Internet „kann“ Unternehmen erfolgreicher machen: Nicht als Megabit-Gesellschaft herumdümpeln

Maschinen fressen Daten

Unternehmen, die das Internet in ihre Geschäftsmodelle integrieren, seien erfolgreicher als der Rest der Wirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die BITKOM, das IW Köln und Google auf der Hannover Messe vorgestellt haben. Demnach erwarten rund 60 Prozent der internetaffinen Unternehmen im Geschäftsjahr 2013 ein deutliches Umsatzwachstum. Unter den Unternehmen, für die das Internet eine untergeordnete Rolle spielt, waren es nur 46 Prozent (Industrie) und 38 Prozent (Dienstleister).

Internetaffine Industrieunternehmen erwirtschaften zusammen bereits etwa 44 Prozent des Branchenumsatzes. Diese Unternehmen sind überdurchschnittlich innovativ, wollen in diesem Jahr verstärkt investieren und Arbeitsplätze aufbauen. Hier macht sich der Trend zu Industrie 4.0 bemerkbar. Unter dem Begriff versteht man die Steuerung von Entwicklung und Produktion über das Internet.

„Der industrielle Sektor steht vor einem massiven Umbruch, die kommende industrielle Revolution wird durch Vernetzung und das Internet angetrieben“, sagt Marco Junk von der BITKOM- Geschäftsleitung.

Über 80 Prozent der IT-Unternehmen sehen in der Industrie 4.0 ein wichtiges Geschäftsfeld für die Branche. Das bestätigt auch Udo Nadolski vom Düsseldorfer Beratungshaus Harvey Nash: Alles, was unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ derzeit auf der Hannover Messe vorgestellt werde, sei eindrucksvoll und zeigt, wie weit das Internet mittlerweile in die klassische Industrie eindringt.

„Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Derzeitig gibt es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zischen Maschinen und Produkten. Bis 2020 liegen wir nach Prognosen von Cisco bei 50 Milliarden Gegenständen. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir bereits jetzt konsequent in den Breitbandausbau investieren. Ansonsten können wir in Deutschland die Früchte unserer Grundlagenforschung und Innovationen der vierten industriellen Revolution nicht ernten. Fortschritt braucht die entsprechende Infrastruktur, damit er nicht abgewürgt wird“, resümiert Nadolski.

Auf dem nächsten IT-Gipfel der Bundesregierung sollte daher ein ehrlicher Kassensturz vorgenommen werden, damit wir international nicht weiter als Megabit-Gesellschaft herumdümpeln.

“Wir geben uns keine Mühe, um an der Spitze dabei zu sein. Die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hat in Deutschland keinen hohen Stellenwert. Bei der Politik erstaunt mich das nicht. Aber die Industrie müsste doch stärker auf den Putz hauen”, fordert bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk.

Und dann wollte ich nur sagen:

Das hier entscheidet.

Wir wollen im Bloggercamp einige netzökonomische Runden machen. Vielleicht sogar mal die generelle Frage, ob die Netzökonomie ein blinder Fleck der Netzgemeinde ist. Oder, oder, oder. Vorschläge willkommen. Fließen auch in unser Unbuch-Projekt zur Streaming-Revolution ein.

Wir unterstützen Euch, bitte unterstützt unser Startnext-Ding.

Siehe auch:

3 vor 6: 10 Thesen zur Zukunft von Social Media, der Erfolg internetaffiner Unternehmen, Posting-Strategie für Facebook.

Netzpräsente Firmen sind erfolgreicher.

Wächst beeindruckend: Fab: Entdecken statt suchen

Schädlich auch für die Netzökonomie: Netzpolitik mit Geschmäckle.

