IP-Kommunikation: Wenn die Leitung kracht, wie zu Omas Zeiten

Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Der Wechsel von hart verdrahteter Hardware hin zu geschmeidiger Software hat nach Ansicht von Technology Review-Blogger Ben Schwan viele Vorteile. Auf modernen Hifi-Anlagen läuft inzwischen Linux, so dass man, wenn es sein muss, auch Web-Sites von dort ausliefern könne. Das DSL-Modem könnte wahrscheinlich auch, wenn ein Grafikchip enthalten wäre oder ein Bildschirmanschluss, zu einer Runde Online-Doom einladen. Das DECT-Telefon kontaktiere den Server des Herstellers, um neue Bildschirmhintergründe herunterzuladen oder Börsenkurse anzuzeigen.

„Das Problem bei alledem: Niemand scheint sich angesichts dieser Internetisierung der Elektronik mehr darum zu kümmern, dass Geräte ihre grundsätzlichen Aufgaben zuverlässig und problemfrei erledigen – und zwar in jeder Situation, mit der der Anwender sie konfrontieren könnte. Nehmen wir beispielsweise das Festnetztelefon in einem modernen Haushalt mit günstiger Breitband-Flatrate. Das Gerät hängt nicht mehr an der Dose der Telekom, sondern an einem Router. Die Gespräche erfolgen nicht mehr über das nahezu unkaputtbare vermittelte Leitungsnetz, sondern per Voice-over-IP“, so Schwan. Bei einem Ausfall des Routers funktioniere dann gar nichts mehr. Streikt der Server beim Provider, schaut man auch dumm aus der Wäsche. „Und wenn man zufällig auf die Idee kommt, einen größeren Download mit voller Geschwindigkeit parallel zu einem Telefon durchzuführen, kracht es in der Leitung, wie weiland zu Omas Zeiten“, moniert der Technology Review-Autor.

Die Entwickler müssten ähnlich wie ihre Ingenieurvorbilder in früheren Jahrhunderten rigorose Qualitätssicherung betreiben. „Wir leben blöderweise in einem Beta-Zeitalter, in einem Zeitalter der Unzuverlässigkeit“, moniert Schwan. Die Frage ist nur, wie leidensfähig der Kunde noch sei.
cioforum137
Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in München, hält die Zuspitzung von Schwan für übertrieben. „Man sollte nicht denken, dass das ‚alte’ GSM-Telefon ohne Ausfälle gelaufen ist. Da steckte auch eine Menge IT dahinter. Es lieg am Anfang nicht gerade stabil, verfügbar und komfortabel. Die heutigen Netzkomponenten werden immer stabiler – trotz aller Spams und Virus-Attacken. Es gibt weniger Staus als auf einer Bundesautobahn“, meint Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Balinger Technologiespezialisten Bizerba tätig ist. Etwas anders sehe es mit der Software aus. Hier würden häufig unreife Systeme auf den Markt kommen. Da heiße es dann: Warten, bis die ersten Bugfixes geliefert sind!

Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Dass in den komplexen Softwarelösungen häufiger Fehler auftreten, liege vor allen Dingen an den kurzen Innovationszyklen, so die Erfahrung von Marc Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Reiseportals Triptivity in Bonn. „Die Anbieter schaffen es kaum noch, mit den Aktualisierungen für die Fehlerbeseitigung der alten Software hinterher zu kommen. Auch der Preisdruck ist nicht zu vernachlässigen. Internationale Telefongespräche für wenige Cent pro Minute, Internet Flat Rates für monatlich 15 Euro, das drückt auf die Qualitätssicherung. Unterm Strich erhält der Kunde zwar im Durchschnitt keine qualitativ hochwertigen und langfristig wertstabilen Produkte, wie früher etwa bei Leica-Kameras, Radios von Telefunken und Tonbandgeräte von Braun, aber dafür hat er die Chance, im Rhythmus von zwei oder drei Jahren eine Vielzahl von leistungsfähigen Geräten zu erwerben und immer wieder zu erneuern“, sagt Schmidt. Mit der vor zehn Jahren für umgerechnet 1.000 Euro erworbenen Digital-Kamera wolle heute niemand mehr Bilder machen. „Bei Lösungen für Unternehmen muss die Balance anders gewählt werden. Hier steht nicht der Marketing-Hype im Vordergrund, sondern die Zuverlässigkeit. Geschäftstelefonie sollte zu jeder Zeit fehlerfrei funktionieren. Beim Bürotelefon spielen hochauflösende Farbdisplays eine untergeordnete Rolle“, so Schmidt.

Der Spiegel in Weltuntergangsstimmung – Analogien zu 1929 sind eine Frechheit

Der Spiegel-Titel mit den Analogien zur Weltwirtschaftskrise 1929 ist wohl der Tief- oder Höhepunkt in der Krisenberichterstattung der vergangenen Monate. Den Status quo mit dem Untergang der Titanic zu vergleichen und mit der Überschrift „Rette sich, wer kann – Wie der Untergang der Weltwirtschaft verhindert werden soll“ zu dramatisieren, geht nun völlig an der Realität vorbei. Besonders fragwürdig ist die wohl bewusst gewählte Analogie zur Weltwirtschaftskrise 1929, in der nicht nur Massenarbeitslosigkeit herrschte, sondern Hunger, Armut, Obdachlosigkeit und soziale Verelendung. Davon kann nun in der westlichen Welt aktuell überhaupt nicht gesprochen werden.

Wohltuend sachlich ist dagegen die April-Ausgabe der Zeitschrift Cicero. Die Gastautoren Richard Gaul und Christiane Goetz haben die grassierende Schwarzmalerei auf den Punkt gebracht. Der kollektive Krisenrausch suche zwar nach Parallelen mit 1929. Nur dieser Vergleich sei schief. „Verglichen werden nämlich Wachstumsraten und nicht Substanzniveaus. Wenn unsere Wachstumsraten 2009 auf minus 2,25 (Prognose der Bundesregierun) oder gar 4 Prozent (Deutsche Bank) abrutschen sollten, dann wird das eine schwere Rezession, keine Frage. Und doch sagt der prozentuale Rekordeinbruch nur allzu wenig über die realen Effekte“, so Gaul und Goetz. Enscheidend bleibe der Bezugswert und wir schrumpfen eben auf einem sehr hohem Niveau. Vom höchsten, das uns die Weltgeschichte je beschert habe. Wenn also ein reiches Land drei Prozent seines Vermögens verliert, bleibe es trotzdem ein reiches Land. Verlieren wir diesen Wert, erreichen wir die Wirtschaftsleistung von 2006 – ein Jahr, das wir als ein opulentes Jahr des Aufschwungs in Erinnerung haben. „Das Wohlstandsniveau liegt um ein Zigfaches über dem vor 80 Jahren“, schreiben die beiden Cicero-Autoren. Es ist auch eine Beleidigung für die vielen Menschen, die damals wirklich schlimmes durchgemacht haben. Deutschland kann im Gegensatz zur Weimarer Republik nicht nur eine gefestigte und intakte Demokratie vorweisen, sonst auch sehr stabile soziale Sicherungssysteme – bei allen strukturellen Defiziten, die man ändern muss.

Was immer man vergleicht – die Lebenserwartung, die Qualität des Essens, das Bildungsniveau, die Wohnsituation, der industrielle Kapitalstock – wir leben so dramatisch viel reicher als die Generation von 1929, dass wir schon eine Rezession von 90 Prozent Niveaurückgang erleiden müssten, um in eine Welt aus Suppenküchen und Tuberkulose-Epidemien zurückzufallen.

Auffällig ist vor allem das Wehklagen von Journalisten in Zeitungen und Zeitschriften, die kaum noch positive Nachrichten durchlassen. Die Printmedien werden ja auch überdurchschnittlich vom Abschwung gebeutelt. Und das schon seit einigen Jahren. Begonnen hatte es mit dem Crash des Neuen Marktes vor neun Jahren. „Seitdem ist für die Medien – und da vor allem für die gedruckten Medien – nichts mehr wie es war. Auch der Aufschwung der vergangenen Jahre fand in den Medien selbst kaum einen Niederschlag“, erklären Gaul und Goetz. Der Werbekuchen wandert immer stärker ins Internet ab und wird auch nicht mehr zurückkommen. Die gefühlte Krise dauert also für Printjournalisten schon sehr viel länger. Entsprechend ist das Glas eben immer nur halb leer und nicht halb voll. So rechnen einige zum Beispiel mit einem irreversiblen Niedergang der Druckindustrie. Nur wer druckt denn nur Zeitungen?

