Bespaßungsmaßnahmen für den Büroalltag: Mister K. und die kreative Knetmasse

Genehmigungsbürokratie

Ich sitze im Büro, also bin ich? Diesen Mythos verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet, wie es die Wirtschaftswoche mit Verweis auf Max Weber beschreibt. Freiheit am Arbeitsplatz sei nur ein anderes Wort für Dressur.

„Die Welt dreht sich schnell und immer schneller, verraten uns die Soziologen, nur im Büro steht alles still. Kein Fortschritt nirgends, weit und breit. Der Mensch hat im vergangenen Jahrhundert den Fernseher erfunden, den Mond besucht und das Genom entschlüsselt, allein sein Angestelltenleben innoviert, das hat er nicht“, so die Wirtschaftswoche.

Noch immer rieche die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken:

Die nine-to-five-Ketten

„Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleicht einen, frei nach Jean-Jacques Rousseau, das Gefühl: ‚Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten’.“

Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantrieben – heraus komme immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. Selbstbestimmtes Arbeiten sieht anders aus, ob nun die Angestellten am Freitag mit oder ohne Hawaii-Hemd am Arbeitsplatz erscheinen dürfen.

Es sind mehr oder weniger originelle Einfälle des Personalmanagements, um das Büroleben erträglicher zu machen. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor:

„Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.”


Gestresste Mitarbeiter können ihren Frust in albernen Rollenspielen abbauen. Managementaufgaben werden danach mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Meinen Ex-Kollegen von o.tel.o dürfte der erste Auftritt unseres neuen Chefs – nennen wir ihn Mister K. – noch gut in Erinnerung sein. Mit seinen Autoverkäufersprüchen brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von Minus zwanzig Grad. Schon mal ähnliches erlebt? Mehr davon in meiner The European-Mittwochskolumne.

Büroarchitekten ignorieren Faktoren für Wohlfühlarbeit #ccw12

Im meinem Beitrag „Über Lichtsuppen, schrumpfende Büros und Lärmstress: Moderne Büros vernachlässigen den Faktor Mensch“ habe ich mich ja schon über die planerischen Mängel beim Bau von Bürogebäuden ausgelassen.

Wenn Architekten und Designer sich in der Bürowelt austoben, bleibt häufig die individuelle Note auf der Strecke: Glasfassade mit Lichtkonzept, Glastische, Glaswände – fehlt eigentlich nur noch das gläserne Klo. Aseptische Arbeitsplätze, die kaum Raum für persönliche Vorlieben lassen. „Denkt immer an die Menschen! Das muss man heute mehr denn je allen zurufen, die Büros planen und einrichten“, fordert Dominic Giesel, Sprecher der Initiative Wohlfühlarbeit. Ruhe, Entspannung, gesunde Atemluft, Wohlbefinden und der Schutz der Gesundheit seien Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen. „Design und Funktionalität sind bedeutungsloses Beiwerk, wenn Architekten ihre Hausaufgaben nicht machen. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“, sagt Giesel im Gespräch mit Service Insiders.

Das gilt für Raumgestaltung, Lärmpegel, Luftqualität, Beleuchtung, Büromöbel, individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes und Bepflanzung. In der Regel achten Bauherren und Architekten wenig auf Kriterien, die für Büro-Mitarbeiter wichtig sind. Dabei müsste man schon bei der Planung entsprechende Expertisen einholen und in das Baukonzept integrieren, statt nachträglich mühsam Schwachstellen zu beseitigen. Unter dem Strich wird das nämlich teurer, wie mir zwei Vertreter der Initiative „Wohlfühlarbeit“ im Interview auf der Call Center World in Berlin bestätigten:

Amazing Race: Diktiersoftware Dragon gewinnt gegen die Meisterin im Schnellschreiben

Meisterin im SchnellschreibenSpracherkennung ist nicht nur für Ärzte und Juristen ein heißes Thema. In vielen Berufen muss ein hohes Schreibaufkommen unter Zeitdruck bewältigt werden. „Kein Wunder, dass immer mehr Krankenhäuser und Gerichte nach neuen Wegen suchen. Da ist zunächst der Umstieg auf die Digitaltechnik, die das mühsame Hantieren mit Kassettenbändern ersetzt und zudem den elektronischen Transport der Diktate erlaubt. Dass die Akustik solcher Aufzeichnungen deutlich besser ist, kommt als angenehmer Nebeneffekt hinzu. Der zweite Schritt ist der Übergang zur elektronischen Spracherkennung am PC, wobei in der Regel die Standardsoftware Dragon Naturally Speaking für Windows zum Einsatz kommt. Kein anderes Programm hat eine vergleichbar hohe Erkennungsleistung“, schreibt beispielsweise Michael Spehr von der FAZ.