IT-Gipfel: Stelldichein von Männern in dunklen Anzügen und einer Dame im Hosenanzug #itg12

Männer in dunklen Anzügen gaben sich in Essen ein Stelldichein und scharten sich um eine Dame im Hosenanzug: Man nennt das Spektakel auch „Nationaler IT-Gipfel“, der jährlich in einer anderen Stadt zelebriert wird. Organisiert vom Bundeswirtschaftsministerium, veredelt mit weihevollen Auftritten des Bitkom-Präsidenten und der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es ist eine Bühne für Schulterklopfereien und der Präsentation von neuen Broschüren über die Wunderwelt der Digitalisierung und Vernetzung. Dialog, Partizipation, Transparenz? Fehlanzeige. Klarheit über den Stellenwert der vernetzten Ökonomie, Politik und Gesellschaft steht bei diesem Schaulaufen der Eitelkeiten nicht an erster Stelle der Themenagenda. Im Gegenteil. So wurde mehrfach von Mitgliedern der Bundesregierung behauptet, man habe das Ziel des Breitbandausbaus erreicht. Ein schnelles Internet sei die Voraussetzung für die Szenarien, die auf dem Gipfeltreffen unter dem Stichwort „Intelligente Netze“ vorgestellt wurden.

Mit intelligenten Netzen versteht man Infrastrukturen, „die durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien neue Eigenschaften und innovative, übergreifende Anwendungen erfahren. Intelligente Netze nutzen die klassischen Breitbandnetze (Festnetz oder Mobilfunk) und entwickeln diese weiter, indem sie bereichsspezifische und bereichsübergreifend neue Anwendungen in den Feldern Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Verwaltung möglich machen“, so die Formulierung im feinsten Bürokratendeutsch, die ich der Studie „Gesamtwirtschaftliche Potenziale intelligenter Netze in Deutschland“ von Bitkom und Fraunhofer ISI entnommen habe.

In Wahrheit definiert sich der IT-Gipfel-Hofstaat von Frau Merkel den Breitbandstatus schön: Ein Megabit pro Sekunde (Mbit/s) sei schon so etwas wie eine Breitbandverbindung.

„Legt man diese Zahl zugrunde, sind nach einem neuen Expertenbericht zum Breitbandatlas des Wirtschaftsministeriums inzwischen 39,4 Millionen oder 98,7 Prozent der Haushalte mit einer Breitbandverbindung ausgestattet. Dieses Ziel habe man 2011 ‘mit leichter Verspätung’ erreicht, heißt es jetzt aus dem Wirtschaftsministerium”, so Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker.

Dass man sich mit diesen willkürlichen Festlegungen selbst in die Tasche lügt, ist wohl auch der Bundesregierung bewusst. Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabit pro Sekunde könne man von Breitband sprechen, erklärt der Booz-Berater Roman Friedrich. In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht bekannt:

„Man ist stolz darauf, dass wir zwei Megabit haben. Was helfen uns zwei Megabit? Der Markt geht woanders hin“, kritisiert Friedrich.

Es gebe eine ganz starke Korrelation zwischen der Infrastruktur-Ausstattung eines Landes und dem Sozialprodukt.

„Hier fallen wir zurück. Im weltweiten Maßstab sinken unsere Investitionen für Festnetz, Mobilfunk und Breitbandkommunikation. Wir verschenken damit Wachstum. Das ist leider ein Ergebnis der Regulierung.”

Vielleicht sollten die Marktforscher von TNS-Infratest ihre Indikatoren etwas genauer justieren, bevor sie behaupten, dass die digitale Wirtschaft im internationalen Vergleich auf dem sechsten Platz steht. In puncto schnelles Internet sind wir im weltweiten Vergleich auf einem Abstiegsplatz.

Und was macht Wirtschaftsminister Rösler? Richtig. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder neue Papierchen produziert, die als Hochglanzbroschüren auf dem nächsten IT-Gipfel ausgelegt werden.

Vielleicht sollte der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck die Programmhoheit für das Gipfeltreffen übernehmen. Denn er spricht ja in klaren und eindeutigen Worten von der Notwendigkeit Dueck spricht von der von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf.“

Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

Ein großer Teil der Wertschöpfung wandere schon jetzt in die digitalisierte und vernetzte Ökonomie, erklärt Bernd Stahl, Netzwerkspezialist von Nash Technologies in Stuttgart. Da gehe schon vieles an Deutschland vorbei. Wenn schon Steuergelder für einen Kongress wie dem IT-Gipfel ausgegeben werden, sollte man zumindest den Mut haben, jedes Jahr einen Kassensturz über den Status der Digitalisierung und Vernetzung zu organisieren. Es fehlt eine offenen, transparente und streitlustige Kultur der Beteiligung. Etwa bei den vorbereitenden Tagungen der IT-Gipfel-Arbeitsgruppen. Die könnte man über Hangout On Air live ins Netz streamen, so das Resümmee von Hannes und meiner Wenigkeit in einem Hangout, den wir auf dem IT-Gipfel starteten.

Oder in den Worten des Microsoft-Managers Ralph Haupter (Herausgeber des Buches „Der digitale Dämon“):

„Wir brauchen eine beständige argumentative Auseinandersetzung aller Beteiligten – Piraten und IT-Manager, Datenschützer und datenhungrige Innenpolitiker, wissenschaftliche Koryphäen und geniale Nerds, Weltkonzerne und Hinterhof-Firmen. So unterschiedlich die Themen und Positionen der Autoren in diesem Buch sind, so gibt es doch einen gemeinsamen Nenner: Nur durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich relevanten Fragen der digitalen Revolution kann ein gesellschaftliches Systemvertrauen geschaffen werden.“

Zu den erfrischenden Auftritten zählten übrigens Verena Delius von goodbeans und Christian Nagel von Earlybird Venture Capital.

Und natürlich die Begegnung mit Torsten Jensen 🙂

Ansonsten teile ich die Einschätzung von Markus Beckedahl: IT-Gipfel: Eine teure Alibi-Veranstaltung.

Unser Versprechen, auf dem IT-Gipfel wenigstens eine Reform des Rundfunkstaatsvertrages für eine Legalisierung von Livestreamings im Netz anzustoßen, haben wir ja erfüllt. Siehe unser IT-Gipfel-Resümee-Video. Das hat mir Spaß gemacht, der IT-Gipfel nicht.

Shitstorm-Klagelieder und die Abwehr eines kritischen Netz-Dikurses

Mirko Lange hat sich auf Facebook zu recht darüber aufgeregt, was derzeitig so alles unter dem Stichwort „Shitstorm“ diskutiert wird:

Er bezieht sich auf die BITKOM-Pressemeldung: ‎“Unternehmen sind auf Shitstorms schlecht vorbereitet“. Mirko schreibt:

„Ich nehme an, sie würden zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, wenn sie danach fragten, wie viel Unternehmen (in Baden Württemberg) auf eine Sturmflut vorbereitet wären. Bevor man schreibt, dass die Unternehmen ‚unzureichend‘ gewappnet sind, müsste man nicht erst einmal eruieren, ob es überhaupt eine Notwendigkeit gibt? Kann jemand sagen, wie groß die Gefahr eines Shistorms für Unternehmen ist? Stimmt es denn, was BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder sagt, dass (jedem) Unternehmen ‚ein erheblicher Schaden für Image und Reputation‘ droht, wenn es nicht ’strukturell und personell auf einen Shitstorm vorbereitet ist‘?“

Mein Facebook-Kommentar: Es wird viel zu viel unter die Rubrik Shitstorm eingeordnet. Nicht jede Kontroverse, nicht jede Kritik oder Verbraucherbeschwerde ist ein Shitstorm. Es ist vielleicht für jene ein Ärgernis, die in Schönheit sterben wollen oder es einfach nicht gewöhnt sind, wenn Jedermann mittlerweile wortmächtig sich einmischen kann.

Ein Beispiel aus der Welt-Redaktion zeigt, wie man das Ganze gegen die Offenheit der Netzdiskurse wendet.

Im Frühjahr hatte ich das Thema ja schon in meiner Service Insiders-Kolumne aufgegriffen: Über die Verunglimpfung der Netzöffentlichkeit: Das Shitstorm-Anonymitäts-Klagelied des Establishments.

Sie sind der David im Kampf gegen den Konzern-Goliath: „Bürgerinitiativen und ihr berechtigter Zorn – Sind Pressesprecher die Verlierer der Öffentlichkeitsarbeit in der Partizipationsgesellschaft“, so die Frage der Deutschen Presseakademie in einer Werbe-Mail:

Einer der krisenerfahrenen Referenten für die beworbene Tagung kommt vom Shell-Konzern, der eine Pipeline im südlichen Stadtteil von Köln „nur“ durch die Einbindung der Bürger meistern konnte. Ob der Öl-Manager auf dem Kongress der Deutschen Presseakademie auch etwas zu den Umweltsauereien in Nigeria sagt?