Der Verpackungsdruck boomt weiterhin, der Anteil von Verpackungen für Konsumgüter ist krisenfest. Dann gibt es noch Kunstdruck oder Veredelungen, die überhaupt nichts mit dem Zeitungsdruck zu tun haben, der sich scheinbar im freien Fall befindet. Pech für Unternehmen, die ausschließlich auf diese Karte gesetzt haben. Scheinbar bewahrheitet sich hier der Philosophenspruch, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen.

Allerdings sind die Printmedien nicht mehr ganz so entscheidend für die öffentliche Meinung. Fallen Bevölkerungsmeinung und Medienmeinung auseinander, spricht Allensbach-Gründerin Noelle-Neumann von einem doppelten Meinungsklima. So ist es bei der aktuellen Krisenwahrnehmung, wie ich an anderer Stelle schon ausführte: “Die Gelassenheit der großen Mehrheit geht auf die Kluft zwischen der Nachrichtenlage über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und den eigenen Erfahrungen zurück. Nach wie vor können die meisten Erwerbstätigen in ihrem Unternehmen keine Anzeichen der Krise erkennen. 31 Prozent sehen in ihrem Unternehmen Auswirkungen; dieser Anteil hat sich in den letzten zwei Monaten nicht verändert. Eine Analyse nach Branchen zeigt, wie unterschiedlich einzelne Wirtschaftszweige betroffen sind. Während sich die Automobilindustrie und ihre Zulieferer im Auge des Taifuns befinden und auch der Maschinenbau mittlerweile stark betroffen ist, erleben die Beschäftigten der Bauwirtschaft, im Handel oder des Gesundheitswesens die Krise überwiegend über die Medien“, schrieb vor wenigen Wochen die Allensbach-Chefin Renate Köcher in der Wirtschaftswoche. Das hat nichts mit Ignoranz, sondern mit Lebenskunst zu tun und ist der Schlüssel, um aus einer Krise wieder herauszukommen.

Das hat Harvey Nash-Chef Udo Nadolski in einem Blog-Beitrag über die empirischen Erkenntnisse des legendären Informatik-Professor Karl Steinbuch sehr richtig erkannt: “Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache ist ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung”. Und nun verhalten wir uns anders und hier liegt die Basis für den Konjunkturaufschwung. Vielleicht sollten die Printjournalisten und vor allen Dingen die Spiegel-Redakteure mehr Seneca lesen: “Das meiste Unglück gebiert die falsche Meinung, dass Unglück sein müsse…Würde sich jeder erziehen, nur vom Gutem, Beglückendem zu sprechen – alle würden glücklicher werden! Denn wir ziehen herbei, was wir vorwiegend denken und aussprechen. Durch das richtige Denken können wir Leid und Missgeschicke so gut von uns fernhalten wie Miss-Stimmung und Krankheit.” Auf unvorhergesehene Streiche müsse man gefasst sein und unerschütterlich fest stehen.

Mehrwegflasche steht das Wasser bis zum Hals

Mülleimer neben Rücknahmeautomaten: Dosenpfandgewinne leicht gemacht
Mülleimer neben Rücknahmeautomaten: Dosenpfandgewinne leicht gemacht
Das Bundesumweltministerium (BMU) lässt wieder einmal Ökobilanz und Rücklaufquoten von Einweg- und Mehrwegflaschen untersuchen. Dabei ist Branchenkennern seit Jahren klar, was besser, sprich für die Umwelt verträglicher ist. Nach Auffassung des BMU sind gesetzliche Maßnahmen zum Schutz ökologisch vorteilhafter Getränkeverpackungen erst dann sinnvoll, wenn die Ursachen des Rückgangs der Mehrwegquote näher untersucht wurden. Das Problem ist: Das wird noch dauern. Der Untersuchungsbericht des beauftragten Bifa Umweltinstitutes in Augsburg ist erst für Ende September 2009 angekündigt. Damit läuft vor allen Dingen den mittelständischen Mineralbrunnen-Betrieben buchstäblich die Zeit davon. In der Getränkewirtschaft kritisiert man, dass die Politik sich scheue, logische Konsequenzen aus dem Dosenpfand-Debakel zu ziehen.

„Man kommt sich vor wie ein Schüler, der gute Noten bekommt und dem man gleichzeitig mitteilt, dass seine Versetzung gefährdet ist“, kritisiert der Chef eines abfüllenden Betriebes. Das Umweltministerium wolle die Thematik aus dem Wahlkampf heraushalten und nur Zeit gewinnen. Es sei so, als würde man einem schwer verletzten Unfallopfer erst dann Erste Hilfe leisten, nachdem die Unfallursache geklärt ist. Nach einem Bericht des Fachdienstes EUWID bekenne sich das BMU zwar zum Ziel der Stabilisierung und Förderung ökologisch vorteilhafter Getränkeverpackungen. Die politischen Bestrebungen, die Mehrwegquoten wieder zu stärken, seien durch die eindeutig nachgewiesenen ökologischen Vorteile von Mehrwegsystemen begründet. Wenn das so klar vom Umweltministerium formuliert werde, müssten keine weiteren Untersuchungen durchgeführt werden.

Der Geschäftsführende Vorstand des Bundesverbandes des Deutschen Getränkefachgroßhandels, Günther Guder, erläutert, wie sehr der Mehrweg-Glas-Mineralwasserflasche das Wasser bis zum Hals steht: Der Anteil von Mehrwegflaschen lag seinen Angaben zufolge Ende 2007 bei 37,9 Prozent. Ende 2008 waren es noch 34,1 Prozent. Das sei innerhalb eines Jahres ein kräftiger Aderlass. Bei der Bifa in Augsburg hält man sich äußerst bedeckt über Art, Umfang und Details der Untersuchung. Man verweist auf die angekündigten Ergebnisse. Vorher wolle man den verschiedenen Lobby-Interessen nicht genüge tun.

Branchenkennern wie Guder geht das alles viel zu langsam. Bei einem weiteren Absinken der Mehrwegquote seien die mittelständischen Betriebe kaum zu halten. Deutschland sei zwar im weltweiten Vergleich noch „ein absolutes Getränkeparadies“ und habe die meisten Hersteller von Bier, Mineralwasser und vielen anderen Getränkearten wie Säften. „Diese Vielfalt ist akut gefährdet durch die Dumpingpreise der Discounter.“ Wenn Mehrweg bei Mineralwasser untergehe, würden im Mittelstand rund 14.000 von insgesamt 18.000 Arbeitsplätzen wegfallen. Und: Sind die ökologisch vorteilhaften Getränkeverpackungen erst einmal verschwunden, werden sie wohl nie wieder kommen.

Satte Weiden, verfressene Heuschrecken und staatliche Hütchenspiele mit Immobilien – Wie der Staat den Casino-Kapitalismus erfand und Eigenkapitalraub ermöglichte

Besonders nihilistische Zeitgenossen sprechen schon vom irreversiblen Ende des Kapitalismus, den der Crash des Finanzmarktes verursacht hat. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Alle so genannten Neoliberalen (das waren eigentlich jene, die sich Ende der 1930er Jahre in Paris zusammenfanden, um liberale Strategien gegen den Totalitarismus von links und rechts zu formulieren – heute sind es all jene, die Oskar Lafontaine einfach nicht mag), Casino-Kapitalisten, Deregulierer oder Privatisierer müssten in Sack und Asche gehen und dürften nie wieder auf die wirtschaftspolitische Bühne zurückkehren. Ähnlich klangen die Abgesänge Anfang der 1930er Jahre. Die politischen Alternativen haben uns dann einige Jahrzehnte in Atem gehalten.

Wer hat nun die Hütchenspiele mit faulen Immobilienkrediten ausgelöst? Waren es Heerscharen von kruden Unternehmern, undurchsichtigen Freiberuflern, gierigen Selbständigen, perfiden Handwerksmeistern und gerissenen Globalisierungs-Dunkelmännern, die weltweit an einer marktwirtschaftlichen Konspiration arbeiteten? Und warum tauchen in den Negativschlagzeilen so häufig Landeszentralbanken, die KfW, die FED und sonstige Institutionen der öffentlichen Hand auf? Die Kapitalismuskritiker sollten etwas genauer hinschauen und prüfen, warum die amerikanische Zentralbank über einen langen Zeitraum eine Politik des billigen Geldes betrieben hat? Die zu niedrigen Zinsen ließen in Amerika, und in den wichtigsten Finanzzentren, einen Immobilienboom entstehen, begünstigt durch eine Politik, die den Hauskauf begünstigte. Die Schleusen wurden allerdings schon unter dem US-Präsidenten Bill Clinton geöffnet mit einem Gesetz, dass amerikanischen Banken verbot, Arme bei der Kreditfinanzierung fürs Eigenheim zu diskriminieren.

