#DigitalesBonn braucht mehr Open Space-Kultur und weniger Honoratioren-Gremien

Netzökonomie-Campus im Kino ;-)
Netzökonomie-Campus im Kino 😉

Bonn ist Hidden Champion der Digitalisierung und genau das ist das Problem der beschaulichen Stadt am Rhein. Nach den Experteninterviews von empirica sei es ein Manko, dass “der IT-Standort Bonn nicht so auffällt”. In der Öffentlichkeit sind nur die Dax-Unternehmen im Fokus und nicht die vielen kleinen IT-Unternehmen.

Aber das ist nicht das einzige Problem, wie die Bonner Barcamp-Session zum Städte-Wettstreit belegt. Bonn fehlt im Vergleich zu Köln eine ausgeprägte digitale Lebenskultur.

Es fehlen Begegnungen der etablierten Protagonisten von Wirtschaft und Politik mit den Netzaktivisten, die meistens vom Establishment eher belächelt werden. Es gibt zu viele Honoratioren-Events, die auf Berieselung und Frontalbeschallung ausgerichtet sind. Da hilft dann auch kein weiter Digitalisierungsbeauftragter weiter, den PwC ins Spiel gebracht hat.

Fehlender Mut zu offenen Formaten

Es mangelt an der nötigen Offenheit, die Potenziale der digitalen Crowd zu heben, die man beispielsweise im Coworking Space Bonn in Poppelsdorf abrufen könnte. Der Netzexperte Guido Bosbach setzt sich intensiv damit auseinander, wie man offene Dialoge und Vernetzungen fördern kann.

Wie erzeugt man mehr Breite in den digitalen Debatten, einen Meinungsaustausch mit vielen Akteuren und nicht nur mit den so genannten Meinungsführern einer Stadt? Ein Hebel sieht er bei den Un-Konferenzen, also jenen Formaten, die nach Barcamp-Prinzipien ablaufen.

“Das sind Veranstaltungen, bei denen jeder mit jedem auf Augenhöhe über ‘sein Thema’ sprechen kann. Es gibt manchmal ein zentrales Thema, aber keinen vorher erarbeiteten Plan, wer wann welchen Impuls gibt. Lediglich Zeiten, also ‘Sessionslots’ werden festgelegt. In einer Vorstellungsrunde erklären freiwillige Sessiongeber, worüber sie sprechen möchten. Was nach einem purem Chaos klingt ist – sofern gut gemacht – ein perfekter Raum für Kreativität, Inspiration und Energie”, so Bosbach.

Gut organisierte Open Space-Plattformen seien wie eine perfekt arrangierte Choreographie bei der man mittendrin ist, statt nur dabei.

Generell wird die Etablierung einer digitalen Szene nicht gelingen, wenn man Nerds, Geeks, Hacker, Gamer und Blogger als belanglose Randerscheinungen betrachtet. Wie wollen Unternehmen, Behörden und Wissenschaftseinrichtungen coole Mitarbeiter mit Technologie-Kenntnissen anwerben, wenn sie selbst mit dem Rücken zum Netz stehen und gerade mal die Fernbedienung für Power Point-Präsentationen beherrschen? Da müssen auch die Hidden Champions der Digitalisierung in Bonn noch einiges ändern müssen, um weniger hidden rüberzukommen. Bürokratische Digitalisierungsbeauftragte werden da wenig bewirken. Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Skeptisch sehe ich auch das so genannte Advisory Board, die das Projekt „Digitales Bonn“ vorantreiben sollen. Mitglieder sind Dr. Wolfgang Clement, Bundesminister und Ministerpräsident a.D.; Prof. Dr. Christof Ehrhart, Direktor Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung der Deutschen Post DHL;
Wolfgang Grießl, Präsident IHK Bonn/Rhein-Sieg; Prof. Dr. Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn; Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom; Prof. Dr. Hartmut Ihne, Präsident der Hochschule Bonn Rhein-Sieg, Ashok Sridharan; Oberbürgermeister der Stadt Bonn; Frank Strauß, Vorstandsvorsitzender Deutsche Postbank; Frank Thelen, Unternehmer; Prof. Dr. Stephan Wrobel, als Sprecher der drei Fraunhofer Institute in Sankt Augustin.

Stefan Saah forderte in der netzökonomischen Käsekuchenrunde mit Ralph Grundmann, Sascha Förster, Johannes Mirus und meiner Wenigkeit im Coworking Bonn mehr Impulse von den kleinen Unternehmen. Man sollte nicht auf die Konzerne warten, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen. Sehe ich ähnlich.

Warum hat das Advisory Board nicht netzöffentlich getagt? Werden die kommenden Sitzungen im Verbund mit der Bonner Bürgerschaft ablaufen? Oder werden am Ende wieder nur die fertigen Pläne in einer Pressekonferenz verkündet?

Wer auf offene Dialogformen setzt, wie bei der netzökonomischen Käsekuchen-Runde, bei der jeder mitmachen kann und nicht handverlesen eingeladen wird, treibt den Ideen-Motor für Projekte wie #DigitalesBonn an. Das konnte man an den Reaktionen auf unsere Diskussion im Coworking Bonn ablesen.

https://twitter.com/TransformWerk/status/706750254117462017

https://twitter.com/DerGuenther/status/705770825530609665

Siehe auch:

Wirtschaft und Stadtgesellschaft vernetzen #digitalesbonn

Verbindungen schaffen – Zur Philosophie der Next Economy Open #NEO16

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In der Plattformökonomie geht es bekanntlich um die Verbindung von Neigungen und Interessen. Eigene Ressourcen und Kompetenzen reichen dabei nicht aus. Sie entfalten sich erst durch den Zugang zu Netzwerken. Nur so erreicht man ein neues Qualitätsniveau, das vergleichbar ist mit den Aufgaben eines Kurators, der sich nicht auf das Sammeln und Sortieren beschränkt. Es geht um „curare“ im Sinne von kultivieren, anbauen, in Form bringen und dafür sorgen, dass Menschen und ihr gemeinsames Umfeld gedeihen. Ein wahrer Meister des Kuratierens ist Hans Ulrich Obrist, einer der einflussreichsten Ausstellungsmacher im internationalen Kunst- und Kulturbetrieb.

