Anti-Schumpeter: Über die Telekomisierung der (Netz) Ökonomie #Cebit16 #NEO16

Ein Lob auf die Primärquelle
Ein Lob auf die Primärquelle

Es ist schon erstaunlich, dass bei der inflationären Verwendung des Begriffs „Innovation“, der Ökonom Joseph A. Schumpeter als Vater der Innovationstheorie in betrieblichen und volkswirtschaftlichen Gestaltungsfragen ein Schattendasein führt. Das bemängelt Professor Jochen Röpke von der Philipps-Universität Marburg in der Einführung der Schumpeter-Frühschrift „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.

Die Wortwendung „schöpferische Zerstörung“ fehlt in kaum einem Vortrag eines digital-transformatischen Keynote-Sprechers unserer Tage. Doch niemand scheint sich die Mühe zu machen, die Werke von Schumpeter zu lesen. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften. So kommt die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in der ersten Auflage 1911 erschienen, auf rund zwanzig Besprechungen. Eine magere Bilanz.

Die Rezeption dieses unterschätzten Bandes wäre aber wichtig, um den digital-schöpferisch-zerstörten Debatten-Dompteuren ordentlich in die Parade zu fahren. Die Gründe für diese Ignoranz des ersten Hauptwerkes von Schumpeter in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik liefert Röpke. In der Schrift von 1911 werde der grundlegende und theoretisch nicht überbrückbare Gegensatz zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und dem „normalen“ Wirtschaftsleben herausgearbeitet:

„Dies erfolgt in einer für moderne Leser schockierenden Brutalität, Klarsichtigkeit und poetischen Formulierungsgabe.“

Niemand – auch heute nicht – der so argumentiere wie Schumpeter 1911, hätte nur im entferntesten die Chance, einen Professorenruf zu erlangen, einen Beratungsauftrag zu ergattern, Drittmittel zu internalisieren, geschweige denn, in eines der Gremien berufen zu werden, welche das ökonomische Schicksal postmoderner Ökonomien zu gestalten hoffen.

Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt Schumpeter in der Entwicklungstheorie (Seite 471 in der Neuauflage aus dem Jahr 2005).

Ob in der Euro-Krise, in der Flüchtlingsdebatte oder in Fragen der Arbeitslosigkeit: Wissenschaft und Wirtschaftspolitik setzen auf exogene Faktoren bei der Steuerung des Wirtschaftslebens. Aktuell zu bewundern bei der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Betrachtet wird der Wald – ignoriert werden einzelne Bäume. In der schumpeterschen Theorielogik existieren zwei theoretische und empirische Parallelwelten: der statische Kreislauf und das Innovationssystem.

Während im statischen System Änderungen von außen angestoßen werden – beispielsweise über die Politik des billigen Geldes, über Subventionen oder Steuersenkungen – ist dies im sich entwickelnden System völlig anders: „Entwicklung entsteht im System selbst, aus der Wirtschaft selbst heraus, endogen, sich selbst herstellend, ist ein autopoietischer Prozess, sich unaufhörlich reproduzierend“, so Röpke.

Die Außenwelt interessiert dabei nicht – siehe die Erfolglosigkeit der EZB-Geldpolitik. Die Ursachen der Entwicklung müssen „aus der Wirtschaft selbst erklärbar sein“, erläutert Schumpeter auf Seite 168.

Der technische Fortschritt fließt in der Mainstream-Ökonomie als reine „Datenänderung“ in die Analyse ein. Sozusagen ein unternehmerloser Automatismus.

Zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Schumpeter
Zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Schumpeter

In diesem statischen Modell gibt es keine relevanten Unterschiede im wirtschaftlichen Handeln verschiedener Mitglieder einer Volkswirtschaft. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen:

„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter auf Seite 125.

Man könnte es auch als Telekomisierung von Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik bezeichnen. Es dominieren Routinen, die Führungskräfte wie Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom, zum Besten geben:

„Manchmal reicht schon eine Webseite mit Onlineshop. [Dramatische Pause]“

Die Telekom ist sozusagen der Gipfel der Nichtigkeit in einer vernetzten Wirtschaft, die die Notwendigkeit der Neuerfindung auf Onlineshop-Niveau abhandelt.

Telekomisch
Telekomisch

Telekomiker zählen zur Avantgarde einer statischen Wirtschaft, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.

Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen. Ich bezeichne das als Fraunhofersches mp3-Syndrom.

Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.

Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen, kritisiert der ehemalige Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger.

