Über Telearbeit und die dicken Gehaltsschecks bei Yahoo

Thema für Bloggercamp.tv
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Über Sinn und Unsinn der Entscheidung von Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die eigenen Mitarbeiter vom Home Office wieder ins Büro des eigenen Unternehmens zurückzuholen, ist in den vergangenen Monaten heftig gestritten worden. Das Ganze mit einer Tabula rasa-Methode durchzusetzen, ist wohl nicht der richtige Weg:

“Mit Zwang erreicht man eher das Gegenteil. Es gibt sicherlich Mitarbeiter, die die Trennung von Privat- und Geschäftsleben schätzen. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die Mischformen favorisieren und sicherlich wird es auch Angestellte bei Yahoo geben, die nur deshalb bei diesem Unternehmen sind, weil sie zu Hause arbeiten können. Die radikale Entscheidung von Mayer kann die Vertrauensbasis zerstören”, so der Personalexperte Maximilian Nobis vom IT-Beratungshaus Harvey Nash.

In einer Zeit mit Fachkräftemangel gehe das zu Lasten der Motivation und führt vielleicht sogar zu einer Abwanderung von Talenten.

Schlechter Stil

“Yahoo ist ein Technologiekonzern und lebt von guten Arbeitskräften. Der Belegschaft so eine Maßnahme per E-Mail mitzuteilen ist kein guter Stil. Es ist wohl der verzweifelte Versuch von Mayer, ihren angeschlagenen Konzern wachzurütteln”, betont Nobis.

Gary Swart von der Onlinejob-Börse oDesk geht nur von einer kurzfristigen Maßnahme aus. Sie müsse ein ganz anderes Problem lösen.

„Bei Yahoo gibt es viele, die einen dicken Gehaltsscheck erhalten und sich zu Hause einen lauen machen. Mrs. Mayer beordert jetzt alle zurück ins Büro, um herauszufinden, wer gut ist und wer nicht. In einem Jahr wird die Telearbeit bei Yahoo sicher wieder erlaubt sein. Um die besten Talente anzulocken und zu halten, muss ein Unternehmen flexibles Arbeiten ermöglichen. Sonst hat es keine Chance“, betont Swart im Interview mit der Zeit.

In der IT-Branche seien eher Mischformen gefragt, so Nobis. Er kenne bei den Firmenkunden von Harvey Nash keinen Fall, wo ausschließlich auf die Arbeit in den eigenen vier Wänden gesetzt wird. Es dominieren flexible Modelle.

Ob es Mayer gelingt, auf den Spuren ihres alten Arbeitgebers zu wandeln und eine ähnliche Campus-Kultur wie Google auf die Beine zu stellen, sei schwierig.

“Die Leute zurückzuholen, ist erst einmal mit hohen Investitionen verbunden. Grundsätzlich ist ein Home Office-Arbeitsplatz wesentlich günstiger. Und wenn man dann noch den Anspruch hat, ein Wohlfühl-Klima wie bei Google zu schaffen, dann muss man noch mehr ausgeben. Marissa Mayer wird mit dieser Aktion kein Geld sparen”, erläutert der Harvey Nash-Manager in München.

Google-Kultur bei Yahoo?

Um eine ähnliche Arbeitskultur wie beim Netz-Giganten Google zu entwickeln, braucht man nach Ansicht von Nobis einen langen Atem.

“Das wird Mayer nicht so schnell bewerkstelligen, schon gar nicht mit radikalen E-Mails. Auch Schwarz-Weiß-Denken führt hier nicht weiter. In der IT-Branche dominieren flexible Arbeitszeitmodelle. Und das ist sehr sinnvoll – etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Reine Home Office-Arbeit wird sehr häufig abgelehnt, denn viele Ideen und Innovationen entstehen nicht in Meetings, sondern auf dem Flur im direkten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen”, betont Nobis.

Eine Umkehr in der Technologiebranche nach dem Modell von Yahoo sieht er nicht. Es gebe verschiedenste Formen bei den Arbeitszeiten: Vertrauensarbeitszeit, Kernzeiten, Kombination von Präsenztagen im Büro und Möglichkeiten für das Arbeiten zu Hause. “Da hat sich eine Menge getan – auch bei den technologischen Möglichkeiten, an fast jedem Ort der Welt arbeiten zu können. Einen Rückfall in alte 9 to 5-Zeiten wird es nicht geben”, so das Resümee von Nobis. Eine Wende konnte Mayer als Vorstandschefin bislang nicht einleiten. Der Marktanteil von Yahoo am Suchmaschinenmarkt ist weiterhin rückläufig.

