Eigensinnige Technik: Gescheiterte Innovationen und Prognosen für die Zukunft

Der technische Fortschritt ist unberechenbar und eigensinnig, meint der FAZ-Redakteur Michael Spehr und analysiert die Tops und Flops des vergangenen Jahres: In Fachzeitschriften war die Rede vom Siegeszug der OLED-Displays, die ein sehr kontrastreiches Bild liefern, von Brennstoffzellen als alternativer Stromversorgung elektronischer Kleingeräte, von der Durchsetzung des DVB-H-Standards für mobilen Fernsehempfang mit dem Handy. Dann sollte die Bluray-Scheibe der DVD den Garaus machen und USB 3.0 mehr Tempo bei der Datenübertragung bieten. Die Handy-Magazine präsentierten Nokias „iPhone-Killer“ mit berührungsempfindlichem Display, und die PC-Zeitschriften beschworen in der Computerwelt das Credo von „noch mehr Leistung“ mit Achtkernprozessoren und dass natürlich alles immer schneller und besser wird.

„Keiner dieser Hellseher lag richtig, DVB-H wurde zum Technik-Flop des Jahres, USB 3.0 ist gerade mal angekündigt worden, und die Bluray verkauft sich nur sehr verhalten. Der Markt hat sich vollkommen anders entwickelt. Das Paradebeispiel ist der Überraschungserfolg der Netbooks, der kleinen Mini-Notebooks in der Preisklasse von um die 400 Euro, die allemal genug Leistung für Internet, E-Mail und Textverarbeitung bieten und ausnahmslos unter Windows XP laufen. Für Standardaufgaben am PC braucht kein Mensch einen Achtkernprozessor, und das ressourcenhungrige Vista hat paradoxerweise nicht zu dem erwarteten Ansturm auf neue PCs mit mehr Rechenleistung und Speicher geführt, sondern zu einem neuen Trend, der sich besinnt auf Werte wie Nachhaltigkeit und Effizienz“, so Spehr. Das erkläre auch den Erfolg der Mac-Rechner von Apple: Sie sind schick, schnuckelig, schnell, sicher, selbsterklärend und werden auch in diesem Jahr ihren Marktanteil gewaltig vergrößern.

„Auch bei der Software lief alles anders als vorhergesehen: weg von der Opulenz überdimensionierter Pakete hin zu kompakten und schlichten Programmen, die genau das tun, was sie sollen, und auf nervigen Schnickschnack verzichten. Solche Anwendungen kommen meist aus der Open-Source-Bewegung, wie der Firefox-Browser 3 oder das Büropaket Open Office 3, das sich hinter einem Microsoft Office nicht zu verstecken braucht. Alle diese Programme sind kostenlos, klar dokumentiert und haben keine Falltüren à la Zwangsregistrierung oder Kopierschutz“, erklärt Spehr. Generell werde Mammut-Software aussterben und mit ihr jene Unternehmen, die das nicht begreifen. Man müsse nicht mehr alles mitmachen, was die Industrie als „neu“ oder „modern“ anpreist. Einfache, faire und überschaubare Produkte seien stärker denn je gefragt, etwa die Flatrate fürs Telefonieren und in diesem Jahr die Datenflatrate, die einen endlich unabhängig macht vom DSL-Anschluss der Telekom. Zudem wachse das Unbehagen gegenüber Gängelungen.

„Die Macht der Meinungen im Internet wird stärker. Bewertungsportale, Foren und private Seiten legen Finger in die Wunden und werden von potentiellen Käufern um so mehr gelesen, wie der Technikjournalismus der Fachzeitschriften seine Jubelarien mit hübschen Produktbildern und halbnackten Mädels garniert“, resümiert Spehr.

Nach Ansicht von Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash, hängt der Markterfolg neuer Technologien nicht vom Featurismus ab: „Der iPod von Apple in Verbindung mit iTunes ist ein gutes Beispiel hierfür, ebenso das iPhone und der iPod Touch, die ja auch über den iTunes-Store Musik, Videos und Software herunterladen können. Nach nur etwa einem Jahr hat das iPhone den Spitzenplatz unter den verkauften Smartphones eingenommen, da Komfort wie auch Inhalte den überzeugend sind. Sollte Apple tatsächlich einen XXL-iPod Touch mit 9 bis 10 Zoll Display bringen, könnte das den Markt der so genannten Netbooks noch stärker beflügeln“, prognostiziert der IT-Experte Nadolski.

Innovationen wie HDSPA, Blu-ray und USB 3.0 seien wirkungslos, solange sie nicht auf tragfähigen Geschäftsmodellen beruhen und attraktive Dienste für Anwender erbringen. „Das Dilemma bei Mobile TV in Deutschland belegt diese These genauso wie das Scheitern des digitalen Radio-Standards DAB. Wenn sich für den Anwender keine Vorteile hinsichtlich Inhalt, Komfort und Qualität in einem Maße ergeben, dass er bereit ist, dafür extra zu bezahlen, bleibt nur noch eine Finanzierung über Dritte durch Werbung, Kunden-Profiling und andere Dienste. Hat die Anwendung aber noch keine kritische Masse im Markt erreicht, wird auch die Drittfinanzierung nicht funktionieren“, sagt Nadolski.

Das Problem der Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle stelle sich auch den Online Communities, die oft als typische Beispiele für das Web 2.0 genannt werden. „Mit Ausnahme von Xing ist vermutlich keine der vielfältigen Communities von Facebook bis Wer-kennt-wen? heute profitabel. Der Nutzen gerade der privat orientierten Communities ist zwar für Anwender greifbar, aber die Akzeptanz und Verbreitung beruht in hohem Maße darauf, dass sie kostenlos sind. Die Drittfinanzierung funktioniert bisher nicht ausreichend. Das dürfte auch das Problem des Open Source-Betriebssystems Linux sein. Mit allen Distributionen hat Linux heute einen Marktanteil von weniger als einem Prozent bei Desktop oder mobilen Computern. Ein akzeptables Geschäftsmodell fehlt bislang“, meint der Harvey Nash-Chef.