Es sind in der Mehrheit eher Schafe im Wolfspelz. Umgekehrt wäre es besser, da nur Wölfe in neuen Territorien streunen. Die reale Welt funktioniere anders als das gesprochene Wort des Top-Managements suggeriert, betont Sattelberger.

„Was macht die deutsche Telekom angesichts des hochprofitablen Siechtums im Mobilfunk und Festnetz? Was macht die deutsche Automobilindustrie mit der Einsicht, dass ihr Profit weitgehend von den Launen der ‚neuen Reichen‘ in Südamerika oder Asien abhängt? Da versagen die Firmen auf ganzer Linie.“

Insofern braucht das satte und arrivierte System viele kleine Störenfriede, die den alten Säcken auf die Nerven gehen und sie herausfordern.

Wir brauchen also mehr Schumpeter-Unternehmer, die das Neue organisieren und DURCHSETZEN. Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Die Neukombination beruht nur wenig auf Faktoren, die von außen einwirken. Das Ganze ist primär auch kein Preisproblem. Es liegt am unternehmerischen Können und Wollen. Das Problem liegt in der klassischen Sichtweise von Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik und Managementdenken: Ohne Neuerungen erzeugt man auch in der vorherrschenden Ökonomie-Lehre kurzfristig Wachstum und Beschäftigung. Die Konsequenzen sind nach der Logik von Schumpeter für eine Volkswirtschaft fatal:

INNOVATIONSARMUT ERZEUGT EINKOMMENSARMUT.

„Kein Unternehmen kann dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Güter erschlossen werden“, warnt Röpke.

Also die Telekomiker-Falle. Organisationen werden auf Effizienz getrimmt und zehren von Substanz.

Röpke fordert die theoretische Konstruktion einer Alternative: eine Ökonomie der Entwicklung, eines sich selbst reproduzierenden Systems von Neukombinationen.

Das wollen wir morgen auf der Cebit im netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs ab 16 Uhr vertiefen.

Wir sollten es auch als ein weiteres Schwerpunkt-Thema auf der Next Economy Open am 1. und 2. Dezember im Uniclub Bonn aufgreifen. Schließlich gibt es da einen Schumpeter-Saal 🙂

Siehe auch:

Was ist wirklich disruptiv? #NEO16 #Cebit16

Warum sich (die Uni) Bonn mit Schumpeter beschäftigen sollte

Schumpeter in Bonn

Als der Nationalökonom Joseph Schum­pe­ter Deutsch­land im Som­mer 1932 ver­ließ, um dem Ruf an die Harvard-University zu fol­gen, hat er 28 Kof­fer im Jü­li­cher El­tern­haus sei­ner Le­bens­part­ne­rin Mia Stö­ckel de­po­niert. Mit ih­nen „ … ließ (er) auch die meis­ten sei­ner auf Deutsch ge­schrie­be­nen Ar­bei­ten zu­rück“. Wenn diese Kof­fer zwar nicht der Bom­bar­die­rung Jü­lichs, son­dern über­wie­gend kriegs­be­ding­ten Plün­de­ru­gen zum Op­fer ge­fal­len sind, so hat die Werk­for­schung an­ge­sichts die­ses Ver­lus­tes wohl zu fra­gen, ob wir uns Schum­pe­ters Wir­ken in den Bon­ner Jah­ren von 1925 bis 1932 schon hin­rei­chend er­schlos­sen ha­ben. Ul­rich Hedtke hat hierzu in den Jah­ren 1996 und 1997 re­cher­chiert und da­mals zu­nächst mit In­ter­esse fest­ge­stellt, dass Schum­pe­ter in sei­ner Bon­ner Zeit auch eine be­acht­li­che so­zio­lo­gi­sche Lehr- und Vor­trags­tä­tig­keit ent­fal­tet hat. Das be­stä­tigt auch der WDR-Moderator Da­vid Eis­er­mann, Sohn des So­zio­lo­gen Gott­fried Eis­er­mann:

Eisermann Schumpeter

Die So­zio­lo­gie taucht nicht zu­fäl­lig so häu­fig in den Vor­le­sun­gen von Schum­pe­ter auf. Als er 1927 sei­nen ers­ten Auf­ent­halt als Gast­pro­fes­sor an der Har­vard Uni­ver­si­tät an­trat, hat­ten sich die dor­ti­gen So­zio­lo­gen noch nicht vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut ab­ge­spal­ten, um eine selb­stän­dige „Gruppe für So­zi­al­be­zie­hun­gen“ zu bil­den. Das er­wies sich für Schum­pe­ter als glück­li­cher Um­stand, denn seine ei­gene Be­trach­tungs­weise der Na­tio­nal­öko­no­mie ori­en­tierte sich im­mer stär­ker an der So­zio­lo­gie.

In Har­vard hatte er die Mög­lich­keit, sich mit den bes­ten Köp­fen auf die­sem Ge­biet aus­zu­tau­schen und diese Er­kennt­nisse mit sei­nen ei­ge­nen wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten zu kom­bi­nie­ren.

Die Öko­no­mie blieb der Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens – aber auch Ge­schichte, So­zio­lo­gie und die Psy­cho­lo­gie ka­men hinzu. Schum­pe­ter ver­mied die enge Spe­zia­li­sie­rung und stellte sich da­mit ge­gen den aka­de­mi­schen Trend sei­ner Zeit. Er war be­strebt, un­an­ge­mes­sene Ver­ein­fa­chun­gen zu ver­mei­den. Seine Hin­wen­dung zu ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Sicht­weise des öko­no­mi­schen Ge­sche­hens brachte er be­reits 1926 in ei­nem Auf­satz un­ter dem Ti­tel „Gus­tav von Schmol­ler und die Pro­bleme von heute“ zum Aus­druck. Darin wür­digt er Schmol­ler da­für, das Feld der Na­tio­nal­öko­no­mie über die Gren­zen der rei­nen Theo­rie aus­ge­wei­tet zu ha­ben.

Schmol­ler habe ge­mein­sam mit Max We­ber ei­ner neuen Art von his­to­risch fun­dier­ter Wirt­schafts­so­zio­lo­gie oder So­zi­al­öko­no­mie den Weg ge­wie­sen. Das war sei­nen ei­ge­nen For­schun­gen ge­schul­det und sei­nen Er­fah­run­gen in Po­li­tik so­wie Ge­schäfts­le­ben. Das be­legt auch die Ab­hand­lung von 1928 „Die Ten­den­zen un­se­rer so­zia­len Struk­tur“. Hier un­ter­sucht Schum­pe­ter die Dis­kre­panz zwi­schen der Wirt­schafts­ord­nung Deutsch­lands und der So­zi­al­struk­tur. Die Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion war ka­pi­ta­lis­tisch, die deut­sche Ge­sell­schaft war aber in ih­ren Ge­bräu­chen und Ge­wohn­hei­ten nach wie vor in länd­li­chen, ja so­gar feu­da­len Denk­wei­sen ge­fan­gen – heute in­dus­trie­ka­pi­ta­lis­tisch.

Zur Reichs­grün­dung 1871 ha­ben na­hezu zwei Drit­tel der Be­völ­ke­rung auf Gü­tern oder Ge­mein­den mit we­ni­ger als 2000 Ein­woh­nern ge­lebt, noch nicht ein­mal 5 Pro­zent in Groß­städ­ten von mehr als 100.000 Ein­woh­nern. Bis 1925 hatte sich der An­teil der Stadt­be­woh­ner ver­fünf­facht, wäh­rend der An­teil der Land­be­völ­ke­rung um die Hälfte zu­rück­ge­gan­gen ist. Ur­sa­che war vor al­lem ein sprung­haf­ter An­stieg der Agrar­pro­duk­ti­vi­tät. Wäh­rend 1882 in Deutsch­land nur 4 Pro­zent der klei­nen Land­wirt­schafts­be­triebe Ma­schi­nen ein­setz­ten, wa­ren es 1925 schon über 66 Pro­zent. Die Me­cha­ni­sie­rung löste eine Land­flucht aus und trieb die Land­ar­bei­ter in die Städte.

1927 er­schien „Die so­zia­len Klas­sen im eth­nisch ho­mo­ge­nen Mi­lieu“ (Ar­chiv für So­zi­al­wis­sen­schaft und So­zi­al­po­li­tik) – weg­wei­sen­der Bei­trag zur noch jun­gen Dis­zi­plin der So­zio­lo­gie. Schum­pe­ter selbst zählte den Auf­satz zu den wich­tigs­ten Wer­ken, was aus No­ti­zen her­vor­geht, die er ge­gen Ende sei­ner For­schungs­tä­tig­kei­ten schrieb. Grund­these: Der Klas­sen­sta­tus ist das Er­geb­nis vor­her­ge­gan­ge­ner Er­eig­nisse und da­her ana­chro­nis­tisch. Er weist dar­auf­hin, das die meis­ten rei­chen Fa­mi­lien, die um die Mitte des 19. Jahr­hun­derts an der Spitze der Ge­sell­schaft ge­stan­den ha­ben, drei Ge­ne­ra­tio­nen spä­ter dort nicht mehr zu fin­den wa­ren.

