Doofmann, Dorftrottel und Weltbürger – Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek begeisterte in der Buchhandlung Böttger in Bonn

Der Schriftsteller und Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek hat seine mutterlose Kindheit in Ostdeutschland „als großen Schmerzensmonolog literarisiert“, so die FAZ. „Halb verhungert fand man den Zweijährigen 1956 zusammen mit seiner Schwester in der Wohnung, in der die Mutter die Kinder Tage zuvor zurückgelassen hatte. Sie war in den Westen gegangen, der Vater unbekannt. Der kleine Peter kam noch einmal mit dem Leben davon, aber über seine ‚mutterlosen ersten vier Lebensjahre‘ weiß der Sechsundfünfzigjährige bis heute nichts. Er hat niemanden, der ihm Vorfälle aus der frühen Kindheit überliefern, niemand, der sich für ihn erinnern kann. Der Anfang von allem ist für immer gelöscht. Erst als Vierjähriger tritt er aus dem Nebel der Vergessenheit hervor und gibt sich dem erinnernden Schriftsteller als der Kümmerling zu erkennen, der er 1958 war. Im Osten feiern die Bürger den russischen Sputnik I im All, zwischen West und Ost hängt der Segen schief, und Peter, das ramponierte Kind, wird wieder in ein neues Heim gebracht und dort einem Arzt zur Begutachtung vorgeführt. Der Junge ist mager, zurückgeblieben, und er spricht nicht. Am meisten aber irritiert die Anwesenden, dass das Kind, als der Arzt das Wort ‚Mutter‘ laut ausspricht und ihm dabei den Puls fühlt, nicht reagiert. Das Wort, erinnert sich Wawerzinek fünfzig Jahre später, flog durch seinen Kopf hindurch ‚wie ein Pfeil durch eine leere Halle‘. Es bedeutete nichts“, schreibt die FAZ.

Auf mehr als vierhundert Seiten hat Wawerzinek seine Kindheitserlebnisse fast therapeutisch beschrieben. Er hat diese Zeit mit all seinen Sinnen erspürt und rekonstruiert. Er ist nicht interessiert an einer keimfreien journalistischen Recherche der Geschehnisse. Seine Erinnerungen wurden wachgerufen durch Gerüche, Geräusche und dem Berühren von Bäumen, Sträuchern und Sand, sagte Wawerzinek bei der Lesung in der Bonner Buchhandlung Böttger.

Wawerzinek findet Bilder „von großer trauriger Schönheit, etwa wenn er sich erinnert, wie er als sprachloses Kind im ‚Haus Sonne‘ Franz von Assisi gleich mit den Vögeln sprach und ihre Laute perfekt nachzuahmen verstand. Prägnant ist auch der Moment, als er erkennt, wie ihn die eigene Erinnerung in die Irre führt. Dass Peter nur dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Chauffeur ins Kinderheim gebracht wird, wie er Jahrzehnte später felsenfest glaubt, ist ausgeschlossen. Trotzdem fährt das Waisenkind auf seiner Erinnerungsreise in einer Limousine ins Heim und nicht, was der Wahrheit näher kommen dürfte, mit dem Sammeltransporter. Wenn Peter wieder von den Schwestern im Gitterbett festgebunden wird, flüchtet er sich in Schattenspiele an der Zimmerdecke: Gaukeleien gegen die Trostlosigkeit, die nicht zu heilen ist, sondern mit ihm, Wawerzinek, ‚groß wird und erst zum Lebensende hin, am Schluss mit mir sterben wird‘“, berichtet die FAZ.

Und weiter heißt es in der FAZ-Rezension: „Während sich das Waisenkind im Heim in Ohnmachten flüchtet, geht es in der dritten Familie, die es schließlich gegen seinen Willen aufnimmt, in die innere Emigration. Die spießige DDR-Idylle des konformistischen Lehrerehepaars mit dicken Vorhängen an den Fenstern und steifen Kissen im Bett wird für den Pubertierenden unerträglich.“ Im Roman nennt er seine neuen Eltern konsequent nur „Adoptionsmutter“ und „Adoptionsvater“. Angeekelt ist der Autor beispielsweise vom morgendlichen Waschritual des Adoptivvaters. Es findet, wie fast alles in dieser neuen Familie, in der Küche statt: „Der Adoptionsvater lässt vor dem Becken recht bald die Schlafanzughose runter, gibt allmorgendlich die nackte untere Teilansicht von sich zu sehen, wie einem modernen Ölgemälde entnommen oder als Teil eines gewollt skandalösen Theaterstücks der jüngeren Zeit. Lässt den Waschlappen auf- und abtauchen. Spiel mit dem Waschlappen Verstecken. Kann klatschende Waschlappenaufprallgeräusche nicht vermeiden. Verrät durch das Klatschen, wo sich der unsichtbare Lappen befindet, weil morgens alles so schnell gehen soll und er sich stets mit kaltem, manchmal eiskaltem Wasser waschen muss. Ein wascherprobter, alter Waschlappen klatscht an müde, alte Männerhüfte, verschwindet Bauchunterseite und Innenschenkel, blitzt am Gesäß auf, erzeugt dabei ein Glucksen wie von Stiefeln beim Wasserwaten im modrigflachen Gewässer. Mich kräuselt das Waschlappenklatschen. Ich habe bis heute kein anderes Wort zur Beschreibung des Vorganges gefunden als das Wort kräuseln, das dem Erlebten als Begriff in etwa Ausdruck verleiht.“

Seine Lebensgeschichte schildert er mit einem ironischen und komischen Unterton. Peter Wawerzinek ist ein Autor ohne Eitelkeit und Allüren. Er geht offen mit seinen Macken, Schwächen und Erlebnissen um. Er schwankt zwischen „intellektuell und Doofmann, zwischen Dorftrottel und Weltbürger“, wie es Wawerzinek in der Buchhandlung Böttger ausdrückte – sehr sympathisch!

