten 10.000 Zuschauer oder mehr erreicht. Alles andere sei nicht praktikabel.

„Wer soll diese Anträge bearbeiten, wer soll das überwachen“, fragt sich Schwenke.

Auf der einen Seite formiert sich eine technologische Revolution und auf der anderen Seite wiehert immer noch der altersschwache Amtsschimmel. Man braucht sich ja nur die Sendegenehmigung für das Blogger Camp anschauen.

„Rundfunk im Sinn des Rundfunkstaatsvertrages ist ein linearer Informationsdienst, der für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmt ist und die Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen zum Inhalt hat. Private Veranstalter bedürfen zur Veranstaltung von Rundfunk einer Zulassung, §20 Abs. 1 Satz 1 RStV. Bundesweite Fernsehangebote bedürfen der medienrechtlichen Prüfung durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) sowie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Für die Prüfung eines bundesweiten Zulassungsantrages rechnen Sie bitte mit einem zeitlichen Aufwand von zwei bis drei Monaten (!) bis zur abschließenden gebührenpflichtigen Genehmigungserteilung.“

Verstöße gegen dieses prächtige Regelwerk der Echtzeitkommunikation können mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro geahndet werden.

„Nach unserer Einschätzung erfüllt Ihr Vorhaben die Kriterien des Rundfunkbegriffs. Insbesondere ist auch das Kriterium der Linearität gegeben“, führt Professor Roland Bornemann aus.

„Auf dieser Grundlage genehmigen wir hiermit Ihr für den 28.09.2012 im zuvor genannten Zeitraum geplantes virtuelles Blogger Camp über Google Hangout. Die Genehmigung erfolgt mit der Auflage, uns im Anschluss an diese einmalige Veranstaltung über die Resonanz, die Akzeptanz, die technische Gegebenheit und Ihre Erfahrung mit dem Hangout zu informieren. Bitte teilen Sie uns zudem mit, unter welcher Verlinkung das Hangout über Youtube abrufbar sein wird.“

Da es völlig unrealistisch ist, mit einem großen Wurf für eine Novelle des sehr trägen Rundfunkstaatsvertrages mit seiner sehr föderalen Prägung zu sorgen, schlagen wir eine schlanke Lösung vor: Integration von Livestreaming via Video in den § 20b des Rundfunkstaatsvertrages analog Webradio. Bisherige Fassung inklusive Änderungsvorschlag:

§ 20b Hörfunk und Livestreaming via Video im Internet
Wer Hörfunkprogramme und Livestreaming via Video ausschließlich im Internet verbreitet, bedarf keiner Zulassung. Er hat das Angebot der zuständigen Landesmedienanstalt anzuzeigen. Im Übrigen gilt § 20a entsprechend.

Zudem sollte in §2 Absatz 3 einfach nicht mehr von 500 potenziellen Nutzern gesprochen werden. Potenziell – siehe die Ausführungen von Schwenke – einfach streichen.

Mit zwei kleinen Änderungen der Stellschrauben im Rundfunkstaatsvertrag sorgt der Gesetzgeber für Rechtsklarheit und fördert damit die Entfaltung eines sehr innovativen Dialogformats im Netz. Ausführlich bei Hannes Schleeh nachzulesen.

Siehe auch: Hangout On Air und die neuen Dialogformate des Netzes Mit der Liveübertragung des Social Media Breakfast von Harvey Nash haben wir unter Beweis gestellt, wie man Hangout On Air für lebendige Debatten einsetzen kann.

So lief das virtuelle Blogger Camp Ende September mit allen Sessions, die über Live-Hangouts übertragen wurden.

Mal schauen, ob wir vielleicht einen Live-Hangout auf dem IT-Gipfel hinbekommen 🙂

Hangout On Air als „Killerapplikation“: Mein Social Media Breakfast-Resümee

Beim Besser Online-Kongress des DJV im Sommer hatte der Berater Christoph Salzig auf eine unterschätzte Größe bei Google Plus hingewiesen: Hangout On Air. Hier könnten sich ganz neue Formate zur Einbindung der Netzöffentlichkeit entwickeln. Den Livestreaming-Dienst wertet der Social Media-Experte Hannes Schleeh gar als Killerapplikation für Google. Und er hat recht. Beim heutigen Social Media Breakfast von Harvey Nash in München haben wir das unter Beweis gestellt. Es ging um den Einfluss von sozialen Medien auf die Unternehmensorganisation im allgemeinen und der IT im speziellen. Die zweistündige Veranstaltung war nicht nur kurzweilig, sie war meinungsfreudig, kontrovers und interaktiv.

Hannes war mit seinem mobilen Hangout On Air-Studie verantwortlich für Regie und Technik, meine Wenigkeit für die Moderation. Man kann mit dem Google Plus-Dienst Diskussionsrunden von Firmen, Verbänden, Medien oder Vereinen nicht nur live ins Netz heben und den Stream an vielen Stellen des Internets einbetten, sondern über die Youtube-Aufzeichnung, die wenige Minuten nach Ende der Liveübertragung vorliegt, unendlich reproduzieren und kommentieren. Inhaltlich habe ich die Keynote von Mirko Lange und die anschließende Paneldiskussion mit Mirko, Wolfgang Franklin vom cioforum, Peter Schmutzer von Intel Mobile Communications und Domminick Dommick von Payback noch nicht ausgewertet – das folgt in den nächsten Tagen.

Aber schon jetzt kann ich sagen, dass dieses Format Zukunft hat und von uns fortgesetzt wird. Neben dem Blogger Camp und dem virtuellen CIO-Gespräch werden Hannes und ich regelmäßig virtuelle Roundtable-Gespräche, Liveübertragungen von Kongressen, Vorträgen und Interviews auf die Beine stellen.

Wer da mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Weitere Ideen sind natürlich auch willkommen. Wir könnten das in einem Hangout besprechen 🙂

Wird auch das Fernsehen Opfer der zerstörerischen Kraft des Digitalen?

In der zweiten Session des Blogger Camps Ende Oktober äußerten sich die Teilnehmer des Live-Hangouts zu der Frage, welche Branchen, Berufe sowie Unternehmen von der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung weggespült werden.

Ziemlich einig war sich die Runde in den düsteren Prognosen bei der klassischen Tageszeitung, die sich in ihrer herkömmlichen Form nicht mehr halten kann und vielleicht nur als Begleitmedium überleben kann, wie Heinrich Bruns meinte. Auch Lars Mensel vom Debattenmagazin „The Euorpean“ betonte, dass man Meldungen an jeder Ecke des Internets abrufen könne. Für tägliche erscheinende Printmedien gebe es da wenig zu holen. Hintergrundmagazine mit einer etwas längeren Halbwertzeit hätten bessere Karten.

Firmen wie Apple, Amazon und Google, die eigentlich aus der IT-Ecke kommen, drängen verstärkt in branchenfremde Segmente. Blicklog-Blogger Dirk Elsner erwähnte die Angebote von Amazon und Google im Firmenkreditgeschäft. Banken würden hier keine Zuwächse mehr verzeichnen. Ich selbst führte das vernetzte Auto an. Siehe dazu auch die erste Session des Blogger Camps im Oktober.

Die PKW-Hersteller würden hier eher Partnerschaften mit Apple und Google eingehen zu Lasten der Netzbetreiber, die auch im Mobilfunkgeschäft bald das Nachsehen haben werden, wie Lars Mensel ausführte. Navigationsgeräte verschwinden aus den Verkaufsregalen und sogar ganze Berufszweige wie Radiologen fallen weg. Die Analyse von Bildern laufe automatisch und werde durch Software umgesetzt, glaubt Katja Andes von Ideacamp.

Generell werden wiederkehrende Prozesse im Alltagsleben vollständig automatisiert, so Andreas Klug von Ityx. Im Kundenservice brauche man sich in fünf Jahren nicht mehr mit Warteschleifen herumschlagen, da intelligente Systeme die Kundenwünsche perfekt antizipieren.

CD- und DVD-Player gehen die Wupper runter. Selbst Autohersteller setzen eher auf Streamingdienste wie Spotity, sagte Social Media-Berater Hannes Schleeh. Ähnliches wirke sich bei Videotheken aus, die ihre Existenzberechtigung durch On Demand- und Streamingangebote verlieren

Niemand sagte beim Blogger Camp den Niedergang des normalen Fernsehens voraus – auch ich nicht. Und selbst hier könnte es zu Umwälzungen kommen. Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des „Second Screen“ gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter „Wetten, dass“ mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In dieser Wundertüte steckt vielleicht mehr drin.

Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle, die vor ein paar Wochen gestartet wurden:

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, der im Frühjahr 2013 gemeinsam mit Microstrategy-Manager Karl-Heinz Land das Buch „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“ (Gabler Verlag) herausbringt.

Die beiden Autoren wollen die verschlafenen Führungskräfte wachrütteln und dokumentieren, welche Auswirkungen die sozialen Medien und weitere online-basierten Entwicklungen auf etablierte Geschäftsmodelle und erfolgreich eingeführte Marken haben.