Un­auf­hör­li­che Dy­na­mik kon­kur­rie­ren­der Neue­run­gen

Man könnte an­neh­men, ver­nünf­tige Spar­sam­keit, eine be­schei­dene Le­bens­weise und der Er­halt ei­ner so­li­den Grund­lage seien für Un­ter­neh­men aus­rei­chend, um an der Spitze zu blei­ben (pro­tes­tan­ti­sche Ethik, Max We­ber). Schum­pe­ter ver­tritt die These, jede Firma, die sich auf eine der­ar­tige Rou­tine be­schränkt, werde schon bald von of­fen­si­ver agie­ren­den, ri­si­ko­freu­di­ge­ren, wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Un­ter­neh­men ver­drängt wer­den.

Die Ein­füh­rung neuer Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, die Er­schlie­ßung neuer Märkte, über­haupt die er­folg­rei­che Durch­set­zung neuer ge­schäft­li­cher Kom­bi­na­tio­nen hat Feh­ler­quel­len, Ri­si­ken und be­geg­net Wi­der­stän­den, die in der Bahn der Rou­tine feh­len.“

Ist der schöp­fe­ri­sche oder krea­tive Zer­stö­rer ein In­no­va­tor?

In sei­nem Werk „Theo­rie der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung“ schreibt er: Er­folge habe nicht in ers­ter Li­nie der In­no­va­tor, der Er­fin­der und schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rer, son­dern je­ner, der das Neue am bes­ten or­ga­ni­siert. Die Deut­schen ver­stan­den es im 19. Jahr­hun­dert bes­ser als die Bri­ten, die Tex­til­in­dus­trie zu or­ga­ni­sie­ren, selbst wenn sie we­nig zu de­ren ma­schi­nel­ler Tech­no­lo­gie bei­tru­gen.

Ein In­no­va­tor zeich­net sich vor al­len Din­gen durch die Kunst der Kom­bi­na­to­rik aus. In­no­va­tio­nen ent­ste­hen eben nicht nur durch Er­fin­dun­gen:

„Nur dann er­füllt er (der Un­ter­neh­mer) die we­sent­li­che Funk­tion ei­nes sol­chen, wenn er neue Kom­bi­na­tio­nen rea­li­siert, also vor al­lem, wenn er die Un­ter­neh­mung grün­det, aber auch, wenn er ih­ren Pro­duk­ti­ons­pro­zess än­dert, ihr neue Märkte er­schließt, in ei­nen di­rek­ten Kampf mit Kon­kur­ren­ten ein­tritt.“

In­no­va­ti­ves Un­ter­neh­mer­tum un­ter­schei­det sich da­bei deut­lich vom Rou­ti­ne­un­ter­neh­mer, der auf über­kom­me­nen Grund­la­gen ar­bei­tet und nie Neues schafft. Aus alt­be­kann­ten Tech­ni­ken wie W-LAN, MP3 und Be­we­gungs­sen­so­ren schuf Ap­ple neue Ge­räte mit Kult­fak­tor. Und auch das be­nut­zer­freund­li­che De­sign ist keine Krea­tion aus Cuper­tino. Der Steve Jobs-Konzern folgt kon­se­quent dem Less-and-More-Diktum des ge­nia­len In­dus­trie­de­si­gners Die­ter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahn­bre­chende Pro­dukte für die Braun AG schuf. Und was noch wich­ti­ger für die Er­folgs­story von Ap­ple ist: Jobs er­zeugte neue Märkte.

Der dy­na­mi­sche Un­ter­neh­mer ori­en­tiert sich nicht pri­mär an ge­ge­be­ner oder un­mit­tel­ba­rer Nach­frage des Kon­su­men­ten, son­dern „er nö­tigt seine Pro­dukte dem Markte auf“, so Schum­pe­ter. Das ist Steve Jobs be­kannt­lich mit Pro­duk­ten und Diens­ten für das mo­bile In­ter­net und für den Tablet-Markt ge­lun­gen.