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman. Galiani Verlag. Berlin 2010. 428 S., geb., 22,95 Euro.

Hier die Audioaufzeichnung der Lesung in Bonn – am Anfang noch einige störende Nebengeräusche von verspätet eintreffenden Gästen:

Interessante Veranstaltungen der besten Bonner Literatur-Buchhandlung!

Veranstaltungen im April 2010
Buchhandlung & Galerie Böttger/a>

Dienstag, 13. April 2010, 20 Uhr

„Kleine Verlage stellen sich vor“ (IV): 20 Jahre Dittrich Verlag

Volker Dittrich erzählt aus dem Leben eines unabhängigen Verlegers: Warum er den Verlag gegründet hat, wie er zu seinen Autoren und Büchern kommt, welche Schwierigkeiten zu meistern sind, die Bücher im Buchhandel zu verkaufen und den Redakteuren der Medien schmackhaft zu machen und welche Lust es bereitet, immer wieder neue Autorinnen und Autoren kennenzulernen, mit Ihnen und den Lektoren gemeinsam aus dem Manuskript ein gutes Buch zu machen, kontrovers zu diskutieren, zu streiten und zu feiern.

Der Verleger liest aus Edgar Hilsenraths Roman „Jossel Wassermanns Heimkehr“ das Kapitel
„Der österreichische Kaiser und der jüdische Salzhering“. „Mit schauspielerischem Geschick trägt Volker Dittrich Kostproben von Hilsenraths unkonventioneller Erzählweise vor.“ Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau

Eintritt frei
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Mittwoch, 14. April 2010, 20 Uhr

Prof. Dr.Werner Spies: Begegnung mit David Lynch
Moderation: Andreas Platthaus, FAZ

Eintritt: 8 €

Hinweis: Verlängerung der Ausstellung „David Lynch – Dark Splendor“ bis zum 18. April 2010 im Max Ernst Museum Brühl

Samstag, 17.April 2010, 18 Uhr

Ausstellungseröffnung
Hannes Lopatta: Ölbilder und Zeichnungen

Zur Eröffnung spielt Jolanta Lerch die 1. Cello-Suite von Johann Sebastian Bach in einer Bearbeitung für Alt-Saxophon von Jean-Marie Londeix.
Eintritt frei

Dauer der Ausstellung: 17.April bis 15. Mai 2010
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Mittwoch, 28.April 2010, 20 Uhr

Heinz Küpper: Simplicius 45
Bodo Primus liest Passagen aus dem Roman. Mit Filmdokumenten vom Kriegsende im Rheinland
Eintritt: 7 €
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Konejung Stiftung: Kultur und der Gedenkstätte Bonn

Hermann Burger, der Schuco-Examico und die Suche nach der Kindheit

„Hermann Burger war der deutschen Literatur skurrilster Humorist – außerordentlich redselig, doch nie geschwätzig. Er war ein hochgebildeter und zugleich verspielter Mann, ein dichtender Wissenschaftler und ein gelehrter Poet“, schrieb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über den Schweizer Schriftsteller, der sich am 28. Februar 1989 das Leben nahm. Burger, der in den Feuilletons kaum noch Erwähnung findet, war ein Sprachakrobat.

Angetrieben von einer metaphorischen Gier und der Suche nach „Erstausgaben von Sätzen“, wie es Claudia Storz in ihrem Buch „Burgers Kindheiten“ auf Seite 15 so brillant formuliert.


Er war ein manischer Sammler. Sein Haus übersät mit Stumpen-Literatur, Ferrari-Modellen, leere Zigarrenkisten, Zauberrequisiten, Heimatbüchern, Fahrplänen und Fresszetteln, Fotos, Rezepten, Kalenderauszügen, Coin-Magic-Münzen, Plattenhüllen, Notenblättern, Füllfederpatronen, Recherche-Enveloppen, Karteikärtchen, Werbeprospekten, Familienalben, Automobil-Revuen, Kupferstichen und hochhackigen Tanzsandaletten mit weißen Rosen. Das Cimetrische, das Cigaristische und Circensische in seinen Romanen gehen auf frühe Kindheitserlebnisse zurück. Und ich muss gestehen, dass in meinem Arbeitszimmer ähnliche Zustände herrschen. Einen ersten Impuls, Kindererinnerungen durch Spielzeug wieder zu erwecken, entstand durch die Lektüre des Burger-Romans „Brenner“:

„Nun gibt es bekanntlich in der Elternpädagogik zwei Methoden, sperzige Kinder gefügig zu machen, entweder man bestraft oder man beschenkt sie, und mein Vater verblüffte mich denn auch damit, dass er etwas Wunderbares, Bezauberndes, Blendendes, Unikales, Herzentzückendes, Pyramidales, Totelegantes aus seiner Aktentasche zog. Ein in rosa Ölpapier verpacktes Spielzeugauto, das Spielzeug, das Auto schlechthin, ein funkelnigelnagelneu glänzendes Schuco-Examico-Cabriolet aus dem Sortiment von Onkel Herberts Laden in Burg. In Fritz Ferschls und Peter Kapfhammers großem Schuco-Buch ‚Die faszinierende Welt des technischen Spielzeugs‘ heißt es über mein Modell: ‚Was hat ein richtiges Auto? Vier Gänge, Leerlauf, Kupplung, Rückwärtsgang. Welches Modell besaß so etwas schon seit 1936?‘ Der Schuco-Examico. Er war feuerwehrrot, rot gerippte Polster, er hatte eine Zahnstangen-Lenkradsteuerung, aufgemalte Armaturen, die typische Kulissenschaltung mit dem schräg nach unten zeigenden Retourgangschlitz, eine Handbremse, eine Hupe, ein Radio als Minimusikdosenwerk, einen seitlich vor der Tür angebrachten Kupplungshebel, einen richtigen, an das BMW-Vorbild gemahnenden Kühlergrill, zwei Chromzierleisten, ein Windschutzscheibchen und, den Benzinstutzen imitierend, ein Loch mit dem dazu passenden Aufziehschlüssel, die Antriebsräder waren nur als Halbräder zu sehen, die fleetwoodhaft geschweifte Kotflügelpartie zog sich ohne Unterbrechung der ganzen Flanke entlang, die Türen in Form einer Satteltasche – heute heißt ein Restaurant in Leonzburg so – waren eingestanzt, zwei aufgelötete Silberösen markierten di e Scheinwerfer, die Heckhaube zierte das schwarze Nummernschild ‚Schuco‘, das dreispeichige Lenkrad war mit Griffrippen versehen, die Pneus pirellihaft stukturiert…Und heute, da ich mir, weil die Befristung meiner Existenz auf zwei bis drei Jahre jegliches Sparen, Geizen und Hamstern absurd erscheinen ließe, den vom Schuco-Examico ausgehenden Jugendtraum erfüllt und einen Ferraris 328 GTS mit abnehmbaren Hardtop geleistet habe, rossa corsa, rennrot, muss ich gestehen, dass keine noch so legendäre, noch so reinrassige und sogar vom Papst heiliggesprochene Sportwagenmarke an meinen im Hotel Waller in Verkehr gesetzten Schuco-Wagen herankommt“, schreibt Burger.

Einen Ferrari werde ich mir nie kaufen. Aber die schönen und spannenden Stunden der Kindheit hole ich nach und nach zurück. Etwa mit dem legendären Corgi-Batmobil von 1966. Meine Mutter hatte es leider über den Jordan geworfen. Und meine Freundin versüßte mir mit einem restaurierten Originalmodell die Weihnachtsfeiertage.

Vor einigen Jahren erstand ich den Aston Martin von James Bond, natürlich mit Schleudersitz. Allerdings als Replikat. Freude bereiten mir die DVDs mit den berühmten ZDF-Vierteilern: Zwei Jahre Ferien, Der Seewolf, Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer, Lederstrumpf (Hellmut Lange in der Hauptrolle war mein Idol), Die Schatzinsel und Lockruf des Goldes. Natürlich kaufte ich im vergangenen Jahr „Mit Schirm, Charme und Melone“. All das ist wohl nicht nur Melancholie oder Nostalgie. Es ist ein Teil des Lebens, den ich nicht vergessen möchte. Es waren wohl die schönsten Jahre.

Der Schuco-Examico zählte nicht zu meinem Spielzeug. Aber als Burger-Leser gehört er zum Inventar meines Schreibtischs. Eine mechanische Meisterleistung, die wohl nie so gut beschrieben wurde, wie von Hermann Burger.

Im vergangenen Jahr gab es zu seinem zwanzigsten Todestag einen Kongress: „Ein Hermann aus Wörtern“. Dazu erscheint im Juni ein Tagungsband unter dem Titel Hermann Burger – Zur zwanzigsten Wiederkehr seines Todestages (Edition Voldemeer).

Siehe auch:
Es gibt sie noch, die guten Dinge: Aber nicht nur bei Manufactum – Der Kulttraktor Porsche-Diesel 419 im Maßstab 1:25.

Max Bense und die Weltprogrammierung

Zum 100. Geburtstag des Philosophen Max Bense zeigt das ZKM eine Ausstellung zu dessen internationaler Wirkung auf bildende Kunst und Literatur, die von Brasilien über Osteuropa bis Japan reichte. Die Schau, mit der die ZKM-Reihe „Philosophie und Kunst“ fortgeführt wird, stellt Bense als Dichter und Schriftsteller vor, als Kunst- und Literaturtheoretiker sowie als Ausstellungskurator und Publizist. Sie zeigt einen Künstler und Theoretiker, der eng mit der Konkreten Poesie und der Konkreten Kunst sowie der Computerkunst verbunden war, sich jedoch auch anderen Kunsttendenzen mit Leidenschaft zuwandte. Die Ausstellung mit Publikationen Max Benses sowie Grafiken, Gemälden und Skulpturen der Künstler, die Bense ausstellte oder über die er schrieb, wird ergänzt durch Manuskripte und Fotografien sowie Aufzeichnungen seiner Hörfunkbeiträge und Fernsehauftritte. Sie zeigen den Philosophen und seinen Blick auf die „Kunst in künstlicher Welt“ (1956).