Wozu Maschinen schon jetzt in der Lage sind, stellte ein Amazing Race am 11. November 2009 in München auf dem Fachkongress Conversations DACH unter Beweis. In einem Mensch-gegen-Maschine-Wettkampf trat Martina Wichers, Deutsche Meisterin im Schnellschreiben, gegen das Spracherkennungssystem Dragon Naturally Speaking von Nuance an. Frau Wichers war unheimlich schnell. Das beweist mein Mitschnitt. Die Software brauchte allerdings nur die Hälfte der Zeit. Hier der Film.
Foto Amazing Race

Ich sitze im Büro, also arbeite ich: Warum die postindustrielle Gesellschaft die Arbeitsorganisiation auf den Kopf stellt

Kicker und Obst machen die 9to5-Büroarbeit auch nicht viel besser
Kicker und Obst machen die 9to5-Büroarbeit auch nicht viel besser

Büros mit Fußballkicker, Obstkörben und bunten Büromöbeln scheinen in Deutschland schon zu Avantgarde-Erscheinungen des modernen Arbeitslebens zu zählen. Für den Publizisten Markus Albers, Autor des Buches „Morgen komme ich später rein“, sind diese Anreize eher ein Feigenblatt, um Mitarbeiter auf Effizienz zu trimmen. An starren Arbeitszeiten und Organisationsmethoden hat sich wenig geändert. „Vorbild des in Deutschland heute am weitesten verbreiteten Bürokonzeptes, des Einzelbüros, sind die im 16. Jahrhundert in Florenz gebauten Uffizien, von denen sich das englische Wort für Büro ableitet: ‚office’“. Freie Arbeitsgestaltung ist weitgehend noch Fehlanzeige. Es gilt immer noch das Motto „Ich sitze im Büro, also arbeite ich“. Ob man die Wand anstarrt, in der Nase popelt, die Minuten bis zum Feierabend zählt oder Kollegen nervt, spielt keine Rolle. Die alten Strukturen der Industriegesellschaft funktionieren immer schlechter: Abgesessene Kernarbeitszeit und exzessive Überstunden würden zwar immer noch als Beweis für echtes Engagement gelten. In Wirklichkeit erleiden wir durch Langeweile und Ineffizienz am Arbeitsplatz enorme volkswirtschaftliche Verluste.

Arbeitswelt der postindustriellen Gesellschaft
Arbeitswelt der postindustriellen Gesellschaft
Dabei sind wir schon längst eine Wissens- und Dienstleistungsökonomie. Ein Großteil der Menschen arbeitet in Informations- und Serviceberufen. Galt bisher die Maxime „Arbeiten in einer festen Struktur, am fixen Ort und zur bestimmten Zeit, so erlauben neue Entwicklungen der IT- und TK-Branche das „Arbeiten mit wem, wo und wann man will“. Gesucht werden in der „Easy Economy“ nach Auffassung von Markus Albers vor allem Experten, die per Definition mobil und flexibel arbeiten.

Nach einer BITKOM-Umfrage arbeiten zwar derzeit nur zehn Prozent der Berufstätigen in Deutschland ganz oder zeitweise von zu Hause aus. Aber 62 Prozent wünschen sich regelmäßige Arbeit im Home-Office, 41 Prozent an einigen Tagen in der Woche und 21 Prozent sogar täglich. 28 Prozent der befragten Arbeitnehmer gehen am liebsten jeden Tag ins Büro. Der Wunsch nach einem Home-Office ist bei den 30- bis 49-Jährigen am stärksten ausgeprägt. Drei Viertel der Befragten in dieser Altersgruppe will regelmäßig zu Hause arbeiten oder tut dies bereits. Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden. „Heute kann fast jeder Büroarbeitsplatz zu geringen Kosten an den heimischen Schreibtisch verlegt werden“, sagt BITKOM-Präsident Profesor August Wilhelm Scheer. Eine schnelle Internetverbindung ermögliche den Zugriff auf Anwendungen, Datenbanken und Kommunikationssysteme des Arbeitgebers.

„Gerade in größeren Unternehmen ist die technische Integration von Mitarbeitern außerhalb der Unternehmensstandorte bereits Standard. Das betrifft mobile Mitarbeiter, Home-Office-Arbeitsplätze wie auch sogenannte nomadisierende Mitarbeiter, die mobil oder von wechselnden Standorten arbeiten“, bestätigt Andreas Latzel, Deutschlandchef von Aastra. Die technische Integration erfolge dabei über Internet-Zugänge, die mittels eines so genannten Virtual Private Networks (VPN) für gesicherte Datenverbindungen zu den Unternehmensstandorten genutzt werden, und über SIP für IP-Telefone oder IP-Kommunikationsprogramme auf dem PC oder Notebook. „Diese SIP-Anbindung erlaubt dem Mitarbeiter die gleichen Funktionalitäten wie an jedem anderen Telefonendgerät im Unternehmen. Mobiltelefone werden dabei über das GSM-Netz und eine Mobile Extension Funktion integriert – sie funktionieren ebenfalls wie eine Nebenstelle im Unternehmen“, so Latzel. Die leicht in die ITK-Struktur des Unternehmens integrierbaren Unified Communications-Lösungen von Aastra kämen letztlich dem Mitarbeiter, dem Unternehmen und sogar der Umwelt zugute. Mit der Verbreitung dieser Technologien werde auch die allgemeine Akzeptanz von flexiblen und mobilen Arbeitsbedingungen steigen.

Die ökonomische Metamorphose zur „Easy Economy“ sei nicht mehr aufzuhalten, glaubt auch Markus Albers. Mit einer Schönwetter-Thematik habe das nichts zu tun. Es sei vielmehr ein Programm zur Beschleunigung von Innovationen und zur Optimierung von Prozessen. „Sie hilft Unternehmen, die klügsten Köpfe anzuziehen, die besten Produkte zu entwickeln und nebenbei noch Immobilienkosten zu sparen, weil Büros bis zu 50 Prozent kleiner sein können, wenn nicht mehr jeder jeden Tag 9to5 am Schreibtisch sitzt. Insofern ist der Schritt zur Easy Economy die beste Vorbereitung für wirtschaftlich schwierigere Zeiten“, prognostiziert Albers. Die Krise beschleunige überfällige Anpassungen der konventionellen Organisationsstrukturen erfolgen, die so zunehmend den Anforderungen einer postindustriellen Arbeitswelt.

Auch Wilhelm Bauer vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation geht nicht von einem kurzfristigen Trend aus. Es bewege sich alles in Richtung einer Easy Economy. Aktienmärkte seien volatil, aber technologischer, arbeitsorganisatorischer und gesellschaftlicher Wandel findet vor längeren Zeithorizonten statt und ist darum vergleichsweise stabil. Also: Aktuelle Wirtschaftkrise hin oder her – wir werden in Zukunft mit Hilfe moderner Technik arbeiten, wann und wo wir wollen.

Twitter und die Kluft der Manager zur Web 2.0-Welt

Die Nielsen Online-Studie ist ja schon hoch und runter gelaufen, die möchte ich hier nicht weiter kommentieren. Sehr nützlich ist dazu auch der Blog-Beitag des FAZ-Netzökonomen Holger Schmidt. Hier findet man einen interessanten Kommentar von Michael Leibrecht, der auch meinen Beobachtungen entspricht:
„Doch wie bringen wir das den Unternehmern und Managern aktiv näher? Die Kluft zwischen aktiven Online-Marketing-Leuten und traditionellen Managern mit der Einstellung ‚das macht alles meine Sekretärin‘ wird immer größer. In Seminaren, Workshops und Beratungen erlebe ich täglich wie wichtig eine breite ‚Web 2.0 Lobby‘ wäre. Firmen müssen auf einfache und verständliche weise lernen welchen Nutzen ihnen in Zukunft das Internet bringen kann.“

Es gibt sogar noch Manager, die sich von ihrer Sekretärin die E-Mails ausdrucken lassen und noch stolz darauf sind – das gilt nicht nur für ältere Semester. Oder die mit Argwohn den Trend zu Enterprise 2.0-Technologien betrachten und auch bekämpfen, weil beispielsweise Agententechnologie ungefiltert an Mitarbeiter Informationen vermittelt. Da können viele nicht mehr so stark mit dem Taktstock fuchteln. Siehe dazu auch den Artikel „Kollaborieren oder kollabieren?“.

Leere VoIP-Versprechen und überforderte „Softwarebubis“

Warum Unternehmer mit der Kommunikation über das Internet Protokoll hadern

VoIP für Mutti?
VoIP für Mutti?
Voice over IP ist ein Dauerbrenner in den Fachmedien für Informationstechnik und Telekommunikation. Von der Realität der Kommunikation in Privathaushalten und der Geschäftswelt erfährt der geneigte Leser wenig. Umfragen, Analysten und Branchenvertreter gehen in ihren VoIP-Prognosen häufig nur von Optionen und Wünschen aus. In Studien werden dann Fragen gestellt „Wird sich VoIP“ in den nächsten fünf Jahren durchsetzen“ oder „Halten Sie VoIP für sinnvoll“. Das sind die berühmten und empirisch höchst unseriösen Fragetechniken nach dem Prinzip „Wollen Sie arm oder reich sein?“. Schaut man sich das nackte Zahlenmaterial der Bundesnetzagentur an, bleibt von dem VoIP-Wortschwall der ITK-Szene nicht mehr viel übrig. Nach dem aktuellen Tätigkeitsbericht der Bundesnetzagentur kann man Ableitungen für 2007 vornehmen. Danach liegt der Anteil der VoIP-Nutzung bei mickrigen 8,6 Prozent. Für das vergangene Jahr schätzt das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) den Wert auf rund 10 Prozent.

„Für Geschäftskunden, die sehr häufig Nebenstellenanlagen betreiben, deren weitere Wartung durch die Lieferanten zu Ende geht, erwarte ich persönlich eine schnellere Migration zu VoIP als bei den Privatkunden, wenngleich die Nachfrage nach Lösungen für VoIP-Centrex dem Vernehmen der Anbieter nach enttäuschend ist. Hier liegen uns belastbare Zahlen jedoch nicht vor“, so WIK-Senior Consultant Dr. Thomas Plückebaum gegenüber NeueNachricht. Die Übertragung von Sprache, Bild und Daten über das Internet Protokoll ist kein Kinderspiel und mit reinen Modephrasen bewegt sich der Markt keinen Millimeter. Wenn man jeden Tag mit PR-Texten von Firmen bombardiert wird, die eine „nachhaltige und ganzheitliche VoIP-Strategie garantieren, Prozesse optimieren und implementieren, eine Vielzahl von Synergien realisieren und mit leistungsfähigen Tools basierend auf einem Netzwerk von Applikationen für geringere Kosten und einer höheren Effizienz sorgen“, darf man sich über die starre Haltung der Unternehmer gegenüber neuen Kommunikationstechnologien nicht wundern.

Spielzeug für Vati
Spielzeug für Vati
Und wenn man jetzt schon auf jedem sich bietenden Fachkongress vom Trend zur Unified Communications spricht, fehlt den Branchenexperten augenscheinlich eine gehörige Portion Wahrnehmungskompetenz: In neun von zehn Unternehmen dominiert nach wie vor die klassische Festnetz-Telefonie. Das belegt eine aktuelle Umfrage der Experton Group, die fast punktgenau die Erkenntnisse der Bundesnetzagentur wiederspiegelt. Entwickler und Hersteller der Telekom-Branche sowie Anwender müssen noch einen dornenreichen Weg zurücklegen, um VoIP auf breiter Front durchzusetzen. Man benötigt Anbieter mit Sachverstand, fundiertem Praxiswissen und einer exzellenten Expertise in der Telekommunikation. VoIP stellt langjährig eingeübte Telefongewohnheiten in Frage. „Über den Computer zu telefonieren und mit dem Telefon im Web suchen, das muss ein Anwender erst einmal verdauen“, so Dr. Jörg Fischer, Autor des Buches „VoIP-Praxisleitfaden“ (Hanser Verlag).

Ähnlich sieht es Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in München: „Es ist ein weiter Weg von der Idee zur Umsetzung. Zudem verschieben sich notwendige Investitionen für VoIP durch die angespannte Wirtschaftslage. Die alte Telefonanlage tut es noch ein Jährchen, vielleicht mit ein wenig höheren Reparaturkosten“, sagt Rebetzky. Daher sei VoIP in den Vorstandsetagen erst einmal in die zweite Reihe gerückt. „Man konzentriert sich eher auf Prozessoptimierungen in der Logistik oder Bestellabwicklung. Dennoch: Die Zeit wird wiederkommen und wohl denen, die schon mit gereiften Konzepten in den Startlöchern stehen“, resümiert Rebetzky, CIO des Lebensmitteltechnologie-Spezialisten Bizerba.

Folgt man den Analysen des Beratungshauses Berlecon, hält zwar eine große Mehrheit der Entscheider in deutschen Unternehmen die Integration verschiedener Kommunikationskanäle und deren Einbindung in Geschäftsanwendungen für sinnvoll. Allerdings sind in vielen Unternehmen die notwendigen technischen Voraussetzungen gar nicht vorhanden: „Nur ein geringer Teil verfügt bisher über eine VoIP-Infrastruktur, wie etwa IP PBX oder gemeinsame Netze für Daten und Sprache. Von einer Sättigung ist der deutsche VoIP-Markt demnach noch weit entfernt und für die Anbieter gibt es noch erhebliche ungenutzte Potenziale zu aktivieren“, so Berlecon. „Was nutzen mir die effektvollen Powerpoint-Präsentationen über Unified Communications und die Versprechen einer schöneren Kommunikationswelt im IP-Zeitalter, wenn die Softwarebubis mit meiner alten TK-Anlage nichts anfangen können. Ich schmeiße doch meine gesamte Infrastruktur nicht über Bord“, klagt ein mittelständischer Firmenchef im Gespräch mit NeueNachricht.

Der Deutschland-Chef des ITK-Unternehmens Aastra, Andreas Latzel, kann den Unmut vieler Unternehmer verstehen. „Man sollte nicht das Blaue vom Himmel versprechen oder eierlegende Wollmilchsäue verkaufen. Wer die alte TK-Welt nicht versteht, besitzt keine Kompetenz, um Firmen in die IP-Welt zu transformieren. Der Philosoph Odo Marquard hat die technische Herausforderung treffend formuliert: Zukunft braucht Herkunft. Deswegen scheitern VoIP-Strategien, die den dritten vor dem ersten Schritt machen, wie es zur Zeit in der Software-Branche zu beobachten ist. Es geht um eine sehr komplexe Integrationsaufgabe. Innovation und Kontinuität gehören zusammen“, so das Credo von Latzel. Zunächst müsse man einige Hürde überwinden, um mit VoIP die gleiche Qualität und Sicherheit wie bei der klassischen Telefonie zu bieten.

dsc_0011„Das klingt zunächst trivial, ist es aber nicht. Bei der Integration der Sprachkommunikation in die IT-Infrastruktur sind besondere Dinge zu berücksichtigen, wie etwa die Echtzeitanforderung und hohe Verfügbarkeit. Die klassische Telefonie bietet Leistungsmerkmale, an die sich die Anwender in vielen Jahren gewöhnt haben und so in der IT nicht vorkommen: Vermittlungsarbeitsplätze, verkettete Anrufweiterschaltung, Chefsekretärin-Funktion und ähnliches. Viele reine IP-Lösungen haben heute genau mit diesen Funktionen ihre Schwachstellen. Ob der Anwender hingegen die vielgerühmten neuen Funktionen der Unified Communications immer nutzen kann und möchte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das unterscheidet sich deutlich von Unternehmen zu Unternehmen, hängt von Firmenkultur, Demokratie der Arbeit, Hierarchie- und Entscheidungsmodell, von Branche und dem Arbeitsplatz selbst ab. Stark virtualisierte Unternehmen der Beratungsbranche, die mit wenigen festen Büroarbeitsplätzen und Desk Sharing auskommen, stehen eher klassisch arbeitenden Produktions- und Verwaltungsbetriebe gegenüber, wo das Telefon zum Telefonieren benutzt wird und es wenig bis gar nichts mit der IT zu tun hat“, erläutert Latzel.

Einen Trägheitsmoment bei Geschäftskunden sieht auch Bernhard Steimel von Mind Business Consultants. „Bei bereits getätigten TK-Investitionen sowie Miet- und Wartungsverträgen mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren geht man konservativ vor. Zudem wird die Kommunikation als unternehmenskritische Funktion angesehen und das Misstrauen in die Zuverlässigkeit der VoIP-Technik ist besonders im Mittelstand weit verbreitet. VoIP wird sich sicherlich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie schnell“, so Steimel.

Excel-Wahnsinn, „Zur Kenntnisnahme”-Terror und komplizierte Technik

Die zunehmende  „Dynamik und Komplexität“ (neudeutsch „Dynaxität“) der Geschäftswelt habe so sehr zugenommen, dass Unternehmen sich verstärkt damit beschäftigen müssen, wie sie ihren Mitarbeitern helfen können, damit besser umzugehen, berichtete das Handelsblatt http://www.handelsblatt.com unter dem Titel „Der Streß im Büro nimmt zu“. Auch Miriam Meckel, Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Hochschule St. Gallen, stellte in einem Beitrag der Handelszeitung http://www.handelszeitung.ch fest: „Viele Wissensarbeiter sind inzwischen Sklaven der Technik.“ Besonders betroffen sind davon nach Untersuchungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen http://www.iaq.uni-due.de/ die in „Projekten“ involvierten Mitarbeiter: 67 Prozent der Projektmitarbeiter verzichteten immer häufiger auf Pausen, 55 Prozent schränkten für den Job ihre Freizeitaktivitäten ein, weit über dem Durchschnitt seien Projektmitarbeiter von Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenschmerzen betroffen.Laut dem IT-Experten Karl-Heinz Land liegen die Ursachen an dem fundamental falschen Ansatz der meisten Unternehmen, ihre Projekte aufzusetzen, zu managen und zu führen. „Die meisten Unternehmen steuern ihre Projekte nach wie vor mit aberwitzig komplexen Excel-Listen, wahren E-Mail-Fluten und ungezählten Telefonaten und sinnlosen Meetings,“ so der Unternehmer, dessen Firma eXsolut http://www.exsolut.com sich auf das Aufgabenmanagement spezialisiert hat. „In vielen Firmen herrscht ein Informationsoverkill bei den Mitarbeitern, die ständig E-Mails lesen und beantworten müssen, Excel-Dateien aktualisieren oder sich in irgendwelchen langatmigen Abstimmungsmeetings verschleißen, anstatt sich um die Erledigung ihrer Aufgaben zu kümmern“, kritisiert Land. Unternehmen müssten sich radikal wandeln und moderne Technologien einsetzen, die die Mitarbeiter unterstützen und fördern, statt sie zu überfordern. „Das kann zum Beispiel durch den Aufbau eines zentralen Aufgabenportals geschehen, in dem alle Informationen den jeweils kleinsten, den ‚atomaren’ Bausteinen eines Projektes und einer konkreten Aufgabe zugeordnet sind“, sagt Land. Um das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter im Unternehmen nutzbar zu machen, sollten die Aufgabenportale auch noch Interaktions- und Kommunikationsmechaniken integrieren, wie man sie von „Social Webs“ kennt. Erst dann seien die enormen Produktivitätsgewinne und eine deutliche Entlastung der Mitarbeiter zu erzielen, so Land, dessen Unternehmen nach eigenen Angaben bereits einige hunderttausend Arbeitsplätze in Deutschland mit Web 2.0-Aufgabenportalen ausgestattet hat.

Zeitgemäße und neue Managementmethoden sind auch nach Erfahrungen des Personalexperten Udo Nadolski wichtig: „In angelsächsischen Ländern hat man dafür einen treffenden Ausdruck geprägt: ‚from brick to click’ nennt man das Credo, um in der Netzwerk-Ökonomie zu bestehen. Die Wirtschaftswelt verläuft nicht mehr in hierarchisch wohlgeordneten Bahnen, die man mit den überkommenen Methoden der Projektorganisation steuern kann. Die neue Arbeitswelt verlangt nach Menschen mit Selbstorganisation. Wer das beherzigen will, muss sich von vielen eingeschliffenen Ritualen im Unternehmen verabschieden – ansonsten stirbt man an bürokratischer Erstarrung“, warnt Harvey Nash-Chef Nadolski http://www.harveynash.com/de/.