Weitere Dynamik dürfte aus Diensten wie „Hangout On Air“ von Google erwachsen. Hier ist Jedermann-TV ohne gigantische Budgets möglich. Mit Livestreaming und der automatischen Aufzeichnung über Youtube sei das eine Killerapplikation, meint Hannes Schleeh. Bislang ist das eher die stümperhafte Fortsetzung von Videokonferenzen mit nervigen Headsets (wie bei unserem Blogger Camp), schlechter Beleuchtung und blechernen Tönen.

Mit etwas besserer Technik und Übung wird sich da in Zukunft noch einiges bewegen. Erste Projekte wie Tech-Talk, Blogger Camp, Digitales Quartett oder Hangout-TV gibt es ja schon.

Was sonst noch zu erwarten ist, thematisieren wir in der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch, den 28. November um 19,30 Uhr. Thema: Neue Konzepte der vernetzten Kommunikation – von virtuellen Messen bis zur Kundenberatung via Google Hangout.

Wer interessante Projekte vorstellen möchte oder schon Erfahrungen mit neuen Konzepten der virtuellen Kommunikation gemacht hat, kann gerne beim Hangout mitmachen. Bitte bei mir oder Hannes Schleeh frühzeitig melden, damit wir noch Test-Hangouts machen können.

Das Neue wird von Führungskräften lieber delegiert: Zur Technologiekompetenz der deutschen „Wirtschaftselite“

„Zukunftsprojekte wie digitale Medien und soziale Netzwerke dominieren derzeitig die Innovationsprojekte der CIOs“, verdeutlicht Udo Nadolski, Deutschland-Chef des IT-Beratungshauses Harvey Nash. Sie seien nicht mehr als Verwalter der IT gefragt, sondern als Gestalter für das Kerngeschäft der Firmen. Kluge Vorstandschefs positionieren ihre CIOs denn auch auf der Chefebene. 37 Prozent der von Harvey Nash befragten IT-Manager berichten in Deutschland direkt an den Vorstandschef. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Zuwachs von elf Prozentpunkten. Allerdings steigen damit auch die Erwartungen an das Kompetenzprofil des IT-Fachpersonals.

Einen richtigen Ruck hat es aber in den meisten Organisationen noch nicht gegeben. Technologie sollte eigentlich keine Rolle spielen, wenn es um Geschäftsinteressen geht.

„Doch leider hat der CIO im Vergleich zum CEO noch immer keine große Bedeutung. Ich wünsche mir bei unseren Führungskräften mehr Technologiekompetenz. Viele CIOs wie CEOs tun es ab und delegieren das Neue lieber, statt sich neugierig darauf einzulassen. Anscheinend ist das ziemlich deutsch“, kritisiert der Berater und Blogger Klaus Eck.

Das gilt generell für Unternehmen und sicherlich auch für Behörden:

„Enterprise 2.0 und Social Media passen so gar nicht zu einer Philosophie der Mittelmäßigkeit, in der jeder unauffällig und scheinbar risikolos seinen Weg gehen kann. Durch die neuen Entwicklungen werden wir alle in unserem Schaffen sichtbarer. Diese Transparenz wirkt sich auf alle Bereiche in den Unternehmen aus und verändert diese langsam“, schreibt Eck.

Führungskräfte ohne Dirigentenstab

Entscheider würden oftmals auf eine Social Media-Nutzung verzichten, weil dieses Gedöns ihnen Angst macht.

„Sobald eine Führungskraft in Social Media aktiv wird, muss sie damit rechnen, auch mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden. Das erfordert vom Einzelnen viel Mut und eine klare Haltung. Social Media basiert auf Kommunikation mit Menschen. Diese verhalten sich nicht immer logisch und nachvollziehbar“, betont Eck.

Und Unberechenbarkeit ist Gift für die Geisteswelt der Controlling-Süchtigen. Sozusagen die German-Angst vor dem Shitstorm. Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Autorisierungsmaschinerie sind Manager nicht überlebensfähig.

Zu leicht erkennt man die Nacktheit des Kaisers hinter einer Fassade der Phraseologie. Das Führungspersonal der Deutschland AG ist völlig ungeeignet für Netzdiskurse, die nicht den Befehl-und-Gehorsam-Drehbüchern der Firmen-Generäle folgen.

Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur in dem neuen Roman von Rainald Goetz, der überhaupt keine Ähnlichkeiten mit so erfolgreichen Topleuten wie Thomas Middelhoff aufweist. Oder doch? Das Goetz-Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der deutschen Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit den allerabgedroschensten Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Das wird die Wissenschaftsministerin sehr gut nachempfinden können.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“

Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten. Ein genialer Blender, der es im Social Web so schwer hat, seine Selbstinszenierung am Leben zu erhalten. Senkrechtstarter wie Guttenberg können das bezeugen. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Philosophie der Mittelmäßigkeit.

Dabei könnte die Wirtschaftswelt so viel schöner sein, wie es Ralf Schwartz treffend beschreibt. Gefordert seien Mut, Rückgrat und Selbstbewusstsein, unsere Persönlichkeit auszubilden, uns zu messen an ungeschriebenen Gesetzen:

„Der Vielfalt zu huldigen statt immer wieder nur dieser elenden Droge Einfalt. Ich kann so lange predigen wie ich will – zum Beispiel in der Kolumne der Wirtschaftswoche mit dem Titel ‚Werbung muss wieder Kunst werden’ – nichts wird passieren, wenn nicht der letzte meiner Punkte Realität wird und der Manager des Status Quo endlich zum Mäzen des Neuen wird.

 Warum Manager sich das nicht trauen? Nun, weil sie niemanden über sich wissen, der ihnen den Rücken freihält, wenn es eng wird. Niemanden, der ihnen Mut macht, sie Fehler und Erfahrungen machen lässt, zum Wohle des Produktes, der Marke, des Unternehmens.“

Genau das ist der Grund, warum wiederum diese Angsthasen ihren eigenen Mitarbeitern keinen Mut machen, ihnen keine Carte blanche geben, kein Spielfeld, um sich die Hörner abzustoßen und in neue Erfahrungen investieren. Stattdessen produzieren sie Ladenhüter.

Dieses Thema werden wir sicherlich in unserem virtuellen Blogger Camp am nächsten Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr aufgreifen (ausgestrahlt via Live-Hangout). Siehe auch: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Ich bin mir übrigens sicher, dass der Dienst Hangout On Air zu einer Popularisierung von Google Plus auch in Deutschland beitragen wird. Zur Zeit ist das ja noch ein wenig lau. 

In einer Fachrunde in München, die ich am 9. November moderiere, dürfte das auch eine Rolle spielen.

Mein Auto ist eine App und die zerstörerische Kraft der digitalen Dauerdisruption #bc

Nach dem Erfolg des ersten virtuellen Blogger Camp am vergangenen Freitag haben wir uns entschlossen, dieses Format einmal im Monat fortzusetzen.

Der nächste Termin ist am Mittwoch, den 24. Oktober. Die erste Session geht von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Thema: Mein Auto ist eine App: Über Vernetzungsintelligenz im Verkehr und Elektromobilität

Zweite Session von 19,30 bis 20,00 Uhr.

Thema: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption (Sascha Lobo hat dazu eine sehr lesenswerte Kolumne geschrieben.– in diese Runde passt auch der Niedergang von dapd – Anregung von Heinrich Bruns und auch die Startup-Thematik von Hannes Schleeh).

In der nächsten Woche beginnen wir mit den Vorberichten und gehen etwas ausführlicher auf die zwei Themenblöcke ein. Wer sich als Experte von den Themen oder dem Thema angesprochen fühlt und in den Hangouts mitmachen möchte, sollte mich und Hannes Schleeh frühzeitig kontaktieren, damit wir Proberunden machen können. Nur mit guter Vorbereitung laufen die Sessions reibungslos über die Bühne. Zur Bedeutung von Webcam und Beleuchtung siehe auch die Ausführungen von Moritz Tolxdorff:

Hier noch einmal der Hinweis auf meinen zusammenfassenden Bericht über das erste Blogger Camp am vergangenen Freitag.

Schon vormerken. Blogger Camp im November am Mittwoch, den 28.11.2012. Und im Dezember am 17.12.2012 – wegen der Weihnachtsferien etwas früher. Der zeitliche Ablauf bleibt immer gleich. Für November und Dezember würde wir uns über Themen-Anregungen freuen. Hashtag für das virtuelle Blogger Camp ab sofort nur noch #bc (bcn bezog sich ja auf die ursprüngliche Planung des ersten Camps in Nürnberg). Vernetzt Euch!

Eat your own dogfood: Wer hat die beste Plattformstrategie fürs Online-Geschäft?

„Wie verändert die Digitalisierung bestehende Industrien und Branchen? Das ist eine der spannendsten Wirtschaftsfragen unserer Zeit“, schreibt Neunetz-Blogger Marcel Weiss.

„Die Musikbranche wurde dank der MP3 als erste Branche am härtesten getroffen. Zuerst haben wir die kreative Zerstörung gesehen: Filesharing hat das Geschäftsmodell der Musiklabels, einer der bestimmenden Unternehmensklassen der Branche, aus den Angeln gehoben. Dann kam erstmal lang nichts. Nicht zuletzt, weil jede legale Alternative von den Musiklabels über den Lizenzweg ausgeblutet wurde. Nun sehen wir langsam, vielleicht auch weil die Majorlabels nicht mehr die Macht haben, die sie einmal hatten, wie erfolgreiche Musikdienste abseits der Simulation des Analogen (Dateiverkauf bei iTunes und Amazon MP3 zum Beispiel) entstehen. Turntable.fm, Spotify, Soundcloud, um nur drei zu nennen. Aus diesen neuen Angeboten heraus verändert sich die Organisation der Musik, wie sie im industriellen Zeitalter sinnvollerweise stattfand.“

Ich möchte noch einmal auf die Eingangsfrage eingehen unabhängig von den Veränderungen des Musikmarktes, die Marcel in aller Ausführlichkeit in seinem Blogpost beschreibt und am besten dort nachzulesen sind. Also: Wie verändert die Digitalisierung bestehende Industrien und Branchen? Und: Abschied von der analogen Dienstleistungsökonomie: Was wir vom Rant eines Google-Mitarbeiters lernen können – dieses Thema möchte ich gerne weiterentwickeln für meine Freitagskolumne. Als Grundlage greife ich auf ein Stück zurück, das nur zufällig im Netz gelandet ist. Spiegel Online hatte darüber berichtet:

„In der englischen Sprache gibt es ein Sprichwort: ‚Eat your own dogfood‘, was wörtlich übersetzt ‚Iss Dein eigenes Hundefutter‘ bedeutet. Tatsächlich ist es ein Leitsatz für Unternehmen, die Produkte der eigenen Marke auch ausführlich selbst nutzen. Ausgerechnet im Hause Google wird diese Maxime derzeit nicht eingehalten.“

Es geht um eine ausführliche Analyse des Google-Mitarbeiters Steve Yegge, die nur durch ein Versehen auf Google+ öffentlich abrufbar war und später gelöscht wurde – allerdings ohne großen Erfolg. Ein Versehen. Das Stück ist aber nicht nur wegen der vielen Insider-Infos lesenswert. Es zeigt auch, wie hart Facebook, Amazon, Google und Co. um die digitale Vorherrschaft ringen und welche Bedeutung gut durchdachte Plattformstrategien für das Onlinegeschäft haben. Besonders in Deutschland gibt es wohl kaum eine Firma, die sich so intensiv und radikal mit Service-Design auseinandersetzt wie Amazon (auch wenn Jeff Bezos in dem Rundumschlag von Yegge charakterlich nicht sehr gut wegkommt). Da wird lamentiert, auf Vorgestern-Technologien gesetzt und abfällig vom Social Dingsbums-Hype gefaselt. Unterdessen rutscht immer mehr Geschäft ins Internet – quer durch alle Altersklassen und Gesellschaftsschichten. Gibt es darauf eine schlagkräftige Antwort? Es wird bei uns zu viel lamentiert.

Welche Plattform-Strategie fürs Online-Geschäft benötigen wir? Die Analysen von Steve Yegge findet Ihr unten in deutscher Übersetzung. Ist ziemlich lang.

Statements, Expertenmeinungen, Kommentare zum Thema bitte hier posten oder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com

Steve schreibt:
Ich war ungefähr sechseinhalb Jahre bei Amazon beschäftigt. Vergleichbar lange bin ich nun auch bei Google tätig. Eine Sache, die mir sofort bei den zwei Unternehmen auffiel – und die sich fast täglich als Eindruck verstärkte – ist die, dass Amazon alles falsch macht, während Google alles richtig macht. Dies mag nach einer weitreichenden Generalisierung klingen, ist jedoch ein erstaunlich akkurates Urteil. Es ist schon verrückt. Da gibt es wahrscheinlich hundert oder gar zweihundert verschiedene Möglichkeiten des Vergleichs zwischen beiden Unternehmen. Und Google ist – wenn ich es richtig in Erinnerung habe – in allen Bereichen bis auf drei Ausnahmen der überlegene Partner. Ich habe zu diesem Thema einmal eine Excel-Tabelle erstellt. Die Rechtsabteilung war dagegen, dass diese Tabelle Externen gezeigt wird. Die Personalabteilung war davon jedoch ganz angetan.

Ich möchte Ihnen nachfolgend einen kurzen Einblick gewähren: Der Rekrutierungsprozess bei Amazon weist einige fundamentale Mängel auf. Es gibt Amazon-Teams, die eigenständig ihre Rekrutierungen vornehmen. Das Ergebnis ist, dass teamübergreifend völlig unvereinbare, widersprüchliche Einstellungsmodalitäten vorliegen – trotz diverser Bemühungen, diese Diskrepanz auszugleichen. Auch ihre Arbeitsmethoden sind chaotisch; sie verfügen über keine wirklichen SREs und die Ingenieure sind bei ihnen quasi für alle anfallenden Tätigkeiten zuständig. Dadurch verbleibt fast gar keine Zeit für die Datenkodierung. Natürlich variiert dies innerhalb der einzelnen Gruppen. Letztlich ist es reine Glückssache und man muss es so nehmen wie es kommt. Bei Amazon interessiert sich absolut niemand für soziales Engagement. Ob Spenden für karikative Zwecke, Unterstützung von Bedürftigen, Communities oder ähnliches: Amazon ist all dies völlig egal. Wenn es überhaupt ein Thema ist, wird soziales Unternehmensengagement nur ins Lächerliche gezogen. Die Werke bei Amazon sind von einer Schmutzschicht überzogene Großraumbüros mit Trennwänden. Dabei hat man nicht einen einzigen Cent in die Inneneinrichtung oder für Gemeinschaftsräume der Mitarbeiter investieren wollen. Mitarbeitervergütungen und Zuschüsse sind ziemlich mies; in letzter Zeit ist dies allerdings besser geworden. Der Grund: die Konkurrenz durch Google und Facebook auf dem lokalen Markt. Sie bieten allerdings nicht unsere Boni-Zahlungen oder Tantiemen, sondern orientieren sich lediglich an den Zahlen des Angebotsschreibens – und nehmen diese als oberste Grenze. Ihre Code-Basis ist ein Disaster. Es fehlen jegliche technische Standards, abgesehen davon, was einzelne Teams aus eigener Entscheidung umgesetzt haben.

Um fair zu sein und einmal etwas Positives zu nennen: Amazon hat ein gut versioniertes Bibliothekssystem, an dem wir uns wirklich orientieren sollten. Außerdem haben sie ein schönes Publish-Subscribe System, mit dem wir nicht mithalten können. Aber in den meisten Bereichen arbeiten sie mit einer Handvoll „nutzloser“ Tools, die Informationen der Zustandsmaschinen lesen und in ein relationales Datenbanksystem einspeisen. Selbst wenn wir sie gratis bekämen, würden wir die meisten dieser Tools nicht einsetzen.

Ich glaube, dass das Pubsub-System und das Bibliothekssystem zwei der insgesamt drei Dinge sind, bei denen Amazon besser abschneidet als Google.

Meines Erachtens ließe sich noch darüber diskutieren, ob Amazons Tendenz zur frühzeitigen Markteinführung und wie verrückt durchgeführten Iterationen zu den guten Dingen zählt, die das Unternehmen macht. Es gibt Argumente, die dafür und dagegen sprechen, je nach Perspektive. Die frühzeitige Markteinführung hat klare Priorität gegenüber allen anderen Aktivitäten. In der Bedeutung rangiert sie sogar höher als Kundenbindung, Ingenieursdisziplin und eine Reihe anderer Dinge, die langfristig gesehen substanziell sind. Obgleich ihnen die frühe Lancierung einen gewissen Wettbewerbsvorteil im Markt verschafft, sind dabei eine Handvoll anderer Probleme aufgetreten, sodass man hier nicht wirklich von einem Slam Dunk sprechen kann.

Trotz allem gibt es eine Sache, die Amazon wirklich und wahrhaftig gut macht, und die ALLE politischen, philosophischen und technischen Verfehlungen des Unternehmens wieder wettmacht.

Jeff Bezos ist ein berühmt-berüchtigter Mikro-Manager. Er ist zuständig für das Mikro-Management jedes einzelnen Pixels von Amazons gewerblicher Website. Erst hat er Larry Tesler abgeworben. Tesler war Wissenschaftlicher Leiter bei Apple und wahrscheinlich der renommierteste und respektierteste Experte für Mensch-Computer-Interaktionen weltweit. Nachdem er ihn eingestellt hatte, ignorierte er jedoch alles, was Tesler sagte. Nach drei Jahren traf Tesler daraufhin die finale und weise Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen. Tesler hatte mittels umfassender Usability Studien zweifelsfrei bewiesen, dass absolut niemand diese “bizarre” Website verstehen kann. Bezos konnte oder wollte sich aber einfach nicht von seinen Pixeln verabschieden, von all den Millionen Semantik-geladenen Pixeln auf der Landing-Page. Die Pixel waren für ihn wie Millionen seiner eigenen hoch geschätzten Kinder. Das Ergebnis: Die Pixel sind noch da, Larry Tesler aber nicht mehr.

Übrigens ist Micro-Management nicht die dritte Sache, die Amazon besser macht als wir. Obgleich Amazon wirklich gut im Micro-Management ist, würde ich das nicht als eine besondere Stärke bezeichnen. Ich versuche lediglich, den Kontext herzustellen, um Ihnen den Sachverhalt nachvollziehbar vor Augen zu führen. Wir sprechen hier über einen Mann, der allen Ernstes bei diversen öffentlichen Anlässen betont hat, dass die Leute ihn dafür bezahlen sollten, dass er bei Amazon arbeitet. Falls die Leute anderer Meinung sind als er, reicht er ihnen kleine gelbe Sticker mit seinem Namen drauf. Auf diese Weise erinnert er die Leute daran, „wer das Unternehmen leitet“. Der Mann ist ein regelrechter … , sagen wir mal, Steve Jobs, ohne dessen Mode- und Stilbewusstsein verinnerlicht zu haben. Bezos ist dabei absolut schlau und gerissen, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Er hat aber leider die Angewohnheit, normale Kontrollfreaks wie bekiffte Hippies aussehen zu lassen.

Eines Tages erteilte Jeff Bezos einen Auftrag. Das macht er natürlich fortwährend. Die Mitarbeiter reagieren dann wie die sprichwörtlichen Ameisen, die wie von einem “Gummihammer zerquetscht” herumkriechen und sich wälzen. Bei einer Gelegenheit, etwa im Jahre 2002, beziehungsweise ein Jahr früher oder später, erteilte Bezos einen Auftrag, der absolut unglaublich war, gewaltig, massiv und so gewichtig, dass seine anderen Aufträge im Vergleich dazu wie unerbetene Peer Boni aussahen.

Sein Großauftrag beinhaltete in etwa folgende Punkte:

1) Alle Teams werden ab sofort ihre Daten und Funktionsfähigkeiten über Service Schnittstellen offen darlegen.

2) Alle Teams sind ab sofort verpflichtet, über diese Schnittstellen miteinander zu kommunizieren.

3) Eine andere Form der Interprozesskommunikation ist den Teams nicht gestattet. Konkret bedeutet dies: keine direkte Vernetzung oder Austausch, kein Einloggen in den Datenspeicher eines anderen Teams, keine Nutzung eines Shared-Memory Modells, keine Hintertür-Kommunikation in welcher Form auch immer. Die einzige Kommunikationsform, die erlaubt ist, läuft über die Service Schnittstelle des Netzwerks.

4) Es ist völlig gleich, welche Technologien das Team nutzt. Ob HTTP, Corba, Pubsub, Benutzerdefinierte Protokolle – Bezos ist das völlig egal.

5) Alle Service Schnittstellen, ohne Ausnahme, müssen von Anfang an so konzipiert sein, das sie auch extern genutzt werden können. In anderen Worten, das Team ist angehalten, die Service Schnittstellen so zu entwerfen und zu konfigurieren, dass sie von externen Entwicklern eingesehen werden können. Hierbei sind keine Ausnahmen zulässig.

6) Derjenige, der sich nicht an die Regeln hält, kann nach Hause gehen.

7) Vielen Dank; ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!

Ha, ha! Sollten Sie zu den ca. 150 Ex-Amazon Mitarbeitern gehören, werden Sie natürlich sofort gemerkt haben, dass die Bemerkung unter Punkt 7 ein kleiner persönlicher Scherz von mir war. Denn eins ist klar: Bezos interessiert sich nicht einen Pfifferling dafür, ob Sie einen schönen Tag haben oder nicht.

Punkt 6 entsprach jedoch der absoluten Realität, was dazu führte, dass die Mitarbeiter sich aktiv an die Arbeit machten. Zu diesem Zweck beauftragte Bezos extra ein paar “Leitende Bulldoggen”, deren Aufgabe es fortan war, das Engagement der Mitarbeiter zu überwachen und sicherzustellen, dass die Arbeit Fortschritte machte. Leiter des “Bulldoggenkommittees“ war der Uber-Chef-Bär Rick Dalzell. Rick ist ein Ex-Army Ranger, zugleich Absolvent der West Point Academy, Ex-Boxer sowie ein ehemaliger “Chef-Folterer” d.h. ein CIO bei Wal Mart. In anderen Worten, er ist ein großer, genialer, aber Furcht einflößender Mann, der den Ausdruck „gestählerte Schnittstelle“ häufig benutzt und geprägt hat. Dabei war Rick selbst eine laufende, sprechende und gestählerte Schnittstelle. Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass sich jeder einzelne Mitarbeiter extrem bemühte, DEUTLICH MESSBARE Fortschritte zu machen und dabei sicherzustellen, dass Rick davon erfuhr.

Im Verlauf der folgenden zwei Jahre entwickelte sich Amazon intern in eine Service-geprägte Architektur. Während dieser Verwandlung hat ein signifikanter Lernprozess stattgefunden. Dabei gab es eine Unmenge an Dokumentationen, Regeln und Weisheiten über SOAs. In Anbetracht der schieren Größe des Unternehmens Amazon war dies jedoch so zielführend als würde man Indiana Jones empfehlen, nach beiden Seiten zu schauen, bevor er die Strasse überquert. Amazons Entwicklungsteam machte während dieser Zeit eine Vielzahl neuer Entdeckungen. Ein winzig kleines Beispiel des Entdeckungsspektrums führe ich nachstehend für Sie auf:

– Die Pager Eskalation gestaltet sich deutlich schwieriger. Der Grund: Ein einzelnes Ticket könnte durch 20 Service Calls „schliddern“, bevor der wirkliche Eigentümer identifiziert ist. Wenn jeder „Ticket-Sprung“ durch ein Team mit einer 15-minütigen Antwortzeit läuft, kann es Stunden dauern, bevor das richtige Team es herausfindet – es sei denn, man schaltet eine Vielzahl an Systemgerüsten, Metriken und anderen Parametern dazwischen.

– Jedes einzelne Mitglied Ihres Peer Teams wird plötzlich zu einem potenziellen DOS Angreifer. Niemand wird in der Lage sein, einen nennenswerten Fortschritt zu leisten, es sei denn, man führt für jede individuelle Dienstleistung eine stringente Quoten- und Reduktionsregelung ein.

– Monitoring und QA sind das Gleiche. Man versteht diesen Zusammenhang erst dann, wenn man versucht, eine große SOA zu erstellen. Aber wenn Ihr Service Ihnen sagt „Oh ja, mir geht es gut“, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das einzige noch funktionierende Element im Server die kleine Komponente ist, die Ihnen in einer fröhlichen Droiden-Stimme mitteilt: „Mir geht es gut, roger roger, over and out“. Um genau überprüfen zu können, ob der Service wirklich reagiert, ist es unerlässlich, einzelne Anrufe zu tätigen. Das Problem bleibt so lange rekursiv, bis Ihr Monitoring-System eine umfassende Semantik-Überprüfung Ihres gesamten Service- und Datenbereichs vornimmt. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Differenzierung mehr zwischen dem Monitoring und der automatisierten QA. Beide stellen ein Kontinuum dar.

– Wenn Sie Hunderte von Services zur Verfügung stehen haben und Ihr Code MUSS mit dem Code anderer Gruppen unter Einsatz dieser Services kommunizieren, benötigen Sie einen Service-Suchmechanismus. Nur so können Sie die einzelnen Services wiederfinden. Dieses wiederum setzt das Vorhandensein eines Service-Registrierungsmechanismus voraus, und schon sprechen wir von einem weiteren Service. Amazon verfügt also über eine universelle Registerservicestelle, über die man reflexive und programmatische Informationen über jeden einzelnen Service erfahren kann, so zum Beispiel über die APIs und auch, ob und wo der Service gegenwärtig eingesetzt wird.

– Die Problemanalyse wird durch die Nutzung des Codes einer anderen Person wesentlich erschwert und ist eigentlich nicht mehr durchführbar. Sie ist nur dann möglich, wenn man auf eine universelle Standardmethode zurückgreifen kann, bei der jeder einzelne Service über ein Debug-Sandbox-System läuft.

Dies ist nur ein kleines Beispiel von Dutzenden, vielleicht sogar Hunderten individueller Lektionen, die Amazon während dieser Zeit auf natürliche Art und Weise erfahren musste. Hinzu kamen zahlreiche weitere verrückte Beispiele, die sich auf die externe Nutzung der Services bezog. Die Zahl war jedoch nicht ganz so astronomisch hoch, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Die Organisationsstruktur der Services hat die Teams gelehrt, sich gegenseitig mit Vorsicht und Misstrauen zu begegnen, und damit ein ähnliches Verhalten an den Tag zu legen, das sie auch externen Entwicklern gegenüber zeigen sollten.

Der Lernprozess hielt noch an und war bereits recht weit fortgeschritten zu dem Zeitpunkt, als ich Amazon Mitte 2005 verließ, um zu Google zu gehen. Von dem Moment an als Bezos die Verordnung erließ bis zu dem Zeitpunkt meines Weggangs, hat sich Amazon kulturell in ein Unternehmen verwandelt, bei dem der Service-Gedanke bei allen Aktivitäten an vorderster Front steht und höchste Priorität genießt. Jetzt ist die Design- und Konzeptionsphase das entscheidende Kriterium. Hierzu gehören auch die internen Designs für Gegenstände, die wahrscheinlich nie von der Außenwelt wahrgenommen werden.