Hier geht es zur kompletten Meldung auf NeueNachricht.

Der Angstdialektiker aus Plettenberg

Angstdialektikern fehlt ein gesundes Maß an Lebensenergie und Optimismus. Sie suchen krankhaft nach Belegen für die Verkommenheit der Welt und für die Bedrohung ihrer Existenz. Ihr geistiger Ahnherr ist Carl Schmitt. Die Bücher des zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz politische Sandkastenspieler. Seine jungen Jahre sah Schmitt als eine Kette von Demütigungen. „O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.“ Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweifelung, kleinmütig.“ In den Monaten vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den „Mutterschoß zurück“ und seinen „Eintritt ins Leben rückgängig machen“, winselt er.

Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung. Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein „großes Machtbedürfnis“. „Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier“, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel. Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich „müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam“. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind „wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze“.

Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel „Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.“ Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft. Schuld sind immer die anderen: „Der Kapitalismus als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen“ und niemand die richtigen Warum-Fragen stellt. Im sündigen Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie „beten die Mittel an“ und haben die „letzten Zwecke vergessen“, faselt unser Marx für Arme. Die „tiefere Wahrheit“ umschreibt Schmittchen wie folgt: Menschliches Leben besteht nur in „Kampf und Niederlage, in Schmach und Demütigung“. „Heftig geweint über die Sorgen und den Kampf des Erdendaseins“. Alles „ist ein Kämpfen“, und zwar mehr, als die Menschen „glauben“. Es wimmelt in Schmitts Albträumen von Feinden, und das Leben „ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen“. Das Leben, „die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt“.

Seine spätere antikapitalistische Etatismus-Suada findet hier wohl ihren Ursprung. Die gnostischen Autoren haben es Carl Schmitt angetan. Ihre Rede von der heillosen Zeit und dem Fluch des Daseins. Wenn sich im täglichen Überlebenskampf die „Wahrheit“ des Daseins entbirgt, dann ist Gottes Schöpfung vom Teufel verhext. Genau diese „tiefere Wahrheit“ werde vom Kapitalismus verdrängt. Das Zeitalter der Reklame entlässt einen dämonischen Schein, der die Menschen vom tödlichen Ernst ihrer Existenz ablenkt. Daraus bestimmt sich für den Ernstfalltheoretiker auch das „Böse“. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. In seinen politischen Schriften geißelt er nach seinen Tagebuchheulereien die fortschreitende Säkularisierung und die zunehmende Gottlosigkeit. Den Begriff des Politischen definiert er als Erkenntnis, Freund und Feind richtig zu unterscheiden. Souverän ist Schmitt nur, wenn er über den Ausnahmezustand entscheiden kann. Je größer er sein Gedankengebäude zur Politischen Theologie und Philosophie aufbläst, desto heißer die Luft. Hätte man dem Gehirnstoffwechsel des ängstlichen Hosenscheißers frühzeitig Antidepressiva hinzugefügt, wäre aus dem Plettenberger Klein-Machiavelli vielleicht noch ein guter Werbetexter geworden: Statt apokalyptische Visionen, geistvolle Sprüche über Goldbärchen, Brandt-Zwieback oder Pamperswindeln.

Das Freiheitsbekenntnis von David Foster Wallace: Wende Dich anderen Menschen zu!

WallaceZum Warmlaufen für die Lektüre der deutschen Übersetzung des Mammutromans „Infinite Jest“ (deutscher Buchtitel: Unendlicher Spaß) von David Foster Wallace kann ich die „Kenyon-Rede“ von Wallace empfehlen, die die Vielschichtigkeit des Autors unter Beweis stellt. Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte vor einigen Monaten das rhetorische Meisterstück abgedruckt: Die enorme Last des Erwachsenwerdens

„WER DAS COLLEGE VERLÄSST, WEISS NICHTS“, proklamierte Wallace: „Alles, was ich unmittelbar erlebe, stützt meine tiefe Überzeugung, dass ich das absolute Zentrum des Universums bin, die wirklichste, lebendigste und wichtigste Person, die es gibt. Weil sie so sozial unverträglich ist, sprechen wir nur selten über diese Art natürlicher, grundlegender Selbst-Zentriertheit, aber tief drinnen ist es für uns alle ziemlich dasselbe. Es ist unsere Standardeinstellung und fest in unseren Platinen verdrahtet, wenn wir geboren werden. Denken Sie darüber nach: Es gibt keine Erfahrung, die Sie gemacht haben, deren absolute Mitte nicht Sie selbst gewesen wären. Die Welt, wie Sie sie erleben, ist direkt vor Ihnen oder hinter Ihnen, links oder rechts von Ihnen, auf Ihrem Fernseher, auf Ihrem Bildschirm. Anderer Leute Gedanken und Gefühle müssen Ihnen irgendwie kommuniziert werden, Ihre eigenen hingegen sind so unmittelbar, dringlich, wirklich – Sie verstehen schon“, so der Schriftsteller. Doch der Alltag sieht völlig anders aus, er ist trivial, ermüdend, langweilig. Kommt man nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause und muss den Gang in einen riesigen, überbeleuchteten Supermarkt antreten, wird alles zur Qual. Mitmenschen werden zu Störenfriede.