„Zwar bohrt der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl, doch zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines verschmutzen das Flussdelta weiter“, berichtet etwa die Zeit.

Die Bevölkerung in Nigeria ist im Gegensatz zur Kölner Bürgerschaft wahrscheinlich nicht gefragt worden, wie sie die Lecks in den Öl-Pipelines beurteilt, die zur Vernichtung der Fischergründe und landwirtschaftlichen Flächen führte und die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte.

„In den Niederlanden – dem Hauptsitz von Shell – steht der Ölkonzern vor Gericht. Friends of the Earth Niederlande klagt die Firma wegen fahrlässiger Gefährdung der Bevölkerung und unterlassener Sorgfaltspflicht an. Doch die Gerichtsmühlen mahlen langsam und das Urteil ist erst 2015 zu erwarten. Daher fordern wir Shell schon heute auf, die zerstörte Natur in Nigeria wiederherzustellen“, so der BUND.

Bin ich jetzt ein Shitstorm-Agitator, der die „Anonymität“ des Netzes ausnutzt, um auf das offensichtliche Auseinanderklaffen von Schein und Sein eines Öl-Konzern aufmerksam zu machen?

Die Wortkombination „Shitstorm“ und „Anonymität“ mausert sich zur beliebtesten Kampfformel von Repräsentanten des Establishments gegen unliebsame Meinungsäußerungen, die sich im Internet exponentiell und unkontrolliert ausbreiten wie das Universum.

Droht die Gefahr einer Diskurspolizei?

Da spricht man sogar von der Macht der Namenlosen:

„Die Angst vor dem Shitstorm lähmt die politische Debatte und hat den Ruf nach Kontrolle laut werden lassen. Es handelt sich um mehr als den Verstoß gegen Höflichkeitsregeln, wenn sich unter dem Deckmantel des Anonymen eine Diskurspolizei etabliert, die ihre Gegner mit Hass und Häme zum Schweigen bringt. Die ganze destruktive Qualität des Cybermobbing war jüngst zu erkennen, als in Emden ein aufgebrachter Netzmob zur Lynchjustiz gegen einen angeblichen jugendlichen Sexualmörder aufrief, dessen Unschuld sich später erwies“, schreibt etwa der FAZ-Autor Thomas Thiel.

Welche Recherchekompetenz hat der FAZler? Man braucht nur „Emden“ und „Lynchjustiz“ in eine Suchmaschine eingeben und weiß, wer auf Facebook zu dieser perfiden Aktion aufgerufen hat. Die Polizei ermittelte recht schnell den Verursacher, der sich nun wegen des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten vor Gericht verantworten muss. Und das ist auch gut so. Das Wissen von netzkritischen Autoren wie Thiel scheint sich auf dem Niveau von 2006 zu bewegen:

„Twitter war frisch gestartet, Facebook öffnete sich eben erst für ausländische Studenten. Gerade in jenem Jahr setzte ein Wechsel ein: Die Spielphase endete, in der wir Identitäten erfanden und mit Geschlechtswechseln spielten. Das letzte Zucken war Second Life, das nie so groß war wie viele Medien es schrieben. Ende 2007 war auch dieser Wirbel vorbei“, schreibt Indiskretion Ehrensache-Blogger Thomas Knüwer.

Social Web ist alles andere als anonym

Mit Social Networks wurden aus Pseudonymen Identitäten:

„Heute sind die wenigsten nicht identifizierbar. Denn nur wenn sie erkennbar sind, ist die Kommunikation in Social Media fruchtbar. Anonym oder nicht erkennbar Pseudonym wird praktisch nur noch in Foren oder auf Nachrichtenseiten kommuniziert. Dabei kennen sich die Teilnehmer in länger gewachsenen Foren durchaus zumindest digital – denn sie diskutieren ja häufig miteinander -, auch gibt es Hierarchien. Die aber sind für Außenstehende schwer zu durchblicken, man muss sich reinarbeiten“, erläutert Knüwer.