Online Communities werden sich nach Marktanalysen von Mind-Geschäftsführer Bernhard Steimel weiter ausbreiten mit einer stärkeren Spezialisierung. Ein gutes Beispiel ist ‚World of Warcraft‘. Die Erweiterung des System unter dem Namen ‚Wrath of the Lich King‘ verkaufte sich am ersten Tag 2,8 Millionen mal und die Spielteilnahme kostet pro Monat 11 bis 13 Euro“, erläutert Steimel. Cloud Computing, also die Nutzung von Applikationen über das Netz, wurde schon oft propagiert, wird sich nach Expertenansicht auch mit den Netbooks für Standard-Anwendungen wie Office-Applikationen nicht durchsetzen. „Warum soll der Anwender für die Nutzung einer Software bezahlen, die er ebenso gut kostenlos als Open Source installieren kann, und die dabei immer – unabhängig vom Online-Zugang – verfügbar ist“, so Nadolski.

Internet-Telefonie – mittlerweile in der SIP-Variante – werde sich nach seiner Erfahrung durchsetzen, wenn die Netzbetreiber eine direkte SIP-Anbindung bieten. „Es ist davon auszugehen, dass in diesem oder im nächsten Jahr derartige Dienste massiv angeboten werden. Mobile Breitbandzugänge, HSDPA oder später LTE (Long Term Evolution) werden dann interessant, wenn die Flat Rate-Tarife marktgerecht sind und SIP-Telefonie gleich mit angeboten wird. Auch die Anbieter von Breitbandzugängen werden noch einmal neu sortiert, wobei wenige Anbieter mit xDSL- und 3G-Portfolio übrig bleiben“, vermutet Nadolski.

Technikskepsis in Deutschland behindert Entfaltung des Internets – Entscheider müssen für positives Meinungsklima sorgen

Weit verbreitete Attitüden und Verhaltensweisen hindern Deutschland daran, das volle Potenzial des Webs auszuschöpfen. Mit dieser Einschätzung wagen die Macher des Blogs „Netzwertig“ einen Blick auf die Internetagenda 2009. Dem Internet komme in diesem Jahr eine große Bedeutung bei der Bewältigung der negativen Folgen der Finanzkrise zu. „Bisher fungierte das Internet als Bereicherung für unseren Alltag und als Ergänzung zu den bestehenden Kommunikations- und Medienkanälen. In seiner nächsten Phase wird das Web jedoch vom komplementären zum substituierenden Kanal, der jeden Bereich unserer Gesellschaft betreffen und verändern wird“, so Netzwertig-Autor Martin Weigert. Verzweifelte Versuche, alte, sich bereits auflösende Strukturen aufrecht zu erhalten, seien zum Scheitern verurteilt und daher am besten zu unterlassen. „Die in allen Kreisen und Schichten anzutreffende, grundsätzliche Skepsis gegenüber jeder Innovation ist ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Hochtechnologieland der Zukunft“, moniert Weigert.

Noch immer könnten Politiker, Professoren und andere Vertreter der gesellschaftlichen Elite in aller Öffentlichkeit fast schon stolz davon berichten, dass sie noch nie das Internet benutzt haben oder sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lassen, ohne dass dies außerhalb der Blog- und Webwelt auf nennenswerte Kritik trifft. „Die Zeiten, in denen Deutschland sich allein aufgrund seiner Ingenieurskunst als innovatives Technologieland bezeichnen konnte, sind vorbei. Kein Weg führt mehr am Web vorbei, für niemanden, egal ob er/sie das möchte oder nicht. Entscheider können mithelfen, ein positives Klima der Aufgeschlossenheit und Neugier zu schaffen. Dazu müssen sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen“, fordert Weigert.

Statt vom hohen Ross auf die im Internet publizierenden Hobby-Autoren in Blogs und Microblog herabzuschauen, müssten sich auch Journalisten mit deren Arbeit beschäftigen, alte Vorurteile und Hochmut ablegen und mit den qualitativ überzeugenden Online-Publikationen und ihren Machern in einen Dialog treten. Beide Seiten sollten die Gelegenheit nutzen, voneinander zu lernen und das neue Wissen weiterzuverbreiten.

„Tatsächlich wird das Internet häufig noch als komplementärer, optionaler Kommunikations- und Medienkanal betrachtet. Da weder die verfügbare Informationsmenge noch die mögliche Nutzungszeit noch das Budget der Anwender beliebig skalierbar ist, muss es zu einem substituierenden Effekt kommen“, bestätigt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin, die Auffassung von Weigert. Die Frage sei nicht nur, wann dieser auftritt, sondern auch, wann er wahrgenommen wird. „Offensichtlich ist, dass gerade in bildungsstarken Schichten eine Verdrängung des TV-Konsums durch die Internetnutzung erfolgt. Das gleiche gilt für die Generation der Digital Natives. Und in den USA hat im Jahre 2008 das Internet als Nachrichtenquelle auch die Tageszeitungen überholt und rangiert nach dem Fernsehen auf Platz zwei“, so der Sprachdialogexperte Pape.

Die gängigen Geschäftsmodelle der Offlinewelt könne man nicht so einfach auf das Internet übertragen. Die Musikindustrie sei dafür ein gutes Beispie. „Mittlerweile haben die großen Musiklabels ihren Kampf gegen Musikpiraterie weitgehend eingestellt, und Apple – mit iTunes größter Online-Händler für Musik – wird zukünftig auf den Kopierschutz DRM verzichten. Neben der Thematik der profitablen Geschäftsmodelle verunsichert das Internet aber auch aus einem anderen Grund kommerzielle Anbieter: aufgrund der leichten Verbreitungsmöglichkeit von Informationen und Meinungen ist es extrem schwierig, die Kommunikation zu dominieren. Ein privater Blog kann ähnliche Auswirkungen auf die Meinungsbildung haben wie der Online-Artikel einer großen Redaktion oder der Videoclip einer TV-Sendung, im Internet sind Chancen und Risiken wesentlich gleicher verteilt als in anderen Medien“, erklärt Pape.