Er beginnt seine Arbeit immer mit einem Gespräch, in dem er die Künstler nach ihren nicht realisierten Projekten fragt und versucht, die Mittel zu deren Realisierung zu finden:

„Die Aufgabe des Kuratierens ist es, Verbindungen zu schaffen, dafür zu sorgen, dass verschiedene Elemente miteinander in Berührung kommen, selbst wenn es bisweilen schwierig ist, die Wirkung solcher Gegenüberstellungen exakt nachzuzeichnen.“

Obrist bezeichnet das Kuratieren als den Versuch einer Art kulturellen Befruchtung oder als eine Form der Kartographie, die neue Wege durch eine Stadt, eine Kultur oder eine Welt eröffnet.

Während seiner Recherchen für die Ausstellung „Cities on the Move“ meinten die Künstler Rita Donagh und Richard Hamilton, man könne unmöglich eine Schau über die Veränderung von Städten machen, ohne mit Cedric Price gesprochen zu haben. Sie stellten eine Verbindung her. Das war der Anfang jahrelanger fortlaufender Gespräche, die Obrist und Price mitunter wöchentlich, mitunter zweimal im Monat führten. Die schlichte Tatsache, dass man zwei oder mehr Menschen miteinander bekannt macht, von denen man glaubt, sie sollten sich kennen, kann nach Ansicht von Obrist enorme Auswirkungen auf die künstlerische Praxis haben, ob nun durch den Einfluss, den sie auf die Arbeit des jeweils anderen nehmen, oder durch ganz neue Kooperationen.

„Es handelt sich um eine weitere Form des Kuratierens, die ich seither immer wieder pflege“, schreibt Obrist in seinem Opus „KURATIEREN“, erschienen im C.H.Beck-Verlag.

NEO16 ruft zum Uni-Club in Bonn - direkt am Rhein
NEO16 ruft zum Uni-Club in Bonn – direkt am Rhein

Das beschreibt sehr schön die Konzept-Idee der Next Economy Open und des Netzökonomie-Campus mit seinen Käsekuchen-Diskursen. Es geht um Paarbildungen zwischen Netzszene und Wirtschaft, um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. All das steht in diesem Jahr wieder auf dem Programm.

Am 1. und 2. Dezember im Universitätsclub Bonn.

Die digitale Szene im Bonner General Anzeiger @gabonn – Mehr Vernetzung wagen

Schön puristisch
Schön puristisch

Der General Anzeiger hat nicht nur eine neue, sehr aufgeräumte und gute gemachte Website, er will auch das bunte Treiben in der Blogger-Szene stärker abbilden. Den Impuls gaben die nimmermüden Netz-Protagonisten Johannes Mirus und Sascha Förster, die mit Bonn.Digital zur stärkeren Vernetzung in der Bundesstadt beitragen wollen.

Sascha hat mit dem Aggregator BonnerBlogs.de einen Meilenstein auf die Beine gestellt, um zu dokumentieren, was die Bloggerinnen und Blogger unserer Stadt so alles treiben. Mittlerweile sind rund 800 Blogs registriert. Es geht um Essen, Amateurfußball, Reisen, Cafés, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Gaming, Tanzen, Kneipen, Literatur und, und, und.

All das ist eine unendlich wertvolle Ressource für die Lokalberichterstattung, die der General Anzeiger mit seinen freien und festen Redakteuren niemals vollständig aufgreifen kann. Da liegt es auf der Hand, in der Printausgabe und im Online-Auftritt des GA diese vielfältigen Informationen zu bündeln und für die eigene Berichterstattung zu nutzen. Etwa in der Rubrik GA-BONN.DE.

Im Dienst der Vernetzung
Im Dienst der Vernetzung

Da kann man heute ein interessantes Interview mit Sascha und Johannes lesen:

„In Bonn gibt es prinzipiell zu jedem Thema ein Blog“, so Johannes gegenüber dem GA.

Es gebe eine aktive Szene, aber es mangelt immer noch an der Vernetzung. Beide Blogger sind angetreten, das zu ändern. Sie wollen auch Unternehmen stärker ins Social Web heben, fordern von der Stadt mehr Initiativen beim Ausbau der digitalen Infrastruktur und raten der Wirtschaftsförderung, ihren Fokus mehr auf kleine Startups aus der digitalen Community zu richten.

ichsagmal im GA
ichsagmal im GA

Ich selbst komme in der heutigen Ausgabe auch vor. Es geht nicht nur um die Next Economy Open, die Anfang Dezember wieder stattfinden wird (Datum und Ort kommunizieren wir in Kürze), sondern auch um die Forderung nach einer coolen Location für Digitalistas, um sich regelmäßig zu treffen und auszutauschen. Also so eine Art St. Oberholz am Rhein 🙂

Das alles sind doch gute Gründe, um heute die Printausgabe zu kaufen. Oder halt via GA-App, die übrigens ebenfalls renoviert werden müsste.

GA-Redakteur Christoph Meurer, mit dem ich in der Bäckerei Penkert ein sehr nettes Gespräch führte, wird vielleicht demnächst ein eigenes Blogprojekt starten: Über den öffentlichen Nahverkehr in Bonn. Gute Idee. Da gibt es eine Menge Stoff für Postings.

Goethe, Weltpoesie und internationale Diskurse: Über die Wiederbelebung der Salonkultur #StreamingEgos @meta_blum

Vorbereitungen des Salon-Gespräches mit Sabria David
Vorbereitungen des Salon-Gespräches mit Sabria David

Das Internet ändert die Strukturen unserer Öffentlichkeiten, es ändert die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, es macht es einzelnen einfacher, sich in politische, kulturelle und gesellschaftliche Debatten einzumischen, es macht institutionelle Grenzen durchlässiger und Entscheidungsprozesse transparenter, es ist anders als Massenmedien interaktiv und wird so auch genutzt.

„Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung”, frohlockt der Medienwissenschaftler Stefan Münker und verweist auf Jürgen Habermas, der fest davon überzeugt ist, dass das World Wide Web die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenmedien ausgleiche. Für Michel Foucault waren die Ausschlussmechanismen der Massenmedien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Diese Spielregeln werden im Netz untergraben. In einem Pressegespräch des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) erläuterte die Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten von digitalen Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren.

“Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‘Wie wäre es denn schön’”, sagte Rosen.

Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room:

„Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert.“

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst”.

Die Salonkultur im 18. und 19. Jahrhundert war bekanntlich geprägt von der Periodizität des Zusammentreffens, von der Durchlässigkeit bei den Teilnehmern und von der Schaffung von Gegenöffentlichkeit zur höfischen Macht. Das Gespräch galt als wichtigstes Handlungsmoment und die Internationalität.

Letzteres soll in dem Beitrag des deutschen Länderzirkels zur StreamingEgos-Convention des Goethe-Instituts mit digitalen und analogen Mitteln wiederbelebt werden. Kuratorin des Projektes ist Sabria David, Leiterin des Slow Media Instituts in Bonn.

Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Peter Goßens geht Sabria David der Frage nach, wie der Dichterfürst Goethe den transnationalen Diskurs beförderte. Etwa mit seinem Grußwort an die Versammlung von Naturforschern und Ärzten im Jahre 1828. Goethe ging es darum , dass die gebildeten Menschen seiner Zeit miteinander darüber diskutieren, wie man altes Wissen in die neue Zeit rettet und ein neues gesellschaftliches Modell entwickelt:

„Wenn wir eine europäische, ja eine allgemeine Weltliteratur zu verkündigen gewagt haben, so heißt dieses nicht daß die verschiedenen Nationen von einander und ihren Erzeugnissen Kenntnis nehmen, denn in diesem Sinne existiert sie schon lange, setzt sich fort und erneuert sich mehr oder weniger; nein! hier ist vielmehr davon die Rede, daß die lebendigen und strebenden Literatoren einander kennen lernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlaßt finden gesellschaftlich zu wirken.“

Die europäischen Beiträge des StreamingEgos-Projekte werden am 16. Januar in Düsseldorf vorgestellt und von mir live übertragen.

Einen Ausblick auf die Convention des Goethe-Insituts gibt Sabria David im ichsagmal.com-Bibliotheksgespräch.

Hashtag zum Mitdiskutieren über Twitter oder über den Frage-Button der Google Plus-Eventseite.

Goethe-Salon-Blog verdient eine Nominierung für den Goldenen Blogger des Jahres.

Teuflischer Pakt: Machteliten und Maschinen #NEO15 Session

Machteliten-Hacking

Im Internet der Dinge infiltriert Software heute jede fast jede Maschine:

„Das Universum kommunizierender Objekte expandiert weiter. Und damit werden unehrliche Menschen und korrupte Organisationen mehr denn je versucht sein, ihre Produkte nach eigenen Wünschen zu impfen. Nennen wir das einfach mal ‘Lügen zweiter Ordnung’. Und Benutzer können das nicht mehr erkennen. Denn leider wächst den Maschinen keine lange Nase. So wird Wahrheit oder Lüge plötzlich ein Schlüsselfaktor in der Mensch-Maschine-Interaktion. Und es taucht schlagartig die Frage auf, ob und wie man Maschinen ethisches Verhalten beibringen könnte. Ein sehr verzwicktes Problem. Und es führt zu Verwicklungen, für die wir heute noch nicht mal Denkfiguren haben. Es wird Zeit, die zu entdecken”, so Brightone-Analyst Stefan Holtel im Gespräch mit dem Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach auf der Next Economy Open in Bonn.

Wenn Konzerne wie Psychopathen agieren

Beim VW-Skandal ist dieser Teufelspakt zwischen lügenden Maschinen und Maschinisten im Brennglas zu beobachten. Beim Wolfsburger Autogiganten ist es eine Kombination von autoritären Kommandostrukturen, Erfolgsdruck und Hörigkeit. Nur so können teuflische Effekte entstehen, die kaum noch unter Kontrolle zu bringen sind. Mit gesundem Menschenverstand könne man das Verhalten der VW-Topmanager nicht begründen, so Holtel. Bei VW handelt man total irrational, da es höchst naiv sei, bei Manipulationen in Millionen Fahrzeugen nicht mit der Aufdeckung zu rechnen. Jetzt ist der Schaden maximal.

Die Ursachen für den Diesel-Gate basieren auf den Organisationsstrukturen, die sich in fast allen Weltkonzernen finden lassen: Geschlossene und egozentrische Einheiten agieren wie ein Psychopath: Unberechenbar, unkontrolliert und beziehungsunfähig. Das Fundament sind autokratische Top-Manager, die mit emotionalen Ausbrüchen ihre Belegschaft zu Ja-Sagern degradieren. Ein Konzern sei nichts anderes als ein Psychopath, bemerkt Holtel in dem Fachgespräch im Rheinischen Landesmuseum. Diese Erkenntnis hilft vor allem dem gemobbten Mitarbeiter weiter, weil er Abstand finden kann zwischen sich und der Konzernstruktur.

„Mit Psychopathen zu interagieren ist schwierig. Man kann keine Vertrauensbasis aufbauen, man weiß nie, was im nächsten Augenblick passiert“, sagt der Brightone-Spezialist für Künstliche Intelligenz.

