Von der Vergeblichkeit des Shitstorms: Können Schufa, GEMA, WDR oder ARD wirtschaftliche Schäden erleiden? #Bloggercamp.tv

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Unternehmen müssen von Shitstorms keine nachhaltigen wirtschaftlichen Schäden befürchten. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK). Sie hat die Empörungswellen von Social Media-Nutzern von Januar 2010 bis Mai 2013 analysiert. Allerdings reagierten die meisten betroffenen Unternehmen auf die Phase massiver Kritik in den sozialen Netzwerken mit Anpassungen von Krisenplänen und sogar Restrukturierungen ihrer Kommunikationsabteilungen. Ein Großteil der befragten Unternehmen erwartet eine Zunahme und den systematischeren Einsatz von Shitstorms durch Protestgruppen in der Zukunft.

„Trotz der Heftigkeit der Kritik und der hohen medialen Aufmerksamkeit, mit denen die Unternehmen sich während eines Shitstorms konfrontiert sahen, haben die betroffenen Unternehmen bislang kaum messbare Umsatz- oder Gewinneinbußen noch einen nachweisbaren Glaubwürdigkeitsverlust festgestellt. Das hat uns überrascht und das scheint Shitstorms von einer klassischen Unternehmenskrise deutlich zu unterscheiden“, so Professor Ralf Spiller, Leiter der Studie.

In der Untersuchung wurden nur solche Shitstorms berücksichtigt, über die im betrachteten Zeitraum in den Online-Ausgaben der sechs größten überregionalen deutschen Tageszeitungen berichtet wurde:

„Wir wollten nur Empörungswellen ab einer bestimmten Wahrnehmungsschwelle analysieren, die in Medienberichten explizit als Shitstorms bezeichnet wurden,“ so Spiller.

Dieses Kriterium traf zwischen Januar 2010 und Mai 2013 auf 28 in Deutschland operierende Unternehmen zu. Mit 10 Kommunikationsverantwortlichen dieser betroffenen Unternehmen konnten Leitfadeninterviews zu den Shitstorms geführt werden.

Analysiert wurden auch die Maßnahmen, die Unternehmen beim Umgang mit Shitstorms ergriffen haben. Als erfolgreichste und gängigste Maßnahmen nannten die Unternehmenssprecher die unverzügliche Kommunikation mit der Gegenpartei sowie die Beseitigung des Fehlers. Typisch war, dass Kommunikationsmaßnahmen wie Aufklärung oder Entschuldigung ausschließlich in den sozialen Medien stattfanden.

„Klassische Instrumente wie Pressekonferenzen, Pressemitteilungen oder Hintergrundgespräche wurden nur ganz selten als Reaktion auf die Kritik von Social Media Usern eingesetzt. Die Kommunikationsverantwortlichen scheinen sie im Kontext der sozialen Medien für unzureichend zu halten“, so Thomas Hintzen, Co-Autor der Studie.

Als Katalysator für Shitstorms spielen klassische Medien gleichwohl eine große Rolle. Die meisten Befragten gaben an, dass ein Katalysator in Form eines Medienberichtes oder eines prominenten Unterstützers zur Verbreitung des Shitstorms beigetragen hätten.

Gut. Mag so sein. Aber bleiben die kritischen Beiträge, die man unter Shitstorm zusammenfasst, wirklich ohne wirtschaftliche Folgen? Welche Datengrundlage konnte die Hochschule bei den betroffenen Firmen denn einsehen? Nach der Methodik der Wissenschaftler kamen lediglich Leitfadeninterviews zum Einsatz. Es ist kaum anzunehmen, dass die Befragten offen zugeben, dass sie in schweres Fahrwasser für Umsätze und Gewinn geraten sind.

Letztlich manifestiert sich die Unzufriedenheit mit Unternehmen in den Empörungswellen: Schlechte Produkte, miserabler Service, arrogantes Verhalten oder moralisch fragwürdiges Geschäftsgebaren und dergleichen mehr. Stimmt die Aussage von Jeff Bezos nicht:

„If you make customers unhappy in the physical world, they might each tell 6 friends. If you make customers unhappy on the Internet, they can each tell 6.000 friends.“

Interessant ist auch die Liste der untersuchten Unternehmen: Etwa die Schufa – wie soll ich als Kreditnehmer eine Schufa-Abfrage ablehnen, wenn mir meine Bank oder irgendein anderer Anbieter keinen Kredit gibt? Dann sind da noch Tele 5, die ProSieben-Sendung Galileo, WDR, ARD und RTL: Die öffentlich-rechtlichen sind gebührenfinanziert, da kann nichts passieren. Und die Privatsender? Das würde nur über die Werbewirtschaft laufen. Auch da sind direkte Effekte eher unwahrscheinlich.

Und dann ist auch noch die GEMA aufgeführt. Ist das ein Scherz? Wie soll man diesem Verwertungsmonopolisten denn wirtschaftlich ans Bein pinkeln? Ich halte die Studie methodisch für fragwürdig – auf den ersten Blick.

In unserer Mittwochssendung von Bloggercamp.tv um 16 Uhr ist Professor Peter Gentsch von BIG Social Media zu Gast. Sein Unternehmen hat ebenfalls Shitstorm-Wellen unter die Lupe genommen.

Wer eigene Erkenntnisse zu diesem Thema gesammelt hat und präsentieren möchte, kann gerne noch als Interviewgast dazu kommen. Ich starte den Hangout rund 15 Minuten vor dem Beginn der Sendung. Einfach unten in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen oder mir direkt eine E-Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com

Mal schauen, was Professor Gentsch zur MHMK-Studie sagt. Ihr könnt wieder mitdiskutieren über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Da ich morgen alleine moderiere, werde ich wohl nicht auf die Tweets achten.