Drastisch formuliert: komplementäre genutzte Internetdienste werden nicht nachhaltig erfolgreich sein, sondern es werden substituierende Dienste sein. „Oder aber Dienste, die nur im Internet möglich sind, wozu auch Online Communities zählen. „Wie bei jedem massiven Technologiewechsel werden auch zwangsläufig die alten Marktführer im Kommunikations- und Medienbereich durch neue Anbieter ersetzt werden, nicht umsonst kämpfen die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehsender so intensiv darum, mit Gebührenfinanzierung das Internet für sich erschließen zu können“, führt Pape weiter aus.

Elektronische Nasen erschnüffeln Krankheiten, Plagiate, Parodontose und Sprengstoff – Mikrosensoren als Alleskönner

Elektronische Nasen“ halten Einzug in das Geschäfts- und Wirtschaftsleben. Die Lebensmittelbranche ist nach einem Bericht des Bonner Fachdienstes Zukunftsletter http://www.zukunftsletter.de ebenso brennend an Geruchsgeräten interessiert wie die pharmazeutische Industrie einschließlich der Kosmetikfirmen, der Automobilhersteller, der Bauindustrie und des Umweltschutzes. Die Einsatzmöglichkeiten reichen vom Schnüffeln nach verstecktem Sprengstoff bis zur Kasse im Supermarkt. Sensoren, die auf Gase in der Luft chemisch reagieren und die Reaktion elektrisch weiterleiten, sind seit den 90er Jahren auf dem Markt und im industriellen Einsatz.

„Jetzt aber werden die E-Nasen immer billiger und für jeden Kühlschrank verfügbar. 2020 könnten die Preise für durchaus anspruchsvoll arbeitende Geruchs-Sensoren bei unter einem US-Dollar liegen. Der Grund dafür liegt in der Weiterentwicklung von Drucktechnologien. Als Basis für die Geruchssensoren dienen elektrisch leitfähige Polymere. Sie lassen sich durch neue Technologien schneller, einfacher und billiger auftragen – vor allem auf einem Chip. Ein spezieller Mikrochip wird uns beispielsweise schon morgens beim Zähneputzen sagen, ob wir von Parodontose, Mundfäule oder einer Zahnfleischinfektion befallen sind“, so Zukunftsletter-Chefredakteur Matthias Horx.

Möglich wird das durch die „Karlsruher Mikronase” von Joachim Goschnick vom Forschungszentrum  Karlsruhe (FZK) http://www.fzk.de: ein Chip so groß wie eine Cent-Münze mit 38 graduell unterschiedlichen Gas-Sensor-Segmenten. Für eine interessante Anwendung hat sich der amerikanische Kassen-Hersteller NCR ein Patent gesichert. Das Unternehmen will E-Nasen in Supermarktkassen  einbauen. Produkte, die nicht verpackt und mit Preisen ausgezeichnet sind, also beispielsweise Früchte und Gemüse, werden kurz in eine Kammer gelegt. Dort werden sie nicht nur gewogen, sondern eine  elektronische Nase erschnüffelt auch ihre Identität. Ein Computer zeigt anschließend den Preis an und  verbucht die Ware.

Als erster Automobilhersteller überprüft Ford die Ausdünstungen der Innenraum-Materialien mithilfe einer elektronischen Nase und setzt sie auch für die Routinekontrolle im  Produktionsprozess ein. Eingearbeitete Mikrokapseln melden über Duftsignale die Abnutzung von Maschinenteilen. So müssen Produktionsmaschinen nicht mehr regelmäßig angehalten werden, um deren Abrieb zu  kontrollieren. Solche „intelligenten“ Sensor-Schichten können auf Scharniere, Lager, Kugellager oder  Motorenteile aufgetragen werden. CDs und Designermode werden bald mit Duftstoffen besprüht, die sie von Piratenware unterscheiden. Die Bundesdruckerei in Berlin hat eine „elektronische Nase“ vorgestellt,  mit deren Hilfe Originale von Fälschungen unterschieden werden können. „Die verfeinerten E-Nasen sind mittlerweile sogar in der Lage, unterirdische Stoffe zu erschnüffeln: Landminen oder versteckte Kampfstoffe, aber auch versickertes Altöl oder andere Verunreinigungen“, weiß Trendforscher Horx. Im Krankenhaus sollen E-Nasen in Zukunft „Superbugs“ erspüren, also lebensgefährliche  Infektionen mit resistenten Bakterien wie etwa Staphylokokken. Der Geruchstest soll helfen, eine  drohende Infektionswelle schneller einzudämmen, denn die Geruchsanalyse dauert nun nicht mehr Tage,  sondern nur eine Viertelstunde.

E-Nasen könnten in Zukunft auch als Schlüsselkomponente eines  telemedizinischen Systems dienen. Via Computer und Datenleitung könnten nicht nur Töne und Bilder,  sondern auch Gerüche von einem Krankenhaus zum anderen zu übertragen werden. Die E-Nase erschnüffelt außerdem bösartige Veränderungen der Haut. Wenn die Tumore sehr früh erkannt werden,  bestehen meist gute Heilungschancen. Die Diagnose wird heute durch eine Untersuchung von  entnommenem Gewebe gestellt. Das könnte sich künftig ändern, denn Wissenschaftler haben ein  Verfahren entwickelt, um Basaliome anhand ihres charakteristischen Geruchs aufzuspüren. „Verfeinerte Sensortechnik und neue Messprinzipien sind nicht der einzige Grund für die großen Fortschritte beim apparativen Schnüffeln. Wesentlichen Anteil hat die Computertechnologie. Sie wird in den nächsten 10 bis 15 Jahren einen Riesenschub bei der E-Technologie auslösen“, so der Ausblick von Horx. 