Ge­ne­relle Vor­ge­hens­weise, die sich vor al­lem in sei­ner Bon­ner Zeit aus­prägte: His­to­ri­sches Ma­te­rial in ana­ly­ti­scher Weise zu nut­zen. Ge­nau die­ses Ver­fah­ren setzte er in den drei­ßi­ger Jah­ren ein bei der Ab­fas­sung sei­ner Theo­rie über die Kon­junk­tur­zy­klen. Der Leit­ge­danke der so­zia­len Klas­sen war prä­gend für sein Haupt­werk „Ka­pi­ta­lis­mus, So­zia­lis­mus und De­mo­kra­tie“,

Der An­ti­pode von Keynes

Wer die öko­no­mi­sche Welt dabei nur in Ag­gre­gat­zu­stän­den be­trach­tet, ver­liert die we­sent­li­chen Quel­len wirt­schaft­li­cher Krea­ti­vi­tät und tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lungs­sprünge aus dem Auge. Das ist das Manko von Pla­nungs­fe­ti­schis­ten und Ma­kro­öko­no­men. Sie un­ter­schät­zen die tief­grei­fende wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Rolle von un­vor­her­seh­ba­ren In­no­va­tio­nen, die al­les durch­ein­an­der wür­feln und Tech­no­lo­gien so­wie Ge­schäfts­me­tho­den re­vo­lu­tio­nie­ren. “Mehr in­ves­tie­ren, we­ni­ger spa­ren” ist so eine der üb­li­chen For­de­run­gen aus der Trick­kiste je­ner Den­ker, die gerne den Wald be­trach­ten, sich aber we­nig um die Bäume sche­ren.

Wie Fi­nanz­in­di­ka­to­ren so­wie das ganze Börsen- und Schulden-Spektakel auf die Re­al­wirt­schaft durch­schla­gen, ist un­ge­wiss. Dar­auf machte Schum­pe­ter be­reits in den 1920er auf­merk­sam. Ma­kro­öko­no­men wür­den sich nur mit Ag­gre­ga­ten be­schäf­ti­gen, also mit der Ge­samt­summe der Mit­tel, die Volks­wirt­schaf­ten für den Kon­sum und für In­ves­ti­tio­nen auf­wen­den. Ein­zelne Un­ter­neh­mer, Fir­men, Bran­chen, Kon­su­men­ten, die Rolle von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen und die Wir­kung von Ge­set­zen ver­schwin­den aus dem Blick­feld. Vor al­lem die Rolle von In­no­va­tio­nen werde her­un­ter­ge­spielt. Er wen­det ein, dass Keynes da­durch „das her­aus­ra­gende Merk­mal des Ka­pi­ta­lis­mus“ ab­tue, durch das so­wohl Tech­no­lo­gie als auch Ge­schäfts­me­tho­den „un­auf­hör­lich re­vo­lu­tio­niert wer­den“.

Eine in Schief­lage ge­ra­tene Volks­wirt­schaft sei nicht al­lein durch währungs- oder fis­kal­po­li­ti­sche Maß­nah­men zu reformieren. Die di­rekte Be­sei­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Stö­run­gen sei ziel­füh­ren­der. Die wäh­rungs­po­li­ti­sche Sa­nie­rung solle den Ab­schluss, nicht den An­fang der wirt­schaft­li­chen Sa­nie­rung ei­ner Volks­wirt­schaft bil­den.

Was bleibt: Seine Er­kennt­nis, dass eine ex­akte Öko­no­mie nicht mög­lich ist. Auf­grund der un­end­lich vie­len Kom­bi­na­tio­nen von mög­li­chen Ein­flüs­sen auf das mensch­li­che Ver­hal­ten sind reale öko­no­mi­sche Si­tua­tio­nen nie­mals gleich. Es gibt zu viele Va­ria­blen, weil im­mer auch un­vor­her­sag­ba­res mensch­li­ches Ver­hal­ten eine Rolle spielt. Oder wie es Dou­glas North, No­bel­preis­trä­ger für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, aus­drückte:

„Der Preis der Prä­zi­sion (von theo­re­ti­schen Mo­del­len, gs) ist die Un­fä­hig­keit, Fra­gen des rea­len Le­bens zu be­han­deln.“

Schum­pe­ter pochte auf die Neu­tra­li­tät des Wis­sen­schaft­lers und lehnte po­li­ti­sches En­ga­ge­ment ab, Keynes hin­ge­gen war ein Meis­ter der Ver­ein­fa­chun­gen und der po­li­ti­schen Agi­ta­tion, wie man im Vor­wort der deut­schen Aus­gabe von “All­ge­meine Theo­rie der Be­schäf­ti­gung” nach­le­sen kann. Keynes schrieb diese Zei­len am 7. Sep­tem­ber 1936 (!):

“Kann ich deut­sche Öko­no­men über­zeu­gen, dass Me­tho­den for­mel­ler Ana­lyse ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Aus­le­gung zeit­ge­nös­si­scher Er­eig­nisse und zur For­mung ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Po­li­tik bil­den? Es lohnt sich si­cher­lich für mich, den Ver­such zu ma­chen”, schreibt der bri­ti­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler.

Er räumt ein, dass vie­les in sei­nem Opus auf die Ver­hält­nisse in an­gel­säch­si­schen Län­dern er­läu­tert und dar­ge­legt wor­den ist.

“Trotz­dem kann die Theo­rie der Pro­duk­tion als Gan­zes, die den Zweck des fol­gen­den Bu­ches bil­det, viel leich­ter den Ver­hält­nis­sen ei­nes to­ta­len Staa­tes an­ge­passt wer­den als die Theo­rie der Er­zeu­gung und Ver­tei­lung ei­ner ge­ge­be­nen, un­ter den Be­din­gun­gen des freien Wett­be­wer­bes und ei­nes gro­ßen Ma­ßes von laissez-faire er­stell­ten Pro­duk­tion.”

Schum­pe­ter hat mehr zu bie­ten. Das sollte man vor al­lem in Bonn er­ken­nen. Die Schumpeter-Forschung fin­det lei­der wo­an­ders statt:

Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn
Die Schumpeter Vorlesungen in Bonn

1986 grün­dete sich eine in­ter­na­tio­nale Schumpeter-Gesellschaft in Augs­burg. Ihr ge­hö­ren rund 400 Mit­glie­der aus über 30 Län­dern und min­des­tens ei­nem hal­ben Dut­zend wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen an. Die Organisation tagt alle zwei Jahre, ver­öf­fent­licht die Sit­zungs­be­richte in Buch­form und ver­gibt den Preis für die beste Pu­bli­ka­tion in der Tra­di­tion Schum­pe­ters (könnte ich mich ja mal bewerben).

Nach Schum­pe­ters Tod rich­tete die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät von Har­vard mit Mit­teln, die von Eli­sa­beth Schum­pe­ter und Freun­den ih­res Man­nes ge­stif­tet wurde, ei­nen Preis ein, der jähr­lich zu Schum­pe­ters Ge­den­ken an ei­nen her­aus­ra­gen­den Stu­die­ren­den ver­lie­hen wird. Seit Mitte der 90er Jahre fin­den an der Uni Graz ein­mal im Jahr die „Schumpeter-Lectures“ statt – eine Vor­le­sungs­reihe, die je­weils von ei­nem in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ge­hal­ten wird.

Und was passiert in Bonn? Da gibt es eine Schumpeter-Allee und einen Schumpeter-Saal im Uni-Club. Etwas bescheiden für die lange Phase seines Wirkens als Hochschullehrer in der Beethoven-Stadt.

Für die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ist das sogar ein beschämender Tatbestand.

Wie die liebwertesten VWL-Gichtlinge die (netz-)ökonomische Wirklichkeit ausblenden #NEO15

Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen.
Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen.

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Protagonisten der Wirtschaftswissenschaften hart ins Gericht. Die sogenannte Neoklassik operiere mit Scheinwissen. Politische Macht und unerwartete sowie schädliche Nebeneffekte von wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden einfach wegdefiniert. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.

Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften:

„Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor“, so Kasper.

Mit Mathematik und irgendwelchen unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen könne man leicht publizieren und promovieren.

„Und wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables’ und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei weitem nicht das gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom“, führt der Nationalökonom weiter aus.

Als lang gedienter Universitätslehrer und Institutsleiter weiß er, wie leicht das neoklassische VWL-Reportoire zu unterrichten ist.

„So kann man etwa mit dem Marshall’schen ‚ceteris paribus Kreuz’ von Angebot und Nachfrage oder dem makroökonomischen IS-LM Gleichgewicht ohne viel Anstrengung Vorlesungsstunden füllen und erspart den Studenten die Begegnung mit der viel komplexeren Realität, mit Wissen aus Soziologie, Geschichte, Psychologie, Institutionen oder Unternehmertum. Studenten ohne Lebenserfahrung finden die neoklassische Abstraktion zumeist befriedigend. Für das Examen reicht dies aus. Die meisten merken überhaupt nicht, dass sie um aufregende und anregende Wertediskussionen – etwa Freiheit versus Effizienz, oder Sicherheit versus Gerechtigkeit – betrogen werden.“

Erst später, wenn sie ihr Universitätswissen mit der Wirklichkeit konfrontieren, bemerken sie enttäuscht, dass sie mit völlig unbrauchbaren Modellen operiert haben. Man merkt es an den Fehlprognosen, die die Konjunkturforscher in jedem Jahr der Bundesregierung an die Hand geben.