Mythos der Unfehlbarkeit: Maschinen als symbolisches Kapital

Für die Überlebensstrategie innerhalb des Konzerns mag diese Erkenntnis hilfreich sein, auch wenn eine Portion Fatalismus dabei herausspringt oder die innere Kündigung. In den Machtbeziehungen zur Außenwelt ist diese Konstellation äußerst problematisch. Patrick Breitenbach warnte vor einer Akkumulation von Macht, die von psychopathischen Organisationen ausgeht. Konzerne akkumulieren nicht nur ökonomisches Kapital, sondern soziales Kapital über Beziehungen, Netzwerke und Eliten, kulturelles Kapital über Informationsvorsprünge und symbolisches Kapitel über Expertentum und Maschinen. Gefährlich sei vor allem die Anhäufung von symbolischem Kapital über Maschinen, die wir für wahrhaftig und präzise halten.

Wir schreiben den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zu.

„Das speist sich unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen“, erklärt Holtel.

Mit den Fähigkeiten von kognitiven Maschinen wie IBM Watson sei es für Menschen schwer, auf Augenhöhe zu interagieren. Das wertet der Brightons-Analyst als Bedrohung. IBM und Co. verkaufen uns das mit Narrativen der Weltverbesserung und stellen sich kaum den kritischen Fragen. Sie wollen neue Märkte erobern und damit Milliarden machen. Aus wirtschaftlichen Gründen sei das nachvollziehbar, aus politischer, gesellschaftlicher und psychologischer Sicht ist das hoch brisant.

Warum wir IBM-Watson und Co. dekonstruieren müssen

„Wir werden von Systemen ummantelt, die immer mehr Fähigkeiten haben, von denen wir nicht mehr wissen, was sie mit uns tun. Digitale Assistenten, wie die Spracherkennungs-Software Siri sind erst der stümperhafte Anfang von dem, was noch kommen wird“, warnt Holtel.

So werde IBM-Watson in einer verbesserten Version in sieben oder acht Jahren auf unseren Smartphones passen und uns durchs Leben dirigieren. Wir haben dem nichts entgegenzusetzen, weil uns schlichtweg die Fähigkeiten in Schulen und Hochschulen nicht vermittelt werden, um Big Data-Anwendungen und diskriminierende Algorithmen, die beispielsweise unsere Kreditwürdigkeit herunterstufen oder Prämien für Krankenversicherungen hoch stufen, forensisch unter die Lupe zu nehmen. Die Politik müsste ein Checks-and-Balance-Regelwerk schaffen, um zwischen Mensch und Maschine einen Machtausgleich herzustellen und den Machteliten einen Missbrauch der Maschinen-Intelligenz zu erschweren, fordert Breitenbach.

Wir sollten zudem die Übertreibungen von Extremisten der Künstlichen Intelligenz im öffentlichen Diskurs dekonstruieren. Mit der Verteufelung von Technik kommt man dabei nicht weit. Was denkbar ist, wird umgesetzt. Und Macht ist eine Konstante in unserem Leben. Wer das ignoriert, dem wird es schwerfallen, eine Rezeptur im politischen Diskurs hervorzuzaubern. Gefragt seien vor allem Gegen-Narrative zur Entlarvung der wahren Absichten der manipulativen Maschinisten.

Der entmündigte Bürger

Es sei völlig inakzeptabel, diese Technologien zum Entmündigen des Bürgers zu nutzen, proklamieren die Digital Manifest-Autoren in einem Beitrag für Spektrum Wissenschaft.

„Big Nudging und Citizen Scores missbrauchen zentral gesammelte persönliche Daten für eine Verhaltenskontrolle, die totalitäre Züge trägt. Dies ist nicht nur unvereinbar mit Menschenrechten und demokratischen Prinzipien, sondern auch ungeeignet, eine moderne, innovative Gesellschaft zu managen. Um die eigentlichen Probleme zu lösen, sind vielmehr bessere Informationen und Risikokompetenz gefragt.“

Für persönliche Daten, die über uns gesammelt werden, sollte es ein Recht auf Kopie geben, liebwerteste Gichtlinge von Schufa und Konsorten.

„Es sollte gesetzlich geregelt sein, dass diese Kopie in einem standardisierten Format automatisch an eine persönliche Datenmailbox gesandt wird, über die jeder Einzelne die Verwendung der Daten steuern kann. Für einen besseren Schutz der Privatsphäre und um Diskriminierung zu vermeiden, wäre eine unautorisierte Verwendung der Daten unter Strafe zu stellen. So könnte man selbst entscheiden, wer welche Informationen für welchen Zweck wie lange nutzen darf.“

Wenn der Bundesgerichtshof aber die Offenlegung dieser Daten und die undurchsichtigen Algorithmen als Geschäftsgeheimnis einstuft, wie beim Schufa-Urteil, wird es schwerfallen, auch nur annähernd für Klarheit zu sorgen, wenn Maschinen lügen, denunzieren und Existenzen ruinieren. Die juristischen Fakultäten sollten daher überlegen, Informatik und Big Data-Forensik als Pflichtfach einzuführen, damit solche Urteile bald der Vergangenheit angehören.

Wenn Müller nur Müllerchen rekrutiert – Die Seilschaften-Politik der Deutschland AG #NEO15 @th_sattelberger @breitenbach

Sattelberger-Keynote auf der #NEO15 „Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“
Sattelberger-Keynote auf der „Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“

Technologische Innovationen nutzen nach Auffassung von Lars Vollmer überhaupt nichts, wenn das Management veraltet ist. Aber genau da fangen die Probleme an. Im Kern dominieren auf den deutschen Chefetagen immer noch paternalistische SOZIAL-Technologien auf dem Kenntnisstand des letzten und mit einem Menschenbild des vorletzten Jahrhunderts.

Management-Denken 1.0 ist für diesen Zustand eher die harmlose Beschreibung der Gemengelage der Deutschland AG. Man braucht sich nur die Keynote von Thomas Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn anzuschauen.