Zu diesem Zeitpunkt agierten die Mitarbeiter Amazons nicht mehr ausschließlich aus der Befürchtung heraus, entlassen zu werden. Natürlich haben sie immer noch Angst davor; es ist einfach Teil des alltäglichen Arbeitslebens, für einen gefürchteten “Seeräuber” wie Bezos zu arbeiten. Letztlich haben sie den Dienstleistungsgedanken verinnerlicht, da sie verstanden haben, wie überlebenswichtig Services für ein Unternehmen sind. Zweifelsohne gibt es bei der SOA-Methode Vor- und Nachteile, wobei einige der Nachteile ziemlich gewichtig sind. Insgesamt betrachtet ist es aber das Richtige – denn mit dem SOA-Design werden Plattformen kreiert.

Das hat Bezos natürlich mit seiner Verordnung im Visier gehabt. Bezos hat sich niemals auch nur einen Pfifferling um das Wohlergehen der Teams geschert, geschweige denn sich dafür interessiert, wie und mit welchen Technologien sie arbeiten, solange niemand pfuscht. Eine Sache erkannte Bezos jedoch lange Zeit vor der Mehrheit aller Amazon-Mitarbeiter: nämlich, dass Amazon eine Plattform braucht.

Eigentlich würde man denken: Wozu braucht ein Online Buchladen eine ausbaufähige, programmierbare Plattform?

Gut, zunächst realisierte Bezos, dass die Infrastruktur, die Amazon für den Verkauf und Versand der Bücher und anderer Sortimentsartikel aufgebaut hat, sich in eine exzellente, einem neuen Zweck zuführbare Computer Plattform transformieren ließe. Die Ergebnisse sind: Amazon Elastic Compute Cloud, Amazon Elastic MapReduce sowie der Amazon Relational Database Service, und darüber hinaus eine Vielzahl weiterer browsbarer Services unter aws.amazon.com

Diese Services hosten die Backend-Systeme einiger ziemlich erfolgreicher Unternehmen. Mein ganz persönlicher Favorit ist der Social News Aggregator Reddit.

Die andere große Erkenntnis, die sich Bezos in diesem Zusammenhang erschloss, war die Realisierung, dass es nicht immer möglich ist, genau das Richtige zu konzipieren. Ich glaube, dass Larry Tesler eine Saite bei ihm zum Klingen brachte, als er sagte, dass seine Mutter nicht in der Lage sei, die “verdammte” Website zu nutzen. Dabei war es nicht ganz klar, auf welche Mutter er sich bezog. Aber das ist ja auch unwesentlich, da offenkundig keine Mutter von irgendjemandem die Website als nutzerfreundlich bezeichnen würde. Auch ich finde die Website furchtbar abschreckend, und das, obwohl ich dort mehr als ein halbes Jahrzehnt gearbeitet habe. Ich habe einfach gelernt, meinen Blick zu defokussieren und mich dafür auf die Millionen von Pixel in der Nähe der Seitenmitte über dem Knick zu konzentrieren.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, wie Bezos zu dieser Erkenntnis und der Einsicht kam, dass er mit der Konzipierung eines einzigen Produktes nicht alle Nutzer gleichermaßen zufriedenstellen kann. Aber das ist ja auch egal. Was zählt ist, dass er es verstanden hat. Für dieses Phänomen gibt es übrigens einen offiziellen Ausdruck. Er heißt „Accessibility“ (Zugänglichkeit/Barrierefreiheit) und ist das absolut Wichtigste in der ganzen Computerwelt.

Das absolut Wichtigste

Falls Sie nun denken “Sie meinen Zugänglichkeit auch für blinde und taube Menschen?“, sind Sie mit diesem Gedanken nicht allein. Ich habe gelernt, dass es ganz ganz VIELE Menschen so wie Sie gibt: Menschen, für die diese Vorstellung nichts mit der wahren Zugänglichkeit zu tun hat. Falls Sie auch so denken, ist die Botschaft noch nicht zu Ihnen durchgedrungen. Das fehlende Verständnis dafür ist genauso wenig Ihre Schuld wie es die Schuld der Behinderten ist, taub, blind oder eingeschränkt in ihren Bewegungsabläufen zu sein. Wenn die Software, oder in diesem Fall die “Idea-Ware” aus irgendwelchen Gründen für irgendeine Person nicht zugänglich ist, liegt die Fehlfunktion bei der Software oder der fehlerhaften Übertragung der Grund-Idee. Dann spricht man von einem Accessibility Fehler.

Genauso wie andere große, bedeutende Dinge im Leben, hat auch die Accessibility einen “bösen Zwillingsbruder”, der sich durch die ungleich verteilte Zuneigung seiner Eltern in der Jugend zurückgesetzt fühlte und nun zu einer ebenso starken Erz-Nemesis mit dem Namen „Sicherheit“ herangewachsen ist. (Ja, es gibt in der Tat mehr als eine Nemesis und einen Erzfeind bei der Accessibility). Und glauben Sie mir, die beiden stehen ewig im Widerspruch zueinander.

Ich behaupte, dass Accessibility wichtiger als Sicherheit ist, denn pendelt sich die Accessibility bei Null ein, bedeutet dies, dass man überhaupt kein Produkt mehr hat. Bewegt sich aber die Sicherheit gen Null, erhält man noch ein einigermaßen erfolgreiches Produkt, wie beispielsweise das Playstation Netzwerk.

Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Ich könnte ein ganzes Buch zu diesem Thema schreiben, ein ziemlich dickbändiges, gefüllt mit unterhaltsamen Anekdoten über Ameisen und Gummihammer in Unternehmen, für die ich gearbeitet habe. Leider werde ich diese Schimpftirade nie veröffentlichen lassen. Und Sie werden sie somit nie lesen können, es sei denn, ich fange an, einzupacken.

Die eine letzte Sache, die Google nicht gut macht, sind Plattformen. Für Plattformen fehlt uns das Wissen und das Handwerkzeug. Einige von Ihnen würden das hinbekommen, Sie sind aber in der Minderheit. Im Verlaufe der letzten sechs Jahre ist mir das schmerzlich bewusst geworden.
Ich hatte eigentlich gehofft, dass der von Microsoft, Amazon und zuletzt von Facebook ausgehende Wettbewerbsdruck uns gemeinsam wachrütteln und zu der Entwicklung universeller Services treiben würde. Allerdings nicht in einer unüberlegten Ad-hoc Aktion, sondern in einer vergleichbaren Weise wie es Amazon gemacht hat: alles auf einmal, handfest, ohne Schummelei, mit der sofortigen Einstufung der Services als oberste Priorität.

Leider hat es sich anders entwickelt und wir sprechen von der zehnten, elften, möglicherweise sogar nur der 15. Priorität. Auf jeden Fall ist die Bedeutung, die wir diesem Thema geben, ziemlich gering. Es gibt zwar ein paar Teams, die diese Idee ziemlich ernst nehmen, die meisten Teams denken aber entweder überhaupt nicht darüber nach, und wenn, dann nur ein geringer Anteil von ihnen in sehr geringem Maße.

Es bedarf schon einer ziemlichen Anstrengung, die meisten Teams dazu zu bewegen, auch nur einen halbherzigen, kurz-bündigen Service anzubieten, um programmatischen Access zu ihren Daten und Berechnungen herzustellen. Die Mehrheit von ihnen ist der Meinung, die Arbeit beschränke sich lediglich auf die Herstellung von Produkten. Offenbar ist ihnen nicht bewusst, dass ein halbherziger, kurz-bündiger Service ein ziemlich miserabler Service ist. Hier kann ich nur empfehlen, einen Blick auf den Auszug der Lernprozess-Liste Amazons zu werfen. Da werden Sie feststellen, dass da nichts „von der Stange“ ist. „Kurz und bündig“ ist an für sich nichts Schlechtes, metaphorisch gesprochen entspricht dies aber nur dem Wert einzelner Fahrzeugteile, wenn Sie eigentlich ein ganzes Auto benötigen.

Ein Produkt ohne Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert: Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.

Google+ ist ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt hat. Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung (hallo Larry, Sergey, Eric, Vic, wie geht´s Euch?) bis zur untersten Unternehmensebene der Arbeiter (hallo Ihr!). Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: “Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter”. Die Google+ Plattform ist eine erbärmliche “Nachlese”. Bei der Markteinführung setzten wir überhaupt keine API ein. Nach meiner letzten Überprüfung hatten wir nur einen mickrigen API Call. Eine der Team-Mitarbeiterinnen kam herein und erzählte mir davon, als sie gerade bei der Markteinführung waren. Daraufhin fragte ich: „Handelt es sich um die Stalker API?“ Ihre Antwort war ein ziemlich mürrisches „Ja“. Ich dachte, ich hätte einen Scherz gemacht. Aber nein, tatsächlich zielt der einzige API Call, den wir anbieten, darauf ab, den Datenstrom einer anderen Person zu ermitteln. Also ist der Scherz auf meine Kosten gegangen.

Die “Hundefutter-Regel” ist Microsoft seit mindestens zwanzig Jahren bekannt. Es ist Teil seiner Unternehmenskultur seit nunmehr einer ganzen Generation. Die Regel ist ganz einfach zu verstehen: Sie können Ihren Entwicklern nicht einfaches Hundefutter vorsetzen, während Sie sich selbst hochwertigeres Essen für Menschen einverleiben. Das zu machen hieße, sich selbst des langfristigen Plattform-Wertes zu berauben, um einen kurzlebigen Erfolg zu erhaschen. Bei Plattformen ist eine langfristige Planung und Investition gefragt.

Bei Google+ handelt es sich um eine spontane Reflexreaktion, um eine Erforschung im Kurzzeit-Denken, ausgerichtet an der inkorrekten Vorstellung, dass Facebooks Erfolg darauf beruhe, ein geniales Produkt erfunden zu haben. Das ist aber nicht der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Facebooks Erfolg begründet sich darauf, dass sie eine komplette Produktpalette aufgebaut haben, indem sie anderen Leuten gestatteten, ihre Arbeit zu machen. Das macht Facebook so einmalig. Es gibt Menschen, die verbringen ihre gesamte Zeit damit, Mafiakriege auszutragen. Andere wiederum verbringen ihre gesamte Zeit bei Farmville.

Es gibt hundert oder sogar tausend unterschiedliche, zeitaufwändige Beschäftigungsformen mit hohem Qualitätsanspruch. Da ist für jeden etwas dabei.

Unser Google+ Team hat den Anschlussmarkt für Dienstleistungen analysiert und dabei festgestellt: „Es wäre eine gute Idee, unser Angebotsspektrum um Computerspiele zu erweitern. Lasst uns jemanden rekrutieren, der diese Spiele für uns konzipiert“. Verstehen Sie jetzt, wie unglaublich falsch dieser Gedankengang ist, vor allem aus heutiger Sicht? Das Problem ist, dass wir versuchen, zu prognostizieren, was die Leute wollen und es ihnen dann zur Verfügung stellen.

So geht das einfach nicht. Dieser Ansatz ist unrealistisch und absolut nicht verlässlich. Es hat nur ein paare wenige, hoch-kalibrige Menschen in der gesamten Welt der Computer-Geschichte gegeben, die in der Lage waren, eine zuverlässige Prognose zu erstellen. Steve Jobs war einer von ihnen. Leider haben wir keinen Steve Jobs bei uns. Das können wir nun einmal nicht ändern.

Larry Tesler mag Bezos überzeugt haben, dass er kein Steve Jobs ist. Bezos hat jedoch erkannt, dass es nicht zwingend eines Steve Jobs bedarf, um Konsumenten mit den richtigen Produkten zu versorgen: Anwenderschnittstellen und Unternehmensabläufe als Workflows, mit denen die Benutzer gut und gerne arbeiten. Das einzige was er tun musste, war externe Entwickler damit zu beauftragen. Alles andere würde dann automatisch passieren.

Ich entschuldige mich bei all denjenigen dafür, die meine Ausführungen zu diesem Thema als ganz offensichtlich und auf der Hand liegend betrachten. Es ist in der Tat unglaublich evident. Und trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Wir schaffen weder Plattformen noch die richtige Accessibility. Beides sind integrale Bestandteile: Plattformen lösen das Problem der Accessibility, denn nur über die Plattform ist die Accessibility möglich.

Microsoft hat das verstanden. Und Sie wissen genauso wie ich, wie erstaunlich das ist, da sie sonst ja eigentlich nichts so richtig hinbekommen. Für sie sind Plattformen eine rein zufällige Begleiterscheinung und Folge einer Geschäftstätigkeit, die sich bereits in der Anfangszeit mit der Bereitstellung von Plattformen befasste. So konnten sie in diesem Bereich bereits mehr als 30 Jahre Erfahrung sammeln.

Und wenn Sie auf msdn.com gehen und dort einige Zeit browsen, werden Sie überwältigt sein. Die Plattform ist gigantisch groß. Dort gibt es Abertausende von API Calls. Die Plattform ist absolut riesig, eigentlich zu riesig für den Otto-Normalverbraucher. Aber zumindest sind sie offenkundig sehr engagiert.

Amazon hat es auch kapiert. Amazons AWS (aws.amazon.com) ist einfach unglaublich.
Schauen Sie es sich einmal an und klicken Sie sich dort einmal durch. Es ist einfach nur peinlich, dass wir so etwas bei uns nicht hinbekommen haben.

Auch Apple hat es hinbekommen, natürlich! Sie haben hier ein paar grundlegende, nicht-öffentliche Entscheidungen getroffen, insbesondere bei ihrer mobilen Plattform. Aber sie verstehen viel von Accessibility, der Bedeutung der Entwicklungsarbeit Dritter und – sie essen ihr Hundefutter. Und wissen Sie was? Sie machen ein ziemlich gutes Hundefutter! Ihre APIs sind schon seit ewiger Zeit deutlich makelloser und professioneller als die Microsofts.

Facebook hat es auch verstanden. Das macht mir echte Sorgen und hat mich letztendlich dazu motiviert, all diese Dinge niederzuschreiben. Ich hasse bloggen. Plussing – d.h. eine massive Schimpftirade in Google+ loszulassen, ist mir auch zuwider. Obwohl Sie wissen, dass dies ein furchtbarer Ort dafür ist, machen Sie es trotzdem. Denn letztendlich möchten Sie wirklich, dass Google erfolgreich ist. Ich möchte das auf jeden Fall!
Fakt ist, dass Facebook mich haben möchte, und es wäre ziemlich leicht, einfach zu gehen. Google ist aber für mich wie eine Heimat. Daher bestehe ich auf diese kleine “Familien-Einmischung”, auch wenn es etwas unangenehm sein mag.

Nachdem Sie die Plattform-Angebote von Microsoft und Amazon und ich befürchte auch die von Facebook bestaunt haben (Letzteres habe ich mir verkniffen, um nicht ganz in Depressionen zu verfallen), schauen Sie sich doch bitte developers.google.com an und browsen dort ein wenig. Sie werden schnell den gewaltigen Unterschied wahrnehmen, oder? Das entspricht in etwa der Leistung, die Ihr Neffe aus der 5. Klasse hervorbrächte, müsste er in einer Hausarbeit demonstrieren, was ein großes, mächtiges Plattformunternehmen herstellen könnte, wenn es dafür lediglich auf eine Ressource in Form eines einzigen Fünf-Klässlers zurückgreifen müsste.

Verstehen Sie mich hier bitte nicht falsch – es ist eine Tatsache, dass das Entwicklungsteam regelrecht kämpfen musste, um eine ähnliche mickrige Ressource von extern zur Verfügung gestellt zu bekommen. Trotz aller Widrigkeiten schaffen sie es, Plattformen herzustellen. Dabei unternehmen sie fast heldenhafte Anstrengungen, denn sie sind mit einem Umfeld konfrontiert, das im besten Falle indifferent und im schlimmsten Falle offenkundig feindselig und ablehnend gegenüber Plattformen eingestellt ist.

Ich beschreibe hier nur in aller Offenheit, wie developers.google.com für Aussenstehende erscheinen muss. Es ist einfach kindisch. Wo um Himmels willen befinden sich hier die APIs der Maps? Einige der Dinge dort sind Labor-Projekte. Und alle APIs, die ich angeklickt habe, waren ziemlich dürftig. Es handelt sich hier offenbar um Hundefutter, aber kein gutes, aus organischem Anbau. Verglichen mit unseren internen APIs sind das im besten Falle “Schnauzen” und “Pferdehufe”.

Verstehen Sie mich auch bitte nicht falsch, was Google+ angeht. Sie sind bei Weitem nicht die einzigen Angreifer. Das ist eine Sache der Unternehmenskultur. Wir tragen derzeit einen internen Kampf aus. Dabei nimmt die “Pro-Plattform-Fraktion” als Underdog Minderheit gegenüber den allmächtigen, selbstbewussten und kapitalkräftigen Herstellern mehr oder weniger die Verliererposition ein.

Alle Teams, die erfolgreich die Vorstellung verinnerlicht haben, dass es von Grund auf extern zu programmierbare Plattformen geben sollte, gehören zu den Underdogs. – Und schon denkt man an Maps and Docs. Ich weiß auch, dass GMail Avancen in dieser Richtung startet. Es ist aber schwer für sie, eine Finanzierung dafür zu bekommen, da dies nicht Teil unserer Kultur ist. Die Finanzierung Maestros ist ziemlich schwach, setzt man sie in Relation zu der riesigen Microsoft Office Programmierplattform: Es ist wie ein flauschiges Kaninchen im Vergleich zu einem Tyrannosaurus rex. Das Docs Team ist sich bewusst, dass sie erst dann mit Office konkurrieren können, wenn sie mit seinen Scriptsprach-Einrichtungen mithalten können. Dazu fehlt ihnen aber die Unterstützung durch entsprechende Ressourcen. Ich gehe davon aus, dass sich die Lage noch nicht geändert hat, da Apps Script zurzeit nur in Spreadsheet funktioniert. Außerdem verfügt das Team noch nicht einmal über Keyboard Shortcuts als Teil ihrer API. Das Docs Team scheint wirklich ziemlich unbeliebt und allein gelassen zu sein.

Das Ironische dabei ist, dass Wave einmal eine tolle Plattform war, mag sie in Frieden ruhen. Aber eine Plattform zu gestalten bedeutet nicht, sofort und automatisch Erfolg zu haben. Eine Plattform braucht einen Killer App. Facebook – das heißt, der Bestandsservice, der dort mit Facebook Walls und Friends etc. angeboten wird, ist der Killer App der Facebook Plattform. Und es ist ein großer Fehler, zu glauben, dass das Facebook App ohne die Facebook Plattform auch nur annähernd so erfolgreich wäre.

Sie wissen, dass die Leute immer sagen, Google sei arrogant? Als „Googler“ ärgert mich diese Bemerkung genauso wie Sie. Im Großen und Ganzen sind wir nicht arrogant.

Wir sind fast zu 99 Prozent frei von Arroganz. Ich habe diesen Beitrag begonnen – wenn Sie in Ihrer tiefsten Erinnerung graben – indem ich Google als ein Unternehmen beschrieb, das alles richtig machen würde. Fakt ist, wir sind einfach nur bester Absichten. Und wenn uns jemand den Vorwurf macht, wir seien arrogant, liegt es zumeist an folgenden Gründen: Entweder ist der Kritiker ein Job-Aspirant, der unser Rekrutierungsverfahren nicht bestanden hat, oder jemand, der Probleme mit unserer Unternehmenspolitik hat, oder irgendetwas in dieser Richtung. Sie leiten daraus Arroganz ab, weil sie sich dadurch besser fühlen.

Wenn wir die Einstellung vertreten, das perfekte Produkt konzipieren zu können, das alle Kunden gleichermaßen zufrieden stellt – und glauben Sie mir bitte, so etwas höre ich sehr oft – dann sind wir einfach nur dumm. Aus solch einer Einstellung ließe sich wirklich Arroganz oder Naivität ableiten. Letztlich würde das auch keinen Unterschied machen, es ist schierer Wahnwitz. Es gibt KEIN perfektes Produkt, das wirklich alle Nutzer zufrieden stellt.

Die Folge ist, wir stellen einen Browser ein, mit dem Sie die Default-Schriftgröße nicht festlegen können. Und schon begehen wir wieder einen Affront gegenüber der Accessibility. Jetzt, wo ich älter werde, scheine ich auch mit Blindheit geschlagen zu sein. Es ist wirklich wahr. Mein ganzes Leben bin ich schon kurzsichtig – und wenn Sie erst einmal die 40 erreicht haben, sind Sie meist nicht mehr in der Lage, Dinge aus der Nähe zu betrachten. Folglich wird das Thema der Font/Schrift-Auswahl zu einer Entscheidung auf Leben und Tod: Es kann sie regelrecht aus dem Produkt hinauskatapultieren und ausgrenzen. In dieser Hinsicht ist das Chrome Team völlig arrogant: sie wollen unbedingt ein Zero-Konfigurationsprodukt entwickeln und riskieren dabei gerne eine dicke Lippe. Wenn Sie dann blind, taub oder in irgendeiner anderen Form gehandicapt sind, bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als für den Rest Ihres Lebens bei jedem einzelnen Page Visit die Ctrl-+ Taste zu bedienen.

Leider verhält sich nicht nur das Chrome Team so, sondern eigentlich alle. Das Problem liegt darin, dass wir durch und durch ein Produkt-Unternehmen sind. Wir haben ein erfolgreiches Produkt mit weitreichender Popularität und Breitenwirkung geschaffen – ich spreche hier von unserer Suchfunktion. Dieser gigantische Erfolg hat aber auch Nachteile mit sich gebracht.

Amazon war auch ein Produkt-Unternehmen. Folglich bedurfte es einer Out-of-Band-Kraft, um Bezos von der Notwendigkeit einer Plattform zu überzeugen. Diese Kraft entstand aus Amazon´s allmählich “verdampfenden” Gewinnspannen. Bezos stand mit dem Rücken zur Wand und musste sich überlegen, wie er da raus kommen kann. Er hatte lediglich ein Grüppchen Ingenieure und all diese vielen Computer… wenn sich die nur zu Geld machen ließen … Jetzt werden Sie verstehen, wie er im Nachhinein zu AWS kam.

Microsoft hat von Anfang an eine Plattform gehabt und verfügt daher über einen großen Erfahrungsschatz.

Facebook hingegen beunruhigt mich. Ich bin zwar kein Experte, aber ziemlich sicher, dass Facebook auch einmal als Produkt anfing und damit einen ziemlich lang anhaltenden Erfolg hingelegt hat. Ich bin mir allerdings nicht absolut sicher, wie das Unternehmen den Übergang zu einer Plattform hinbekommen hat. Facebook muss offenbar schon seit relativ langer Zeit eine Plattform sein, auf jeden Fall bevor sich solche Dinge wie Mafiakriege entwickeln konnten.

Vielleicht haben sie sich uns einfach nur angeschaut und sich dabei gefragt: „Wie schaffen wir es, Google zu übertrumpfen? Was fehlt bei ihnen, das wir bei uns aufbauen können?“

Wir stehen vor einer ziemlich großen Herausforderung und einem echten Problem. Um dieses lösen zu können und wieder „auf Vordermann“ zu kommen, müssten wir unsere Unternehmenskultur signifikant reformieren.

Wir kreieren keine Service-orientierte Plattformen für den internen Gebrauch. Genauso wenig konzipieren wir externe. Das bedeutet, dass sich diese Art ”Unvermögen” fast endemisch durch das ganze Unternehmen zieht: d.h. die Produktmanager bekommen es nicht hin, die Ingenieure nicht, die Produktteams nicht, eigentlich bekommt es niemand hin. Selbst wenn es ein einzelner schaffen sollte, vielleicht sogar Sie, würde das absolut keinen Unterschied machen. Die Situation würde sich erst dann ändern, wenn wir endlich anfangen, sie als überlebenswichtige Angelegenheit zu behandeln, bei der der Einsatz jedes Einzelnen zählt. Wir können nicht einfach weiter Produkte auf den Markt bringen und dann so tun, als ob wir sie später in magisch schöne, ausbaufähige Plattformen umwandeln. Das haben wir versucht und es hat nicht funktioniert.

Die goldene Regel der Plattformen: „Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter” kann auch umformuliert werden als: „Beginnen Sie mit der Herstellung einer Plattform und nutzen Sie sie dann später einfach für alles.“ Darauf erst später aufzusatteln und es dann festzuzurren geht einfach nicht. Auf jeden Fall wäre das ziemlich schwer. Dazu können Sie jeden befragen, der schon einmal bei der Plattformierung von MS Office oder auch Amazon mitgewirkt hat. Wenn Sie die Plattformierung erst später durchführen, bedeutet das zehn Mal soviel Arbeit als wenn Sie es von Anfang an richtig machen. Dabei können Sie es sich nicht leisten zu schummeln. Es gibt keine geheimen Hintertüren für interne Apps, um so einen speziellen und vorrangigen Access zu bekommen. Hierbei gibt es keine Ausnahmeregelung. Es gilt, die schwierigen Probleme an vorderster Front zu lösen.

Ich will damit nicht sagen, dass es zu spät für uns ist. Tatsache ist aber, je länger wir warten, desto stärker nähern wir uns dem “zu spät sein”.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag schließen soll. Ich habe so ziemlich alles gesagt, was ich mir für heute vorgenommen hatte zu sagen. Dieser Beitrag ist seit sechs Jahren in der Mache. Es tut mir Leid, falls ich mit dem Thema nicht besonders sanft umgegangen bin. Ebenso entschuldige ich mich dafür, falls ich irgendein Produkt, Team oder eine Einzelperson fälschlich dargestellt haben sollte. Ich entschuldige mich auch dafür, falls wir doch viel an Plattform-Arbeit geleistet haben sollten, und nur „rein zufällig“ niemand, weder ich selbst noch alle anderen, mit denen ich jemals darüber gesprochen habe, davon gehört hat. Sorry.

Wir müssen jetzt endlich damit beginnen, alte Fehler auszubügeln und alles richtig zu machen. Ende der Übersetzung.

Facebook, Google Plus und das Wechselspiel der Social Web-Nerds

Die Karrierebibel führt drei Gründe an, warum man nicht ausschließlich auf Facebook setzen sollte:

Fehlende Kontrolle und unerwartete Veränderungen werden als Argumente ins Feld geführt.

Die Ankündigung des neuen Timeline-Designs zeigt es eindrücklich: Änderungen im Aufbau und der Funktionsweise von Facebook können jederzeit statt finden. Die neuen Entwickler-Schnittstellen werden beispielsweise viele bestehende Facebook-Apps ausschließen. Und nicht alle Neuerungen werden so rechtzeitig und öffentlich angekündigt wie Timeline.