„Die Ökonomen liefern mit ihren Modellen keine Aussagen über Kausalzusammenhänge, sie bieten lediglich mögliche Interpretationen vergangener Handlungen von Wirtschaftsakteuren“, schreibt Tobias Schmidt in der Zeitschrift Merkur.

Das Ganze ist eine Beschreibung vorhandener Datenreihen. Für die Zukunft folge daraus nichts, bemerkt der Merkur-Autor. Dennoch kommen solche Modell permanent zum Einsatz. Eine Zirkelschluss-Ökonomie mit Blick in den Rückspiegel unter Ausschaltung der wirtschaftlichen und politischen Realität.

Einen völligen Blindflug legen die liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaftswissenschaften in netzökonomischen Fragen an den Tag. Die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley stehen nicht auf den Lehrplänen von VWL und BWL. Wie sollte die Wettbewerbspolitik auf die Monopolstrategien von Google und Co. reagieren? Die Internet-Plattformen könnten machtpolitisch irgendwann zu einem Problem werden, warnt Professor Lutz Becker, Studien-Dekan der Fresenius Hochschule, im #BonnerSommerInterview.

Damit müssten wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen, fordert Becker. Antworten von den unpolitischen Modellschreinern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute sind da nicht zu erwarten. Gefragt wäre eher ein Ludwig Erhard des 21. Jahrhunderts mit netzökonomischer und soziologischer Expertise, der erkennt, wie man mit den großen Aggregationen des Silicon Valley ordnungspolitisch umgeht.

„Das nationale Kartellrecht ist mittlerweile ein zahnloser Tiger. AT&T ist im Vergleich zu Google aus nichtigem Anlass zerschlagen worden“, so Becker.

Das funktioniere im globalen Maßstab nicht mehr. Bislang gebe es keine Antworten auf die „Highlander-Märkte“ – also auf das Bestreben der amerikanischen Technologie-Konzerne nach absoluter Herrschaft: „Erst werden maximale Marktanteile angestrebt und erst danach fängt man mit der Abschöpfung an.“

Wie schnell sich Gewichtungen ändern ändern können, sehe man am iCar von Apple.

„Auf einmal sitzt selbst der Audi-Chef Rupert Stadler auf dem Beifahrersitz. Das haben diese Konzernchefs in der Geschichte der Automobilindustrie noch nie erlebt“, erläutert Becker.

Auch klassische Industrien werden durch die Plattform- und App-Ökonomie in neue oligopolistische Abhängigkeitsverhältnisse geraten, etwa durch 3D-Druck- und Robotik-Plattformen zu sehen.

Das Internet sei in vielen Bereichen zu einem Winner-takes-it-all-Markt geworden, schreibt der Kölner Ökonom Thomas Vehmeier:

„In dieser Welt ersetzt der ‘Wettbewerb um den Markt’ den ‘Wettbewerb im Markt’. Im Zentrum eines solchen Ökosystems sitzt ein Market Maker, alle anderen Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen und degenerieren zu digitalen Pizzabring-Diensten.“

Für den herkömmlichen Reifenhändler oder Kleinverlag, für den ortsansässigen Apothekerbetrieb oder den Optiker seien das keine tauglichen Rezepte, um bei weiterlaufendem Bestandsgeschäft den Wandel einzuläuten. Diese Rezepte seien von der Realität in vielen Unternehmen zu weit weg und können daher nicht angegangen werden.

„Als Antwort bieten sich gegebenenfalls offene und multifunktionale Plattformen an, die mittelständischen Industrien im Sinne des Commons-Gedanken vor neuen ökonomischen Abhängigkeiten schützen, gleichzeitig neue Geschäftsmodelle sowie Zugänge zu internationalen Märkten eröffnen“, resümiert Becker, der mit seinen Studentinnen und Studenten auf der Next Economy Open am 9. und 10. November ein Forschungsprojekt vorstellen wird.

Bis November werden wir in Netzökonomie-Campus-Runden die Notwendigkeit einer ökonomischen Theorie des Internets auf die Tagesordnung setzen.

Man hört, sieht und streamt sich spätestens am Samstag, den 22. August, beim nächsten Netzökonomie-Campus in Hamburg.

Siehe auch:

APPLE PAY & CO KOMMEN: BLEIBT DA NOCH PLATZ FÜR ANDERE MOBILE-PAYMENT-ANBIETER?

Googles Umstrukturierung: Teilen und herrschen.

EIN PAAR GEDANKEN ZU GOOGLES “ALPHABET”.