Wer regierte in Deutschland eigentlich im Jahr 2000? Richtig, es war die rot-grüne Koalition von Gehard Schröder. Und genau diese Regierung beschloss vor neun Jahren, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Unternehmen nicht versteuert werden müssen. Die Schröder-Regierung machte damit den Weg frei für die später vom Parteigenossen Müntefering als Heuschrecken verteufelten Firmenjäger, die im Auftrag von institutionellen Großanlegern, Pensionsfonds oder Privatleuten extrem hohe Renditeziele anstreben, die ein normaler Unternehmer mit legalen Mitteln nie erwirtschaften kann. Ziel der Rot-Grünen war es, die „Deutschland AG“ aufzubrechen. Und das ist ihnen auch gelungen. Seitdem herrschte ein schwunghafter Handel mit Betrieben, bei dem sich auch die beteiligten Banker, Unternehmensberater und Anwälte goldene Nasen verdienten. Private Equity Firmen wie KKR, Texas Pacific und andere illustre Vertreter der Branche machten sich immer mehr breit und kauften, was das Zeug hält. Zum Beispiel den Abfallsammler Duales System Deutschland (DSD – Der Grüne Punkt), Grohe, einen Hersteller von Bad-Armaturen, oder die Gartengeräte-Firma Gardena. Die milliardenschweren Investoren waren allerdings weniger an Müll, Wasserhähnen oder Rasenspreng-Anlagen interessiert. Sie wollten Kasse machen, nicht zu knapp und möglichst schnell.

„Was bedeutet, dass sie die übernommenen Firmen schon nach kurzer Zeit mit hohem Gewinn abzustoßen versuchen. Um dieses Ziel zu erreichen, gehen sie alles andere als zimperlich vor“, so die Frankfurter Rundschau (FR). Besonders trickreich sei KKR bei der Telekommunikationsfirma Tenovis vorgegangen. „KKR gründete auf der britischen Kanalinsel Jersey eine Finanzgesellschaft, bei der Tenovis (heute Avaya) einen Kredit in Höhe von 300 Millionen Euro aufnahm. Hintergrund der konzerninternen Verschiebeaktion: Die Zinszahlungen schmälern den Gewinn der Frankfurter und damit deren Verpflichtungen gegenüber dem hiesigen Finanzamt, während die Zinseinnahmen im Steuerparadies Jersey von Abgaben an den Staat weitgehend verschont sind. Für die Investoren rechnet sich das allemal: Die übernommene Firma finanziert den Kaufpreis quasi selbst – auf Kosten auch der deutschen Steuerzahler“, führte die FR aus.

Nach einem ähnlichen Strickmuster soll KKR beim Kranhersteller Demag vorgegangen sein. Das Traditionsunternehmen war nach der Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns im Jahr 2002, zusammen mit sechs anderen Firmen für 1,7 Milliarden Euro an die US-Firma verkauft worden. „Die machten, mit Hilfe eilfertiger Unternehmensberater, kurzen Prozess. Arbeitsplätze wurden zuhauf abgebaut, Löhne gedrückt, Teile der Produktion ins Ausland verlagert. Karl-Ludwig Ostermann, ein ehemaliges Betriebsratsmitglied, befürchtet nun die finanzielle ‚Ausblutung’ des Maschinenbauers. Für den Verdacht spricht eine Meldung der Börsen-Zeitung von Anfang des Jahres, der zufolge KKR knapp eine Milliarde Euro der Demag-Kasse entnommen hat. Rekapitalisierung nennt die Branche beschönigend solche Vorgänge, bei denen die Investoren das Eigenkapital aus dem Kaufobjekt abziehen und durch Kredite ersetzen. Auch hier dürfte es darum gehen, das internationale Steuergefälle auszunutzen. Warum sonst hängt Demag seit der Übernahme durch KKR an einer Holding in Luxemburg“, fragte sich damals die FR. Und beim Steuerparadies Luxemburg gibt es eine auffällige Parallele zum KKR-Engagement beim Grünen Punkt.

Politiker und Branchenexperten betrachteten die Konstruktion der neuen DSD-Eigentümer mit großem Misstrauen. Die KKR-Tochter Deutsche Umwelt Investment AG in Düsseldorf hatte zwar formal die Übernahme des DSD vollzogen. Hinter der DUI stehe wiederum eine Beteiligungsgesellschaft, die sämtliche Aktien übernommen habe: die Blade Lux Holding Two S. mit Sitz in Luxemburg. Dahinter befinde sich wiederum die Blade MEP Beteiligungs GmbH. Interessant sei der Geschäftszweck: „Gegenstand des Unternehmens: Erwerb, Halten und Verwalten sowie Veräußerung von Beteiligungen an Kapitalgesellschaften, an denen die Blade Lux Holding One S. .r.l mit Sitz in Luxemburg, und/oder die Blade Lux Holding Two S. .r.l, mit Sitz in Luxemburg, unmittelbar oder mittelbar beteiligt sind, sowie an Personengesellschaften, die Beteiligungen an solchen Kapitalgesellschaften halten im Zusammenhang mit der Beteiligung von Organmitgliedern, Führungskräften und Mitarbeitern verschiedener Unternehmen der Blade-Gruppe an solchen Gesellschaften; die Blade-Gruppe umfasst die Gesellschaften, die unmittelbar oder mittelbar von der Blade Lux Holding One S. .r.l mit Sitz in Luxemburg, abhängig sind. Die Gesellschaft betreibt keine Geschäfte, für die eine gesetzliche Erlaubnispflicht besteht“, so lautete der Eintrag im Handelsregister.

„Wir kaufen MAN. Wir kaufen TUI. Wir zerlegen Siemens. Kein Konzern ist vor uns sicher. So tönen Finanzinvestoren seit geraumer Zeit, berauscht von den Milliarden, die sie einsammeln. Wer dies als Großmäuligkeit abtat, der irrt: Die Investoren machen Ernst“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Wie ungemütlich die Gesellschafter werden könnten, das spürte der damalige Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. „Der amerikanische Fonds Blackstone hat sich dort eingekauft, mit nicht mal fünf Prozent. Das reicht, um den ehemaligen Staatskonzern aufzumischen. Blackstone muss nur andeuten, man sei nicht völlig einverstanden mit der Performance des Managements, schon bricht dort Hektik aus. Die Lage für Vorstandschef Ricke ist auch deshalb so bedrohlich, weil die Regierung als wichtigster Anteilseigner die aggressiven Investoren wenn nicht aktiv gesucht, so doch zumindest ermuntert hat“, so die FAZ.

Von Ermunterung konnte aber keine Rede sein, denn die staatliche Bank KfW hat aktiv den Heuschrecken-Deal betrieben und das milliardenteure Paket ex-staatlicher T-Aktien an Blackstone verkauft. Das Drehbuch der von der rot-grünen Bundesregierung zugelassenen Heuschrecken-Attacken hat der Rechtswissenschaftler Uwe H. Schneider in einem Interview mit dem Spiegel analysiert. Private Equity-Firmen „investieren nicht, sondern finanzieren den Kaufpreis in erster Linie mit Fremdkapital, das von der erworbenen Gesellschaft zurückbezahlt werden muss. Und dann wird das Eigenkapital abgeräumt. Viele dieser angeblichen Investoren sind in Wahrheit Eigenkapitalräuber“, kritisiert Schneider.

Das Geschäftsmodell bestehe aus drei Stufen. „Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Nennen wir sie Newco. Das ist Stufe eins. Die Newco nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit das Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen“, erklärt Schneider. Das Unternehmen werde in eine GmbH umgewandelt, wie es beim Grünen Punkt beispielsweise der Fall war. „Das freie Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt“, so Schneider. Der Ausstieg folge dann in der dritten Stufe. Aber das spiele nach Ansicht von Schneider nicht mehr die entscheidende Rolle, wenn sich die Private-Equity-Gesellschaft vorher schon bedient habe. „Die Unternehmen werden nach einiger Zeit an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der sie weiter auspresst. Neudeutsch heißt das ‚secondary buyout’. Manche werden an die Börse gebracht. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Und gelegentlich bleibt nur noch das Insolvenzverfahren“, weiß Schneider. Die Private-Equity-Gesellschaften redeten gern von Restrukturierung, Umbau und Rekapitalisierung. In Wahrheit schwäche man die übernommenen Unternehmen und beraube sie ihrer Zukunftschancen.