Nicht ganz so nachvollziehbar ist die eingeschränkte Reichweite:

Auch wenn Facebook gerne mit seinen 800 Millionen Nutzern – davon mehr als 20 Millionen in Deutschland – wirbt: Die Reichweite ist eingeschränkt. Gerade netzaffine Nutzer die auf Twitter und Google+ aktiv sind, meiden Facebook teilweise bewusst. Die Kommunikation rein über Facebook schließt daher einen wichtigen Nutzerkreis mit großer Multiplikator-Wirkung aus.

Mal abgesehen, dass es ziemlich dumm wäre, auf maximale Netzwerk-Effekte zu setzen, ist die bewusste Vermeidung kein Argument, Facebook zu meiden und deshalb beispielsweise auf Google Plus zu setzen. Das von Mark Zuckerberg vorgestellte Re-Design von Facebook hat so eine Art Kulturschock in der deutschen Netz-Elite ausgelöst. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking ist die Rede. Da mutet es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündet. Für den Marketingexperten Felix Holzapfel bewegt sich der kritische Diskurs im Kreis.

Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des Web-Imperiums. Holzapfel muss schon etwas Schmunzeln, wenn jemand sagt, dass er bei Facebook aussteigt, weil es datenschutztechnisch zu heikel wird und fortan seine Postings beim Suchmaschinen-Giganten unter die Leute bringt. Das sei nicht ernst zu nehmen. Da springt man von einem Übel ins andere. Auch der Vergleich mit AOL würde hinken. „Da war es für mich egal, ob meine Freunde Compuserve benutzen. Es war kein Mehrwert und auch kein Nachteil. Facebook hingegen ist so eine Art Schwarzes Loch im Social Web. Es saugt alles an. Je mehr Leute mitmachen, umso interessanter wird das Ganze. Google Plus ist spannend und gut gemacht. Da sind allerdings nur die Social Web-Nerds unterwegs. Lieschen Müller marschiert dort nicht hin“, so Holzapfel in einem Interview, das ich am Freitag mit ihm führte.

Weiteres heute in meiner The European-Montagskolumne nachzulesen: FACEBOOK UND DIE VERFÜHRBARKEIT: 80 Millionen Vollidioten.

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation

„Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden“, mit diesem Zitat aus dem Zeit-Artikel „Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird“ von Adam Soboczynski untersucht Kathrin Passig in einem Merkur-Essay die Diskursqualität im Netz und kommt zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: „Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zuckten nur die Schultern. Am ‚Netz als Feind‘ liegt es nicht, denn im englischsprachigen Bereich gibt es Orte, an denen die Kommentare lesenswerter sind als der kommentierte Beitrag“, so Passig. „Sümpfe und Salons“ heißt das Stück.

Man könne den Betreibern von Kommentarforen, Communities und anderen Kommunikationsangeboten höchstens mittelgroße Vorwürfe machen. „Die technischen Voraussetzungen für den Meinungsaustausch mit Menschengruppen, die nicht mehr an einen Kneipentisch passen, gibt es noch nicht lange. Außerhalb spezialisierter Nerdkreise hatte niemand länger als zehn bis fünfzehn Jahre Zeit, um Erfahrungen mit der Förderung und Erhaltung konstruktiver Kommunikation in großen Gruppen zu sammeln. Es ist keine Überraschung, dass zentrale technische wie soziale Probleme ungelöst sind“, führt Passig weiter aus. Wie bei Beziehungen gebe es auch bei neuen sozialen Kreisen eine Phase der Frischverliebtheit, in der sich die Teilnehmer von ihrer besten Seite zeigen. „In den ersten Monaten oder Jahren einer Onlinegemeinschaft befinden sich alle Teilnehmer gleichzeitig in diesem Zustand. Später bildet sich eine phasenverschobene Mischung aus Neuzugängen und Alteingesessenen. Wenn Letztere zu stark überwiegen, legen alle die Füße auf den Tisch, der Diskussionsstandard verfällt, und der Mangel an Nachwuchs führt zu geistiger Stagnation. Eine solche Zombiecommunity kann noch lange weiterexistieren, aber sie ist nur noch eine leere Hülle“, erläutert die Merkur-Autorin. Auch Software, Moderatoren-Systeme, soziale Kontrolle, Rankingverfahren oder sonstige Eingriffe und technischen Tricks gegen Kommentarnichtigkeiten helfen wohl nicht weiter.

Dabei seien doch gerade soziale Netzwerke ideale Orte für herrschaftsfreie Diskurse im Sinne von Jürgen Habermas. So sieht es jedenfalls Stefan Münker in seinem Elaborat „Emgergenz digitaler Öffentlichkeiten“ (edition unseld). „Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung.“ Mit den neuen Medien ändere sich die Kommunikation. Das Publikum stehe nicht mehr unter dem Diktat „Don’t talk back“, wie es bei den klassischen Medien der Fall sei. Denn die seien per se nicht auf eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger ausgerichtet. Es sind eben One-to-many-Medien. Das jeder in sozialen Netzwerken nicht nur Empfänger sondern auch Ich-Sender ist, garantiert allerdings noch keine Konversationskunst wie in den Salons der Renaissance oder des Rokoko. Die Qualität oder Quantität der Kommentare in Foren, Blogs oder Portalen ist allerdings auch noch kein Maßstab für die Gesprächskultur (wie sich Social Web und Salonkultur verbinden können, untersuchen die Künstler Antje Eske Kurd Alsleben). Der Salon galt früher als ein Ort, an dem man ungezwungen miteinander umgehen konnte. Er stellte eine zweckfreie und zwanglose Form dar. Als Vorbild für den Netz-Diskurs könnte das dadaistische Cabaret Voltaire in Zürich dienen. Hier ging es vor allen Dingen um den spielerischen Umgang mit den Fragen des Lebens. Ein Dadaist war zugleich Anti-Dadaist. „Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten in Verwirrung zu stürzen, indem er zwingende Gründe für unvernünftige Theorien erfindet und diese Theorien dann zum Triumph führt“, erläutert mein Lieblingsphilosoph Paul Feyerabend in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“.

Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen. Insofern sollte man sich über den allmählichen Verfall von Netz-Gemeinschaften, vom Aufblühen und Verwelken von sozialen Netzwerken überhaupt keine Gedanken machen. Ob Google Plus nun Twitter und/oder Facebook das Leben auspusten wird oder doch alles ganz anders kommt, ist doch völlig egal. Gleiches gilt für saft- und kraftlose Communities.

„Manchmal lassen sich verkrustete Probleme nur durch Neugründung einer Alternative lösen, und nirgends ist das Weiterziehen und Neugründen leichter als im Internet, wo die unbesiedelten Kontinente nie zu Ende gehen. Die Konvektionsbewegung zwischen agilen Neugründungen, erstarrten Imperien, Zerfall und Erneuerung gibt es online wie offline, im Internet sind ihre Zyklen nur kürzer als draußen“, stellt Passig fest.

Vielleicht stamme die Frage, wie sich konkret definierte Gemeinschaften dauerhaft erhalten lassen, noch aus Prä-Internetzeiten, und die von Alvin Toffler 1970 angekündigte Adhokratie hält nicht nur im Beruf, sondern auch in unserem Sozialleben Einzug. Es ginge dann nicht darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt. „Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen sozialen Konstellationen werden, anstatt napfschneckengleich an immer denselben Stellen im Netz klebenzubleiben. Der eingangs erwähnte Intellektuelle ist selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt“, rät Passig. Das „Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben“, das im staatsbürgerschaftlichen und geopolitischen Raum nur sehr begrenzt funktioniert, sei im Netz ein praktikabler Vorschlag. „Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen“, resümiert Passig.

Welche Diskurskultur wäre nun anzustreben für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft (auch beim Dialog zwischen Kunden und Unternehmen)? Werde ich für meine Service Insiders-Kolumne am Freitag verwerten. Kommentare bitte bis Donnerstag so gegen 22 Uhr schicken.

Die Internet-Denkfabrik

„Wie sich neue Technik auf die Nutzer auswirkt, soll ab Herbst das Berliner Internet-Institut erforschen. Das Geld kommt von Google – ansonsten will sich das Unternehmen weitgehend heraushalten. Die vier Schwerpunkte stehen bereits fest“, schreibt Spiegel Online. Getragen von der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität der Künste in Berlin sowie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und in Zusammenarbeit mit dem Hans-Bredow-Institut in Hamburg will das sich in Gründung befindende Forschungsinstitut führende Wissenschaftler sowie Akteure aus allen Sparten der Gesellschaft zusammenbringen, um Fragen für Internet-Innovation, Internet-Regulierung, Informations- und Medienrecht sowie Fragen des Verfassungsrechts im Internet zu erörtern und zu erforschen.

Klingt ziemlich trocken. Vielleicht könnte sich das Institut ja auch mit dem Lustfaktor von Technologien im Internet auseinandersetzen. Eine kleine Steilvorlage habe ich in meiner heutigen The European-Kolumne geliefert.