Deshalb kommen mir nicht mehr die Tränen des Mitleids, wenn FAZ-Autor Thiel die Demontage der Meinungsfreiheit als Menetekel in die Zeitung kleistert, weil „Künstler aus Angst vor anonymer Hetze kaum wagen, ihr existenzsicherndes Urheberrecht einzuklagen“.

Bislang kann ich in der Urheberrechtsdebatte keine verschämte Zurückhaltung der „Künstler“ erkennen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich unter die Exponenten der „Mein Kopf gehört mir“-Kampagne so viele Verleger geschmuggelt haben. Aber egal. Es geht den Sängerinnen und Sängern des Shitstorm-Anonymitäts-Klageliedes überhaupt nicht um Meinungsfreiheit. Sie können es nicht verkraften, dass sich im Internet ein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne von Jürgen Habermas entfaltet – dezentral, unberechenbar und ohne Kontrollmöglichkeiten. Das ist für die Controlling-Freaks und früheren Gatekeeper der öffentlichen Meinung eine schwer verdauliche Kost. Die sollten lieber Magenbitter trinken und auf kollektive Schuldzuweisungen der Netzöffentlichkeit verzichten.

Zudem kann ich noch mit einer Beruhigungspille aufwarten. Nach Analysen der Business Intelligence Group in Berlin sind höchstens 20 Prozent aller Shitstorms, die so betitelt werden, wirklich echte. Die anderen 80 Prozent sind schnell vergessen. Bei den Umweltsauereien in Nigeria wäre das allerdings traurig.

Soweit die Zeilen meiner Kolumne.

Den gleichen Fehler machen übrigens auch Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem an sich sehr lesenswerten Buch „Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“.

So schreiben die beiden Autoren:

„Die digitalen Werkzeuge ermöglichen neue Formen der Auseinandersetzung und der Partizipation, sie forcieren eine bislang unbekannte Geschwindigkeit der Verbreitung und Streuung, eine neuartige Dimension der kombinatorischen Vielfalt und der raschen Verfügbarkeit.“

Das kann ich alles unterschreiben. Und dann formulieren sie monokausal:

„Sie ermöglichen andere, bislang unbekannte Evolutions- und Eskalationsstufen im Prozess der Skandalisierung.“

Warum geht es hier denn nur um Skandalisierung? Es geht um Partizipation, um einen nicht mehr kontrollierbaren und steuerbaren Diskurs. Da geht es doch nicht in erster Linie um Skandale. Die Erfolgswährung ist Interessantheit. Die besten und erfolgreichsten Youtuber kommentieren beispielsweise Computerspiele wie Starcraft. Da gibt es Gurus, die nicht nur davon leben können, sondern sogar Mitarbeiter für ihre Videoproduktionen einstellen und Studios in der besten Lage von Hamburg mieten – völlig ohne Skandalisierung.

War die Aufdeckung von Guttenzwerg ein Skandal? Mitnichten. Er ist über seine eigene Eitelkeit und Phantasiebiografie gestolpert. Das war kein Skandal. Skandalös war das Verhalten des Kopisten beim Vertuschen seines Blendwerks.

Ein weiteres Beispiel aus dem Pörksen/Detel-Opus:

„Wie erzeugt man Aufmerksamkeit und Anschlusskommunikation und skandalisiert zu privaten Zwecken?“

Die Frage finde ich bescheuert. In der Aufmerksamkeitsökonomie geht es erst einmal um Aufmerksamkeit und nicht um Skandale. Und die kann ich durch tolle Filme, originelle Blogpostings, witzige Kolumnen oder sonstige Talente erzeugen.

Vielleicht greife ich das Thema in meiner nächsten Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ auf. Ich muss mein Schrifttum immer bis Dienstag (18 Uhr) abliefern. Wer mir als telefonischer Interviewpartner am Montag zur Verfügung stehen kann, möge mich kurzfristig kontaktieren via Mail: gunnareriksohn@gmail.com. Oder einfach einen Kommentar mit den Kontaktdaten hinterlassen.

Seriöses Business versus Social Media-Schnickschnack

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold. So müssten sich eigentlich Unternehmen im Social Web positionieren, schreibt Blogger Christian Buggisch in seinem höchst lesenswerten Beitrag „Zum Verzweifeln: Social Media in deutschen Unternehmen“.

