Warum denken kleine Verlage noch analog? #bloggercamp

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eBooks sind in Deutschland noch nicht der absolute Renner. Und wenn ich mir die Preispolitik für digitale Bücher hierzulande anschaue, verwundert mich das überhaupt nicht. In der Regel liegt der eBook-Preis im Vergleich mit der gedruckten Variante viel zu hoch. Das ist eine echte Barriere. Kleines Beispiel: „Meßmers Momente“ von Martin Walser. Die Gebundene Ausgabe kostet 14,95 Euro und für die Kindle Edition muss ich 12,99 Euro berappen.

In den USA sind die Differenzen sehr viel größer. Etwa bei dem von mir erworbenen Werk „Spreadable Media: Creating Value and Meaning in a Networked Culture“ von den Autoren Henry Jenkins, Sam Ford und Joshua Green. Die Kindle Edition liegt bei 12,13 Euro, die gebundene Ausgabe bei 21,80 Euro. Da entscheidet man sich gerne für die virtuelle Version.

Zudem überschlagen sich die Verlegerinnen und Verleger nicht gerade in der innovativen Gestaltung von entmaterialisierter Literatur. Es dominieren eher Defensivargumente wie in der Musik- oder Filmindustrie.

Als Beispiel habe ich eine Passage des Interviews von WDR3-Moderator David Eisermann mit der Verlegerin Monika Bilstein, Leiterin des Wuppertaler Peter Hammer Verlags, mitgeschnitten:

„Der Hype, der jetzt um eBooks gemacht wird, ist sicherlich ein bisschen einzudampfen. Es muss alles mit Augenmaß geschehen. Es darf auf keinen Fall natürlich als Alternative zum gedruckten Buch verstanden werden. Es kann in vielen Fällen eine sinnvolle Ergänzung sein, vor allen Dingen bei Fachbüchern. In anderen Buchbereichen wird es eher schwierig werden. Wir im Peter Hammer Verlag mache ja auch beispielsweise Bilderbücher. Das ist schwer vorstellbar, dass die nun ersetzt werden sollten durch Apps und eBooks. Aber ein sinnvolles Miteinander kann durchaus auch in kleinen und unabhängigen Verlagen nützlich sein“, so Bilstein.

Das wiederum erinnert mich an die Haltung der Zeitungsverleger als Gralshüter des Printjournalismus oder an die Handbremsen-Politik der Telekom-Manager bei Telefonie über das Internet Protokoll.

Warum denken kleine und ambitionierte Verlage nicht radikaler? Was passiert, wenn man Literatur von dem physikalischen Träger völlig abtrennt und das Geschriebene ausschließlich als Software präsentiert wird? Natürlich muss man in Alternativen denken, wenn man nicht alternativlos argumentieren will wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Politfunktionäre können wohl nicht anders daherreden. Aber Verlegerinnen und Verleger?

Für das fließende Buch oder Un-Buch über die Streaming Revolution „Hangout on Air“ haben wir uns bewusst gegen eine gedruckte Variante entschieden. Bei Werken über ein so schnelllebiges Technologiethema ist ein Band mit dem Datum des Erscheinens schon wieder überholt. Als App, Website und/oder eBook passiert das nicht – jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie wir an das Projekt herangehen. Es gibt einen Startpunkt aber kein Ende des Werkes. Wir halten unser Opus bewusst in der Schwebe, um Neuheiten, die sich bei Streaming-Technologien ereignen, sofort aufzunehmen. Und da haben wir nicht nur Google+ im Blickfeld.

Zudem regen wir in unseren Werkstattgesprächen neue Streaming-Formate an, die dann wieder Bestandteil des Un-Buchs werden. So etwas nennt man Interaktion mit der Leserschaft. Auch die Form des digitalen Erscheinens stimmen wir intensiv mit unseren Unterstützern ab. Es läuft auf eine Melange von Website und eBook hinaus, kombiniert mit Erklärvideos, gestreamten Lesungen, Fotos und Audio. Wir sind halt keine Verleger, die sich fürchten, das eigene Kerngeschäft zu kannibalisieren. Aber besteht das Kerngeschäft von Literaturverlagen darin, die Druckmaschinen am Laufen zu halten? Oder sucht man nach neuen Erzählformen für Literatur?

„Es geht nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde. Ein Film, ein Song, ein Text (und alle digitalisierten Werkstücke) werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat“, so Dirk von Gehlen in seinem Werk „Eine neue Version ist verfügbar“, das im Frühjahr erscheint und über die Crowdfunding-Plattform Startnext finanziert wurde (ich zähle übrigens auch zu den Unterstützen).

Gehlen sieht die Analogie zum Fußball: Die Fans im Stadion wollen mitfiebern, reinrufen, teilnehmen, jubeln und sich ärgern.

„Und das tun sie nicht nur wegen der Resultate. Das tun sie, weil Fans, Spieler und Öffentlichkeit gemeinsam ein Erlebnis schaffen können, das mindestens ebenso wichtig sein kann wie das Ergebnis. In einer Welt, in der die Ergebnisse kopierbar und kaum zu halten sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven öffnen.“

Übrigens auch oder gerade bei Bilderbüchern, Frau Bilstein.

Das Thema werden wir in unseren Bloggercamp-Werkstatt-Gesprächen fortführen. Auch Verlegerinnen und Verleger sind herzlich dazu eingeladen.

Und vielleicht sind wir ja alle in Deutschland ein wenig zu deppert, vernünftige digitale Strategien zu entwickeln, wie Sascha Lobo heute in seinem Blog darlegt. Wunden lecken nach dem gescheiterten Widerstand gegen das Leistungsschutzrecht. Ein sympathischer Akt der Selbstverstümmelung. Hier nur die Passage zur Blog-Landschaft:

„Weder wirtschaftlich, noch technisch, noch inhaltlich, noch von der Reichweite oder der medialen Wirkung her. Niemand hatte den Mut, groß zu spielen, alles ist Hobby geblieben. Wir bloggen halt so vor uns hin und hoffen heimlich, dass Schirrmacher anruft oder wenigstens die taz, um des Gefühls willen, auch außerhalb der Bloglandschaft eine Wirkung erzielt zu haben. Man bloggt und bloggt und keiner dankt’s einem.“

Roger Willemsen und die Kunst der Interaktion #bloggercamp #litcologne

Lesung auf dem Literaturschiff

Wie schön wäre es gewesen, den Auftritt von Roger Willemsen, Claudia Michelsen und Christian Brückner auf dem Literaturschiff der Litcologne live ins Netz zu streamen und zu erleben, wie Willemsen in der ersten Sekunde seiner Moderation das Publikum in seinen Bann zieht:

„Wir sind beisammen, es ist eine miese Dienstagnacht in Köln und wir können heilfroh sein, dass wir das Ufer gleich hinter uns lassen und hinaus in die Welt schippern. Machen Sie sich klar, dass wir die Welt verlassen. Denn wir werden Kontinente kennenlernen, Jahrhunderte kennenlernen. Wir werden in Wirklichkeiten geführt, von denen Sie keine Ahnung hatten, dass Sie heute Abend mit ihnen in Berührung kommen würden. Sie wollen bestimmt nicht mit allen diesen Wirklichkeiten in Berührung kommen, aber Sie werden! Die Reportage ist eine Gattung, die ansteckend wirken kann….“

Es lohnt sich, meinen kurzen rund fünfminütigen Mitschnitt der Eröffnungsrede von Willemsen bis zum Ende anzuhören.

Wer keine Karte für die Schiffstour ergattern konnte, muss sich bis zum Sommer gedulden, wenn der WDR 5 den Exkurs über die Reportage als Literaturgattung am 4. August in der Sendereihe „Literatursommer“ ausstrahlt.

Um das hautnah zu erleben, muss man dabei gewesen sein – real oder virtuell. Mit einem Format wie Hangout on Air könnte man diese Atmosphäre hautnah einfangen und eine neue Gesprächsform für Abwesende etablieren. Das wollen wir mit unserem fließenden Un-Buch über die Streaming Revolution unter Beweis stellen. In der gestrigen Sendung des Bloggercamps habe ich die Sprachästhetik von Roger Willemsen in den höchsten Tönen gelobt.

Sie würde sich auch im direkten Austausch mit der Netzöffentlichkeit bewähren und die Interaktion im Social Web beflügeln.

Wir werden uns jetzt auf die Suche begeben, spannende und experimentelle Projekte für das Internet-Streaming zu finden, selbst zu kreieren und zu fördern: Auf den Spuren der TV-Autonomen :-). Do-It-Yourself-Fernsehen bildet die Realität nicht nur ab, sondern bietet echten Einblick. Was diese Entwicklung für ein Potenzial hat, zeigt eine revolutionäre Erfindung der alten Griechen.

Vielleicht sind es zwei Phänomene, die sich auch in der Videokommunikation ausdrücken werden. Sie wurden vom Medientheoretiker Douglas Rushkoff auf der Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW) in Austin/Texas vorgestellt. Siehe den Bericht von ausführlichen Bericht von Ulrike Langer:

Narrative collapse: Dramaturgisches Erzählen weicht non-linearen, offenen Erzählmustern. Wie in einem Videospiel hat der Nutzer jederzeit eine Fülle von Optionen.

Digiphrenia: Digitale Plattformen und Werkzeuge lassen uns an vielen Orten zur gleichen Zeit sein.

Um das herauszufinden, haben wir heute eine Umfrage gestartet, die noch bis zum Sonntag der nächsten Woche läuft. Es wäre toll, wenn sich viele daran beteiligen würden.

Man hört und sieht sich.

Ein Traum von Freiheit und Autarkie: Hoppe, der Roman

In ihrem autobiografischen Roman „Hoppe“ spielt Felicitas Hoppe mit ihren Wünschen. Man denkt, sie ist in Hameln großgeworden und in ihrem Opus erfährt man von ihrer Kindheit in Kanada und ihrer großen Liebe zum Eishockeystar Wayne Gretzky. Dann erfährt man von den vielen Erfindungen der Autorin – dazu zählt etwa der wundersame Leuchtpuck.

Ihre Lebensspur führt dann nach Australien und zum Studium der Komposition. Eine Karriere als Dirigentin bleibt ihr allerdings verwehrt.

Ehrlicher als in ihrem neuen Werk könne Hoppe über Hoppe gar nicht schreiben, sagte die Schriftstellerin bei ihrer Lesung im Literaturhaus Köln. Was oft als Erfunden deklariert oder als faktisch nicht korrekt dargestellt werde, habe viel mit ihren Wünschen und Erinnerungen zu tun. „Insofern ist dieses Buch alles andere als eine Trickkiste. Es ist die Erinnerungen an das, was ich gerne geworden wäre und war meine Art, mein Leben nachzuerzählen“, so die Hoppe, die in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wird.

Es sei zwar eine Geschichte entstanden, die faktisch eine Art Kulissenschieberei geworden ist. Etwa die geografischen Angaben. Trotzdem sei das Buch extrem ehrlich. Ein Beispiel: Hoppe in Hoppe ist ein Einzelkind. In Wahrheit hat sie vier Geschwister.

„Als Kind hatte ich so einen Traum, der gar nichts mit einer unglücklichen Fluchtphantasie zu tun hatte. Ich habe mir vorgestellt wie toll es wäre, wenn die anderen nicht da wären. Meine Wunschvorstellung war es, ein Einzelkind zu sein. Dann kam der Wunsch hinzu, keine Mutter, sondern nur einen Vater zu haben. Wohl gemerkt nicht meinen Vater, sondern einen Vater.“

Das sei nicht geheimnisvoll. Wer auf seine eigene Kindheit zurückblickt, dem komme das verdächtig bekannt vor. Anleihen für die Rolle des Vaters nahm sie in den „Fünf Freunden“ von Enid Blyton.

„Da gibt es die glückliche Georgina, genannt Georg. Sie ist ein Einzelkind. Deren Vater ist ein Erfinder, den man nie trifft, weil er immer in seinem Labor sitzt. Und deshalb hat Hoppe in Hoppe als Einzelkind einen Erfindervater bekommen. Wir schreiben ja von der Literatur ab. Und aus dieser Geschichte ist dann die neue Hoppe-Geschichte geworden. So hat alles angefangen.“

Der größte Traum sei die Vorstellung, dass Hoppe mit ihrem Vater in einem großen Haus lebt und sie sehen sich nie. Sie würden sich so sehr vertrauen, dass sie nichts zu besprechen haben.

„Und das muss eine Art Traum von Autarkie und Freiheit gewesen, der mich als Kind bestimmt hat und darüber habe ich ein Buch geschrieben“, erläuterte Hoppe.