„Man muss seinen schrottigen Einkaufswagen an all den anderen müden, gehetzten, Einkaufswagen schiebenden Leuten vorbeimanövrieren, und natürlich sind da auch noch diese glazial langsamen alten Leute und diese raumgreifenden Leute und die ADHS-Kinder, die allesamt den Gang versperren, und man muss die Zähne zusammenbeißen und sich um Höflichkeit bemühen, wenn man sie bittet, einen vorbeizulassen, und schließlich, endlich hat man zusammen, was man fürs Abendessen braucht, nur dass sich jetzt herausstellt, dass, obwohl doch Feierabend ist, nicht genug Kassen geöffnet haben, weshalb die Schlange an der Kasse unfassbar lang ist, was dumm und ärgerlich ist, aber an der panischen Frau hinter der Kasse kann man seinen Ärger ja nicht auslassen. Jedenfalls, endlich ist man dran und zahlt und wartet, dass eine Maschine die EC-Karte akzeptiert, und kriegt mit einer Stimme ‚Schönen Abend‘ gesagt, die unumschränkt die Stimme des Todes ist, und dann muss man seinen Einkaufswagen mit den gruseligen, hauchdünnen Plastiktüten voller Lebensmittel über den vollen, holprigen, zugemüllten Parkplatz schieben und die Tüten so in seinem Auto verstauen, dass nichts rausfällt und während der Fahrt nach Hause im Kofferraum rumrollt, und dann muss man den ganzen Weg nach Hause fahren, im zähen, dichten geländewagenintensiven Feierabendverkehr“, sagte Wallace.

Die Arbeit der Entscheidung beginne mit derart frustrierendem Kleinkram. „Weil Stau und überfüllte Supermärkte und lange Schlangen mir Zeit zum Nachdenken geben, und wenn ich keine bewusste Entscheidung treffe, wie ich denken und worauf ich achten will, werde ich jedes Mal, wenn ich einkaufen muss, angekotzt und unglücklich sein, weil meine natürliche Standardeinstellung besagt, dass es sich hier eigentlich um mich dreht, um meinen Hunger und um meine Erschöpfung und um meinen Wunsch, bloß nach Hause zu kommen, und es sieht so aus, als wären alle anderen mir bloß im Weg, und wer sind all diese Leute, die mir im Weg sind, überhaupt“, fragt sich Wallace. Jeder kleine Egozentriker denkt doch wirklich so. Es ist der automatische, unbewusste Weg, die langweiligen, frustrierenden, überfüllten Teile des Erwachsenenlebens zu erfahren, wenn ich mit der automatischen, unbewussten Überzeugung operiere, die Mitte der Welt zu sein, und glaube, dass meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle in der Welt Priorität haben sollten.

Dabei ist doch eigentlich jeder in der gleichen Situation. Jeder andere in der Schlange an der Kasse ist genauso angeödet und frustriert. Viele Leute erleben ein hartes und mühsames oder sogar schmerzliches Leben. Dabei ist es doch gar nicht so schwierig, dem Rat von Wallace zu folgen, die Welt auch mit anderen Augen zu sehen: „Es wird sogar in Ihrer Macht stehen, eine laute, langsame, wimmelnde Konsumhöllensituation nicht nur als bedeutungsvoll, sondern als geheiligt zu erleben, von derselben Macht entflammt, die die Sterne angezündet hat – Mitgefühl, Liebe, die Unteroberflächeneinigkeit aller Dinge. Nicht, dass solch mystisches Zeug notwendig wahr wäre: Die einzige Wahrheit mit großem W ist, dass Sie entscheiden, wie Sie es sehen. Sie entscheiden bewusst, was Bedeutung hat und was nicht. Sie entscheiden, was die Verehrung lohnt“.

Der Trick sei, die Wahrheit täglich im Bewusstsein zu halten. Glaube an die Macht – du wirst dir schwach und ängstlich vorkommen und immer mehr Macht über andere brauchen, um deine Angst im Zaum zu halten. Glaube an deinen Intellekt, glaube daran, für clever gehalten zu werden – am Ende wirst du dir nur noch dumm vorkommen, wie ein Betrüger, immer kurz davor, entlarvt zu werden.

Zu der wirklich wichtigen Form von Freiheit gehörten Aufmerksamkeit und Bewusstheit und Disziplin und Bemühen und die Fähigkeit, sich anderen Menschen wahrhaftig zuzuwenden und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, jeden Tag, auf Myriaden von Arten, die trivial, klein und unsexy sind. Das sei wirkliche Freiheit.

Koksende Banker, Kirchhoffs Roman zur Krise und die Staatspolitik des billigen Geldes

Die ZDF-Sendung Aspekte hatte am Freitag mal wieder einen guten Unterhaltungswert. Schwerpunkt war die Katerstimmung in London und die literarische Aufarbeitung der Finanzkrise.