Als ehemaliger Personalvorstand in Unternehmen wie Daimler, Continental, Lufthansa und Telekom plauderte er im Rheinischen Landesmuseum aus dem Nähkästchen. 50 Prozent der DAX-Konzerne stecken in einer akuten Krise oder sind an die Grenzen ihres Geschäftsmodells gelangt. Aus der blühenden Bankenlandschaft ist eine am staatlichen Tropf hängende Commerzbank und eine um ihre globale Wirkung ringende Deutsche Bank geworden. Bei den ehemaligen Energie-Giganten E.ON und RWE werde an der Börse schon der Exitus durch spekuliert. Viele große Spieler stehen mit dem Rücken zur Wand und sind unfähig, sich zu transformieren.

https://twitter.com/Isarmatrose/status/663670336047706112?ref_src=twsrc%5Etfw

Wie soll das in einem Inzucht-System auch gelingen, wenn Müller nur Müllerchen rekrutiert. Seilschaften sichern sich ihre Karrieren in den obersten Chefetagen ab. Die Denkschulen für Manager und Ingenieure sind auf Berechenbarkeit und Planungsillusionen aufgebaut. Sie scheuen Experimente und blockieren Investitionen in ungewohnte Territorien, die zu schlechteren Quartalszahlen führen könnten. Es geht um Effizienz sowie um die Bewahrung von Margen und nicht um neue Geschäftsmodelle.

Reaktionäre Denkmodelle und Altherren-Dünkel

Zu beobachten am maroden Telekom-Konzern, der sich als Avantgarde der Besitzstandswahrer jetzt sogar die Startup-Szene zur Brust nehmen will. Wer keinen Vorfahrtschein für den bevorzugten Datentransport im Internet einlöst, muss halt Geschäftsanteile an den ehemaligen Monopolisten abdrücken. Die Digitale Transformation zelebriert der Magenta-Laden nicht mit attraktiven Datendiensten, sondern mit einem dümmlichen politischen Lobbyismus.

Die reaktionären Denkmodelle aus der Zeit der Massenproduktion, in denen man ausgebildet und sozialisiert wurde, stellt man nur ungern auf den Kopf. Höttges, Zetsche & Co. wird es allerdings nicht gelingen, mit diesem Altherren-Dünkel über die Runden zu kommen.

„Bei den DAX-Konzernen gibt es 29 Absteiger seit 1988, von denen 24 dauerhaft verschwunden sind. Der Lebenszyklus der deutschen Konzerne wird immer kürzer. Nur vier Prozent der DAX-Vorstände verfügt über unternehmerische Erfahrung. Da hilft dann auch der Silicon Valley-Tourismus nichts. Da kommt man hin, macht große Augen, kommt zurück, fällt in die alte Max Werberscher Bürokratie hinein und repetiert die alten Routinen“, moniert Sattelberger.

Alter Mittelstand

Im Mittelstand sieht es nicht viel besser aus. Nur sechs Prozent der sogenannten Hidden Champions wurden nach 1964 gegründet. 94 Prozent der Top-Mittelstandsfirmen sind älter als 50 Jahre. Konsequenz: Die Investitionsbereitschaft von Inhabern sinkt mit zunehmendem Alter rasant. Von den Unternehmern über 60 Jahren investiert laut einer KfW-Analyse nur noch rund jeder Dritte. Die anderen ziehen sich aus der Weiterentwicklung ihres Unternehmens zurück. Das gefährdet den künftigen Geschäftserfolg, bremst die Modernisierung und reduziert das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Sinkt die Wettbewerbsfähigkeit, sind häufig auch Arbeitsplätze gefährdet.

https://twitter.com/Isarmatrose/status/663668221745242112?ref_src=twsrc%5Etfw

Verschärft wird der Status quo durch die miserable Reproduktionsquote von neuen und frischen Unternehmen jenseits von Nagelstudios und Shops zur Haarverlängerung. In Europa sind wir bei den Firmenneugründungen fast das Schlusslicht. Nur Frankreich schneidet schlechter ab. Und nur acht Prozent der deutschen Startups hat mit Mathematik, Naturwissenschaften oder Technik zu tun.

Sattelberger wünscht sich den Tod der Personalfunktion

Was wir in Konzernen und im industriellen Mittelstand erleben, sind häufig reine Abwehrschlachten.

„Der VW-Skandal ist geprägt von einem Endkampf des innovationsärmsten Automobil-Unternehmens um den Verbrennungsmotor“, sagt Sattelberger.

Die Dieselgate-Machenschaften seien beispielhaft für die Führungskultur in Konzernen und patriarchalisch geprägten Mittelständlern:

„Filz wie bei der Fifa oder der Kommunistischen Partei. Zuvor waren es Siemens, ThyssenKrupp, Deutsche Bahn, Telekom, Münchner Rück/Ergo, Deutsche Bank, Infineon und Daimler. Das hat etwas mit den systemstabilisierenden Mechanismen geschlossener und einfältiger Organisationen zu tun, mit tradierten Machtkernen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es hat leider auch etwas mit der Erfüllungsgehilfen-Politik des Personalmanagements zu tun“, erklärt Sattelberger, der sich als ehemaliger Personalvorstand in DAX-Konzernen den Tod oder das Ende der klassischen Personalfunktionen wünscht.

Nur so sei eine Revitalisierung der Wirtschaft möglich. Die noch nicht im Sozialprodukt messbare Schieflage vieler Firmen hängt auch mit der mangelhaften Koalitionsfähigkeit der Veränderer zusammen. Die Graswurzelbewegungen, die von außen Druck ausüben könnten, schottet sich in Silos ab. Sattelberger fordert deshalb eine Große Koalition von digitaler APO und Offline-Rebellen, um die geschlossenen Systeme zu knacken, die sich nur über Beförderungs- und Rekrutierungsmechanismen über Wasser hält.