„Die Fonds versprechen ihren Anlegern Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent. Die lassen sich nicht aus dem traditionellen Geschäft erwirtschaften“, sagt Schneider. Außerdem würden diese Gewinne nicht wieder investiert, sondern an die Gesellschafter ausgeschüttet.

Experten in Deutschland kritisierten lange vor dem Crash des US-Finanzmarktes das undurchsichtige Geschäftsgebaren der zumeist angelsächsischen Finanzinvestoren. So forderte der Ex-Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert schon vor drei Jahren gesetzliche Maßnahmen gegen die Heuschreckenplage. Der Markt nähre schwarze Schafe, die gerne von Steuerparadiesen in der Karibik aus operieren. Finanzinvestoren müssten beispielsweise auf den Cayman Islands für eine Registrierung weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Investoren wie Carl Icahn oder Private-Equity-Spezialisten wie Kohlberg Kravis Roberts würden sich auf Übernahmekandidaten mit gesundem Cash Flow konzentrieren. Institutionelle Investoren und Hedge Fonds schlüpften in Deutschland in die Rolle, die ehedem den Großaktionären vorbehalten war. „Sie tun so, als wären sie langfristig denkende Mehrheitseigentümer, aber in den meisten Fällen verschwinden sie genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind – allerdings erst, nachdem sie das Management ausgetauscht und umfangreiche Ausschüttungen an die Aktionäre, also sich selbst, durchgesetzt haben“, so Seifert. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten Offenlegungspflichten gelten. „Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisierte Seifert damals und fand wenig Gehör. Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen.

Heutzutage seien Shareholder keine Aktionäre mehr im Sinne des unternehmerischen Eigentümers. „Sie kaufen Aktien nicht als Anleger, um sie wegen des Unternehmens und seiner Leistungsfähigkeit zu halten. An den Unternehmen selbst ist diese Art von Aktionär im Grunde nicht interessiert, sondern an der schnellen Perfomance für die Funds-Manager und die Zertifikat-Besitzer“, bemängelte der Schweizer Management-Experte Fredmund Malik. Die 100 größten Money Manager Amerikas verwalten fast 60 Prozent der US-Aktien und da gehe es in erster Linie um die Turnover-Rate, also um Aktienumschichtungen und weniger um unternehmerische Belange, sonst würden diese Manager die Papier länger halten. Malik plädiert daher für eine Neuregelung des Aktienrechtes. „Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, soll eine Haltefrist beachten müssen. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben“, fordert Malik. Noch 1950 waren nach seinen Erkenntnissen rund 90 Prozent aller amerikanischen Aktien in den Händen der privaten Haushalte. Heute seien es noch knapp über 30 Prozent. „Hingegen halten die institutionellen Investoren heute fast 70 Prozent der Aktien, während sie 1950 lediglich 9 Prozent besaßen“, so Malik.

Die Fixierung der Öffentlichkeit auf börsennotierte Schwergewichte verzerrt nach Auffassung von Malik die Wirtschaftsrealität: „Die Shareholder-Brille hat blind gemacht für die überwältigende Zahl der Unternehmen, die immer schon gut funktionierten und auch in der Ära der Wallstreet-Skandale von ihren Prinzipien nicht abrückten.“ Man habe sich von einer verschwindenden Minderheit von geldgierigen Egozentrikern und Wirtschaftskriminellen für ein Jahrzehnt in die falsche Richtung führen lassen. „Dazu kommt, dass seitens einer bestimmten ökonomischen Theorie ein Problem maßlos überbewertet wird, das täglich in allen Ländern millionenfach problemlos gelöst wird, nämlich das so genannte Principal-Agent-Problem – das heißt, die Frage, wie man als Eigentümer die im Auftrag handelnden Personen so steuert und überwacht, dass man nicht systematisch betrogen wird“, führt Malik in seinem Buch „Unternehmenspolitik und Corporate Governance – Wie Organisationen sich selbst organisieren“ (Campus Verlag) aus.

Die wahren Perlen der Unternehmenslandschaft blieben dadurch unentdeckt und unbeachtet. Malik beschränkt seine Sichtweise nicht nur auf den Mittelstand. Er definiert die erfolgreichen Firmen als „Unternehmerisch geführte Unternehmen“ (UMU). „Es geht bei diesem Unternehmenstyp nämlich nicht um die Größe, sondern um die Art der Führung“, stellt Malik klar. Das Shareholder Value-Prinzip habe das Unternehmertum auf finanztechnische Kennziffern reduziert. Gewinn könne man aber nicht mit wirtschaftlich-unternehmerischer Leistung verwechseln. „Die Wirtschaft muss den Deal-Makern und Spekulanten entzogen werden, denn sonst kollabiert das gesamte System in einem Sumpf aus Fälschungen, Korruption und Wirtschaftskriminalität“, warnt Malik. Hier nun ist der Staat gefordert.

Mehdorn oder Machiavelli – Wer ist der bessere Machtstratege?

Man möge es mir verzeihen, aber bei den Schlagzeilen, die Bahn-Chef Mehdorn in steter Folge produziert, denke ich immer wieder an Zeiten, die mit der früheren TK-Firma o.tel.o und den Machtkämpfen um die Führungsspitze im RWE-Konzern zusammenhängen. Die damals aktiven Journalisten erinnern sich vielleicht auch noch an einen sehr aktiven Informanten, der so seine eigenen Ziele unter Einbeziehung der Medien verfolgte. Und wenn die Informationen stimmen, die aus dem Aufsichtsrat der Deutschen Bahn kommen, dass nicht nur Bahn-Beschäftigte ausgespäht, sondern massenhaft E-Mails von Mitarbeitern auf Kontakte zu Journalisten und Bahn-Kritikern überprüft wurden, fällt es mir schwer, an Zufälle zu glauben.

Die Konzernrevision habe 2005 die elektronische Post sämtlicher Beschäftigten gerastert, hieß es nach der Sitzung des Kontrollgremiums. Überprüft wurde, ob die Mails an Bahn-Kritiker auch aus dem Bundestag oder an bestimmte Redaktionen gegangen sei. Ziel war diesen Darstellungen zufolge, Konzernkritiker kaltzustellen. Peng. Überraschung??? Mich überrascht das überhaupt nicht:

Vor einigen Jahren hatte das Nachrichtenmagazin Focus und auch NeueNachricht über ein internes Bahn-Strategiepapier der Unternehmensberatung McKinsey berichtet. Die Berater attestierten dem Monopolisten eine stetig schwindende Marktmacht, die durch weitergehende Privatisierungen nur noch verstärkt werde. Als Gegenmaßnahme wird ein „Regulierungsmanagement“, das den freien Wettbewerb möglichst blockieren soll, vorgeschlagen: Durch die „Beeinflussung von Entscheidungsträgern“ müsse eine weitere Verschiebung des Wettbewerbs erreicht werden. Hierbei gelte es zuerst, das Bundeskartellamt auszubremsen, das einer „bahnfreundlichen Ausrichtung der Regulierung“ im Wege stehe. Eine Möglichkeit wäre die Forderung nach einer europäischen Bahn-Regulierungsbehörde oder der Ausbau des DB-freundlichen Eisenbahn-Bundesamtes. Um dies möglichst reibungslos zu erreichen, müssten „Wettbewerbsbefürworter“ wie der damalige FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich „bearbeitet werden“. Parallel dazu müsse man politische Freunde, wie Verkehrsminister Bodewig, stützen, indem ihnen politische Erfolge beschert würden. Ein erfolgreiches Beispiel für derartiges Politik-Management zeige der Fall Werner Müller.

Nach der Aufdeckung des McKinsey-Papiers reagierten die verantwortlichen Entscheider recht widersprüchlich. Nach Aussagen der Deutschen Bahn handele es sich lediglich um ein „Akquisepapier“ der Berater in München, „mit dem die Consulter einen Auftrag bekommen wollten.“ Die Bahn habe nach der Durchsicht der Thesen jedoch sofort ablehnend reagiert, weshalb das nun im Kreuzfeuer stehende Papier „das Problem von McKinsey“ sei. Auch diese Taktik hat sich nicht geändert….

Bei McKinsey hingegen erfahre ich, das immerhin vierzigseitige Dokument sei weder eine Studie, noch eine Präsentation, sondern vielmehr eine Diskussionsvorlage, die zwar nicht „im Auftrag, wohl aber im Zuge der Arbeit für die Deutsche Bahn erstellt wurde“. Tatsächlich arbeiteten 70-80 Berater für die Deutsche Bahn AG, jedoch an einem Projekt zum Gleiswegeausbau. Der brisante Inhalt der „Diskussionsvorlage“, erklärt der McKinsey-Sprecher weiter, sei lediglich eine Risikorechnung von Folgen gewesen, die bei der Regulierung auftreten könnten. Denn, wer das Papier genau lese, müsse erkennen, daß sich bei McKinsey niemand gegen einen freien Wettbewerb stelle. Dieser Vorwurf passe nicht zum Profil der Berater und werde allein dadurch entkräftet, dass bereits im Anfangsteil des Papiers festgestellt werde, dass die Privatisierung nicht aufzuhalten sei. Das ist richtig. Genauso wurde allerdings ausgeführt, wie Unternehmen aus ehemaligen Monopolen – Strom, Telekom, Luftfahrt und Post – erfolgreich den Übergang in den freien Markt bis zu 10 Jahre verzögern konnten.

Der Geist in der Maschine: Über digitale Assistenzsysteme

dsc_00031Fast 96 Milliarden Anfragen tippten Internetnutzer allein im Februar in die Suchfelder von Google und Co. Ein Jahr zuvor waren 67 Milliarden. Zu diesem Befund gelangte der Informationsprovider Comscore. Das ständige Senden, Beantworten und Weiterleiten von teilweise völlig belanglosen Informationen wird von Kulturkritikern mittlerweile als semantische Umweltverschmutzung bezeichnet. Etwa 50-mal pro Tag öffnet ein typischer „Informationsarbeiter“ sein E-Mail-Fenster, 77-mal wendet er sich dem Instant-Messaging-Programm für den schnellen Versand von Nachrichten zu, nebenbei werden noch etwa 40 Web-Sites besucht. So hat es die US-Beratungsfirma RescueTime auf Basis von 40.000 Nutzerprofilen in der Berufswelt untersucht.

Herman Maurer, Professor für Informatik an der Technischen Universität Graz, lässt sich von solchen Schreckenszenarien nicht beeindrucken. „Lange vor dem Jahr 2100 werden alle Menschen jederzeit und an jedem Ort auf alles Wissen der Menschheit zugreifen können, ähnlich wie wir das heute bei materiellen Gütern können. Dieser Zugriff wird mit Geräten erfolgen, die stark mit den Menschen integriert sind, und wird sich auf Wissen beziehen das entweder aus Datenbanken kommt oder aus Dialogen mit Experten entsteht. Das Gehirn des Einzelmenschen wird nur noch ein vergleichsweise winziger Bestandteil eines gewaltigen Wissensvorrates sein, der durch die Vernetzung aus Milliarden von Menschenhirnen und Datenbanken entsteht“, prognostiziert Maurer.

Skeptiker, die vor einer nicht beherrschbaren Informationsüberflutung warnen, werden bald verstummen: „Am Horizont zeichnet sich bereits ab, dass die Informationslawine allmählich gebändigt und strukturiert werden wird zu sinnvollen, verlässlichen und auf die Person maßgeschneiderte Wissenseinheiten. Das wird geschehen über die stärkere Verwendung von Metadaten, von intelligenten Agenten, von vertikalen Suchmaschinen, wo Fachleute Informationen gefiltert und kombiniert haben, von Gigaportalen für die verschiedensten Anwendungsbereiche, von aktiven Dokumenten, die von sich aus antworten geben können“, so Maurer. Bei der Wissensvernetzung und dem Wissensmanagement sei es erforderlicht, Wissen jederzeit und an jedem Ort verfügbar zu machen.

„Ich habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer prognostiziert: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit allen ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems (GPS), einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts- , Buchungs- und Kommunikationsgerät“, erläutert Maurer. Die allgegenwärtigen Computer werden stärker mit dem Menschen selbst verbunden. „Die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern wird so weit gehen, dass man sie in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können“, so Maurer weiter.

Die Cyborg-Visionen von Maurer erscheinen vielleicht utopisch. Einen Evolutionssprung versprechen sich Internetexperten nach einem Bericht der Financial Times Deutschland (FTD) zumindest von Fortschritten in der Entwicklung semantischer Technologien – landläufig auch als Web 3.0 bezeichnet. Plumb agierende Computer sollen verstehen, was für Inhalte sie hin und her verschieben oder gespeichert haben. „Erst dann werden Nutzer auf ihre Fragen tatsächliche Antworten erhalten und nicht nur eine mehr oder weniger passende Aufreihung von Weblinks“, so die FTD. Das Ziel von Google ist eine Suchmaschine, mit der man sich normal unterhalten kann und die dabei aus dem gesamten Wissen der Welt schöpft. Eine ähnliche Zielsetzung verfolgt auch das derzeitig größte deutsche IT-Forschungsprojekt mit dem Namen THESEUS, benannt nach dem attischen Helden und angeblichen Ur-Vater der Demokratie. Für den Dialog zwischen Mensch und Maschine will THESEUS multimodale Benutzeroberflächen entwickeln, die durch Sprache und Gestik bedient werden können. Anfragen könnte man dann intuitiv formulieren und im Dialog mit dem System verfeinern. Ein semantischer Mediator fungiert im Computer als Schnittstelle zwischen der Benutzeroberfläche und den verschiedenen Metadatenquellen. Er wandelt eine gesprochene Anfrage in einen semantisch korrekten Datensatz um, der für eine Suche nötig ist.

Die Stimmen- und Gestenerkennung in der Google Mobile-Anwendung ist nach Ansicht des Sprachdialogexperten Lupo Pape schon ein vielversprechender Ansatz: „Es ist erst einmal eine Sprach- oder Diktiererkennung, die auf einer Suchmaschine und demnächst sogar auf weiteren Handyfunktionen aufsetzt. Sprachdialogsysteme werden es erst, wenn ein Wissen über die Domäne und Dialogintelligenz hinzukommen. Das ist das, was wir mit dem Personal Assistant umsetzen. Dazu müssen die Wissensgebiete semantisch aufbereitet und Dialogstrategien hinterlegt werden. Die wichtigsten Use-Cases gilt es zu modellieren“, erläutert SemanticEdge-Geschäftsführer Pape.

Einen Ausblick wagt auch Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in Münchnen und CIO des Balinger Technologiespezialisten Bizerba: „In 20 bis 30 Jahren könnten beispielsweise vollständige Unternehmensinformationen auf winzigen Implantaten gespeichert werden. Sie könnten von unterschiedlichen Endgeräten ausgelesen werden, entweder von großen Touchscreens oder unterwegs per Sprachsteuerung über ein Armband mit Minidisplay.“

160px-l-waage5Selbst das Markenzeichen seiner Firma, die allseits aus dem Lebensmitteleinzelhandel bekannten Waagen, haben nur noch wenig mit der von Philipp Matthäus Hahn im 18. Jahrhundert erfundene „Wand-Neigungswaage“ zu tun.

Die neuesten Bizerba-Geschäftswaagen sind die wiegenden und druckenden Endstationen der Computernetze. Die jüngste Generation verlangt nicht einmal mehr einen Tastendruck, sondern kann dank optischer Bildverarbeitung Äpfel und Birnen selbst unterscheiden. Und wenn es gilt, Tomaten mit und ohne Stiel vom Strauch zu unterscheiden, dann fragt so eine Waage eben beim Kunden mit knapper Menüauswahl zurück. Auch die altehrwürdige Wägetechnik fungiert nunmehr als digitaler Einkaufsberater. So zeigt das Kundendisplay den Namen der Verkäuferin, aktuelle Kaufangebote, informiert über Nährwerte, Zusatzstoffe, Herkunft, Allergene, vermittelt Empfehlungen für die korrekte Lagerung der Lebensmittel, macht Rezept- und Menüvorschläge.

Hightech-Waage
Hightech-Waage

Neue Unternehmer sucht das Land

Existenzgründer können 10.000 Euro gewinnen
Existenzgründer können 10.000 Euro gewinnen
Das Interesse an Selbständigkeit hat in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland nachgelassen. Noch 2008 gingen beispielsweise die Gründungen von Kleinunternehmen um 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück, wie das Statistische Bundesamt aktuell mitteilt. Allerdings zeigen Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass in Phasen eines wirtschaftlichen Abschwungs das Interesse an Existenzgründungen wieder ansteigt. Viele qualifizierte und hochqualifizierte Angestellte sowie Menschen aus den mittleren und höheren Führungsebenen suchen in solchen Zeiten neue Herausforderungen und Perspektiven. „Das rege Interesse an der Boss-Challenge ist ein Indiz für die Richtigkeit dieser Annahme“, so Horst Becker, Geschäftsführer der ISOTEC Franchise-Systeme GmbH und Initiator der „Boss-Challenge“.