Investmentbanker packen aus
Investmentbanker packen aus

Banker im Koksrausch
Banker im Koksrausch
Geraint Anderson ist ein Insider. Er kennt das Finanzsystem und er hat darüber geschrieben. Er arbeitete zwölf Jahre als Analyst in Europas Finanzmetropole London und wurde in seinem Fachgebiet mehrmals zum besten Analysten aller Banken der Stadt gewählt. Was keiner wusste: Während der letzten beiden Jahre seiner beruflichen Tätigkeit ging er einem brisanten Nebenjob nach. 22 Monate war seine Identität eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Londoner City. Unter dem Pseudonym City Boy veröffentlichte er in der Gratiszeitung The London Paper schmutzige Details aus der Londoner Finanzwelt. 500.000 Leser verfolgten jeden Freitag seine Geschichten von ausufernden Hummer- und Champagner-Abenden auf Spesenrechnung, Drogenexzessen, Prostitution und illegalem Aktienhandel. Mittlerweile ist er komplett ausgestiegen und hat ein Enthüllungsbuch geschrieben: City Boy. Beer and Loathing in the Square Mile.

Roman über die Krise
Roman über die Krise
Bodo Kirchhoffs „Erinnerungen an meinen Porsche“: Eine Satire auf deutsche Bestsellerlisten, Expromis oder die Praktiken der Investmentbanker macht ihm so schnell keiner nach. Sein Sprachwitz, seine originellen Worterfindungen sind oft zum Schreien komisch. […]. Satire funktioniert immer dann am besten, wenn sie mit heißem Herzen geschrieben ist und ein Stückchen Liebe zum Gegenstand dennoch hindurchflimmert. Genau das beherrscht Bodo Kirchhoff. (Sächsische Zeitung)

Die Rolle des Staates als Krisenverursacher
Die Rolle des Staates als Krisenverursacher
Wer etwas über die Ursachen der gierigen und koksenden Banker erfahren will, sollte zum Buch von John B. Taylor greifen. Getting off Track heißt das Werk. Der Makroökonom wendet seinen Blick auf das Jahr 2002. Damals hätte die amerikanische Zentralbank mit Zinserhöhungen beginnen müssen. Die zu niedrigen Zinsen ließen in Amerika, und in den wichtigsten Finanzzentren, einen Immobilienboom entstehen, begünstigt durch eine Politik, die den Hauserwerb begünstigte. Die Schleusen wurden schon unter dem US-Präsidenten Bill Clinton geöffnet mit einem Gesetz, dass amerikanischen Banken verbot, Arme bei der Kreditfinanzierung fürs Eigenheim zu diskriminieren. In der aktuellen Diskussion spielen diese Informationen leider keine Rolle, sind aber wichtig, um die richtigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung einzuleiten.

Walter Kempowski zum Achtzigsten: Das Ganze ist eine Wahnvorstellung

Walter Kempowski Am 29. April 2009 wäre der Schriftsteller Walter Kempowski 80 Jahre alt geworden. Bin gespannt, wie das Mammutwerk des großartigen Zeitzeugen, des Chronisten, des Sammlers und unbequemen Denkers gewürdigt wird. Eine Neuerscheinungen kündigen sich schon an:

Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen
Bücher und Begegnungen von Volker Hage und die Gedichtsammlung Langmut von WK.
Langmut
Langmut

Hempel muss man lesen
Hempel muss man lesen
Unverzichtbar ist das Buch von Dirk Hempel, Eine bürgerliche Biographie.

Erst mit dem Erfolg des Projektes „Echolots“, mit dem Kempowski in der Tradition Walter Benjamins seine Technik in reiner Collage radikalisierte, gelangte er zu nationaler und internationaler Wertschätzung. Das war für ihn ein Triumph über ein deutsches literarisches Milieu, das ihn als schreibenden Dorfschullehrer abtun wollte, „der die deutsche Geschichte deutungsabstinent und vergnüglich aufarbeite, also verharmlose“. Erst jetzt wurde Kempowskis radikaler Antiidealismus umfassend sinnfällig: Das Ganze ist nicht nur nicht das Wahre, es ist eine Wahnvorstellung.

„Nun erreichten Kempowski die Ehrungen, die er sich mehr oder minder ironisch gewünscht hatte. Deren Höhepunkt war die Verleihung der Ehrendoktorwürde und der Honorarprofessur durch die Universität Rostock 2002 beziehungsweise 2003. Kempowski hatte damit jene Höhe der Bürgerlichkeit eingeholt, auf der sich die Familie einst befunden hatte. Ob er nun seinem Vater unter die Augen treten könnte, seine eigene Schuld abgetragen sieht und ob er sich nun versöhnt hat, läßt sein Biograph dahingestellt. Jedenfalls reflektiert sich Sowtschick noch in ‚Letzte Grüße‘ als einer, dem die Erfüllung versagt geblieben ist“, schreibt die FAZ.

Im Gegensatz zu jenen Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur, zu „Böll und anderen Graumännern“, spielte Kempowski für die junge deutsche Literatur längst eine Rolle als „Vorbild, Ratgeber, Muntermacher und hochverehrter Vorkämpfer“ (so Benjamin von Stuckrad-Barre). Für viele Jüngere sei er der einzige große deutsche Schriftsteller der „Flakhelfer-Generation“, der Humor hatte und von dem man etwas lernen konnte. Seine scheinbar einfache Art der Mündlichkeit des Erzählens, der Faktenreichtum und die Technik des kommentarlosen Collagierens hatte ihnen eine Perspektive auf die Koexistenzen der deutschen Geschichte eröffnet, die der ideologische Diskurs der Achtundsechziger verstellte.