Popper war ein Hacker der politischen Elite

Distanziert äußerte sich Sattelberger in Bonn über die Forderungen nach Leadership oder charismatischer Führung. Leider sei jetzt schon der kooperative Führungsstil auf dem Rückzug. Bevorzugt werde die autoritäre Seite, die zum Duckmäusertum wie bei VW beiträgt:

„Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“

Es sei ja wunderbar, wenn Arbeitsministerin Andreas Nahles schon von Arbeiten 4.0 spricht. Wir müssten aber erst einmal Reparaturen im alten Betriebssystem vornehmen. Menschen werden im Arbeitsleben leider immer noch wie Objekte behandelt wie in Zeiten der Dampfmaschine. Gefordert ist jetzt Diversität, um geschlossene Systeme aufzubrechen.

In einer Session der NEO15 plädierte Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach im Streitgespräch mit dem Brightone-Analysten Stefan Holtel gar für ein Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisation bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

„Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite“, bemerkt Breitenbach.

Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt Holtel.

Um Peer-to-Peer-Prinzipien von Formaten wie der Next Economy Open in wirtschaftliche oder politische Organisationen zu bringen, braucht man also nicht nur digitale Werkzeuge.

Zuerst erschienen in meiner Notiz-Amt-Kolumne bei den Netzpiloten.

Wie man innovationshemmende Firmen-Autokraten besiegt #NEO15 @th_sattelberger @olewin

Bühne frei für die #NEO15
Bühne frei für die

Thomas Sattelberger, Keynote-Sprecher der Next Economy Open am 9. Und 10. November in Bonn, vergleicht den VW-Skandal mit den Machenschaften und dem Filz der Fifa und der KP. Man erlebe die Götterdämmerung des Verbrennungsmotors, man erlebe aber vor allem innovationsverhindernde Firmen-Autokratien. Vorher waren es Siemens, ThyssenKrupp, Bahn, Telekom, Münchner Rück/Ergo, Deutsche Bank, Infineon und Daimler. Es seien geschlossene und einfältige Systeme, die das Neue bekämpfen und diskreditieren.

Schiss-matische Entlarvung der Herrschenden

Eine Gemengelage, die auch den Renaissance-Schriftsteller und meinen Kolumnen-Namensgeber François Rabelais auf die Palme brachte. Seine Pöbelreden gegen die Herrschenden waren getrieben vom Geist der Erneuerung. Wenn er etwa in seinem Gargantua Pantagruel-Opus die Geistlichen und höheren Stände dem Gespött preisgibt, ihnen Fuchsschwänze und Hasenohren an den Rücken heftet oder das Messgewand des Paters mit Kutte und Hemd zusammennäht. Zog der Unglückliche sein Messgewand wieder aus, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte aller Welt seinen Zippidilderich:

„Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten. Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen“, so die schiss-matischen Betrachtungen der oberen Klasse.

Von speckig abgesessenen Anzugshintern

Ähnlich ketzerisch operiert Sattelberger, wenn er auf Twitter postet: „Will Konzernsucht junger Menschen decouvrieren. Die meisten enden mit speckig abgesessenen Anzughintern in der Mitte.“ Oder: „IG Metall wäscht bei VW Hände in Unschuld. Doch Osterloh war Obereinpeitscher in USA. Agierte unverfroren als ‚Co-Manager’. Wir lieben Schutz.“ Und: „Leider persönliche Erfahrungen mit diesem Machtsystem: lässt einen nicht los! Da bin ich ‚Pain in the Neck’ bis ich Besserung sehe.“ Dann noch: „Thema Demokratie fräst sich in Bewusstsein vieler ‚abhängig Beschäftigter’, aber Unternehmen sehen nicht ihre Innovationschance.“

Musterbrecher und Social Labs

Um das Machtsystem der liebwertesten Gichtlinge der Deutschland AG aufzubrechen, bedarf es ein ganzes Sammelsurium an Aktionen, die Sattelberger in Bonn vorstellen wird: Etwa die Öffnung für Musterbrecher, Nein-Sager, Advocati Diaboli. Die Konfrontation mit Akteuren mit erkennbar anderer Handlungslogik. Neue Gruppendynamik durch Auflösung emotionaler Sperren und alter Machtdynamik. Neue Spielregeln und das Auswechseln der Spieler. „Dritte Orte“ schaffen wie exterritoriale Co-Working-Spaces, Ko-Lokationen als Arbeits-, Lern- & Koordinationsorte.

Man benötige das „Reinfräsen“ innovativer Kultur in die alte Arbeitskultur über Social Labs und über Experimentierfelder für „New Work“.

Der Dritte Weg

Die digitale Technik-Welt muss soziale Innovationen auslösen, die von einer Koalition der Veränderer vorangetrieben wird, fordert Sattelberger. Von den organisierten Interessenvertreter im Lager der Arbeitgeber und Gewerkschaften wird man da keine große Unterstützung bekommen, sagt Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung.

Es dominiert eher eine unheilige Allianz, etwa bei der Blockade von dezentralen Arbeitskonzepten. „Es findet ja auch eine Dezentralisierung und Atomisierung der Interessen statt jenseits der Tarifpartner“, erklärt Wintermann im Interview auf der IBM BusinessConnect in Köln.

Ausführlich nachzulesen in meiner Gichtlings-Kolumne für das Debattenmagazin The European.

@wolflotter „Ich recherchiere bunt, groß und breit“ – Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft #NEO15

Wolf Lotter von brandeins auf der IBM BusinessConnect in Köln
Wolf Lotter von brandeins auf der IBM BusinessConnect in Köln

Die Software-Industrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einseitig den Prinzipien des Industriekapitalismus unterworfen und Unternehmen auf Effizienz getrimmt.

Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, kritisiert Wolf Lotter in seinem Vortrag “Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft” auf der IBM Bussiness Connect in Köln.

“Wir kommen aus der Fabrikgesellschaft, aus der Industriegesellschaft und denken die Digitalisierung immer noch falsch. Wir organisieren uns in den Routinen der Industrialisierung.”