Wie sieht denn Euer Wunschmodell aus? Kommentare erwünscht. Wir könnten dazu sicherlich auch mal eine Hangout-Diskussionsrunde machen, oder? Wer daran interessiert ist, möge sich bei mir melden.

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Wenn der Kochtopf vernetzt ist und das Fachpersonal fehlt #theeuropean

Ingenieure für die vernetzte Ökonomie gesucht
Ingenieure für die vernetzte Ökonomie gesucht

Die vernetzte Ökonomie macht auch vor der klassischen Industrieproduktion nicht halt. Schlagworte wie Industrie 4.0, Smart Factory, intelligente Fabrik, Integrated Industry, Machine-to-Machine-Kommunikation und Internet der Dinge sind ein Wegweiser für die Veränderungen in den nächsten Jahren:

„Sie beschreiben die Vernetzung der bisher insular aufgebauten Produktion und der Unternehmen; oder auf gut Deutsch: Ohne Internet und Software geht künftig gar nichts mehr. So wie fast jeder Büroarbeitsplatz einen Internetzugang hat, wird zukünftig jede Maschine einen solchen Zugang haben. Vor allem geht es darum, dass die Maschinen untereinander vernetzt werden und kommunizieren können“, so FAZ-Redakteur Georg Giersberg.

Es reicht nicht mehr aus, über Spezialkenntnisse für Mechanik, Maschinenbau oder Fertigung zu verfügen – Wissen über Software und Programmierung müssen dazu kommen.

„Der Anteil der Softwareingenieure nimmt in der Industrie deutlich zu“, so Giersberg.

Es gebe kaum eine technische Disziplin, die ohne elektronische Steuerungen und ohne Vernetzung mit anderen Steuerungssystemen oder dem Internet auskommt – das gilt selbst für Kochtöpfe, Heizungsanlagen und Druckmaschinen.

Die aktuell diskutierte Revolution des Produktionsprozesses rüttelt an vielen Paradigmen der Berufswelt der Ingenieure: Neben der technischen Expertise, wird zusätzliches Informatikwissen über Interoperabilität, Offenheit und Skalierbarkeit durch die dazu notwendigen IT-Architekturen und Middleware-Komponenten verlangt.

„Dies sind im Grunde genommen unvereinbare Anforderungen, die einen Ingenieur an die Grenze seiner mentalen Fähigkeiten bringt. Entweder man ist ein begnadete Schrauber und Nerd oder der vorausschauende konzeptionell denkende IT-Architekt“, sagt Kasten Berge, Geschäftsführer von SearchConsult in Düsseldorf.

Ausführlich nachzulesen in meiner morgigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Würde ich mich über viele Retweets, Likes, Plusse und Kommentare freuen 🙂

Update:

Hier die komplette Kolumne: Schrauber trifft Nerd.

Jobsuche über die Crowd?

Weisheit der Vielen für die Stellenvermittlung

In Branchen mit einem Mangel an Fachkräften ist es wohl schwierig, auf Effekte des Crowdsourcings für die Stellenvermittlung zu setzen.

„Auch wir nutzen Facebook und andere Portale bei der Kandidatensuche. Es kommt allerdings immer darauf an, in welchem Markt man sich bewegt. Wir erleben als IT-Personalberatung, die sich direkt an die potenziellen Kandidaten wendet, wie stark die Zahl der angesprochenen Kandidaten pro freier Stelle im Durchschnitt gestiegen ist, bis eine Vakanz besetzt ist“, so Karsten Berge von SearchConsult gegenüber pressetext.

In Zeiten des Fachkräftemangels benötige man eine detektivische Spürnase und ein gutes Beziehungsmanagement, um zu erfolgreichen Abschlüssen zu gelangen.

Speziell bei höher dotierten Positionen mit einem Jahresgehalt von 70.000 Euro und mehr steigen auch die Anforderungen. Freunde, Bekannte und Kollegen müssen da schon sehr genau informiert sein.