Update:

Tim Ebner macht morgen auch mit. Danke für die Vermittlung, liebe Astrid 🙂 Tim ist Shitstorm Schnüffler, Social Media Geek und Marketing Freak, Berater bei @kpunktnull. Da passt er ja wie die Faust aufs Auge!

https://twitter.com/A_Christofori/status/476423938168606721

Update:

Grafik hat jetzt direkt nichts mit Shitstorms im Social Web zu tun, aber ein wenig passt es noch zum Thema unserer Sendung.

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Update:

Die Empörungswelle über BSE hatte massive wirtschaftliche Auswirkungen.

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Siehe auch:

Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms. Bleibt das für den Konzertveranstalter auch ohne Konsequenzen?

GEMA-Aprilscherz, Streaming Revolution und die Ökonomie der Selbermacher

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Am Ostermontag ist mir ja ein ziemlich derber GEMA-Aprilscherz gelungen, der eine Solidaritätswelle im Netz auslöste, die sogar bis zu Telefonanrufen reichte. Das ist ein gutes Gefühl, sollte wirklich mal der Ernstfall eintreten. Gleichzeitig ist die Reaktion auf meinen heutigen Beitrag auch ein Beispiel, was man heutzutage alles für möglich hält in der bescheuerten Urheberrechtsdebatte. Ein Indikator, wie sehr auch die Mashup- und Remix-Bewegung durch diese ganze Panikmache zum geistigen Eigentum in Mitleidenschaft gezogen wird und man sich bei jeder Collage, bei jedem Mitschnitt von Audio- oder Videobeiträgen mittlerweile Gedanken macht, ob nicht irgendein Abmahn-Gichtling auf den Plan gerufen wird.

Für meine The European-Kolumne am Mittwoch plane ich übrigens einen Artikel über die Ökonomie der Selbermacher – hat ja auch sehr viel mit der Mashup- und Remixbewegung zu tun. Das gilt eben auch für die Streaming Revolution „Hangout on Air“, die es jedem ermöglicht, TV-Produzent in eigener Sache zu werden. Und das gilt natürlich auch für die immer größer werdende Crowdfunding-Bewegung.

Auf das neue Buch von Chris Anderson „Makers“ gehe ich am Mittwoch natürlich auch ein. Alles weitere im Video.

Meinungen zur Ökonomie der Selbermacher natürlich wieder gefragt. Kontaktiert mich bis morgen so gegen 14 Uhr.

Zu Aprilscherzen siehe auch: Google Nose und David Hasselhoff in Nordkorea

Richard Gutjahr geht heute auf das Selbermacher-Projekt von Dieter Hildebrandt ein: Stör langsam – Dieter Hildebrandt goes Web-TV.

Forever Young? Nicht mit der GEMA: Abmahnung erhalten

Selbst die Sperrtafel darf ich nicht einblenden

Was als harmloser Scherz begann, wird jetzt bitterer Ernst. Mein ironischer Youtube-Beitrag unter dem Titel „Mikrofon-Stresstest-Gema-Ärger-Video“ hat die Rechtsabteilung der GEMA wohl auf die Palme gebracht.

Das Ganze wird nicht als Satire gesehen, sondern als vorsätzlicher Verstoß gegen das Urheberrecht.

Die GEMA bezieht sich in ihrem Abmahnschreiben, das ich am Samstag als Einschreiben mit Rückschein erhielt, auf Paragraf 97 UrhG und formuliert auf dieser Grundlage ihre Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche. Die Gralshüter des geistigen Eigentums behalten sich Schadenersatzansprüche gegen meine Person vor. Als Rechtsinhaber verlangt die GEMA die sofortige Löschung meines Videos mit der rechtswidrigen Ausstrahlung des Songs „Forever Young“ der Gruppe Alphaville. Ich muss mich verpflichten, es ab sofort zu unterlassen, das geschützte Werk oder einzelne Teile hiervon im Internet der Öffentlichkeit zugänglich zu machen oder öffentlich zugänglich machen zu lassen.

Für den Fall einer zukünftig eintretenden schuldhaften Verletzung des Unterlassungsversprechens bin ich zur Zahlung einer angemessenen Vertragsstrafe verpflichtet, deren Höhe nach billigem Ermessen bestimmt wird und im Streitfall vom zuständigen Gericht überprüft werden kann.

Auch wurde mir untersagt, an die Stelle des Videos eine Sperrtafel einzublenden. Dingdong. Das wird jetzt wohl ein teurer Scherz.

Bin auf die Kostennote des von der GEMA beauftragten Rechtsanwalts gespannt.

Vielleicht starte ich ja via Startnext eine Crowdfunding-Initiative, um Geld zu sammeln für den Gerichtsprozess gegen die GEMA. Denn ich werde wohl die Unterlassungserklärung nicht unterzeichnen. Hoffe auf Eure Unterstützung. Ansonsten noch frohes Osterfest. Bei mir liegen jetzt die Ostereier wie Blei im Magen. Ich könnte bei dieser Dreistigkeit der Abmahn-Gichtlinge kotz…

Update am 1. April!

Die Solidaritätswelle, die gerade durchs Web rauscht, macht mich überglücklich. Wenn es denn mal wirklich zum Schwur kommt, werde ich mich daran erinnern. Aber heute sollte das etwas gelassener wahrgenommen werden.

So am ersten Tag des winterlichen Monats April 🙂

Liebe Urheber, schauen wir doch der GEMA, VG Wort und Co. mehr auf die Finger!

Foto von Heiko Körfer

Der Rechtswissenschaftler Thomas Hoeren hat sich im brandeins-Interview sehr sachlich und differenziert über das Urheberrecht geäußert und einige Defizite in der Berichterstattung angesprochen, die man zu weiteren Recherchen nutzen sollte.

So räumt Hoeren mit dem Märchen auf, dass es den Verlagen und Musikkonzernen wirklich um die Urheber geht:

„Die gesamte Konstruktion zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern ist seit längerer Zeit komplett aus den Fugen geraten. Das Urheberrecht will und soll ein Recht der Kreativen sein, es ist aber längst ein reines Wirtschaftsrecht der Verwerter. Die Industrie hat sich über Jahrzehnte hinweg mit teilweise atemberaubenden Manövern Stück für Stück des Kuchens genommen, der ihr juristisch gesehen nicht gehört.“

Oder zu unseren Lieblingen GEMA und VG Wort:

„Nehmen Sie etwa die großen Verwertungsgesellschaften VG Wort und Gema. Das sind eigentlich Organisationen für Autoren und Komponisten. Diese Gesellschaften sammeln große Mengen Geld ein von Unternehmen oder Privatleuten, als Gegenleistung dafür, dass urheberrechtlich geschützte Werke etwa im Radio gespielt oder privat kopiert werden dürfen. Jeder, der zum Beispiel einen USB-Stick, einen Kopierer oder einen Scanner kauft, zahlt über den Ladenpreis eine Geräteabgabe an die Verwertungsgesellschaften. Dieses Geld fließt aber nicht komplett an die Urheber, wie es eigentlich sein müsste. Auch Verlage und Musik-Label kassieren mit, ohne juristisch dazu einen Hauch von Berechtigung zu haben.“

„Die Musik-Label etwa haben irgendwann entdeckt, dass die Gema über eine Sonderkonstruktion aus den Dreißigerjahren, die ausnahmsweise angewandt wurde, nicht nur Geld an Komponisten, sondern auch an Musikverlage ausgeschüttet hat. Das waren Unternehmen wie zum Beispiel Schott, die Musiknoten verlegt haben und keine Tonträgerhersteller waren. Die großen Label haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg da rangehängt, haben sich zum Teil pro forma Musikverlage zugelegt oder selbst einen gegründet und gesagt, sie wollen auch Geld haben. Sie haben es bekommen und bekommen es bis heute, je nach Ausschüttung sind es rund 40 Prozent der Gesamtsumme.“

Aus den Dreißigerjahren???? Das sollte man doch mal näher untersuchen. Was war denn damals wirklich die Motivation und warum wird das heute so praktiziert.

Hoeren mahnt, dass man den Einfluss von bestimmten Unternehmen der Unterhaltungsindustrie nicht unterschätzen dürfe, und man muss außerdem wissen, dass es damals innerhalb der Gema mafiöse Strukturen gab, die die Gema noch bis heute beherrschen. Da sollte man etwas konkreter werden. Wer ist das genau?

Und jetzt wird es spannend im brandeins-Interview. Der Redakteur wendet ein, dass das nach einer Verschwörungstheorie klinge. Die Gema werde doch vom Deutschen Patent- und Markenamt beaufsichtigt.
Darauf Hoeren:

„Die Kontrolle funktioniert aber nicht, und in der Wissenschaft ist das ein offenes Geheimnis. Beim Deutschen Patent- und Markenamt gab es früher einen einzigen juristischen Prüfer. Von dem hieß es immer, er sei bei der Sitzung der Gema anwesend gewesen und habe nichts zu beanstanden gehabt. Er saß da wie der Notar bei der Ziehung der Lottozahlen und hat die Entscheidungen der Gema abgenickt. Die Missstände gingen immer weiter, wie etwa die eben erwähnten Ausschüttungen an die Musikindustrie. Das ist passiert und passiert noch immer. Die Verwertungsgesellschaften sind unfassbar intransparente Organisationen. Auch bei der VG Wort kassieren die Verlage mit, obwohl sie das nicht dürften, und niemand kann eigentlich noch genau sagen, wie es überhaupt dazu kam.“

Auf die Schweinerein im Wissenschaftsbetrieb will ich jetzt nicht eingehen. Aber vielleicht könnte man sich noch ausführlicher mit GEMA und VG Wort auseinandersetzen. Ich bekomme ja regelmäßig von VG Wort richtig gigantische Beträge überwiesen – so in der Größenordnung von 50 Euro. Also werde ich mich mit diesem Laden näher beschäftigen.

@hrbruns könnte doch weiter bei der GEMA bohren oder?

Wer hat noch Interesse, kollektiv über die Verwertungsgesellschaften zu recherchieren oder weiterführende Infos zur Verfügung zu stellen? In den nächsten Wochen werde ich das jedenfalls in meinen Kolumnen aufgreifen. Mal schauen, wie offen die Damen und Herren mit den Presseanfragen umgehen. Wahrscheinlich schneiden die genauso gut ab wie Google und Gazprom…..

So lustig wie die Bootstour in San Francisco ist das Thema allerdings nicht. Und wenn wir nicht weiterkommen, gibt es nur einen, der das lösen kann: Chuck Norris.

Die Weisheit der Vielen im Netz gegen die Schreihälse in Wirtschaft und Politik

In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ bin ich noch einmal auf das Markenimage von Firmen im Social Web eingegangen. Titel: Einsame Schreihälse.

Im Internet verlieren Firmen die Hoheit über ihre Markenbotschaft. Gut so – denn die absolute Kontrolle über Mitarbeiter und Konsumenten ist illusorisch. Diese Lektion haben die Ziegelstein-Diktatoren, Brüller und Schreihälse in den Führungsetagen von Wirtschaft und Politik immer noch nicht gelernt. Mitarbeiter, Wähler oder Konsumenten kann man nicht mehr für dumm verkaufen und zentralistisch von oben nach unten steuern. Selbstorganisation steht auf der Web-Agenda an erster Stelle und nicht mehr der Taktstock von Positionseliten. Das hat der italienische Schriftsteller Alberto Savino treffend zusammengefasst: „Der Grad von Menschlichkeit eines Unternehmens, einer Tat, einer Lage, ist messbar an dem Mehr oder Weniger an Freiheit, die sie uns gewähren, über uns selbst zu verfügen.“

Entsprechend ist es, endlich auf die Weisheit der Vielen zu achten, wie ich in meinem Vortrag auf dem Marketingforum während der Hannover Messe ausführte.

Und in Doppelfunktion in einer Diskussionsrunde über Datenschutz:

An der vernetzten Gesellschaft und Ökonomie werden sich jedenfalls die vorgestrigen Kommandeure von Befehl und Gehorsam die Zähne ausbeißen. Auch die Abmahn-Gichtlinge der GEMA, wie Heinrich Rudolf Bruns in seinem Blog berichtet:

„Derzeit scheint es, dass die GEMA regelrecht um einen Shitstorm bettelt. Falls der nicht schon längst da ist. Bands wie Porter suchen sich das Geld für eine CD-Produktion im Netz zusammen und produzieren unter Creative-Commons-Lizenz. Viele Künstler publizieren schon gema- und auch lizenzfreie Musik. Die Musikpiraten veröffentlichen eine solche CD und wegen eines Pseudonyms, das nicht offengelegt wird, zieht die GEMA vor den Kadi. Weil es die GEMA-Vermutung gibt. An anderer Stelle bemühen sich Musikschaffende, eine alternative Verwertungsgesellschaft, die C3S auf die Beine zu stellen. Das Problem: Sobald C3S um Zulassung beim Patentamt ersucht, wird die Satzung des Vereins öffentlich sein und von den Justiziaren der GEMA sicher nicht unkommentiert bleiben. Und jede Unklarheit, jeder indifferente Ansatz, jeder nicht juristisch wasserdichte Satz wird Schreiben um Schreiben, Eingabe um Eingabe, Widerspruch um Widerspruch auslösen. Monopolisten lassen sich ungern in die Ecke drängen und – mehr Anwälte haben sie auch. Und wohl auch das Geld, sie zu zahlen. Aber sei’ s drum: Was die letzten 20 Jahre in der Politik seinen Anfang nahm, durchdringt nun auch gesellschaftliche Bereiche: Die Abschaffung von Diktaturen wird zur Auflehnung des Volkes der Musiknutzer und -schaffenden gegen einen Monopolisten, der sich selbst überlebt zu haben scheint. 2012 ist das Jahr der GEMA.“ Da hat Heinrich wohl recht.

Es ist das Jahr, in dem die Schreihälse in Wirtschaft und Politik zerlegt werden. Übrigens steht jetzt der Termin für das Blogger Camp 12 in Nürnberg. Terminfindung mit dem bloggenden Quartett Bernd Stahl, Heinrich Rudolf Bruns, Hannes Schleeh und meiner Wenigkeit zog sich etwas hin. Termin und erste Überlegungen für den Ablauf kommen in Kürze.

Siehe auch:

GEMA verklagt Musikpiraten e.V. wegen Nutzung eines Creative Commons-Songs.

Social Media Benchmark – Wie und warum setzen Marken auf soziale Netzwerke.

GEMA-Abgabeninflation: Wer seine Kunden nicht versteht, muss sie härter bestrafen

Eigentlich ist die 1850prozentige Abgaben-Erhöhung für Speichermedien wie USB-Sticks ein weiteres trauriges Symbol für die Unfähigkeit von Verwertungsgesellschaften, tragfähige Geschäftsmodelle für die digitale Welt zu entwickeln. Wer seine Kunden nicht versteht, muss sie härter bestrafen.

Kleine Zwischenbemerkung, um den Urheber dieser Gebühren-Story noch einmal hervorzuheben: Die Aufdeckung dieses Preiswuchers gelang einzig und allein dem Blogger Heinrich Rudolf Bruns – nicht dapd, nicht Welt, nicht SZ oder sonstige Medien, die sich zu fein sind, Blogs als Quelle zu zitieren!

Dieses USB-Schelmenstück der GEMA ist unterstreicht, dass sowohl Verwertungsgesellschaften als auch die beteiligten Industrien nicht in der Lage sind, zeitgemäße Geschäftsmodelle für die digitale Welt zu etablieren.

Das begann schon vor 15 Jahren, als Napster startete. Der Dienst bediente in erster Linie das Bedürfnis der Menschen nach einem bequemen und unmittelbaren Zugriff auf Entertainment-Inhalte. Statt sich mit dem Grundbedürfnis der Internet-Nutzer auseinanderzusetzen, empörten sich die Industriebosse über Internet-Piraterie. Als der Musikmanager Tim Renner in einer hitzigen Debatte des Bundesverbandes Musikindustrie die Chefs der großen Plattenfirmen fragte, wer denn schon einmal Napster genutzt habe, hob kein einziger Sitzungsteilnehmer die Hand.