Einen Sicherheits- oder Korrektheitswahn sollte man bei der Lektüre des Romans nicht an den Tag legen, rät die Autorin. Wer sich auf die Geschichte einlässt, begreife plötzlich, dass es ja nicht die Fakten sind, die Auskunft über uns geben. Ein Leser, der ständig Angst habe, vom Autor betrogen oder hinters Licht geführt zu werden, ist bei diesem Buch schlecht dran.

„Erstens, weil er glaubt, der Autor wolle ihn hinters Licht führen. Was ich absolut irritierend finde. Es ist mir nichts fremder und nichts uninteressanter in der Literatur, als Leser hinter das Licht geführt zu werden. Das mögen andere Autoren tun. Aber das sind Autoren, die in Hierarchien denken und sagen, ich weiß mehr als meine Leser und jetzt zeig ich es ihnen. Und dann beginnt das große Rätselspiel. Literatur hat für mich nichts mit Rätseln zu tun. Ich erzähle etwas, ich möchte etwas erkennen und begreifen. Das tue ich mit meinen Mitteln. Ich betrachte den Leser als Partner in der Sache“, so Hoppe.

Lebenslauf ein erbärmliches Skelett

Es gebe Leser, die sind absolut frei.

„Und die kommen dann richtig auf ihre Kosten, weil sie ja wissen, dass sie es selber auch machen. Was ist wahr, was ist erfunden? Sind Sie wirklich hier? Sie kennen das Spiel aus der Kaspertheater. Seid Ihr alle da? Wir wissen nicht, wo wir wirklich sind. Als würde man sagen, Du willst wissen, wer ich bin, dann zeige ich Dir meinen Lebenslauf. Niemand würde behaupten, das ein Curriculum vitae, das er bei einer Job-Bewerbung einreicht, ihn in irgendeiner Hinsicht ausreichend charakterisierte. Wir wären entsetzt, wenn jemand glaubte, das wären wir. Das sind wir nicht. Das ist eigentlich ein erbärmliches Skelett“, führte Hoppe aus.

Recherche ist für Felicitas Hoppe vor allem eine Quelle der Inspiration. Es sei eine Illusion zu glauben, dass die Phantasie aus sich selbst schöpfe. Das sei Unsinn. Die Leute glauben, es gebe realistische Schreiber und welche, die sich etwas ausdenken können. Das sei falsch.

„Man schöpft aus der Realität. Und wenn man Phantasie hat, dann schafft man es, die Realität in einer anderen Form darzustellen.“

Der Schriftsteller komme damit der Wirklichkeit näher als der Journalist. Durch die Überzeichnung werden die Konturen deutlicher. Ein Innenleben entstehe dadurch, indem man auf das Außenleben schaut. Soweit einige Einblicke in die literarische Werkstatt von Felicitas Hoppe. Sehr locker und sympathisch vorgetragen. Überaus kompetent moderiert vom Kölner Autor Guy Helminger. Glückwunsch zum Büchner-Preis, den hat sich Felicitas Hoppe verdient!

Bibliotheksgespräch mit Wolfgang Schiffer: Rauchzeichen über isländische Literatur

Wohl kaum ein zweiter dürfte mit der isländischen Literaturszene so vertraut und verwachsen sein wie der Hörfunkjournalist, Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer Wolfgang Schiffer, schreibt buch.de.

„Bereits 1991 erhielt Schiffer für seine Verdienste um die isländische Literatur das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens und 1994 den Kulturpreis des Fonds Islands Bankii.“

Im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch schildert er die ersten Berührungspunkte mit der Literatenszene des Landes mit den heißen Quellen und dampfenden Rauchsäulen – deshalb heißt die Hauptstadt ja auch Reykjar vik – Rauchbucht. Das veranlasste uns während unserer Plauderei auch zu einer ausgiebigen Produktion von blauem Dunst 🙂

Begonnen hatte die Island-Leidenschaft von Schiffer mit der Lektüre des Nobelpreisträgers Halldór Kiljan Laxness. Als verantwortlicher Redakteur von WDR 3 gab er eine Hörspielbearbeitung für den Roman „Christentum am Gletscher“ in Auftrag. Zur Ursendung sollte ein Interview mit Laxness gesendet werden. So konnte sich Schiffer seinen langgehegten Wunsch erfüllen, um selbst nach Island zu reisen. Das war im März 1982, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag des isländischen Großschriftstellers. Im Keller des Hauses von Laxness gab es Lammbraten und reichlich Rotwein. Als die beiden dann zum offiziellen Teil der Stippvisite in sein spartanisch eingerichtetes Arbeitszimmer gingen, gab sich der Romancier recht zugeknöpft.