„Entscheidend sind die Anforderungen, die zwischen den Zeilen einer Stellenanzeige stehen. Aber genau diese Details sind oft am wichtigsten, um eine Vakanz mit dem geeigneten Kandidaten zu besetzen“, sagt Berge.

In der IT-Branche werde schon länger nach dem „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“-Prinzip gearbeitet – mit Prämien von 3.000 Euro. Laut Experten ist dies eine zusätzliche Variante, um qualifizierte Kandidaten zu finden.

Berge sagte mir noch in dem Gespräch, dass einige Firmen kräftig nach IT-Fachleuten für Cloudcomputing und Business Intelligence suchen. Das werde ich wohl aufgreifen und mir die Anwendungsfelder und Projekte anschauen, bei denen Cloud- und BI-Spezialisten zum Einsatz kommen sollen.

Besonders beim Cloudcomputing dominiert ja wohl die Skepsis, wie eine Bitkom-Umfrage Anfang des Jahres belegt:

Erst 10 Prozent aller Unternehmen setzten 2012 auf Public Cloud Lösungen. Im Jahr zuvor waren es 6 Prozent. 11 Prozent der Unternehmen planten oder diskutierten den Einsatz (Vorjahr: 7 Prozent).

„Es gibt immer noch viele Vorbehalte gegen die Public Cloud, von denen die meisten unbegründet sind“, so Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

So sagen 79 Prozent der Unternehmen, die Public Cloud-Lösungen ablehnen, dass sie Angst vor einem Datenverlust haben. Kempf:

„Gerade kleine und mittelständische Unternehmen erreichen mit Cloud-Lösungen in der Regel ein deutlich höheres Sicherheitsniveau als mit IT-Systemen, die sie in Eigenregie betreiben.“

KPMG-Partner Bruno Wallraf:

„Interessanterweise hat fast die Hälfte der Befragten gegenüber Cloud Computing eine skeptische bis ablehnende Haltung. Die kritische Einschätzung vieler Unternehmen spiegelt sich aber keineswegs in den tatsächlichen Erfahrungen der Nutzer wider. Im Gegenteil: Mehr als drei Viertel derjenigen, die Cloud Computing bereits nutzen, berichten positiv. Dennoch gilt es, Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes, der Integrationsfähigkeit sowie Unsicherheiten über die rechtlichen Grundlagen von Cloud Computing ernst zu nehmen.“

Wo sieht das schon besser aus? Welche Branchen und Unternehmen sind aufgeschlossen, wo werden Fachkräfte gesucht? An weiterführenden Infos wäre ich sehr interessiert.

Alte Eisen glühen noch – Bekenntnisse eines C 64-Veteranen

Für den Arbeitsmarkt zähle ich ja mit meinen 51 Lenzen schon längst zum alten Eisen – zumindest in der Welt der Angestellten. Vor einigen Jahren gab es ja den Trend, die über 50jährigen mehr oder weniger aus den Betrieben rauszudrängen. Das Phänomen machte bekanntlich auch vor Zeitungsredaktionen nicht halt. Folge: Es fehlen erfahrene Redakteure, die den Jüngeren mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gott-sei-Dank bin ich seit gut 13 Jahren freiberuflich tätig und muss mich nicht mehr um die merkwürdige Personalpolitik in der Wirtschaft scheren. Mit der Überalterung der Gesellschaft wird sich auch bei der Rekrutierung in Zukunft einiges ändern – auch wenn das in den Köpfen von Führungskräften noch nicht so ganz angekommen ist.

Laut forsa-Umfrage meinen 77 Prozent der Jungen, dass Ältere im Beruf Probleme mit neuen Technologien und Kommunikationsformen haben. Das bestätigen aber nur 54 Prozent der Alten. Die sogenannten Silver Surfer sind derzeit die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet – schon das untermauert, dass Ältere durchaus technikaffin sind.

„Ob Chinesisch oder die neue Buchhaltungssoftware: Alte können sich alles zutrauen“, erklärt Margaret Heckel, Autorin des Buches „Midlife-Boomer“

Leider bleiben ältere Bewerber in den Technologie-Berufen auf der Strecke, kritisiert Maxiilian Nobis von IT-Personaldienstleister Harvey Nash: „Eine vertane Chance für die Unternehmen. Die Vorteile dagegen werden kaum gesehen.“

Die Älteren schaffen es oft nicht einmal bis zum Bewerbungsgespräch.

„Der passt nicht ins Team“ heiße es dann, berichtet Nobis. Gemeint ist: Der jeweilige Chef – selbst Mitte 30 – will keinen Mitarbeiter, der mehr Erfahrung hat, ihn womöglich nicht akzeptiert und damit nicht steuerbar ist. „Ein älterer Mitarbeiter hat größere Auswirkungen auf ein Team als eine Nachwuchskraft. Er findet schneller Gehör und ist in der Regel sehr präsent“, sagt der IT-Personalexperte. Natürlich sei es eine berechtigte Frage, wie gut sich ein Bewerber integrieren kann. „Aber das ist letztlich nicht vom Alter abhängig, sondern vom Charakter.“

Das Thema habe ich etwas ausführlicher in einer Meldung für NeueNachricht aufgegriffen:

Midlife-Boomer auf dem Arbeitsmarkt nicht abschreiben – Ältere Arbeitnehmer bieten großes Potenzial.

Und zur nächsten republica werde ich auch wieder erscheinen, trotz meines hohen Alters 🙂

Findet diesmal vom 6. bis 8. Mai statt – da hat ja meine Mutter Geburtstag. Kann ich ja mit einem Besuch kombinieren. Meine Mutti ist übrigens mit ihren 82 Jahren auch noch sehr rüstig.

Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute oder: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist…

, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“ Heute ist wieder der Tag der Makroökonomen, die ihre Prognosen zur Entwicklung der Konjunktur vorlegen. Und siehe da, die Institute schwelgen im Hochgefühl eines starken Wirtschaftswachstums:

„Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Aufschwung. Die Institute prognostizieren eine Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts um 3,5 % für das Jahr 2010 und um 2,0 % für das Jahr 2011. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich dabei weiter verbessern. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte im Jahresdurchschnitt 2011 erstmals seit 1992 unter 3 Millionen liegen. Die Defizitquote des Staates dürfte auf 2,7 % sinken. Die Wirtschaftspolitik in Deutschland muss den angekündigten Konsolidierungspfad weitergehen. Auf europäischer Ebene sind Insolvenzordnungen für Staaten und Banken erforderlich. Ein strengerer Stabilitäts- und Wachstumspakt könnte als ergänzende Maßnahme sinnvoll sein. Eine Verlängerung des Rettungsschirms für Euroländer oder die Einführung von gepoolten Staatsanleihen sind dagegen genauso abzulehnen wie der von der EU-Kommission vorgeschlagene Mechanismus zur Vermeidung und Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte.“ Zitat Ende. Wow, was für eine wissenschaftliche Leistung, wenn man das schon Bekannte jetzt bedeutungsschwanger in einem Gutachten verkündet. Nun leide ich ja nicht an Alzheimer und habe mir mal die Prognose des vergangenen Jahres zu Gemüte geführt. Tenor:

„Für das kommende Jahr rechnen die Institute mit einer nur zögerlichen Erholung. Aufgrund der immer noch schwachen Expansion der Weltwirtschaft werden die deutschen Exporte lediglich in moderatem Tempo zulegen. Die Inlandsnachfrage dürfte nur sehr langsam anziehen. Die Investitionsbereitschaft der Firmen wird aufgrund nur wenig verbesserter Absatzperspektiven und der ungünstiger werdenden Finanzierungsbedingungen gering bleiben. Die privaten Konsumausgaben werden mehr und mehr durch die verschlechterte Lage am Arbeitsmarkt belastet. Endogene Auftriebskräfte werden nur allmählich spürbar, so dass die Konjunktur im Prognosezeitraum auf wirtschaftspolitische Unterstützung angewiesen bleibt. Alles in allem rechnen die Institute für das Jahr 2010 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,2 %. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Jahresdurchschnitt auf 4,1 Mill.“

Warum sagen die Konjunkturforscher eigentlich nichts zu ihren permanenten Fehlprognosen, die wir als Steuerzahler jedes Jahr auch noch alimentieren müssen? Diese Erbsenzähler mit ihren ökonometrischen Modellen liegen so häufig neben der Spur, dass man ihnen keinen einzigen Cent aus der Staatskasse bezahlen sollte. Besser wäre es wohl, ein paar professionelle Pokerspieler zu beauftragen, um die Wirtschaftsentwicklung vorherzusagen. Oder man schaut sich einfach die Jahresumfrage von Allensbach an, ob die Menschen den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegensehen. Das korreliert enger mit dem Konjunkturzyklus als die Rechenmodelle der Konjunkturforscher.

Siehe auch:
Glaskugel-Wirtschaftsforscher warnen vor zu viel Optimismus.

Und diese Meldung, die ich am Anfang des Jahres geschrieben habe, sollten sich die Wirtschaftsforschungsinstitute hinter den Spiegel stecken: Die Allensbach-Jahresumfrage und das Versagen der Konjunkturforscher: Wirtschaftsaufschwung stärker als es die Prognoseprofis vorhersagen!

Was der Glaskugel-Ökonomen-Spaß für die Steuerzahler an Kosten verursacht, habe ich hier ausgeführt: VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.

Glaskugel-Wirtschaftsforscher warnen vor zu viel Optimismus

Morgen ist wieder der Tag der Glaskugel-Wirtschaftsforscher. Die VWL-Alchimisten stellen ihre „Prognosen“ zum Konjunkturverlauf in diesem und im kommenden Jahr vor – doch die Indikatoren sind nach einem Bericht von Spiegel Online so widersprüchlich wie selten zuvor.

„Einerseits sind die Auftragsbücher der exportorientierten deutschen Industrie wieder gut gefüllt. Die Frachtflugzeuge der Lufthansa sind wieder so gut ausgelastet wie vor dem massiven Einbruch im März 2008 – auf manchen Strecken liegen die Werte sogar auf dem Vor-Krisenniveau. Andererseits zeigen sich Finanzexperten in den monatlichen Umfragen des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) seit längerem skeptisch – und warnen entsprechend vor zu viel Optimismus“, schreibt Spiegel Online. Ob die staatlich alimentierten Fliegenbein-Zähler wieder daneben liegen, werden am Ende des Jahres wissen. Warum der Staat immer noch Millionen Euro für diese Makroklempner verschwendet, ist mir allerdings schleierhaft. Vielleicht sollte sich die Bundesregierung doch eher an der Allensbach-Jahresumfrage halten. Das kostet den Finanzminister nicht einen einzigen Cent. Siehe auch: Die Allensbach-Jahresumfrage und das Versagen der Konjunkturforscher: Wirtschaftsaufschwung stärker als es die Prognoseprofis vorhersagen!

Zu einem ähnlich positiven Befund kommen auch die Zeitredakteure Götz Hamann und Kolja Rudzio in ihrem Artikel „Es geht bergauf“. Die deutsche Wirtschaft klettere langsam aus der Krise. Und ein kleines Wunder zeichnet sich ab: Der erwartete Erdrutsch am Arbeitsmarkt bleibt aus.

Der Aufschwung sei da. „Ob er wirklich anhält und ob daraus eine lange neue Wachstumsphase wird, ‚das werden wir erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres erkennen‘, sagt Gustav Horn. ‚Wenn wir dann tatsächlich auf einem klaren Wachstumskurs sind, dann wäre uns allerdings etwas Unglaubliches gelungen. Geradezu ein Kunststück, ein Geniestreich.‘ Horn ist Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf. Wenn der Ökonom von einem Kunststück spricht, meint er zum einen das Tempo, in dem sich viele Unternehmen von der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erholen. Zum anderen blickt er auf den Arbeitsmarkt. Viel mehr Stellen hätten verloren gehen müssen. Viel härter hätte die Krise jeden Einzelnen treffen müssen. Dass es nicht geschah, kann man ein Kunststück nennen. Oder ein Jobwunder. Der Versuch jedenfalls, es zu erklären, führt zu neuen Einsichten darüber, wie die deutsche Wirtschaft heute funktioniert. Einsichten, die das Land über diesen Aufschwung hinaus prägen werden“, so die Zeit.

Die Wirtschaftsleistung ging im Krisenjahr zwar um fünf Prozent zurück – die Zahl der Erwerbstätigen dagegen um nicht mal 0,4 Prozent. Das entspricht 148.000 Beschäftigten. Rund zwei Millionen hätten es nach gängigen Modellen sein müssen, trotz Kurzarbeit.

Vieles deutet sogar auf eine positive Trendwende am Arbeitsmarkt hin: „Seit Juli 2009 werden Monat für Monat mehr offene Stellen gezählt, seit November wächst auch die Zahl der Erwerbstätigen, und spiegelbildlich schrumpft die Arbeitslosigkeit. Selbst wenn man alle Statistikänderungen berücksichtigt, Arbeitsuchende in Ein-Euro-Jobs und Kurzarbeiter hinzuzählt, ändert das nichts – seit einem knappen halben Jahr wird der Beschäftigungsmangel kleiner. Bald dürfte er wieder unter dem Niveau des Vorjahres liegen. Falls sich diese Entwicklung verstetigte, käme die Bundesrepublik überraschend glimpflich davon. Das Jobwunder wäre perfekt“, schreiben die Zeit-Redakteure.

Kein Experte habe so etwas kommen sehen. Nun würden sich die Fachleute bemühen, das Mirakel zu erklären.

Eine wichtige Erklärung, die Ökonomen für das deutsche Jobwunder heranziehen, betrifft den Strukturwandel. „Seit Jahrzehnten verlieren die Arbeitsplätze in der Industrie an Bedeutung. Auch in Deutschland. Der vergangene Boom der Exportindustrie hat diesen Trend nicht gebrochen. Zwischen 1991 und 2008 ist der Anteil der Jobs im produzierenden Gewerbe gefallen – von fast 30 auf 20 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Und während die Industrie 2009 rund 340.000 Arbeitsplätze abbaute, stellten die Unternehmen in vielen Dienstleistungsbranchen selbst in den finstersten Abschwungmonaten noch munter ein. Öffentliche und private Dienstleister schufen 259.000 Jobs. So wurde ein Teil des Stellenabbaus kompensiert. Allerdings sind viele der neuen Arbeitsplätze Teilzeitstellen, keine Vollzeitjobs. Vielfach sind sie schlechter bezahlt – auch weil sie nicht so hochproduktiv sind. Bei BMW oder Daimler schafft ein Beschäftigter mithilfe eines teuren Maschinenparks enorme Werte pro Stunde. Dagegen sind die Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung im Kindergarten oder im Altenheim beschränkt“, führen Hamann und Rudzio aus.

Die niedrigere Produktivität wiederum bedeute: Es sei weniger Wachstum nötig, um Jobs zu schaffen. In den sechziger und siebziger Jahren entstanden erst ab drei, vier Prozent Wirtschaftswachstum neue Stellen. Heute steige die Erwerbstätigkeit schon bei 1,2 Prozent.

Das habe ich ja schon vor einigen Tagen hier gepostet: Service-Ökonomie ist krisenresistent – Warum wir uns von der Industrie-Nostalgie verabschieden sollten.

Die VWL-Propheten der Wirtschaftsforschungsinstitute orientieren sich wohl zu sehr an den alten Mechanismen des Industriekapitalismus. Umdenken, liebe VWLer, und die Steuergelder zurückgeben für die Fehlprognosen!

Antizyklisch agieren: Harvey Nash-Chef Nadolski weitet Geschäft aus

Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Chef Udo Nadolski hatte schon im November 2008 eindrücklich davor gewarnt, wegen der Krisenberichterstattung mit Schockstarre zu reagieren und Investitionen zu stoppen: „Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache ist ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung…Deshalb sollten wir uns in der Realwirtschaft vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen“, so die Ausführung von Nadolski im vergangenen Jahr. Nach einem Bericht der Nürnberger Zeitung (NZ) lässt er jetzt auch Taten folgen. Mit der Übernahme des Mobilfunk-Teams von Alcatel-Lucent habe Harvey Nash ein attraktives Geschäftsfeld in der Hand. „Nash hat den Mobilfunk-Bereich mit fast allen Mitarbeitern übernommen. Denen wurde der Wechsel zum neuen Arbeitgeber vom bisherigen kräftig versüßt. Für eineinhalb Jahre bekommen die Mitarbeiter einen Bonus, der das Gehalt praktisch verdoppelt. Und: Nash wickelt nicht ab, sondern baut den Standort nach Aussagen von Nadolski aus: Seit Oktober wurden rund 20 Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlich sind 50 Externe beschäftigt“, so die NZ.

Zielgröße für Nürnberg seien 250 Beschäftigte, die von etwa 100 Spezialisten in einem Test- und Entwicklungszentrum in Vietnam unterstützt werden sollen. In Nürnberg habe man ein hochqualifiziertes Entwicklungsteam mit 170 Ingenieuren« in einem Marktsegment übernommen, in dem Ingenieursmangel herrsche. Alles Fachleute für sogenannte „embedded software“, also „für hardware-nahe Programmierung“. Dieses Know-how sei auch abseits des bisherigen Schwerpunkts Kommunikationstechnik heiß begehrt. Es werde praktisch überall gebraucht, etwa in der Medizin, Luftfahrt oder Verkehr. Potenzielle Kunden seien Siemens und Nokia sowie asiatische Anbieter. Einen ersten Auftrag der schwedischen Firma Ericsson habe Nadolski schon eingefahren. Ein großer Vorteil sei das hochmoderne Funknetz in Nürnberg. „Bei uns lassen sich neue Anwendungen, wie zum Beispiel Kommunikationsfunktionen im Auto oder neue Handy-Familien, inklusive des Netzwerkes komplett simulieren. Das kann kein kommerzieller Anbieter“, so Nadolski gegenüber der NZ.

Potenziale biete beispielsweise die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation. Das konnte man an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von der Harvey Nash-Tochter Nash Technologiesgeht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.

Generell werde der Trend zu vernetzten Welten für einen wirtschaftlichen Schub sorgen.
Davon geht auch die Studie „IT-Industrie 2020“ von A.T. Kearney aus. Zu den besonders wachstumsstarken IT-Sektoren zählt das Beratungsunternehmen die sogenannten Embedded Systems – IT-Komponenten, die in andere Produkte wie etwa Automobile oder Industrieanlagen integriert sind -, sowie Softwaresysteme. Beide Sektoren sollen bis 2020 um 8,5 beziehungsweise 6,2 Prozent pro Jahr wachsen – und dabei als Nachbrenner für die Gesamtwirtschaft fungieren.

Garaus für Assessment Center: Neue Verfahren gefragt

Glaubt man Personalberatern und Wissenschaftlern, dann schwindet der blinde Glaube an die Vorhersagekraft des Assessment Centers (AC) bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter wenden sich in jüngster Zeit viele Unternehmen davon ab. „Über die Jahre hinweg ist die Gültigkeit von Assessment Center ständig gesunken“, konstatiert

Professor Lutz von Rosenstiel
Professor Lutz von Rosenstiel
, Organisationspsychologe an der Universität München, gegenüber dem Mittelstandsmagazin Wirtschaftsbild. Dafür gäbe es gleich drei gute Gründe. „Zum einen trainieren immer mehr Bewerber vorher und wissen in etwa, was kommt. Zum zweiten, und das halte ich für bedeutsamer, simuliert ein Assessment Center die künftigen Anforderungen an den Stelleninhaber. In Zeiten des schnellen Wandels aber kann man nicht wissen, was auf den Mitarbeiter zukommen wird. Folglich kann man heute nicht mit Bestimmtheit vorhersagen, was er und sie morgen können und wie er und sie morgen sein sollen.“