Innovatoren und das heilige Feuer der Unzufriedenheit: Fraunhofer-Präsident plädiert für mehr Erfinder- und Unternehmergeist

„Jede Schöpfung ist ein Wagnis“ – diese Erkenntnis von Christian Morgenstern gilt nicht nur für Dichter, sondern auch für Ingenieure, die technische Kunstwerke erschaffen, und für Unternehmer, die Firmengründen. „Kreative Köpfe waren es, die Deutschlands Ruf als Land der Dichter und Denker in der Welt begründeten. Erfinder, Forscher und Unternehmer in einer Person waren viele der Pioniere des

Industriezeitalters wie Otto, Benz, Siemens oder Bosch. Mit ihrem Erfinder- und Unternehmergeist bauten sie nicht nur Firmen von Weltruf auf, sondern schufen auch die Marke ‚Made in Germany’, die für technische Spitzenleistung und höchste Qualität bürgte. Um diesem Ruf auch in Zukunft gerecht zu werden, brauchen wir mehr Innovatoren, die neue Möglichkeitsräume eröffnen. Persönlichkeiten, die mit Ausdauer und Durchsetzungsvermögen neue Chancen verfolgen und konsequent nutzen“, sagte Professor Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft http://www.fraunhofer.de, auf dem Deutschen Wirtschaftsingenieurstag (DeWIT) http://www.dewit.de im Mercedes Event Center in Sindelfingen. 

Dazu gehöre auch das Risiko des Scheiterns. Nicht jeder Geistesblitz werde zur Innovation, die meisten Ideen verlaufen im Sande oder durchlaufen schwierige Veränderungsprozesse, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. „Innovationsprozesse sind mit hohem Risiko behaftet, zäh und langwierig. Die Umsetzung von Ideen in neue Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse ist riskant. Und das Wagnis wird mit jedem Schritt größer. Innovation ist keine einfache lineare Abfolge von der Erfindung zum fertigen Produkt, sondern ein komplexes Zusammenspiel zwischen wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräften“, so Bullinger. Fraunhofer habe bei einem mittelständischen Unternehmen untersucht, wie heute Innovationsprozesse verlaufen. Dabei seien von fast 2.000 Ideen nur etwa elf zu am Markt erfolgreichen Produkten geworden. Deshalb brauche man einen riesigen Speicher von unterschiedlich ausgereiften Ideen anlegen. „Man muss viele Frösche küssen, um auf einen Prinzen zu stoßen“, antwortete Arthur Frey, der Erfinder der gelben Haftzettel, auf die Frage, warum nicht mehr seiner Erfindungen so erfolgreich wurden. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht vom „heiligen Feuer der Unzufriedenheit“, die Wissenschaftstheoretikerin Helga Nowotny von „Unersättlicher Neugier“. 

Jeder kenne den Geistesblitz – den magischen Augenblick, wenn es funkt und Puzzlestücke sich zusammenfügen. Heureka – ich habe es gefunden. „Doch der zündende Einfall ist alles andere als Zufall, Erfindungen und Entdeckungen haben meist eine lange Vorgeschichte und basieren auf breitem Wissen. Wissen allein genügt aber nicht, man muss das Wissen organisieren, kombinieren und – vor allem – neu zusammensetzen. Grundlegend Neues entsteht meist an den Grenzbereichen der Disziplinen und – durch Zusammenarbeit im Team“, erklärte der Fraunhofer-Präsident. Kreativität sei das gezielte Suchen ebenso wie das spontane Sammeln von Ideen – ein Umherschweifen im Raum der Möglichkeiten. „Kreative Menschen warten nicht, bis sie die Muse küsst, sondern arbeiten viel und intensiv. So ist jede Idee das Ergebnis harter Arbeit und eines anregenden Umfelds. Das entscheidende Merkmal kreativer Menschen ist, sich nicht mit dem Vorhandenen zufrieden zu geben und über das Bekannte hinauszugehen. Die kreativen Köpfe sind es, die unserem Land zu neuer Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit verhelfen können“, führte Bullinger aus.

In der europäischen Benchmark-Studie IMP-Grove habe sein Institut den Vernetzungsgrad der Unternehmen analysiert und herausgefunden, dass Wachstumschampions unter den klein- und mittelständischen Unternehmen in Europa auf „offene“ Modelle der Wertschöpfung setzen. Eine enge Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern bei Kooperationen sei ein wesentlicher Hebel für die Steigerung der eigenen Innovationsfähigkeit. Mehr als 86 Prozent der Wachstumschampions binden Partner über den gesamten Innovationsprozess hinweg wesentlich enger ein. Stark vernetzte Unternehmen generieren mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes aus Produkt- und Dienstleistungsinnovationen, die jünger als drei Jahre sind – im Vergleich zu circa 10 Prozent bei den „wenig“ vernetzten Unternehmen. Im europäischen Vergleich erzielen stark vernetzte Unternehmen Umsatzwachstumsraten von 7,1 Prozent, „wenig“ vernetze Unternehmen dagegen nur 3,2 Prozent.

„Für ein Hochlohnland wie Deutschland liegt die größte Herausforderung darin, was und wie künftig am Standort Deutschland produziert wird. Wichtig ist dabei die Innovationsbeschleunigung“, betonte Bullinger. Gemeistert werden die Herausforderungen durch Netzwerke der Kooperation. Gerade in Zeiten der Unsicherheit könne Deutschland auf seine gute realwirtschaftliche Position in der Elektrotechnik und Informationstechnik, auf seine gute Forschungslandschaft und exzellente Ingenieure und Wissenschaftler bauen, sagte Professor Josef A. Nossek, Präsident des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) http://www.vde.com, in seinem DeWIT-Vortrag. Allerdings müsse man sich mehr um die besten Köpfe, Innovationsstandorte, Technologien und Anwendungen kümmern: „Um die gute Position zu halten und der ‚asiatischen Herausforderung’ erfolgreich zu begegnen, muss Deutschland noch stärker in Bildung und in aussichtsreiche Forschungs- und Entwicklungs-Cluster investieren. Selbst die gegenwärtige Krise bietet Chancen, gute Technologiepositionen auszubauen, beispielsweise bei  der Energietechnik, Energieeffizienz, Ambient Assisted Living, Automotive und Future Internet“, so Nossek. Der VDE erwartet aufgrund der deutschen Stärken in den Basistechnologien, im Systems-Engineering und in der engen Verknüpfung von Hochschulen und Wirtschaft starke Impulse auch für den Export. Man werde sich allerdings im globalen Wettbewerb nur behaupten, wenn Deutschen die Exzellenz des Ingenieurnachwuchses sichert.