Tagebuch der Bibliophilie

Ein magischer Anziehungspunkt in Freiburg

„All books are equal, but some books are more equal than others.“ Allen entgegengerichteten Zeitläuften zum Trotz bin ich stolz darauf, einige der etwas weniger gleichen Bücher in meinem Antiquariat anbieten zu können. Wer aber E-Bücher und deren Lesegeräte hier sucht, der hat sich im weltweiten Aberwitz verlaufen.

Ich kann dieses emphatische Bekenntnis des Antiquars Rainer Friedrich Meyer nachvollziehen. In Zeiten von Amazon, ZVAB oder Wikipedia sollte man die Tempel für gute Bücher hegen und pflegen. Oder anders ausgedrückt mit den Worten des Philosophen Odo Marquard: „Je mehr Zukunft modern, für uns das Neue, das Fremde wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen“. Eine Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes. Die Tempelritter unserer Zeit sind leidenschaftliche Buchhändler und Antiquare. Zu ihnen zählt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom die Buchhandlung Tropismes in Brüssel, Laie in der Pau Claris in Barcelona, Knesebeck Elf in Berlin (bei meinen Berlin-Aufenhalten versuche ich immer, dort hinzugehen), Felix Jud in Hamburg, Klaus Bittner in Köln, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, das winzigkleine Sandoe’s in London oder Müller & Böhm, die mittlerweile im Geburtshaus von Heinrich Heine in Düsseldorf residieren.

Das Resultat dieser literarischen Streifzüge ist immer gleich: „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird“, so Nooteboom. Die Standardfrage beim Betrachten voller Bücherregale ist immer die gleiche. Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen??? Der Schriftsteller Umberto Eco antwortet darauf: „Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene“. 


Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Auch er macht sich ab und an Gewissensbisse, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hat und stößt dabei auf ein überraschendes Phänomen: Wir nehmen eines dieser vernachlässigten Werke zur Hand, blättern es durch und entdecken, dass wir schon fast alles kennen, was darin steht.

Eco liefert dafür drei Erklärungen: „Erstens: Im Lauf der Jahre hat sich durch die verschiedenen Berührungen, wenn wir das Buch umgestellt, abgestaubt oder auch bloß ein Stück zur Seite geschoben haben, um ein anderes besser herausziehen zu können, etwas von seinem Inhalt über unsere Fingerkuppen in unser Hirn übertragen, wir haben es also gewissermaßen taktil gelesen, als ob es in Blindenschrift gedruckt wäre….Zweite Erklärung: Es stimmt gar nicht, dass wir das fragliche Buch nie gelesen haben. Jedes mal, wenn wir es abstauben oder verschoben, haben wir einen kurzen Blick darauf geworfen, es irgendwo aufgeschlagen, etwas in der Graphik, in der Konsistenz des Papiers, in der Farbe hat uns von einer Epoche, von einem bestimmten Ambiente gesprochen, und so haben wir nach und nach einen großen Teil davon absorbiert. Dritte Erklärung: Im Lauf der Jahre haben wir andere Bücher gelesen, in denen von diesem die Rede war, so dass wir, ohne es uns bewusst zu machen, gelernt haben, was es zu sagen hatte (sei’s dass es sich um ein berühmtes Buch handelte, von dem alle gesprochen haben, oder um ein banales, dessen Ideen so gewöhnlich sind, dass wir sie fortwährend anderswo gefunden haben)“, schreibt Eco in seinem neuen Opus „Die Kunst des Bücherliebens“, erschienen im Hanser Verlag.

Alle diese drei Erklärungen wirken zusammen, um uns jene Seiten vertraut zu machen, die wir, streng genommen, nie gelesen haben. Die Büchersammlung ist auch ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Und selbst die Jagd nach Büchern wirkt anregend und erweitert den Horizont. So durchwandern Nooteboom und Eco die verborgenen Schatzkammern von Amsterdam, darunter Antiquariate, die sich auf Okkultismus, Alchimie und Gnosis spezialisiert haben. „Wir gingen zuerst in das Antiquariat, in dem ich früher am meisten gekauft hatte. Es gehört Nico Israel und ist auf Kartographie, Manuskripte und Naturwissenschaften spezialisiert; sein Bruder Max, den Eco bereits aus eigenem Forscherdrang entdeckt hatte, führt Wissenschaft, Medizin und Kunst. Dieser Nachmittag ist für mich eine kostbare Erinnerung geblieben, zum einen, weil ich nach so langer Zeit wieder diese heiligen Hallen besuchte, und dann, weil Eco, unermüdlich, ständig zum Lachen bereit, mit seiner Stentorstimme und seinem starken italienischen Akzent stets den Kern der Sache traf“, so die Abhandlung von Nooteboom „In Ecos Labyrinth“, erschienen in „Nootebooms Hotel“, Suhrkamp Taschenbuch.