Doch erst Rosenstiels drittes Argument macht dem AC vollends den Garaus. „Um ein aussagekräftiges Assessment Center auf die Beine zu stellen, braucht man eine gründliche Analyse der Organisation. Viele Personalbereiche verzichten darauf. In der Not erweisen sich strukturierte Interviews oder Tests, die speziell auf eine bestimmte Organisation zugeschnitten sind, als kostengünstiger – bei ähnlicher Vorhersagekraft wie das AC.“ Dass mit aufwändigen Einzel- und Gruppen-Assessments keine hundertprozentige Erfolgsgarantie verbunden sein kann, ist allen Fachleuten klar. Doch dass genau dies von Psychologen ausgetüftelte Teststrecken leisten sollen, leuchtet auch nicht jedem ein. Gegen die sich selbst zugeschriebene Menschenkenntnis der Personaler und deren Bauchgefühl hat die Eignungsdiagnostik noch immer einen schweren Stand. „Die persönliche Sympathie in die Entscheidung einzubeziehen ist auch gut so“, überrascht Andreas Frintrup, Gründer und Chef der HR-Diagnostics AG in Stuttgart. Diese Aussage hätte man von einem Unternehmer, der Psychologen Einstellungstests entwickeln lässt und vertreibt, eigentlich nicht erwartet. Doch mit seiner Erklärung, dass von hundert Testverfahren allenfalls zehn den wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen, macht die Zurückhaltung von Frintrup schon mehr Sinn: „Viele der auf dem Markt kursierenden Persönlichkeitstests erfüllen nicht die Anforderungen an die nötige Validität, also an die Gültigkeit“, kritisiert der Diplomökonom. „Während man mit den psychologisch fundierten und auf die beruflichen Anforderungen abgestimmten Tests die Prognosesicherheit tatsächlich erhöhen kann, führt das Gros der Persönlichkeitstest eher zu allgemeinen Aussagen, die selten etwas mit der konkreten Aufgabe des künftigen Stelleninhabers zu tun haben und daher keine Hinweise auf sein späteres Verhalten im Beruf geben.“

Trotzdem gehen Standard-Tests augenblicklich weg wie warme Semmeln. Besonders gut laufen die auf den Erkenntnissen und der Typenlehre von C.G.Jung beruhenden Testverfahren wie beispielsweise die Reiss-Profile und die Insights MDI Potenzial-Analysen. Um als Berater oder Personalabteilung die Tests anwenden zu dürfen, muss man eine Lizenz erwerben und Schulungen besuchen. Die Münchner Personalberatung Schuh-Eder hat sich im vergangenen Jahr darin ausbilden lassen.„Wir schwören auf Insights. Es ist ein perfektes Tool, das ganz pragmatisch anzuwenden ist und verblüffende Ergebnisse liefert. Diese helfen uns, Auswahlprozesse mit viel höherer Qualität durchzuführen“, so die Expertin. Billig ist die Lizenzierung und die Testauswertung nicht, aber der Markt ruft offenbar danach. „Auch die Kandidaten wissen sehr zu schätzen, dass man sich nicht nur auf den Bauch verlässt.“ Dass die fragebogengestützte Eignungsdiagnostik, auf breiter Front betrachtet, besser und billiger geworden sind, räumt auch Rosenstiel ein, dessen Institut ein bei Experten umstrittenes Testimonial für Insights MDI abgegeben hat. Gänzlich vorbehaltlose Zustimmung klingt freilich anders: „Die Resultate von Tests sind zwar anregend, bleiben aber spekulativ. „Insight arbeitet nicht schlechter als andere Verfahren. Man muss nur genau hinschauen, was dieser Test leistet.“

Als schlechtes Beispiel für berufliche Eignungsuntersuchungen zieht Frintrup Tests heran, in den von Bewerbern Aussagen wie „Ich mag große Frauen“ zu beurteilen sind. „So etwas fällt eindeutig ins Privatleben und hat in einem berufsbezogenen Persönlichkeitstest nichts zu suchen“, bemängelt Frintrup. „Berufsbezogene Diagnostik erfordert auch berufsbezogene Tests – nicht nur im Interesse der Akzeptanz bei den Bewerbern, sondern auch weil sich gezeigt hat, dass entsprechend formulierte Tests bessere Vorhersagen über die berufliche Leistung ermöglichen.“ Was die Testentwickler mit der Frage nach den großen Frauen herauszukitzeln hoffen, sind allenfalls Anhaltspunkte für einen gewissen Reizhunger. Aus dieser Hintergrundvariablen könnte man unter Umständen Anzeichen für eine unzureichende persönliche Integrität ableiten. Aber das ist, erstens, nur ein Indikator von vielen möglichen, und zweitens sagt es überhaupt nichts darüber aus, wie sich der Kandidat später im Job bewähren wird. Wissenschaftlich betrachtet, haben die Psychologen bei der Eignungsdiagnostik die Lufthoheit.