Da der Wettbewerb mit der Fragestellung „Was macht den Unternehmer der Zukunft aus?“ verbunden sei, beteiligen sich zahlreiche prominente Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Wertediskussion: Der Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, die Unternehmensberaterin und Publizistin Professor Gertrud Höhler, BVMW-Präsident Mario Ohoven, CDU-Bundestagsabgeordneter Wolfgang Bosbach, Dr. Hans-Joachim Schabedoth vom DGB oder Bane Knezevic, Vorstandsvorsitzender Mc Donald’s Deutschland. Jungunternehmer sollten sich vom derzeitigen Krisenszenario nicht einschüchtern lassen, rät der Personalexperte Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf. Mit Verweis auf die Forschungsarbeit von Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, plädiert er dafür, stärker seiner Intuition zu folgen. Auf diesen Trick griff beispielsweise der kanadische Starpianist Glenn Gould zurück, über den Gigerenzer in seinem Buch „Bauchgefühle“ berichtet: Als Gould kurz vor einem Konzert einmal nichts zustande brachte, weil er nervös versuchte, sich auf die Musikstücke zu konzentrieren, schaltete er kurzerhand Staubsauger, Fernseher und Radio in seiner Wohnung ein. Er nahm sich selbst die Möglichkeit, auf seine Spielweise zu achten, und plötzlich gingen ihm die Stücke wie traumwandlerisch von der Hand. „Rasches Handeln und spontane Entscheidungen sind vor allen Dingen in turbulenten und unübersichtlichen Zeiten wichtig. Das gilt besonders für Existenzgründer. Da helfen die Rationalitätsmythen von Controlling-Freaks und Statistikbesessenen nicht weiter. Die können eigentlich nur im nachhinein Dinge erklären. Ihre Prognosekraft hat den Wert von Tageshoroskopen“, kritisiert Nadolski.

Neue Produkte, Märkte oder Trends könne man nicht am Reißbrett entwerfen. Gerade in turbulenten Zeiten brauche Deutschland mehr Unternehmerinnen und Unternehmer, die Arbeits- und Ausbildungsplätze in zukunftsfähigen Wirtschaftsbereichen schaffen und damit den strukturellen Wandel vorantreiben, so Mittelstandspräsident Ohoven. „Die Unternehmerlücke kann nur dann geschlossen werden, wenn die vielgestaltigen Gründungshemmnisse möglichst schnell und vollständig beseitigt werden und eine breite Gründerwelle im selbstständigen Mittelstand ausgelöst wird. Im OECD-Vergleich rangiert die deutsche Selbstständigenquote nur im Mittelfeld. In den kommenden Jahren wird die Gründungsintensität aufgrund des demografischen Wandels noch weiter zurückgehen. Mehr junge Menschen müssen dazu motiviert werden, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen“, fordert Ohoven. Sie dürften dabei mit den unvermeidbaren Risiken nicht allein gelassen werden. „Innovative Unternehmensideen müssen mehr zählen als die banküblichen Sicherheiten. Beim Scheitern einer Unternehmensgründung muss es die Möglichkeit der zweiten Chance geben. Deutschland braucht eine neue Kultur der Selbstständigkeit. Die Bereitschaft zu unternehmerischer Tätigkeit ist in der Bevölkerung vorhanden, jedoch müssen die Bedingungen so sein, dass aus der Bereitschaft auch Entschlossenheit wird“, sagt der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. Die Kernforderungen des BVMW lauten daher: Verbreitung eines positiven Unternehmerbildes in der Gesellschaft durch gezielte Aufklärung an Schulen und Hochschulen; Errichtung weiterer wirtschaftswissenschaftlicher Lehrstühle mit dem Schwerpunkt Unternehmensgründung an Hochschulen; Stärkere Förderung von Start-Ups; Reduzierung und Vereinfachung der Genehmigungsverfahren; Einrichten einer einzigen Anlaufstelle (one-stop-agency) in den Kommunen; generelle Steuerbefreiung für Existenzgründungen für die ersten drei Jahre; Ausbau der Eigenkapitalhilfe für Existenzgründer und größere Transparenz und Zielorientierung in der Gründungsförderung.

Beim Boss-Chanllenge-Wettbewerb werden die Teilnehmer seit Mitte März einem Kompetenztest unterzogen, den man online bearbeiten muss. Sie werden einmal wöchentlich in Fallbeispielen mit typischen Herausforderungen für einen Unternehmer konfrontiert. Mitarbeiterführung, Kundenorientierung, Intelligenz und Werteorientierung stehen dabei im Mittelpunkt der zu lösenden Aufgaben. Die zehn Besten qualifizieren sich dann zur zweiten Stufe, einem öffentlichen Wettbewerb am 6. Juni 2009 in Bayern. Dabei stehen Aufgaben zu Intelligenz, Mut, Teamgeist und Ausdauer im Zentrum. Eine prominente Jury wird die Leistungen bewerten. Die zehn Teilnehmer qualifizieren sich mit ihrer jeweiligen Punktzahl für die dritte und entscheidende Stufe: das große Finale am 12. September 2009. Dem Gewinner des letzten sportlichen Wettbewerbs, einem Orientierungslauf mit weiteren Herausforderungen, winken dann 10.000 Euro als Startkapital für seine Selbständigkeit und eine professionelle Beratung für den Einstieg ins Unternehmertum. Anmeldungen für den Gründerwettbewerb sind noch bis zum 10. April 2009 möglich. Unternehmensbosse sollten Gunter kennen

Das Grinsen der Call Center-Gauner

Was bewirken die strengeren Call Center-Regeln?
Was bewirken die strengeren Call Center-Regeln?
Belästigende Werbung durch unerwünschte Telefonanrufe hat sich nach Ansicht der Bundesregierung in den vergangenen Jahren zu einem enormen Problem entwickelt. Heute berät der Bundestag abschließend den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung und zur Verbesserung des Verbraucherschutzes bei besonderen Vertriebsformen. Er hat das Ziel, die Verbraucher in Zukunft besser vor unerlaubter Telefonwerbung und ihren Folgen zu schützen. In der Begründung des Gesetzesentwurfs wird angeführt, dass Telefonanrufe zu Werbezwecken zwar schon nach geltender Rechtslage rechtswidrig sind, wenn ihnen der Verbraucher nicht zugestimmt hat. In der Praxis kommt es aber gerade bei gerichtlichen Auseinandersetzungen häufig zu erheblichen Beweisschwierigkeiten bei der Identifizierung des Anrufers. Daher will die Bundesregierung durch Gesetzesänderungen vor allem die Unterdrückung der Rufnummern bei Werbeanrufen verbieten. Verstöße sollen mit einem Bußgeld geahndet werden. Außerdem soll der Verbraucher nicht wie bisher nur bei Verträgen über Finanzdienstleistungen, sondern bei allen telefonisch abgeschlossenen Verträgen über jede Art von Dienstleistungen bis zur vollständigen Vertragserfüllung ein Rücktrittsrecht erhalten, wenn er über die Widerrufsmöglichkeit des Vertrages nicht informiert worden ist. Schwierigkeiten erwartet die Call Center-Branche bei der Vollzugspraxis. Nicht so das Justizministerium: „Ein Verstoß gegen das Verbot der Rufnummernunterdrückung soll mit einer Geldbuße bis zu 10 000 Euro bewehrt werden. Wir gehen daher davon aus, dass diese Regelung eine abschreckende Wirkung entfalten wird – seriöse Unternehmen werden ihre Rufnummer nicht mehr unterdrücken“, so Dr. Thorsten Bauer, Pressesprecher des Bundesjustizministerium.

Die Kenntnis der Telefonnummer des Anrufers werde die Verfolgung unerlaubter Telefonwerbung wesentlich erleichtern. Der Verbraucher könne sich entweder an eine Verbraucherzentrale oder an die Bundesnetzagentur wenden. „Natürlich wird es sowohl zur Verfolgung der Ordnungswidrigkeit als auch zur Durchsetzung von Unterlassungsansprüchen weiterhin notwendig sein, dass sich der Verbraucher die Umstände und den Inhalt des Telefongesprächs notiert und der zuständigen Stelle schildert. Dafür ist es durchaus sinnvoll, als Verbraucher mit dem Anrufer ins Gespräch zu kommen und Fragen zu stellen: Für wen rufen Sie an? Was ist Ihr Anliegen? Das gilt natürlich in besonderer Weise, wenn die Rufnummer unterdrückt wird“, sagt Bauer. An diesem Punkt kristallisiert sich wahrscheinlich die Schwachstelle des Gesetzesvorhabens heraus. „Die Vorstellungen des Justizministerium sind naiv. Der Verbraucher hat keinerlei Anhaltspunkte, wenn er mit unterdrückter Rufnummer angerufen wird. Und wie aus dem Vorgehen vieler Call Center bekannt ist, unterbrechen viele Agenten das Gespräch, wenn der Angerufene den Namen einfordert. Zwischen theoretischen Trockenübungen und Praxis liegen eben erhebliche Unterschiede: Ist der Verbraucher verpflichtet zu recherchieren, wer ihn angerufen hat? Schließlich wird diese Information benötigt, um den Verstoß auch ahnden zu können. Hier hat die Politik wieder mal einen Gedanken nicht zu Ende gedacht“, kritisiert Bernhard Steimel, Sprecher der Nürnberger Voice Days und Customer Contact Days.