 

NeueNachricht/medienbüro.sohn/ZEW-Studie: Junge High-Tech-Firmen mit internationaler Ausrichtung wachsen schneller

Junge deutsche High-Tech-Unternehmen wagen schnell den Schritt auf internationale Märkte: Bereits in den ersten Jahren nach ihrer Gründung erzielen 31 Prozent Umsätze im fremdsprachigen Ausland. Das belegt eine Studie, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) http://www.zew.de in Zusammenarbeit mit Microsoft Deutschland durchgeführt hat. So generieren exportierende High-Tech-Unternehmen höhere Umsätze und wachsen schneller. Im ersten Geschäftsjahr liegt der Umsatz von exportierenden High-Tech-Unternehmen um etwa drei Viertel höher als der Umsatz von nicht-exportierenden Unternehmen. Auch die Wachstumsrate der Umsätze liegt mit durchschnittlich 66 Prozent pro Jahr 14 Prozentpunkte über der Wachstumsrate von Unternehmen ohne Export.

 

Start-ups, die selbst intensiv Forschung und Entwicklung betreiben, sind dabei besonders erfolgreich und können ihren technologischen Vorsprung auch international ausspielen. Doch eine strategische Vorbereitung ist Pflicht: Bei 59 Prozent der untersuchten Firmen, die in das internationale Geschäft einsteigen wollen, verpuffen die Exportbemühungen. Entweder wird die Internationalisierung nur halbherzig umgesetzt oder schlecht geplant. Der wichtigste Markt für junge High-Tech-Unternehmen aus Deutschland ist dabei Europa. In Asien erzielen deutsche Start-ups heute bereits ähnlich hohe Umsätze wie in Nordamerika.

 

„Wichtig ist, dass die Internationalisierung strategisch angegangen wird. Das Management muss seinen Fokus auf die Exporttätigkeit richten, das richtige Know-How ins Unternehmen holen und die entsprechenden Ressourcen einplanen. Halbherzige Versuche, internationale Märkte zu erobern, werden scheitern“, sagte Dr. Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung des ZEW, bei der Vorstellung der Studie in München. Die deutschen High-Tech-Gründungen vertreiben ihre Produkte und Dienstleistungen überwiegend per Direktexport innerhalb der Europäischen Union oder in andere europäische Länder und erzielen hier rund 76 Prozent aller Exportumsätze. Beinahe gleichauf mit Nordamerika (7,5 Prozent) liegt Asien mit einem Anteil an den Exportumsätzen von 6,8 Prozent. Hier scheinen bereits viele Unternehmen, die Chancen des aufstrebenden asiatischen Marktes zu nutzen, so die Einschätzung der ZEW-Forscher.

 

„Die ZEW-Studie belegt wieder einmal, wo die Stärken unseres Landes liegen: In Forschung, Entwicklung und Technologieführerschaft, die sich international voll auszahlt. Allerdings reicht eine reine High-Tech-Orientierung nicht aus. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Managementwissen sind der Erfolgsgarant, wenn es darum geht, High-Tech ‚auf die Straße zu bringen’. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Viele Dotcom-Unternehmen sind in den Jahren 2000 bis 2002 an der fehlenden kaufmännischen Qualifikation kläglich gescheitert. Und das, obwohl die Geschäftsideen und die Technologien in vielen Fällen sehr gut waren“, weiß Udo Nadolski, Geschäftsführer des IT-Beratungsunternehmens Harvey Nash http://www.harveynash.com/de,

 

Start-ups, die sich international ausrichten, sollten nach Ansicht von Matthias Harsch, Sprecher der Geschäftsführung von Bizerba http://www.bizerba.de, die Technologie-Trends in den Ländern mit dynamischem Wachstum sehr genau analysieren. „Bei typischen Produktentwicklungszeiten von zwei bis drei Jahren im Investitionsgüterbereich müssen junge Unternehmen genau planen, was sie entwickeln und mit welchen Vertriebskonzepten sie auf den Markt gehen. Oft erlebt man besonders in Asien eine unglaubliche Offenheit und Affinität zu modernen High-Tech-Produkten, die auch den menschlichen Spieltrieb ansprechen. Hier kann man ansetzen und oft sehr vernünftige Margen generieren“, so Harsch gegenüber NeueNachricht http://www.ne-na.de.

 

Marketingprofi Günter Greff http://www.greff.de sieht Nachholbedarf bei Unternehmensgründungen: „Wir brauchen in Deutschland mehr High-Tech-Enthusiasten, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Wir benötigen junge und erfolgshungrige ‚Silicon Valley-Unternehmer’ mit einer hohen Risikobereitschaft, mit einer engen Verzahnung von Marketing und Produktentwicklung sowie einer stringenten Internationalisierungs- und Marktführerschaftsstrategie“, kommentiert Greff die ZEW-Studie.

Herr der Technik oder Sklave: Benutzeroberflächen sollten intelligenter gestaltet werden

Das heikelste Stück Technik ist nach Erfahrung von Experten immer noch das User-Interface, die Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern ob der Benutzer herausfindet, wie es geht: „Ich bin regelmäßig genervt, wenn ein Produkt mir suggeriert, dass ich zu dumm bin, es anzuwenden“, kritisiert die Ingenieurin Anett Dylla von der Beratungsfirma Mensch-Maschine-Technik http://www.mensch-marketing-technik.de. Es gibt Produkte, deren User-Interface durch vorbildliche Einfachheit überzeugt: Bügeleisen, Kaffeemaschinen, Haartrockner. Es gibt aber auch Geräte, die ihre Benutzer regelmäßig zu Schreikrämpfen, Verzweiflungsanfällen und ohnmächtiger Ergebenheit treiben. Berüchtigt sind Mobiltelefone bestimmter Hersteller, natürlich Computer und weltbekannte Betriebssysteme. Dylla scheiterte erst kürzlich an der Programmierung eines DVD-Rekorders. „Das Gerät funktionierte nicht selbstredend. Ich habe dann die Bedienungsanleitung zu Hilfe genommen, musste mich dort erst durch verschiedene Sprachen kämpfen und habe dann auch in der deutschen Sprache keine korrekte Anleitung bekommen. Am Ende habe ich aufgegeben und meinem Mann überlassen, weil der sich dafür mehr Zeit nimmt als ich. Bei mir ist das so, wenn das nicht innerhalb von zehn Minuten funktioniert, dann war es das“, erklärt Dylla.

 

Viele Hersteller haben es nach ihrer Meinung bis heute nicht begriffen, wie wichtig die Bedienerfreundlichkeit ihrer Produkte für das Markenimage und die Kundenzufriedenheit ist. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, Professor an der Technischen Universität Berlin http://www.medienberatung.tu-berlin.de, wirbt allerdings auch um Verständnis angesichts mancher Auswüchse an Zusatzfunktionen und Untermenüs. Denn gerade das Einfache ist inzwischen so schwer geworden: „Die Verführung durch die unendlich vielen technischen Möglichkeiten ist heute natürlich so groß wie nie zuvor. Deshalb gehört schon geradezu Askese dazu, auf irgend etwas verzichten zu können, sowohl als User zu verzichten auf das, was technisch möglich wäre mit einem bestimmten Gerät, aber vor allen Dingen natürlich auch als Ingenieur darauf zu verzichten, alles, was technisch möglich wäre, auch in ein bestimmtes Gerät hineinzubauen“.

 

Es sei ein Dilemma: Apparate, die weniger könnten als Konkurrenzprodukte, gelten bisweilen als technisch rückständig; Geräte, die zu viel können, sind im schlimmsten Fall unbrauchbar. Hinzu komme, dass es zwar ein User-Interface gibt – aber eine unüberschaubare Bandbreite an Kunden. Eine Lösung sind Menüs, so Bolz, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten kann. „So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche muss klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht. Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist, glaube ich, unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen. Und meines Erachtens ist Lust der Königsweg zur Nutzung der modernen Technologien, was man übrigens an unseren eigenen Kindern am besten studieren kann.“

 

Bolz plädiert daher für Emotional Design, für ein Schnittstellendesign, das nicht allein ordentlich und übersichtlich ist, sondern beim Benutzer obendrein positive Gefühle weckt. Lange Zeit war dieser Trend auf die Konsumgüterindustrie beschränkt. Doch inzwischen habe die Entwicklung auch Investitionsgüter erfasst, sagt Dieter Conzelmann, verantwortlich für den Geschäftsbereich Industrie und Kennzeichnungssysteme bei Bizerba http://www.bizerba.de. „Lösungen für Privatkunden wie beispielsweise das iPhone oder der iPod von Apple haben Auswirkungen auf die Investitionsgüterindustrie“. Vor etwa zwei Jahren hat Bizerba eine äußerst effektive Regel aufgestellt: Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden, damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät umgeht und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Das sei sehr heilsam gewesen, erläutert Conzelmann, der selbst jahrelang in der Entwicklung tätig war. Auf diese Weise kam man auch darauf, wie wichtig gerade in der Lebensmittelindustrie der Einsatz von Symbolen ist. „Ein gutes Beispiel ist der Grundpreis, den der Bediener beim Betreiben der Anlage öfters wechseln muss. Da kann man eben anstelle des Textes ‚Grundpreisänderung‘ einfach ein Symbol wie einen Geldschein oder eine Münze abbilden, die dann darstellt, dass es hier um einen Geldbetrag geht, ohne das Wort ‚Grundpreis‘ zu verwenden“, so Conzelmann. Dylla hält das für einen guten Ansatz: „Durch Symbole komme ich schnell und stringent ans Ziel, ohne noch einmal 25 Schleifen zu drehen“. Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor allem von automatischen Sprachsystemen. Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der normale Kunde in der Warteschleife. Schuld sei häufig veraltete Technik, sagt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge http://www.semanticedge.de.

 

Er arbeitet mit seinem Unternehmen daran, Sprachdialoge zwischen Mensch und Maschine zu optimieren. Der Schlüssel dafür sei nicht nur eine bessere Spracherkennung, an der es oftmals noch hapert. Es könnte auch helfen, wichtige Informationen über den Anrufer und dessen Situation, die an unterschiedlichen Stellen bereits vorliegen, zu bündeln und zusammenzuführen, damit der Kunde schneller ans Ziel gelangt. „Wenn das System, wo ich anrufe, mein Bedürfnis vorausahnt, dann habe ich ein ganz anderes Erlebnis bei der Mensch-Maschine-Kommunikation“, so Pape. Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm – die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design seien immer dieselben. Auf einen Nenner gebracht: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen.

Aichaku, digitaler Animismus und die symbiotische Liebe zum Objekt

Grafikdesigner John Maeda hatte in seiner Jugendzeit ein Schlüsselerlebnis, das zu einem Grundpfeiler seiner Arbeit über die Gesetze der Einfachheit wurde:  „Unser Schwimmlehrer bediente sich unorthodoxer Methoden: Er brachte uns nicht das Schwimmen bei, sondern die meiste Zeit sollten wir lernen, uns zurückzulehnen und Vertrauen zum Wasser zu gewinnen. Dann kam der entscheidende Augenblick: Er forderte uns auf, vorwärts zu gehen und dabei mit Armen und Beinen zu paddeln – und plötzlich schwamm ich. Ich erkannte, dass ich schon immer schwimmen konnte – ich hatte nur kein Vertrauen zum Wasser gehabt“, erklärt der Professor für Medienkunst am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge.

Die Vision von Maeda: Genau wie beim Schwimmen sollte sich der Mensch bei technischen Geräten auf seine Intuition verlassen können. Denn was nützten komplizierte Handy-Funktionen, die sich trotz oder gerade wegen Bedienungsanleitung nicht adäquat steuern ließen? Sie machten den Benutzer allenfalls misstrauisch. Geräte mit selbsterklärenden Displays hingegen weckten beim Benutzer Vertrauen und versetzten ihn in einen Zustand der Entspannung. Simplicity – Maedas Leitfaden zur Einfachheit im digitalen Zeitalter verdeutlicht, wie dieses Konzept zum Eckpfeiler von Organisationen und ihren Produkten werden kann – und warum es sich als treibende Kraft für Wirtschaft und Technologie erweisen wird.Die Designrichtung, der wir die vielen nüchtern-industriell aussehenden Gegenstände in unserer Umwelt zu verdanken haben, ist der Modernismus.

„Er verbannt unnötige Verzierungen und legt stattdessen mit den Produktionsrohstoffen den wahren Charakter eines Gegenstandes offen“, so Maeda.

Auf den gleichen Designgrundsätzen beruhe auch die reichhaltige japanische Tradition mit ihren handwerklich nahezu vollkommen gestalteten Holz- und Tongegenständen. Doch der Mensch braucht bei allem Minimalismus auch immer eine Befriedigung seiner emotionalen Bedürfnisse. Das japanische Design beinhalte daher auch einen animistischen Aspekt. Animismus, das ist der japanische Glaube, dass alle Gegenstände eine eigene spirituelle Existenz besitzen. Der Betrachter könne demnach eine natürliche emotionale Bindung zur Lebenskraft des Objekts entwickeln und eine verborgene Verzierung nicht sehen, sondern fühlen.

„Obwohl es wahrscheinlich die meisten westlichen Menschen abstreiten, sind emotionale Bindungen zu Gegenständen Teil unseres seelischen Haushaltes. Wir schreien abstürzende Computer an und verteufeln streikende Steckdosen“, sagt Marketingexperte Günter Greff.

Ende der neunziger Jahre zeigte auch die Tamagochi-Welle, dass sich Menschen in ein kleines elektronisches Etwas in einem Schlüsselanhänger verlieben können.

„Eine Art digitaler Animismus scheint bei unserer technisch versierten Jugend zunehmend an Beliebtheit und Anerkennung zu gewinnen. Und auch Handys, die als eigentliches Gerät immer kleiner und schmuckloser werden, werden durch etliches Zubehör von uns liebevoll verziert“, führt Greff weiter aus.

Die Japaner nennen dieses Verbundenheitsgefühl Aichaku:

„Es ist eine Art symbiotische Liebe zu einem Objekt, das Zuneigung nicht für das verdient, was es tut, sondern für das, was es ist. Wenn wir anerkennen, das es aichaku in unserer baulichen Umwelt gibt, können wir uns besser um das Design von Gegenständen bemühen, die bei den Menschen dreierlei hervorrufen: Gefühl, Fürsorge und den Wunsch, es ein Leben lang zu besitzen“, glaubt Maeda.

Excel-Wahnsinn, „Zur Kenntnisnahme”-Terror und komplizierte Technik

Die zunehmende  „Dynamik und Komplexität“ (neudeutsch „Dynaxität“) der Geschäftswelt habe so sehr zugenommen, dass Unternehmen sich verstärkt damit beschäftigen müssen, wie sie ihren Mitarbeitern helfen können, damit besser umzugehen, berichtete das Handelsblatt http://www.handelsblatt.com unter dem Titel „Der Streß im Büro nimmt zu“. Auch Miriam Meckel, Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Hochschule St. Gallen, stellte in einem Beitrag der Handelszeitung http://www.handelszeitung.ch fest: „Viele Wissensarbeiter sind inzwischen Sklaven der Technik.“ Besonders betroffen sind davon nach Untersuchungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen http://www.iaq.uni-due.de/ die in „Projekten“ involvierten Mitarbeiter: 67 Prozent der Projektmitarbeiter verzichteten immer häufiger auf Pausen, 55 Prozent schränkten für den Job ihre Freizeitaktivitäten ein, weit über dem Durchschnitt seien Projektmitarbeiter von Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenschmerzen betroffen.Laut dem IT-Experten Karl-Heinz Land liegen die Ursachen an dem fundamental falschen Ansatz der meisten Unternehmen, ihre Projekte aufzusetzen, zu managen und zu führen. „Die meisten Unternehmen steuern ihre Projekte nach wie vor mit aberwitzig komplexen Excel-Listen, wahren E-Mail-Fluten und ungezählten Telefonaten und sinnlosen Meetings,“ so der Unternehmer, dessen Firma eXsolut http://www.exsolut.com sich auf das Aufgabenmanagement spezialisiert hat. „In vielen Firmen herrscht ein Informationsoverkill bei den Mitarbeitern, die ständig E-Mails lesen und beantworten müssen, Excel-Dateien aktualisieren oder sich in irgendwelchen langatmigen Abstimmungsmeetings verschleißen, anstatt sich um die Erledigung ihrer Aufgaben zu kümmern“, kritisiert Land. Unternehmen müssten sich radikal wandeln und moderne Technologien einsetzen, die die Mitarbeiter unterstützen und fördern, statt sie zu überfordern. „Das kann zum Beispiel durch den Aufbau eines zentralen Aufgabenportals geschehen, in dem alle Informationen den jeweils kleinsten, den ‚atomaren’ Bausteinen eines Projektes und einer konkreten Aufgabe zugeordnet sind“, sagt Land. Um das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter im Unternehmen nutzbar zu machen, sollten die Aufgabenportale auch noch Interaktions- und Kommunikationsmechaniken integrieren, wie man sie von „Social Webs“ kennt. Erst dann seien die enormen Produktivitätsgewinne und eine deutliche Entlastung der Mitarbeiter zu erzielen, so Land, dessen Unternehmen nach eigenen Angaben bereits einige hunderttausend Arbeitsplätze in Deutschland mit Web 2.0-Aufgabenportalen ausgestattet hat.

Zeitgemäße und neue Managementmethoden sind auch nach Erfahrungen des Personalexperten Udo Nadolski wichtig: „In angelsächsischen Ländern hat man dafür einen treffenden Ausdruck geprägt: ‚from brick to click’ nennt man das Credo, um in der Netzwerk-Ökonomie zu bestehen. Die Wirtschaftswelt verläuft nicht mehr in hierarchisch wohlgeordneten Bahnen, die man mit den überkommenen Methoden der Projektorganisation steuern kann. Die neue Arbeitswelt verlangt nach Menschen mit Selbstorganisation. Wer das beherzigen will, muss sich von vielen eingeschliffenen Ritualen im Unternehmen verabschieden – ansonsten stirbt man an bürokratischer Erstarrung“, warnt Harvey Nash-Chef Nadolski http://www.harveynash.com/de/.

Dummes Technik-Design und schlampige Ingenieure: Entwickler vernachlässigen das Prinzip der Einfachheit

Amerikanische Hightech-Institute arbeiten an intelligenten Technologien nach dem Prinzip „things that think“. Die Technik als solche entzieht sich dabei zunehmend der Sichtbarkeit, so der Berliner Wissenschaftler Norbert Bolz.

„Je komplexer unsere Welt wird, umso wichtiger wird die Benutzeroberfläche. Intelligentes Design signalisiert dem Kunden: Vergiss die Technik! Es muss Glaubwürdigkeit in Form übersetzen, denn kaum ein Konsument kann die technischen Fakten beurteilen, er will auf der freundlichen Benutzeroberfläche bleiben“, erläutert der Trendforscher.

Kaum noch jemand mache seine Motorhaube auf, wenn der Wagen auf der Autobahn liegen bleibe. Irgendwo müsse mit Details Schluss sein.

„Das ist kein ‚Praxisdefizit, sondern notwendige grobe Körnung“, sagt Bolz. Wer heute ein Videogerät, Handy oder einen Fotoapparat kauft, könne nach Ansicht von Bernhard Steimel, Sprecher der Voice Days, nachvollziehen, wie wichtig selbsterklärende Menüs im Alltag und im Berufsleben seien.

Es wäre doch viel besser, wenn man dem neuen Gerät einfach sagen könnte, was man von ihm will, und zwar so, wie man mit einem anderen Menschen reden würde. Für die Produktentwicklung des Technologieherstellers Bizerba ist es wichtig, die Technik mit modernsten grafischen Benutzeroberflächen zu verbinden.

„Wir passen das Design an und holen uns Informationen vom Bedienpersonal. Zudem arbeiten wir mit Designern zusammen, um das wirklich so intuitiv wie möglich zu gestalten. Denn keiner hat mehr Zeit, sich mit der Technik auseinander zu setzen. Es darf nicht sein, dass man Schulungen braucht, nur um das Gerät zu bedienen. Die Leute müssen sich im Einzelhandel auf den Verkaufsprozess konzentrieren können“, so die Markterfahrung von Werner Sauter, verantwortlich für das weltweite Produkt- und Applikationsmanagement bei Bizerba.

Den Grundsatz „keep it simple”, wie es Bizerba praktiziert, würden viele Entwickler leider nicht beherzigen, kritisiert Marketingexperte Günter Greff.

„Das predige ich nun schon seit über 20 Jahren. Es bringt nichts, in Endlosschleifen neue Techniktrends zu beschwören, wenn der Kunde mit den alten Geräten noch nicht einmal zurecht kommt. Die Gurus der IT-Industrie wären gut beraten, etwas weniger marktschreierisch aufzutreten und sich mit neuen Schlagwörtern zurückzuhalten. Es kommen jedes Jahr Geräte unausgereift auf den Markt, die mit anderen Technologien nicht harmonieren und ein mehrstündiges Studium von Handbüchern benötigen, die in einem chinesisch-deutschen Kauderwelsch geschrieben wurden“, bemängelt Greff.

Die Realität sieht düster aus, bestätigt Spiegel-Online-Redakteur Konrad Lischka:

„Die fiese Feststelltaste zwingt zu permanenter Großschreibung, jede Digitalkamera will ein eigenes USB-Kabel – und Aufzüge halten bei jedem sinnlosen Zwischenstopp. Wenn Ingenieure schlampen, leiden Millionen.“

Ein Anschluss am Computer für alle erdenklichen Geräte, standardisiert, universell, praktisch und schnell – mit diesem Versprechen trat 1996 der „Universal Serial Bus” (USB) an.

„Schaut man sich die diversen USB-Kabel für Digitalkameras, Handys, MP3-Player und Navigationssysteme an, ist das Versprechen nur halb eingelöst – nämlich auf der Kabelseite, die man in den Rechner stöpselt. Da passt jedes USB-Kabel in jeden USB-Anschluss. Auf der Geräteseite sieht es allerdings anders aus: Da passt bei weitem nicht jedes USB-Kabel in jedes USB-Gerät“, moniert Lischka.

Einfachheit sei deshalb ein unschlagbares Verkaufsargument, glaubt der Call Center-Experte Greff. „Die Menschen kann man begeistern, wenn man Technologien auf den Markt bringt, die das Leben einfacher machen – ohne dicke Handbücher. Apple macht es doch vor. Den iPod oder das iPhone kann ich nach kurzer Zeit ohne Anleitung bedienen. Das Produktdesign darf man deshalb nicht den Technikingenieuren. Die haben davon keine Ahnung“, resümiert Greff im Gespräch mit dem Onlinemagazin NeueNachricht. Das MIT in Cambridge mache es vor. „Dort leitet der Medienkünstler und Grafikdesigner John Maeda das SIMPLICITY-Forschungsprojekt und kein technischer Daniel Düsentrieb“, weiß Greff.