Sie besuchten Schors‘ Antiquariat – Spezialgebiet Esoterik in all ihren Verzweigungen – das Herzstück von Ecos Sammlung und das Fundament für die Romane „Im Namen der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“. Der letzte Besuch galt der Bibliotheca Hermetica Rosicruciana in der Lauriersgracht. Es war ein Nachmittag der drei Kanäle, Amsterdam war wie verzaubert, berichtet Nooteboom: „Hier wurde nicht verkauft, jegliches Geschäftsdenken war verbannt. Die Bücher, Manuskripte, Inkunabeln, illuminierten Kodexe hatten von den Räumen Besitz ergriffen, die versammelte gnostische Weisheit, kabbalistische Berechnungen, chymische Hochzeiten und Geheimlehren verbreiteten ein ohrenbetäubendes Schweigen.“

Kircher, einer der größten Gelehrten des Barock.

Nooteboom sah Eco in offensichtlicher Erregung an den Regalen entlanggehen. Plötzlich drehte er sich um und fragte: „Haben Sie keinen Athanasius Kircher?“ Es folgte Schweigen und dann sagte Frau Ritman, die Frau des Besitzers: „Aber Mister Eco, Kircher war ein Jesuit und ein Feind der Rosenkreuzer.“ Das sei keine wissenschaftliche Einstellung, entgegnete Eco und fügte stolz hinzu: „Ich besitze zweiundzwanzig Kirchers!“ Eco ist ein bibliophiler Jäger und Forscher. Spuren davon kann man im Foucaultschen Pendel finden. Es beschreibt den Wahn von drei Lektoren, die zugleich Wissenschaftler sind und einen gigantischen Geheimplan ausbrüten. Ein Spiel von Wahrheit und Schein, gespickt mit Geheimlehren, kabbalistischen Permutationen, historischen Daten, gnostischen Initiationen und Zahlenkombinationen.

Aus den antiquarischen Streifzügen ist eine Bibliothek entstanden als Ort der Forschung, Andacht, Überraschungen, Ideen und Inspiration. Kein E-Book, kein Onlinebuchhändler, keine schnelle Information über Wikipedia kann diese Erlebniswelt ersetzen.

Literatur über das Dandytum

Umfassende Monographien über das Dandytum in Europa sind noch nicht geschrieben. Aber in den vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Buchveröffentlichungen, den Dandy als literarische und gesellschaftliche Gestalt wieder an ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Eine Fundgrube der Dandyliteratur präsentiert der Berliner Publizist Matthias Pierre Lubinsky auf Webcritics . Kleine Kostprobe: »Éternelle supériorité du Dandy. Qu’est-ce que le dandy? (Ewige Überlegenheit des Dandys. Was ist der Dandy?)«, fragte Charles Baudelaire in den Fusées und traf damit den Nagel Dandytum auf den Kopf. Das Dandytum, das wie ein Stachel im Fleisch der Moderne sitzt.

Fernand Hörner geht in seiner gerade veröffentlichten Studie den Phänomen des dandysme nach: Zu diesen Phänomen gehört, dass das Dandytum permanent für tot erklärt wird und viele Untersuchungen mit dem Fazit enden, das Dandytum sei längst erledigt. Heute könne niemand mehr Dandy sein. Entweder weil der Ur-Dandy George Brummell unkopierbar sei oder weil die moderne Massengesellschaft mit ihrer Mode von der (Kaufhaus)-Stange keinerlei dandyistisches Sein mehr zulasse. Manche versteigen sich gar zu der mutigen Aussage, es bestehe auch gar kein Bedarf mehr an Dandyismus.

Hörner, Dozent für französische Literatur- und Kulturwissenschaft in Wuppertal, pflügt das Feld tiefer als üblich. Seine Analyse geht davon aus, »dass sich für die Behauptungen des Dandys ein gemeinsames Zusammenspiel verschiedener Taktiken der Behauptung formulieren lässt, ähnlich wie Foucault in der Archéologie du savoir Formationsregeln für einen Wissenschaftsdiskurs formuliert…..
Die Untersuchung kann durchaus als bahnbrechend bezeichnet werden. Vorliegende Werke wie die von Hans-Joachim Schickedanz (»Ästhetische Rebellion und rebellische Ästheten«, 2000) oder Günter Erbes »Dandys – Virtuosen der Lebenskunst« (2002) werden vollkommen in den Schatten gestellt. Vom Tiefgang der Untersuchung ist die neue Studie am ehesten vergleichbar mit Hiltrud Gnügs fulminanter literaturwissenschaftlicher Arbeit »Kult der Kälte« von 1988. Aber diese beschränkt sich eben auf einen recht kleinen Ausschnitt. Fernand Hörners profundes Quellenwerk setzt im Moment den Maßstab in Sachen wissenschaftliches Dandytum. Es ist Ansporn, an vielen Punkten weiterzuforschen. Soweit die Rezension von Lubinsky. Das Entscheidende seiner literarischen Diskurse ist die Betonung der Tiefgründigkeit des Dandytums.

Barbey d‘ Aurevilly schrieb in seinem Essay über das Dandytum, der in der Sammlung von Lubinsky natürlich nicht fehlt, dass der Dandy immer die Konventionen achtet, aber mit ihnen spielt, dass er versucht, das Unerwartete zu tun, das von denen, die an Spielregeln gewöhnt sind, aus logischen Gründen nicht erwartet wird, und in einer heuchlerischen Gesellschaft, die ihrer Heuchelei müde ist, immer Überraschungen hervorruft, bei denen er selbst unbeteiligt ist.