Genau hier fängt das Problem der Gestern-Manager an:

„Alle Musik war dank Napster jederzeit verfügbar. Das und nicht der Fakt, dass man nichts zahlte, machte den Dienst zum Erlebnis. Das Gefühl war dabei wie beim ‚Kohlenklau‘ – man tat es mangels anderer Möglichkeit, war aber mitnichten stolz auf sich. Hätte man sich seitens der Musikindustrie inhaltlich mit dem illegalen Konkurrenten beschäftigt, statt ihn ungesehen und ungenutzt zu verdammen, hätten wirkliche, legale Alternativen nicht fünf (iTunes), respektive zehn (Spotify) Jahre nach Napster auf sich warten lassen“, sagt Renner.

Die Musikindustrie habe ihre Kunden im Internet entweder gar nicht oder schlecht bedient – aus Unkenntnis oder Ignoranz. Und das wird auch so bleiben. Ähnlich desaströs ist das Versagen der Verlage bei der Einrichtung von einfachen und komfortablen Bezahlmodellen. Micropayment als Stichwort.

Macht also in Euren Künstler-Hütten und Verwerter-Höhlen weiter Bubu-Heiaheia und überlasst die Drecksarbeit den Abmahnfabriken und Staatsanwälten. So macht man sich wenigstens nicht die Finger schmutzig.

Nur so eine Randbemerkungen. Das Hase-und-Igel-Spiel können GEMA & Co. nicht gewinnen. Physische Datenträger wie USB-Sticks sind sowas von vorgestern. Setzt Euch mal mit den Themen von morgen auseinander:

Vernetzte Services ohne physikalische Limitierungen – Wenn aus der Kreditkarte eine App wird.

Liebwerteste Welt-Gichtlinge, labert nicht mehr über’s Urheberrecht, zitiert auch Blogs als Quelle #GEMA-Story

Welt-Online hat ja eine richtig heiße Story „recherchiert“: „Gema erhöht Speicher-Abgabe um 1850 Prozent – Die Gema erhöht die Abgaben auf USB-Sticks und Speicherkarten kräftig. Ab Juli werden diese von 10 Cent auf bis zu 1,95 Euro steigen. Grund für die Erhöhung sei der technische Fortschritt, heißt es.“ Toll, liebwerteste Welt-Redaktion. Oder sollte ich Gichtlinge sagen? Diesen Titel habt Ihr Euch redlich verdient. Denn die Quelle für diese Story ist doch wohl mein geschätzter Blogger-Freund Heinrich Rudolf Bruns, der mit seinem Blogpost vor zwei Tagen einen echten Scoop landen konnte:

Aus 10 Cent werden fast 2 Euro – Der USB-Stick wird richtig teuer.

Die Welt-Redaktion wird mir wahrscheinlich erklären, dass die Geschichte auf eigenen Recherchen beruht (klar, Ihr habt zum Telefonhörer gegriffen und den GEMA-Sprecher befragt – tolle Leistung) und daher keine Notwendigkeit besteht, die Ursprungsquelle zu zitieren oder gar zu verlinken. Wenn Blogger erwähnt werden, heißt es ja häufig in den Berichten der „Qualitätsmedien“, „laut Internet“ blablabla. Das ist man ja schon gewöhnt. Aber liebwerteste Welt-Gichtlinge, seid doch wenigstens so ehrlich und dokumentiert den von Bruns ausgelösten Web-Tsunami, der Euch mit Sicherheit zu diesem Artikel inspiriert hat: @hrbruns hat das auf seinem Blog sehr schön dokumentiert: Ein Blog und seine Wirkung.

Ganz anders ist übrigens Spiegel Online verfahren. Dort heißt es in dem Artikel „USB-Sticks werden teurer“.

„Die Leermedienabgabe auf USB-Sticks und Speicherkarten soll erheblich steigen. Derzeit beträgt die Abgabe pro Stick und Speicherkarte noch pauschal zehn Cent, doch im Sommer sollen die Preise auf bis zu knapp zwei Euro steigen. Der Blogger Heinrich Rudolf Bruns verweist auf ein Gema-PDF vom 10. Mai, aus dem die neuen Preise hervorgehen. Die Zentralstelle für private Überspielungsrechte (ZPÜ), vertreten durch die GEMA, die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort und die VG Bild-Kunst legen darin die neuen Preise fest, die ab dem 1. Juli gelten sollen: Für USB-Sticks und Speicherkarten mit einer Kapazität von bis zu vier Gigabyte beträgt die Vergütung demnach 91 Cent. Für einen Stick mit mehr als vier Gigabyte werden 1,56 Euro, für eine Speicherkarte dieser Größe sogar 1,95 Euro fällig.“

Korrekt. So macht man das!

Entsprechend kritisch würdigt Heinrich Rudolf Bruns die Vorgehensweise der Welt-Redaktion:

„Der Verlag gefällt mir. Autorenrechte beschneiden, mies behandeln, sich aufregen wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen und ein Leistungsschutzrecht fordern.“

Recht hat er. Hiermit verleihe ich der Welt-Redaktion den Gichtling-Medienorden des Tages.

Update: Auf Facebook hat sich nun Welt Online „erklärt“. Hier die Disputation:

Oliver Michalsky: Lieber Gunnar Sohn, ich will Ihnen gern erläutern, was wir getan haben: nämlich eine Meldung der Nachrichtenagentur dapd vom 24. Mai 16.58 Uhr publiziert, was Sie an dem Kürzel erkennen können. Nicht mehr, nicht weniger. Der bemerkenswerte Blogbeitrag von Heinrich Rudolf Bruns ist darin nicht erwähnt – und er ist zuvor an uns vorbeigegangen. Das sollte nicht, kann aber durchaus passieren.