„Oder mit Michael Buck von Dell gesprochen: Content is King, Listening is Queen. Natürlich muss ein Unternehmen wissen, was über seine Marke und Produkte im Web gesprochen wird. Das ist aber selbst bei großen Unternehmen nicht durchgehend der Fall.“

Nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom betreibt nur jedes zweite Unternehmen, das im Social Web aktiv ist, auch ein Monitoring. Noch schlimmer würde es bei kleinen und mittleren Unternehmen aussehen: Hier sind es nur 10 Prozent.

„Mit anderen Worten: Man sendet munter in die Welt hinaus, ohne sich darum zu kümmern, was die Welt ans Unternehmen sendet. Man weiß nicht, ob überhaupt über einen gesprochen wird, man weiß nicht, was gesprochen wird – weil man nicht zuhört“, so Buggisch.

Es fehle wohl am grundlegenden Verständnis von sozialen Netzwerken. Selbst bei der Personalrekrutierung sind nur kümmerliche 8 Prozent im Netz präsent. Interessant ist auch die Gemengelage der Verweigerer. In dieser Gruppe sind 62 Prozent davon überzeugt, die eigene Zielgruppe in Social Media nicht erreichen zu können.

„Das Zielgruppen-Argument klingt für mich nach Klischee und Ausrede, nicht nach Analyse. Hier seriöses Business, dort Social Media-Schnickschnack für Teenager und Leute, die zu viel Zeit haben. Ein weiteres Argument der Social-Media-Ablehner in deutschen Unternehmen ist übrigens, dass Social Media nicht zu ihrer Unternehmenskultur passe. Das allerdings glaube ich sofort“, erklärt Buggisch.

Virtuell profilieren für die Offline-Welt

Beide Gruppen glänzen durch Ignoranz. Die einen sind blind, die anderen setzen sich Scheuklappen auf. Woher wissen denn die Verweigerer, dass sie ihre Zielgruppen – also Privat- oder Geschäftskunden – im Netz nicht erreichen? Diese Frage wirft Kerstin Hoffmann in ihrem Buch „Prinzip kostenlos“ auf. Das Opus ist im Wiley-VCH Verlag erschienen.

„Es gibt kaum noch Haushalte oder gar Büros, die wirklich über keinen Internetanschluss verfügen. Selbst wer Facebook skeptisch gegenübersteht und noch nie etwas von Twitter gehört hat, schlägt vielleicht gelegentlich etwas bei Wikipedia nach, bestellt ein Buch bei einem Online-Versender oder googelt nach einem Dienstleister. Und da sind wir schon genau beim Punkt: Selbst wenn ein potenzieller Kunde niemals auf Ihre Facebook-Page schaut oder gar eine Twitter-Nachricht von Ihnen liest, helfen Ihnen die Sozialen Netzwerke dabei, dass er Sie findet. Verlinkungen von dort sind nämlich hochgradig suchmaschinenrelevant und schon deswegen alleine aus technischer Sicht sinnvoll“, führt Hoffmann aus.

Nicht zu unterschätzen seien auch die Multiplikatoren.

„Es könnte sogar im Extremfall so sein, dass Sie sich virtuell überhaupt nicht mit (potenziellen) Kunden austauschen. Dass Sie aber ein großes Netzwerk von Kollegen, Multiplikatoren und anderen Kontakten haben, von denen jeder einzelne für Sie eine Schnittstelle in das reale Leben darstellt. Ich habe beispielsweise über meine E-Books schon Kunden bekommen, für die jemand die PDFs ausgedruckt und auf Papier weitergegeben hatte. Kollegen erwähnen mich in Workshops oder Vorträgen, wenn sie mein geteiltes Wissen oder ein Bild aus meinem Blog nutzen, um etwas zu veranschaulichen. Auch dann trägt also jemand etwas, das ich nur virtuell publiziert habe, in andere, nicht virtuelle Situationen und trägt auf diese Weise zur Verbreitung meiner Inhalte und zu meiner Bekanntheit bei. Ich verfahre ja genauso mit Inhalten anderer Wissensträger, die ich in meine Vorträge und Workshops einbaue; natürlich immer mit Quellenangabe“, erläutert die Kommunikationsexpertin.

Soweit ein Auszug meiner Service Insiders-Kolumne, die heute erschienen ist. Hier geht es zur Kolumne: Über Blindfische und Verweigerer in sozialen Netzwerken – Wie Unternehmen das Internet unterschätzen.

Siehe auch:

Kontrollillusionen und Verweigerung: Unternehmen über das Social Web kaum ansprechbar.

Chief Listening Officer statt skriptgesteuerte Pappkameraden: Dell und der Abschied vom Sisyphus in der Warteschleife.

Lesenswert auch die Kolumne von Sascha Lobo: Das Kuckucksei des Boulevards – Ein Gesetz nicht nur gegen das Internet, sondern gegen den digitalen Wandel: Was das Leistungsschutzrecht mit dem Facebook-Austritt von Verbraucherministerin Ilse Aigner zu tun hat, und warum es ein fatales Signal an die Wirtschaft ist.

Bitkom-Umfrage: Angeblich großer Zuspruch für Behördenrufnummer 115 – Komische Umfragemethodik

82 Prozent der Deutschen wollen angeblich bei amtlichen Anliegen künftig die Behördenrufnummer 115 nutzen. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom. Liebe Freunde der Bitkom, wie kann man denn aus diesem empirischen Befund zu der Auffassung gelangen, dass sich die Behördenrufnummer 115 eines großen Zuspruchs erfreut?????

Das sind doch keine validen Ergebnisse. Belastbar wäre die Umfrage nur mit einer Stichprobe in den Testregionen und bei Bürgern, die das Merkel-Telefon schon genutzt haben.

Die angewendete Methodik ist purer Schwachsinn: Im Auftrag des BITKOM befragte das Meinungsforschungsinstitut Aris deutschlandweit 1.005 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren per Telefon. Jo, wie soll ich denn Zuspruch artikulieren, wenn ich von dem Thema überhaupt noch keine Peilung habe. Ich kann mir jeden Tag alles mögliche vorstellen. Vielleicht gehe ich mal in den Zoo, tanze im Bonner Hofgarten oder mache mal einen Kopfstand im Alten Rathaus. In der Bitkom-Pressemitteilung steht weiter, dass das 115-Projekt ein großer Schritt in Richtung einer bürgerfreundlichen und serviceorientierten Verwaltung sein soll. „ITK-Projekte der öffentlichen Hand können hervorragend funktionieren, wenn man sie professionell angeht“, wird BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer zitiert. Hat er die 115 schon ausprobiert?

Das Konzept der 115 sieht vor, dass die Mitarbeiter in den Service-Centern zunächst selbst versuchen sollen, die Anliegen der Anrufer zu bearbeiten. Können die Mitarbeiter am Telefon nicht sofort weiterhelfen, verbinden sie direkt an den Fachkollegen oder nehmen das Anliegen auf und schicken eine elektronische Nachricht an die entsprechende Stelle, zum Beispiel an das zuständige Ministerium.

Das funktioniert nur nicht immer so. Selbst bei einer so profanen Frage wie nach dem Abholtermin für Sperrmüll in Bonn-Duisdorf legte sich die Dame am 115-Telefon die Karten und konnte mich nirgendwohin verbinden. Sie gab mir schlicht die Nummer des Abfallamtes in Bonn. Das hätte ich auch ohne 115 hinbekommen. So etwas nennt man Servicebürokratie. Dabei sollte doch das Ganze nach dem Prinzip „One Stop Shopping“ (oder One-Hand-Prinzip) funktionieren in Verbindung mit der zunehmenden Migration von Voice-over-IP in der öffentlichen Verwaltung. Vorbild für das Projekt ist bekanntlich die New Yorker Rufnummer 311, um Behördengänge zu vereinfachen, Zuständigkeiten zu bündeln, unterschiedliche Call Center-Hotlines unter einem Dach zu vereinigen, verschiedene IT-Verfahren und Computersysteme zu integrieren, um so die Dienstleistungen für die Bürgerinnen und Bürger zu verbessern. Davon ist man Lichtjahre entfernt. 115 ist schlichtweg eine ziemlich dumme und profane Hotline.