„Diese Frage interessiert mich nicht, mein junger Freund aus Deutschland“, lautete seine erste Antwort. „Das mögen die Leser beantworten“, war die Replik auf die zweite Frage. „Nach rund sieben Minuten zeigte ich mich einsichtig und sagte, Halldór, sollten wir nicht wieder nach unten gehen und dort weiterreden. ‚Mein junger Freund aus Deutschland, das ist eine wunderbare Idee‘. Wir saßen dann bis weit in die Nacht hinein. Und dann fragte er mich, ‚was kennst Du denn sonst noch von isländischer Literatur‘. Ich musste einfach mit den Schultern zucken und sagen. Wir kennen fast gar nichts“, erklärt Schiffer.

Bis dato gab es in deutschen Übersetzungen mehr oder weniger nur die Island-Sagas und ein paar Erzählungen. In Reykjavík sah Schiffer dann viele Buchhandlungen und überall lagen phantastische Bücher von isländischen Autoren, die er alle nicht kannte. Das weckte seine Neugier. Er hatte das Glück, dass bei seinem ersten Aufenthalt gerade ein großes Theaterfestival in Reykjavík stattfand.

„Ich lernte dann sehr viele der mir unbekannten Autorinnen und Autoren kennen. Da sind ganz starke Freundschaften draus entstanden.“

Bis heute ist er der isländischen Literatur treu geblieben.

So gab er im vergangenen Jahr zur Frankfurter Buchmesse, die Island als Gastland (Sagenhaftes Island) präsentierte, die Anthologie „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ heraus (Band 242 der Zeitschrift „die horen“).

Das Buch hat nichts mit Kernspaltung zu tun, sondern beschäftigt sich mit den Dichtern der frühen 50er Jahre. Die Bezeichnung geht auf den Roman Atomstation zurück, für den Laxness den Nobelpreis erhielt. Weil diese Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg es wagten, an den Grundfesten des isländischen Literatur (den Sagas) zu rütteln, weil sie die vorgeschriebenen strengen Versmaße (mit etwa 400 zu beachtenden Regeln!) aufbrachen und den Anschluss an die Moderne schafften, wurden die jungen Wilden „Atomdichter“ genannt.

„Natürlich nicht ohne erbitterte Widerstände und Anfeindungen der Traditionalisten – und ein angesehener Literaturprofessor schaffte es sogar, noch in den 50er Jahren für diese neue Dichtkunst das Wort ‚entartet‘ in den Mund zu nehmen. Anders aber beispielsweise als die Dadaisten waren die Atomdichter nie bestrebt, das kulturelle Erbe abzuschaffen oder wenigstens zu desavouieren – nur um neue Ausdrucksformen ging es ihnen; und genau diese neuen Ausdrucksformen haben die Gedichte bis heute nicht altern lassen: die Atomgedichte haben sich ihre Frische bis heute bewahrt; ein ‚Verfallsdatum‘ gibt es nicht“, führt buch.de aus.

Schiffer erläutert das Ganze in dem Ich sag mal-Bibliotheksgespräch mit Verve und Enthusiasmus. Er gibt Tipps für den Lektüreeinstieg, spricht über Land und Leute. Er ist ein grandioser und humorvoller Erzähler mit einer herrlich sonoren Stimme. Das knapp einstündige Interview lohnt sich!

Kleine Kostprobe des Schiffer-Hörspiels Kronstadts Bericht.

Siehe auch:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden

Radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt: Sam und Haley in Only Revolutions

„Wir haben in gewisser Weise einen historischen Moment, weil eine Ikone der amerikanischen Literatur bei uns zu Gast ist. Only Revolutions von Mark Danielewski ist ein beeindruckendes Werk“, so die Begrüßungsworte von Barbara Weidle, Vorsitzende vom Literaturhaus Bonn.