Die Branchengauner zwinge man mit der Gesetzesnovelle nicht in die Knie, prognostiziert Strateco-Chef Jens Klemann: „Die werden ihr ‚Geschäftsmodell‘ so abändern, dass sie entweder Abmahnungen und Strafen einkalkulieren oder ihren Geschäftssitz und Firmenstruktur so aufsetzen, das man ihnen nicht an die Wäsche kann“, befürchtet Klemann. Die härtere Gangart bei der Rufnummernunterdrückung werde den Firmenchefs mit krimineller Energie nur ein müdes Lächeln entlocken. „Es ist aus technischer Sicht ein leichtes – und obendrein schon jetzt gängige Praxis unseriöser Firmen – eine andere Rufnummer als die eigene zu übermitteln. Läge die Beweislast im Falle einer Anzeige durch den Verbraucher beispielsweise beim Call Center selbst, würden alle seriösen Anbieter von sich aus gerne eine umfassende Qualitätssicherung und Dokumentation mit Anrufaufzeichnung einführen“, sagt Klemann.

Es könne nicht Aufgabe der Bürger sein, semi-professionelle Recherchen in der Call Center-Landschaft zu betreiben. Gerade ältere Menschen seien damit hoffnungslos überfordert. „Außerdem ist es gängige Praxis, dass aufgelegt wird, sobald der Angerufene detaillierte Angaben zum Unternehmen und zum Agenten haben möchte. Ist dann noch die Rufnummer unterdrückt – wovon in diesem Fall ausgegangen werden kann – ist die Handlungsanweisung des Justizministeriums schlicht und ergreifend absurd“, bemängelt Steimel. Ins Leere gehe auch das Verbot unerlaubter Telefonwerbung für Anrufe, die aus dem Ausland kommen. Im Wettbewerbsrecht gelte zwar das Marktortprinzip. Es besagt, dass immer das Recht des Landes Anwendung findet, an dessen Markt die Leistung bestimmungsgemäß angeboten wird. „Da bekommt der Geschäftsführer einer verschachtelten Konstruktion von verschiedenen Limited-Gesellschaften, die über mehrere Länder verteilt ist, schon heute einen Lachanfall“, resümiert Klemann.

Krise, Konjunktur und Schwarze Löcher: Die Analysen des Ökonomen Röpke aus dem Jahr 1932!

Beim Durchstöbern meiner Bibliothek bin ich auf ein Buch des Nationalökonomen Professor Wilhelm Röpke gestoßen. Und der Titel passt ja zur aktuellen Lage: „Krise und Konjunktur“. Allerdings aus dem Jahr 1932!!!

Bekannt wurde Röpke als Mitstreiter und Berater von Ludwig Erhard. Einer der Architekten der Sozialen Marktwirtschaft und ein bekennender Neoliberaler. Was heute als Kampfformel für zügellosen Kapitalismus verwendet wird, hatte in den 1940er Jahren bei den Gegnern totalitärer Ideologien einen völlig anderen Hintergrund. Der Begriff wurde 1938 beim „Le Colloque Walter Lippmann“ in Paris geprägt als Abschied vom Laissez-faire-Gedanken. Es ging um die Verteidigung von Freiheit und Menschlichkeit. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man die Krisenanalyse von Röpke liest, der nach der Machtergreifung der Nazis ins Exil ging.

Zu den Ursachen für die Verschärfung der Weltwirtschaftskrise von 1929 zählt Röpke auch psychologische Faktoren, die ich in einigen Blog-Beträgen schon dargelegt habe: „In einem Wirtschaftssystem, das auf den freien Entschließungen und Wirtschaftsakten von Millionen von Individuen beruht, müssen die seelischen Schwankungen, denen diese Entschließungen unterliegen, für das Gleichgewicht des Wirtschaftsprozesses von entscheidender Bedeutung sein, und es entsteht die Frage, ob nicht die wirtschaftlichen Bewegungsentscheidungen im letzten Grunde auf solchen Schwankungen der Massenstimmungen und Massenurteile beruhen. Diese Frage wird von der psychologischen Schule der Konjunkturtheorie bejaht (Pigou, Lavington, Schumpeter)“, so Röpke. Leider können wir auf eine solche Schule nicht mehr zurückgreifen. Es dominieren die Marko-Klempner und VWL-Mechaniker, die wenig bis gar nichts von Wirtschaftspolitik als Staatskunst verstehen. Es ist ja kein Zufall, dass im Nachkriegsdeutschland das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft erfolgreich durchgesetzt werden konnte. Zu den Ratgebern zählten profilierte ordnungspolitische Denker wie Röpke, Müller-Armarck oder Eucken, nicht zu vergessen der Promoter Ludwig Erhard. Um so wichtiger ist es, auf Schriften dieser Denker zurückzugreifen. Röpke schreibt in „Krise und Konjunktur“:

„Mit ermüdender Regelmäßigkeit wiederholt sich in jedem Konjunkturzyklus die Erfahrung, dass sich die Menschen während des Aufschwungs dem Glauben an die ewige Dauer der Prosperität hinzugeben scheinen, während sie in der Depression, von einer düsteren Melancholie ergriffen, das fast an Weltuntergangsstimmung grenzt, von einem ‚Ende des Kapitalismus‘ reden und vergessen, dass bisher noch jede Depression ihr Ende gefunden hat. Es handelt sich hier um geistige Massenepidemien, denen nur ganz wenige zu widerstehen vermögen, während die große Mehrzahl sich von der Suggestivgewalt der Massenstimmung fortreißen lässt. Für alle diese seelischen Vorgänge gilt, dass sie sich nicht zu solchen Ausmaßen entwickeln könnten, wenn nicht die Ungewissheit über wichtige wirtschaftlich erhebliche Tatsachen, die Mangelhaftigkeit der wirtschaftlichen Informationen und die Unsicherheit der Zukunft einen breiten Spielraum für bloße Vermutungen und unbestimmte, stark gefühlsmäßig gefärbte Prognosen und damit für Irrtümer aller Art schaffen würden.“ Da braucht man sich ja nur das Prognosedesaster unserer Wirtschaftsweisen anschauen. „Aber selbst von den einigermaßen feststehenden Tatsachen gilt das Wort eines griechischen Philosophen, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Klar ist auch, dass die psychologischen Faktoren nicht zu den Hauptursachen der Krise zählen. Aber man muss sie berücksichtigen, um aus dem Teufelskreis wieder herauszukommen. „Das Seelische“, so Röpke, spiele eine aktive Rolle bei der „Überwindung des toten Punktes in der Depression“, wenn es um die Vervielfältigung der Aufschwungkräfte geht. Umso erschreckender ist die Visionslosigkeit und Visionstabuisierung der Eliten in Deutschland, die wir zur Zeit erleben.

„Nicht die Trägheit der Volksseele ist das Problem, sondern die freiwillige Entmündigung der führenden Köpfe des Landes“, bemängelt der Psychologe Stephan Grünewald im Interview mit NeueNachricht. „Besonders die Eliten der Wirtschaft entmündigen sich selbst. Einen entsprechenden Befund haben wir in unserer Studie über die mangelhafte Reformbereitschaft von Entscheidungsträgern festgestellt. Der übergreifende Sinn von Reformen wird weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erscheint entweder als überkomplex oder man hat den
Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wird die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!‘ Die Visions-Negierung erschwert es, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen“, so Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold-Instituts in Köln. Die Selbstentmündigung der Entscheidungsträger und ihre systematische Abkopplung von der Reform-Politik bringe sie in eine seelisch kommode Position: „Sie können beim Staat alles einklagen, sind aber selber zu nichts verpflichtet. Vor allem das vehemente Klagen über die Zustände und die Verlagerung des persönlichen Unmuts auf die Politik ermöglicht, aus der selbst hergestellten Ohnmacht herauszutreten. Und die eigene
Handlungsstärke zu demonstrieren. Ohnmacht vor sich selbst zu begründen. Gleichzeitig sieht man sich dabei nicht genötigt, selber aktiv zu werden“, erklärt Grünewald.