Seit den sechziger Jahren verliert die Massenproduktion, die nach den Regeln von Hamsterrad-Taktungen funktioniert, an Relevanz. Eine Antwort, wie wir in der postindustriellen Ära arbeiten werden, sucht das Notiz-Amt vergebens.

Die Industriegesellschaft würde, das stand für die meisten Vordenker dieser Zeit fest, durch die sogenannte Informationsgesellschaft abgelöst werden, die eine Art Übergangsregierung zur Wissensgesellschaft werden sollte, bemerkt Lotter.

“Die Informationsgesellschaft war also stets nur als Provisorium gedacht, an dem man lernen sollte, wie man mit der großen Komplexität umgeht, um sie dann, im nächsten Schritt, richtig und gewinnbringend für alle zu nutzen. Was dabei herauskommen sollte, die Wissensgesellschaft, würde viel smarter sein als die Welt der Industrie.”

Daraus wurde aber nichts. Man baut Computer, so wie man schon immer Maschinen baute. Sie verarbeiten Daten schneller und steigern die Komplexität der Anwendungen. Das sei der Knackpunkt: Die Einstellung zum Computer und zur Informatik.

“Man zwingt die Benutzer in einen Zustand kontinuierlicher Anpassung. Heute leiden die meisten unter der antiquierten Idee von Dateien und Verzeichnissen. Viele Benutzer finden die Information nicht wieder, die einmal digital abgelegt worden ist. Aber Paradigmen, die dieses Problem beheben könnten, konnten sich nicht durchsetzen”, moniert Brightone-Analyst Stefan Holtel, der dieses Thema in seiner Session auf der Next Economy Open bearbeitet.

Wir wandeln als Aktenknechte in Pfadabhängigkeiten. Die Informationsgesellschaft sei nach Auffassung von Lotter nicht das Verbindungsglied zwischen Industrie- und Wissensgesellschaft, sondern nur jener “Superindustrialismus”, den der Zukunftsforscher Alvin Toffler in den Siebzigerjahren vorhersah.

“Organisationen, Kultur und Gesellschaft bleiben dabei in den alten Bahnen des Fabrikzeitalters.” Es geht um die Routine-Dressur in den Maßstäben der Industriearbeit. Die Digitalisierung müsste uns aber die Zeit freischießen, um geistig arbeiten zu können. Das komme im öffentlichen Diskurs zu kurz, resümiert Lotter.

Eine Maschine darf nicht im Takt interner Regeln und im eigenen Tempo arbeiten – das macht den Anwender zum Befehlsempfänger. Sie müsste im Gleichklang mit den Denk- und Aktivitätsrhythmen eines Menschen ticken.

“Dann tritt der Wissensarbeiter in einen wertschöpfenden, kognitiven Dialog mit seiner Denkmaschine und es entsteht auf wundersame Weise eine Symbiose zwischen wissendem Mensch und Wissensmaschine”, erläutert Holtel.

Digitale Werkzeuge müssen sich den Gewohnheiten der Anwender anpassen. Wolf Lotter recherchiert seine brandeins-Prologe sehr bunt, sehr groß und sehr breit.

„Dann folgt die Ruhe und Konzentration aufs Schreiben. Während dieser Zeit mache ich nichts anderes. Das ist ein altmodischer Ansatz, der aber noch sehr modern wird.“

Wir müssen wohl wieder lernen, uns neu zu konzentrieren. Digitale Maschinen sollten das unterstützen.

Ausführlich nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

Live-Hangout über Daniel Kahneman und die Selbstüberschätzung von Managern #NEO15

Kahneman Session

Führungskräfte perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen Fassaden, basteln an netten Fünfjahres-Verträgen mit horrenden Abfindungssummen, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Reengineering, Shareholder Value-Management oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack.

„Es beginnt das ‚Tower-Denken’ und die Burgmentalität. Die Leistungen des Ganzen werden dadurch nicht besser. Man wird wohl wieder vom verbliebenen Rest die Unterdurchschnittlichen entlassen müssen. Todesspirale“, schreibt Gunter Dueck in seinem Buch „Supramanie – Vom Pflichtmenschen zum Score-Man“.

Die Bilanzskandale in einigen großen amerikanischen Firmen waren dafür das erste Leuchtfeuer einer Entwicklung, die auch vor den Toren der „weltweit führenden“ Industrie-Riesen in Deutschland nicht halt macht.

Das „allein richtige“ System

Diese Systeme leben noch mit ihrer Taylorseele, erläutert Dueck. Gemeint ist Frederick Winslow Taylor (1856 bis 1915), der das „Scientific Management“ begründete, also der wissenschaftlichen Betriebsführung. Der Taylorismus oder das Taylorsystem studiert und plant die genauen Zeit- und Arbeitsverläufe. Es wird für Arbeiten eine „allein richtige“ Bewegungsfolge gefunden. Die Einhaltung dieser allein richtigen Bewegungsfolge wurde von sogenannten Funktionsmeistern ständig kontrolliert.

Dieses Wissen um die „allein richtigen Bewegungsabläufen“ erscheint in amtlich vorgeschriebener Ziegelstein-Form („allein richtig“) in Lehrplänen, Managementkursen, Standardlehrbüchern, e-Learning-CDs.

„Wissen wird in Ziegelsteine verwandelt, schön genormt. Das sind die sogenannten Lektionen, Lehreinheiten, Kursmodule. Daraus bauen die Wissensmitarbeiter Mauern für Systeme. Die Menschen müssen die vorgeformten Wissensbausteine schlucken. Sie lernen und pauken und speichern alles auf ihrer Festplatte, wo es abgerufen werden kann, um wirksam zu werden“, führt Dueck aus.

So denkt das Taylorhirn. In Wahrheit wird heute aber kein Wissen mehr fertig.

Aura der Unbesiegbarkeit als Fantasie-Produkt

Was die Taylorianer immer schon unterschätzt haben, sind die Faktoren Zufall und Glück, die der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman so trefflich geschildert hat. Besonders von Top-Managern wie Winterkorn wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet. Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman.

Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Krampfhaft versuchen die „Siegertypen“ des politischen und wirtschaftlichen Systems, ihre Handlungen und Intentionen umzuschreiben. Da werden Ursachen den Wirkungen zugeordnet, obwohl es diesen Zusammenhang gar nicht gibt.

Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren und dem Rat von Harald Martenstein zu folgen:

„Je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächlich eine bessere Welt.“

Nachzulesen in der von Gerhard Steidl so vorzüglich gestalteten Ausgabe des Zeit-Magazins mit dem Schwerpunkt Literatur. Eine Liebeserklärung an das bedruckte Papier – aber in einer Form und mit unterschiedlichen Duftnoten, die sich deutlich von den Gestern-Zeitungen unterscheiden.

Auf den Spuren des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman mache ich morgen, also am Montag, den 19. Okotber, mit dem Biologen und Wissensarbeiter Erich Feldmeier einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer. Es geht um Zufall, Glück und die Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben.

Eine Vorbereitungssession für die Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn.

Wir starten mit dem Live-Hangout um 14 Uhr. Würde mich freuen, wenn Ihr kräftig mit diskutiert. Entweder über den Frage-Button auf der Google+ Eventseite am Webplayer rechts oben oder über Twitter mit dem Hashtag .

Vernetzte Welt ohne Kennzahlen-Wahn: absatzwirtschaft zur #NEO15

NEO-Werkstatt

In Zukunft werden vor allem solche Unternehmen erfolgreich sein, die neue Netze knüpfen und nationale Grenzen überschreiten. Die NEO15 versteht sich als Dialogplattform, die notwendige Qualifikationen thematisiert. Hab ich so der absatzwirtschaft gesagt:

Wenn sich die Digitalisierung vornehmlich in Reports und Kennzahlen zeigt, ist das Ausdruck der Hilflosigkeit einer durchorganisierten Gesellschaft in einer vernetzten Welt, meint Gunnar Sohn. Der Wirtschaftspublizist veranstaltet am 9. und 10. November die erste Next Economy Open (NEO). Dort treffen Entscheider und Praktiker aus Wirtschaft, Verbänden und Wissenschaft auf Macher und „Bessermacher“ der Netzszene – und diskutieren den vernetzten Individualismus

NEO_Programm erster Tag

Das Motto der ersten Next Economy Open lautet „Matchen, Moderieren und Managen“. Ziel ist es, das „Digitale“ und „Analoge“ zusammen zu bringen und in einem offenen Format lösungsorientiert über Herausforderungen und Chancen der vernetzten Wirtschaft zu sprechen.

Gerade Mittelständler seien stark von ihrer Leistung geprägt sowie von Innovationen und Patenten, erläutert Sohn weiter. Viele Unternehmen hätten Schwierigkeiten, das zu kommunizieren, was sie ausmacht. Digitale Projekte leben jedoch von Dialog und dem Austausch von Wissen. Entsprechend sieht das Programm der NEO15 Keynotes, Sessions und Workshops zu den Themen „Kundendialog“, „New Work“, „Digitales Unternehmen“ und „Growth Hacking“ vor. Etabliert werden soll der „Next Economy Dialog“ als nachhaltiges Format, so dass es ein ständiges Forum geben soll für Treffen, Expertendiskussionen, Studien und Gesprächsformate.

Impulse für ein neues Netzwerkdenken

Die Session von Patrick Breitenbach beispielsweise, er lehrt Internationales Medienmanagement an der Karlshochschule, thematisiert Markenführung im digitalen Zeitalter. Breitenbach nimmt den „anspruchsvollen und undankbaren Prosumenten“ in den Blick, der sich mit anderen Kunden über Produkte, Preise und Marken kritisch austauscht und zu allem Überfluss auch noch nervige Werbeanzeigen blockiert und langweilige Advertorials ignoriert. Dieser neue Konsument sei nicht mehr abhängig von dem Informationsstand eines überschaubaren Zirkels aus Marketingmanagern, PR-Leuten, Journalisten und sonstigen Medienmachern.

NEO_Programm zweiter Tag erster Teil

Der Marken- und Medienexperte wird erläutern, an welchen Stellen in Unternehmen ein radikales Umdenken in Richtung Netzwerkdenken dringend gefragt ist und an welchen Stellen man das zig1000jährige Rad aus Sicht der Markenführung nicht gleich komplett neu erfinden muss.

Eine Keynote gibt es auf der NEO15 außerdem vom Politik-Berater und ehemaligen Top-Manager Thomas Sattelberger. Er spricht über „Unternehmensbürger, digitale APO und Offline-Rebellen“, denn er beklagt, dass abhängig Beschäftigte auch heute nicht offen ihre Meinung äußern könnten.

NEO_Programm zweiter Tag zweiter Teil

Um eine Demokratisierung in Unternehmen zu erreichen, müsse im Grundgesetz das Recht eines mitarbeitenden Menschen auf Meinungsäußerung verankert werden. „Wir erleben geradezu eine Explosion an neuen Möglichkeiten der Beteiligung durch die Digitalisierung, da kann die Wirtschaftswelt nicht hinterherhinken“, sagt Sattelberger. Letztlich sei mehr Pluralismus und Unterschiedlichkeit in jeder Organisation gefragt, um auf das Konto der Wetterfestigkeit einzuzahlen. Der aktive Ruheständler sieht seine Aufgabe darin, „die geschlossenen Systeme der Deutschland AG aufzubrechen und zu transformieren“.

Dazu passt auch der heutige Live-Hangout zum Thema Unternehmensdemokraten mit Andreas Zeuch, Matthias Wendorf und Bastian Wilkat.

Siehe auch:

Digitale Innovationen brauchen Freiheit in Unternehmen.

Zur Next Economy Open.