Ein konzeptuelles Buch in Gestaltung, Aufbau und in der Dramaturgie. „Gleichzeitig ist es auch eine leidenschaftliche Liebesgeschichte zweier 16jähriger. Sam und Haley. Es ist ein radikaler Text, in dem man sich verlieren und eintauchen kann“, so Weidle. Die beiden Hauptakteure seien so, wie man mit 16 sein muss: radikal, brutal, ich-bezogen, abenteuerlustig, unverschämt und verliebt. Das Ganze sei wie ein Rausch oder Film. „Vor sechs Jahren ist Only Revolutions in Amerika erschienen. Jetzt in einer deutschen Übersetzung herausgekommen, die eine Heldentat ist, wie die taz schrieb“, erklärt der Moderator Thomas Böhm, Programmleiter des Literaturfestivals Berlin, der den Autor während seiner Lesereise durch Deutschland begleitet.

Danielewski wollte ein Buch veröffentlichen, das nur er schreiben kann. Den Stoff dazu lieferte ein Paar, das er an verschiedenen Orten in Amerika gesehen hatte. Das Geld brauchte, um weiterzukommen. Phantastisch ineinander verliebt. Es gibt viele Road Movies, es gibt viele Romane, die on the Road spielen wie das Werk von Jack Kerouac. Dann hat er sich gefragt, wie er das Buch schreiben und gestalten würde. Herausgekommen ist ein Road Movie in Romanform. Matthias P. Lubinsky vom Dandy-Club nennt es ein dreidimensionales Meisterwerk. Und Robert Matthias Erdbeer schreibt in der taz: „Pro Doppelseite finden sich vier ‚Cantos‘ zu je 90 Worten. Die zwei unteren sind umgekehrt gedruckt, sodass man – Achtung, Revolutions! – den Roman um seine Achse drehen und von beiden Seiten lesen muss. Im Turnus von jeweils acht Seiten. Warum? Weil Danielewski einen ‚demokratischen‘ Beziehungsplot entwickelt, den die beiden Teenielover Sam und Hailey aus zwei Perspektiven selbst erzählen. Falls ‚erzählen‘ hier die richtige Bezeichnung ist. Die achtseitigen ‚Cantos‘ sprengen nämlich jede Prosaform und zielen auf die Mutter aller Dichtungen, das Versepos ab. Entsprechend spreizen sich die Zeilen rhythmisch in gebundener Rede: ‚Doppelrechtslinksrechts rechtslings Sprünge mit Wings‘ oder ‚Krassgeiler Bass, Snare & Blech, machen / dem Ständigen Kater kein Theater.‘ ‚Al ter Schwe de‘, möchte man da mit den Übersetzern sagen (‚fi ki pi ti‘, sagt der Dichter selbst).“

Über die Glossen, die in Chronikform den Rand des Fließtextes zieren, werde die Lovestory zum Weltgedicht eines Welttheaters, das volle 200 Jahre (1863–2063) umfasst. Wo Sam und Hailey munter vögeln (‚ich stoße diesen Fickschmaus schneller‘), findet sich zum 18. Oktober 1976 etwa folgender Eintrag: ‚Panzer von Chrysler. Erdbeben am Ararat, 4000 tot. – Saft! Saft! Libyen & Fiat. Tip O’Neill. Kurt Waldheim für die UNO“, führt Erdbeer aus.
Es sei schwierig am Anfang, den Sound von Sam und Hailey zu erfassen, sagte Danielewski in Bonn.

Irgendwann gelinge es, die Jugendsprache, die sich in den Zeitläuften ständig ändert, zu verstehen. Es werde die Vielstimmigkeit der Welt eingefangen, das Vergehen der Zeit. Beides verschränkt sich, da Danielewski das Vokabular verschiedener Zeiten untersucht und eingebaut hat. Eine Sprache, die von der Musik vorangetrieben wird. Es sind Wortspiele, um Bedeutung zu erzeugen.

Die Sprache wächst aus dem Klang heraus. Die Zeit dreht sich und die Jugendlichen versuchen, aus diesem Korsett auszubrechen. Der Autor macht keine Vorgaben, wie man die Welt zu sehen hat. Der Leser müsse das Buch selber entdecken und zum Leben erwecken. Keine mechanistische Lektüre. Wenn man den Geist von Sam und Hailey, den Geist der Geschichte erfasst, findet man sich selbst in diesem Buch.

Siehe auch:

Feuilleton-Beherrscher Martin Amis auf der lit.COLOGNE: “Eros als Lebensantrieb”.

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden.

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast.

Nächste Veranstaltung:

Am Freitag, den 23.03.2012, um 20:00 Uhr: Lesung von Thomas Franke: Gustav Meyrink – Erzählungen des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers. Buchhandlung Böttger.