Die Finanzkrise verstärke diese Denkhaltung und bekommt eine ungeheuerliche Dimension. „Sie erscheint wie ein Schwarzes Loch, was alles zu verschlingen droht. Das macht Menschen noch handlungsunfähiger. In diesem Schwarzen Loch können über Nacht nicht nur Gelder, sondern auch Immobilien und ganze Banken verschwinden. Zurück bleibt ein Ohnmachtsgefühl“, sagt Grünewald. Fatal sei der um sich greifende Zweckpessimismus in der Wirtschaft, der zu einer zweiten krisenhaften Bugwelle führt. Viele Firmen würden sich vorsorglich schon so verhalten, wie es die düsteren Konjunkturprognosen voraussagen. „Das entwickelt sich schon fast zu einem Volkssport. Jeder Vorstandschef will nachweisen, dass er heftig gespart hat“, betont der Rheingold-Chef. Das sei alles andere als visionsfreudig. Die Wirtschaftselite verhalte sich prozyklisch. Besser wäre es, wenn man sich jetzt auf seine Kernwerte besinnen und stärker über Zukunftsprojekte nachdenken würde.

115-Tarif-Wirrwarr – Amtsstuben-Odyssee noch lange nicht beendet

Bislang nur eine profane Telefonauskunft
Bislang nur eine profane Telefonauskunft
Die in den Ballungsgebieten gestartete Behördenrufnummer 115 ist ein Mammutprojekt. Sie soll im föderalen Deutschland die klassische Auskunft der Kommunen mit den Landes- und Bundesbehörden vernetzen. Beim Start der Rufnummer verkündete Bundesinnenminister (BMI) Wolfgang Schäuble, dass den Bürgern künftig eine „Odyssee durch die Amtsstuben“ erspart bleiben solle. Eine Odyssee ganz anderer Art erwarten Branchenexperten bei den Preisen für 115-Anrufe. Der Pressemitteilung des BMI ist nur zu entnehmen, dass man bei Anrufen aus dem Festnetz der Deutschen Telekom mit sieben Cent pro Minute rechnen muss. Die Tarife aus den Mobilfunknetzen liegen „überwiegend“ zwischen 17 und 39 Cent pro Minute.

Nach Recherchen des Branchendienstes Teltarif liegen die Minutenpreise teilweise deutlich höher. „Leider haben Bund und Länder es versäumt, den Telefonanbietern Vorgaben für eine transparente Preisgestaltung für Anrufe auf die 115 zu machen. Die Folge: Die Preise für einen Anruf aus dem deutschen Festnetz liegen je nach Anbieter zwischen 7 und 12 Cent pro Minute, für einen Anruf aus den deutschen Mobilfunknetzen zwischen 17 und 50 Cent pro Minute. Und: Statt über eine Tarifansage vor Gesprächsbeginn über die anfallenden Kosten informiert zu werden, muss sich der Anrufer selbst in den vollständigen Tarifinformationen und AGB seines Telefonanbieters über die entsprechenden Anrufkosten informieren. Es ist deshalb davon auszugehen, dass viele Nutzer der einheitlichen Behördenrufnummer die Kosten, die ihnen ihr Telefonanbieter für einen solchen Anruf berechnet, nicht kennen“, vermutet Teltarif. Fünf Minuten in der Warteschleife zu stecken, könne teuer sein. Wer die einheitliche Behörden-Rufnummer über einen Prepaid-Tarif eines Mobilfunk-Discounters, „kann dafür schon 2,50 Euro seines Guthabens verlieren. Bei unserer Anfrage, wo wir in Berlin einen neuen Reisepass ausstellen lassen könnten und welche Unterlagen wir dazu benötigten, dauerte das folgende Gespräch weitere sechs Minuten – macht insgesamt elf Minuten Gesprächsdauer und 5,50 Euro Gesprächskosten in unserem Tarifbeispiel“, schreibt Teltarif.

Transparenz und Verbraucherschutz sehen anders aus, moniert der Bonner Mehrwertdienste-Anbieter Next ID: „Besonders bei den Preisangaben ist es schwierig, auf der 115-Website irgendetwas zu finden. Dabei sind Preisangaben gesetzlich vorgeschrieben“. Die Mitarbeiter der Service-Center sind jedenfalls bei Nachfragen zu den anfallenden Preisen für Anrufe auf der Behördenrufnummer durchweg überfordert: „Die häufigste Auskunft lautet, dass ein Anruf auf der 115 aus dem Festnetz sieben Cent pro Minute kostet. Auch falsche Auskünfte wie ‚0,7 Cent aus dem Festnetz’ oder ‚zwischen 16 und 39 Cent aus den Mobilfunknetzen’ gaben die Agenten bei den Testanrufen von Teltarif an. In keinem Fall wiesen die Mitarbeiter ohne konkrete Nachfrage auf Unterschiede zwischen Anrufen aus dem Festnetz und aus den Mobilfunknetzen hin“, berichtet Teltarif.

„Den Anrufern ist in den meisten Fällen sicherlich nicht bewusst, dass bei einer komplexeren Anfrage mit etwas Wartezeit schnell mehrere Euro zusammenkommen, wenn Sie vom Mobiltelefon anrufen. Es bleibt abzuwarten, wie es gelingt, dies den Verbrauchern auch transparent zu kommunizieren – insbesondere denen, die als Flatrate-Nutzer über die gewohnten regionalen Nummern den Service kostenfrei in Anspruch nehmen würden. Ob hier die gebotene ‚Servicequalität’ in den Call Centern die Mehrkosten aufwiegt, bleibt abzuwarten“, sagt Call Center-Experte Jens Klemann, Geschäftsführer des Beratungshauses Strateco. Klar sei, dass mit den sieben Cent pro Minute nur maximal ein Sechstel der Kosten der Hotline gedeckt werden, was ja erst einmal nicht schlimm wäre, wenn sich dadurch Kosteneinsparungen an anderer Stelle ergeben würden, mein Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin. „Allerdings müsste die 115 im ersten Level schnelle Auskünfte bieten und im zweiten Level komplexere Anfragen bewerkstelligen. Es ist aber zu vermuten, dass die 115, durch die breite Bekanntmachung in den Medien viel mehr neue Fragen und Anrufe erzeugt als bisher und somit eine zusätzliche Kostenwelle auf die Verwaltung zukommt“, prognostiziert Pape.

Gleichzeitig habe man in den Fernsehberichten gesehen, dass die Agenten des Bürgertelefons die Anfragen auch nur als Suchbegriffe in eine Wissensdatenbank eingeben und die Ergebnisse dann fallgerecht vorlesen, ein Verfahren, dass jeder Google-Nutzer beherrschen würde und welches auch durch ein natürlich-sprachliches Dialogsystem über den telefonischen Kanal abgebildet werden könnte. „Der 115-Selfservice muss daher aus Kostengründen ernsthaft mit in Betracht gezogen werden. Die Technologie steht dafür bereits zur Verfügung“, resümiert Pape.

Da zunehmend Flat Tarife für das Festnetz genutzt werden, sei es für den Bürger ärgerlich, wenn er dann für die 115-Nutzung zahlen soll, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer der IT-Beratungsfirma Harvey Nash. Normalerweise sollte der Call Center- Einsatz Kosten auf der Betreiberseite einsparen, und nicht zu erhöhten Kosten für den Kunden führen. „Die ersten Tests zeigen, dass die Angelegenheiten der Bürger nicht mit dem Anruf der 115 erledigt sind, sondern weitere Anrufe wie bisher auch getätigt werden müssen. Insofern ist die 115 zumindest im Pilotversuch nur eine Telefonauskunft, über die Telefonnummern und Adressen erfragt werden können. Entscheidend ist aber nicht nur das Service Center unter der 115 und der Informationspool, auf den die Mitarbeiter im zugreifen können, sondern das jeweilige Backoffice, wo die Angelegenheit des Bürgers tatsächlich bearbeitet wird“, so Nadolski. Ein bürgernahes, serviceorientiertes Konzept müsse alle Behörden und Ämter einbeziehen. Die Amtstuben-Odyssee sei noch lange nicht zu Ende, glaubt der Harvey Nash-Chef. Das BMI geht davon aus, dass sich durch die 115 das mehrmalige Anrufen von Ämtern reduziert wird. „In Abhängigkeit zum Anrufaufkommen kann der D115-Tarif im Anschluss an den Pilotbetrieb gegebenenfalls gesenkt werden“, erklärt BMI-Sprecherin Alexandra Pietsch.