Gunnar Sohn: Oliver Michalsky da taucht noch ein Kürzel mit jk auf – nehme an, dass ist der Redakteur, der das bearbeitet hat. Merkwürdig, Merkwürdig, für eine Agenturmeldung habt Ihr das aber prominent auf Eurer Facebook-Seite platziert…..Spiegel Online hat das fast zeitgleich gebracht mit Hinweis auf @hrbruns – zumindest nachtragen könnte Welt Online das noch. Auch Agenturmeldung(en) sollte man zumindest auf die Quellen-Lage prüfen. Bruns Blogposting ist so fett im Netz gelaufen, dass man das eigentlich nicht übersehen konnte. Sorry. Schlampig.

Oliver Michalsky: Ja, lieber Gunnar Sohn. So wie Ihr Sprachgebrauch.

Gunnar Sohn: Sorry, Oliver Michalsky, wenn man das so breit ins Netz pustet, sollte man in der Lage sein, die Primärquelle zu finden.

Fazit: Schlampig auf Seiten von Welt Online und der Nachrichtenagentur. Bei meinem harten Urteil bleibe ich!

Update:

Ich finde es sehr gut, dass Welt Online jetzt die Quelle Heinrich Rudolf Bruns eingefügt hat. Insofern Dank an Oliver Michalsky. Vielleicht zeigt ja dapd auch noch diese Größe.

Hat alles nichts genutzt. Der Streit geht weiter….

Michalsky sagt: Um bei der Wahrheit zu bleiben: die Quelle des Textes ist gekennzeichnet. Dies jetzt in Abrede zu stellen, lieber Gunnar Sohn, führt überhaupt nicht weiter. Auch das Gutti-System spielt hier keine Rolle: Wenn wir einen Agenturtext verwenden, in der die Agentur ihre Quelle nennt, nämlich die Gema, und wir dies so wiedergeben, ist das vollkommen korrekt. Was sollen wir denn tun, wenn die dpa ein exklusives Zitat von der Bundeskanzlerin bringt? Sollen wir im Bundeskanzleramt anrufen und fragen, ob die dpa das frei erfunden hat? Wie weltfremd sind Sie eigentlich?

Gunnar Sohn Jetzt fallen Sie wieder in den alten Modus zurück, Herr Oliver Michalsky. Wie kompetent sind Sie denn in puncto digitaler Recherche? Wenn eine Meldung schon vor zwei Tagen im Netz hochschießt, News-Aggregatoren den Blogpost von Heinrich Rudolf Bruns am Mittwoch (!!!) als Top-News bringen, eine Story 418 Retweets und 429 Likes verzeichnet, kann man das natürlich mal übersehen. Wie weltfremd sind Sie denn?

Oliver Michalsky In welchen alten Modus? Ich wehre mich nur gegen Ihre Falschbehauptungen.

Gunnar Sohn ‎Oliver Michalsky Das ist meine Meinung und keine Falschbehauptung. Sie sagen, ich sei weltfremd. Damit kann ich leben und gebe den Vorwurf gerne zurück. Spiegel Online war halt in diesem Fall besser informiert. So ist das Leben.

Netz-Rauschen: Wucher-Gebühren der GEMA, heuchlerische Wut-Reden und weinende Facebook-Spekulanten

Heinrich Rudolf Bruns, Mitglied im bloggenden Quartett (Geburtsort: Ständige Vertretung in Berlin – nach ein paar Gläschen Kölsch. Zum Quartett gehören noch Hannes Schleeh, Bernd Stahl und icke) hat eine sehr schöne Story aufgetan: Aus 10 Cent werden fast 2 Euro – Der USB-Stick wird richtig teuer.

„Die Welle der Empörung gegen die Disco-Tarif-Erhöhung der GEMA ist grade etwas abgeflaut, da droht neues Ungemach: Zum 1. Juli 2012 erhöhen sich die Tarife für USB-Sticks und Speicherkarten. Statt bislang 10 Cent pro Stick oder Karte wird künftig nach Größe und Art unterschieden. In den letzten Wochen entschied die Schiedsstelle des Patentamtes in München zu Gunsten der Zentralstelle für private Überspielungsrechte (ZPÜ). Der alte Vertrag mit den Herstellern war 2011 ausgelaufen, die Verhandlungen scheiterten und die GEMA machte das, was sie dann immer tut: Sie veröffentlicht die neuen Tarife einseitig, so dass die Gegenseite zur Feststellung der Rechtmäßigkeit zum Patentgericht gehen kann. Bei der Abgabe auf Leermedien handelt es sich nicht um eine neue Erfindung: Seit 1963 erhebt die ZPÜ diese Gebühr. Jeder, der irgendwann mal ein Tonband oder eine Leer-Cassette kaufte, einen CD- oder DVD-Rohling, hat sie schon über den Ladenpreis entrichtet. Bislang waren die Tarife mit 0,10 Euro je Stick/Karte einheitlich, ab 1. Juli wird zunächst einmal nach Größe, dann aber auch nach Art des Mediums unterschieden. Für USB-Sticks mit einer Kapazität bis einschließlich 4 GB müssen künftig 91 Cent abgeführt werden, USB-Sticks mit einer Speicherkapazität größer 4 GB schlagen mit 1,56 Euro zu Buche. Speicherkarten bis 4 Gigabyte kosten ebenfalls 0,91 Euro, über 4 GB sind 1,95 Euro zu berappen.“

Das ist Wucher!

Mein Kollege Walter Warnecke greift die hysterische Reaktion auf den Börsenstart von Facebook auf: Sieht die Zukunft von Facebook nach den ersten Handelstagen wirklich so düster aus?

„Wofür steht eine Kursexplosion in den ersten Handelstagen? Für eine Unterbewertung des Unternehmens vor dem Börsengang, einem zu günstigen Zeichnungspreis. Die Konsortialbanken haben bei dem Facebook IPO ihre Hausaufgaben gemacht, wie auch Patrick Bernau und Martin Hock in einem Kommentar auf FAZ.net schreiben. Die Erstzeichner der Aktie wurden ausgereitzt. Solange die Investmentbanken Zeichner finden, die für den Ausgabepreis von 38$ zuschlagen, haben sie ihre Arbeit doch ausgezeichnet erledigt. Banken und Facebook sind glücklich. Es haben sich anscheinend genügend Muppets gefunden, die bereit waren diesen Preis zu zahlen, da kann man niemandem einen Vorwurf machen.“

„Bei dem Hype dabei zu sein und als einer der ersten Facebook-Anteile in der Hand zu halten wurde durch die Berichterstattung noch einmal verstärkt. Dabei wurden die Anleger wohl von der Gier und dem Gedanken getrieben, schlauer als die Konsortialbanken zu sein. Das melken der Erstzeichner und das ausgebliebene Kursfeuerwerk mussten die Banken in den ersten Handelstagen durch Stützungskäufe allerdings schon teuer bezahlen.“

Sein Fazit:

„Vielleicht werden die letzten in diesem Fall die ersten sein. Wenn der Kurs der Aktie einen soliden Boden findet und der Anfangshype verflogen ist, dann dürften auch die langfristig orientierten Anleger über einen Kauf nachdenken. Die gesamten Leerverkäufe, Short Squeezes und Stützungskäufe verhindern eine solide Kursfindung noch.“

Bei aller berechtigten Kritik an Mark Zuckerberg. Er hat vor diesem Hype ausdrücklich gewarnt, wie Karl-Heinz Land von Microstrategy im Interview mit NeueNachricht betont:

„Mark Zuckerberg hat von Anfang an gesagt, dass er den Börsengang umsetzen wolle, um die Weiterentwicklung seines Unternehmens als soziales Netzwerk sicherzustellen. Deshalb sind auch die eingereichten Aktionärsklagen wegen des Kursrückganges in den vergangenen Tagen nicht sachgemäß. Zuckerberg hat selbst vor dem Hype gewarnt und noch Tage vor dem Börsenstart klar auf die langfristige Ausrichtung seines Konzerns hingewiesen. Die Kurzfrist-Spekulanten fallen jetzt auf die Nase. Wer für die Aktie für 40 Dollar gekauft hat, erlebt ein böses Erwachen. Facebook ist kein Zockerpapier für schnelle Gewinne. Der Kursverlust ist eine gute Option, um Aktien zu kaufen für eine langfristige Perspektive“, so Land. Ähnliches konnte man auch beim Börsenstart von Google beobachten. Auch da hätten die Analysten von einem Kauf abgeraten und vor dem Google-Gaga-Effekt gewarnt. Mittlerweile habe sich der Wert der Google-Aktie verfünffacht. Das sei auch nicht über Nacht entstanden und brauchte seine Zeit.

Wo die Reise im F-Commerce und Social Commerce hingeht, thematisiert Microstrategy im Juli in Amsterdam beim iCommerce Summit.

Auf Facebook wird die Disputation fortgesetzt.

Zum Facebook-Börsengang führe ich morgen übrigens ein Telefoninterview mit Ralf Kreutzer, Professor für Marketing an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Wer G wie GEMA sagt, darf natürlich G wie Geo oder G wie Gaede nicht unerwähnt lassen. Siehe mein Blogpost: Freibeuter-Wutrede des Geo-Chefs: Wer gegen Piraten schießt, sollte von verärgerten Autoren nicht schweigen

Dazu kommentiert Susanne Baumgarten:

„Guter Artikel, der meine ersten Gedanken beim Lesen des Artikels von Gaede aufgreift. In der ganzen Diskussion um unser Urheberrecht wird selten davon gesprochen/geschrieben, dass die Verwerter in der Regel nicht auf der Seite der Urheber stehen. Im Gegenteil, wenn man die letzten Jahre in der Verlags-, Fernseh- und Werbebranche beobachtet hat. Stichworte: Buyout-Verträge, angemessene Vergütung,…“

Sehe ich auch so.

„Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden“; „Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden“

In Anlehnung an Hagen Rether wird jetzt gesungen: „Die Kühlkette Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden.“ „Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden.“ „Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden.“ Oder vielleicht doch? Was passiert, wenn Urheber von Büchern, Musik, Kunst, Design, Software oder Produkten das Geschäft nicht mehr mit Maklern, Beratern, Agenten, Vertriebsorganisationen, Gebühreneintreibern oder Zwischenhändlern machen? Die Urheber werden nicht mehr mit mickrigen Tantiemen oder irgendwelchen Brosamen der Verwerter abgespeist, sondern können direkt am Verkauf ihrer Werke partizipieren – mit geringeren Overhead-Kosten und viel höherer Rendite.

Das schmeckt natürlich den Machtmonopolisten in den alten Industrien überhaupt nicht. Wolfgang Michal hat das treffend beschrieben:

„Dass die Spitzenverdiener ihre Interessen so vehement verteidigen, kann ich verstehen. Reichlich arrogant finde ich es aber, dass sie ihre Partikularinteressen mit den ganz großen Begriffen aufblasen. Da geht es immer gleich ums Ganze, um ‚Freiheit oder Barbarei‘. Da werden die großen Philosophen von John Locke bis Immanuel Kant zitiert und heilige Messen über die Menschenrechte gelesen, ja es wird die ganze schmerzhafte Evolution der Kultur von der Steinzeit bis heute bemüht…“

Es ist ja auch ein Skandal, dass die E-Books von Amazon zu einem Kampfpreis von 9,99 Dollar verkauft werden. Nach der Kostenlogik der Verlagskonzerne ist das Preisdumping. In Wahrheit spart man sich die Produktion von teuren Hardcover-Ausgaben und die Autoren werden sogar mit viel höheren Honoraren entlohnt und müssen sich nicht mehr mit den Knebelverträgen der Verleger herumschlagen. Die Verwertungskette ist eben sehr viel kürzer und die Zwischenverdiener machen keinen Reibach mehr – aber: „Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden.“

Geht es beim Streit um „Geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus?

Mit den klassischen Instrumentarien aus der Zeit der industriellen Massenproduktion und des Massenkonsums kommt man aber nicht mehr weiter. In der Webwelt des Long Tail gelten andere Regeln. Mit reinen Skaleneffekten ist die Gewinnmaschine der Konzerne nicht mehr am Leben zu erhalten. Der Leitspruch „one size fits all“ gehört in die Mottenkiste und kann auch nicht mehr mit Abmahnorgien verteidigt werden – auch wenn das die liebwertesten Abmahn-Gichtlinge in der Musikindustrie nicht wahrhaben wollen.

Gierige Konzern-Lobbyisten

Es geht also nicht um „schnorrende Endverbraucher und die unentgeltlich nutznießender Netzindustrie“, die sich nach Ansicht des Welt-Redakteurs Ulrich Clauss angeblich alle unter dem Dach der Piratenpartei organisieren, sondern es geht um die Interessen der Urheber, die sich ohne Flankenschutz der Verwertungsindustrie wirtschaftlich betätigen wollen. Aber: „Die Verwertungskette darf nicht unterbrochen werden.“ Mag ja sein, liebe GEMA. Trotzdem ist es Schwachsinn, irgendwelche Musikvideos aus Youtube rauszukicken, die Mashup-Variante ist eh besser.

Mehr zu diesem Thema in meiner Montagskolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Gema bremst wohl nicht nur die Kauflust: Bis zu 1000 Prozent höhere Gebühren

Eine „Verarmung der Veranstaltungskultur“ befürchtet die Bundesvereinigung der Musikveranstalter angesichts neuer und oftmals höherer Tarife der Verwertungsgesellschaft Gema, so der Bericht des Berliner Tagesspiegels „Gema fordert 1000 Prozent mehr Geld“.

„Die Folge der steigenden Kosten ab Januar 2013 seien deutlich weniger Musikveranstaltungen, sagte Stephan Büttner, Geschäftsführer der Vereinigung. Viele Diskotheken seien bei teils extremen Steigerungen in ihrer Existenz gefährdet. Die Gema wandte ein, dass für 60 Prozent der Musikveranstaltungen keine höheren Gebühren anfallen oder diese sogar sinken würden. Insbesondere kleinere Veranstaltungen würden profitieren. Büttner verwies hingegen darauf, dass sich für Diskotheken die Gema-Gebühr durchschnittlich um 400 bis 500 Prozent, in einigen Fällen sogar um mehr als 1000 Prozent erhöhe“, so der Tagesspiegel.

Ab Dienstag will die Gema übrigens in 14 Städten mit Plakaten unter dem Motto „Musik ist uns was wert“ auf die Leistungen von Komponisten und Textern aufmerksam gemacht werden. Plakate? Da passt das Statement des Hörfunkjournalisten Heinrich Bruns sehr gut: Die GEMA habe das Internet noch nicht verstanden:

„Anders lassen sich nur 21 Millionen Euro Erlös des vergangenen Jahres in diesem wachsenden Markt nicht erklären. Die CD-Verkäufe nehmen weiter ab. Der Konsument bevorzugt das Internet und ‚zieht‘ sich seine Songs, die er hören will, über das Netz. Gehen wir nur mal von den legalen Möglichkeiten aus, dann ist das ein trauriges Ergebnis. Die 21 Millionen Euro repräsentieren aber auch nur die Einkäufe des Internet-Freundes, die er über legale Portale tätigt. Mag die GEMA auch noch so oft betonen, dass sie keine Videos auf YouTube sperrt, indirekt macht sie es: Plattenfirmen, die um Erlöse fürchten, sperren Videos und mahnen die ab, die Inhalte teilen wollen. Einerseits ein berechtigtes Interesse, weil diese Firmen fürchten, dass ihnen Geld durch die Lappen geht. Teilweise wird rigoros alles gesperrt, was den Anschein von Musik hat. Egal, ob es sich um gema-freie Musik handelt oder nicht.“

GEMA bremst Kauflust

Wenn es der GEMA und den Plattenfirmen ernst wäre mit einem fairen Abrechungssystem für Künstler und Musiker, dann hätte sie schon vor dem Start von Spotify und anderen Streaming-Diensten eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten gerecht wird.

„Von den paar Cents, die man als Kreativer derzeit bekommt, kann man noch nicht mal ordentlich betrunken werden. Aus meiner ureigensten Erfahrung kann ich zwei Sachen sagen: Ich schau mir gern Videos auf YouTube an. Und wenn mir das gefällt, was ich sehe, kauf ich das auch. Mehrwert für mich: Ich reproduziere aus dem Kopf zur Musik die Bilder, die ich im Video gesehen habe. Ich kenne nicht alles, was an Musik angeboten wird, aber ich bin neugierig. Durch eine Sperre werden meine Neugier und damit auch meine Kauflust ungemein abgebremst. Ausgebremste Neugier ist nicht nur ein Kaufhemmer, sondern tötet auch die Lust, kreativ zu werden“, so Bruns.

Auszug meiner Kolumne, die am Freitag erschienen ist: Über die Rundumschläge von Gestern-Journalisten.