Studenten im Bologna-Prozess: Stoff-Bulimie statt Regelbruch – Reinschaufeln, auskotzen, vergessen

Innovationen entstehen nach Ansicht des Bloggers Martin Bartonitz vor allem durch Regelbrechung. Man muss in der Lage sein, Altvertrautes nicht mehr in den gewohnten Bahnen zu betrachten: Anders denken und nicht mehr einfach weitermachen, weil man es ja immer schon so gemacht hat. Nicht wegsehen, sondern hinterfragen. In seinem jüngsten Beitrag beruft sich Bartonitz auf einen Vortrag von Gary Hamel („Reinventing the Technology of Human Accomplishment“).

Kein Manager sei mehr in der Lage alles zu wissen, was die einzelnen Experten seines Teams sich an Können angeeignet haben, so Hamel. Damit wandelt sich die Rolle des Managers. Hamel fordert einen Paradigmenwechsel im Management, weg von der Schaffung menschlicher Automaten. „Wer den Menschen nur als Automaten betrachtet, verpasst, dass dieser ein in höchstem Maße adaptives Wesen ist, ganz im Gegenteil zu einem hierarchisch organisierten Unternehmen“, schreibt Bartonitz und zitiert den ehemaligen Controller Niels Pfläging:

“Die Zwangsjacke, die sich Unternehmen durch exakte Pläne anziehen, wird immer enger. Doch alle Unternehmen können sich aus ihr befreien.”

Aber wie und mit welchem Personal?

Gefragt sind heute Selbstorganisation statt Hierarchie, Möglichkeitsräume statt pseudoexakter Planungen, Fehlerfreundlichkeit statt Standardisierung. Kein Befehl und Gehorsam, sondern Abschaffung der Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen von Wirtschaft und Staat. Und was für ein Nachwuchspersonal kommt von den Universitäten im Geiste von Bologna? Akademische Automaten.

„Die heutige Universität ist keine ‚universitas‘ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen“, kritisiert der Medienphilosoph Norbert Bolz in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Wer hat Angst vor der Philosophie?“ (erschienen im Wilhelm Fink Verlag).

Das verwaltete Studium finde eifrige Verfechter mittlerweile auch bei den Studenten, um deren „Zurichtung“ es den Bildungsplanern geht. Die Angst um den Job rufe nach handfestem, abfragbarem Wissen. Unreglementiertes Denken passt nicht in die Doktrin des Bologna-Prozesses. Es lässt sich nicht in das Schema von Ranglisten, Test und Training pressen. Antik war die Muße, modern ist die Verbeamtung des Denkens. Die Universitätslehre vermittelte Sinn, der Bologna-Prozess ruft nach einer operationalen Praxis.

Dekanate mutieren zum Service-Center. Lehre und Forschung werden durch Module und Projekte ersetzt. Den Professoren und Studenten wird heute das Apportieren beigebracht.

„Wer sind die Gewinner des Bologna-Prozesses? Zu den Gewinnern gehören die Verwaltung, deren Bedeutung ins Groteske angewachsen ist, und die Wissenschaftsfunktionäre in den Gremien“, bemerkt Bolz.

Gewinner seien aber auch die Professoren, die lieber Lehrer sein möchten, und die Studenten, die lieber Schüler bleiben wollen. Es ist der Verrat an der akademischen Freiheit des Denkens. In den Wissenschaftsfabriken mit ihren Sprachcodes und Trainingscamps wird nicht der Regelbruch kultiviert, sondern die Stoff-Bulimie: Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. Wissenschaft funktioniert wie ein Jahrmarktsverkäufer:

Professor Zerr: Schöner Scheitern statt Benchmarking

„Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule.

Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.

„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metaphern verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, sagt Zerr.

Es wäre nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager, Politiker und Wissenschaftler von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden.

„Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen auch zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt die Wirkungen von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen“, erläutert Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash.

Überall dort, wo Talent, Technik und Toleranz aufeinandertreffen, könnten richtige disruptive Innovationen oder Sprunginnovationen entstehen, meint der Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller.

Was notwendig sei, um ein günstiges Klima für Störer und Innovatoren zu schaffen, sei eine Kultur des Karnevals, Narrentums und des Scheiterns. Das gelte für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Management und Medien. Mit dem Bologna-Prozess erzeugen wir das Gegenteil. Da sind wir schon mitten in der Thematik der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Teilnehmer: Katja Andes (Ideacamp UG), Lars Mensel (The European-Debattenmagazin), Dirk Elsner (blicklog), Andreas Klug (Ityx), Hannes Schleeh und Heinrich Rudolf Bruns. Moderation: Meine Wenigkeit.

Regelbrecher statt akademische Automaten wird auch das Thema meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ sein. Statements bis morgen (spätestens bis 14 Uhr) wieder hoch willkommen.