Nun erleben die Börsenbubis wohl doch noch eine Regulierung ihrer Spekulatius-Geschäfte

Mit meiner Kolumne über die Scharlatane des Casino-Kapitalismus lag ich wohl gar nicht so falsch. Einige Kommentatoren aus der Investment-Ecke antworteten mit einer recht selbstgefälligen Ja-und-Haltung. „Wir machen weiter wie bisher.“ Nun zwingt das völlige Versagen der finanztheoretischen Modellannahmen und die Kritik an den Rationalitätsmythen des Börsengeschehens auch das politischen Personal zum Handeln. So steigt die Bereitschaft in der EU und hoffentlich auch bei den Weltwirtschaftsgipfeln und dem Weltwährungsfonds, für eine wirksame transnationale Finanzaufsicht und mehr Transparenz sowie für die Austrocknung der Spekulatius-Islands zu sorgen. Im Alleingang ist das nicht zu machen. Das muss auf die Agenda der G7-Staaten und der EU. Das hätte in den vergangenen drei Jahren schön längst geschehen müssen, neben den notwendigen Rettungsmaßnahmen.

Gestern habe ich auf Phoenix die Wiederholung des Philosophischen Quartetts gesehen. Thema: Irrationale Finanzwelt. Gäste waren Kulturwissenschaftler Joseph Vogl und der Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. Letzterer wies noch einmal eindrucksvoll daraufhin, dass das Spektakel an den Finanzmärkten nicht theoriefähig sei. „Wir haben eine Hyper-Komplexität und eine Hyper-Beschleunigung hergestellt. Was ich gelernt habe im Studium der Volkswirtschaft ist alles falsch“, so Steingart. Dass der Mehrwert durch Arbeit entstehen würde, stimme nicht mehr. „Wir haben heute Märkte, die berührt gar kein Arbeiter mehr. Da gibt es gar keinen Mehrwert. Das sind Spekulationsgewinne“, erläuterte der Handelsblatt-Mann. Die großen ökonomischen Theorien, die heute noch an Universitäten gelehrt werden, seien abgelaufen. Und wir haben keine neuen. Wenn auch die Ökonomie oder der Casino-Kapitalismus nicht theoriefähig seien, so dispensiert es uns nicht, darüber etwas zu sagen und politische Antworten auf die Deformationen an den Börsen zu geben.

Die Wirtschaftswissenschaften seien das einzige Fach, die so etwas wie den Weisen, den Wirtschaftsweisen kenne, so Joseph Vogl. „Das gibt es nicht im philosophischen Fachbereich, das gibt es auch nicht in den Politikwissenschaften. Offenbar hat die Ökonomie einen sehr alten und idyllischen Berufsstand.“ Was von dieser Weisheit zu halten ist, habe ich hier ja schon des öfteren ausgeführt.

Nun dämmert es so langsam den Regierungen, dem Treiben der Spekulanten nicht länger tatenlos zuzuschauen. „Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA hat sich eine Stimmung gegen das als Willkür empfundene Markttreiben aufgebaut“, schreibt heute das Handelsblatt in der Titelstory „Kerneuropa schlägt zurück“. Ob das Verbot der Leerverkäufe ausreichen wird, bezweifle ich. Das Handelsblatt hat einige Mittel vorgestellt, wie die generelle Untersagung von Options- und Termingeschäften beim unregulierten Handel.

England zählt im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland merkwürdiger Weise noch nicht zu den Nationen, die sich offensiv mit einer Neuregulierung der Finanzmärkte auseinandersetzen will. Das teilte zumindest die Londoner Finanzaufsicht FSA mit. Man habe dort nicht vor, ein Verbot der Leerverkäufe zu erlassen. Ich glaube nicht, dass sich die britische Regierung diese Zurückhaltung noch leisten wird, folgt man den Analysen von Charles Moore im „Daily Telegraph“. „Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den ‚gierigen Wenigen‘ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden. Charles Moores Intervention zeigt, wie sie aussehen könnte“, schreibt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem bemerkenswerten Hintergrundbericht.

Traktat gegen die VWL-Dünnbrettbohrer

Kasper„Die Neoklassik gaukelt ein Scheinwissen über eine Welt vor, in der politische Manipulatoren entscheidender Einfluss zugemessen wird, unerwartete, schädliche Nebeneffekte und Verzögerungen aber wegdefiniert sind“, so Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, bei einer Expertenrunde der Hayek-Tage in Jena. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Ministeraktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind. Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften: „Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor“, sagte Kasper.

Ausführlicher Bericht.

Methodenstreit.

Dokumentation über den Methodenstreit.