Spinner statt Spießer: Warum wir in Deutschland mehr Regelbrecher brauchen – Fortschritt kommt vom Außenseitertum

Zukunftskongress für Regelbrecher
Zukunftskongress für Regelbrecher
Rund 200 Innovationschefs diskutierten beim forward2business-Zukunftskongress in Halle den unternehmerischen Wert von Grenzverletzungen und Regelbrechern. „Regelbrecher sind wie Herzensbrecher, die mit sehr viel Engagement Neues bewirken“, sagte Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller, wissenschaftlicher Direktor von Z-Punkt. „Sie werden allerdings von der Öffentlichkeit nicht geliebt. Sie werden als Störenfriede bezeichnet, weil sie Gewohnheiten über den Haufen werfen. Sie gelten als Spielverderber, weil sie die existierenden Gesetze des Spiels verletzen. Sie sind Grenzverletzer, weil sie immer über die Demarkationslinie hinwegspringen. Sie sind Querköpfe, weil sie im Dauerkonflikt mit der Mehrheitsmeinung liegen. Sie sind Starrköpfe, weil sie beharrlich ihre Ziele verfolgen“, erläuterte Steinmüller in seinem Vortrag. Regelbrecher seien auch kreative Zerstörer, vor denen kein etabliertes Geschäftsmodell sicher sei. Gerade jene Unternehmer, die sich am sichersten fühlen, seien am meisten gefährdet durch die Regelbrecher. Das könne man zur Zeit in der Automobil- und Finanzbrache beobachten.

Steinmüller-Rede über Regelbrecher
Steinmüller-Rede über Regelbrecher
„Es gibt Muster, die man bei Regelbrechern erkennen kann. Als Albert Einstein die Quantentheorie des Lichts vor über hundert Jahren entwickelte, hat er zwei Dinge zusammengerührt, die überhaupt nicht zusammengehören: den Teilchen- und Wellencharakter des Lichts. Die Physiker waren entsetzt und haben dann gesehen, dass das doch sinnvoll ist. Oder Arnold Schönberg, der mit seiner Zwölftonmusik gegen den vorherrschenden Musikgeschmack verstoßen hat“, erläuterte Steinmüller.

Zu den Auffälligkeiten würden neuartige Kombinationen, neue Verwendungszwecke und neue ästhetische Gewohnheiten zählen, die vor allen Dingen in den kreativen Milieus gedeihen, wie es Professor Richard Florida auf den Punkt gebracht hat. Überall dort, wo Talent, Technik und Toleranz aufeinandertreffen, könnten richtige disruptive Innovationen oder Sprunginnovationen entstehen.

Was notwendig sei, um ein günstiges Klima für Störer und Innovatoren zu schaffen, sei eine Kultur des Karnevals, Narrentums und des Scheiterns. Das gelte für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Management. Im Vordergrund stehe heute das einseitige Streben nach Erfolg und nicht der kreative Umgang mit dem Misserfolg. Zudem brauche Deutschland nicht nur Querdenker, sondern mehr Quermacher. „Medien sollten sich vom Starkult verabschieden und einen Blick fürs Visionäre an den Tag legen. Da gibt es dann nicht mehr Sendungen wie ‚Deutschland sucht den Superstar’ und ‚Dschungelcamp’, sondern ‚Deutschland sucht den kreativen Zerstörer’ oder ‚Vom Spießer zum Spinner’“, empfiehlt der Science Fiction-Kenner.

Professor Zerr: Schöner Scheitern statt Benchmarking
Professor Zerr: Schöner Scheitern statt Benchmarking
Ähnliche Fundamentalkorrekturen forderte Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule, für die Universitäten. „Was an deutschen Hochschulen läuft, ist Stoff-Bulimie: reinschaufeln, auskotzen, vergessen. So funktioniert die Wirtschaftswissenschaft bislang wie ein Jahrmarktsverkäufer. Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, beklagte sich Zerr. Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings. „In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metapher verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu mache. Das ist das Programm unserer Universität“, sagte Zerr in Halle.

Studenten würden sich mit den Wirklichkeitskonstruktionen auseinandersetzen aus Sicht der etablierten Wirtschaft und aus Sicht der Regelbrecher. Dann komme man irgendwann zu den Möglichkeiten des Wandels und der Innovation. Manager müssten heute intelligent stören. Schöner Scheitern statt Benchmarking sollte ihre Devise sein.

Kreativer Zerstörer
Kreativer Zerstörer
Egal, ob man den Regelbruch in Organisationen kultiviert oder nicht, wäre es nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager, Politiker und Wissenschaftler von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden. „Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen auch zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt den ständigen Prozess von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Da helfen auch milliardenschwere Konjunkturpakete nicht weiter, denn Regelbrecher lassen sich davon wenig beeindrucken“, so Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash.